Internationale Drogenpolitik

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

Ein kurzer Überblick über die Geschichte der internationalen Drogenpolitik

Drogenpolitik ist oft auch Moralpolitik. Dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man sich damit beschäftigt, wie die Politik versucht, Probleme zu lösen, die Drogen für eine Gesellschaft verursachen. Zu diesen Lösungsversuchen gehört vor allem die Prohibition, das Verbot aller Rauschdrogen, teils auch von Alkohol und Tabak. Das bekannteste Beispiel ist das Verbot von Alkohol in den USA von 1920 bis 1933. Die Illegalisierung von Alkohol wurde dort »The Noble Experiment« genannt – und ging gründlich schief. Alkohol wurde zu dieser Zeit illegal produziert und verbreitet. Die Regierung hatte weder den Willen noch die Mittel, um den ausufernden Schwarzhandel zu überwachen, die Kriminalität stieg insgesamt stark an. In getarnten Lokalen wurde Alkohol verkauft, und organisierte Banden wie die von Al Capone übernahmen den Handel. Der Unwille der Bevölkerung gegenüber der Prohibition und den kriminellen Begleiterscheinungen führte schließlich zu deren Aufhebung. Während ein totales Alkoholverbot in keinem westlichen Land Bestand hatte und erst seit kurzem restriktivere Gesetze für den Tabakkonsum gelten, wirkt das Verbot anderer Drogen fast selbstverständlich und wer den Status quo hinterfragt, rebellisch. Das liegt auch daran, dass es weitreichende internationale Abkommen gibt, die der nationalen Drogenpolitik enge Grenzen setzen. Drei Verträge zur Drogenregulation fassen die Prohibitionspolitik zusammen: die United Nations Single Convention on Narcotic Drugs von 1961, in deren Rahmen auch dasInternational Narcotics Control Board (INCB) und das United Nations Office on Drugs and Crime eingerichtet wurden. Im Jahr 2013 waren 184 Staaten dieser Konvention beigetreten. Außerdem gibt es zwei Zusatzverträge: die Convention on Psychotropic Substancesvon 1971 und die United Nations Convention Against Illicit Traffic in Narcotic Drugs and Psychotropic Substances von 1988.

Der verbindende rote Faden ist die Illegalisierung des rekreationalen Gebrauchs von Drogen. Das Verbot soll den Konsum dieser Substanzen positiv beeinflussen, das Angebot verringern und die Nachfrage senken. Soweit die Theorie. Die Illegalisierung erzeugt aber gleichzeitig viele unerwünschte Nebeneffekte. Über Jahrzehnte wurden die Auswirkungen dieses Politikansatzes allerdings nur grob oder gar nicht überprüft. Selbst das United Nations Office on Drugs and Crime musste im Jahr 2013 offiziell eingestehen, dass die Nachfrage nach illegalen Drogen nicht reduziert werden konnte, dass es große Probleme mit Gewaltverbrechen im Zusammenhang mit dem Verbot von Drogen gibt, ja dass der staatliche Kampf gegen die illegalen Substanzen selbst auch in Menschenrechtsverletzungen mündete.

Die schwerwiegenden Folgen der internationalen Verträge

Erlaubt ist im Rahmen der internationalen Drogenkontrollverträge der Gebrauch von Opiaten und anderer Drogen zu medizinischen Zwecken und zur Forschung. Tatsächlich werden Heroin und viele andere Substanzen trotz aller Kontrollversuche illegal angebaut oder produziert und verkauft. Internationale Verbrechenskartelle haben sich um diesen Schwarzmarkt gebildet und schlagen daraus immensen Profit. Denn Drogenpolitik hat natürlich auch eine ökonomische und globale Dimension. Der Krieg gegen die Drogen fordert jährlich Zehntausende von Opfern und militarisiert ganze Staaten, darunter Mexiko, Kolumbien und das Goldene Dreieck (Laos, Thailand und Myanmar). Dabei ist völlig unklar, wie viele Menschenleben er rettet.

Der rekreationale Konsum von Drogen ist illegal, aber überall auf der Welt verbreitet. Und wie der Anbau kaum zu kontrollieren. User, die eine illegale Substanz konsumieren, werden in vielen Staaten mit manchmal drakonischen Strafen belegt, die im Vergleich mit Kapitalverbrechen wie Mord und Vergewaltigung absurd überzogen wirken. Außerdem haben viele von ihnen oft nur einen eingeschränkten Zugang zum Gesundheitssystem. Hinzu kommen soziale Ausgrenzung und erhebliche Gesundheitsgefahren als Folge der Prohibitionspolitik, da schadensminimierende Maßnahmen wie Drug Checking vielerorts – auch in Deutschland – vom Gesetzgeber erschwert werden oder verboten sind.

Die aktuelle Drogen- und Suchtpolitik ist nicht alternativlos, auch wenn von Seiten vieler Politiker oft dieser Anschein erweckt wird. Allerdings steht Drogenpolitik nicht sehr weit oben auf der Prioritätenliste der europäischen Parlamente. Wohl auch, weil Politiker in einer Art Drogenpolitik-Kommunikationsfalle sitzen: Wer sich für eine Veränderung, Anpassung oder gar Liberalisierung der Drogenpolitik starkmacht, wird entweder nicht ernst genommen, einseitig als Handlanger der Drogen-User verunglimpft oder auch von Teilen der Presse niedergeschrieben. Es gab bislang wenig Raum für nüchternes Denken in der Drogenpolitik. Manchmal regieren Angst und Aktionismus, manchmal Desinteresse und Ahnungslosigkeit. Das zeigt das Beispiel der in wenigen Grenzregionen zwar sehr besorgniserregenden, insgesamt aber in Deutschland nicht vorhandenen Crystal-Meth-Epidemie.

Ein Blick in die Zukunft

Glücklicherweise gibt es auch Lichtblicke und neuerdings eine weniger aufgeladene Diskussion in den Medien. Es existieren begrenzte politische Versuche, neue Wege zu gehen, wie die weitgehende Entkriminalisierung aller Drogen in Portugal. Oder das holländische Modell. Oder die Legalisierung von Cannabis in den US-amerikanischen Bundesstaaten Colorado, Washington, Alaska und Oregon. Ob und unter welchen Umständen solche Versuche erfolgreich sein werden, wird sich zeigen. Fest steht: Sowohl Prohibition auf der einen als auch Entkriminalisierung und Legalisierung auf der anderen Seite sind keine Mittel gegen menschliche Verzweiflung und die Sehnsucht nach Betäubung. Egal welche Strategien eine Drogenpolitik verfolgt, Aufklärung, Harm Reduction und Suchtprävention sollten immer ein Teil davon sein.

Wie rede Ich über Drogen? Teil 1 für Jugendliche und junge Erwachsene

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

Dieser Blogeintrag ist der erste Teil, welches sich mit dem Thema Umgangsregeln befasst. Er richtet sich spezifisch an Jugendliche und junge Erwachsene, die nicht wissen, wie sie mit ihren Eltern über Alkohol und andere Drogen reden können. Der zweite Teil richtet sich an Eltern, die nicht wissen, wie sie mit ihrem Kind über Alkohol und andere Drogen sprechen können.

Nicht über das Thema Alkohol und andere Drogen zu reden ist keine Lösung und hilft niemandem. Wie kann also ein angemessener Umgang mit dem Thema Drogen und Rausch aussehen? Einer, der nicht gedankenlos und verharmlosend ist, aber ebenfalls nicht von Bevormundung, Entmündigung und Kontrollexzessen geprägt ist?

Eltern möchten, dass es ihren Kindern gut geht. Das gilt in aller Regel auch für Eltern, die selbst suchtkrank sind. Kinder und Jugendliche dagegen möchten etwas erleben, eigene Erfahrungen machen, oft eben auch intensive oder extreme, sie möchten Spaß haben und sich ausprobieren, in die Welt hineinwachsen. Eltern sorgen sich. Jugendliche sind risikobereit. Aber manchmal ist es auch umgekehrt. In beiden Fällen hat unsere Kultur leider einen chronisch verkrampften Umgang mit Rausch und Rauschmitteln.

Unsere Empfehlung lautet wenig überraschend: Redet miteinander! Hört zu, äußert eure Ängste und Bedürfnisse und erkennt die des anderen an. Stellt gemeinsam Regeln auf. Haltet sie ein. Und seid euch bewusst, dass es immer Konflikte geben wird, wenn die Bedürfnisse und Sorgen des anderen – oder auch die Gesetze – nicht ernst genommen und ignoriert werden.

Vertrauen – die unverzichtbare Grundlage

Wenn du Drogen nimmst, werden sich Eltern, Verwandte, Lehrer und Freunde früher oder später Sorgen machen und Fragen stellen. Vielleicht wollen sie dich beraten oder unterstützen, vielleicht auch kontrollieren und bevormunden. Letzteres fühlt sich oft mies an, verletzend und herabsetzend. Trotzdem solltest du erst einmal davon ausgehen, dass sie das aus Sorge und Hilflosigkeit tun, weil sie nicht wissen, wie sie mit der Situation angemessen umgehen sollen. Suche von dir aus das Gespräch, schildere ihnen, wie du dich fühlst, was du denkst. Bevor ihr über brisante Themen wie Alkohol oder andere Drogen redet, mache dir und ihnen klar, was du dir von diesem Gespräch erwartest. Das setzt natürlich voraus, dass du dir selbst darüber im Klaren bist, zu welchem Zweck du Substanzen nimmst. Weißt du das nicht, werden die anderen das schnell merken. Das ist natürlich keine gute Gesprächsgrundlage – und auch keine gute Grundlage für den Drogenkonsum. Auch wenn du wie jeder andere auch davon überzeugt bist, selbst am besten zu wissen, was gut oder schlecht für dich ist, und Entscheidungen aufgrund eigener Erfahrungen treffen möchtest, ist es durchaus von Vorteil, anderen zuzuhören. Möglicherweise verfügen Ältere tatsächlich über Wissen und Erfahrungen, die dir noch fehlen, einfach wegen des Altersvorsprungs.

Wenn allerdings trotz mehrfacher ernsthafter Gesprächsversuche kein Vertrauen entsteht, solltest du ihnen das sagen. Und dir andere erwachsene Gesprächspartner suchen, denen du vertrauen kannst. Vielleicht lässt sich ja auch ein gemeinsames Gespräch mit deinen Eltern und jemandem, dem du vertraust, arrangieren?

 

Informiert über Drogen sprechen

Gib deinen Eltern Informationen an die Hand – eine Internetadresse. Belehre sie nicht, sondern lass sie ihre eigenen Schlüsse ziehen. Und überprüfe deinen Informationsstand – was weißt du wirklich? Aus welchen Quellen stammt dein Wissen? Bevor du anderen Unwissenheit vorwirfst, schließe deine eigenen Wissenslücken und setze dich auch mit unterschiedlichen Standpunkten auseinander. Kennst du jemanden, der langfristig problemlos mit Cannabis umgeht, und jemanden, der das nicht geschafft hat? Wo liegen die Unterschiede?

 

Interesse am anderen zeigen

Du willst in Ruhe gelassen werden? Dann suche den Kontakt zu deinen Eltern, statt dich abzuschotten. Vorwärtsverteidigung ist die beste Strategie. Zeige Interesse an ihrer Sorge, versuche, dich verständlich zu machen und sie zu verstehen. Eltern sind im Grunde auch nur älter gewordene Jugendliche. Solange du nicht volljährig bist oder solange du im Haus deiner Eltern wohnst und sie dein Leben finanzieren, haben sie das Recht, Regeln für euer Zusammenleben einzufordern, natürlich auf respektvolle Art und Weise. Im Idealfall natürlich solche Regeln, die ihr gemeinsam aufgestellt habt.

Provokationen

Tief durchatmen und kurz nachdenken, bevor du provozierst oder einen Streit anzettelst. Geht nicht? Doch, wenn du es immer wieder ernsthaft versuchst! Mach dir klar, dass es deinen Eltern womöglich genauso schwerfällt, Ruhe zu bewahren. Sie provozieren dich? Fordere Respekt ein. Respekt einfordern kann allerdings nur, wer seinerseits respektvoll mit dem anderen umgeht. Grundsätzlich geht es dir und allen Beteiligten besser, wenn ihr das mit dem Vertrauen und Respekt hinbekommt.

 

Vorbild Sein

Zeige deinen Eltern, dass du dir über deinen Substanzgebrauch Gedanken machst und dich um einen gesunden Umgang mit Alkohol, Cannabis oder anderen Drogen bemühst. Wie sollen sie das einschätzen können, wenn du nicht mit ihnen redest? Wenn Eltern auf Vermutungen oder Andeutungen von anderen angewiesen sind, entwickeln sie logischerweise oft übertriebene Ängste. Rede mit ihnen über konkrete Risiken und Nebenwirkungen, über positive und negative Erfahrungen in deinem Umfeld. Und höre dir die Erfahrungen deiner Eltern oder ihrer Freunde an. Wir lernen alle aus Beispielen. Allerdings hören wir leider meist nur von negativen Fällen, weil Menschen, die einen positiven Umgang mit Rauschmitteln haben, oft nicht darüber reden. Ein Grund mehr, auch positive Erfahrungen mit deinen Eltern zu teilen! Falls umgekehrt deine Eltern Probleme mit Alkohol haben, sei eben du ihnen ein Vorbild. Suche Unterstützung, wenn es Probleme gibt. Es ist nicht deine Aufgabe, deine Eltern zu therapieren. Viele Kinder versuchen genau das und scheitern regelmäßig daran. Niemand muss ein Alkohol- oder Drogenproblem verheimlichen und sich vor Scham verstecken oder die Eltern schützen. Allen ist am besten damit gedient, wenn das Problem aktiv und zeitnah angegangen wird.

Zu Hause konsumieren

Du wohnst bei deinen Eltern und möchtest deine Freunde einladen, einige Biere trinken oder eine Party feiern? Rede vorher mit deinen Eltern darüber und kläre mit ihnen, was für sie okay ist und was nicht. Vereinbare gemeinsam mit ihnen Regeln und schreibt diese vor einer Party auf – dann gibt es hinterher keinen Streit über die genaue Formulierung. Solange du von deinen Eltern abhängig bist und bei ihnen wohnst, solltest du Rücksicht auf ihre Wünsche und Regeln nehmen. Das ist auch in deinem Interesse und vereinfacht das Zusammenleben. Du möchtest zu Hause Cannabis oder andere illegale Substanzen konsumieren? Das ist für die meisten Eltern ein schwieriges Thema, ganz besonders, wenn du noch nicht volljährig bist. Wenn du nicht auf den Konsum verzichten willst, dann vereinbare mit deinen Eltern nachvollziehbare Regeln zu Ort und Häufigkeit und so weiter. Regeln, an die du dich dann allerdings halten musst. Gib deinen Eltern die Chance, sich in ihrem Tempo zu verändern und deine Situation verstehen zu lernen. Sind sie dazu nicht bereit oder in der Lage, dann bleibt dir die Möglichkeit, dir deine eigene Lebenswelt und Rückzugsräume zu schaffen – außerhalb der Wohnung deiner Eltern. Egal ob du zu Hause kiffen, trinken oder Pillen nehmen darfst oder nicht: Tue nichts, was deinen Eltern ernsthafte Schwierigkeiten mit der Polizei einbrocken könnte. Wer aus seinem Kinderzimmer heraus dealt, im Gartenschuppen Crystal Meth zusammenbrauen möchte oder einfach nur das MDMA für die nächsten Monate in seinem Schreibtisch lagert, bricht geltendes Recht, und das kann auch negative Folgen für die Erziehungsberechtigten haben.

Schule und Drogen

Irgendwann wird die Schule langweilig, nervig, belastend, zu anstrengend. Für jeden. Da kann man schon mal auf die Idee kommen, dass der Unterricht bekifft besser zu ertragen wäre. Vielleicht ist das tatsächlich so. Wahrscheinlich schafft das aber mehr Probleme, als es löst. Die Schule ist nach unserer Auffassung nicht der richtige Raum für Rausch. Außerdem sind in dieser Umgebung überhaupt nur ziemlich eingeschränkte Highs möglich. Viele haben wohl schon in einer Freistunde oder in der großen Pause eine Flasche Bier getrunken. Ist das okay? Jein. Schadet es? Erst mal nicht. Aber so etwas häufig zu tun ist eine schlechte Idee. Wer die positiven Seiten von Rausch entdecken will und einen kontrollierten Umgang mit Rauschmitteln anstrebt, sollte lernen, die richtige Zeit, den richtigen Ort und die richtige Substanz zu wählen. Die Schule ist definitiv nicht der richtige Ort. Zum einen ist es kaum möglich, während des Unterrichts seinen Rausch zu genießen, Störungen sind vorprogrammiert. Außerdem schädigt man sich selbst, wenn man zugedröhnt dem Unterricht nicht folgen kann und schlechte Noten, Sitzenbleiben oder sogar einen Schulverweis riskiert. Breit sein im Unterricht mag ganz spaßig sein, aber es ist den Ärger nicht wert – auch wenn es sicher bei einigen Mitschülern Eindruck macht, wenn man in der Schule kifft oder dealt.

Viele Schulleiter, Lehrer und Eltern, so scheint es, haben keine Ahnung von Drogen. Wenn du diesen Eindruck von deinen Eltern und deinen Lehrern hast, dann versuche, das zu ändern, indem du dich informierst und dein Wissen weitergibst, eben auch in der Schule.

Deine Schule geht unfair und mit übertriebenen Strafen gegen Schüler vor, die über die Stränge schlagen? Dann erkundige dich nach der Suchtmittelvereinbarung an deiner Schule und sorge zusammen mit der Schülermitverwaltung dafür, dass sie umgesetzt wird. Eine Suchtmittelvereinbarung schützt nämlich auch Schüler vor Lehrern, Eltern und Schulleitern, die vielleicht keine Ahnung oder Angst vor dem Thema Drogen haben.

 

Erwischt

Betrunken oder bekifft auf dem Moped von einer Polizeistreife aufgegriffen worden? Dauerbekifft im Unterricht die Versetzung nicht geschafft? Wegen Dealens von der Schule geflogen? Nach einer Partynacht auf Kokain oder Amphetamin eine wichtige Prüfung verhauen? Auf einer Uni-Fete mit einem Tütchen Ecstasy-Pillen aufgeflogen? Dumm gelaufen. Oder eine gute Gelegenheit, deine Einstellung, deine Ziele und deinen Konsum zu hinterfragen. Klar, man kann sich auch hinter Trotz und Gleichgültigkeit verschanzen, aber das bringt einen langfristig nicht weiter. Sicher, manchmal braucht es Zeit, bis man sich über seine Ziele und den besten Weg, sie zu verwirklichen, im Klaren ist: einige Runden im Hamsterrad. Aber wir sind der Meinung, dass Highs dann eine tolle Sache sind, wenn sie dich weiterbringen und deine Möglichkeiten erweitern. Ein Schulverweis tut das nicht. Und ein Eintrag im Strafregister erst recht nicht. So ein Eintrag schränkt sowohl die Wahl der Studienfächer als auch die Berufswahl ein. Ein Jura- oder Medizinstudium ist dann nicht mehr möglich, auch zahlreiche Berufe, unter anderem im sozialen Bereich, bleiben verschlossen. Wozu also so weitermachen und dieses Risiko eingehen? Die Wand, gegen die du geknallt bist, hat dir etwas mitzuteilen. Hör ihr zu!

Was tun wenn es brennt – Wie helfe Ich? Teil 2

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

Notfallhilfe beim Drogenkonsum – Was tun, wenn es brennt? Teil 2

 

Wenn eine fremde Person, ein Freund oder eine Freundin vor unseren Augen zusammenbricht oder am ganzen Körper zuckend im eigenen Erbrochenen liegt, kann man schon mal in Panik geraten. Aber so etwas geschieht immer wieder, an jedem Wochenende, in einem Club, auf einem Festival oder auf einer Party. Umso wichtiger, in so einer Situation die Ruhe zu bewahren. Zu wissen, was bei einer Überdosierung, einem Kreislaufkollaps oder Ähnlichem zu tun ist, kann Leben retten – das von Fremden und das von Freunden. Grundsätzlich gilt: Besser zu früh den Arzt rufen als zu spät! Aber was tun, bis Hilfe kommt?

Dieser Blogeintrag ist kein Ersatz für einen Erste-Hilfe-Kurs! Er soll einfache Grundregeln und Fertigkeiten vermitteln, die bei medizinischen Notfällen mit Drogen von Nutzen sein können.

Drogen können ihrer Wirkung nach grob in zwei Gruppen eingeteilt werden: aufputschende (Upper) und beruhigende Substanzen (Downer). Bei Halluzinogenen können sowohl anregende als auch beruhigende Wirkungen auftreten. Die eine Drogengruppe aktiviert also Geist und Körper, die andere macht eher schläfrig und benommen, das heißt, bei aufputschenden Substanzen steht die körperliche und geistige Übererregung im Vordergrund, bei beruhigenden die Dämpfung. Das wiederum bedeutet, dass Überdosierungen abhängig von der Substanz unterschiedliche Folgen haben und unterschiedliche Hilfsmaßnahmen erfordern können.

Werden Substanzen gemischt oder parallel konsumiert, wird das Ergebnis sehr schwer berechenbar. Gleichartige Drogen verstärken sich in ihren Nebenwirkungen, verschiedenartige Drogen sind in ihrem Zusammenspiel überhaupt nicht vorhersehbar. Ein fast schon alltägliches Beispiel ist die Mischung von Wodka mit Energydrinks: Das durch den Energydrink ausgelöste Gefühl der Klarheit und Wachheit bei gleichzeitig verringerter Urteilskraft und eingeschränkten geistigen Fähigkeiten, verursacht durch den hochprozentigen Alkohol, ist eine explosive Mischung und kann zu Unfällen, schweren Ausfallerscheinungen und Überdosierung führen. Zumal der angenehme, den Alkohol überlagernde Geschmack des Energydrinks unter Umständen zum Konsum größerer Mengen verführt.

Upper, die den Körper und den Geist aufputschen, sind beispielsweise Ecstasy, Kokain, Amphetamine wie Crystal Meth oder Speed, aber auch Ritalin, Koffein und Ephedrin. Ein ähnlicher Effekt kann aber auch durch die in dieser Hinsicht allerdings weniger gefährlichen Substanzen LSD und Psilocybin verursacht werden. Diese Substanzgruppen unterscheiden sich aber in ihren Wirkungen: Amphetamine verursachen in der Regel keine »Visuals« (tagtraumähnliche Imaginationen), Halluzinationen oder Sinnestäuschungen wie LSD oder Psilocybin, dafür manchmal ein Gefühl der Unverwundbarkeit, gesteigerte Wachheit und körperlichen Antrieb. Gemeinsam ist diesen Stoffen die angeregte oder überdrehte Aktivierung von entweder Körper oder Geist oder beidem. Es besteht ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Kreislaufkollaps. Das betrifft gesundheitlich vorbelastete Personen natürlich noch stärker.

Downer, die Körper und Geist eher dämpfen, sind Alkohol, Cannabis oder Opiate, zum Beispiel Heroin oder Codein. Die Hauptgefahr bei einer Überdosis mit diesen Substanzen ist eine Bewusstlosigkeit und darauffolgende Verstopfung der Atemwege, zum Beispiel durch die Zunge, Schleim oder Erbrochenes. Auch das Aussetzen der Schutzreflexe, wie zum Beispiel des Hustenreflexes, kann dazu beitragen: Der Hustenreflex sorgt dafür, dass Erbrochenes wieder aus der Lunge entfernt wird. Wenn die konsumierende Person ihre Spucke oder ihr Erbrochenes nicht aushusten kann, droht Erstickung. Bei manchen Substanzen, vor allem den Opiaten, kann eine Überdosierung auch zu einer lebensgefährlichen Herabsetzung der Atemfrequenz bis zum Atemstillstand führen. Dann ist es notwendig, die jeweilige Person dazu zu bringen, wieder selbständig zu atmen.

 

Bei schlechten Trips

  • Wenn Personen orientierungslos und panisch sind, unter starken Angstzuständen leiden (Horrortrip) oder offensichtlich mit der Wirkung der Substanz überfordert sind: Gib dem Betroffenen das Gefühl von Geborgenheit und ziehe, wenn möglich, bekannte, vertraute Personen hinzu.
  • Oft verlieren die Betroffenen die Orientierung und das Zeitgefühl: Sage der Person immer wieder, wie viel Zeit vergangen ist und wo sie sich befindet; sage ihr auch, wer du bist.
  • Bleibe bei der Person und bringe sie – wenn möglich – an einen ruhigen Ort und halte sie warm. Falls sie überhitzt ist, kühle sie.
  • Rede beruhigend mit der betroffenen Person, versuche, ihre Gedanken in positive Bahnen zu lenken, sage ihr, dass ihr Zustand vorübergehen und sie sich bald wieder gut fühlen wird.
  • Warme Getränke wie Tee oder Wasser sind gut (falls die Person nicht überhitzt!), Kaffee oder Energizer wegen möglicher Wechselwirkungen meiden.
  • Falls die Person sehr schnell atmet, also hyperventiliert, atme ihr hörbar ruhige Atemzüge vor oder gib Atemanweisungen: »Jetzt einatmen – und ausatmen.« Falls das nicht hilft, eine Papiertüte vor den Mund halten, in die derjenige atmen kann. Diese nach einigen Atemzügen kurz wieder entfernen.
  • Auch hier gilt: Du musst niemandem etwas beweisen. Wenn du Angst hast oder dich überfordert fühlst, hole Hilfe. Tu nichts, womit du dich nicht wohlfühlst.

Bei wachen und/​oder stark erregten Personen

  • Ein wacher Patient darf und soll alkoholfreie Flüssigkeiten trinken. Sehr oft ist ein Flüssigkeitsmangel der Grund für den Zusammenbruch. Ist der Puls sehr langsam, rast oder ist nur schwach tastbar, lege die Person hin, wenn sie das toleriert, und lagere ihre Beine hoch.
  • Bei Panikreaktionen: Nicht hektisch werden, mit dem Patienten reden und ihn beruhigen (»Talking down«).
  • Wenn die Person durchdreht, wäge ab, ob sie dir gefährlich werden kann. Deine Sicherheit geht immer vor. Vermeide Körpereinsatz, um die Situation nicht eskalieren zu lassen, »Talking down« ist die beste Option.
  • Bringe die Person an einen ruhigen Ort, suche Freunde oder eine andere Bezugsperson. Es muss immer jemand bei dem Patienten bleiben, um ihn zu beruhigen und zu überwachen. Gerade bei stark alkoholisierten Personen ist es nicht immer eindeutig, ob Hilfe gerufen werden muss oder nicht. Im Zweifelsfall sollte immer ein Notarzt gerufen werden.

 

Dies ist der zweite Teil, welcher sich mit dem Thema Notfallhilfe beim Drogenkonsum beschäftigt. In diesem Teil geht es spezifisch um Hilfe für Personen mit schlechten Trips, stark erregtem Zustand oder aggressivem Verhalten. Im ersten Teil geht es um medizinische Notfallhilfe beim Drogenkonsum.

Was tun wenn es brennt – Wie helfe Ich? Teil 1

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

Notfallhilfe beim Drogenkonsum – Was tun, wenn es brennt? Teil 1

Wenn eine fremde Person, ein Freund oder eine Freundin vor unseren Augen zusammenbricht oder am ganzen Körper zuckend im eigenen Erbrochenen liegt, kann man schon mal in Panik geraten. Aber so etwas geschieht immer wieder, an jedem Wochenende, in einem Club, auf einem Festival oder auf einer Party. Umso wichtiger, in so einer Situation die Ruhe zu bewahren. Zu wissen, was bei einer Überdosierung, einem Kreislaufkollaps oder Ähnlichem zu tun ist, kann Leben retten – das von Fremden und das von Freunden. Grundsätzlich gilt: Besser zu früh den Arzt rufen als zu spät! Aber was tun, bis Hilfe kommt?

Dieser Blogeintrag ist kein Ersatz für einen Erste-Hilfe-Kurs! Er soll einfache Grundregeln und Fertigkeiten vermitteln, die bei medizinischen Notfällen mit Drogen von Nutzen sein können.

Drogen können ihrer Wirkung nach grob in zwei Gruppen eingeteilt werden: aufputschende (Upper) und beruhigende Substanzen (Downer). Bei Halluzinogenen können sowohl anregende als auch beruhigende Wirkungen auftreten. Die eine Drogengruppe aktiviert also Geist und Körper, die andere macht eher schläfrig und benommen, das heißt, bei aufputschenden Substanzen steht die körperliche und geistige Übererregung im Vordergrund, bei beruhigenden die Dämpfung. Das wiederum bedeutet, dass Überdosierungen abhängig von der Substanz unterschiedliche Folgen haben und unterschiedliche Hilfsmaßnahmen erfordern können.

Werden Substanzen gemischt oder parallel konsumiert, wird das Ergebnis sehr schwer berechenbar. Gleichartige Drogen verstärken sich in ihren Nebenwirkungen, verschiedenartige Drogen sind in ihrem Zusammenspiel überhaupt nicht vorhersehbar. Ein fast schon alltägliches Beispiel ist die Mischung von Wodka mit Energydrinks: Das durch den Energydrink ausgelöste Gefühl der Klarheit und Wachheit bei gleichzeitig verringerter Urteilskraft und eingeschränkten geistigen Fähigkeiten, verursacht durch den hochprozentigen Alkohol, ist eine explosive Mischung und kann zu Unfällen, schweren Ausfallerscheinungen und Überdosierung führen. Zumal der angenehme, den Alkohol überlagernde Geschmack des Energydrinks unter Umständen zum Konsum größerer Mengen verführt.

Upper, die den Körper und den Geist aufputschen, sind beispielsweise Ecstasy, Kokain, Amphetamine wie Crystal Meth oder Speed, aber auch Ritalin, Koffein und Ephedrin. Ein ähnlicher Effekt kann aber auch durch die in dieser Hinsicht allerdings weniger gefährlichen Substanzen LSD und Psilocybin verursacht werden. Diese Substanzgruppen unterscheiden sich aber in ihren Wirkungen: Amphetamine verursachen in der Regel keine »Visuals« (tagtraumähnliche Imaginationen), Halluzinationen oder Sinnestäuschungen wie LSD oder Psilocybin, dafür manchmal ein Gefühl der Unverwundbarkeit, gesteigerte Wachheit und körperlichen Antrieb. Gemeinsam ist diesen Stoffen die angeregte oder überdrehte Aktivierung von entweder Körper oder Geist oder beidem. Es besteht ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Kreislaufkollaps. Das betrifft gesundheitlich vorbelastete Personen natürlich noch stärker.

Downer, die Körper und Geist eher dämpfen, sind Alkohol, Cannabis oder Opiate, zum Beispiel Heroin oder Codein. Die Hauptgefahr bei einer Überdosis mit diesen Substanzen ist eine Bewusstlosigkeit und darauffolgende Verstopfung der Atemwege, zum Beispiel durch die Zunge, Schleim oder Erbrochenes. Auch das Aussetzen der Schutzreflexe, wie zum Beispiel des Hustenreflexes, kann dazu beitragen: Der Hustenreflex sorgt dafür, dass Erbrochenes wieder aus der Lunge entfernt wird. Wenn die konsumierende Person ihre Spucke oder ihr Erbrochenes nicht aushusten kann, droht Erstickung. Bei manchen Substanzen, vor allem den Opiaten, kann eine Überdosierung auch zu einer lebensgefährlichen Herabsetzung der Atemfrequenz bis zum Atemstillstand führen. Dann ist es notwendig, die jeweilige Person dazu zu bringen, wieder selbständig zu atmen.

Regeln für Notfallhelfer

Im Umgang mit einer hilflosen Person gelten folgende Hinweise:

  • Bring dich selbst nicht in Gefahr: Ist der Ort sicher? Vorsicht im Straßenverkehr oder in einer Menschenmenge. Wenn Scherben, Nadeln oder Ähnliches herumliegen, zuvor zur Seite schieben.
  • Wichtig ist es, ruhig zu bleiben! Du bist der Helfer, nicht der Patient.
  • Auch wenn du die hilflose Person kennen solltest, stelle dich mit Namen vor, erkläre, was du als Nächstes tust, und konzentriere dich auf das Notwendige. Ein Notfall ist nicht der Zeitpunkt für Schuldzuweisungen oder einen Vortrag über Fehlverhalten.
  • Hab keine Angst, etwas Falsches zu tun. Jemand braucht deine Hilfe, und Nichtstun könnte das Leben eines Menschen kosten. Das sieht auch das Gesetz so.
  • Finde heraus, welche Substanzen die betroffene Person in welcher Menge konsumiert hat.
  • Im Zweifel Unterstützung rufen. Viele Situationen erfordern professionelle Hilfe. Wenn eine Person bewusstlos ist, keinen oder kaum noch Puls hat und auch auf starke körperliche Reize wie Kneifen nicht mehr reagiert, muss unbedingt ein Notarzt gerufen werden. Die 112 ist die kostenlose europaweite Notrufnummer, die von jedem Telefon aus durchgestellt wird, auch von einem Mobiltelefon ohne Guthaben oder einem, das mit PIN gesperrt ist. Am Telefon so genau wie möglich die Symptome schildern. Bei Drogenunfällen gilt »Hilfe vor Strafe«: Menschen zu retten ist wichtiger, als Drogenkonsum zu ahnden.

 

 

Bei bewusstlosen Personen

  • Den Betroffenen auf den Rücken drehen und bei leicht in den Nacken gelegtem Kopf dessen Atmung überprüfen. Bei selbständig atmenden Personen:
  • In stabile Seitenlage bringen, dadurch Atemwege sichern.
  • Für Frischluftzufuhr sorgen, aber Auskühlung oder Überhitzung verhindern.
  • Nichts in den Mund stecken, auch keine Flüssigkeiten einflößen.
  • Muss sich die Person erbrechen, nichts dagegen tun – was raus ist, kann keinen Schaden mehr anrichten. Erbrochenes darf nicht im Mund oder im Rachen bleiben.
  • Die stabile Seitenlageist der Klassiker unter den Rettungsmaßnahmen. Jeder, der die Führerscheinprüfung hinter sich hat, sollte zumindest schon davon gehört haben. Auch wenn die meisten Fahrschüler möglicherweise dazu neigen, diese Lektion als lästige Pflichtübung auszusitzen und zügig wieder zu vergessen, kann die Kenntnis und Anwendung der stabilen Seitenlage auch bei Drogenunfällen und jeder Art von Kreislaufkollaps Leben retten. Die stabile Seitenlage soll sicherstellen, dass der Bewusstlose nicht an seinem Erbrochenen oder Blut erstickt. Deshalb muss unbedingt die Mundhöhle des Verunglückten kontrolliert und Erbrochenes oder Schleim, notfalls auch ausgeschlagene Zähne, entfernt werden.

 

Bei nicht atmenden Personen:

Einen starken Schmerzreiz setzen, zum Beispiel den Bewusstlosen in den Arm kneifen. Sollte das keinen Effekt haben, direkt mit der Herzdruckmassage beginnen, diese so lange fortsetzen, bis die Person wieder selbständig atmet oder andere Lebenszeichen von sich gibt wie Husten oder gezielte Bewegungen, dann in stabiler Seitenlage lagern. Bei nicht atmenden, bewusstlosen Personen ist es immer gerechtfertigt einen Notarzt zu rufen. Wie bereits oben erwähnt gilt in solchen Situationen immer »Hilfe vor Strafe«.

 

Dies ist der erste von zwei Teilen, welcher sich mit dem Thema Notfallhilfe beim Drogenkonsum beschäftigt. In diesem Teil geht es spezifisch um medizinische erste Hilfe in Notfällen. Im zweiten Teil geht es um die Hilfe für Personen mit schlechten Trips, stark erregtem Zustand oder aggressivem Verhalten.

Sex und Drogen – Vom Zusammenspiel zweier Tabuthemen

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

Aphrodisiaka

Die schönste Nebensache der Welt, Sex, spielt auch beim Thema Drogenkonsum eine große Rolle. Mit welchen Substanzen wird sexuelle Lust gesteigert, mit welchen wird sie vermindert? Warum ist man „high“ während man Sex hat?

Die Motive und Ziele beim Einsatz von Aphrodisiaka, psychoaktive Substanzen, die die sexuelle Lust steigern, sind vielfältig. Es kann darum gehen, erotische Schwingungen überhaupt zu spüren oder eine erotische Begegnung aufzuladen und zu steigern. Es kann um Abwechslung gehen oder den Weg aus einer Beziehungskrise. Manche Menschen versuchen, mit Hilfe dieser Substanzen innere Grenzen, Schranken und Verbote zu überwinden. Bei Liebestränken und Liebesdrogen geht es darum, mit einer Substanz Liebe, Lust und Leidenschaft anzufachen, ungetrübte Geilheit zu erzeugen oder Grenzüberschreitung zu ermöglichen.

„Ich habe nicht mit ihm als Menschen geschlafen, sondern mit seinem geilen Körper. […] Auf Speed war es völlig anders – wir konnten wirklich alles andere um uns herum komplett vergessen. Wir haben Sachen kaputt gevögelt, die uns im Weg lagen, und einfach mal beim Sex die komplette Küche auseinandergenommen.“ – Elena, 20

„In Verbindung mit Kiff fällt es mir leichter, mich fallen zu lassen, mein Denken auszuschalten, Zeit und Raum zu vergessen, ganz im Augenblick zu sein. Ein Zustand, der für guten Sex wichtig ist, denke ich.“ – Nina, 23

Warum nehmen Leute Drogen beim Sex?

Wie die unterschiedlichen Substanzen den Sex beeinflussen, hängt natürlich auch stark von den beteiligten Personen, ihrer Absicht und dem Umfeld ab, in dem sie Sex haben. Für einige Menschen ist Alkohol oder eine der anderen Substanzen ein Hilfsmittel, den Kopf auszuschalten und ihren Körper zu spüren. Es gibt Paare, die mit Hilfe von Cannabis ihr zum Stillstand gekommenes Sexleben wieder auf Touren gebracht haben. Viele psychoaktive Substanzen wirken allerdings generell als Katalysator innerer Regungen, insbesondere die Psychedelika wie LSD und Psilocybin. Sie intensivieren vorhandene Gefühle und lassen unterdrückte Gedanken frei fließen. Das kann aber auch bedeuten, dass zerstörerische Energie freigesetzt wird, wie suizidale Gedanken und Aggressivität gegen andere, was sich in der sexuellen Begegnung als Selbstverletzung und Brutalität gegen den Sexpartner niederschlagen kann. Auch deshalb sollte niemand mit diesen Mitteln leichtfertig umgehen.

Manchen Usern geht es darum, Gefühle von Schuld oder Scham zu betäuben, bevorzugt mit Alkohol, Speed oder Kokain. Betäuben ist selten eine gute Idee. Vor allem nicht auf Dauer. Wer sich menschlich weiterentwickeln will, wer Selbstliebe lernen, eine zerstörerische Familiengeschichte oder Missbrauchserfahrungen verarbeiten will, wird das nicht durch Betäubung mit psychoaktiven Substanzen schaffen. Schon gar nicht in Verbindung mit Sexualität.

 

„Trotzdem hat mir betrunkener Sex irgendwann keinen Spaß mehr gemacht. Im Gegenteil: Das Ganze war ziemlich unbefriedigend, emotional, aber auch sexuell.“ Nina, 23

 

„Es fühlte sich irgendwie falsch an, obwohl ich es doch unbedingt wollte und betrunken doch sonst alles viel mehr Spaß machte. Aber das Gelöste, Heitere war weg.“ – Anke, 22

 

 

Ach ja, dann gibt es natürlich auch noch Viagra. Es ist keine psychoaktive Droge, sondern ein Potenzmittel, dessen Preis in den letzten Jahren stark gesunken und das über das Internet auch ohne Rezept zugänglich ist. Der Wirkstoff ist Sildenafil, es hilft bei Durchblutungsstörungen, die oft auch in Kombination mit psychischen Problemen auftreten, wirkt aber nicht bei Nervenverletzungen oder Hormonstörungen. Generell ist es eine gute Idee, vor der Einnahme einen Arzt aufzusuchen. Dort kann man sich nicht nur über Nebenwirkungen aufklären, sondern sich bei dauerhaften Erektionsstörungen auch auf organische Ursachen untersuchen lassen.

 

Am Ende muss jede/r selber darüber entscheiden, ob und wie man Sex unter Einfluss von psychoaktiven Substanzen hat. Wichtig dabei sind die Differenzierung und das Bewusstmachen der Eigenschaften der verschiedenen Substanzen. Wenn dies passiert, Set und Setting bewusst ausgewählt werden und beide Partner gegenseitig aufeinander achten, so kann Sex unter Einfluss psychoaktiver Substanzen zu einem Feuerwerk an Emotionen führen. Genau genommen bedeutet das – Fußballfans müssen jetzt ganz tapfer sein –, dass Drogen wohl in Wahrheit die zweitschönste Nebensache der Welt sind. Schließlich lassen sie sich so wunderbar mit der schönsten verbinden.

Die unfreundliche Seite von Ecstasy

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

Was beim Gebrauch von Ecstasy schief gehen kann

Die Natur der negativen Zustände ist genauso komplex wie die ihrer Geschwister, der Highs. Während Neurowissenschaftler einen Rausch auf der Ebene von Gehirnstrukturen und Botenstoffen betrachten und beschreiben können, welche organischen Prozesse in unseren Köpfen ablaufen, ist der individuelle Eindruck des Berauschten viel komplexer und von vielen anderen Faktoren abhängig. Wie auch beim High spielen beim Down neben der Droge selbst eben auch Set und Setting eine Rolle. Das Gehirn ist ein Organ, das mit Lust und Unlust auf angenehme und unangenehme Reize reagiert. Bei angenehmen Reizen möchte es Wiederholung, unangenehme möchte es vermeiden. Das ist der einfache Teil der Geschichte. Aber das Gehirn ist auch ein Organ, in dem komplexeste Gedanken-, Gefühls- und Bewusstseinsprozesse wirken. Da wird es schwieriger.

Am Beispiel einer Ecstasy- oder Ketaminerfahrung sieht man, wie unterschiedlich sich ein Down gestalten kann. Die meisten Menschen suchen die Ecstasy(MDMA-)Erfahrung, weil das High von friedlicher Selbstakzeptanz, verbesserter Selbsterkenntnis, zeitweiliger Euphorie, Angstminderung und gesteigerter Einfühlungsfähigkeit geprägt ist. Diese Theorie deckt sich mit der Erfahrung von Millionen Usern.

Die mentale Wachheit wird schon bei einer geringen Dosierung verändert. Das kann bedeuten, dass Aufmerksamkeit und Energie erhöht sind und damit auch Aktivitäten wie ekstatisches Tanzen angeregt werden. MDMA kann aber auch die Aufmerksamkeit so erhöhen, dass sie in einen entspannten, meditationsähnlichen Zustand führt. Selten erleben Menschen auch eine große innere Ruhe.

Bereits bei Eintritt der Wirkung, typischerweise nach 15 bis 60 Minuten, erleben manche Menschen allerdings auch Phasen von Übelkeit, Beschleunigung des Pulses und Atems oder Unruhe. Das liegt daran, dass MDMA einen Teil des Nervensystems, den Sympathikus, aktiviert. Der Sympathikus ist eigentlich für nach außen gerichtete Handlungen zuständig, zum Beispiel für die Kampf- oder Fluchtimpulse in Bedrohungssituationen.

Auch während der Rauscherfahrung können unangenehme Symptome wie erhöhte Körpertemperatur oder Herzrhythmusstörungen auftreten, manchmal übergeben sich Menschen. Diese Nebenwirkungen treten allerdings nicht häufig auf. Ein eher verbreitetes akutes Down-Symptom ist die Verkrampfung der Kaumuskulatur mit stundenlangem Zähneknirschen, was während des Trips noch als einigermaßen angenehm erlebt oder gar nicht wahrgenommen wird, nach dem Trip aber durchaus unangenehm sein kann. Dieses Phänomen wird medizinisch als »Bruxismus« bezeichnet.

Die meisten Menschen empfinden die gesteigerte Berührungssensibilität, die sie auf MDMA oder ähnlichen Drogen erleben, als sehr angenehm, auch in Verbindung mit körperlicher Nähe oder Sex. Für andere ist aber gerade diese Erfahrung schwierig. Möglicherweise, weil mit der Aktivierung des Langzeitgedächtnisses auch Erinnerungen an unangenehme Erlebnisse wie sexuellen Missbrauch oder körperliche und psychische Gewalterfahrungen wieder auftauchen. Hier ist wieder die Umgebung wichtig, in der Drogen genommen werden – ein angenehmes, entspanntes Umfeld und gute Freunde, die einen während des Trips begleiten, können vor unangenehmen Erfahrungen schützen. Aber auch das funktioniert leider nicht immer.

Tipps zur Risikominimierung für Ecstasy-User

  • Pillen oder Pulver vor dem Konsum anonym im Labor auf Inhaltsstoffe testen lassen
  • Grundsätzlich gering dosieren und nicht beliebig kombinieren, zu Ecstasy kein Speed nehmen und auf Alkohol verzichten oder diesen stark reduzieren
  • Regelmäßig Wasser, Säfte oder auch Tee trinken, um den erhöhten Flüssigkeitsverbrauch auszugleichen
  • Tanzpausen einlegen und Frischluft tanken, um Hitzschlag zu vermeiden
  • Bei Toleranzentwicklung (gleiche Dosis wirkt schwächer) Pillenpause von mindestens einem Monat einlegen
  • Vor wichtigen Lebensentscheidungen einige Wochen Konsumpause einlegen

Nach oder auch während des eigentlichen Highs können sich grundsätzlich heftige Emotionen und Erinnerungen bemerkbar machen, die Aufmerksamkeit fordern. Ob dieser Zustand als Down erlebt wird oder zu einem Down führt, hängt wesentlich davon ab, wie man mit diesen Erfahrungen umgeht. Sich zum Beispiel enthemmt auszuheulen kann befreiend sein, wenn man nicht verspottet wird oder sich danach schämt.

Die körperlichen Folgen des Ecstasykonsums 

Auch die Verringerung der Empfindsamkeit für lebenswichtige Körpersignale während des Ecstasy-Rausches kann zu einem üblen und gefährlichen Down führen. Hunger, Durst oder Schmerzempfinden werden heruntergeregelt und kaum noch wahrgenommen. Das kann vor allem in einem Club oder auf einer Party problematisch sein: Während die meisten Menschen durchaus vier bis acht Stunden ohne Nahrungsmittel auskommen – natürlich schadet Energiezufuhr über zucker- und kohlenhydrathaltige Snacks nie –, ist es riskant, längere Zeit nicht zu trinken. Vor allem, wenn man intensiv und ausdauernd tanzt oder aus anderen Gründen schwitzt und so Flüssigkeit verliert.

Länger anhaltende Down-Erfahrungen finden in der Regel im Anschluss an den Trip statt. Viele Menschen erleben dann eine tiefe körperliche Erschöpfung, die aber durch ein bis zwei Tage Ruhe mit viel Schlaf und viel Flüssigkeit ausgeglichen werden kann. Diese Erholungsphase sollte man einplanen, damit nicht Arbeit oder Schule unter dem Down leiden.

Zur typischen Stimulanzienwirkung gehört auch Schlaflosigkeit. Hier unterscheiden sich Menschen sehr in ihrer Toleranz für durchwachte Stunden und Nächte. Auf jeden Fall ist es selten eine gute Idee, die Schlaflosigkeit, ein wichtiges Signal des Körpers, mit Schlafmitteln zu bekämpfen. Das belastet den Körper zusätzlich und lässt das Regenerationsbedürfnis weiter ansteigen. Alkohol während und direkt nach dem MDMA-High zu trinken verstärkt die negativen Symptome nach einer MDMA-Erfahrung.

Die psychischen Folgen des Ecstasykonsums

Die intensive Nähe während der MDMA-Erfahrung verführt zu übereilten, spontanen Entscheidungen, was Liebe oder Freundschaft betrifft, zeitlicher Abstand zur Rauscherfahrung vor wichtigen Beziehungsentscheidungen ist ratsam. Hier gilt die Faustregel: »Don’t marry 30 days after MDMA.«

Die psychische Seite der Ecstasy-Regeneration ist schwierig, wenn man sich nicht genug Zeit dafür nimmt: Viele Konsumenten erleben neben der Müdigkeit bei gleichzeitigen Schlafschwierigkeiten Depressionen, sehr selten auch Angstattacken oder generell gesteigerte Gefühlsintensität, die zwar häufiger einen positiven Grundton hat, aber eben nicht immer. Das kann nicht nur für einen selbst belastend sein, es kann auch zu Streit und Unfrieden in der Wohngemeinschaft, Familie oder Partnerschaft beitragen – etwas, das man gerade in der Regenerationsphase nicht unbedingt erleben möchte.

Wenn es ganz schlecht läuft, dann kann ein Ecstasy-Konsument auch sehr ausgeprägte Downs erleben: akute, kurz- oder mittelfristig einmalig oder wiederholt auftretende psychotische Reaktionen. Während einer Psychose ist das Erleben geprägt von Verwirrung, intensiven Gefühlen, Sinnestäuschungen, Wahnphänomenen wie zum Beispiel Verfolgungswahn und Ähnlichem. Das ist allerdings eine seltene Ausnahme. Wer Blutsverwandte hat, die unter Psychosen leiden, sollte sich dennoch gründlich überlegen, ob er Drogen wie MDMA oder Cannabis nehmen möchte, denn die Gefahr, das auch zu erleben, ist dann deutlich erhöht.

Weniger selten ist die Konfrontation mit Erinnerungen und Gefühlen, die ein Ecstasy-Rausch wieder hervorbringen kann. Eigentlich ist das gut – man nähert sich unangenehmen Teilen der Vergangenheit, die man vergessen oder verdrängt hat. Das bietet die Möglichkeit, sich mit diesen Erinnerungen erneut auseinanderzusetzen und sich im besten Fall mit dem Chaos auszusöhnen, das man erlebt hat. Aber damit das gelingt, sind günstige Voraussetzungen wichtig. Neben dem Willen und der Bereitschaft, auch unangenehme Gefühle auszuhalten und ernst zu nehmen, braucht man verständnisvolle Menschen im Umfeld, die einen unterstützen, oder professionelle therapeutische Hilfe. Wenn der Drogenkonsum oder seine Folgen dich überfordern, ist es kein Zeichen von Schwäche, das auch zuzugeben und Hilfe zu suchen.

Serotonin ist ein Gewebshormon und Botenstoff (Neurotransmitter) im zentralen Nervensystem. Es dämpft Angstgefühle, Aggression und das Hungergefühl und führt zu innerer Ruhe und Zufriedenheit.

Das gilt verstärkt, wenn häufig hohe Dosen MDMA oder verwandte Stoffe wie MDE, MDA, Methylon konsumiert werden. Ob der Körper in der Lage ist, den Serotoninspiegel im Laufe der Monate und Jahre wieder vollständig anzuheben, ist wissenschaftlich immer noch umstritten. Unbestritten ist allerdings, dass eine Regeneration stattfindet.

Zu hoch geflogen und die Flügel verbrannt, auf dem Boden angekommen – Down Sein

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

 

»So geht es mit Tabak und Rum: Erst bist du froh, dann fällst du um.«

Wilhelm Busch (1832 – 1908), deutscher Dichter und Zeichner, Erfinder von Max und Moritz

Down Sein 

Die Begegnung mit Rauschmitteln endet immer wieder in kleinen oder größeren Katastrophen: Die ersten Alkoholerfahrungen sind oft mit Überdosierungen und Exzessen verbunden, mit Kotzen, Übelkeit, Schwindel oder Filmriss, mit peinlichen Selfies oder sexuellen Erfahrungen, die man schnell wieder vergessen möchte. Jeder Kiffer erlebt früher oder später, dass es auch sehr unangenehme Bewusstseinszustände gibt – Verfolgungswahn, Paranoia oder Gedankenschleifen, in denen man sich ungewollt und wie zwanghaft immer wieder mit denselben Gefühlen, Vorstellungen oder Ängsten beschäftigt. Andere mögliche Ausdrucksformen des Downs sind epileptische Anfälle und Delirium oder sogar ein Kreislaufkollaps. Es gibt die kleinen, kurzfristigen, akuten Downs. Sie können während und nach einer Rauscherfahrung auftreten und sind auf den ersten Blick als unangenehme Folgen des Drogenkonsums zu erkennen, wie zum Beispiel der klassische Kater, nachdem man zu viel getrunken hat. Und es gibt die langwierigen, chronischen Downs – häufig in Verbindung mit jenem allmählich einsetzenden Kontrollverlust, der in die Abhängigkeit mündet. Das Tückische ist, dass viele Downs sich oft leise anschleichen und gar nicht als solche erkannt oder einfach verdrängt werden.

Die Erfahrung nutzen

Viele Menschen lernen schnell aus Downs, sie sind in der Lage, nach schlechten Erfahrungen ihren Umgang mit Drogen zu verbessern und gesündere Konsummuster zu entwickeln. Die meisten Menschen, die Drogen nehmen, wollen schließlich nicht ihr Leben ruinieren, sondern intensive, bereichernde, aufregende Erfahrungen machen. Oder einfach nur Spaß haben. Aber manchmal lernt man spät, reagiert verzögert oder auch gar nicht. Dann kann oft ein Impuls von außen helfen oder auch die Erfahrung, auf dem Boden aufzuschlagen – nichts geht mehr, alles ist gescheitert. Danach kann man sich wieder aufrappeln, den Staub abklopfen und es beim nächsten Mal besser machen. Eine Lektion, die auch Kampfsportler kennen: Fallen muss nicht das Ende einer Bewegung sein, es kann sogar ein wichtiger und hilfreicher Teil davon sein – wenn wir unseren Fall so abfangen können, dass wir keinen langfristigen Schaden nehmen und es danach schaffen, wieder aufzustehen und weiterzugehen. Downs können also auch eine wichtige Lektion sein. Wir können durch sie unsere Grenzen erkennen und einen Anreiz erhalten, unsere Strategien und Überzeugungen zu überdenken und zu verbessern. Sie sind wie die erste schlechte Schulnote, der erste Freund oder die erste Freundin, die uns verlässt; ein Unfall oder eine Krankheit, die uns erkennen lassen, dass wir nicht unverletzlich oder unsterblich sind. Downs sind manchmal Teil eines Trips, manchmal tauchen sie nach einem Trip auf. Gelegentlich können sie Tage und Wochen andauern. Grundsätzlich neigen wir Menschen allerdings dazu, schlechte Erfahrungen schnell zu vergessen.

Die Downs, die bei dem Konsum verschiedener Drogen auftreten können, haben einige Gemeinsamkeiten. Neben dem Gefühlswirrwarr und den Stimmungsschwankungen gibt es eine Fülle körperlicher Symptome. Aber der wohl bedeutendste Hinweis darauf, dass etwas gewaltig schiefläuft, ist das Craving. Es wird als »unstillbares Verlangen« definiert, die jeweilige Substanz wieder einzunehmen. Neben den Entzugserscheinungen beim Absetzen einer Droge und der Entwicklung von Toleranz ist es der wichtigste Hinweis auf eine beginnende oder bestehende Abhängigkeit.

Typisch beim Craving ist, dass es die Absichten des Betroffenen untergräbt und sich der Kontrolle des Willens entzieht. Es gelingt nicht, den Drogenkonsum zu reduzieren oder ganz damit aufzuhören, obwohl man spürt, dass alles aus dem Ruder läuft und die Droge unverhältnismäßig viel Schaden anrichtet – Beziehungen, Freundschaften, schulisches oder berufliches Weiterkommen, die Gesundheit ruiniert oder gar das Leben gefährdet. Trotzdem greift man wieder und wieder zur Droge. Ein ziemlich übles Down, das lebensbedrohlich sein kann. Klar, man kann auch das Craving und sogar eine Sucht überwinden: Millionen von ehemaligen Abhängigen haben das bewiesen. Aber es ist ein sehr harter Weg.

Das Down als (Um-)Weg zu Drogenmündigkeit und Selbstkontrolle

Das Down ist, wie gesagt, ein Signal. Wer aus dem Kater am nächsten Morgen oder den Nebenwirkungen des Drogenkonsums lernt, lernt damit auch, den Tiger zu reiten – er kann seine Fähigkeiten, mit Drogen und Rausch umzugehen, verbessern. Lernen heißt, die passende Droge und die richtige Dosis, den persönlichen Rhythmus und funktionierende Regeln zu finden und so die Downs weitmöglichst zu reduzieren, überschaubar und beherrschbar zu gestalten. Und die richtigen Freunde zu finden, die einen dabei unterstützen. Weil das Down ein Signal ist, das helfen kann, klarer im Kopf zu werden und den eigenen Drogengebrauch besser einzuschätzen und zu gestalten, halten wir es für keine gute Idee, die Downs mit Kopfschmerztabletten oder Schlafmitteln zu bekämpfen und wegzumachen. Klar, es kann in bestimmten Situationen auch richtig und wichtig sein, den Kater oder den Hangover mit Medikamenten zu bekämpfen, um in der Schule oder bei der Arbeit zu funktionieren. Aber als dauerhafte Strategie eignet sich das nicht. Wer die negativen Effekte nicht spüren will und alle unangenehmen Begleiterscheinungen ausblenden möchte, baut sich eine breite Straße ins Schattental und im schlimmsten Fall zur Sucht.

Wer sich mit den unangenehmen Seiten des Rausches auseinandersetzt, kann einen positiven Umgang mit den veränderten Bewusstseinszuständen stärken. Wer aber vor dem Down wegläuft, wird vermutlich davon eingeholt.

High Sein – Immer höher hinaus

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

Das High ist das zentrale Element beim Konsum psychoaktiver Substanzen, es ist das Auge des Hurricanes und der Kern der Erfahrung, der in Erinnerung bleibt. Das High beschreibt mehr als die spezifischen Gefühle, die durch Drogenkonsum ausgelöst werden, positiv oder negativ. Dabei können sich Highs drastisch unterscheiden, ähnlich wie verschiedene Sorten Kuchen. Ein normaler Apfelkuchen schmeckt meist besser als verbrannte Brownies und die aufwendige Torte unterscheidet sich doch deutlich von selbstgemachten Muffins.

Was ist das, High Sein?

Für den Drogenrausch gilt dasselbe wie für Kuchen: Manche Highs sind großartig, sie lassen uns den Stress und die Herausforderungen in unserem Leben leichter nehmen, wir empfinden sie als weniger belastend; es gibt positive Highs, die uns ein besseres Gefühl für uns selbst und unseren Körper verschaffen, das Zusammensein mit Freunden besonders lustig oder entspannt werden lassen, die Konzentration beim Arbeiten oder den Geschmack der Schokolade verbessern oder uns dabei helfen, Sex anders zu genießen. Sie können unsere Kreativität befeuern, uns dabei unterstützen, zu schreiben, zu malen oder Musik zu machen. Sie verbessern unsere Introspektion, also die Art und Weise, wie wir uns selbst wahrnehmen. Andere Highs wiederum sind verwirrend, anstrengend, benebelnd, erzeugen Übelkeit, stumpfen uns ab, auch gegenüber Freunden und Partnern, oder hinterlassen wirre, unverdaubare Bilder, Assoziationen und Gedanken in unserem Kopf. Vor allem, wenn man eine Droge dauerhaft dazu einsetzt, seine negativen Gefühle nicht spüren zu müssen, besteht die Gefahr, dass sich das High in eine zähe Pampe aus Betäubung oder flüchtigen, unwirklichen Glücksmomenten verwandelt, die kaum noch etwas mit dem Leben zu tun haben.

Highs sind eben so verschieden wie Mahlzeiten – es gibt köstliche Feinschmeckermenüs, es gibt Fast Food oder auch Gammelfleisch. Und wie gute Rezepte für eine gelungene Mahlzeit sorgen können, so gibt es auch Regeln, die helfen, dass ein High nicht danebengeht. Sicher, man muss nicht für jeden Rausch so einen Aufwand betreiben, aber es bereitet einen besonderen Genuss, ein High auf diese Weise zu erleben.

Dies ist keine Aufforderung zum Konsum legaler oder illegaler Substanzen, sondern ein Hilfsmittel für die, die sich bereits dazu entschieden haben eine Substanz zu konsumieren.  Der Konsum psychoaktiver Substanzen gehört zur Realität, diese Safer Use Regeln sollen dabei helfen negative Folgen zu minimieren und positive Einflüsse maximal zu nutzen.

Kleine Drogen-Kochstunde

Planung

Sorge für eine passende Gelegenheit: Geht es um Zweisamkeit? Um einen Abend allein in den eigenen vier Wänden? Oder um eine Party? Bei der Vorbereitung spielen diese Fragen eine wichtige Rolle. Im letzten Fall ist es zum Beispiel wichtig, die passenden Menschen um sich zu haben.

Such dein Rezept aus: Welches Gericht möchtest du zubereiten, etwas Altbewährtes oder eine originelle, neue Kreation? Und – entspricht das Rezept auch deinen Kochkünsten?

Plane den Einkauf: Wo sind die Zutaten erhältlich, kannst du dem Händler vertrauen? Sind sie hochwertig und frisch – und bezahlbar?

Sorge für die passenden Küchengeräte: Was nützen dir die besten Zutaten, wenn du sie nicht schneiden, portionieren und zubereiten kannst?

Zubereitung

Wiege und miss die Zutaten genau ab! Das ist entscheidend für das Gelingen des Gerichts. Beginne mit kleinen Mengen – zu viel Salz hat noch jedes Essen ruiniert, Nachsalzen funktioniert fast immer.

Bereite das Gericht zu und portioniere es: Manche Gerichte bestehen aus einer oder wenigen Zutaten, die leicht zusammenzufügen sind, andere sind komplexer. Bereite die Portionen so vor, dass jeder weiß, was und wie viel für ihn bestimmt ist. Lass dir bei der Zubereitung eventuell von jemandem mit Erfahrung helfen.

Decke den Tisch und gestalte den Raum, in dem du deine Gäste empfängst: Was ist ein tolles Gastmahl ohne einen festlichen Rahmen oder einen ansprechend gestalteten Raum?

Genuss

Nimm dir Zeit, bewusst zu genießen: Aufmerksamkeit steigert den Genuss! Die Freude am Geschmack dieser besonderen, intensiven Mahlzeit, die du zubereitet hast, leidet, wenn man sie gedankenlos runterschlingt.

Reden bei Tisch: Hier sind die Menschen sehr verschieden. Für manche vermindert das Reden bei Tisch den Genuss, andere mögen es. Das sollte jeder für sich selbst herausfinden.

Mobiltelefone ausschalten: Ständig auf das Smartphone zu starren kann einen Abend ruinieren und die Freude an der Mahlzeit verderben. Die Aufmerksamkeit sollte unbedingt dem Essen gelten und den Menschen, die mit am Tisch sitzen.

Abwasch

Reden nach dem Essen: Auch hier sind die Menschen sehr verschieden, die meisten sind jedoch der Auffassung, dass eine Unterhaltung nach einem guten Essen dazugehört und den Abend abrundet: War die Mahlzeit gelungen, was soll das nächste Mal noch besser gemacht werden? Was hat am besten geschmeckt?

Führe dein eigenes Kochbuch: Die meisten Menschen vergessen schnell, was und wie viel sie gegessen haben, was ihnen besonders gut geschmeckt hat oder schwer im Magen lag und auch, welcher Gast besser nicht wieder eingeladen wird. Hier hilft es, die wichtigsten Erkenntnisse in einem Kochbuch zu notieren. Dann wird es das nächste Mal noch besser schmecken!

Das High ist in aller Regel der Grund dafür, überhaupt Drogen zu nehmen. Jedes High, das gelungene ebenso wie das misslungene, verdient Aufmerksamkeit. Je weniger Aufmerksamkeit man seinen Highs schenkt, desto alltäglicher, gewöhnlicher und selbstverständlicher werden sie. Die bewusste Gestaltung eines Highs ist nicht immer so ausführlich möglich oder nötig wie in unserem Kochkurs beschrieben, es ist aber immer möglich, sich bewusst mit der Situation, in der Alkohol, Cannabis oder eine andere Substanz konsumiert wird, zu beschäftigen.

Der wissenschaftliche Hintergrund zu der Koch-Kunde nennt sich Drug, Set-and-Setting-Theorie. Der Psychoanalytiker und Psychiater Norman E. Zinberg hat in den 1980er Jahren darin seine Jahrzehnte dauernden Forschungen mit abhängigen und nichtabhängigen Konsumenten von Heroin und anderen Substanzen zusammengefasst. Seine Ideen waren durch einen Pionier der psychedelischen Forschung, Timothy Leary, beeinflusst.

Obwohl man in den 80er Jahren noch wenig von den neurobiologischen Prozessen bei der Verarbeitung der Drogen im Gehirn wusste, gilt Zinbergs Theorie noch heute als grundlegend. Sie erklärt vor allem, wie ein und dieselbe Substanz zu verschiedenen Zeiten unterschiedlichste Effekte bei verschiedenen Menschen, aber auch bei derselben Person auslösen kann. Diese Aspekte sind von entscheidender Bedeutung für ein gutes High. Denkt man noch einen Schritt weiter, vom einzelnen High zu der grundsätzlichen Art und Weise, in der wir Alkohol und andere Drogen längerfristig in unser Leben einbauen, nähert man sich der Antwort auf die Frage, ob und wie der eigene Umgang mit Drogen integriert und positiv gestaltet werden kann.

Das letzte Mal Drogen nehmen – Ein Neuanfang

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

Das war’s. Es reicht. Aus. Ich mach das nicht wieder, ich mag nicht mehr, das war definitiv das letzte High. Das letzte Bier, der letzte Joint, die letzte Zigarette, die letzte Nase Speed, die letzte Linie Meth, die letzte Ecstasy-Pille, der letzte LSD-, Psilocybin-Trip oder die letzte Tasse Kaffee. Vielleicht auch die letzte Begegnung mit all diesen Substanzen. Was muss geschehen, damit jemand eine solche Abschiedserklärung verfasst? Und welche Voraussetzungen braucht es, um den endgültigen Abschied auch wirklich durchzuziehen?

Warum es Sinn macht aufzuhören

Das letzte Mal kann die Folge von großem Glück oder großem Unglück sein – einer Begegnung mit einem besonderen Menschen, eines schweren Unfalls, bei dem man selbst oder andere zu Schaden gekommen sind, eines lebensverändernden Ereignisses oder eines langwierigen, ermüdenden Kampfes mit sich selbst. Manchmal verändern sich auch schlicht die Interessen, wenn man älter wird und sich das Leben verändert. Drogen können, wie vieles andere auch, in einer bestimmten Lebensphase eine wichtige Rolle spielen und in einer anderen diese Bedeutung verlieren. Man hat das High in vielen seiner Facetten zur Genüge ausgekostet. Es reicht. Punkt. Aus.

Lebensverändernde Situationen jeder Art können plötzlich oder allmählich eintreten. Eine Schwangerschaft zum Beispiel kann den Blick auf das Leben und das eigene Handeln und nicht zuletzt die Risikoeinschätzung radikal verändern.

Das letzte Mal ist nicht unvermeidlich oder in jedem Fall notwendig. Das letzte Mal ist keine moralische Notwendigkeit, keine zwingende Konsequenz; manche Menschen kiffen, trinken oder trippen bis ins hohe Alter und sind damit glücklich, zufrieden und gesund. Aber die Sache kann sich eben auch anders entwickeln, mit einer – oder allen – Drogen aufzuhören kann naheliegend oder notwendig sein; hilfreich oder nützlich für Beruf, Studium und Alltag.

Manchmal ist es auch eine verantwortliche Entscheidung, mit der Risiken für einen selbst oder geliebte Menschen minimiert oder Schäden vermieden werden. In manchen Fällen ist das letzte Mal allerdings bittere Notwendigkeit, purer Selbstschutz oder eben auch die letzte Abzweigung vor oder nach der Katastrophe.

Durchkommen und neu anfangen

Oft geht dem letzten Mal ein langwieriger Kampf voraus, eine Höllenfahrt zwischen Lust und Frust, getrieben von dem wiederholten verzweifelten Versuch, das eine, das große High noch einmal zu erleben – oft auch wider besseres Wissen. Oder dem Bemühen, Schmerz, Enttäuschung oder Angst zu betäuben und besser ertragen zu können, eine belastende Erinnerung zum Schweigen zu bringen oder einen Verlust zu überwinden. Solche Prozesse können Jahre oder Jahrzehnte dauern; ein Kampf, der nicht selten von körperlicher Abhängigkeit begleitet wird, die auch die schillerndsten Highs allmählich in grottenfinstere Downs verwandelt.

In solchen Fällen ist das letzte Mal fast unvermeidlich. Das Ringen darum, der Kampf gegen die Sucht, hat alle Züge eines Dramas: gute Absichten, böse – meist innere – Widersacher, dramatische Ereignisse, extreme Gefühle, Menschen, die sich abwenden, andere, die ihre Hilfe anbieten oder aufzwingen wollen.

Der Begriff Sucht stammt sprachwissenschaftlich nicht von suchen, sondern von siechen, also von krank sein. Aber natürlich spielt das Suchen nach Glück, Identität, Heimat, Freiheit und die Sehnsucht nach der Verringerung des Leidens oder der Schmerzen dabei eine entscheidende Rolle.

Die Höllenfahrt in die Sucht kann man durch kluge und bewusste Entscheidungen vermeiden. Dazu braucht es allerdings eine realistische Vorstellung davon, wie ein glückliches Leben, eine Zukunft aussehen kann und soll, und die Bereitschaft, hin und wieder über den Tellerrand des Hier und Jetzt hinauszusehen. Der Wunsch nach dem letzten Mal kann entstehen, wenn die Highs schal geworden sind und uns mehr wegnehmen, als sie uns geben; wenn ihre Gleichförmigkeit langweilt, sie uns zu viel Kraft kosten, uns aufhalten und im Weg stehen.

Im Zusammenhang mit Drogengebrauch können neben der Endstation Sucht auch zahlreiche Unfälle geschehen, manche mehr, andere weniger dramatisch. Das eine ist mehr, das andere weniger wahrscheinlich, natürlich. Das Unfallrisiko kann man durch Sorgfalt, Planung und Wissen minimieren, aber leider nicht völlig ausschließen.

Über den Konsum hinauswachsen

Ganz nebenbei geschieht auf dem langen Weg zum letzten Mal etwas sehr Banales, aber doch Entscheidendes: Man wird älter. Das hat unterschiedliche Konsequenzen – andere sehen einen mit neuen Augen, sie siezen einen und erwarten, dass man Verantwortung für das eigene Leben übernimmt. Auch der eigene Körper verändert sich. In der Regel schwindet auch die Risikolust, wenn man älter wird. Manche entwickeln das Bedürfnis nach einer dauerhaften Partnerschaft, einem eigenen Nest und geregelten Tagesabläufen und Strukturen. Sicher, das ist nicht bei jeder, nicht bei jedem so. Aber es geschieht doch relativ häufig. Das bedeutet nicht unbedingt einen vollständigen Abschied vom Substanzkonsum, aber meist führt es dazu, dass sich der Gebrauch verändert – die Häufigkeit, die Menge, die Gelegenheiten.

Aber auch wenn der Entschluss aufzuhören feststeht, gibt es meist nicht nur ein letztes Mal, sondern einige letzte Male: Rückfälle sind, vor allem für jemanden, der süchtig ist, auf diesem Weg die Regel, nicht die Ausnahme. Viele Menschen erleben solche Rückschläge und Motivationstiefs – sie zweifeln an ihrer Entscheidung, fühlen sich nicht imstande, sie umzusetzen, oder haben dem Craving noch nichts entgegenzusetzen. Meist ereignet sich der Rückfall in den ersten drei bis vier Monaten nach dem vermeintlich letzten Mal. Rückfälle bedeuten nicht, dass alle Bemühungen, endlich aufzuhören, scheitern. Wie die Suchtentwicklung ist auch der Ausstieg aus der Sucht ein manchmal langwieriger Prozess, ein Rückfall kann Teil davon sein. Für ein wirklich letztes Mal müssen eben die richtigen inneren und äußeren Bedingungen zusammenkommen. Und das braucht manchmal Zeit und häufig auch Unterstützung.

Es gibt bei allen bekannten Substanzen die Möglichkeit des Selbstentzugs – das bedeutet, dass es manchen Abhängigen unter mehr oder weniger großen Mühen ohne professionelle Hilfe gelingt, mit den Drogen aufzuhören. Aber je nach Substanz und Grad der körperlichen Abhängigkeit kann ein sogenannter »kalter Entzug«, also ohne medizinische Unterstützung, lebensgefährlich sein. Und alleine, ohne Unterstützung, schafft ein Süchtiger den Ausstieg häufig nicht. Neben professionellen Therapeuten können auch Freunde, der Partner oder die Partnerin und die Familie Unterstützung geben.

Selbst wenn der vollständige Ausstieg zunächst nicht funktioniert, ist weniger zu nehmen schon ein Erfolg. Klar, für einen Süchtigen ist es ideal, wenn es ihm gelingt, auf seine Droge komplett zu verzichten. Aber weniger zu konsumieren ist auf jeden Fall eine Verbesserung. Immer.

Viele Mediziner behaupten, wer einmal abhängig war, der bleibe ein Leben lang gefährdet. Das ist nicht nur der veraltete, spaßbefreite Versuch, Menschen zu schocken und vom Drogengebrauch abzuschrecken. Die moderne Hirnforschung gibt Hinweise darauf, dass für ehemals Süchtige auch nach längerer Abstinenz die Gefahr, neue oder alte Abhängigkeiten zu entwickeln, höher ist. Neurowissenschaftliche Experimente zeigen, dass Gehirne von Menschen, die früher exzessiv konsumiert haben, noch viele Jahre später stärkere Reaktionen auf Substanzen aufweisen als die einer normalen Vergleichsgruppe. Aber nicht alle ehemaligen Abhängigen teilen diese Haltung. Für manche ist es im Gegenteil auch wichtig, sich nicht auf diesen Teil ihres Lebens zu reduzieren und darin gefangen zu bleiben, sondern ein neues Bild von sich selbst zu entwickeln, in dem die Sucht nicht das bestimmende Element ist.

Eine Beschäftigung mit dem letzten Mal ist aber nicht nur für Menschen von Bedeutung, die schlechte Erfahrungen mit Drogen gemacht haben, sondern auch ein interessantes Gedankenspiel für alle.

Mein letztes Mal

  1. Welche Rolle spielen Alkohol, Cannabis und Co. heute in eurem Leben? Hat sich euer Leben durch die Substanzen verändert? Wenn ja, in welcher Weise, zum Negativen oder Positiven?
  2. Habt ihr eine Vorstellung davon, wie lange ihr mit diesen Highs leben möchtet? Zwei Monate, zwei Jahre oder ein ganzes Leben? Falls ihr eine sehr schädliche Substanz konsumiert: Wie viele Jahre eures Lebens seid ihr bereit herzugeben?
  3. Fragt euch, was geschehen müsste, damit die Highs, die ihr mit Substanzen erlebt, unwichtig und nebensächlich erscheinen.
  4. Stellt euch vor, ihr wäret 99 Jahre alt und hättet ein aufregendes, glückliches und erfülltes Leben gelebt. Welches Ereignis und welche Umstände hätten euch zum Entschluss bringen können, eine bestimmte Substanz zum letzten Mal zu nehmen?

Das Ungewisse überwunden – Das zweite Mal Drogen nehmen entscheidet die Richtung

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

Wie gehen wir mit Drogenkonsum um?

Jetzt wird es ernst: Es geht darum herauszufinden, welche Droge, welches High zu einem passt – schließlich möchten wohl die wenigsten ihre Persönlichkeit so verändern, dass sie zur Droge passt. Das zweite High steht für Sehnsucht nach Wiederholung, für Ankommen, Genießen, vielleicht auch für eine Bestätigung des Selbstbilds und Wiedersehensfreude, aber es kann auch für Unbelehrbarkeit, Dummheit, Manipulierbarkeit und Gedankenlosigkeit stehen. Beim zweiten Mal werden die ersten Weichen für den weiteren Drogengebrauch gestellt, es ist oft der Beginn einer Kette von zahlreichen Wiederholungen und bestimmt, wie diese weiteren Male aussehen werden. Beim zweiten Mal entscheidet sich, ob das Drogennehmen zur gewohnheitsmäßigen, gedankenlosen Routine wird oder ob jedem weiteren Mal eine bewusste Entscheidung vorausgeht, die das High zu etwas Besonderem macht.

Gewohnheiten sind so eine Sache. Oft begleiten sie uns über lange Strecken unseres Lebens, im Guten wie im Schlechten. Sie können hilfreich sein und unser Leben erleichtern, sie können uns Halt geben und Teil unserer Identität sein. Aber sie können auch Ausdruck unserer Faulheit, Angst oder Beschränktheit sein und uns daran hindern, weiterzugehen, zu lernen und neue Erfahrungen zu machen. Häufig sind Gewohnheiten, die eine Zeitlang gut und hilfreich waren, irgendwann überholt und passen nicht mehr in eine neue Lebenssituation.

Gerade im Umgang mit Highs ist es wichtig, seine Gewohnheiten zu kennen und immer wieder zu überprüfen. Das zweite Mal kann die Basis dafür legen, denn beim zweiten Mal kann man all die Entscheidungen bewusst treffen, die beim ersten Mal noch eher theoretisch oder impulsiv waren.

Das zweite Mal eignet sich für die ersten Experimente und weiterführende Entscheidungen. Man kann dieselbe Droge noch einmal nehmen und überprüfen, ob sie wieder ähnlich wirkt. Oder ob sich die Wirkung verändert, wenn man die Dosis oder auch die Situation verändert, an einem anderen Ort mit anderen Freunden oder vielleicht alleine konsumiert. Das zweite Mal kann auch der Moment sein, sich gegen die Droge und gegen dieses zweite Mal zu entscheiden.

Das ist die bewusste Seite des zweiten Mal. Aber wir alle treffen unsere Entscheidungen nicht immer nur frei oder bewusst. Es gibt einen Schatten, der auf jedem von uns, auf all unseren Entscheidungen liegt – unsere Biologie, das bedeutet: unsere Gene und eben unsere unbewussten Gewohnheiten.

Routinen, Rituale und Rhythmus

Gewohnheiten haben viel mit Zeit zu tun. Es braucht Zeit, bis sie sich herausbilden, es braucht Zeit, sie zu verändern. Aber es braucht vor allem auch Zeit, bis einem die Wirkung von Alkohol, Tabak oder Cannabis vertraut ist. Bis man in der Lage ist, sich durch Drogengebrauch und Rausch zu navigieren, weil man weiß, wie man selbst unter dem Einfluss der Substanz funktioniert. Diese Zeit sollte man sich geben und es nicht überstürzen mit dem dritten, vierten oder fünften Mal. Die Sache mit der Zeit hat natürlich auch ihre Tücken – bei Tabak beispielsweise geschieht es häufig, dass man die Chance, seine Entscheidung zu korrigieren, verstreichen lässt. Weil in dem Moment, in dem man mit der Substanz vertraut ist, der Zug Richtung Nikotinsucht schon abgefahren ist. Aber grundsätzlich gilt: Experimentieren, ohne die Kontrolle zu verlieren und süchtig zu werden, ist durchaus möglich, wenn man überlegt an die Sache herangeht. Dabei ist es wichtig, sich selbst zu kennen und zu beobachten: Wie reagiere ich auf Alkohol oder Cannabis? Macht mir der Cannabis-Rausch Spaß, oder ängstigt er mich? Wie unangenehm ist mir das Kratzen im Hals?

Das alles führt zu der wichtigen Frage, wie wir grundsätzlich mit angenehmen Zuständen oder Tätigkeiten, die uns Spaß machen, umgehen. Die einen zelebrieren solche intensiven, aufregenden Erlebnisse als etwas Besonderes, Außergewöhnliches, das nicht alltäglich ist und es auch nicht sein soll, andere wollen es ständig wiederholen und so häufig wie möglich erleben. Das zweite High ist deshalb auch eine Übung in Selbstwahrnehmung: Wie funktioniert Gier, Verlangen oder Lust und Genuss bei mir? Und, auch das ist wichtig, wie ist das bei meinen Freunden oder in der Familie? Wir können auch durch Beobachten lernen: Muss man beispielsweise überhaupt Alkohol ausprobieren, wenn der große Bruder ständig besoffen und deshalb von der Schule geflogen ist? Oder reizt uns gerade das?

Das zweite Mal, der Moment, bevor die Routine einsetzt, ist der erste Wendepunkt, an dem wir entscheiden, wie es mit uns und den Drogen weitergeht. Ob sie unser Leben bereichern oder belasten. Ob wir den Rausch genießen, oder ob es geistlose, genussarme Wiederholung wird. Auch hier gilt: Abwechslung vermindert die Langeweile. Aber auch Rituale, also bewusst gewählte Abläufe und Strukturen, sind besser als stumpfe Gewohnheiten.

Bei den Highs bedeutet dieses Wiederholen einen Verlust an Spannung, neuen Impulsen und Neugier. Das Ergebnis ist dann: Langeweile, sinnentleerte Zeitverschwendung und ein gesteigertes Risiko, das eigene Gehirn auf Sucht zu trainieren. Immer wieder auf eine bestimmte Art oder in einer bestimmten Gruppe zu trinken oder zu kiffen, die einen langfristig doch eher fertigmacht, lähmt und nimmt einem Entwicklungschancen – warum sollte man das tun?

Wir denken, dass es wichtig ist, von Zeit zu Zeit Rauscherfahrungen zu machen. Dass muss nicht unbedingt mit Hilfe von Drogen geschehen, es gibt auch andere Wege, einen Rausch zu erleben – Sport, Sex, durchtanzte Nächte, sich verlieben, Musik machen, malen, in Computerspielwelten eintauchen, shoppen und vieles mehr. Sogar bei der Arbeit kann man in Rauschzustände geraten, beim Schreiben einer Hausarbeit etwa. Aber Drogen sind eben auch eine Möglichkeit dafür, eine effektive sogar. Wichtig ist, sich einen Spielraum für freie, unabhängige Entscheidungen zu bewahren.

Hier einige Hinweise, wie es gelingen kann, funktionierende Routinen zu entwickeln, die nicht einengen und Raum für neue Impulse lassen – die eigene Frequenz kann natürlich etwas höher oder auch etwas niedriger sein.

Tipps für den Umgang mit Rausch und Routine

  1. Beschränke Kiffen und Trinken auf einen klar definierten Zeitraum, zum Beispiel das Wochenende, niemals während der Schule oder der Arbeit. Wer selten konsumiert, gewinnt, wer häufig konsumiert, verliert.
  2. Trink ruhig alle paar Monate ein wenig über den Durst, um zu spüren, wo deine Grenzen liegen – das ist natürlich keine Aufforderung, dich abzuschießen!
  3. Verbringe einmal im Jahr einige Tage voller Ekstase und berauschter Lebendigkeit, zum Beispiel auf einem Festival – das geht auch ohne Drogen! –, und genieße danach wieder voller neuer Energie deinen Alltagsrhythmus.
  4. Verbringe einige Tage oder Wochen im Jahr in bewusster Nüchternheit und verzichte auf alle Stoffe, die deine Stimmung und dein Bewusstsein verändern. Nur so kannst du lernen, welche Bedeutung sie für dich haben.