Methoden-Toolbox: Explorative Filmarbeit (Teil A: Hintergründe)

Die Flut der Bilder … oder: Verstehen statt zuschauen!

„Ein Film ist kein erstarrtes ‚Werk‘, sondern eine formbare, eine bewegliche Skulptur, die man erforschen und in jedem Moment neu erfinden kann“

„Explorative Filmarbeit“ ist eine Methode, die wir in FINDER Weitebildungen vermitteln. Man kann sie mit Erwachsenen und Jugendlichen, in Schule und vielen anderen Kontexten durchführen. Ziel ist es, in den Film einzutauchen, Hintergründe zu erfassen, gewissermaßen „hinter die Kamera zu kommen“.

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Unsere Kultur kommuniziert mehr als jede zuvor mit Bildern: die Flut der analogen und digitalen Farben, der unaufhörliche Fluss von Formen und Bewegungen (nicht nur auf YouTube), die scheinbare Statik des Bildes an Häuserwänden, Werbetafeln, Zeitschriften und Zeitungen. Das „begreifbare“ Bild auf Touch-Screens. Die Liste liese sich fortsetzen. Seit den 1990ern wird lauter vom Visual turn oder Iconic turn gesprochen, wird verstanden und zu verstehen versucht, dass und wie wir nicht nur mit Sprache denken und kommunizieren, sondern „bildhaft“. Bilder strömen aus unserem Geist (im Tag- oder Nachttraum, während der Rede in Metaphern und Gleichnissen) und in diesen hinein. Sie „be-deuten“ etwas. Was? Nicht nur Philosophen, Kulturwissenschaftler und Anthropologen setzten sich damit auseinander. Lehrer, Pädagogen, Berater und eine Vielzahl von Medienberufen arbeiten täglich mit … dem Bild, dem Film, dem In-Bild und den 1000 Ideen und Emotionen, die sich an das Bild heften lassen. Mit meinem Team am Universitätsklinikum Heidelberg (Institut für Medizinische Psychologie) habe ich 2009-2011 die Grundlagen einer medienpädagogischen Arbeit mit Gruppen von Erwachsenen oder SchülerInnen entwickelt. Wir haben sie damals im Rahmen eines Präventionsprojekts mit jungen Erwachsenen angewandt. Die Methode Explorative Filmarbeit geht mit Konrad Fiedler (1841-1895) davon aus, dass das Sehen eine aktive und selbstbestimmte Tätigkeit ist („Sichtbarkeitsgebilde“), kein bloßes Eindringen von Informationen in einen menschlichen Körper oder Geist. Wir setzen uns damit ein Ziel: das passive Zuschauen durch eine aktive Exploration von Filmen zu ergänzen. „Ziehen wir uns einem Film rein“ heißt es in Jugendsprache. „Ziehen wir uns etwas heraus“ heißt es in der Explorativen Filmarbeit. Es geht um Bewusstmachung von verborgenen Flächen von Bedeutung. „Was soll mir das sagen, was ich da sehe?“ Das ergibt sich allerdings nicht nur aus dem, was im Film offen oder versteckt gezeigt wird. Die Bedeutung eines Films ist ein lebendiges Interaktionsgeschehen zwischen Zuschauer und Film. Und nicht nur das: dazu kommt die beschränkende oder ermöglichende Rolle von Normen in Gruppe, in dem Raum, in dem ein Film geschaut wird: in einem Kino, auf dem Sofa daheim, im Bus, im Flugzeug. Explorative Filmarbeit als konzentriertes, methodisches Schauens will vertiefen, verstehen, Blickwinkel verändern, mit Wahrnehmungen spielen. Sie wirkt manchmal immersiv (vertiefend, tiefer eindringend), manchmal kognitiv und emtional distanzierend. Sie geht mit Bonfadelli (2004) davon aus, dass ein Film ähnlich wie ein Textkorpus behandelt werden kann, „der zum Wissen des Zuschauers hin geöffnet ist“. Er lässt also unterschiedliche Lesarten zu, man erkennt, was „man selber in den Film hineinlegt“. Ich stelle im Blog „Mind-and-Method“ in den nächsten Wochen einzelne Methoden der „Explorativen Filmarbeit“ vor.

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Fliegende Referenzen

Iconic turn (Ikonische Wende): „Die Rede vom iconic turn war ein sympathischer, nachdenklicher Versuch, die tief in der deutschen Tradition geborgene Vorstellung von der Absolutheit, der Aura der Kunst gegen den Verbrauch der Bilder durch deren mediales Verständnis zu erretten“ Gottfried Boehm (1994)

Visualistic turn (Visuelle Wende): Die sprachlich vermittelten Formen des menschlichen Selbst- und Weltbezugs setzten immer schon nicht-sprachliche Zeichenverhältnisse voraus (Klaus Sachs-Hombach 1993)

Heinz Bonfadelli (2004) Medienwirkungsforschung 1: Grundlagen und theoretische Perspektiven. Stuttgart, UTB