Die Lebensweg-Stunde ist ein zentraler Bestandteil des REBOUND-Präventionsprogramms. Für eine Schulstunde besuchen junge Erwachsene den Unterricht und teilen ihren Erfahrungsschatz mit Schülerinnen und Schülern. So werden sie zu Mentoren und können wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Jugendlichen geben. Am 16.09.2020 fand im neuen FINDER-Büro in der Boxhagener Straße ein Workshop für die ehrenamtlichen Mentoren und Mentorinnen der FINDER-Akademie statt.

„Corona bedingt wurden im letzten halben Jahr keine Lebensweg-Stunden an Schulen durchgeführt“, erklärt Josie Janneck, Mentoren-Koordinatorin bei FINDER. „Mit diesem Workshop zeigen wir: Wir sind wieder da!“ Josie lächelt. Es ist der erste Workshop dieser Art, den sie unter Mithilfe von Marie Kemkes und Patrick Wentorp organisiert hat. „Es ist mir wichtig, jede einzelne Mentorin – egal ob mit oder ohne Erfahrung – abzuholen und heute Abend einen offenen Raum zu bieten, in dem wir uns austauschen und von- und miteinander lernen.“

 

Inhaltlich liegt der Fokus des Workshops darauf, mit welchen Werkzeugen die Mentoren der Verlauf der Lebensweg-Stunde beeinflussen können. „Um 8 Uhr morgens sind die wenigsten Schülerinnen redselig. Oft haben wir es auch mit einer anfänglichen Verunsicherung zu tun, was denn nun von den Schülern erwartet wird – einfach Fragen stellen und erzählen, das sind die meisten aus dem klassischen Unterricht nicht gewöhnt“, erklärt Josie. Um die Selbstsicherheit der Mentorinnen im Umgang mit den Schülerinnen und Schülern zu stärken, vermittelt sie im ersten Teil des Workshops Grundlagen der Gesprächsführung. Unter anderem mit Verweis auf Carl Rogers und durch das Teilen und Reflektieren eigener Erfahrungen wird deutlich: Die eigene Haltung ist die Basis eines guten Gesprächs. Bin ich mit meiner ganzen Aufmerksamkeit bei meinem Gegenüber, höre wohlwollend zu und hake nach, wenn ich etwas nicht verstanden habe? Kann ich mit Schweigen umgehen? Und was, wenn das Gespräch so gar nicht in Gang kommt?

 

Eisbrecher als Werkzeug

 

Für dieses Worst-Case-Szenario hat Marie einige praktische „Eisbrecher“ für die Mentoren vorbereitet, die sie direkt mit der Gruppe ausprobiert. Es werden Stühle im Kreis balanciert, Gesten und Geräusche durch den Raum geworfen und vor allem gelacht wird viel. Und was später mit den Schülern funktionieren soll, funktioniert auch jetzt mit den Mentoren: Die Stimmung ist gelockert, in der anschließenden Pause finden sich die Teilnehmer des Workshops für Gespräche zusammen und lernen sich besser kennen.

 

Was bedeutet es, einen Raum zu öffnen?

 

Im weiteren Verlauf des Abends beleuchtet Patrick die Metapher des „Raum-Öffnens“ aus einer philosophischen Perspektive. Anknüpfend an Josies Vortrag betont auch er die Bedeutung der inneren Haltung: „So, wie ihr euch in eurem Inneren fühlt, fühlen sich auch die anderen bis zu einem gewissen Grad. Macht euch dieses Wissen um eure Ausstrahlung zu Nutze und schafft von Anfang an einen offenen Raum. Indem ihr euch authentisch zeigt, bietet ihr auch den Schülern die Möglichkeit dazu.“ Kurz bekommt jede Mentorin die Gelegenheit, sich zu fragen, wie ein solch offener Raum sich für sie im Inneren anfühlt, dann eröffnet jede Einzelne vor der Gruppe den Raum – ganz so, wie sie es zu Beginn eines Lebensweg-Stunde vor einer Schulklasse tun würde.

 

 Lebenswege sind nicht linear

 

Anschließend teilen die Mentorinnen und Mentoren sich – ebenfalls ganz so, wie später in der Schule – in Kleingruppen auf und üben den weitern Ablauf der Lebenswege-Stunde miteinander. „Also, ich stelle mich einfach nochmal kurz vor und frage die Schüler dann, welches Berufsziel sie haben“, berichtet Anne, die schon mehrmals als Mentorin im Einsatz war. „Oft ergeben sich dann darüber Gespräche über Lebensziele. Manchmal kommt auch der Leistungsdruck zur Sprache, unter dem einige Schüler stehen.“ Einige, bereits erfahrene Teilnehmerinnen nicken zustimmend. Dann meldet Nathalie sich, eine neue Mentorin, der ihre erste Stunde noch bevorsteht. „Ich habe meine Ausbildung abgebrochen und bin erst über Umwege zu meinem Psychologie-Studium gekommen. Sollte ich das erzählen?“ Josie strahlt: „Klar! Genau darum geht es doch: Den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, dass Lebenswege nicht immer nur linear verlaufen, sondern es Höhen und Tiefen, Herausforderungen und manchmal eben auch Umwege gibt. Das spannende ist dann: Wie seid ihr mit damit umgegangen? Was habt ihr für euch gelernt? Teilt euren Erfahrungsschatz!“

 

Mentorinnen sind weder Therapeutinnen noch Pädagoginnen

 

Ganz so, wie Josie es sich zu Beginn der Veranstaltung gewünscht hat, wird die Kleingruppe zu einem Lernraum, in dem alte und neue Mentoren von der Neugier und dem Wissen des jeweils anderen profitieren. Was zum Beispiel, wenn jemand in Tränen ausbricht? „Genauso, wie ihr bildlich gesprochen einen Raum öffnet, könnt ihr auch einen Raum halten. Für mich heißt das konkret: Ich bin okay mit allen aufkommenden Emotionen und betrachte sie als Teil des authentischen Selbstausdrucks. Also springe ich weder direkt auf, um Tränen zu trocknen, noch versuche ich krampfhaft so zu tun, als sei alles okay – denn das ist es in dem Moment nicht. Wenn man den Jugendlichen diesen Raum lässt, handeln sie meist oft ganz intuitiv so, wie sie es gerade brauchen“, berichtet Josie. Doch was, wenn der Grund für die Tränen heikel ist – beispielsweise, weil in der Familie Missbrauch stattfindet? Für einen Moment herrscht in der Gruppe Schweigen. Statistisch gesehen ist es wahrscheinlich, dass mindestens ein Schüler in der Klasse solch schwerwiegende Probleme hat. „Ganz wichtig: Ihr seid Mentorinnen, keine Therapeutinnen oder Pädagoginnen. Am Ende einer jeden Lebensweg-Stunde füllt ihr einen Bogen aus, in dem ihr auch von den Herausforderungen eures Einsatzes berichtet. Der wird dann von FINDER bearbeitet. Und solltet ihr beispielsweise mit einem Missbrauch in Berührung kommen, dann könnt ihr euch sicher sein, dass wir euch auffangen und Hilfe für die betreffende Person in die Wege leiten.“

 

Das Mentoren-Netzwerk wächst

Am Ende des Abends finden die Mentoren sich wieder in der großen Gruppe zusammen. Knapp vier Stunden lang haben sie gemeinsam gelernt, sich ausprobiert und auf ihren nächsten Einsatz vorbereitet. „Ich bin sehr dankbar für die Gestaltungsideen und den Austausch“, meint Jessi. „Mich hat der Workshop dazu inspiriert, auch in meinen alltäglichen Gesprächen mehr auf meine innere Haltung zu achten“, meldet Amelie zurück. Nummern werden ausgetauscht, manche sind müde und fahren nach Hause, andere ziehen noch gemeinsam los in eine Bar. Josie ist zufrieden – und hofft, dass das Mentoren-Netzwerk in den nächsten Monaten weiter wächst. Lust mitzumachen? Weitere Informationen gibt es hier.

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