RISIKOVERHALTEN IM JUGENDALTER

Der nachfolgende Blogbeitrag widmet sich der Lebensphase Jugend im Allgemeinen und fokussiert im Speziellen riskante Verhaltenspraktiken, ein ubiquitäres und „kardinales Bestimmungselement“ (Raithel, 2011, S. 9) jener Entwicklungsphase.
Neben der Klärung grundlegender Begriffe und einer Darstellung der für eine Konzeptualisierung der Lebensphase Jugend notwendigen theoretischen Bezüge, werden die relevantesten Risikoverhaltensweisen exemplarisch dargelegt und vor dem Hintergrund möglicher Ansatzpunkte für Interventionen entfaltet. Dabei bezieht sich der Beitrag überwiegend auf die grundlegenden und umfassenden Arbeiten von Jürgen Raithel (2001; 2003a,b,c; 2011).

LEBENSPHASE JUGEND

Jugend ist der Lebensabschnitt zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, also die Alterskohorte zwischen ca. 13 und 25 Jahren. Menschen in dieser Lebensphase werden Jugendliche genannt, bilden jedoch keine homogene soziale Gruppe (Hurrelmann & Quenzel, 2012), „da die sozialstrukturellen und soziokulturellen Bedingungen des Aufwachsens […] sich in der Gegenwartsgesellschaft so ausdifferenziert [haben], dass Jugend nur im Plural gedacht werden kann“ (Hoffmann & Mansel, 2013, S. 436).
Zur Annäherung an eine Definition der Lebensphase Jugend gilt es den Blick auf die „qualitativ und quantitativ […] sehr heterogene[n] Entwicklungsprozesse“ (Raithel, 2011, S. 14) zu richten. Diese umfassen biologische, psychische und soziale Systemebenen (Krettenauer, 2014). Aus soziologischer Sicht ist „Jugend […] eine biologisch mitbestimmte, aber sozial und kulturell „überformte“ Lebensphase, in der das Individuum die Voraussetzungen für ein selbständiges Handeln in allen gesellschaftlichen Bereichen erwirbt“ (Raithel, 2011, S. 14).
Den Beginn des Jugendalters markiert der Eintritt in die Adoleszenz, ein biologisches Transitorium, welches durchschnittlich bei Mädchen im Alter von 11 Jahren und bei Jungen im Alter von 13 Jahren beginnt und mit der Ausbildung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale (Pubertät) sowie verstärktem Größenwachstum verbunden ist (Steinberg, 2005; Tanner & Whitehouse, 1976). Die darauffolgenden Jahre der mittleren Adoleszenz (15-17 Jahre) sind von zunehmenden Anforderungen durch die Gesellschaft geprägt (Entwicklungsaufgaben). Zugleich beginnt ein Entkopplungsprozess von den primären Bezugspersonen (Individuation) bei zunehmender Relevanz der Peer-Group und (Jugend-)Subkulturen. Aufgrund der weiteren Ausdehnung der Jugendphase durch die Verlängerung der Bildungszeit in das frühe Erwachsenenalter (ca. 18-25 Jährige, „Postadoleszenz“; Baacke, 1987), ist eine exakte Festlegung der Zeitspanne der Lebensphase Jugend nicht möglich. Die Abnahme kollektiver Stabilität durch den Wegfall traditioneller Verbindlichkeiten im Kontext zunehmender gesellschaftlicher Pluralisierung gefährdet dabei laut Raithel (2011, S. 18) das “Entwicklungsziel einer gelungenen Identitätsfindung” bzw. die Ausbildung einer Ich-Identität sensu Erikson (1959).
Dieser beschreibt den Lebenszyklus des Menschen in acht Stadien, die ein Individuum durchläuft. Dabei ist jedes Stadium durch phasenspezifische, psychosoziale Krisen und Anforderungen geprägt, deren Lösung zum Fortschreiten innerhalb der Entwicklungsphasen führt (Erikson, 1973). Die psychosozialen Krisen „werden als eine Reihe von Alternativen in der Grundeinstellung bezeichnet“ (Rotter & Hochreich, 1979, S. 47). So ist das Stadium der Adoleszenz (Phase V) durch den Konflikt „Identität gg. Identitätsdiffusion“ (Erikson, 1973, S. 151) geprägt, dessen verzögerte Bewältigung zu einem psychosozialen Moratorium führen kann. Nach Raithel ist die „explizite Gegenwartsorientierung mit einer starken Abgrenzung von der älteren und einer verstärkten Hinwendung zur altershomogenen Generation“ (2011, S. 19) kennzeichnend für das Moratoriumskonzept. Dieses grenzt sich von einer rein transitorischen und damit eher defizitorientierten Sichtweise der Adoleszenz ab, die deren Zweck in der „Assimilation an die Erwachsenengeneration“ (ebd.) ausmacht.
Auch der Gesetzgeber rekurriert auf den Reifegrad heranwachsender Menschen und definiert Jugendliche im Sinne des bundesdeutschen Jugendschutzgesetzes als „Personen, die 14, aber noch nicht 18 Jahre alt sind“ (§1 Abs. 1 S. 1 JuSchG). Auch in anderen Gesetzen wird zum Teil auf biologische Reifegrade Bezug genommen und implizit die Setzung von Entwicklungsaufgaben vorgenommen (Tabelle 1)

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