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Die unfreundliche Seite von Ecstasy

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

Was beim Gebrauch von Ecstasy schief gehen kann

Die Natur der negativen Zustände ist genauso komplex wie die ihrer Geschwister, der Highs. Während Neurowissenschaftler einen Rausch auf der Ebene von Gehirnstrukturen und Botenstoffen betrachten und beschreiben können, welche organischen Prozesse in unseren Köpfen ablaufen, ist der individuelle Eindruck des Berauschten viel komplexer und von vielen anderen Faktoren abhängig. Wie auch beim High spielen beim Down neben der Droge selbst eben auch Set und Setting eine Rolle. Das Gehirn ist ein Organ, das mit Lust und Unlust auf angenehme und unangenehme Reize reagiert. Bei angenehmen Reizen möchte es Wiederholung, unangenehme möchte es vermeiden. Das ist der einfache Teil der Geschichte. Aber das Gehirn ist auch ein Organ, in dem komplexeste Gedanken-, Gefühls- und Bewusstseinsprozesse wirken. Da wird es schwieriger.

Am Beispiel einer Ecstasy- oder Ketaminerfahrung sieht man, wie unterschiedlich sich ein Down gestalten kann. Die meisten Menschen suchen die Ecstasy(MDMA-)Erfahrung, weil das High von friedlicher Selbstakzeptanz, verbesserter Selbsterkenntnis, zeitweiliger Euphorie, Angstminderung und gesteigerter Einfühlungsfähigkeit geprägt ist. Diese Theorie deckt sich mit der Erfahrung von Millionen Usern.

Die mentale Wachheit wird schon bei einer geringen Dosierung verändert. Das kann bedeuten, dass Aufmerksamkeit und Energie erhöht sind und damit auch Aktivitäten wie ekstatisches Tanzen angeregt werden. MDMA kann aber auch die Aufmerksamkeit so erhöhen, dass sie in einen entspannten, meditationsähnlichen Zustand führt. Selten erleben Menschen auch eine große innere Ruhe.

Bereits bei Eintritt der Wirkung, typischerweise nach 15 bis 60 Minuten, erleben manche Menschen allerdings auch Phasen von Übelkeit, Beschleunigung des Pulses und Atems oder Unruhe. Das liegt daran, dass MDMA einen Teil des Nervensystems, den Sympathikus, aktiviert. Der Sympathikus ist eigentlich für nach außen gerichtete Handlungen zuständig, zum Beispiel für die Kampf- oder Fluchtimpulse in Bedrohungssituationen.

Auch während der Rauscherfahrung können unangenehme Symptome wie erhöhte Körpertemperatur oder Herzrhythmusstörungen auftreten, manchmal übergeben sich Menschen. Diese Nebenwirkungen treten allerdings nicht häufig auf. Ein eher verbreitetes akutes Down-Symptom ist die Verkrampfung der Kaumuskulatur mit stundenlangem Zähneknirschen, was während des Trips noch als einigermaßen angenehm erlebt oder gar nicht wahrgenommen wird, nach dem Trip aber durchaus unangenehm sein kann. Dieses Phänomen wird medizinisch als »Bruxismus« bezeichnet.

Die meisten Menschen empfinden die gesteigerte Berührungssensibilität, die sie auf MDMA oder ähnlichen Drogen erleben, als sehr angenehm, auch in Verbindung mit körperlicher Nähe oder Sex. Für andere ist aber gerade diese Erfahrung schwierig. Möglicherweise, weil mit der Aktivierung des Langzeitgedächtnisses auch Erinnerungen an unangenehme Erlebnisse wie sexuellen Missbrauch oder körperliche und psychische Gewalterfahrungen wieder auftauchen. Hier ist wieder die Umgebung wichtig, in der Drogen genommen werden – ein angenehmes, entspanntes Umfeld und gute Freunde, die einen während des Trips begleiten, können vor unangenehmen Erfahrungen schützen. Aber auch das funktioniert leider nicht immer.

Tipps zur Risikominimierung für Ecstasy-User

  • Pillen oder Pulver vor dem Konsum anonym im Labor auf Inhaltsstoffe testen lassen
  • Grundsätzlich gering dosieren und nicht beliebig kombinieren, zu Ecstasy kein Speed nehmen und auf Alkohol verzichten oder diesen stark reduzieren
  • Regelmäßig Wasser, Säfte oder auch Tee trinken, um den erhöhten Flüssigkeitsverbrauch auszugleichen
  • Tanzpausen einlegen und Frischluft tanken, um Hitzschlag zu vermeiden
  • Bei Toleranzentwicklung (gleiche Dosis wirkt schwächer) Pillenpause von mindestens einem Monat einlegen
  • Vor wichtigen Lebensentscheidungen einige Wochen Konsumpause einlegen

Nach oder auch während des eigentlichen Highs können sich grundsätzlich heftige Emotionen und Erinnerungen bemerkbar machen, die Aufmerksamkeit fordern. Ob dieser Zustand als Down erlebt wird oder zu einem Down führt, hängt wesentlich davon ab, wie man mit diesen Erfahrungen umgeht. Sich zum Beispiel enthemmt auszuheulen kann befreiend sein, wenn man nicht verspottet wird oder sich danach schämt.

Die körperlichen Folgen des Ecstasykonsums 

Auch die Verringerung der Empfindsamkeit für lebenswichtige Körpersignale während des Ecstasy-Rausches kann zu einem üblen und gefährlichen Down führen. Hunger, Durst oder Schmerzempfinden werden heruntergeregelt und kaum noch wahrgenommen. Das kann vor allem in einem Club oder auf einer Party problematisch sein: Während die meisten Menschen durchaus vier bis acht Stunden ohne Nahrungsmittel auskommen – natürlich schadet Energiezufuhr über zucker- und kohlenhydrathaltige Snacks nie –, ist es riskant, längere Zeit nicht zu trinken. Vor allem, wenn man intensiv und ausdauernd tanzt oder aus anderen Gründen schwitzt und so Flüssigkeit verliert.

Länger anhaltende Down-Erfahrungen finden in der Regel im Anschluss an den Trip statt. Viele Menschen erleben dann eine tiefe körperliche Erschöpfung, die aber durch ein bis zwei Tage Ruhe mit viel Schlaf und viel Flüssigkeit ausgeglichen werden kann. Diese Erholungsphase sollte man einplanen, damit nicht Arbeit oder Schule unter dem Down leiden.

Zur typischen Stimulanzienwirkung gehört auch Schlaflosigkeit. Hier unterscheiden sich Menschen sehr in ihrer Toleranz für durchwachte Stunden und Nächte. Auf jeden Fall ist es selten eine gute Idee, die Schlaflosigkeit, ein wichtiges Signal des Körpers, mit Schlafmitteln zu bekämpfen. Das belastet den Körper zusätzlich und lässt das Regenerationsbedürfnis weiter ansteigen. Alkohol während und direkt nach dem MDMA-High zu trinken verstärkt die negativen Symptome nach einer MDMA-Erfahrung.

Die psychischen Folgen des Ecstasykonsums

Die intensive Nähe während der MDMA-Erfahrung verführt zu übereilten, spontanen Entscheidungen, was Liebe oder Freundschaft betrifft, zeitlicher Abstand zur Rauscherfahrung vor wichtigen Beziehungsentscheidungen ist ratsam. Hier gilt die Faustregel: »Don’t marry 30 days after MDMA.«

Die psychische Seite der Ecstasy-Regeneration ist schwierig, wenn man sich nicht genug Zeit dafür nimmt: Viele Konsumenten erleben neben der Müdigkeit bei gleichzeitigen Schlafschwierigkeiten Depressionen, sehr selten auch Angstattacken oder generell gesteigerte Gefühlsintensität, die zwar häufiger einen positiven Grundton hat, aber eben nicht immer. Das kann nicht nur für einen selbst belastend sein, es kann auch zu Streit und Unfrieden in der Wohngemeinschaft, Familie oder Partnerschaft beitragen – etwas, das man gerade in der Regenerationsphase nicht unbedingt erleben möchte.

Wenn es ganz schlecht läuft, dann kann ein Ecstasy-Konsument auch sehr ausgeprägte Downs erleben: akute, kurz- oder mittelfristig einmalig oder wiederholt auftretende psychotische Reaktionen. Während einer Psychose ist das Erleben geprägt von Verwirrung, intensiven Gefühlen, Sinnestäuschungen, Wahnphänomenen wie zum Beispiel Verfolgungswahn und Ähnlichem. Das ist allerdings eine seltene Ausnahme. Wer Blutsverwandte hat, die unter Psychosen leiden, sollte sich dennoch gründlich überlegen, ob er Drogen wie MDMA oder Cannabis nehmen möchte, denn die Gefahr, das auch zu erleben, ist dann deutlich erhöht.

Weniger selten ist die Konfrontation mit Erinnerungen und Gefühlen, die ein Ecstasy-Rausch wieder hervorbringen kann. Eigentlich ist das gut – man nähert sich unangenehmen Teilen der Vergangenheit, die man vergessen oder verdrängt hat. Das bietet die Möglichkeit, sich mit diesen Erinnerungen erneut auseinanderzusetzen und sich im besten Fall mit dem Chaos auszusöhnen, das man erlebt hat. Aber damit das gelingt, sind günstige Voraussetzungen wichtig. Neben dem Willen und der Bereitschaft, auch unangenehme Gefühle auszuhalten und ernst zu nehmen, braucht man verständnisvolle Menschen im Umfeld, die einen unterstützen, oder professionelle therapeutische Hilfe. Wenn der Drogenkonsum oder seine Folgen dich überfordern, ist es kein Zeichen von Schwäche, das auch zuzugeben und Hilfe zu suchen.

Serotonin ist ein Gewebshormon und Botenstoff (Neurotransmitter) im zentralen Nervensystem. Es dämpft Angstgefühle, Aggression und das Hungergefühl und führt zu innerer Ruhe und Zufriedenheit.

Das gilt verstärkt, wenn häufig hohe Dosen MDMA oder verwandte Stoffe wie MDE, MDA, Methylon konsumiert werden. Ob der Körper in der Lage ist, den Serotoninspiegel im Laufe der Monate und Jahre wieder vollständig anzuheben, ist wissenschaftlich immer noch umstritten. Unbestritten ist allerdings, dass eine Regeneration stattfindet.

Zu hoch geflogen und die Flügel verbrannt, auf dem Boden angekommen – Down Sein

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

 

»So geht es mit Tabak und Rum: Erst bist du froh, dann fällst du um.«

Wilhelm Busch (1832 – 1908), deutscher Dichter und Zeichner, Erfinder von Max und Moritz

Down Sein 

Die Begegnung mit Rauschmitteln endet immer wieder in kleinen oder größeren Katastrophen: Die ersten Alkoholerfahrungen sind oft mit Überdosierungen und Exzessen verbunden, mit Kotzen, Übelkeit, Schwindel oder Filmriss, mit peinlichen Selfies oder sexuellen Erfahrungen, die man schnell wieder vergessen möchte. Jeder Kiffer erlebt früher oder später, dass es auch sehr unangenehme Bewusstseinszustände gibt – Verfolgungswahn, Paranoia oder Gedankenschleifen, in denen man sich ungewollt und wie zwanghaft immer wieder mit denselben Gefühlen, Vorstellungen oder Ängsten beschäftigt. Andere mögliche Ausdrucksformen des Downs sind epileptische Anfälle und Delirium oder sogar ein Kreislaufkollaps. Es gibt die kleinen, kurzfristigen, akuten Downs. Sie können während und nach einer Rauscherfahrung auftreten und sind auf den ersten Blick als unangenehme Folgen des Drogenkonsums zu erkennen, wie zum Beispiel der klassische Kater, nachdem man zu viel getrunken hat. Und es gibt die langwierigen, chronischen Downs – häufig in Verbindung mit jenem allmählich einsetzenden Kontrollverlust, der in die Abhängigkeit mündet. Das Tückische ist, dass viele Downs sich oft leise anschleichen und gar nicht als solche erkannt oder einfach verdrängt werden.

Die Erfahrung nutzen

Viele Menschen lernen schnell aus Downs, sie sind in der Lage, nach schlechten Erfahrungen ihren Umgang mit Drogen zu verbessern und gesündere Konsummuster zu entwickeln. Die meisten Menschen, die Drogen nehmen, wollen schließlich nicht ihr Leben ruinieren, sondern intensive, bereichernde, aufregende Erfahrungen machen. Oder einfach nur Spaß haben. Aber manchmal lernt man spät, reagiert verzögert oder auch gar nicht. Dann kann oft ein Impuls von außen helfen oder auch die Erfahrung, auf dem Boden aufzuschlagen – nichts geht mehr, alles ist gescheitert. Danach kann man sich wieder aufrappeln, den Staub abklopfen und es beim nächsten Mal besser machen. Eine Lektion, die auch Kampfsportler kennen: Fallen muss nicht das Ende einer Bewegung sein, es kann sogar ein wichtiger und hilfreicher Teil davon sein – wenn wir unseren Fall so abfangen können, dass wir keinen langfristigen Schaden nehmen und es danach schaffen, wieder aufzustehen und weiterzugehen. Downs können also auch eine wichtige Lektion sein. Wir können durch sie unsere Grenzen erkennen und einen Anreiz erhalten, unsere Strategien und Überzeugungen zu überdenken und zu verbessern. Sie sind wie die erste schlechte Schulnote, der erste Freund oder die erste Freundin, die uns verlässt; ein Unfall oder eine Krankheit, die uns erkennen lassen, dass wir nicht unverletzlich oder unsterblich sind. Downs sind manchmal Teil eines Trips, manchmal tauchen sie nach einem Trip auf. Gelegentlich können sie Tage und Wochen andauern. Grundsätzlich neigen wir Menschen allerdings dazu, schlechte Erfahrungen schnell zu vergessen.

Die Downs, die bei dem Konsum verschiedener Drogen auftreten können, haben einige Gemeinsamkeiten. Neben dem Gefühlswirrwarr und den Stimmungsschwankungen gibt es eine Fülle körperlicher Symptome. Aber der wohl bedeutendste Hinweis darauf, dass etwas gewaltig schiefläuft, ist das Craving. Es wird als »unstillbares Verlangen« definiert, die jeweilige Substanz wieder einzunehmen. Neben den Entzugserscheinungen beim Absetzen einer Droge und der Entwicklung von Toleranz ist es der wichtigste Hinweis auf eine beginnende oder bestehende Abhängigkeit.

Typisch beim Craving ist, dass es die Absichten des Betroffenen untergräbt und sich der Kontrolle des Willens entzieht. Es gelingt nicht, den Drogenkonsum zu reduzieren oder ganz damit aufzuhören, obwohl man spürt, dass alles aus dem Ruder läuft und die Droge unverhältnismäßig viel Schaden anrichtet – Beziehungen, Freundschaften, schulisches oder berufliches Weiterkommen, die Gesundheit ruiniert oder gar das Leben gefährdet. Trotzdem greift man wieder und wieder zur Droge. Ein ziemlich übles Down, das lebensbedrohlich sein kann. Klar, man kann auch das Craving und sogar eine Sucht überwinden: Millionen von ehemaligen Abhängigen haben das bewiesen. Aber es ist ein sehr harter Weg.

Das Down als (Um-)Weg zu Drogenmündigkeit und Selbstkontrolle

Das Down ist, wie gesagt, ein Signal. Wer aus dem Kater am nächsten Morgen oder den Nebenwirkungen des Drogenkonsums lernt, lernt damit auch, den Tiger zu reiten – er kann seine Fähigkeiten, mit Drogen und Rausch umzugehen, verbessern. Lernen heißt, die passende Droge und die richtige Dosis, den persönlichen Rhythmus und funktionierende Regeln zu finden und so die Downs weitmöglichst zu reduzieren, überschaubar und beherrschbar zu gestalten. Und die richtigen Freunde zu finden, die einen dabei unterstützen. Weil das Down ein Signal ist, das helfen kann, klarer im Kopf zu werden und den eigenen Drogengebrauch besser einzuschätzen und zu gestalten, halten wir es für keine gute Idee, die Downs mit Kopfschmerztabletten oder Schlafmitteln zu bekämpfen und wegzumachen. Klar, es kann in bestimmten Situationen auch richtig und wichtig sein, den Kater oder den Hangover mit Medikamenten zu bekämpfen, um in der Schule oder bei der Arbeit zu funktionieren. Aber als dauerhafte Strategie eignet sich das nicht. Wer die negativen Effekte nicht spüren will und alle unangenehmen Begleiterscheinungen ausblenden möchte, baut sich eine breite Straße ins Schattental und im schlimmsten Fall zur Sucht.

Wer sich mit den unangenehmen Seiten des Rausches auseinandersetzt, kann einen positiven Umgang mit den veränderten Bewusstseinszuständen stärken. Wer aber vor dem Down wegläuft, wird vermutlich davon eingeholt.