Die FINDER-Akademie steht für Wissenschaftlichkeit. Sie setzt sich ein für evidenzbasierte Prävention und bietet im Rahmen des Europäischen Präventionscurriculums (EUPC) ein mehrtägiges Weiterbildungs- und Qualifizierungsprogramm an. Das Ziel: Entscheidungsträgern aus Politik und Verwaltung sowie Meinungsmacherinnen fachliche Kompetenz vermitteln, die zu guter Präventionspraxis in Kommunen und Organisationen führt. Ein Einblick in das zweitägige Basismodul.

 

Über Prävention zu berichten ist schwer – vor allem, wenn sie gut ist. Denn gute Prävention wirkt, bevor etwas Erzählenswertes geschieht. Es geht um Brandschutz, und nicht um Feuerlöschen. Langweilig ist das Thema deswegen trotzdem nicht. Denn mithilfe von Prävention werde zivilisatorischer Fortschritt möglich, stellt Melanie Blinzler, Geschäftsführerin des Präventionsrats Oldenburg und Teilnehmerin des EUPCs Berlin zu Beginn der Veranstaltung fest. Sie nimmt teil, weil über gute und gut begründete Prävention Bedingungen geschaffen werden können, in denen Menschen sich bestmöglich entwickeln können.

 

Grundlagen der Prävention

 

Wichtig zu verstehen: Egal, ob es um Sucht, Gewalt oder Krankheit geht, die Grundlagen der Prävention sind ähnlich. Um diese besser zu begreifen, beschäftigen die Teilnehmer sich zunächst eingehend mit einem Ätiologie-Modell (siehe Bild) und ergründen durch Diskussionen und Gruppenarbeiten die verschiedenen Faktoren, die zum Entstehen eines bestimmten Verhaltens beitragen. Das EUPC vermittelt dabei einen umfassenden Blick: Nicht nur Persönlichkeitseigenschaften wie zum Beispiel Impulsivität können dazu führen, dass jemand Substanzen missbraucht oder gewalttätig wird, auch Umweltfaktoren haben einen großen Einfluss auf unser Verhalten. Konkret heißt das: Wo es keinen Zigarettenautomaten in Laufweite gibt, rauchen Schüler und Schülerinnen in ihrer Pause seltener. Zumal, wenn das Klassenklima angenehm ist und die Jugendlichen gerne in der Schule sind.

 

Wissenschaft als Basis

 

Bei genau diesen, teils unscheinbaren Einflüssen, beginnt wissenschaftsbasierte Prävention. Mithilfe von Epidemiologie werden diejenigen Faktoren identifiziert, die mit der Entstehung und dem Verlauf von beispielsweise problematischem Substanzkonsum und den damit assoziierten Verhaltensweisen verbunden sind. Anschließend können auf Basis dieses Wissens wirksame Strategien entworfen werden, um die identifizierten Risikofaktoren zu minimieren und Schutzfaktoren aufzubauen. Wird dies getan, entstehen Präventionsprogramme, die auf mehreren Ebenen ansetzen und somit den im europäischen Präventionscurriculum formulierten Qualitätsstandards entsprechen. Diese Standards sind ein hilfreiches Entscheidungskriterium, wenn es darum geht, für welches Programm sich beispielsweise eine Kommune entscheidet, in welcher der Cannabis-Konsum unter Jugendlichen steigt.

 

Von der Theorie in die Praxis

 

Um solche und ähnliche Beispiele geht es bei der EUPC-Weiterbildung immer wieder. Durch sich an jede Einheit anschließende Diskussionen und Gruppenarbeiten wird das theoretisch vermittelte Wissen direkt zurück in die Praxis geholt. Dabei entsteht ein Miteinander verschiedener Berufsgruppen und Institutionen, das viele in ihrem Arbeitsalltag vermissen. Lebhaft diskutieren die Teilnehmer und Teilnehmerinnen über Richtlinien für die Kommunikation zwischen Polizisten und Sozialarbeitern. Ein Verständnis für die Handlungslogik des jeweils anderen entsteht und Perspektiven für engere Zusammenarbeit bei gleichzeitig klarer Aufgabenteilung zeigen sich.

 

 

Fokus Verhältnisprävention

 

Der Fokus des EUPC-Qualifizierungsprogramms liegt dabei vor allem am zweiten Tag auf der Verhältnisprävention. In einer globalisierten Gesellschaft wird der Einzelne von einer Vielzahl von Akteurinnen sozialisiert und es zeigt sich als wirksam, Lehrern, Eltern und anderen wichtigen Instanzen ihren Einfluss bewusst zu machen. Durch Qualifizierungsmaßnahmen kann dieser Einfluss gezielt auf eine positive Entwicklung der den Sozialisierungsinstanzen anvertrauten Menschen gelenkt werden. Dabei sei es wichtig, das eigene Menschenbild und die eigene Vision immer wieder zu hinterfragen und die eigentliche Zielgruppe eines solch verhältnispräventiven Ansatzes nicht aus den Augen zu verlieren, betont Referent und Mitgründer der FINDER-Akademie Henrik Jungaberle. Ansonsten bestehe die Gefahr totalitäreren Denkens und autoritären Handelns.

 

Prävention und Politik

 

Damit bekommt Verhältnisprävention eine ethische Komponente. Und nicht nur das: Verhältnisprävention ist auch politisch. Wenn es um Altersbeschränkungen für alkoholische Getränke geht, zum Beispiel, oder um Rauchverbote und Tabaksteuern. Immer wieder müssen Menschen miteinander verhandeln, wie sie ihre Lebenswirklichkeit gestalten wollen. Um sich bei solchen Verhandlungen einsetzen zu können für eine wissenschaftsbasierte Prävention, die möglichst vielen Menschen ein gutes und gelungenes Leben ermöglicht, lernen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen am zweiten Tag der Weiterbildung, Runde Tische und Medienkampagnen zu organisieren und Diskussionen zu führen. Das wichtigste Argument lautet dabei immer wieder: Wissenschaftlichkeit. Denn wenn etwas erwiesenermaßen Nutzen für ein gesellschaftliches Problem bringt – warum setzt man es dann nicht um?

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