Prävention wird Schulentwicklung
Was das neue Gutachten der KMK-Kommission für jede Schule bedeutet – und welche Instrumente bei der Umsetzung helfen
inBildung, Forschung, Gesundheit, Prävention27. März 2026
Schulen sollen künftig nicht nur Lesen, Rechnen und Schreiben messen – sondern auch Wohlbefinden, Zufriedenheit und soziale Eingebundenheit ihrer Schülerschaft. Und zwar verbindlich. Das fordert die Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK (SWK) in einem Gutachten, das im März 2026 erschienen ist und das die Schulentwicklung in Deutschland für die nächsten Jahre prägen wird (SWK, 2026).
Das Gutachten umfasst rund 150 Seiten mit 14 Empfehlungen. Die Kernaussage ist klar: Schulen brauchen bessere Daten – nicht nur über Fachleistungen, sondern über die gesamte Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Und sie brauchen Verfahren, die aus diesen Daten konkrete Maßnahmen ableiten (SWK, 2026, S. 7).
Für viele Schulen klingt das nach einer weiteren Aufgabe auf einem ohnehin vollen Schreibtisch. Aber es gibt eine gute Nachricht: Was das Gutachten fordert, wird an vielen Schulen und in vielen Kommunen bereits praktiziert – mit Verfahren, die genau dafür entwickelt wurden. Dieser Beitrag zeigt, was das Gutachten verlangt, warum es für jede Schule relevant ist und welche Instrumente bei der Umsetzung helfen.
Das Gutachten adressiert sechs Handlungsfelder, von der Unterrichtsentwicklung bis zum Systemmonitoring. Vier Forderungen sind für die praktische Arbeit an Schulen besonders relevant:
1. Sozial-emotionale Daten erheben – aus Schülersicht. Wie geht es den Kindern und Jugendlichen an der Schule? Fühlen sie sich zugehörig? Werden sie gemobbt? Sind sie motiviert? Bisher erfassen deutsche Schulen diese Fragen kaum systematisch (SWK, 2026, S. 15). Die SWK fordert, das zu ändern: Verpflichtende Erhebungen zu Wohlbefinden, schulischer Zufriedenheit und sozialer Eingebundenheit sollen fester Bestandteil der Schulentwicklung werden – gleichrangig neben Lernstandserhebungen wie VERA (SWK, 2026, S. 44).
2. Schulentwicklung als datengestützten Kreislauf gestalten. Das Gutachten stellt fest, dass bestehende Schulprogramme häufig weder auf Daten basieren noch klare Ziele und Indikatoren enthalten (SWK, 2026, S. 47). Stattdessen fordert die SWK einen Kreislauf: Datengestützte Bestandsaufnahme, daraus abgeleitete Ziele, evidenzbasierte Maßnahmen, Überprüfung der Wirksamkeit – und das jährlich fortgeschrieben (SWK, 2026, S. 63).
3. Schulen nicht mit Daten alleinlassen. Daten allein verändern nichts. Die SWK betont, dass Schulen professionelle Begleitung brauchen: Beratung bei der Interpretation von Befragungsergebnissen, Unterstützung bei der Auswahl wirksamer Maßnahmen, Vernetzung in Schulnetzwerken (SWK, 2026, S. 61–64).
4. Zusammenarbeit über die Schulmauern hinaus. Die Zusammenarbeit von Schule mit Jugendhilfe, Gesundheitsdiensten und Eltern soll systematisch gestaltet und rechtlich abgesichert werden (SWK, 2026, S. 105). Internationale Vorbilder wie Kanada zeigen, dass partizipative Schulentwicklung mit Eltern- und Schülerbeteiligung funktioniert – wenn die Strukturen stimmen (SWK, 2026, S. 96).
Das Gutachten markiert einen echten Kurswechsel. Bildungsqualität wird nicht mehr nur an Mathematik- und Lesenoten gemessen, sondern explizit um sozial-emotionale Dimensionen erweitert. Die SWK verweist auf internationale Vorbilder: In den USA müssen Schulen seit 2015 Daten zu sozial-emotionalem Lernen und Schulkultur erheben. In Kalifornien haben sich Schuldistrikte zusammengeschlossen, um Konstrukte wie Wachstumsdenken, Selbstwirksamkeit und soziale Kompetenz mit validierten Instrumenten zu messen (Hough et al., 2017, zitiert nach SWK, 2026, S. 54). Wichtig dabei: Die SWK empfiehlt ausdrücklich, solche Daten als Entwicklungsinstrument zu nutzen, nicht als Kontrollwerkzeug (Gehlbach & Hough, 2018, zitiert nach SWK, 2026, S. 54).
Für Deutschland bedeutet das: Was an vielen Schulen bisher unter der Bezeichnung Prävention lief – Befragungen zu Schulklima, Risiko- und Schutzfaktoren, Auswahl evidenzbasierter Programme – wird jetzt als Kernaufgabe der Schulentwicklung definiert. Prävention ist kein Zusatzprojekt mehr. Sie ist Schulentwicklung.
Das Gutachten beschreibt, was Schulen tun sollen. Aber wie? Drei aufeinander abgestimmte Verfahren zeigen, dass die Umsetzung nicht bei null beginnen muss.
Communities That Care – auf kommunaler Ebene. CTC ist ein erprobtes Verfahren, das Kommunen befähigt, ihre Präventionsarbeit datengestützt zu steuern (Catalano & Hawkins, 1996). In über 50 deutschen Kommunen wird es bereits eingesetzt. Der Kern: Eine repräsentative Schülerbefragung erfasst Risiko- und Schutzfaktoren – von Wohlbefinden und sozialer Eingebundenheit über Schulklima bis hin zu Absentismus und Substanzkonsum. Auf dieser Grundlage wählen Schulen, Jugendhilfe, Gesundheitswesen und Verwaltung gemeinsam Programme aus einer kuratierten Datenbank evaluierter Maßnahmen – der Grünen Liste Prävention, vergleichbar mit dem internationalen What Works Clearinghouse. Die Wirksamkeit wird durch wiederholte Befragungen überprüft.
CTC liefert genau das, was die SWK auf kommunaler Ebene fordert: Schulnetzwerke (SWK, 2026, S. 64), datengestützte Zielvereinbarungen (SWK, 2026, S. 77) und multiprofessionelle Zusammenarbeit (SWK, 2026, S. 105) – in einem strukturierten Prozess.
Weitblick – auf Schulebene. Weitblick bringt die CTC-Methodik in die einzelne Schule. Der Prozess beginnt mit einer Schülerbefragung zu Risiko- und Schutzfaktoren. Die Ergebnisse werden gemeinsam mit Schulleitung, Kollegium, Schülervertretung und Eltern interpretiert. Daraus entstehen konkrete Entwicklungsziele und die Auswahl passender, evaluierter Programme aus der Grünen Liste Prävention. Professionelle Prozessbegleitung stellt sicher, dass Schulen bei der Dateninterpretation und Maßnahmenplanung nicht alleingelassen werden – genau das, was die SWK als Voraussetzung wirksamer Schulentwicklung beschreibt (SWK, 2026, S. 61–63).
einfach wirksam – im Unterricht. Was tun Lehrkräfte konkret, wenn die Befragung zeigt, dass Schutzfaktoren gestärkt werden müssen? Der Praxisleitfaden einfach wirksam (Haggerty et al., 2020/2025) stellt 16 evidenzbasierte Methoden für die Sekundarstufe I bereit, die auf der Sozialen Entwicklungsstrategie der University of Washington basieren – demselben theoretischen Fundament wie CTC und Weitblick. Die Methoden sind in fünf Bereiche gegliedert: Gelegenheiten schaffen, Kompetenzen aufbauen, Anerkennung geben, Bindungen stärken und gesunde Überzeugungen fördern. Darunter finden sich genau die Konstrukte, die die SWK als zentral benennt: Wachstumsdenken, Selbstwirksamkeit und soziale Kompetenz.
CTC auf kommunaler Ebene, Weitblick in der Schule, einfach wirksam im Unterricht – diese drei Ebenen greifen ineinander. Kommunale Daten kontextualisieren die schulischen Befunde. Schulische Entwicklungspläne übersetzen die Bedarfe in Maßnahmen. Und der Praxisleitfaden gibt Lehrkräften konkrete Werkzeuge für den Unterrichtsalltag.
Dieses Zusammenspiel entspricht dem, was die SWK als Abstimmung zwischen den Systemebenen fordert: eine kohärente Strategie, die auf Lernen und Entwicklung der Schüler ausgerichtet ist (SWK, 2026, S. 77).
Datengestützte Schulentwicklung kostet Geld. Aber hier zeigt sich eine bemerkenswerte Überschneidung: Was die SWK als bildungspolitische Aufgabe formuliert, ist zugleich als Leistung der Gesundheitsförderung über § 20a SGB V finanzierbar. Das Präventionsgesetz verpflichtet die gesetzlichen Krankenkassen, Prävention in Lebenswelten zu fördern – darunter explizit Schulen und Kommunen. Die Anforderungen des GKV-Leitfadens Prävention – Bedarfsanalyse, Partizipation, Evidenzbasierung, Evaluation – decken sich mit dem, was das SWK-Gutachten fordert.
CTC und Weitblick bedienen beide Logiken in einem Prozess. Das macht sie zu den wenigen Verfahren, die sowohl die bildungspolitischen Anforderungen als auch die Förderkriterien der Krankenkassen erfüllen. Besonders relevant ist das für Schulen im Startchancen-Programm: Rund 4.000 Schulen in herausfordernden Lagen stehen unter dem Druck, evidenzbasierte Schulentwicklung nachzuweisen – und brauchen praktikable Verfahren dafür.
Für Schulleitungen: Das Gutachten wird die Erwartungen von Schulaufsicht und Schulträgern verändern. Datengestützte Schulentwicklung – einschließlich sozial-emotionaler Daten – wird zum Standard. Wer jetzt damit beginnt, ist vorbereitet. Verfahren wie Weitblick bieten einen strukturierten Einstieg mit professioneller Begleitung.
Für kommunale Akteure: CTC schafft die kommunale Infrastruktur für das, was die SWK fordert: sektorübergreifende Zusammenarbeit auf Datenbasis. Der Aufbau dieser Strukturen braucht Zeit – ein Grund mehr, jetzt zu starten.
Für Lehrkräfte: Die SWK fordert Datenkompetenz als Schlüsselqualifikation in allen Phasen der Lehrkräftebildung (SWK, 2026, S. 12–13). Der Praxisleitfaden einfach wirksam bietet einen niedrigschwelligen Einstieg: 16 Methoden, die sofort im Unterricht einsetzbar sind.
Für Präventionsfachkräfte: Das Gutachten liefert die bildungspolitische Legitimation für Arbeit, die bisher primär gesundheitspolitisch begründet wurde. Wenn die SWK verbindliche Schülerbefragungen zu Wohlbefinden fordert und multiprofessionelle Zusammenarbeit empfiehlt, dann beschreibt sie den CTC/Weitblick-Prozess. Dieses Argument gehört in jedes Gespräch mit Schulleitungen und Schulträgern.
Das SWK-Gutachten 2026 verändert die Spielregeln. Sozial-emotionale Entwicklung ist nicht mehr das Sonderthema der Prävention, sondern wird zur Kernaufgabe der Schulentwicklung erklärt. Das ist eine Chance – für Schulen, die schon lange mehr wollen als nur Noten, und für alle, die sie dabei unterstützen.
Die Instrumente existieren. Die Finanzierung ist möglich. Was fehlt, ist die breite Umsetzung. Das SWK-Gutachten liefert jetzt den Rahmen dafür. Nicht als Projekt, sondern als Prozess – datengestützt, evidenzbasiert und auf das ausgerichtet, was zählt: die Entwicklung junger Menschen.
Catalano, R. F. & Hawkins, J. D. (1996). The social development model: A theory of antisocial behavior. In J. D. Hawkins (Hrsg.), Delinquency and crime: Current theories (S. 149–197). Cambridge University Press.
Gehlbach, H. & Hough, H. J. (2018). Measuring social emotional learning through student surveys in the CORE districts: A pragmatic approach to validity and reliability. PACE/CORE Technical Report.
Haggerty, K. P., Cook, C. R. & Ottinger, S. (2025). Schülerpotenzial entfalten: Der Praxisleitfaden mit 16 bewährten Methoden für mehr Motivation, soziale Kompetenz und Lernerfolg (M. von Heyden, Übers.). FINDER e.V. https://finder-akademie.de/einfach-wirksam (Originalwerk veröffentlicht 2020: Evidence-based practices to promote agency in middle school students. Northwest PTTC/SAMHSA)
Hough, H. J., Kalogrides, D. & Loeb, S. (2017). Using surveys of students‘ social-emotional learning and school climate for accountability and continuous improvement. PACE Policy Brief.
Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz [SWK]. (2026). Datengestützte Unterrichtsentwicklung und diagnosegeleitete Lernförderung. Datennutzung für Schulentwicklung im Rahmen erweiterter Gestaltungsspielräume. Daten für Controlling und Unterstützung durch die Schulaufsicht. Daten für Erziehungs- und Bildungspartnerschaften. Daten für Systemmonitoring und -steuerung durch die Politik. Datengestützte Qualitätsentwicklung in der Frühen Bildung (Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz). https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/KMK/SWK/2026/SWK-2026-Gutachten_Datengestuetzte-Entwicklung.pdf