Die Gesundheit von Lehrkräften ist eine zentrale Stellschraube für die Bildungsqualität – und zugleich ein wachsendes Handlungsfeld für die Prävention und Gesundheitsförderung. Eine Studie von Wesselborg und Bauknecht (2023) auf Basis der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2018 liefert aufschlussreiche Erkenntnisse zu der Frage, welche Faktoren Lehrkräfte belasten – und welche sie schützen. Der folgende Beitrag fasst die Ergebnisse zusammen und ordnet sie für Fachkräfte der Gesundheitsförderung ein.

Hintergrund

Dass Lehrkräfte besonderen psychosozialen Anforderungen ausgesetzt sind, ist in der Forschung seit den 1990er-Jahren gut belegt: Im Vergleich zu anderen Berufsgruppen leiden sie häufiger an arbeitsbedingten psychischen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Erschöpfung und sind öfter von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen betroffen. Als zentrale Belastungsfaktoren gelten studienübergreifend undisziplinierte oder unmotivierte Schülerinnen und Schüler, aber auch hohes Arbeitspensum, Lärm oder Konflikte im Kollegium.

Gleichzeitig gibt es Faktoren, die trotz dieser Belastungen die Gesundheit schützen – sogenannte Resilienzfaktoren. Dazu zählen positive Schülerinteraktionen, die soziale Unterstützung durch Kollegium und Schulleitung sowie auf individueller Ebene die Selbstwirksamkeitserwartung und die Fähigkeit, nach der Arbeit gedanklich abzuschalten.

Wesselborg und Bauknecht untersuchen auf Grundlage einer großen, repräsentativen Stichprobe (n = 591 Lehrkräfte, n ≈ 19.400 sonstige Erwerbstätige) zwei Fragen: Wie stark sind psychische Erschöpfung und Belastungsfaktoren bei Lehrkräften im Berufsvergleich ausgeprägt? Und welche Faktoren wirken als Resilienzfaktoren, die die Erschöpfung nachweislich vermindern?

Zentrale Ergebnisse

Erhöhte psychische Erschöpfung

Der Erschöpfungsindex – ein additiver Index aus sechs arbeitsbedingten Beschwerden (Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Müdigkeit/Mattigkeit, Magen-/Verdauungsbeschwerden, Nervosität/Reizbarkeit, Niedergeschlagenheit) – fällt bei Lehrkräften signifikant höher aus als bei anderen Erwerbstätigen: Im Mittel berichten Lehrkräfte über 2,03 Symptome (95%-KI: 1,92–2,17), die Vergleichsgruppe über 1,73 (95%-KI: 1,71–1,76). Die Anzahl der als „häufig“ erlebten Belastungsfaktoren korreliert mittelstark positiv mit der Symptomanzahl (r = .388, p < .001).

Emotionale Belastung als stärkster Risikofaktor

Von den vier untersuchten Belastungsfaktoren erweist sich die emotionale Belastung als der am stärksten ausgeprägte: Lehrkräfte berichten signifikant häufiger, dass ihre Tätigkeit sie in Situationen bringt, die sie gefühlsmäßig belasten. Auch fachfremde Anforderungen und starker Termin- oder Leistungsdruck treten signifikant häufiger auf. Einzig beim Faktor „an die Leistungsgrenzen gehen“ zeigt sich kein signifikanter Unterschied zu anderen Berufsgruppen.

Die hohe emotionale Belastung erklärt sich aus den Besonderheiten der Interaktionsarbeit im Unterricht: Lehrkräfte leisten Gefühlsarbeit, indem sie eine wertschätzende Lernatmosphäre schaffen und Schülerinnen und Schüler zur Mitarbeit motivieren. Gleichzeitig müssen sie Emotionsarbeit leisten – also eigene Gefühle regulieren, etwa Verunsicherung bei störendem Verhalten verbergen. Wenn gezeigte und empfundene Emotionen auseinanderklaffen, kann dies die psychische Gesundheit beeinträchtigen.

Kollegiale Unterstützung als zentraler Schutzfaktor

In der binär-logistischen Regression zeigt sich die soziale Unterstützung durch das Kollegium als stärkster Resilienzfaktor (Exp[B] = 1,661, p < .01): Je höher die eingeschätzte kollegiale Unterstützung, desto größer die Wahrscheinlichkeit, weniger Erschöpfungssymptome zu zeigen, als es die Belastungsfaktoren erwarten ließen. Bemerkenswert ist, dass Lehrkräfte die Unterstützung durch Kolleg:innen signifikant höher einschätzen als Beschäftigte anderer Berufe (Indexwert 2,59 vs. 2,46) – und das, obwohl die kollegiale Zusammenarbeit im Lehrerberuf strukturell eher schwach ausgeprägt ist.

Auch die Unterstützung durch Vorgesetzte wirkt protektiv (Exp[B] = 1,470, p < .05), wird von Lehrkräften aber tendenziell etwas geringer wahrgenommen als von anderen Erwerbstätigen (Indexwert 0,86 vs. 0,92; Unterschied nicht signifikant).

Distanzierungsfähigkeit – großer Effekt, geringes Vorkommen

Den stärksten Einzeleffekt auf die Erschöpfungswahrscheinlichkeit hat die Distanzierungsfähigkeit (Exp[B] = 2,800, p < .001): Wer nach der Arbeit abschalten kann, hat eine fast dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit, weniger Erschöpfungssymptome zu zeigen. Zugleich fällt genau dieser Faktor bei Lehrkräften besonders schlecht aus: Nur 61,8 % geben an, dass es ihnen nicht häufig schwerfällt abzuschalten – gegenüber 78,6 % bei anderen Erwerbstätigen. Die Zweiteilung des Arbeitsplatzes zwischen Schule und häuslichem Arbeitsplatz, verbunden mit dem Fehlen eines festen Schreibtischs in der Schule, erschwert die Trennung von Beruf und Privatleben erheblich.

Wirkmodell im Überblick

Die folgende interaktive Grafik zeigt das Zusammenspiel von Belastungsfaktoren, psychischer Erschöpfung und Resilienzfaktoren. Klicken Sie auf die einzelnen Felder, um die jeweiligen Studienergebnisse im Detail zu sehen.

Was belastet – und was schützt Lehrkräfte?
Ergebnisse der Studie von Wesselborg & Bauknecht (2023) · Klicken Sie auf die Felder für Erläuterungen
Was belastet
Gefühlsmäßig belastende Situationen
Größte Belastung im Lehrerberuf
Termin- und Leistungsdruck
Deutlich höher als in anderen Berufen
Aufgaben jenseits der Ausbildung
Deutlich häufiger als in anderen Berufen
An die Leistungsgrenzen gehen
Ähnlich wie in anderen Berufen
führt zu
Erschöpfungssymptome
Durchschnittlich 2 von 6 Symptomen
Andere Berufe: 1,7 von 6
Kopfschmerzen · Schlafstörungen · Müdigkeit/Mattigkeit · Magen-/Verdauungsbeschwerden · Nervosität/Reizbarkeit · Niedergeschlagenheit
Mehr Belastung → mehr Symptome
Deutlicher statistischer Zusammenhang
Schutzfaktoren – mildern die Wirkung der Belastungen
Unterstützung durch Kolleg:innen
Wichtigster Schutzfaktor insgesamt
Unterstützung durch die Schulleitung
Ebenfalls schützend, aber schwächer
Nach der Arbeit abschalten können
Stärkster Einzeleffekt – aber selten vorhanden

Klicken Sie auf eines der Felder, um mehr über die Studienergebnisse zu erfahren.

Eigene Darstellung auf Basis von: Wesselborg, B. & Bauknecht, J. (2023). Belastungs- und Resilienzfaktoren [...]. Prävention und Gesundheitsförderung, 18, 282–289. Datengrundlage: BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2018 (n = 591 Lehrkräfte, n ≈ 19.400 sonstige Erwerbstätige).

Was folgt daraus für die Praxis?

Die Ergebnisse liefern vier konkrete Ansatzpunkte für die Gesundheitsförderung an Schulen:

1. Kollegiale Zusammenarbeit systematisch stärken

Die herausragende Bedeutung der kollegialen Unterstützung macht deutlich: Gesundheitsförderung im Lehrerberuf ist kein rein individuelles Thema, sondern eine Frage der Schulentwicklung. Wirksame Maßnahmen setzen an der Organisationsebene an und schaffen Strukturen, die den professionellen Austausch erleichtern.

Konkret heißt das: Schulen brauchen geschützte Formate wie kollegiale Fallberatungen oder kollegiale Unterrichtsbesuche mit gesundheitsbezogenem Fokus. Ebenso wichtig sind niedrigschwellige Gelegenheiten zum informellen Austausch – denn im zweigeteilten Lehreralltag (Unterricht in der Schule, Vor- und Nachbereitung zu Hause) fehlen genau diese zufälligen Begegnungen, die in anderen Berufen selbstverständlich sind.

2. Führungskultur gesundheitsförderlich gestalten

Auch wenn die Unterstützung durch Vorgesetzte einen etwas schwächeren Effekt zeigt als die kollegiale, bleibt sie ein eigenständiger Schutzfaktor. Schulleitungen spielen eine doppelte Rolle: Sie können einerseits direkt unterstützen (Lob, Anerkennung, Hilfe), andererseits die Rahmenbedingungen für kollegiale Kooperation schaffen – durch partizipative Führung, transparente Kommunikationsstrukturen und eine ausgeprägte Rückmeldungskultur. Die Forschung zeigt, dass das wahrgenommene Schulklima (Zusammenarbeit, Entscheidungsspielraum, Innovationsbereitschaft) die Arbeitszufriedenheit von Lehrkräften auch längsschnittlich vorhersagt.

3. Interaktionsarbeit im Unterricht adressieren

Die besonders hohe emotionale Belastung verlangt nach Angeboten, die direkt an der Unterrichtssituation ansetzen. Das umfasst zum einen Klassenführungsstrategien, die helfen, mit störendem Verhalten souverän umzugehen, ohne in dauerhafte Gefühlsarbeit abzugleiten. Zum anderen gehören dazu Reflexionsformate, in denen Lehrkräfte ihre Unterrichtsgestaltung bewusst unter dem Gesichtspunkt der eigenen Beanspruchung betrachten können. Entscheidend ist: Es geht nicht darum, Emotionen zu unterdrücken, sondern die Arbeitssituation so zu gestalten, dass die emotionale Regulation gelingt.

4. Die Trennung von Arbeit und Privatleben erleichtern

Die Distanzierungsfähigkeit hat zwar den stärksten schützenden Einzeleffekt, ist aber zugleich der Faktor, bei dem Lehrkräfte am schlechtesten abschneiden. Gesundheitsfördernde Ansätze sollten daher die spezifische Arbeitssituation mit geteiltem Arbeitsplatz berücksichtigen. Das kann bedeuten: Arbeitsplätze für Vor- und Nachbereitungen in der Schule einrichten, klare Grenzen für die Erreichbarkeit außerhalb der Unterrichtszeiten vereinbaren und Strategien zur bewussten Trennung von Berufs- und Privatrolle vermitteln.

Einordnung der Studie

Die Stärke der Studie liegt in ihrer Datengrundlage: Die BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung ist ein nationaler Gesundheitssurvey mit einer großen, repräsentativen Stichprobe und ermöglicht den direkten Vergleich von Lehrkräften mit anderen Berufsgruppen. Die multivariaten Analysen (binär-logistische Regression) erlauben es, den Beitrag einzelner Resilienzfaktoren auch unter Berücksichtigung weiterer Einflussvariablen abzuschätzen.

Allerdings sind der Aussagekraft Grenzen gesetzt. Die Daten sind querschnittlich erhoben: Die identifizierten Zusammenhänge lassen keine kausalen Schlussfolgerungen zu. Die psychische Erschöpfung wurde zudem ausschließlich über Selbstberichte erfasst, die stimmungs- oder tagesabhängig sein können und keine klinischen Diagnosen darstellen. Außerdem differenziert die Studie nicht zwischen Schulformen – möglicherweise unterscheiden sich die Belastungsprofile an Grundschulen, Gymnasien und berufsbildenden Schulen erheblich. Schließlich weisen die Autorinnen und Autoren selbst darauf hin, dass Berufsaustritte die Mittelwerte verzerren können: Wenn besonders belastete Lehrkräfte den Beruf verlassen, werden die Belastungswerte der verbleibenden Gruppe unterschätzt.

Fazit

Die Studie unterstreicht: Lehrkräfte sind in besonderem Maße von psychischer Erschöpfung betroffen, und die Ursachen liegen nicht allein in individuellen Bewältigungsstrategien, sondern in den strukturellen Bedingungen der Arbeit. Für die Gesundheitsförderung folgt daraus die Notwendigkeit mehrdimensionaler Ansätze, die den „Betrieb Schule“ als Ganzes in den Blick nehmen. Die drei identifizierten Resilienzfaktoren – kollegiale Unterstützung, Führungsverhalten und Distanzierungsfähigkeit – zeigen, wo wirksame Programme ansetzen können. Besonders vielversprechend erscheint der Befund, dass Lehrkräfte die Unterstützung durch ihr Kollegium bereits jetzt höher einschätzen als andere Berufsgruppen: Hier liegt eine vorhandene Ressource, die es systematisch zu stärken und auszubauen gilt.

FINDER e.V.

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