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Das letzte Mal Drogen nehmen – Ein Neuanfang

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

Das war’s. Es reicht. Aus. Ich mach das nicht wieder, ich mag nicht mehr, das war definitiv das letzte High. Das letzte Bier, der letzte Joint, die letzte Zigarette, die letzte Nase Speed, die letzte Linie Meth, die letzte Ecstasy-Pille, der letzte LSD-, Psilocybin-Trip oder die letzte Tasse Kaffee. Vielleicht auch die letzte Begegnung mit all diesen Substanzen. Was muss geschehen, damit jemand eine solche Abschiedserklärung verfasst? Und welche Voraussetzungen braucht es, um den endgültigen Abschied auch wirklich durchzuziehen?

Warum es Sinn macht aufzuhören

Das letzte Mal kann die Folge von großem Glück oder großem Unglück sein – einer Begegnung mit einem besonderen Menschen, eines schweren Unfalls, bei dem man selbst oder andere zu Schaden gekommen sind, eines lebensverändernden Ereignisses oder eines langwierigen, ermüdenden Kampfes mit sich selbst. Manchmal verändern sich auch schlicht die Interessen, wenn man älter wird und sich das Leben verändert. Drogen können, wie vieles andere auch, in einer bestimmten Lebensphase eine wichtige Rolle spielen und in einer anderen diese Bedeutung verlieren. Man hat das High in vielen seiner Facetten zur Genüge ausgekostet. Es reicht. Punkt. Aus.

Lebensverändernde Situationen jeder Art können plötzlich oder allmählich eintreten. Eine Schwangerschaft zum Beispiel kann den Blick auf das Leben und das eigene Handeln und nicht zuletzt die Risikoeinschätzung radikal verändern.

Das letzte Mal ist nicht unvermeidlich oder in jedem Fall notwendig. Das letzte Mal ist keine moralische Notwendigkeit, keine zwingende Konsequenz; manche Menschen kiffen, trinken oder trippen bis ins hohe Alter und sind damit glücklich, zufrieden und gesund. Aber die Sache kann sich eben auch anders entwickeln, mit einer – oder allen – Drogen aufzuhören kann naheliegend oder notwendig sein; hilfreich oder nützlich für Beruf, Studium und Alltag.

Manchmal ist es auch eine verantwortliche Entscheidung, mit der Risiken für einen selbst oder geliebte Menschen minimiert oder Schäden vermieden werden. In manchen Fällen ist das letzte Mal allerdings bittere Notwendigkeit, purer Selbstschutz oder eben auch die letzte Abzweigung vor oder nach der Katastrophe.

Durchkommen und neu anfangen

Oft geht dem letzten Mal ein langwieriger Kampf voraus, eine Höllenfahrt zwischen Lust und Frust, getrieben von dem wiederholten verzweifelten Versuch, das eine, das große High noch einmal zu erleben – oft auch wider besseres Wissen. Oder dem Bemühen, Schmerz, Enttäuschung oder Angst zu betäuben und besser ertragen zu können, eine belastende Erinnerung zum Schweigen zu bringen oder einen Verlust zu überwinden. Solche Prozesse können Jahre oder Jahrzehnte dauern; ein Kampf, der nicht selten von körperlicher Abhängigkeit begleitet wird, die auch die schillerndsten Highs allmählich in grottenfinstere Downs verwandelt.

In solchen Fällen ist das letzte Mal fast unvermeidlich. Das Ringen darum, der Kampf gegen die Sucht, hat alle Züge eines Dramas: gute Absichten, böse – meist innere – Widersacher, dramatische Ereignisse, extreme Gefühle, Menschen, die sich abwenden, andere, die ihre Hilfe anbieten oder aufzwingen wollen.

Der Begriff Sucht stammt sprachwissenschaftlich nicht von suchen, sondern von siechen, also von krank sein. Aber natürlich spielt das Suchen nach Glück, Identität, Heimat, Freiheit und die Sehnsucht nach der Verringerung des Leidens oder der Schmerzen dabei eine entscheidende Rolle.

Die Höllenfahrt in die Sucht kann man durch kluge und bewusste Entscheidungen vermeiden. Dazu braucht es allerdings eine realistische Vorstellung davon, wie ein glückliches Leben, eine Zukunft aussehen kann und soll, und die Bereitschaft, hin und wieder über den Tellerrand des Hier und Jetzt hinauszusehen. Der Wunsch nach dem letzten Mal kann entstehen, wenn die Highs schal geworden sind und uns mehr wegnehmen, als sie uns geben; wenn ihre Gleichförmigkeit langweilt, sie uns zu viel Kraft kosten, uns aufhalten und im Weg stehen.

Im Zusammenhang mit Drogengebrauch können neben der Endstation Sucht auch zahlreiche Unfälle geschehen, manche mehr, andere weniger dramatisch. Das eine ist mehr, das andere weniger wahrscheinlich, natürlich. Das Unfallrisiko kann man durch Sorgfalt, Planung und Wissen minimieren, aber leider nicht völlig ausschließen.

Über den Konsum hinauswachsen

Ganz nebenbei geschieht auf dem langen Weg zum letzten Mal etwas sehr Banales, aber doch Entscheidendes: Man wird älter. Das hat unterschiedliche Konsequenzen – andere sehen einen mit neuen Augen, sie siezen einen und erwarten, dass man Verantwortung für das eigene Leben übernimmt. Auch der eigene Körper verändert sich. In der Regel schwindet auch die Risikolust, wenn man älter wird. Manche entwickeln das Bedürfnis nach einer dauerhaften Partnerschaft, einem eigenen Nest und geregelten Tagesabläufen und Strukturen. Sicher, das ist nicht bei jeder, nicht bei jedem so. Aber es geschieht doch relativ häufig. Das bedeutet nicht unbedingt einen vollständigen Abschied vom Substanzkonsum, aber meist führt es dazu, dass sich der Gebrauch verändert – die Häufigkeit, die Menge, die Gelegenheiten.

Aber auch wenn der Entschluss aufzuhören feststeht, gibt es meist nicht nur ein letztes Mal, sondern einige letzte Male: Rückfälle sind, vor allem für jemanden, der süchtig ist, auf diesem Weg die Regel, nicht die Ausnahme. Viele Menschen erleben solche Rückschläge und Motivationstiefs – sie zweifeln an ihrer Entscheidung, fühlen sich nicht imstande, sie umzusetzen, oder haben dem Craving noch nichts entgegenzusetzen. Meist ereignet sich der Rückfall in den ersten drei bis vier Monaten nach dem vermeintlich letzten Mal. Rückfälle bedeuten nicht, dass alle Bemühungen, endlich aufzuhören, scheitern. Wie die Suchtentwicklung ist auch der Ausstieg aus der Sucht ein manchmal langwieriger Prozess, ein Rückfall kann Teil davon sein. Für ein wirklich letztes Mal müssen eben die richtigen inneren und äußeren Bedingungen zusammenkommen. Und das braucht manchmal Zeit und häufig auch Unterstützung.

Es gibt bei allen bekannten Substanzen die Möglichkeit des Selbstentzugs – das bedeutet, dass es manchen Abhängigen unter mehr oder weniger großen Mühen ohne professionelle Hilfe gelingt, mit den Drogen aufzuhören. Aber je nach Substanz und Grad der körperlichen Abhängigkeit kann ein sogenannter »kalter Entzug«, also ohne medizinische Unterstützung, lebensgefährlich sein. Und alleine, ohne Unterstützung, schafft ein Süchtiger den Ausstieg häufig nicht. Neben professionellen Therapeuten können auch Freunde, der Partner oder die Partnerin und die Familie Unterstützung geben.

Selbst wenn der vollständige Ausstieg zunächst nicht funktioniert, ist weniger zu nehmen schon ein Erfolg. Klar, für einen Süchtigen ist es ideal, wenn es ihm gelingt, auf seine Droge komplett zu verzichten. Aber weniger zu konsumieren ist auf jeden Fall eine Verbesserung. Immer.

Viele Mediziner behaupten, wer einmal abhängig war, der bleibe ein Leben lang gefährdet. Das ist nicht nur der veraltete, spaßbefreite Versuch, Menschen zu schocken und vom Drogengebrauch abzuschrecken. Die moderne Hirnforschung gibt Hinweise darauf, dass für ehemals Süchtige auch nach längerer Abstinenz die Gefahr, neue oder alte Abhängigkeiten zu entwickeln, höher ist. Neurowissenschaftliche Experimente zeigen, dass Gehirne von Menschen, die früher exzessiv konsumiert haben, noch viele Jahre später stärkere Reaktionen auf Substanzen aufweisen als die einer normalen Vergleichsgruppe. Aber nicht alle ehemaligen Abhängigen teilen diese Haltung. Für manche ist es im Gegenteil auch wichtig, sich nicht auf diesen Teil ihres Lebens zu reduzieren und darin gefangen zu bleiben, sondern ein neues Bild von sich selbst zu entwickeln, in dem die Sucht nicht das bestimmende Element ist.

Eine Beschäftigung mit dem letzten Mal ist aber nicht nur für Menschen von Bedeutung, die schlechte Erfahrungen mit Drogen gemacht haben, sondern auch ein interessantes Gedankenspiel für alle.

Mein letztes Mal

  1. Welche Rolle spielen Alkohol, Cannabis und Co. heute in eurem Leben? Hat sich euer Leben durch die Substanzen verändert? Wenn ja, in welcher Weise, zum Negativen oder Positiven?
  2. Habt ihr eine Vorstellung davon, wie lange ihr mit diesen Highs leben möchtet? Zwei Monate, zwei Jahre oder ein ganzes Leben? Falls ihr eine sehr schädliche Substanz konsumiert: Wie viele Jahre eures Lebens seid ihr bereit herzugeben?
  3. Fragt euch, was geschehen müsste, damit die Highs, die ihr mit Substanzen erlebt, unwichtig und nebensächlich erscheinen.
  4. Stellt euch vor, ihr wäret 99 Jahre alt und hättet ein aufregendes, glückliches und erfülltes Leben gelebt. Welches Ereignis und welche Umstände hätten euch zum Entschluss bringen können, eine bestimmte Substanz zum letzten Mal zu nehmen?
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REBOUND Kursleiter-Weiterbildung in Berlin: Letzte Ausbildungsgruppe im Jahr 2016 abgeschlossen

In der letzten Kursleiter-Weiterbildung des Jahres wurden 11 Personen aus vier Schulen weitergebildet. Im Rahmen der Kursleiter-Weiterbildung lernten Lehrerinnen und Lehrer sowie Sozialpädagogen aus der schulbezogenen Sozialarbeit, den evidenzbasierten Kurs zukünftig …

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Streitgespräch zwischen der Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler und dem FINDER Vorsitzenden Henrik Jungaberle

Today ZEIT Online published parts of a dialogue between Marlene Mortler, Federal Commissioner for Drug Policy of the German Government and Dr. Henrik Jungaberle, prevention researcher.

http://www.zeit.de/…/drogensucht-marlene-mortler-henrik-jun…

Henrik Jungaberle:

„Aus meiner Sicht ein gelungenes, respektvolles Streitgespräch mit klar unterschiedlichen Positionen zum Umgang mit Drogen wie Alkohol und Cannabis, zu Sucht und Menschenrechten sowie der Offenheit für positive Rauscherfahrungen.
Gerade das letzte Thema ist für Politiker, die damit aufgewachsen sind, Alkohol ODER Drogen zu sagen immer noch fremd. Diese Trennung in den Köpfen der Menschen und politischen Repräsentanten aufrechtzuerhalten ist die Geschichte der Alkoholindustrie – sie profitiert massiv davon.“

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