Cannabislegalisierung und schulbasierte Prävention

Ein Blick auf evidenzbasierte Ansätze

Berlin, 25.11.2023. Patrick Wentorp. 

Cannabislegalisierung und schulbasierte Prävention

Ein Blick auf evidenzbasierte Ansätze

Berlin, 25.11.2023. Patrick Wentorp. 

Zusammenfassung: Im Zuge der anstehenden Cannabislegalisierung für Erwachsene rückt der Jugendschutz verstärkt in den Fokus. Dieser Artikel möchte vor allem Lehrkräften und Entscheidungstragende im Bildungsbereich einen Überblick über den aktuellen wissenschaftlichen Stand in Bezug auf schulbasierte Cannabisprävention geben. Zu diesem Zweck werden die wesentlichen Ergebnisse der Studie von Dr. Eva Hoch aus dem Jahr 2017 vorgestellt, die die Effektivität von Präventionsangeboten an Schulen zum Thema Cannabis analysiert hat. Die zentralen Erkenntnisse der Studie werden durch Reflexionen über die Wirksamkeit von schulbasierter Prävention und Gesundheitsförderung ergänzt.

Interessenerklärung: Der Autor des Artikels ist wissenschaftlicher Referent des FINDER e.V., welcher Weiterbildungen in den Präventionsprogrammen „REBOUND“ und „Unplugged“ für pädagogische Fachkräfte anbietet. An der im Artikel zitierten Studie von der Ludwig-Maximilians-Universität München, welche die Wirksamkeit der beiden Programme belegt, war FINDER in keiner Weise beteiligt.

Aktueller Stand des Cannabisgesetzes

Am 16. August hat die Bundesregierung den Cannabisgesetzentwurf verabschiedet, welcher aktuell im parlamentarischen Verfahren diskutiert wird. In einer Sitzung des Bundesrates am 29.09.2023 wurde der Entwurf besprochen und eine Stellungnahme dazu abgegeben, wobei der Bundesrat nicht zwingend zustimmen muss. Die endgültige Entscheidung über das Gesetz liegt beim Bundestag. Die Bundesregierung rechnet Anfang 2024 mit einem Inkrafttreten des Gesetzes. Ab diesem Zeitpunkt dürften Erwachsene bis zu drei Cannabispflanzen für den Eigenbedarf anbauen, wobei eine Obergrenze von 50 Gramm festgelegt ist. Zudem könnten eingetragene Vereine mit einer behördlichen Genehmigung Cannabis gemeinschaftlich anbauen.

Das Bundesministerium für Gesundheit betont auf seiner offiziellen Webseite die Risiken des Cannabiskonsums für Kinder und Jugendliche: „Ein besonderes Risiko [beim Cannabiskonsum] haben Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, da ihre Gehirnentwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Insbesondere der Inhaltsstoff THC kann diese Entwicklung beeinträchtigen.“ (Bundesministerium für Gesundheit 2023). Daher beinhaltet der Gesetzentwurf auch detaillierte Jugendschutzmaßnahmen. Hierzu zählen strikte Altersüberprüfungen, ein Verbot des Zutritts für Minderjährige zu Anbauvereinigungen und eine Begrenzung des THC-Gehalts für Personen im Alter von 18 bis 21 Jahren. Weiterhin sind Werbe- und Sponsoringverbote vorgesehen, ebenso wie ein Verbot von Anbauvereinigungen in der Nähe von Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen. Es ist auch geplant, die Präventionsangebote der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) auszubauen und Frühinterventionsmaßnahmen für junge Konsumenten zu verstärken.

Cannabisprävention an Schulen – eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme

Angesichts der Risiken des Cannabiskonsums bei Jugendlichen gewinnen Prävention und Gesundheitsförderung an Bedeutung. Die Freigabe von Cannabis für Erwachsene kann nur dann als sinnvoll und erfolgreich im Sinne der Gesundheit gelten, wenn Heranwachsende adäquat vor den Gefahren und gesundheitlichen Risiken des Cannabiskonsums geschützt werden.

Ein oft diskutiertes Dilemma in der Präventionsarbeit ist, dass diejenigen, die die Maßnahmen am meisten benötigen, oft am schwersten zu erreichen sind. Durch die Einbindung von Präventionsmaßnahmen in den Schulalltag kann dieses Dilemma zumindest teilweise umgangen werden (Bauer, 2005; Quensel, 2010b). Die Schulpflicht stellt sicher, dass eine breite Gruppe von Jugendlichen, einschließlich der am stärksten benachteiligten, erreicht wird. Daher sollte die schulische Umgebung auch bei Cannabis-Präventionsmaßnahmen im Vordergrund stehen.

Es gibt viele Belege, dass die Bundesregierung die Bedeutung schulbasierter Prävention erkennt. So förderte das Bundesministerium für Gesundheit bereits im Jahr 2016, während der Amtszeit von Angela Merkel, eine umfangreiche Studie der Universität München (Hoch et al. 2017). Das Hauptziel dieser Studie war es, einen wissenschaftlichen Überblick über die bestehenden Präventionsprogramme in Schulen bezüglich Cannabis zu geben. Dabei verfolgte die Recherche vor allem zwei Forschungsfragen:

  1. Evaluierte, schulische Präventionsprojekte zum Thema „Cannabis“ in Deutschland und der EU zu identifizieren und zu bewerten
  2. Die Effektivität von schulischen Präventionsprojekten hinsichtlich der Verhinderung, Verzögerung oder Reduzierung des Cannabiskonsums zu untersuchen

Die Untersuchung der zweiten Frage wurde mithilfe einer Literaturrecherche durchgeführt und hat vor allem Programme aus den USA einbezogen. Die Autoren ziehen nur ein eingeschränktes Fazit über die tatsächliche Wirksamkeit dieser Programme in Bezug auf Cannabiskonsum. Sie deuten aber an, dass schulbasierte Präventionsmaßnahmen dann am wirksamsten sind, wenn sie a) die unterschiedlichen Präventionsansätze integrieren (Verhaltens- und Verhältnisprävention), b) sie auf Modellen des Sozialen Lernens und der Sozialen Kompetenzförderung beruhen, c) interaktiv gestaltet sind und d) die Eltern mit einbeziehen. Die Berücksichtigung dieser Merkmale wird für die Entwicklung weiterer Präventionsmaßnahmen in Deutschland und der EU empfohlen.

Um diese Ergebnisse zu unterstreichen, sei auf das Factsheet zur BZgA-Expertise Suchtprävention 2020 verwiesen, welches aus 62 hochwertigen Evaluationsstudien wirksame Komponenten der Cannabisprävention zusammengefasst hat. Die Ergebnisse bekräftigen die bereits genannten Merkmale effektiver Cannabisprävention, wobei zudem die „Förderung von Selbstkontrollstrategien“ für die Klassenstufen 10-12 als besonders wirksam herausgestellt wird (Bühler, A., Kuttler, H. 2020).
Unter der Leitung von Dr. Eva Hoch haben die Studienmitarbeiter zur Untersuchung der ersten Frage eine umfassende Internet- und Datenbankrecherche durchgeführt, um alle evidenzbasierten schulischen Präventionsansätze der letzten 10 Jahre (2006 – 2016) zu analysieren, die entweder in den deutschen Bundesländern, auf Bundesebene oder in einem anderen EU-Mitgliedsland durchgeführt wurden und wirksame Effekte im Zusammenhang mit Cannabiskonsum gezeigt haben. Die Projekte wurden hinsichtlich ihrer Zielgruppe, Art und Inhalte der Interventionen sowie ihrer Evidenzbasierung beschrieben. Dabei erfolgte die Recherche in drei Schritten:

  1. Analyse von Projekten im europäischen „best practice“ Portal „Exchange on Drug Demand Reduction Action (EDDRA)“
  2. Analyse von Projekten auf Bundesebene und der Bundesländer, z.B. in Datenbanken wie „Dot.sys“ der BZgA, der Präventionsdatenbank der deutschen Bundesländer und der „Grünen Liste Prävention“ des Landes Niedersachsen.
  3. Analyse von Projekten aus Forschungsberichten, z.B. Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD), und einschlägigen Internetseiten

Wirksame schulbasierte Programme zur Cannabisprävention in Deutschland

Die systematische Internet- und Datenbankrecherche hat aus mehreren 10.000 Präventionsmaßnahmen die schulbasierten Projekte in Deutschland und der EU zum Thema Cannabis herauskristallisiert und auf ihre Wirksamkeit hin überprüft. Dabei wurde festgestellt, dass nur in etwa 25% aller Maßnahmen überhaupt evaluiert wurden. Die geringe Anzahl von Evaluationen deutet auf ein Defizit in der evidenzbasierten Präventionsforschung hin.

Von all diesen Programmen konnten nur vier schulbasierte Cannabispräventionsprogramme identifiziert werden, die nachweislich positive Ergebnisse erzielten. Zwei dieser Programme, „The Cannabis Show“ und „xkpts.com“, werden in den Niederlanden bzw. Spanien angeboten. In Deutschland sind „Unplugged“ und „REBOUND – meine Entscheidung“ verfügbar.

Die Evaluationen von REBOUND und Unplugged zeigen, dass Jugendliche nach der Teilnahme seltener Cannabis konsumieren (Faggiano et al. 2010; Jungaberle, H., Nagy, E. 2015). Besonders bemerkenswert bei „Unplugged“ ist, dass es den Erstkonsum von Cannabis verzögern kann. Dies ist in der Prävention besonders wertvoll, da ein früherer Konsumbeginn mit erhöhten gesundheitlichen Risiken verbunden ist (Fischer et al. 2023).

Die Studienautoren betonen, dass es wahrscheinlich weitere effektive Präventionsprogramme gibt, die entweder nicht entdeckt wurden oder bisher nicht evaluiert sind. Es besteht daher ein dringender Bedarf, das Wissen über bestehende Programme zu erweitern und die Qualität der Präventionsmaßnahmen gemäß den EU-Standards (EMCDDA, 2011) zu verbessern.

Förderung von Risiko- und Lebenskompetenzen in REBOUND und Unplugged

Die Programme REBOUND und Unplugged gehen über reine Informationsvermittlung zu Cannabis und anderen Drogen hinaus. Durch viele Studien in der Präventionsforschung wurde belegt, dass isoliert vermitteltes kognitives Wissen über Substanzen bei Jugendlichen keine schützende Wirkung entfaltet (Hawks, K., & Scott, K. 2002). Eine Aufklärung über Alkohol und andere Drogen ist allerdings dann sinnvoll, wenn sie im Rahmen von Skill-Trainings durchgeführt wird. So lernen Jugendliche auf sehr praktische Weise, wie sie mit den Risiken des Substanzkonsums umgehen können. Im Rahmen von REBOUND und Unplugged werden Jugendliche beispielsweise dabei unterstützt, eigenständig gesunde Entscheidungen zu treffen, die sie in einer selbstbestimmten Lebensweise unterstützen.

Neben risikobezogener Entscheidungsfähigkeit werden auch andere Lebenskompetenzen, wie soziale Fähigkeiten, Empathie, Selbstreflexion und kreatives Denken vermittelt. Ihre Entwicklung hilft Jugendlichen dabei, mit den Herausforderungen des Alltags umzugehen – nicht nur in Bezug auf Substanzkonsum und der Verhinderung von Gebrauchsstörungen (vgl. Leiblein 2022, S. 24). Lebenskompetenzen stellen allgemeine Schutzfaktoren dar, die nicht vor problematischem Cannabiskonsum, sondern auch vor einer Reihe anderer Risikoverhaltensweisen schützen können, wie beispielsweise gewalttätigem Verhalten oder exzessivem Mediengebrauch.

Wenn im Rahmen der Cannabislegalisierung die Präventionsangebote wie geplant ausgebaut werden, könnten Programme wie REBOUND und Unplugged nicht nur in Bezug auf die Prävention von Cannabiskonsum bei Jugendlichen wirksam sein, sondern auch einen Beitrag zu einer flächendeckenderen Vermittlung von Lebenskompetenzen beitragen. Somit könnte die Verbesserung des Jugendschutzes in dieser neuen Ära der Drogenpolitik als Chance betrachtet werden, um allgemeine gesundheitsfördernde Ressourcen bei Heranwachsenden zu stärken und zu einer resilienteren Gesellschaft beizutragen.

Konklusion des Autors

Die Ergebnisse der Studie der Universität München unterstreichen die Bedeutung einer durchdachten Präventionsstrategie im Zuge der Cannabislegalisierung. Dr. Eva Hochs Untersuchung zeigt, dass mit Unplugged und REBOUND bereits zwei evaluierte Programme in Deutschland existieren, die nicht nur auf die Prävention von Cannabiskonsum bei Jugendlichen abzielen, sondern auch essenzielle Lebenskompetenzen vermitteln. Dadurch bieten beide Maßnahmen einen umfassenden Ansatz, um Jugendliche vor diversen Risikoverhaltensweisen zu schützen. Obwohl es wahrscheinlich noch viele andere effektive Programme gibt, mangelt es aktuell an fundierten Erkenntnissen über deren tatsächliche Auswirkungen auf den Cannabiskonsum bei Jugendlichen. Es gibt daher starken Bedarf für mehr evidenzbasierte Präventionsforschung und hochwertige Evaluationen von Programmen zur Prävention und Gesundheitsförderung.

Im Kontext der Cannabislegalisierung sollten Bildungsexpert:innen und politische Entscheidungsträger:innen einen ganzheitlichen Blick auf Gesundheitsförderung einnehmen. Es sollten wirksame Maßnahmen unterstützt werden, die über die bloße Cannabisprävention hinausgehen und allgemeine Schutzfaktoren stärken, um nachhaltig positiven Einfluss auf die Gesundheit junger Menschen zu nehmen.

Literatur

Bauer, U. (2005). Das Präventionsdilemma : Potenziale schulischer Kompetenzförderung im Spiegel sozialer Polarisierung. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Retrieved from https://www.springer.com/us/book/9783531144764

Bundesministerium für Gesundheit (2023). Am 29. September 2023 entnommen. Stand der Webseite: 16. August 2023: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/cannabis/faq-cannabisgesetz-entwurf.html#collapse-control-6820

Bühler, A., Kuttler, H. (2020): Wirkungsorientierte Suchtprävention in der Schule – Factsheet zur BZgA-Expertise Suchtprävention 2020. Download unter www.bzga.de

EMCDDA (2011). European drug prevention quality standards. Luxembourg: Publications Office of the European Union.

Faggiano, F., Vigna-Tagliantia, F., Burkhart, G., Bohrn, K., Cuomo, L., Gregori, D., Panella, M., Scatigna, M., Siliquini, R., Varona, L., van der Kreeft, P., Vassara, M., Wiborg, G., Galanti, M.R., EU-Dap Study Group (2010). The effectiveness of a school-based substance abuse prevention program. 18-Month follow-up of the EU-Dap cluster randomized controlled trial. Drug Alcohol Depend, 108(1-2), 56-64.

Fischer, Benedikt. Cannabis-Legalisierung in Deutschland. Sucht (2023), 69: 37-43. https://doi.org/10.1024/0939-5911/a000804.

Hawks, K., & Scott, K. (2002). Prevention of psychoactive substance abuse: a selected review of what works in the area of prevention. Geneva: World Health Organisation.

Hoch, E., Lauffer, P., Wink, C., Pogarell, O. (2017) Cannabisprävention an Schulen – eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme. Bundesgesundheitsministerium. Abgerufen von: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Drogen_und_Sucht/Berichte/Abschlussbericht_Cannabispraevention_an_Schulen_2017.pdf

Jungaberle, H., Nagy, E. (2015). Pilot Evaluation Study of the Life Skills Program REBOUND: Effects on Substance Use, Knowledge About Substances, and Risk Perception. SAGE Open, 5(4), 1-13.

Leiblein, T.; Bitzer, E.-M.; Spörhase, U. What Skills Do Addiction-Specific School-Based Life Skills Programs Promote? A Systematic Review. Sustainability 2022, 14, 15234. https://doi.org/10.3390/su142215234

Quensel, S. (2010b). Die Sucht-Prävention verdeckt die realen Probleme, die an sich Aufgabe einer strukturellen Prävention sein müssten. In Das Elend der Suchtprävention (pp. 300–320). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-92352-9_6