Glück hat viele Gesichter

Annäherungen an ein komplexes Phänomen

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Alfred BellebaumErstmalig erschienen in Forschung & Lehre , 09/07, S. 522-523

Glück hat viele Gesichter

Annäherungen an ein komplexes Phänomen

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Alfred BellebaumErstmalig erschienen in Forschung & Lehre , 09/07, S. 522-523

Zusammenfassung: Seit eh und je wird sehr viel und kontrovers darüber nachgedacht, was Glück sei. Das geschah und geschieht in Philosophie und Religion, aber auch in vielen Disziplinen der Wissenschaft. Der Versuch einer Annäherung.

»Glück ist das, was sich Menschen unter Glück vorstellen.«

Glück und sein Wortumfeld wie Zufriedenheit, Positiverfahrungen, Wohlbefinden, Lebensqualität … haben bei uns Hochkonjunktur. Zur Herkunft des Wortes Glück wird häufig auf „gelücke“ verwiesen, d.h. Schicksal, Geschick, Ausgang einer Sache – so oder so, im guten wie im schlechten Sinne. Heutzutage versteht man unter Glück nur ein gutes Geschick. „Da habe ich aber Glück gehabt“ – es ist also gut ausgegangen. Andernfalls schlägt das Unglück, jiddisch: Schlamassel, unbarmherzig zu. Seit eh und je ist sehr viel und kontrovers darüber nach- » gedacht und geschrieben worden, was Glück eigentlich sei. Wer sich nicht in der zeit- bzw. kulturspezifisch verorteten Vielfalt der Meinungen, Thesen und Gegenthesen verirren möchte, der kann ruhig die Ansicht vertreten: Glück ist das, was sich Menschen unter Glück vorstellen. Das klingt simpel, trifft aber große Teile erfahr- und erlebbarer Wirklichkeit. Wertungen wie großes, kleines, echtes, wahres … Glück bleiben außen vor. Den modernen Glücksforschern ist gelegentlich geraten worden, (auch) bei den alten Lehrmeistern des Glücks in die Lehre zu gehen.

Philosophie des Glücks ist bis auf den heutigen Tag ein traditions- und facettenreiches Thema. Aristoteles beispielsweise wird gerne bemüht: „Alle Menschen wollen glücklich sein“. Dies sei dann möglich, wenn man vernunftgemäß lebe und also tue, was einem von einer kosmischen Ordnung an dem je eigenen Platz zu tun zugemutet werde. Schmerzpatienten haben andere Sorgen. Theologie des Glücks war und ist für viele Menschen tröstlich, belastend und extrem folgenreich. Weithin bekannt, freilich auslegungsfähig ist die These:

„Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Demnach gibt es sog. wahres Glück nicht schon im Diesseits. Das himmlische bzw. paradiesische Glück werden freilich nur erlösungswürdige Menschen erleben können, die gottgefällig gelebt haben. Höllenfurcht gibt es nach wie vor.

In der/den Psychologie/n des Glücks interessieren u.a. Emotionen als Reaktionen auf innere oder äußere Reize. Bemerkenswert sind Studien beispielsweise über sog. Flow-Erlebnisse zusammen mit herausfordernden Aktivitäten, klaren Zielen mit konkreten Rückmeldungen, völliger Konzentration und Hingabe, Veränderung des Zeitgefühls. Als besondere Beispiele sind Extremsportler, Bergsteiger sowie Chirurgen bei ihren Bastelarbeiten genannt worden.

Emotionen gehören zu unserer physischen Natur. Aus der Biologie des Glücks kennt man die große Bedeutung des limbischen Teils des Gehirns und den nachhaltigen Einfluss von Endorphinen, körpereigenen Stoffen mit opiatartiger Wirkung. Eine u.U. medikamentöse Beeinflussung von Serotonin, Dopamin und Noradrenalin liegt nahe. In undramatischen belastenden Gefühlslagen genügt Schokolade.

Mit dem Hinweis auf den engen Zusammenhang von Glücksgefühlen und invarianten hirnphysiologischen Vorgängen ist das Thema Glück natürlich nicht schon erschöpft. In sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive zeigen sich nämlich zeit-, gesellschaftlich-, kultur-, geschichtsbedingte Unterschiede hinsichtlich Ursachen von Glücksempfindungen, Glücksmitteln und Glückszielen. Vereinfacht ausgedrückt gibt es Glücksvorstellungen beispielsweise theozentrischer Art: Leben mit Blick aufs Jenseits – soziozentrischer Art: Leben im Dienst einer Gemeinschaft und deren Wohlergehen – egoistischer Art: Leben als subjektorientiertes Sichverhalten zwecks Mehrung des individuellen Wohlgefühls. Wellness ist das Gebot der Stunde und Erlebnisse sind das bevorzugte Medium.

Es gibt noch weiterreichende Fragen mit teils direkten, teils indirekten Auswirkungen auf die Lebensführung vieler Menschen. In der Staats- und Verfassungslehre ist häufig bedacht worden, ob der Staat für das Glück mitverantwortlich sei. In den USA gibt es die verfassungsbedeutsame Vorstellung vom Streben nach Glück als einem Menschenrecht, das staatlicherseits strikt zu beachten ist. Eine solche Bestimmung kennt unser Grundgesetz nicht, wenngleich unter dem Stichwort Sozialstaat durchaus glücksnahe Vorstellungen durchschimmern. Der Hinweis auf politische Dimensionen der Wohlfahrt trifft zu, obwohl die Erwartungen an den Staat eher gering sind.

In letzter Zeit wird häufig über Ökonomie des Glücks diskutiert. Die in Teilen der Wirtschaftswissenschaften erörterten Vorstellungen von einer „Wirtschaftslehre des guten Lebens“ betreffen ein kompliziertes Thema. Eine wichtige Frage ist die Funktion des Geldes bzw. des Reichtums oder materiellen Wohlstands. Über Jahrzehnte hinweg sind bei uns die Glücks- und Zufriedenheitsraten konstant geblieben, wohingegen die Wohlstandsraten stetig gestiegen sind. Man weiß es ja schon seit langem: Geld allein macht nicht glücklich – und das zeigen auch Gesellschaftsvergleiche hinsichtlich des Prokopfeinkommens. Dennoch floriert die Glücksindustrie einschließlich der Glücksspiele auf vielfältige Weise.

Seit der antiken Philosophie sind viele und heterogene ethisch-moralisch begründete Ratschläge erteilt worden. Für die Stoa ist A-Patheia, die Leidenschaftslosigkeit, der Königsweg. Wer Schmerz, Begierde, Furcht und Lust erfolgreich bekämpft, der kann in stoischer Ruhe und Gelassenheit natur-und vernunftgemäß leben und Glück erfahren. Ein anderer Ratschlag hellenistischer Philosophie lautet, frei übersetzt: Nimm dir nichts vor, dann geht dir nichts schief. Bescheidenheit, Verzicht, Genügsamkeit lehrt auch das Märchen von Hans im Glück. Solche asketische Einstellung ist vielen modernen Menschen eher fremd, für die Besitz, Abwechslung, Erlebnisse und dergleichen mehr erstrebenswert sind. Im krassen Gegensatz dazu lebt (so der Titel eines Kultbuches) „Selma“, ein Schaf, dem gleichbleibendes einfaches tägliches Routinehandeln ausreicht. Nach dem üblichen Tagesablauf gilt: „Dann würde ich in einen festen Schlaf fallen“. In vielen modernen Glücksseminaren, die von einer Lehrbarkeit des Glücks ausgehen und Glück als Lebenskunst propagieren, wird mehr erwartet.

AUTOR: ALFRED BELLEBAUM

Professor Dr. Alfred Bellebaum, emeritierter Soziologe der Universität Koblenz und Honorarprofessor der Universität Bonn, gründete 1990 das wissenschaftliche Institut für Glücksforschung in Vallendar, das er bis 2006 leitete. Er hat u.a. als (Mit-)Herausgeber dreizehn Bände über Glücksforschung veröffentlicht, zuletzt „Die Sieben Todsünden. Über Laster und Tugenden in der modernen Gesellschaft“ (Münster 2007).

»Seit Jahrzehnten sind bei uns die Glücks- und Zufriedenheitsraten konstant trotz stetig steigender Wohlstandsraten.«

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