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Warum Menschen anders mit Drogen umgehen – Unterschiedliche Risiko- und Motivtypen

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

Manche Menschen bewältigen den Alltag komplett ohne Drogen, manche schaffen es nur mit einem Feierabendbier ihren Arbeitsalltag zu verdauen. Einige brauchen psychoaktive Substanzen um am Wochenende zu feiern, andere nehmen diese nur vereinzelt und zu besonderen Anlässen. Was unterscheidet diese unterschiedlichen Arten von Menschen? Ein zentrales Konzept des Lebenskompetenz- und Suchtpräventionsprogramms Rebound sind die unterschiedlichen Risiko- und Motivtypen. Wie gehen Menschen mit Risiken um, und warum konsumieren sie psychoaktive Substanzen?

Ein Überlick

Es gibt zahlreiche Gründe, Drogen zu nehmen, gute und weniger gute. Die einen trinken Alkohol, weil es Spaß macht. Oder weil es schmeckt. Die anderen, weil sie dann lockerer sind oder es ihnen leichter fällt, Mädchen anzusprechen. Manche, weil sie dazugehören wollen. Der eine oder andere braucht Alkohol oder Cannabis, um sein Leben zu bewältigen und nicht unter seinen Problemen zusammenzubrechen. Oder weil das Leben ohne Drogen langweilig und öde erscheint. Wieder andere trinken oder kiffen gar nicht, weil sie sich auch ohne Rausch gut fühlen und einen klaren Kopf behalten wollen, um ihre Ideen und Projekte zu verwirklichen. »Was treibt uns an?« lautet eine zentrale Frage bei der Beschäftigung mit Drogen. Wozu das Ganze? Was lässt die einen trinken, die anderen kiffen, und wieso lassen wieder andere ganz die Finger von Drogen? Die Antwort ist nicht ganz einfach. Ob der Umgang mit Drogen das Beste oder das Schlechteste zum Vorschein bringt, ist abhängig von zahlreichen Faktoren: von Motiven, also dem »Wozu«, vom sozialen Umfeld und den Ideen, durch die ein Mensch beeinflusst wird. Außerdem spielt auch die genetische Veranlagung eine Rolle. Und es kommt darauf an, wie das Gehirn eines Menschen sich im Laufe seiner Lebensgeschichte entwickelt hat und sein Verhalten steuert. Nicht jede Konsumentscheidung ist eine bewusste Entscheidung, oft werden wir von Gewohnheiten oder Impulsen beeinflusst. Die meisten Menschen trinken morgens einen Kaffee, ohne sich die Motive dafür bewusst zu machen. Sicher, alles andere wäre auch anstrengend und bei dem geringen Risiko, dem man sich mit der Droge Kaffee aussetzt, auch unnötig. Der Morgenkaffee ist ein Ritual, mit dem die allermeisten Menschen hervorragend leben können. Bei anderen Ritualen, wie dem Feierabendbier oder dem Entspannungsjoint, kann es dagegen ratsam sein, ab und zu seine Gründe zu hinterfragen.

Unterschiedliche Motive für den Konsum psychoaktiver Substanzen

In einem Langzeitforschungsprojekt an der Universität Heidelberg wurden aus Interviews mit 318 Jugendlichen verschiedene Motive beim Umgang mit psychoaktiven Substanzen herausgearbeitet – die Suche nach Gruppenzugehörigkeit und Identität, Auflehnung, Hedonismus, Neugier oder Problembewältigung sind einige Beispiele. Niemand ist auf ein einziges Motiv festgelegt. Jeder Mensch hat von jedem der hier beschriebenen Motive Anteile in sich. Wichtig ist, welche sich im Laufe der Zeit durchsetzen und unsere Entscheidungen und unser Handeln bestimmen. Außerdem unterscheiden und verändern sich die Motive für den Drogenkonsum häufig, wenn jemand zum ersten Mal trinkt oder kifft oder wenn er schon erfahren darin ist.

Die Motivtypen bezeichnen ein Spektrum, in dem wir uns bewegen. So lange, bis wir unseren eigenen Weg gefunden haben und die eigene Persönlichkeit gefestigt ist. So kann beispielsweise aus jemandem, der mit 14 extrem neugierig war und alles ausprobieren wollte, im Laufe der Zeit jemand werden, der sich und anderen Grenzen setzt – weil die eigene Erfahrung ihn genau das gelehrt hat.

Außerdem können sich die Motive verändern, wenn sich die Lebensumstände verändern, ein Umzug, ein Schulwechsel, eine Trennung, ein neuer Partner oder neue Freunde können auch den Blick auf und den Umgang mit Drogen verändern. Auch kann ein Motiv zu unterschiedlichen Reaktionen führen: Wer sich an Älteren oder Vorbildern orientiert oder sich an eine soziale Gruppe anpassen möchte, nimmt, abhängig von diesen Vorbildern oder Gruppen, die gleichen Drogen wie diese oder eben keine, wenn diese keine nehmen. Auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Szene spielt eine große Rolle.

Natürlich sind einige dieser Motive riskanter als andere. Wer nur dann Spaß haben kann, wenn er besoffen ist, asphaltiert sich eine breite Straße geradewegs in Richtung Sucht. Genauso ungünstig ist es, Probleme wie Einsamkeit, Beziehungsstress oder Überforderung in der Schule dauerhaft wegzukiffen oder mit anderen Substanzen zu bekämpfen. Zugegeben, kurzfristig stellt sich ein wunderbares Gefühl von Entspannung ein, man fühlt sich wie in Watte gepackt, der Stress ist angenehm heruntergedimmt. Langfristig löst die Flucht in den Drogenrausch allerdings keine Probleme, auf Dauer verstärkt es sie eher oder schafft neue.

Aber auch hier spielen Häufigkeit und Dosis eine große Rolle: Gelegentlich nach einem anstrengenden Tag in der Schule zur Entspannung einen Joint zu rauchen oder den Trennungsschmerz ein oder zwei Nächte lang mit Alkohol oder anderen Drogen zu bekämpfen muss nicht zwangsläufig zu Problemen führen, im Gegenteil, es kann sogar hilfreich und entlastend sein. Zumindest wenn es nicht die einzige Lösungsstrategie darstellt und nicht dauernd wiederholt werden muss. Grundsätzlich kommt es darauf an, dass Konsumenten sich selbst kritisch beobachten und darauf achten, dass sie über den Substanzkonsum hinaus über möglichst viele andere Strategien verfügen, ihre Freizeit zu genießen und Probleme zu bewältigen.

Unterschiedliche Risikotypen

Eng mit den Motivtypen verbunden sind die Risikotypen: Eine gute Risikoeinschätzung ist die Voraussetzung für einen langfristig positiven Konsum – und manchmal sogar die Voraussetzung dafür, den Drogengebrauch zu überleben. Aber Risikoeinschätzung ist schwierig und komplex. Risiko ist keine klare, objektive Größe, wie hoch oder niedrig jemandem ein Risiko erscheint, wird stark von dessen Erfahrungen, aber auch von den eigenen Überzeugungen und denen anderer Menschen beeinflusst. Diese subjektive Seite des Umgangs mit Risiko nennt man Risikowahrnehmung. Sie wird nicht nur von gesellschaftlichen Normen und Vorurteilen beeinflusst, sondern auch durch unsere Biologie. Einige Menschen zeigten bei Hirnscans in bestimmten Gehirnregionen, die mit Erregung und Verhaltensverstärkung verknüpft sind, stärkere Reaktionen auf Reize. Diese Menschen, die den Nervenkitzel und die Aufregung suchen, nennt man Sensation Seeker oder umgangssprachlich auch Adrenalinjunkies. Sie neigen dazu, größere Risiken einzugehen als andere. Sie suchen Stimulierung, also Extremerfahrungen, die neu oder besonders intensiv sind. Dazu gehören neben sexuellen Erfahrungen und Extremsport auch Glücksspiel und Drogen. Die Frage nach dem eigenen Risikotyp ist ein weiterer Baustein eines gelungenen Umgangs mit Drogen. Wie bei den Motivtypen ist auch hier die Zuordnung nicht immer ganz eindeutig, viele von uns vereinen unterschiedliche Anteile, wobei auch hier wichtig ist einzuschätzen, welcher Anteil prägend ist und unser Handeln bestimmt. Auch das Risikoverhalten kann sich verändern.

Welcher Risikotyp bin ich?

Der Risikosucher ist neugierig und manchmal impulsiv, er sucht den Nervenkitzel.

Der Risikovermeider ist vorsichtig und geht Gefahren aus dem Weg.

Der Risikokontrollierer wägt ab, beschäftigt sich mit den Gefahren, bevor er eine Entscheidung trifft.

Der Risikoverursacher bringt vor allem andere in Gefahr.

Wozu nehme ich Drogen?

Hedonismus versus Problembewältigung – Der Spaßtyp und der Selbstbehandler: Spaß zu haben und seine Freizeit aufregender gestalten zu wollen, ist das am häufigsten genannte Motiv für den Konsum von Alkohol oder anderen Drogen. Aber auch Trinken oder Kiffen zur Bewältigung oder Verdrängung von Problemen ist weit verbreitet.

Grenzen setzen versus Grenzen überschreiten – Der Kontrollierer und der Grenzgänger: Dem einen ist es wichtig, seine Grenzen zu kennen und die Kontrolle zu bewahren. Der andere geht bewusst über seine Grenzen hinaus, um neue und intensive Erfahrungen zu machen.

Dazugehören wollen versus seine Freiheit suchen – Der Szenetyp und der Unabhängige: Der eine trinkt oder kifft, um dazuzugehören und so zu sein wie die Älteren, Cooleren oder andere Vorbilder. Der andere sucht nach Individualität und Unabhängigkeit, das kann sowohl durch Verzicht auf Drogen als auch durch den Konsum geschehen.

Vorsicht versus Neugier – Der Abstinente und der Probiertyp: Der eine lehnt Drogenerfahrungen ab, um sich zu schützen, der andere ist neugierig und möchte diese Erfahrungen machen, bevor er sich grundsätzlich für oder gegen den Konsum entscheidet.

Auflehnung versus Anpassung – Der Rebell und der Mitläufer: Was verboten ist, ist besonders reizvoll – die einen nehmen Drogen, um gezielt Regeln und Gesetze, Vorschriften und Erwartungen in Frage zu stellen und zu unterlaufen. Die anderen passen sich den Normen und Konsumgewohnheiten der Mehrheit an.

Risikoverhalten im Jugendalter – Eine Einführung

RISIKOVERHALTEN IM JUGENDALTER

Der nachfolgende Blogbeitrag widmet sich der Lebensphase Jugend im Allgemeinen und fokussiert im Speziellen riskante Verhaltenspraktiken, ein ubiquitäres und „kardinales Bestimmungselement“ (Raithel, 2011, S. 9) jener Entwicklungsphase.
Neben der Klärung grundlegender Begriffe und einer Darstellung der für eine Konzeptualisierung der Lebensphase Jugend notwendigen theoretischen Bezüge, werden die relevantesten Risikoverhaltensweisen exemplarisch dargelegt und vor dem Hintergrund möglicher Ansatzpunkte für Interventionen entfaltet. Dabei bezieht sich der Beitrag überwiegend auf die grundlegenden und umfassenden Arbeiten von Jürgen Raithel (2001; 2003a,b,c; 2011).

LEBENSPHASE JUGEND

Jugend ist der Lebensabschnitt zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, also die Alterskohorte zwischen ca. 13 und 25 Jahren. Menschen in dieser Lebensphase werden Jugendliche genannt, bilden jedoch keine homogene soziale Gruppe (Hurrelmann & Quenzel, 2012), „da die sozialstrukturellen und soziokulturellen Bedingungen des Aufwachsens […] sich in der Gegenwartsgesellschaft so ausdifferenziert [haben], dass Jugend nur im Plural gedacht werden kann“ (Hoffmann & Mansel, 2013, S. 436).
Zur Annäherung an eine Definition der Lebensphase Jugend gilt es den Blick auf die „qualitativ und quantitativ […] sehr heterogene[n] Entwicklungsprozesse“ (Raithel, 2011, S. 14) zu richten. Diese umfassen biologische, psychische und soziale Systemebenen (Krettenauer, 2014). Aus soziologischer Sicht ist „Jugend […] eine biologisch mitbestimmte, aber sozial und kulturell „überformte“ Lebensphase, in der das Individuum die Voraussetzungen für ein selbständiges Handeln in allen gesellschaftlichen Bereichen erwirbt“ (Raithel, 2011, S. 14).
Den Beginn des Jugendalters markiert der Eintritt in die Adoleszenz, ein biologisches Transitorium, welches durchschnittlich bei Mädchen im Alter von 11 Jahren und bei Jungen im Alter von 13 Jahren beginnt und mit der Ausbildung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale (Pubertät) sowie verstärktem Größenwachstum verbunden ist (Steinberg, 2005; Tanner & Whitehouse, 1976). Die darauffolgenden Jahre der mittleren Adoleszenz (15-17 Jahre) sind von zunehmenden Anforderungen durch die Gesellschaft geprägt (Entwicklungsaufgaben). Zugleich beginnt ein Entkopplungsprozess von den primären Bezugspersonen (Individuation) bei zunehmender Relevanz der Peer-Group und (Jugend-)Subkulturen. Aufgrund der weiteren Ausdehnung der Jugendphase durch die Verlängerung der Bildungszeit in das frühe Erwachsenenalter (ca. 18-25 Jährige, „Postadoleszenz“; Baacke, 1987), ist eine exakte Festlegung der Zeitspanne der Lebensphase Jugend nicht möglich. Die Abnahme kollektiver Stabilität durch den Wegfall traditioneller Verbindlichkeiten im Kontext zunehmender gesellschaftlicher Pluralisierung gefährdet dabei laut Raithel (2011, S. 18) das “Entwicklungsziel einer gelungenen Identitätsfindung” bzw. die Ausbildung einer Ich-Identität sensu Erikson (1959).
Dieser beschreibt den Lebenszyklus des Menschen in acht Stadien, die ein Individuum durchläuft. Dabei ist jedes Stadium durch phasenspezifische, psychosoziale Krisen und Anforderungen geprägt, deren Lösung zum Fortschreiten innerhalb der Entwicklungsphasen führt (Erikson, 1973). Die psychosozialen Krisen „werden als eine Reihe von Alternativen in der Grundeinstellung bezeichnet“ (Rotter & Hochreich, 1979, S. 47). So ist das Stadium der Adoleszenz (Phase V) durch den Konflikt „Identität gg. Identitätsdiffusion“ (Erikson, 1973, S. 151) geprägt, dessen verzögerte Bewältigung zu einem psychosozialen Moratorium führen kann. Nach Raithel ist die „explizite Gegenwartsorientierung mit einer starken Abgrenzung von der älteren und einer verstärkten Hinwendung zur altershomogenen Generation“ (2011, S. 19) kennzeichnend für das Moratoriumskonzept. Dieses grenzt sich von einer rein transitorischen und damit eher defizitorientierten Sichtweise der Adoleszenz ab, die deren Zweck in der „Assimilation an die Erwachsenengeneration“ (ebd.) ausmacht.
Auch der Gesetzgeber rekurriert auf den Reifegrad heranwachsender Menschen und definiert Jugendliche im Sinne des bundesdeutschen Jugendschutzgesetzes als „Personen, die 14, aber noch nicht 18 Jahre alt sind“ (§1 Abs. 1 S. 1 JuSchG). Auch in anderen Gesetzen wird zum Teil auf biologische Reifegrade Bezug genommen und implizit die Setzung von Entwicklungsaufgaben vorgenommen (Tabelle 1)

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