Auf einen Blick
Fünf Kernthesen für die eilige Lektüre:
Das isländische Modell ist als Prozessrahmen inspirierend, als kausale Erfolgsgeschichte aber nicht belegt. Die in Reykjavík gemessenen Rückgänge des jugendlichen Substanzkonsums sind real, doch sie fügen sich in einen pan-europäischen Trend, der seit Ende der 1990er-Jahre auch dort beobachtet wird, wo das Modell nie umgesetzt wurde (Kraus et al., 2018; Pape et al., 2018). Eine randomisierte Wirkstudie zum Modell existiert bis heute nicht (Koning et al., 2020).
Die Wirkmechanismen sind heterogener als die populäre Erzählung suggeriert. Vereinssport schützt nicht uniform – in West-Irland erhöht er das Risiko für Rauschtrinken (Kelly et al., 2023), in Litauen und Tarragona zeigt er keinen oder einen gegenläufigen Effekt (Ásgeirsdóttir et al., 2021; Meyers et al., 2023). „Elterliche Aufsicht" wirkt nicht über Kontrolle, sondern über Beziehungsqualität und kindliche Selbstoffenbarung (Kerr et al., 2010). Peer-Effekte beruhen substanziell auf Selektion, weniger auf Beeinflussung (Mundt et al., 2012).
Außerhalb Islands liefern Adaptionen gemischte Befunde. Tarragona, Santiago de Chile und Idaho zeigen Trends in der erwarteten Richtung, sind aber durchweg quasi-experimentell, ohne Kontrollkommune und teils durch die COVID-Pandemie konfundiert (Libuy et al., 2023; Meyers et al., 2023; Neher et al., 2025). Schottland und Kanada dokumentieren primär Implementationsbarrieren – Kosten, Lizenzlogik, kulturelle Passung (Carver et al., 2021; Halsall et al., 2022).
Communities That Care ist das evidenzstärkere Schwesterprogramm, aber kein Allheilmittel. Die randomisierte US-Studie belegt persistente Effekte auf Lebenszeit-Abstinenz, doch Effekte auf den aktuellen Konsum verflachen ab der 12. Klasse (Oesterle et al., 2015). Das Nutzen-Kosten-Verhältnis liegt zwischen 5,30 und 10,23 USD je investiertem Dollar (Kuklinski et al., 2012, Klasse 8), bei 8,22 USD bis zur 12. Klasse (Kuklinski et al., 2015) und bei 12,88 USD in der Langzeitauswertung bis zum 23. Lebensjahr (Kuklinski, Oesterle & Briney, 2021); die australische Replikation kommt unter konservativeren Annahmen auf AUD 2,60 (Abimanyi-Ochom et al., 2024). Auch hier ist die deutsche Kosten-Nutzen-Bilanz noch nicht publiziert; das CTC-EFF-Projekt zeigt im Preprint nicht-signifikante Frühergebnisse (Röding et al., 2024).
Die deutsche Präventionslandschaft ist nicht leer – und ihre Wirkungsevidenz nicht schmal. Mehrere etablierte Programme der Grünen Liste Prävention (über 100 wirksamkeitsgeprüfte Einträge nach Brender et al., 2024) sind in deutschen Kohorten fachbegutachtet evaluiert: IPSY mit drei Studien und Effektstärken bis d = 0,33 (Weichold et al., 2010, 2016; Wenzel et al., 2009), Klar bleiben als Cluster-RCT (Hanewinkel et al., 2017), Klasse 2000 mit Wirkungsbeleg im Grundschulalter, Be smart – don't start mit OR 0,65 für Rauchprävalenz (Stamm-Balderjahn et al., 2012). Für deutsche Kommunen ist nicht die Übernahme einer Marke die Frage, sondern die selektive Verbindung von Prozessmerkmalen. Der direkte Lizenzimport von Planet Youth lohnt sich nur dort, wo Datenhoheit, unabhängige Auswertung und Vertragstransparenz gesichert sind – sonst entsteht eine teure Parallelstruktur ohne Wirkungsbeleg.
Einleitung: Eine Szene aus Reykjavík
Es ist ein Freitagabend im November, halb elf, in einem Wohnviertel im Westen der Stadt. Drei Mädchen, vielleicht vierzehn, verlassen mit ihren Schlittschuhen über der Schulter die Eishalle. Vor dem Eingang steht ein Vater, der zwei von ihnen anschließend nach Hause fahren wird – nicht weil sie nicht laufen könnten, sondern weil die Kommune das so vorsieht. Eine Stadtordnung schickt unter Sechzehnjährige zwischen September und April ab 22 Uhr nach Hause. Die Eishalle ist subventioniert, der Verein bekommt einen Zuschuss pro Mitglied, die Eltern haben eine Freizeitkarte für ihre Tochter über die Kommune erhalten, und einmal im Frühjahr füllt deren Klasse einen Fragebogen aus, der wenige Wochen später als Diagramm im Stadtrat liegt.
Diese Szene ist kein Einzelfall, sondern Routine. Sie erzählt zwei Geschichten zugleich: die einer kommunalen Praxis, die seit fast drei Jahrzehnten konsequent Bedingungen für Jugendliche gestaltet, anstatt Aufklärungskampagnen zu produzieren – und die einer Erzählung, die sich von dieser Praxis längst gelöst hat. „Iceland Knows How To Stop Teen Substance Abuse But The Rest Of The World Isn't Listening", titelte das US-Magazin Mosaic 2017; seither tourt das Icelandic Prevention Model (IPM, vermarktet als Planet Youth®) durch Stadträte, Stiftungsausschreibungen und Konferenzprogramme weltweit. Der Erfolg der Erzählung ist verständlich: Eine kleine Insel mit hohen Konsumraten in den 1990ern wird durch eine Kombination aus Datennutzung, kommunaler Mobilisierung und Schutzfaktorenstärkung in einer Generation zu einem der substanzärmsten Länder Europas. Wer würde das nicht kopieren wollen?
Dieser Beitrag löst die Erzählung von der Praxis und prüft, was die Forschung der vergangenen sieben Jahre über das Modell tatsächlich weiß. Die Antwort ist differenzierter als Schlagzeilen erlauben: Das Modell hat reale Stärken, die deutsche Kommunen produktiv lesen können – und Schwächen, die in der Übertragungsdiskussion regelmäßig ausgeblendet werden. Wer die einen würdigt, ohne die anderen zu benennen, schadet am Ende der Sache. Prävention, die zuverlässig wirken soll, lebt von ehrlicher Buchführung über das, was belegt ist und was nicht.
Vom Notruf zur Routine: Genese und Selbstverständnis
Mitte der 1990er-Jahre stand Island in den europäischen Tabellen ungünstig da. Im European School Survey Project on Alcohol and Other Drugs (ESPAD) berichtete 1995 fast jeder zweite isländische Fünfzehnjährige, sich im vergangenen Monat betrunken zu haben; rund jeder Vierte rauchte täglich (Sigfúsdóttir et al., 2009). Der politische Handlungsdruck war erheblich, das Vertrauen in klassische Aufklärungsprogramme nach den ernüchternden D.A.R.E.-Befunden in den USA gering. In dieser Konstellation entstand eine ungewöhnliche Allianz aus Soziologen der Universität Reykjavík, kommunalen Verwaltungsspitzen, Schulleitungen, Jugendarbeit und Politik, die sich nicht auf einen einzelnen Programmkatalog einigte, sondern auf einen Arbeitsmodus.
Drei Entscheidungen prägen diesen Modus bis heute: Erstens werden alljährlich Vollerhebungen unter Schüler der achten bis zehnten Jahrgangsstufe durchgeführt – Ausschöpfungsquoten von über 80 % sind seit zwei Jahrzehnten die Regel (Kristjánsson et al., 2016). Zweitens werden die Ergebnisse innerhalb weniger Monate als kommunal aufgeschlüsselte Berichte zurückgespielt, in einer Form, die in Stadt- und Schulkonferenzen anschlussfähig ist. Drittens orientieren sich die abgeleiteten Maßnahmen am sozialen Umfeld der Jugendlichen, nicht an deren individuellen Wissensdefiziten – „die Gesellschaft ist der Patient", wie es in einer programmatischen Selbstbeschreibung heißt (Sigfúsdóttir et al., 2020).
Aus diesem Modus wuchsen über die Jahre Routinen, die heute als Markenkern des Modells gelten: kommunale Freizeitkarten mit einem Wert zwischen rund 350 und 750 Euro pro Kind und Jahr, je nach Kommune, die für betreute Vereins- und Kursangebote eingelöst werden können; ein nächtliches Aufenthaltsverbot für Minderjährige außerhalb des Elternhauses, das sich über zwei Stadtordnungen hinweg festigte; intensive Elternarbeit in den Schulen, die nicht über Vorträge, sondern über kollektive Vereinbarungen unter Klasselternschaften funktioniert; und der gezielte Ausbau betreuter Sport- und Jugendarbeit, in der hauptamtliche Fachkräfte als Bezugspersonen wirken.
Seit den späten 2000er-Jahren wird dieses Bündel internationalisiert. Youth in Europe startete 2006 als Kooperation mehrerer Städte; daraus entwickelte sich ab 2018 Planet Youth® als formalisiertes Lizenzmodell, getragen vom Icelandic Centre for Social Research and Analysis (ICSRA). Heute arbeiten Kommunen in Spanien, Litauen, Irland, Chile, Mexiko, den USA, Kanada und in Teilen des englischsprachigen Pazifiks unter dieser Marke (Sigfúsdóttir et al., 2020). Die Marke selbst ist ein wichtiger Punkt, der in Übertragungsdiskussionen oft untergeht: Planet Youth ist kein gemeinfreies Werkzeug, sondern ein kostenpflichtiges Programm mit Lizenzgebühren, Erhebungs- und Datenhoheitsverträgen, die je nach Kommune zwischen rund 30.000 und über 100.000 Euro jährlich liegen (Carver et al., 2021).
Wer heute über das isländische Modell spricht, sollte deshalb klar zwischen drei Ebenen unterscheiden: erstens dem isländischen Politik- und Praxiskontext (Wohlfahrtsstaat, restriktive Alkoholpolitik, kompakte Geographie, hohe Schulanwesenheit), in dem das Modell entstand; zweitens dem theoretischen Prozessrahmen, der inspirativ und größtenteils gemeinfrei ist; und drittens dem kommerziellen Planet Youth-Lizenzmodell, das beides bündelt und international vertreibt. Diese drei Ebenen werden im öffentlichen Diskurs regelmäßig vermengt – mit Folgen für Erwartungen, Verträge und Evaluationen.
Theoretische Verortung – und ihre epistemische Dimension
Wer das isländische Modell theoretisch einordnen will, landet bei vier Strängen. Der erste ist das Risiko- und Schutzfaktoren-Modell von Hawkins und Kollegen (Hawkins et al., 1992). Es geht davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit jugendlichen Substanzkonsums sich aus einem Bündel modifizierbarer Bedingungen in vier Lebensbereichen ergibt – Familie, Schule, Peergruppe, Freizeit – und dass Prävention diese Bedingungen verschieben kann, ohne dass sie sich auf Individuen einlassen müsste. Das Social Development Model derselben Autorengruppe (Catalano et al., 1996; Cambron et al., 2018) ergänzt diese Logik um Mediatoren: Bindung an prosoziale Bezugssysteme entsteht über Gelegenheiten, Fertigkeiten und Anerkennung in diesen Systemen, und diese Bindung wiederum verringert die Wahrscheinlichkeit problematischen Verhaltens.
Der zweite Strang ist die Sozialkapital-Theorie. Coleman (1988) und in der isländischen Lesart Þórlindsson und Mitarbeitende argumentieren, dass „intergenerationelle Schließung" – ein Netzwerk, in dem Eltern die Freunde ihrer Kinder kennen und sich mit deren Eltern abstimmen – Substanzkonsum auch dann reduziert, wenn das einzelne Kind gar nicht in dieses Netzwerk eingebunden ist (Sigfúsdóttir et al., 2009). Die Schule ist hier nicht nur Lernort, sondern struktureller Knotenpunkt für die Vernetzung von Erwachsenen.
Der dritte Strang ist der Setting-Ansatz der Gesundheitsförderung im Sinne der Ottawa-Charta: Gesundheit entsteht im Alltag, in den Lebenswelten, nicht in singulären Aufklärungsereignissen. Damit verwandt ist viertens die Gesundheitsimpaktpyramide von Frieden (2010), die kontextverändernden Maßnahmen am Boden der Pyramide eine deutlich größere Reichweite zuschreibt als individuelle Beratung an deren Spitze. Das isländische Modell positioniert sich explizit auf der vierten Ebene dieser Pyramide – „den Standardfall verändern" – und nicht auf der ersten – „informieren" (Kristjánsson et al., 2020a).
Diese theoretische Verortung ist plausibel und in der Public-Health-Literatur breit verankert. Doch sie hat eine epistemische Kehrseite, die in der populären Rezeption fast immer ausgeblendet wird: Wer Wirkung über Kontexte erklärt, kann sie nicht über Individuen messen. Das Modell zielt auf Aggregat-Effekte – auf Verschiebungen kommunaler Verteilungen, nicht auf individuelle Outcomes. Genau hier beginnt das methodische Problem. Aggregat-Designs liefern Trendaussagen, keine Kausalaussagen. Eine Stadt, die das Modell einführt und gleichzeitig sinkende Konsumraten misst, kann diesen Rückgang nicht ohne Weiteres dem Modell zuschreiben – schon deshalb nicht, weil in vielen Vergleichsstädten ohne Modell ähnliche Rückgänge zu beobachten sind (Pape et al., 2018; Vashishtha et al., 2019). Diese epistemische Differenz zwischen Trend und Effekt zieht sich durch die gesamte Literatur und ist der Hauptgrund, warum die Wirksamkeitsfrage trotz beeindruckender Zahlen offen bleibt.
Hinzu kommt eine zweite epistemische Schicht. Die einflussreichsten Studien zum Modell stammen aus dem Forschungszentrum, das gleichzeitig das Modell entwickelt, vermarktet und international lizenziert. Eine systematische Analyse von Dragioti und Kollegen (2015) über 1.198 randomisierte Studien in 146 Metaanalysen fand: 66,3 % waren entwicklerverbunden, nur 3,2 % berichteten diesen Umstand transparent, und nur 0,2 % kontrollierten für ihn statistisch. Die Society for Prevention Research hat in ihrem Standard-Update von 2015 als wünschenswertes Kriterium formuliert, dass Wirksamkeit erst dann gelten sollte, wenn mindestens ein Datensatz einer Effectiveness-Studie von einem Team analysiert wurde, das nicht zum Entwicklerkreis gehört (Gottfredson et al., 2015). Diese Bedingung ist im Modell-Kontext bis heute nicht erfüllt.
Beide Schichten – das Aggregat-Problem und das Allegiance-Problem – machen die Diskussion um das Modell zu mehr als einer technischen Frage. Sie wird zur Frage danach, welcher Evidenzbegriff in der kommunalen Prävention gelten soll: ein pragmatisch-explorativer, der lokale Plausibilität gelten lässt, oder ein streng kausaler, der ohne unabhängige Replikation keine Wirkungsaussagen zulässt. Beide Positionen lassen sich verteidigen; verwirrend wird es nur, wenn die eine im Gewand der anderen auftritt.
Die Architektur: fünf Leitprinzipien, zehn Schritte
Das Modell beschreibt sich selbst über fünf Leitprinzipien und zehn Umsetzungsschritte (Kristjánsson et al., 2020a, 2020b). Die Leitprinzipien lauten: Erstens Primärprävention mit Fokus auf das soziale Umfeld – also keine Selektion von Risikojugendlichen, sondern strukturelle Veränderung für alle. Zweitens kommunale Aktion mit der Schule als zentralem Knotenpunkt. Drittens Stärkung der Gemeinschaft durch Nutzung lokaler Daten. Viertens Integration von Forschung, Politik, Praxis und Bewohnerschaft in einer dauerhaften Arbeitsstruktur. Fünftens eine langfristige Perspektive mit angemessenen Ressourcen über mehrere Jahre.
Die zehn Schritte gliedern sich in drei Blöcke. Schritte eins bis drei betreffen den Aufbau der lokalen Trägerschaft: politische Verankerung, Aufbau einer multisektoralen Steuerungsgruppe, Sicherung von Ressourcen und Verstetigungsplan. Schritte vier bis sechs umfassen die jährliche Erhebung und ihre Aufbereitung: standardisierte Schülerbefragung, Datenrückspiegelung an die Stadt, Übersetzung in handlungsleitende Befunde. Schritte sieben bis neun beschäftigen sich mit der Umsetzung: lokale Zielsetzung in den vier Handlungsfeldern Familie, Schule, Peers und Freizeit, konkrete Maßnahmenwahl, Mobilisierung der Bewohnerschaft. Schritt zehn schließlich ist ein Iterations-Schritt: Wiederholung des Zyklus, Anpassung, Lernen.
Diese Architektur ist als kommunaler Arbeitsrahmen klar und für Praktiker sofort anschlussfähig. Sie ist auch der Teil des Modells, der am wenigsten kontrovers ist. Ihre Stärke liegt darin, dass sie eine Datenpraxis verankert, die in der deutschen kommunalen Suchtprävention bislang die Ausnahme ist: jährliche statt episodischer Erhebungen, kommunal aufgeschlüsselte statt landesweiter Berichte, kurze statt langer Rückspiel-Zyklen. Die Architektur formuliert auch eine Disziplin der Schwerpunktsetzung: Statt jede Modeintervention parallel laufen zu lassen, einigt sich die kommunale Steuerungsgruppe auf wenige Hebel und verfolgt sie über mehrere Jahre.
Ihre Schwäche liegt in einer paradoxen Eigenschaft, die Koning und Mitarbeitende (2020) als „Black-Box-Effekt" bezeichnet haben: Welche der zehn Schritte oder welche der vier Domänen den behaupteten Wirkungsbeitrag tragen, ist nicht spezifiziert. Das Modell ist, so die Kritik, „ein Mischensemble von amorphen, sich ständig verändernden Aktivitäten, während die genaue Zusammensetzung von Komponenten und Dosierungen unklar bleibt" (Koning et al., 2020, eigene Übersetzung). Die Verteidigung des Entwicklerteams – dass diese Offenheit Anpassung an lokale Kontexte erlaube – stimmt. Sie verschiebt aber das Wirksamkeitsproblem nur. Wenn Standards der Präventionswissenschaft fordern, dass die Kernkomponenten einer wirksamen Intervention identifiziert sein müssen (Gottfredson et al., 2015), ist diese Identifizierung beim isländischen Modell bis heute unvollständig.
Das Entwicklerteam hat auf diese Kritik 2024 reagiert und zwei Bewertungsinstrumente publiziert: das Icelandic Prevention Model Evaluation Framework (IPM-EF) und das Implementation Integrity and Consistency Assessment (IPM-IICA) (Mann et al., 2024). Die Instrumente operationalisieren Treue der Umsetzung über zehn Domänen und sollen erlauben, Wirksamkeit zukünftig auch in Abhängigkeit von Implementationsqualität zu untersuchen. Ob diese Instrumente das Black-Box-Problem auflösen, lässt sich erst beurteilen, wenn unabhängige Forschungsteams sie über mehrere Jahre einsetzen. Stand 2026 liegen dazu noch keine fachbegutachteten Anwendungsstudien vor.
Was die isländische Empirie wirklich zeigt – und was nicht
Die Zahlen aus Reykjavík sind eindrucksvoll und in mehreren Wellen publiziert worden. Zwischen 1997 und 2014 sank der Anteil der 15- bis 16-Jährigen, die im vergangenen Monat betrunken waren, von rund 42 % auf 5 %; täglicher Tabakkonsum fiel von 23 % auf 3 %; Cannabis-Lebenszeitprävalenz von 17 % auf 7 % (Kristjánsson et al., 2016). Parallel stieg der Anteil derjenigen, die mehr als vier Mal pro Woche organisierten Sport trieben, von 24 % auf 30 %; der Anteil derjenigen, die abends nicht in der Innenstadt unterwegs waren, von 29 % auf 51 % zwischen 1997 und 2006 (Sigfúsdóttir et al., 2009). Eine prospektive Kohortenstudie mit zwölfmonatigem Abstand zwischen Erst- und Folgebefragung bestätigte 23 von 28 modelltheoretisch erwarteten Zusammenhängen zwischen Risiko- bzw. Schutzfaktoren und Substanzkonsum (Kristjánsson et al., 2021).
Diese Befunde sind robust dokumentiert und bilden den empirischen Kern, auf den sich die Erfolgserzählung beruft. Sie sind allerdings auch das Material, das die schärfste methodische Diskussion in der Public-Health-Literatur ausgelöst hat. Die Diskussion lässt sich in drei Linien ordnen.
Linie eins: Korrelation und Kausalität. Praktisch alle isländischen Studien sind wiederholte Querschnitte – also Datenerhebungen mit unterschiedlichen Personen zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Solche Designs zeigen Bevölkerungstrends, aber sie können nicht ausschließen, dass etwas anderes als das Modell die Trends verursacht hat. Die einzige längere Längsschnittstudie (Kristjánsson et al., 2021) deckt zwölf Monate ab, was für entwicklungspsychologische Aussagen kurz ist. Eine Forschungsgruppe um die niederländische Präventionsforscherin Ina Koning hat bereits 2020 eingewandt, dass die Modellbefürworter selbst keinen statistischen Link zwischen Konsumrückgängen und den primären Präventionsvariablen herstellen konnten – die Trends in beiden Variablen sind zwar parallel, aber das beweist nicht, dass die einen die anderen erzeugen (Koning et al., 2020, S. 369).
Linie zwei: säkulare Trends. In den letzten zwei Jahrzehnten sind die Konsumraten Jugendlicher in fast allen einkommensstarken Ländern gefallen, und zwar in vergleichbarer Größenordnung. ESPAD-Daten zeigen für Norwegen, Schweden, Finnland, das Vereinigte Königreich und die Niederlande Rückgänge zwischen 30 % und 70 % bei monatlichem Alkoholkonsum 1995–2015 (Kraus et al., 2018). Der systematische Review von Pape, Rossow und Brunborg (2018) bestätigt für 60 Einzelstudien aus Europa, Nordamerika und Australien einen breiten Rückgang – auch in Ländern ohne kommunale Bündelmodelle. Eine spätere Replikationsstudie aus Norwegen identifiziert weniger unstrukturierte Peer-Zeit und stärkere Familienorientierung als statistisch erklärungskräftigste Faktoren – mit einem Anteil von rund 43 % am Rückgang der Intoxikationsprävalenz (Rossow et al., 2020). Das ist insofern wichtig, als diese Faktoren mit den isländischen Schutzfaktoren weitgehend deckungsgleich sind: Sie wirken offenbar unabhängig vom Modell und in Ländern, die das Modell nie eingeführt haben.
Koning und Mitarbeitende (2021) ziehen daraus eine Konsequenz, der die Modellbefürworter zwar widersprochen haben, die sie empirisch aber nicht widerlegen können: Die isländischen Rückgänge sind plausibel als Verstärkung eines breiteren Trends durch lokale Maßnahmen interpretierbar, aber der spezifische Beitrag des Modells über diesen Trend hinaus ist nicht ausgewiesen. Vashishtha und Kollegen (2019, 2022) gehen weiter und prüfen Erklärungshypothesen für den paneuropäischen Rückgang systematisch durch. Restriktivere Eltern, weniger gemeinsame Abendzeit unbeaufsichtigter Peers, demografische Verschiebungen durch Migration aus Niedrigkonsumkulturen und in Teilen Politiken zur Verteuerung und Beschränkung von Alkohol erscheinen empirisch plausibel; die populäre „Bildschirme statt Bier"-Hypothese – dass Jugendliche heute weniger trinken, weil sie mehr am Smartphone hängen – lässt sich in Daten aus 33 europäischen Ländern nicht belegen.
Linie drei: Polarisierung und Schaden. Eine der bemerkenswertesten Korrekturen der Erfolgserzählung kommt aus der jüngsten Literatur. Vieira und Kollegen (2025) haben in einem systematischen Review für Addiction gezeigt, dass der Konsumrückgang in einkommensstarken Ländern nicht in gleichem Maße mit einem Rückgang alkoholbedingter Schäden einhergeht. Insbesondere unter Jugendlichen mit zusätzlicher psychischer Belastung scheinen die Schäden persistent. Eine ESPAD-basierte nordische Analyse (Ekholm et al., 2024) zeigt: In Island hat sich die Assoziation zwischen Konsum und Schaden in den letzten zehn Jahren verstärkt – wer trinkt, trinkt riskanter; die Gesamtzahl der Trinkenden sinkt, doch die Konsumcharakteristik in der Restgruppe ist problematischer. Diese Polarisierungsbefunde sind mit der einfachen „Erfolg"-Lesart schwer vereinbar und werden in der Modellliteratur bislang nicht systematisch adressiert.
Was bleibt? Die isländischen Daten zeigen einen außergewöhnlich konsistenten und steilen Rückgang vieler Risikoindikatoren. Sie zeigen außerdem, dass Schutzfaktoren wie Familienzeit und betreute Vereinsangebote in Island substanziell zugenommen haben. Sie zeigen nicht, dass diese Zunahme den Rückgang verursacht hat. Sie zeigen erst recht nicht, dass die spezifische Architektur des isländischen Modells ursächlich war – und sie zeigen auch nicht, dass der Rückgang in jeder Hinsicht ein Erfolg ist, wenn man Schadensindikatoren und Subgruppen mitnimmt.
Internationaler Transfer: was außerhalb Islands geschieht
Die internationale Adaptionsliteratur ist seit 2018 deutlich gewachsen, aber sie bleibt methodisch dünn. Eine systematische Suche nach fachbegutachteten Wirksamkeitsstudien über die Suchplattform Scite (Stand April 2026) ergibt keine einzige randomisierte oder cluster-randomisierte Studie zum Modell außerhalb Islands. Alle verfügbaren Studien sind wiederholte Querschnitte, Vorher-Nachher-Designs ohne Vergleichskommune, qualitative Umsetzungsstudien oder Machbarkeitsberichte.
Methodisch wäre eine kausale Prüfung dort möglich, wo Kommunen die Einführung ohnehin wollen: Ein Stepped-Wedge-Design randomisiert nicht das Ob, sondern die Reihenfolge der Einführung – alle teilnehmenden Kommunen erhalten die Intervention, nur zeitversetzt. Damit entfällt das ethische Argument gegen klassische Wartelisten-Kontrollen, das im Präventionsfeld häufig vorgebracht wird. Wo bereits langjährige Datenketten existieren – wie in Reykjavík seit 1995 oder in Adoptionskommunen mit jährlicher Schülerbefragung –, kommt ein zweiter Weg in Betracht: die Unterbrochene Zeitreihen-Analyse (englisch: interrupted time series, ITS), die den Verlauf einer Kennziffer vor und nach einem klar definierten Interventionszeitpunkt segmentiert auswertet. Beide Designs werden in „Übertragbarkeit › Dimension vier: Evidenz" methodisch ausgeführt.
Spanien (Tarragona, Katalonien). Meyers und Kollegen (2023) berichten über zwei Erhebungswellen 2015 und 2019 mit insgesamt 2.867 Fünfzehn- bis Sechzehnjährigen. Die Lebenszeitprävalenz für Rauchen sank um 7 Prozentpunkte, für Cannabis um 4 Prozentpunkte; E-Zigaretten-Lebenszeitkonsum stieg um 33 Prozentpunkte. Die meisten Modellannahmen ließen sich in der erwarteten Richtung bestätigen – mit einer wichtigen Ausnahme: Sportbeteiligung war mit erhöhten Odds für Lebenszeit-Alkoholkonsum und -Intoxikation assoziiert. Die Autoren interpretieren das als Hinweis auf die Bedeutung des Sportkontextes gegenüber der bloßen Sportteilnahme – ein Befund, der die Pauschalisierung „Sport schützt" relativiert. Methodisch ist das Design durch das Fehlen einer Kontrollkommune und die mangelnde Kontrolle für gesamteuropäische Trends begrenzt.
Litauen (Kaunas, Klaipeda, Vilnius). Ásgeirsdóttir und Kollegen (2021) zeigen für die drei größten Städte zwischen 2006 und 2019 sinkende Raten bei Rauchen, Alkohol, Cannabis und Amphetaminen sowie verbesserte Schutzfaktoren. Auch hier eine bemerkenswerte Differenz: Organisierte Sportteilnahme war nicht signifikant mit weniger Substanzkonsum assoziiert – ein Befund, der die zentrale Wirksamkeitsannahme des Modells in einem osteuropäischen Kontext nicht stützt. Das Studiendesign – wiederholte Querschnitte, keine Kontrollstädte – erlaubt keine Kausalaussage.
Schottland (Dundee). Die qualitative Studie von Carver, McCulloch und Parkes (2021) bündelt die Sicht der Beteiligten auf die Implementation. Zentrale Barrieren werden klar benannt: das Franchise-Modell von Planet Youth mit seinen Lizenzkosten, fehlende Mehrjahresfinanzierung, kulturelle Unterschiede zwischen Island und Schottland, Skepsis gegenüber importierten Modellen. Die Studie liefert keinen Wirksamkeitsbefund, aber sie ist eine seltene unabhängige Aufarbeitung der ökonomischen und politischen Voraussetzungen einer Übertragung.
Chile (Santiago). Libuy und Kollegen (2023) berichten Vorher-Nachher-Daten aus sechs Stadtbezirken: Lebenszeit-Alkohol fiel von 79,8 % auf 70,0 %, monatlicher Alkohol von 45,5 % auf 33,4 %, Cannabis von 27,9 % auf 18,8 %. Die Autoren weisen jedoch selbst darauf hin, dass die zweite Welle 2020 mitten in der COVID-19-Pandemie erhoben wurde, dass Eltern-Beziehungsqualität und psychische Gesundheit sich gleichzeitig verschlechterten, und dass „die fehlende Klarheit über die aktiven Komponenten des Modells" (Libuy et al., 2023, S. 252, eigene Übersetzung) eine kausale Zuschreibung der Konsumrückgänge an das Modell verbietet. Die qualitative Begleitstudie (Sepúlveda et al., 2023) dokumentiert hohe Akzeptanz, aber auch strukturelle Barrieren: kulturelle Toleranz gegenüber jugendlichem Konsum, sozioökonomische Heterogenität, niedrige elterliche Kontrolle in einkommensschwachen Bezirken.
Irland (Western Region). Daly und Kollegen (2025) berichten Querschnittsdaten aus dem Irish Planet Youth Survey (n = 4.890). Bemerkenswert ist eine Lebenszeit-Kokainprävalenz von 3,4 % – für europäische Verhältnisse hoch. Wichtiger noch ist die Studie von Kelly und Kollegen (2023) zum Rauschtrinken. Sie zeigt für n = 4.473 Jugendliche im Westen Irlands, dass Vereinssportbeteiligung das Risiko für Rauschtrinken erhöht (adjustierte Odds Ratio 1,30 bis 1,52). Das ist ein direkter Kontrast zur Modellannahme „organisierter Sport schützt" – und in einem Kontext, der ansonsten als modellfreundlich gilt. Eine dritte irische Studie (O'Dowd et al., 2024) zeigt zudem, dass *Peer-*Faktoren den stärksten Prädiktor für Cannabiskonsum darstellen (aOR 10,17), was die Gewichtung familienzentrierter Hebel im Modell relativiert.
Kanada (New Brunswick, Lanark County). Halsall und Kollegen (2022, 2025) sowie Movahedi und Kollegen (2025) dokumentieren in qualitativen Studien die Implementationsphase. Wiederkehrende Themen: Schwierigkeiten bei der Bündnisbildung, fragile Mehrjahresfinanzierung, Skepsis gegenüber dem importierten Format („Iceland is a small country, how are we going to get it to work here?"; Halsall et al., 2022, S. 4), aber auch produktive Erweiterungen wie die partizipative Einbindung Jugendlicher in die Datenrückspiegelung.
USA (Idaho, Kentucky, West Virginia/Appalachia). Hier zeigt sich die jüngste Entwicklungslinie: die Erweiterung des Modells über Substanzkonsum hinaus auf jugendliche psychische Gesundheit. Neher und Kollegen (2025) berichten aus dem Programm Communities for Youth in Idaho Reduktionen moderater bis schwerer Depressionssymptome und Sechs-Monats-Suizidideation – allerdings ohne Kontrollgruppe. Abbott und Kollegen (2025) dokumentieren in einem ländlichen US-Schulbezirk einen Rückgang der Depressionsraten von 66 % auf 24 % über drei Jahre. Diese Effektgrößen sind bemerkenswert; ohne Vergleichsgruppe und Kontrolle für die Regression zur Mitte bleiben sie aber bis auf Weiteres ungesichert. Mann und Kollegen (2023) berichten quasi-experimentell aus Franklin County (Kentucky) über schwache Effekte auf Teilnahme an Freizeitangeboten; Substanzkonsum-Endpunkte wurden nur sekundär erfasst.
Forschungslücken. Trotz gezielter Suche fanden sich in der fachbegutachteten Literatur keine indizierten Wirksamkeitsstudien zu Adaptionen in Australien, Mexiko, Süd-Korea oder in Galicien. Die Lücke heißt nicht zwingend, dass dort keine Adaption stattfindet – kommunale Berichte und graue Literatur sind in den großen wissenschaftlichen Datenbanken oft nicht indiziert. Sie heißt aber, dass für viele dieser Standorte keine unabhängige fachbegutachtete Wirkungsbewertung vorliegt.
Bilanz des Transfers. Über alle internationalen Adaptionen hinweg ergibt sich ein konsistentes Muster: Die Trendrichtung der Konsumindikatoren bewegt sich in den meisten Studien in der erwarteten Richtung. Die spezifischen Modellannahmen werden teilweise bestätigt, teilweise gegenläufig befundet (insbesondere bei Sport). Die methodische Stringenz reicht nicht für Kausalaussagen, und Störvariablen – COVID, gesellschaftsweite Trends, demografische Veränderungen – sind nicht systematisch kontrolliert. Damit verschiebt sich die Beweislast: Solange keine cluster-randomisierte Studie außerhalb Islands publiziert ist, bleibt die internationale Wirkungsbehauptung des Modells empirisch ungestützt. Die Erfahrung mit Adaptionen liefert wertvolles Implementationswissen – aber kein Wirksamkeitsargument.
Communities That Care: das evidenzbasierte Schwesterprogramm
Communities That Care (CTC) ist das in der Präventionswissenschaft am besten dokumentierte kommunale Bündelmodell. Es entstand in den 1980er-Jahren am Social Development Research Group-Zentrum der Universität Washington, ist aus derselben theoretischen Tradition wie das isländische Modell (Hawkins, Catalano) hervorgegangen und arbeitet mit einem ähnlichen Risiko-Schutz-Faktoren-Ansatz. Es gibt aber zwei wesentliche Unterschiede.
Erstens: CTC verbindet die kommunale Phase mit einem Katalog evidenzgeprüfter Programme. Statt jede Kommune ihre Maßnahmen frei wählen zu lassen, leitet CTC die örtliche Steuerungsgruppe an, aus einem nationalen Register wirksam getesteter Interventionen die zur lokalen Risikolage passenden auszuwählen und treu umzusetzen. In den USA ist das Blueprints for Healthy Youth Development-Register, in Deutschland die Grüne Liste Prävention, in der Stand Februar 2024 102 Programme gelistet sind (Brender et al., 2024).
Zweitens: CTC wurde randomisiert evaluiert. Die Community Youth Development Study (CYDS) von Hawkins und Kollegen randomisierte ab 2003 zwölf Interventions- und zwölf Kontrollkommunen in sieben US-Bundesstaaten und folgte einer Kohorte von 4.407 Schülern ab der fünften Klasse bis zum 23. Lebensjahr (Oesterle et al., 2015; Kuklinski, Oesterle & Briney, 2021). Diese Studie ist für die kommunale Suchtprävention das, was randomisierte klinische Studien für die Pharmakologie sind: das robusteste verfügbare Wirksamkeitsformat, das es erlaubt, kausale Aussagen zu treffen.
Was zeigt sie? Erstens: erste Effekte auf modifizierbare Risikofaktoren ab der siebten Klasse, also rund 1,7 Jahre nach Implementierungsbeginn; erste Effekte auf Substanzkonsum ab der achten Klasse. Zweitens: persistente Effekte auf Lebenszeit-Abstinenz von Alkohol, Tabak und Delinquenz bis zum 19. Lebensjahr (adjustierte Risiko-Ratio 1,16 für gesamtes Sample; bei männlichen Teilnehmern 1,22 für lebenslange Tabakabstinenz). Drittens – und das ist wichtig: keine signifikanten Effekte mehr auf den aktuellen Konsum ab Klasse 12 und keine Effekte auf Substanzstörungen, Depressionen oder Suizidalität im Alter 19 (Oesterle et al., 2015). Die Langzeitnachbeobachtung bis Alter 23 bestätigt persistente Effekte auf Lebenszeit-Indikatoren – insbesondere Lebenszeit-Abstinenz von Tabak –, während Effekte auf aktuelle Konsumprävalenzen ab Klasse 12 verschwunden sind (Kuklinski, Oesterle & Briney, 2021). Bei weiblichen Teilnehmern verflachten die Effekte schneller; geschlechtsspezifische Asymmetrien sind in mehreren CTC-Analysen bestätigt.
Auch ökonomisch ist CTC besser dokumentiert als das isländische Modell. Drei fachbegutachtete Analysen liegen vor und erlauben ein differenziertes Bild. Kuklinski und Kollegen (2012) berechneten für die Klasse-8-Outcomes der CYDS-Kohorte einen Netto-Gegenwartswert von 5.250 USD pro Jugendlichem (812 USD aus vermiedenem Tabakkonsum, 4.438 USD aus vermiedener Delinquenz). Das Nutzen-Kosten-Verhältnis lag dort bei 5,30 USD pro investiertem Dollar unter konservativen Annahmen und bei 10,23 USD unter weniger konservativen, aber noch tragfähigen Annahmen. Die spätere Folgeauswertung bis zur 12. Klasse (Kuklinski et al., 2015) bestätigt die ökonomische Tragfähigkeit: Kosten 556 USD pro Jugendlichem über fünf Jahre (etwa 112 USD pro Jahr), monetarisierter Nutzen 4.477 USD pro Jugendlichem (Preisstand 2011, diskontiert), Netto-Gegenwartswert 3.920 USD, Nutzen-Kosten-Verhältnis von 8,22 USD pro investiertem Dollar, interner Zinsfuß 21 %, erwartete Amortisation nach neun Jahren. Sensitivitätsanalysen mit halbierten Effekten bleiben positiv.
Die Langzeitauswertung bis zum 23. Lebensjahr (Kuklinski, Oesterle & Briney, 2021) – aufbauend auf derselben CYDS-Kohorte – kommt auf ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von 12,88 USD pro investiertem Dollar aus den primär monetarisierten Endpunkten (Kriminalität 51 %, Erwerbseinkommen 35 %, Gesundheit 16 %), bei einem Netto-Gegenwartswert von 7.152 USD pro Teilnehmer (95 %-Kredibilitätsintervall 1.253 bis 15.268 USD). Sensitivitätsanalysen mit konservativer Korrektur für die Verbundenheit zur Entwicklergruppe (Effektgrößen × 0,38) ergeben weiterhin 4,50 USD; werden sekundäre Endpunkte wie der Studienabschluss berücksichtigt, steigt das Verhältnis auf 30,62 USD. Die in Deutschland gelegentlich zitierte Bilanz „1:12,88" ist also belegbar und stammt direkt aus dieser fachbegutachteten Quelle. Eine australische Replikation kommt unter deutlich konservativeren Annahmen (nur Alkohol-Endpunkte, nur Interventionsperiode, nur vier nicht-randomisierte Kommunen) auf AUD 2,60 pro Dollar (Abimanyi-Ochom, Wanni Arachchige Dona, Bohingamu Mudiyanselage et al., 2024). Belastbar zitierbar ist damit die Spanne 5,30 bis 10,23 USD (Kuklinski et al., 2012, Klasse 8), 8,22 USD (Kuklinski et al., 2015, Klasse 12), 12,88 USD in der Langzeitauswertung bis zum 23. Lebensjahr (Kuklinski, Oesterle & Briney, 2021) sowie AUD 2,60 in der australischen Replikation (Abimanyi-Ochom et al., 2024). Das ist ein hohes ökonomisches Profil – ein investierter Dollar erzeugt je nach Zeithorizont und Endpunkt-Breite den drei- bis dreizehnfachen monetarisierten Gegenwert –, aber kein Selbstläufer ohne treue Umsetzung.
Auch CTC ist nicht ohne Schwächen. Die Effekte verflachen mit dem Erwachsenwerden, sie sind bei Frauen geringer, sie verlangen eine kontinuierliche Programmpflege – ohne fortlaufende Schulung sinkt die Nutzung evidenzbasierter Praxis in den Bündnis-Kommunen drei Jahre nach Förderende messbar (Gloppen et al., 2015). Auch CTC ist mehrheitlich von einem Forscherkreis evaluiert worden, der mit den Entwicklern verbunden ist; die unabhängige Replikation kommt erst mit der australischen Studie (Abimanyi-Ochom et al., 2024) und der laufenden deutschen CTC-EFF-Studie (Röding et al., 2024) in Reichweite. Aber: CTC erreicht damit den Standard, den die Society for Prevention Research (Gottfredson et al., 2015) als wünschenswert für skalierbare Programme formuliert hat – und es erreicht ihn als einziger der drei in diesem Beitrag verglichenen Ansätze.
Die deutsche CTC-EFF-Studie ist das Datum, das die kommunale Suchtprävention in Deutschland in den nächsten Jahren am stärksten beeinflussen wird. Sie umfasst 38 Kommunen aus drei Bundesländern in einem Cluster-Design ohne formelle Randomisierung. Das aktuelle Preprint (Röding et al., 2024) berichtet zwischen den ersten beiden Erhebungswellen 2021 und 2023 nicht-signifikante Verbesserungen für die Adoption einer wissenschaftsbasierten Präventionsstrategie (Odds Ratio 1,25; 95 %-Konfidenzintervall 0,34 bis 4,61) und für die Bündnisarbeit zwischen Präventionsakteuren, keinen messbaren Effekt auf intersektorale Zusammenarbeit. Die Studienleitung weist explizit auf die Pandemie-Konfundierung der Implementationsphase hin. Eine Konferenz-Meta-Analyse über zwölf paarweise zugeordnete Kommunenpaare zeigt einen signifikanten Gesamteffekt auf die Adoption (g = 0,57; p = 0,02) mit großer Heterogenität, der wesentlich von der lokalen Implementationsqualität getragen wird (von Holt et al., 2025). Die deutsche Kosten-Nutzen-Bilanz steht aus.
Präventionsketten und kommunale Strategien in Deutschland
In Deutschland existiert seit etwa fünfzehn Jahren eine eigenständige Tradition kommunaler Präventionsstrategie unter dem Begriff Präventionskette. Sie ist kein Programm im engeren Sinn, sondern eine Steuerungslogik: Angebote der Gesundheitsförderung, Jugendhilfe, Bildung und sozialen Versorgung werden entlang von Lebensphasen und Übergängen systematisch verknüpft, sodass Familien an Schnittstellen nicht durchs Raster fallen (Richter-Kornweitz et al., 2023). Die Präventionskette beginnt typischerweise bei den Frühen Hilfen in der Schwangerschaft und Säuglingszeit, setzt sich in Kindergarten und Grundschule fort und zielt auf eine lückenlose Betreuung bis ins junge Erwachsenenalter.
Drei Eigenschaften machen diese Tradition robust und sind für das Verständnis ihrer Differenz zum isländischen Modell zentral. Erstens ist sie strukturell statt programmatisch: Sie definiert nicht eine Maßnahme, sondern eine kommunale Architektur. Zweitens ist sie ressortübergreifend: Jugendhilfe, Gesundheitsamt, Schulamt und Soziales arbeiten in einer dauerhaften Steuerungsstruktur zusammen. Drittens ist sie partizipativ: Familien sind nicht Zielgruppe, sondern Ko-Gestalter.
Was sie nicht ist: ein evidenzgeprüftes Programm im Sinne der Society for Prevention Research-Standards. Die Präventionskette wird üblicherweise auf der Prozessebene evaluiert – Erreichungsgrad, Übergangsquoten, Schnittstellenfunktionalität –, nicht über randomisierte Wirkungsstudien (Richter-Kornweitz et al., 2023). Wer kommunale Suchtprävention als reine Wirkungsfrage liest, wird in der Präventionskette wenig finden. Wer kommunale Suchtprävention als Frage funktionaler kommunaler Steuerung liest, findet hier eine reife deutsche Praxis.
Daneben existiert seit 2020 eine wachsende deutsche CTC-Adaption. Walter, Groeger-Roth und Röding (2023) beschreiben den Stand: fünfphasige Implementation, multisektorale Bündnisse, Datenbasis aus dem CTC-Schülersurvey, Maßnahmenwahl aus der Grünen Liste Prävention. Die Grüne Liste selbst ist über die Jahre substanziell gewachsen: Stand Februar 2024 sind 102 wirksamkeitsgeprüfte Programme nach drei Evidenzstufen gelistet (Brender et al., 2024); aktuellere Zählungen weisen 106 Programme aus (Bremer et al., 2024). Etwa 64 % adressieren Gewalt und Mobbing, 46 % Sucht, 35 % psychische Gesundheit (Mehrfachzuordnung möglich). Die Validierung des deutschen CTC-Schülersurveys liegt mit Reder und Kollegen (2024) für 23 Risikofaktoren-Skalen vor; die Vorhersagegüte ist akzeptabel bis gut, besonders für gewalt- und delinquenzbezogenes Verhalten und Substanzkonsum, schwächer für depressive Symptomatik. Wer Übersicht über die Bestandsanalyse sucht, findet bei Bremer und Kollegen (2024, 2025) eine kompakte deutschsprachige Einordnung des Registers.
Die deutsche Wirkungsevidenz für Schul-Programme der Suchtprävention ist – entgegen einer gelegentlich kursierenden Lesart – nicht schmal, sondern in den vergangenen 15 Jahren fachbegutachtet aufgebaut worden. Mehrere zentrale Programme der Grünen Liste sind in deutschen Kohorten evaluiert.
Klar bleiben (Hanewinkel et al., 2017): Cluster-randomisierte kontrollierte Studie mit etwa 3.000 Zehntklässlern in Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Relative Risikoreduktion für mindestens monatliches Rauschtrinken um 10,4 % – ausschließlich in der Subgruppe der bereits Trinkenden; bei abstinenten Schülern kein Effekt. Das ist insofern wichtig, als das Programm primärpräventiv konzipiert ist, faktisch aber sekundärpräventiv wirkt.
IPSY (Information + Psychosocial Competence = Protection) ist das in deutschen Stichproben am besten dokumentierte Lebenskompetenzprogramm. Wenzel, Weichold und Silbereisen (2009) zeigen in einem quasi-experimentellen Design über vier Wellen (n = 952, Erstmessung mit zehn Jahren) positive Effekte auf Alkoholkonsum und Schulbindung, mit teilweiser Mediation des Alkoholeffekts über Schulbindung. Spaeth, Weichold und Silbereisen (2010) replizieren in einer größeren Stichprobe (n = 1.484) mit growth-mixture-Modellierung und zeigen für die normativ konsumierende Subgruppe eine Effektstärke von d = 0,33 auf die Alkoholmenge; in der hochproblematischen Subgruppe (rund 20 %) blieb das Universalprogramm wirkungslos – ein wichtiger Subgruppenbefund. Weichold, Tomasik und Silbereisen (2016) zeigen über drei Jahre einen verlangsamten Anstieg des Tabakkonsums in der Interventionsgruppe (n = 1.657), mediiert über reduzierte Anfälligkeit für Peer-Druck.
Klasse 2000 und Be smart – don't start sind in einer Übersichtsarbeit von Stamm-Balderjahn, Groneberg und Kusma (2012) zusammengefasst. Für Klasse 2000 – ein Lebenskompetenzprogramm für die Grundschule – ist nach einem Beobachtungszeitraum von einem Jahr in der vierten Klasse das Risiko, mit dem Rauchen zu beginnen, in der Interventionsgruppe um 3,7 Prozentpunkte niedriger als in der Kontrollgruppe. Das Programm ist damit eines der wenigen mit Wirkungsbeleg im Grundschulalter und wird in zahlreichen Bundesländern flächendeckend angeboten. Für Be smart – don't start, einen Klassenwettbewerb für die sechste bis achte Jahrgangsstufe, lag die Raucherquote am Ende der Beobachtungsperiode in der Interventionsgruppe bei 27,57 % gegenüber 35,91 % in der Kontrollgruppe (Odds Ratio 0,65; 95 %-Konfidenzintervall 0,57 bis 0,74; p < 0,001). Das Programm ist seit über zwanzig Jahren in deutschen Schulen etabliert.
REBOUND (Jungaberle & Nagy, 2015): Pilotevaluation mit rund 720 Jugendlichen, signifikant niedrigere Trunkenheitsinzidenz (OR 0,55; p = 0,033), allerdings mit kurzer Nachbeobachtungszeit. Tom & Lisa ist als Programm zwar etabliert (Heyne & Schmiedgen, 2018), eine fachbegutachtete Wirksamkeitsstudie ließ sich für diesen Beitrag jedoch nicht zuverlässig identifizieren. Internationale Belege zu Lions Quest stammen überwiegend aus US-amerikanischen, kroatischen und türkischen Kontexten (Eisen et al., 2003; Stojanović et al., 2020); eine RCT-fundierte deutsche Evaluation ließ sich nicht direkt nachweisen.
Konsequenz für deutsche Kommunen. Die Praxislandschaft, in die das isländische Modell hineintreten würde, ist nicht leer und auch nicht „schmal" in der Wirkungsfrage. Es gibt etablierte Strukturen (Präventionsketten, Frühe Hilfen), ein wachsendes evidenzbasiertes Standbein (CTC-Adaption mit 38 Kommunen in der laufenden Effektivitätsstudie, Grüne Liste mit über hundert Programmen), und mehrere mit teils erheblichem methodischen Aufwand evaluierte Schulprogramme (Klar bleiben, IPSY, Klasse 2000, Be smart – don't start, REBOUND), die sich in Effektstärken und Reichweite mit isländischen Befunden vergleichen lassen. Wer eine vierte Ebene ergänzen will, sollte das nicht als Ersatz, sondern als Anschluss tun – und sollte begründen, was das isländische Modell anbietet, das die bestehenden Strukturen nicht leisten. In der Praxis sind die wertvollsten Anschlüsse: die jährliche kommunale Schülerbefragung als kontinuierliche Datenbasis, die kurzen Rückspiel-Zyklen, die Zuspitzung auf wenige Schwerpunkte über mehrere Jahre.
Wirkmechanismen unter der Lupe
Vier Wirkmechanismen werden im Modell zentral genannt: elterliche Aufsicht, organisierte Freizeitaktivitäten, prosoziale Peergruppen und gemeinsame Familienzeit. Die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte hat zu jedem dieser Mechanismen wichtige Differenzierungen geliefert, die in der Modellliteratur bislang unzureichend integriert sind.
Elterliche Aufsicht. Die klassische Vorstellung – mehr Wissen der Eltern über die Tätigkeiten ihrer Kinder reduziert Risikoverhalten – ist in der amerikanischen Skala der 1990er-Jahre tief verankert. Die schwedische Forschungsgruppe um Stattin und Kerr hat sie 2000 grundlegend revidiert (Kerr et al., 2010). Was Eltern wissen, ist statistisch eng mit Anpassung verbunden – aber: Es ist nicht primär das Resultat aktiver elterlicher Nachforschung, sondern der freiwilligen Selbstoffenbarung der Jugendlichen. Wer sich Eltern öffnet, hat eine Beziehungsqualität, die ihrerseits mit weniger Risikoverhalten einhergeht. Aktive Aufsicht und Kontrolle erklären den Effekt schlechter als die spontane Selbstoffenbarung (englisch: disclosure). Diese Differenz ist methodisch in mehreren Längsschnittstudien belegt (Keijsers, 2015) und hat eine direkte praktische Konsequenz: Programme, die elterliche Überwachung intensivieren, ohne die Beziehungsqualität zu adressieren, können kontraproduktiv wirken. Das isländische Modell formuliert seine Aufsichts-Indikatoren – „Eltern wissen, wo ihr Kind ist" – nahe an der älteren Tradition; eine systematische Erweiterung um Beziehungsindikatoren ist überfällig.
Organisierte Freizeit und Vereinssport. Die Annahme, dass Sport schützt, gehört zu den populärsten Argumenten der Modell-Erzählung. Die empirische Lage ist deutlich differenzierter. Halldórsson, Þórlindsson und Sigfúsdóttir (2014) haben für rund 11.000 isländische Jugendliche gezeigt, dass formal organisierter Vereinssport mit weniger Alkoholkonsum assoziiert ist – informeller Sport hingegen mit mehr. Die Schutzwirkung hängt also nicht an der Bewegung, sondern am organisatorischen Rahmen: prosoziale Peergruppe, anwesende Erwachsene, regelmäßige Termine. Eine internationale Übersichtsarbeit (Scoping Review) von Walczak und Kollegen (2023) bestätigt: Die Sport-Alkohol-Assoziation ist nicht durchgängig protektiv. In alkohol-affinen Sportkulturen (etwa Mannschafts- und Geselligkeitssportarten in einigen englischsprachigen Kontexten) ist die Beteiligung sogar mit erhöhtem Konsum verbunden. Brunborg und Kollegen (2022) zeigen für norwegische Geburtsjahrgänge ab 2000, dass die Schutzassoziation in jüngeren Jahrgängen praktisch verschwunden ist.
Diese Heterogenität spiegelt sich in den internationalen Adaptionsstudien wider: In Tarragona war Sportbeteiligung mit erhöhten Odds für Alkoholkonsum assoziiert (Meyers et al., 2023), in West-Irland mit deutlich erhöhtem Risiko für Rauschtrinken (Kelly et al., 2023), in Litauen mit keinem signifikanten Schutzeffekt (Ásgeirsdóttir et al., 2021). Die Modellbefürworter interpretieren das in der Tarragona-Studie selbst zutreffend: „der Kontext und die Organisation außerschulischer Aktivitäten dürften wichtiger sein als die Aktivitäten selbst" (Meyers et al., 2023, eigene Übersetzung). Die praktische Konsequenz für Kommunen, die das Modell adaptieren: Sport-Subventionen wirken nicht automatisch. Sie müssen begleitet sein von Qualitätssicherung der Vereinsarbeit, Vorhandensein hauptamtlicher Bezugspersonen, Aufmerksamkeit für Peer-Kompositionen.
Peer-Einfluss. Die Annahme, dass Jugendliche von Peers im Substanzkonsum negativ beeinflusst werden, ist intuitiv stark, in der Forschung aber methodisch schwierig. Moderne stochastische Akteur-basierte Netzwerkmodelle erlauben seit etwa 15 Jahren die Trennung von Selektion (Jugendliche wählen Freunde mit ähnlichem Verhalten) und Sozialisation (Jugendliche übernehmen Verhalten ihrer Freunde). Mehrere Studien zeigen, dass für Tabak praktisch nur Selektion wirkt (Kiuru et al., 2010), für Alkohol Selektion deutlich stärker als Sozialisation (Mundt et al., 2012; Mathys et al., 2013). Das hat eine wichtige Konsequenz für die Modell-Interpretation: Wenn isländische Jugendliche heute weniger trinken als 1995 und gleichzeitig mehr Zeit mit prosozialen Peers verbringen, kann der Beitrag der Peerveränderung nicht einfach als „Sozialisation in Richtung Abstinenz" gelesen werden – sie kann ebenso eine Verschiebung der Selektionsmuster sein, die ihrerseits aus anderen Strukturveränderungen folgt.
Familienzeit und Strukturalternativen. Die robusteste empirische Stütze für die Modelllogik außerhalb Islands kommt aus Norwegen. Rossow, Pape und Torgersen (2020) konnten in einem Vergleich zwischen 2002 und 2013/2015 zeigen, dass eine stärkere Familienorientierung und eine Reduktion unstrukturierter Peer-Zeit zusammen rund 43 % des Rückgangs der Intoxikationsprävalenz erklären. Das ist insofern wichtig, als diese Faktoren mit den isländischen Schutzfaktoren weitgehend deckungsgleich sind. Sie wirken, in dieser Lesart, auch unabhängig vom Modell – was die Modell-Logik plausibel macht, aber die Modell-Spezifität schwächt.
Synthese der Mechanismen. Was sich daraus für die Praxis ableiten lässt: Die vier zentralen Hebel des Modells sind keine Fehlannahmen. Sie sind Hebel, deren Wirkung von Kontextbedingungen abhängt, die im Modell unterspezifiziert bleiben. Beziehungsqualität schlägt Aufsicht, organisierter Vereinsrahmen schlägt Sportbeteiligung, Selektion erklärt Peer-Ähnlichkeit häufig besser als Sozialisation, und Familienzeit wirkt vor allem in Verbindung mit weniger unbeaufsichtigter Peer-Zeit. Wer das Modell ernsthaft kommunal umsetzt, sollte diese Bedingungen in der lokalen Maßnahmenwahl explizit machen – sonst riskiert er, dass die Hebel ins Leere greifen.
Blinde Flecken: Migration, Ungleichheit, Digitales, Geschlecht
Vier Themen werden in der Modelldiskussion regelmäßig zu kurz behandelt. Ihre Auslassung ist keine Marginalie, sondern verzerrt die Übertragbarkeitsdebatte erheblich.
Migration und demografische Verschiebung. In Oslo lassen sich rund 21 % des Rückgangs der Rauschtrink-Prävalenz zwischen 1996 und 2018 demografisch erklären – durch den wachsenden Anteil Jugendlicher mit Familienhintergrund aus Niedrigkonsumkulturen (Rogne et al., 2019). Das ist kein vernachlässigbarer Anteil. In Reykjavík ist die demografische Diversität nach wie vor geringer als in vielen kontinentaleuropäischen Großstädten; die Übertragung des Modells in eine Stadt wie Frankfurt am Main, Mannheim oder Bremen verändert die demografische Konstellation grundlegend. Die deutsche HBSC-Studie 2017/18 (Moor et al., 2020) zeigt: Migrationshintergrund ist ein Schutzfaktor gegenüber Alkoholkonsum, aber ein Risikofaktor für Cannabiskonsum, insbesondere bei Mädchen mit einseitigem Migrationshintergrund. Das Modell schweigt zu dieser Heterogenität; die Modellliteratur enthält keine systematische Migrations-Analyse.
Soziale Ungleichheit. Die Modellrhetorik geht implizit von einer einigermaßen homogenen Adressatengruppe aus. Empirisch ist die Sport- und Vereinsbeteiligung deutlich vom sozioökonomischen Status abhängig (Spruijtenburg et al., 2022); ein Schutzfaktor, der in benachteiligten Quartieren strukturell unterversorgt ist, kann seine angenommene Wirkung dort nicht entfalten. Die isländische Freizeitkarte adressiert genau diese Hürde – ist aber im internationalen Transfer selten in vergleichbarer Höhe finanziell hinterlegt. Wer Schutzfaktoren stärken will, ohne deren Verteilung zu adressieren, riskiert, dass das Modell die ohnehin bessergestellten Jugendlichen weiter privilegiert.
Digitale Lebenswelten. Die populäre „Bildschirme statt Bier"-Hypothese (Smartphones erklären den Substanzrückgang) lässt sich in 33 europäischen Ländern nicht empirisch stützen (Vashishtha et al., 2022). Was sich aber zeigen lässt: Die Lebenswelten Jugendlicher haben sich in den letzten zehn Jahren so verändert, dass die im Modell angelegten Schutzfaktoren zunehmend mit anderen Themen konkurrieren. Soziale Medien sind der Ort, an dem heute Peer-Selektionsprozesse ablaufen – die im Modell gar nicht thematisiert sind. Gaming und Streaming prägen das Freizeitverhalten in einer Größenordnung, die in den isländischen Datensätzen der 1990er-Jahre keine Entsprechung hat. Das macht das Modell nicht obsolet, aber es verlangt eine substantielle Erweiterung der Erfassung und Maßnahmenlogik – die in der derzeitigen Architektur nur ansatzweise vorgesehen ist.
Geschlechterdifferenzen. Die CTC-Studie zeigt geschlechtsasymmetrische Effektmuster: Im neunjährigen Follow-up sind Effekte auf Lebenszeit-Substanzkonsum bei Männern signifikant, bei Frauen nicht mehr (Oesterle et al., 2015). Vergleichbare Asymmetrien sind im isländischen Modell bislang nur in Einzelstudien analysiert. Der Befund ist relevant, weil Risikoverhalten geschlechtsspezifisch sozialisiert wird: Familienzeit wirkt unterschiedlich in Bezug auf Söhne und Töchter, Vereinssport hat unterschiedliche Trinkkulturen je nach Sportart und Geschlecht, Peer-Selektionsprozesse verlaufen unterschiedlich. Eine geschlechtersensible Lesart der Modellumsetzung steht weitgehend aus.
Diese vier blinden Flecken sind nicht Argumente gegen das Modell. Sie sind Argumente dafür, das Modell nicht als universellen Bauplan zu lesen, sondern als kontextspezifischen Vorschlag, der in jedem neuen kommunalen Kontext spezifische Erweiterungen verlangt.
Ressourcen, Datenhoheit, Ethik
Der ökonomische und ethische Rahmen einer Modellübertragung wird in der Diskussion regelmäßig unterbeleuchtet. Drei Schichten verdienen Aufmerksamkeit.
Ressourcen. Die jährliche Schülerbefragung mit kommunaler Auswertung kostet eine Kommune mittlerer Größe nach Erfahrungswerten aus internationalen Adaptionen zwischen 30.000 und 100.000 Euro pro Jahr, je nach Kohortengröße, Tiefe der Datenrückspiegelung und Anteil der Lizenzkosten (Carver et al., 2021). Hinzu kommen die Kosten der Maßnahmen selbst: Eine Freizeitkarte im isländischen Format mit 350 bis 750 Euro pro Kind und Jahr summiert sich für eine Mittelstadt mit 5.000 minderjährigen Anspruchsberechtigten auf 1,75 bis 3,75 Millionen Euro jährlich. Diese Größenordnung ist erreichbar – aber nicht ohne politischen Konsens über mehrere Wahlperioden. Die schottische Beteiligten-Studie hat genau das als zentrale Implementationshürde identifiziert (Carver et al., 2021).
Datenhoheit. Die jährliche Schülerbefragung erzeugt umfangreiche personenbezogene und kommunal aufgeschlüsselte Daten zu sensitiven Themen. Bei einer Implementierung über das Planet Youth-Lizenzmodell laufen diese Daten regelmäßig über die Server des isländischen Anbieters; Auswertung und Berichtsformat liegen in dessen Hand. Für deutsche Kommunen ist das in mindestens drei Hinsichten heikel: erstens datenschutzrechtlich (Datentransfer in einen Drittstaat, auch wenn Island im Europäischen Wirtschaftsraum liegt), zweitens evaluationsmethodisch (kann eine Kommune ihre eigenen Wirkungsdaten unabhängig auswerten lassen?), drittens politisch (was passiert, wenn der Vertrag ausläuft – verbleiben die Längsschnittdaten?). Diese Punkte gehören in jeden Vertragsentwurf vor der Implementierung, und sie sollten in der politischen Beratung der Stadträte explizit thematisiert werden.
Ethik der Aufenthaltsregelung. Das nächtliche Aufenthaltsverbot für Minderjährige ist in Reykjavík politisch konsensfähig und in seiner Wirkung kombiniert mit kompakter städtischer Geographie und einem akzeptierenden kulturellen Hintergrund. Halsall und Kollegen (2022) argumentieren in einer konzeptionellen Analyse, dass diese Bedingungen nicht trivial in andere Kontexte übersetzbar sind. In einer deutschen Großstadt würde eine vergleichbare Regelung Fragen der bürgerlichen Freiheitsrechte minderjähriger Personen, der Polizeipraxis in benachteiligten Quartieren und der diskriminatorischen Anwendungsrisiken aufwerfen, die in Island keine zentrale Rolle spielen. Die Effizienz der Maßnahme entlastet nicht von der normativen Frage. Eine kommunale Übertragung sollte deshalb explizit prüfen, welche Maßnahmen im Modellbündel ohne ethische Reibung übernommen werden können (Vereinsförderung, Familienarbeit, Datenpraxis) und welche eine eigenständige normative Begründung verlangen (Aufenthaltsregelungen, Alkoholverkaufsbeschränkungen für Minderjährige, schulische Anwesenheitsvorgaben).
Franchise-Logik. Die Tatsache, dass Planet Youth ein kommerzielles Lizenzmodell ist, macht das Modell nicht weniger wertvoll. Sie verändert aber die Art, wie eine Kommune mit ihm umgehen sollte. Die schottische Studie spricht es offen aus: Die Franchise-Logik schafft Abhängigkeiten, die in nicht-kommerziellen Modellen wie der Präventionskette oder CTC (das in der deutschen Adaption über öffentliche Träger und den Landespräventionsrat Niedersachsen organisiert ist) so nicht entstehen (Carver et al., 2021). Eine Kommune, die das Modell adoptiert, sollte deshalb prüfen, welche Prozessmerkmale sie gemeinfrei übernehmen kann – die kommunale Datenpraxis, die intersektorale Steuerung, die Schwerpunktdisziplin – und welche Bestandteile sie lizenzpflichtig erwirbt – die Schülerbefragung mit standardisiertem Itempool, die kommunale Auswertung, die Markennutzung. Die Trennung dieser Ebenen senkt langfristig Kosten und erhöht Datenhoheit.
Vergleichstabelle: IPM, CTC, Präventionskette
| Merkmal | Isländisches Modell (IPM) | Communities That Care (CTC) | Präventionskette |
|---|---|---|---|
| Ursprung | Reykjavík, ICSRA, ab 1997 | University of Washington, ab 1980er | Deutschland, ab ca. 2010 |
| Theoretischer Anker | Risiko-/Schutzfaktor-Modell, Sozialkapital | Social Development Model, Hawkins/Catalano | Lebensphasenansatz, Setting-Ansatz |
| Programmlogik | Lokal maßgeschneiderte Strategie | Auswahl aus Katalog evidenzbasierter Programme | Ressortübergreifende kommunale Steuerung |
| Datenbasis | Jährliche Schülerbefragung Klassen 8–10 | CTC-Schülersurvey (Niedersachsen: alle 2 Jahre) | Sozialberichterstattung, Bedarfserhebung |
| Implementierungsformat | 5 Leitprinzipien, 10 Schritte | 5 Phasen (Bereitschaft, Mobilisierung, Diagnose, Planung, Umsetzung) | Variabel, kommunal definiert |
| Wirksamkeitsevidenz | Wiederholte Querschnitte (Island), keine RCTs außerhalb Islands | RCT mit 24 US-Kommunen (Oesterle et al., 2015); australische Replikation (Abimanyi-Ochom et al., 2024) | Prozessevaluationen, keine RCTs |
| Effekttypen | Trendrückgänge in Konsum-Indikatoren | Lebenszeit-Abstinenz Alkohol/Tabak/Delinquenz; aktueller Konsum nicht persistent | Strukturelle Indikatoren (Erreichungsgrad, Schnittstellen) |
| Kosten-Nutzen | Nicht publiziert | 8,22 USD/USD (US, 12 Jahre); AUD 2,60/AUD (Australien) | Nicht systematisch publiziert |
| Trägerschaft | Lizenzmodell Planet Youth (privatrechtlich) | Öffentliche Träger, in DE Landespräventionsrat Niedersachsen | Kommunal, oft mit Land/BZgA |
| Skalierungsstand DE | Vereinzelte Adaptionen, keine systematische | 38 Kommunen in 3 Bundesländern (CTC-EFF) | Verbreitet in NRW, Niedersachsen, weiteren Ländern |
| Black-Box-Risiko | Hoch (Wirkkomponenten unspezifiziert) | Niedrig (manualisierte Programme) | Mittel (kommunal-spezifisch) |
| Allegiance-Bias-Risiko | Hoch (überwiegend Entwickler-Studien) | Mittel (zunehmend unabhängige Replikationen) | Niedrig (überwiegend unabhängig evaluiert) |
Übertragbarkeit: ein nüchterner Blick
Wer die Übertragbarkeit des isländischen Modells auf deutsche Kommunen bewerten will, muss vier Dimensionen explizit prüfen.
Dimension eins: institutioneller Rahmen. Island hat eine kompakte Geographie, eine niedrige Bevölkerungszahl (rund 380.000 Einwohner), einen ausgeprägten Wohlfahrtsstaat, eine restriktive Alkoholpolitik mit staatlichem Verkaufsmonopol und eine hohe Schulanwesenheitsquote. Eine deutsche Großstadt mit 500.000 Einwohnern und damit einer vergleichbaren Jugendkohortengröße bewegt sich in einem grundlegend anderen institutionellen Rahmen: dezentralisierte Bildungspolitik, fragmentierte Jugendhilfe-Träger, liberalere Alkoholverfügbarkeit. Die Modell-Architektur ist auf einen Rahmen optimiert, der in Deutschland nicht vorliegt. Daraus folgt nicht, dass das Modell nicht übertragbar wäre; daraus folgt, dass Übertragung Anpassung heißt, nicht Replikation.
Dimension zwei: Demografie. Eine deutsche Kommune mit einem Anteil Jugendlicher mit Migrationshintergrund von 25 bis 50 % – was in vielen Mittel- und Großstädten heute der Realität entspricht – muss die Modellannahmen über elterliche Aufsicht, Familienzeit und Vereinszugang spezifisch reformulieren. Die Daten der HBSC-Studie und die Decomposition-Befunde aus Oslo (Rogne et al., 2019) zeigen, dass demografische Heterogenität nicht nur die Höhe der Konsumindikatoren verändert, sondern auch die Wirkungsmechanismen der Schutzfaktoren. Eine Modellumsetzung ohne ethnografische Vorarbeit läuft Gefahr, in benachteiligten Quartieren systematisch unterzugreifen.
Dimension drei: Ökonomie. Die volle Modellumsetzung mit Lizenzgebühren, jährlicher Befragung, Freizeitkarten in isländischer Höhe und intersektoraler Steuerungsstruktur kostet eine deutsche Mittelstadt geschätzt zwischen 4 und 7 Millionen Euro pro Jahr (eigene Schätzung auf Basis Carver et al., 2021, und der oben genannten Freizeitkartenkosten). Das ist ein zweistelliger Millionenbetrag über eine Wahlperiode. Die Frage ist nicht, ob diese Investition prinzipiell zu rechtfertigen wäre – Kosten-Nutzen-Verhältnisse vergleichbarer Programme zeigen, dass es vermutlich rentabel ist. Die Frage ist, ob diese Investition im Vergleich zu einer vergleichbar finanzierten CTC-Implementation oder einer ressourcierten Präventionskette den größeren Nutzen verspricht. Diese vergleichende Bewertung steht aus.
Dimension vier: Evidenz. Eine Übertragung sollte methodisch so angelegt sein, dass sie ihre eigene Wirksamkeit prüfbar macht. Konkret heißt das: Vergleichskommunen müssen identifiziert werden, idealerweise vor Implementierungsbeginn; Wirkungsmessungen müssen unabhängig vom Lizenzgeber erfolgen können; Implementations-Treue muss systematisch dokumentiert werden (das IPM-IICA von Mann et al., 2024 ist ein erster Schritt); und Ergebnisse sollten fachbegutachtet publiziert werden, auch wenn sie nicht-signifikant ausfallen. Diese Standards sind in der deutschen kommunalen Suchtprävention bislang Ausnahme; eine Modellübertragung ohne sie wäre eine vertane Lerngelegenheit.
Welcher Studientyp wäre realistisch? Klassische zwei-armige Cluster-RCTs (vgl. CYDS) gelten in der kommunalen Präventionsforschung oft als ethisch und politisch nicht durchsetzbar: Eine Kontrollkommune, die die als wirksam erhoffte Intervention dauerhaft nicht erhält, lässt sich kaum gewinnen. Eine pragmatische Alternative ist das Stepped-Wedge-Design (Hussey & Hughes, 2007; Hemming et al., 2015). Dabei beginnen alle teilnehmenden Kommunen unter Kontrollbedingungen und erhalten die Intervention in randomisierter Reihenfolge zu vorab festgelegten Zeitpunkten – am Ende des Trials sind alle Kommunen exponiert. Vorteile: Die Intervention wird niemandem dauerhaft vorenthalten, die kommunale Entscheidungslogik (alle wollen mitmachen, nur die Reihenfolge ist offen) bleibt gewahrt, und es lassen sich „horizontale" Vergleiche (vor/nach pro Kommune) und „vertikale" Vergleiche (zwischen Kommunen pro Zeitpunkt) kombinieren (Hargreaves et al., 2015). Grenzen: Die Auswertung erfordert eine korrekte Spezifikation gesellschaftsweiter Trends, was bei der für die isländische Debatte zentralen säkularen Konsumabnahme anspruchsvoll ist; auch Fallzahlplanungen unterscheiden sich deutlich von denen paralleler Cluster-RCTs (Hughes, Heagerty & Xia, 2019). Für eine deutsche IPM-Erprobung wäre ein Stepped-Wedge mit acht bis zwölf Kommunen, drei Wellen über fünf bis sieben Jahre und einer prä-spezifizierten Schülerbefragung ein methodisch belastbarer, ethisch und kommunalpolitisch tragfähiger Pfad.
Ergänzend: Unterbrochene Zeitreihen. Wo Kommunen das Modell bereits adoptiert haben oder unmittelbar adoptieren wollen, ohne dass eine prospektive Randomisierung organisierbar ist, kommt das Verfahren der unterbrochenen Zeitreihe (englisch interrupted time series, ITS) in Frage. ITS modelliert den Verlauf einer Kennziffer – etwa Lebenszeit-Intoxikation, monatlichen Cannabis-Konsum oder Tabak-Initiation – vor und nach einem klar definierten Interventionszeitpunkt mit Hilfe einer segmentierten Regression. Sie prüft, ob sich das Niveau der Kennziffer unmittelbar nach der Intervention sprunghaft verändert und ob sich die Steigung des Trends gegenüber der Zeit vor der Intervention dauerhaft verschiebt (Lopez Bernal, Cummins & Gasparrini, 2017). Voraussetzung ist eine ausreichend lange Datenreihe – als Faustregel mindestens acht bis zwölf Messpunkte vor und nach der Intervention – sowie eine Modellierung, die Saisonalität, Autokorrelation und gesellschaftsweite Trends explizit berücksichtigt. Für das isländische Modell ist die Datenlage ungewöhnlich gut: Reykjavík verfügt seit 1995 über eine ununterbrochene jährliche Schülerbefragung, und mehrere Adoptionskommunen (Tarragona seit 2015, das irische Planet Youth Survey seit 2014) bieten zumindest mehrjährige Vorher-Nachher-Reihen. Der entscheidende Schritt zur kausalen Aussage ist die kontrollierte unterbrochene Zeitreihe (CITS), bei der eine zweite Zeitreihe aus einer vergleichbaren, nicht-adoptierenden Kommune als gemeinsamer Trend-Korrektor mitgeführt wird (Bottomley, Scott & Isham, 2019). Damit lassen sich gerade die im Abschnitt „Was die isländische Empirie wirklich zeigt" diskutierten gesellschaftsweiten Konsumrückgänge sauber vom modellspezifischen Effekt trennen. Grenzen: Das Verfahren bleibt quasi-experimentell und anfällig für unbeobachtete, zeitlich variierende Störvariablen; eine starke kausale Aussage entsteht erst aus dem Zusammenspiel mehrerer Adoptionskommunen mit unterschiedlichen Interventionszeitpunkten (sogenanntes multiple-baseline-Design) oder aus der Kombination mit Stepped-Wedge-Bausteinen.
Synthese
Das isländische Modell ist als kommunaler Arbeitsrahmen reif, in seiner inneren Logik konsistent und in einigen Prozessmerkmalen – jährliche Datenerhebung, multisektorale Steuerung, Schwerpunktdisziplin – innovativ. Es ist als kausale Erfolgsgeschichte schwächer belegt, als der internationale Diskurs suggeriert: Die isländischen Konsumrückgänge sind in einen pan-europäischen Trend eingebettet, randomisierte Wirksamkeitsstudien fehlen, Wirkkomponenten sind unspezifiziert, Adaptationsstudien zeigen heterogene Befunde. Es ist als ökonomische Investition schlechter dokumentiert als das Schwesterprogramm CTC. Es ist als ethisches Setting kontextabhängig. Es ist als kommerzielles Lizenzmodell ein Kostenfaktor, der bei alternativer Mittelverwendung gegengerechnet werden muss.
Daraus folgt keine pauschale Ablehnung. Daraus folgt: das Modell als Inspirationsquelle für Prozessmerkmale zu lesen, nicht als Importprodukt. Konkret heißt das für deutsche Kommunen vier Dinge.
Erstens: Die jährliche kommunale Schülerbefragung ist auch ohne Lizenzmodell umsetzbar. Der Itempool kann an etablierten deutschen Skalen anknüpfen (HBSC, ESPAD, CTC-Schülersurvey); die Auswertung kann durch Hochschulen erfolgen; die Datenhoheit bleibt kommunal. Diese Adaption übernimmt das wertvollste Element des Modells – die Datenpraxis – ohne die Lizenzkosten und Datenhoheits-Risiken.
Zweitens: Die multisektorale Steuerungsstruktur ist mit Präventionsketten und CTC kompatibel. Wer eines der beiden bereits implementiert hat, sollte nicht eine dritte parallele Struktur schaffen, sondern bestehende Bündnisse um Modell-Prozessmerkmale erweitern. Konkret: jährliche statt episodischer Lagebilder, kommunal aufgeschlüsselte statt landesweiter Berichte, kürzere Rückspiel-Zyklen.
Drittens: Die Maßnahmenwahl sollte sich an der Grünen Liste Prävention und vergleichbaren Evidenzregistern orientieren. Wer evidenzgeprüfte Programme aus dieser Liste – etwa IPSY, Klar bleiben, Klasse 2000, Be smart – don't start, Lions Quest – lokal verankert, profitiert von dokumentierter Wirksamkeit in deutschen Kohorten, nicht nur von Modell-Plausibilität. Der isländische Mehrwert liegt dann in der kommunalen Bündelung und Datenpraxis, nicht in der Programmwahl selbst.
Viertens: Eine Vollimplementierung des Modells – inklusive Planet Youth-Lizenz, Freizeitkarte in isländischer Höhe und Aufenthaltsregelungen – sollte nur in Pilotkommunen erfolgen, die eine unabhängige Evaluation mit Kontrollkommunen, vorab registrierten Wirkungsmessungen und mehrjähriger Nachbeobachtung garantieren können. Sonst entstehen teure Adaptationen ohne Wirkungsbeleg, die die deutsche Präventionslandschaft fragmentieren statt stärken.
Schluss
Prävention, die zuverlässig wirken soll, lebt von zwei Dingen, die in einem Spannungsverhältnis stehen: von ehrlicher Buchführung über das, was empirisch belegt ist, und von der Bereitschaft, Strukturen für Jugendliche aufzubauen, bevor diese Belege vorliegen. Wer nur auf Belege wartet, baut nichts. Wer nur baut, ohne Belege zu prüfen, baut Strukturen, die anderen Bauten Ressourcen entziehen, ohne ihren Beitrag plausibel zu machen.
Das isländische Präventionsmodell steht in dieser Spannung wie wenige andere kommunale Ansätze. Es ist ein konzeptionell starker, in seiner Praxisarchitektur reifer Vorschlag, der in einem spezifischen institutionellen Rahmen über drei Jahrzehnte hinweg konsistent umgesetzt wurde. Es ist auch ein Vorschlag, dessen kausale Wirksamkeit über die spezifische Konstellation Reykjavíks hinaus bislang nicht belegt ist – und dessen kommerzielles Trägerformat die Frage der Wirksamkeit in der adoptierenden Kommune weitgehend an diese delegiert, ohne sie durch eigene rigorose Evaluation zu begleiten.
Für deutsche Kommunen ist die ethisch und sachlich angemessenste Lesart eine selektive: die Datenpraxis übernehmen, die multisektorale Steuerung übernehmen, die Schwerpunktdisziplin übernehmen; die kommerzielle Lizenz nüchtern prüfen, die Maßnahmenwahl an der Grünen Liste Prävention orientieren, und die isländische Spezifik dort honorieren, wo sie hingehört: als ein Beispiel, wie kommunale Suchtprävention aussehen kann – nicht als der Beweis dafür, wie sie aussehen muss.
Literaturverzeichnis
Abbott, A. L., Smith, M. L., & Spivak, M. (2025). Applying school as a protective factor in the Icelandic Prevention Model. Journal of School Health, 96(1). https://doi.org/10.1111/josh.70084
Abimanyi-Ochom, J., Wanni Arachchige Dona, S., Bohingamu Mudiyanselage, S., Toumbourou, J. W., Rowland, B., Hawkins, J. D., & Kuklinski, M. R. (2024). Australian Communities That Care (CTC) intervention: Benefit–cost analysis of a community-based youth alcohol prevention initiative. PLOS ONE, 19(11), e0314153. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0314153
Ásgeirsdóttir, B. B., Kristjánsson, Á. L., Sigfússon, J., Allegrante, J. P., & Sigfúsdóttir, I. D. (2021). Trends in substance use and primary prevention variables among adolescents in Lithuania, 2006–19. European Journal of Public Health, 31(1), 100–105. https://doi.org/10.1093/eurpub/ckaa097
Brender, R., Bremer, K., Kula, A., Brand, T., & Walter, U. (2024). Evidenzregister Grüne Liste Prävention – Analyse der gelisteten wirksamkeitsgeprüften Programme. Das Gesundheitswesen, 86(7), 474–482. https://doi.org/10.1055/a-2308-7256
Bremer, K., Brender, R., & Groeger-Roth, F. (2024). Grüne Liste Prävention – Ein Beitrag zur Evidenzbasierung. Public Health Forum, 32(4), 386–389. https://doi.org/10.1515/pubhef-2024-0111
Bottomley, C., Scott, J. A. G., & Isham, V. (2019). Analysing interrupted time series with a control. Epidemiologic Methods, 8(1), 20180010. https://doi.org/10.1515/em-2018-0010
Brunborg, G. S., Halkjelsvik, T., & Moan, I. S. (2022). Sports participation and alcohol use revisited: A longitudinal study of Norwegian postmillennial adolescents. Journal of Adolescence, 94(4), 587–599. https://doi.org/10.1002/jad.12048
Cambron, C., Catalano, R. F., & Hawkins, J. D. (2018). The Social Development Model. In The Oxford Handbook of Developmental and Life-Course Criminology. Oxford University Press. https://doi.org/10.1093/oxfordhb/9780190201371.013.13
Carver, H., McCulloch, P., & Parkes, T. (2021). How might the 'Icelandic model' for preventing substance use among young people be developed and adapted for use in Scotland? Utilising the consolidated framework for implementation research in a qualitative exploratory study. BMC Public Health, 21(1), 1742. https://doi.org/10.1186/s12889-021-11828-z
Catalano, R. F., Kosterman, R., Hawkins, J. D., Newcomb, M. D., & Abbott, R. D. (1996). Modeling the etiology of adolescent substance use: A test of the Social Development Model. Journal of Drug Issues, 26(2). https://doi.org/10.1177/002204269602600207
Daly, F. P., Millar, S., Major, E., Roantree, B., Mongan, D., & Galvin, B. (2025). Prevention of adolescent stimulant drug use: Do the home life environment and extracurricular activities influence this? Findings from the Irish Planet Youth Survey. PLOS ONE, 20(8), e0330489. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0330489
Dragioti, E., Dimoliatis, I., & Evangelou, E. (2015). Disclosure of researcher allegiance in meta-analyses and randomised controlled trials of psychotherapy: A systematic appraisal. BMJ Open, 5(6), e007206. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2014-007206
Eisen, M., Zellman, G. L., & Murray, D. M. (2003). Evaluating the Lions–Quest "Skills for Adolescence" drug education program. Addictive Behaviors, 28(5), 883–897. https://doi.org/10.1016/s0306-4603(01)00292-1
Ekholm, O., Pisinger, V., & Jensen, H. A. R. (2024). Implications of the decline in adolescent drinking on alcohol-related consequences in the Nordic countries: ESPAD analysis. Nordic Studies on Alcohol and Drugs, 41(4), 378–393. https://doi.org/10.1177/14550725241229016
Frieden, T. R. (2010). A framework for public health action: The Health Impact Pyramid. American Journal of Public Health, 100(4), 590–595. https://doi.org/10.2105/AJPH.2009.185652
Gloppen, K. M., Brown, E. C., Wagenaar, B. H., Hawkins, J. D., Rhew, I. C., & Oesterle, S. (2015). Sustaining adoption of science-based prevention through Communities That Care. Journal of Community Psychology, 44(1), 78–89. https://doi.org/10.1002/jcop.21743
Gottfredson, D. C., Cook, T. D., Gardner, F. E. M., Gorman-Smith, D., Howe, G. W., Sandler, I. N., & Zafft, K. M. (2015). Standards of evidence for efficacy, effectiveness, and scale-up research in prevention science: Next generation. Prevention Science, 16(7), 893–926. https://doi.org/10.1007/s11121-015-0555-x
Halldórsson, V., Þórlindsson, Þ., & Sigfúsdóttir, I. D. (2014). Adolescent sport participation and alcohol use: The importance of sport organization and the wider social context. International Review for the Sociology of Sport, 49(3-4), 311–330. https://doi.org/10.1177/1012690213507718
Halsall, T., Dixon, M., & Shams, R. (2025). Exploring youth substance use challenges and solutions: Initial developments in participatory research focused on the Icelandic Prevention Model. International Journal of Qualitative Methods, 24. https://doi.org/10.1177/16094069251328146
Halsall, T., Mahmoud, K., & Iyer, S. N. (2022). Implications of time and space factors related with youth substance use prevention: A conceptual review and case study of the Icelandic Prevention Model being implemented in the context of the COVID-19 pandemic. International Journal of Qualitative Studies on Health and Well-being, 18(1), 2149097. https://doi.org/10.1080/17482631.2022.2149097
Hanewinkel, R., Tomczyk, S., Goecke, M., & Isensee, B. (2017). Preventing binge drinking in adolescents: A cluster-randomised controlled trial of „Klar bleiben". Deutsches Ärzteblatt International, 114(16), 280–287. https://doi.org/10.3238/arztebl.2017.0280
Hargreaves, J. R., Prost, A., Fielding, K. L., & Copas, A. J. (2015). How important is randomisation in a stepped wedge trial? Trials, 16, 359. https://doi.org/10.1186/s13063-015-0872-1
Hawkins, J. D., Catalano, R. F., & Miller, J. Y. (1992). Risk and protective factors for alcohol and other drug problems in adolescence and early adulthood: Implications for substance abuse prevention. Psychological Bulletin, 112(1), 64–105. https://doi.org/10.1037/0033-2909.112.1.64
Hemming, K., Haines, T. P., Chilton, P. J., Girling, A. J., & Lilford, R. J. (2015). The stepped wedge cluster randomised trial: rationale, design, analysis, and reporting. BMJ, 350, h391. https://doi.org/10.1136/bmj.h391
Heyne, K.-G., & Schmiedgen, G. (2018). Worum geht es Tom und Lisa? In Tom & Lisa – Workshop zum Umgang mit Alkohol (S. 1–10). Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-21609-2_1
Hughes, J. P., Heagerty, P. J., Xia, F., & Ren, Y. (2019). Robust inference for the stepped wedge design. Biometrics, 76(1), 119–130. https://doi.org/10.1111/biom.13106
Hussey, M. A., & Hughes, J. P. (2007). Design and analysis of stepped wedge cluster randomized trials. Contemporary Clinical Trials, 28(2), 182–191. https://doi.org/10.1016/j.cct.2006.05.007
Jungaberle, H., & Nagy, E. (2015). Pilot evaluation study of the life skills program REBOUND. SAGE Open, 5(4). https://doi.org/10.1177/2158244015617515
Keijsers, L. (2015). Parental monitoring and adolescent problem behaviors: How much do we really know? International Journal of Behavioral Development, 40(3), 271–281. https://doi.org/10.1177/0165025415592515
Kelly, C., Major, E., Durcan, M., Roantree, B., Galvin, B., & Mongan, D. (2023). Adolescent binge drinking in the West of Ireland: Associated risk and protective factors. BMC Public Health, 23(1), 1067. https://doi.org/10.1186/s12889-023-15577-z
Kerr, M., Stattin, H., & Burk, W. J. (2010). A reinterpretation of parental monitoring in longitudinal perspective. Journal of Research on Adolescence, 20(1), 39–64. https://doi.org/10.1111/j.1532-7795.2009.00623.x
Kiuru, N., Burk, W. J., Laursen, B., Salmela-Aro, K., & Nurmi, J.-E. (2010). Pressure to drink but not to smoke: Disentangling selection and socialization. Journal of Adolescence, 33(6), 801–812. https://doi.org/10.1016/j.adolescence.2010.07.006
Koning, I. M., De Kock, C., van der Kreeft, P., Percy, A., Sanchez, Z. M., & Burkhart, G. (2020). Implementation of the Icelandic Prevention Model: A critical discussion of its worldwide transferability. Drugs: Education, Prevention and Policy, 28(4), 367–378. https://doi.org/10.1080/09687637.2020.1863916
Koning, I. M., De Kock, C., van der Kreeft, P., Percy, A., Sanchez, Z. M., & Burkhart, G. (2021). Response to comment by Kristjansson et al. on: 'Implementation of the Icelandic Prevention Model: A critical discussion of its worldwide transferability'. Drugs: Education, Prevention and Policy, 28(4), 382–384. https://doi.org/10.1080/09687637.2021.1904378
Kraus, L., Seitz, N.-N., Piontek, D., Molinaro, S., Siciliano, V., Guttormsson, U., Arpa, S., Monshouwer, K., Leifman, H., Vicente, J., Griffiths, P., Clancy, L., Feijão, F., Lohrmann, D., & Hibell, B. (2018). 'Are the times a-changin'? Trends in adolescent substance use in Europe. Addiction, 113(7), 1317–1332. https://doi.org/10.1111/add.14201
Kristjánsson, Á. L., James, J. E., Allegrante, J. P., Sigfúsdóttir, I. D., & Helgason, A. R. (2010). Adolescent substance use, parental monitoring, and leisure-time activities: 12-year outcomes of primary prevention in Iceland. Preventive Medicine, 51(2), 168–171. https://doi.org/10.1016/j.ypmed.2010.05.001
Kristjánsson, Á. L., Lilly, C. L., Þórisdóttir, I. E., Allegrante, J. P., Mann, M. J., Sigfússon, J., Soriano, H. E., & Sigfúsdóttir, I. D. (2021). Testing risk and protective factor assumptions in the Icelandic model of adolescent substance use prevention. Health Education Research, 36(3), 309–318. https://doi.org/10.1093/her/cyaa052
Kristjánsson, Á. L., Mann, M. J., Sigfússon, J., Þórisdóttir, I. E., Allegrante, J. P., & Sigfúsdóttir, I. D. (2020a). Development and guiding principles of the Icelandic Model for Preventing Adolescent Substance Use. Health Promotion Practice, 21(1), 62–69. https://doi.org/10.1177/1524839919849032
Kristjánsson, Á. L., Mann, M. J., Sigfússon, J., Þórisdóttir, I. E., Allegrante, J. P., & Sigfúsdóttir, I. D. (2020b). Implementing the Icelandic Model for Preventing Adolescent Substance Use. Health Promotion Practice, 21(1), 70–79. https://doi.org/10.1177/1524839919849033
Kristjánsson, Á. L., Sigfúsdóttir, I. D., Þórlindsson, Þ., Mann, M. J., Sigfússon, J., & Allegrante, J. P. (2016). Population trends in smoking, alcohol use and primary prevention variables among adolescents in Iceland, 1997–2014. Addiction, 111(4), 645–652. https://doi.org/10.1111/add.13248
Kuklinski, M. R., Briney, J. S., Hawkins, J. D., & Catalano, R. F. (2012). Cost-benefit analysis of Communities That Care outcomes at eighth grade. Prevention Science, 13(2), 150–161. https://doi.org/10.1007/s11121-011-0259-9
Kuklinski, M. R., Fagan, A. A., Hawkins, J. D., Briney, J. S., & Catalano, R. F. (2015). Benefit–cost analysis of a randomized evaluation of Communities That Care: Monetizing intervention effects on the initiation of delinquency and substance use through grade 12. Journal of Experimental Criminology, 11(2), 165–192. https://doi.org/10.1007/s11292-014-9226-3
Kuklinski, M. R., Oesterle, S., Briney, J. S., & Hawkins, J. D. (2021). Long-term impacts and benefit–cost analysis of the Communities That Care prevention system at age 23, 12 years after baseline. Prevention Science, 22(4), 452–463. https://doi.org/10.1007/s11121-021-01218-7
Libuy, N., Ibáñez, C., Araneda, A. M., Donoso, P., Sanhueza, G., Castillo-Carniglia, Á., & Mundt, A. P. (2023). Community-based prevention of substance use in adolescents: Outcomes before and during the COVID-19 pandemic in Santiago, Chile. Prevention Science, 25(2), 245–255. https://doi.org/10.1007/s11121-023-01539-9
Lopez Bernal, J., Cummins, S., & Gasparrini, A. (2017). Interrupted time series regression for the evaluation of public health interventions: a tutorial. International Journal of Epidemiology, 46(1), 348–355. https://doi.org/10.1093/ije/dyw098
Mann, M. J., Allegrante, J. P., Smith, M. L., Sigfúsdóttir, I. D., & Kristjánsson, Á. L. (2024). The Icelandic Prevention Model Evaluation Framework and Implementation Integrity and Consistency Assessment. Evaluation and Program Planning, 106, 102451. https://doi.org/10.1016/j.evalprogplan.2024.102451
Mann, M. J., Smith, M. L., Kristjánsson, Á. L., Daily, S., McDowell, S., Traywick, P., & Allegrante, J. P. (2023). Examining the impact of a leisure time intervention on participation in organized out-of-school activities among adolescents: A quasi-experimental study in Franklin County, KY. Health Education Research, cyad016. https://doi.org/10.1093/her/cyad016
Mathys, C., Burk, W. J., & Cillessen, A. H. N. (2013). Popularity as a moderator of peer selection and socialization of adolescent alcohol, marijuana, and tobacco use. Journal of Research on Adolescence, 23(3), 513–523. https://doi.org/10.1111/jora.12031
Meyers, C. C. A., Mann, M. J., Þórisdóttir, I. E., Ros García, P., Sigfússon, J., Sigfúsdóttir, I. D., & Kristjánsson, Á. L. (2023). Preliminary impact of the adoption of the Icelandic Prevention Model in Tarragona City, 2015–2019: A repeated cross-sectional study. Frontiers in Public Health, 11, 1117857. https://doi.org/10.3389/fpubh.2023.1117857
Moor, I., Winter, K., Rathmann, K., Ravens-Sieberer, U., & Richter, M. (2020). Alkohol-, Tabak- und Cannabiskonsum im Jugendalter: Querschnittergebnisse der HBSC-Studie 2017/18. Journal of Health Monitoring, 5(3). https://doi.org/10.25646/6903
Movahedi, M., Arseneau, Z., & Bellefeuille, A. (2025). Adaptation of Icelandic Model for prevention of adolescent substance use in New Brunswick. Carleton University Journal of Sociology, 5(1). https://doi.org/10.22215/cujs.v5i1.5322
Mundt, M. P., Mercken, L., & Zakletskaia, L. I. (2012). Peer selection and influence effects on adolescent alcohol use: A stochastic actor-based model. BMC Pediatrics, 12, 115. https://doi.org/10.1186/1471-2431-12-115
Neher, T., Abbott, A. L., Spivak, M., & Smith, M. L. (2025). Lessons learned applying the Icelandic Prevention Model to youth mental health and well-being in Idaho. Journal of School Health, 95(11), 988–997. https://doi.org/10.1111/josh.70068
O'Dowd, T. C., Power, E., Dooley, N., Cannon, M., & Kelleher, I. (2024). Risk and protective factors for cannabis use in adolescence: A population-based survey in schools. Irish Journal of Psychological Medicine, 42(1), 6–14. https://doi.org/10.1017/ipm.2024.28
Oesterle, S., Hawkins, J. D., Kuklinski, M. R., Fagan, A. A., Fleming, C., Rhew, I. C., Brown, E. C., Abbott, R. D., & Catalano, R. F. (2015). Effects of Communities That Care on males' and females' drug use and delinquency 9 years after baseline in a community-randomized trial. American Journal of Community Psychology, 56(3-4), 217–228. https://doi.org/10.1007/s10464-015-9749-4
Pape, H., Rossow, I., & Brunborg, G. S. (2018). Adolescents drink less: How, who, and why? A review of the recent research literature. Drug and Alcohol Review, 37(S1), S98–S114. https://doi.org/10.1111/dar.12695
Reder, M., Runge, R. A., Schlüter, H., Kollek, M., Frisch, J. U., & Soellner, R. (2024). The German Communities That Care Youth Survey: Dimensionality and validity of risk factors. Frontiers in Public Health, 12, 1472347. https://doi.org/10.3389/fpubh.2024.1472347
Richter-Kornweitz, A., Holz, G., & Kilian, H. (2023). Präventionskette – Integrierte kommunale Gesamtstrategie zur Gesundheitsförderung und Prävention. In Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.), Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention. Glossar zu Konzepten, Strategien und Methoden. https://doi.org/10.17623/BZGA:Q4-I093-2.0
Röding, D., von Holt, I., Decker, L., Ünlü, S., Soellner, R., & Walter, U. (2024). Early effects of Communities That Care on system change outcomes: A quasi-experimental study [Preprint]. Research Square. https://doi.org/10.21203/rs.3.rs-5685486/v1
Rogne, A. F., Pedersen, W., & Bakken, A. (2019). Immigration and the decline in adolescent binge drinking [Preprint]. SocArXiv. https://doi.org/10.31235/osf.io/5a8us
Rossow, I., Pape, H., & Torgersen, L. (2020). Decline in adolescent drinking: Some possible explanations. Drug and Alcohol Review, 39(6), 721–728. https://doi.org/10.1111/dar.13132
Sepúlveda, C., Ibáñez, C., & Libuy, N. (2023). Facilitating factors and barriers to the implementation of the Icelandic Prevention Model of adolescent substance use in Chile: A focus group study. Health Promotion Practice, 25(5), 836–844. https://doi.org/10.1177/15248399231201551
Sigfúsdóttir, I. D., Þórlindsson, Þ., Kristjánsson, Á. L., Roe, K. M., & Allegrante, J. P. (2009). Substance use prevention for adolescents: The Icelandic Model. Health Promotion International, 24(1), 16–25. https://doi.org/10.1093/heapro/dan038
Sigfúsdóttir, I. D., Soriano, H. E., Mann, M. J., & Kristjánsson, Á. L. (2020). Prevention is possible: A brief history of the origin and dissemination of the Icelandic Prevention Model. Health Promotion Practice, 21(1), 58–61. https://doi.org/10.1177/1524839919886314
Spaeth, M., Weichold, K., & Silbereisen, R. K. (2010). Examining the differential effectiveness of a life skills program (IPSY) on alcohol use trajectories in early adolescence. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 78(3), 334–348. https://doi.org/10.1037/a0019550
Spruijtenburg, G. E., van Abswoude, F., & Platvoet, S. (2022). Factors related to adolescents' participation in organized sports. International Journal of Environmental Research and Public Health, 19(23), 15872. https://doi.org/10.3390/ijerph192315872
Stamm-Balderjahn, S., Groneberg, D. A., Kusma, B., Jagota, A., & Schönfeld, N. (2012). Smoking prevention in school students. Deutsches Ärzteblatt International, 109(44), 746–752. https://doi.org/10.3238/arztebl.2012.0746
Stojanović, M., El-Khatib, Z., & Brandić, A. R. (2020). Lions Quest Skills for Adolescence implementation during COVID-19 challenges in Croatia. Psychological Trauma: Theory, Research, Practice, and Policy, 12(S1), S274–S275. https://doi.org/10.1037/tra0000843
Vashishtha, R., Livingston, M., Pennay, A., Dietze, P., MacLean, S., Holmes, J., Herring, R., Caluzzi, G., & Lubman, D. I. (2019). Why is adolescent drinking declining? A systematic review and narrative synthesis. Addiction Research & Theory, 28(4), 275–288. https://doi.org/10.1080/16066359.2019.1663831
Vashishtha, R., Holmes, J., Pennay, A., Dietze, P., & Livingston, M. (2022). An examination of the role of changes in country-level leisure time internet use and computer gaming on adolescent drinking in 33 European countries. International Journal of Drug Policy, 100, 103508. https://doi.org/10.1016/j.drugpo.2021.103508
Vieira, E., Taylor, N., Stevely, A. K., Anderson, P., & Holmes, J. (2025). A systematic review of adolescent alcohol-related harm trends in high-income countries with declines in adolescent consumption. Addiction. https://doi.org/10.1111/add.70026
Von Holt, I., Decker, L., Ünlü, S., Röding, D., Soellner, R., & Walter, U. (2025). Factors influencing the effectiveness of Communities That Care in Germany: A meta-analysis. European Journal of Public Health, 35(Suppl. 4), ckaf161.173. https://doi.org/10.1093/eurpub/ckaf161.173
Walczak, B., Walczak, A., & Tricas-Sauras, S. (2023). Does sport participation protect adolescents from alcohol consumption? A scoping review. International Journal of Environmental Research and Public Health, 20(7), 5417. https://doi.org/10.3390/ijerph20075417
Walter, U., Groeger-Roth, F., & Röding, D. (2023). Evidenzbasierte Prävention für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen: Der Ansatz „Communities That Care" (CTC) für Deutschland. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 66(7), 774–783. https://doi.org/10.1007/s00103-023-03725-0
Weichold, K., Tomasik, M. J., & Silbereisen, R. K. (2016). The effectiveness of the life skills program IPSY for the prevention of adolescent tobacco use. The Journal of Early Adolescence, 36(7), 881–908. https://doi.org/10.1177/0272431615589349
Wenzel, V., Weichold, K., & Silbereisen, R. K. (2009). The life skills program IPSY: Positive influences on school bonding and prevention of substance misuse. Journal of Adolescence, 32(6), 1391–1401. https://doi.org/10.1016/j.adolescence.2009.05.008