Radikalisierung ist kein Ereignis. Sie ist ein Entwicklungspfad – und Prävention hat auf jedem Schritt einen Ansatzpunkt.
Qualifizierung für Fach- und Führungskräfte in Schule, Jugendhilfe und Kommune. Grundlage ist das entwicklungsorientierte Präventionsmodell der Arbeitsgruppe Beelmann (Friedrich-Schiller-Universität Jena). Für Teilnehmende aus Niedersachsen kostenfrei, finanziert durch den Landespräventionsrat Niedersachsen; Teilnahme aus anderen Bundesländern auf Anfrage.
Zielgruppe
Fachkräfte · Führungskräfte · Schulleitung, …
Dauer
16 Stunden Fachkräfte · 2 Tage Führung
Format
Präsenz und Online
Teilnahmegebühr
kostenfrei für NDS · sonst auf Anfrage
PROXI Fachkräfte · Fachkräfte · Hildesheim·31. Aug. 2026·Kostenfrei Zur Anmeldung →
Für wen
PROXI qualifiziert zwei Ebenen parallel: die Fachkräfte, die mit jungen Menschen in Schule und Jugendhilfe arbeiten, und die Führungsebene, die Präventionsstrategien trägt, Kooperationen bahnt und Fördermittel steuert.
Lehrkräfte, Schulsozialarbeit, Fachkräfte der Jugendhilfe, Mitarbeitende in Erziehungsberatung, frühen Hilfen, Beratungsstellen und kommunaler Präventionsarbeit. Sie lernen, Radikalisierungsdynamiken als Entwicklungsphänomen zu lesen und an den vier Proximalprozessen anzusetzen, bevor ideologische Bindung einsetzt.
02
Führungsebene und strategische Steuerung
Führungskräfte-Linie · 2 Präsenztage in Hannover oder vor Ort · 0 €/Person
Schulleitungen, Jugendamtsleitungen, Amtsleitungen im kommunalen Sicherheits- und Präventionsbereich, Trägerleitungen, Fachaufsicht. Sie lernen, das entwicklungsorientierte Modell in Organisationsentwicklung, Kooperationsstrukturen und Fördermittelvergabe zu übersetzen.
Radikalisierung entsteht nicht in dem Moment, in dem eine Person sich einer Ideologie zuwendet. Sie entsteht über Jahre aus Entwicklungsprozessen, die in Schule, Familie und Jugendhilfe alltäglich sichtbar sind.
–Keine Ideologie-Schulung. PROXI arbeitet nicht mit Kategorisierungen nach Rechts-, Links- oder islamistischem Extremismus. Der Entwicklungsansatz ist ideologieübergreifend, weil er an den psychologischen Mechanismen ansetzt, die allen Radikalisierungen gemein sind.
–Keine Deradikalisierungsarbeit. PROXI ist präventiv ausgerichtet, also zeitlich vor der ideologischen Bindung. Für Ausstiegs- und Fallarbeit verweisen wir auf Violence Prevention Network, BAG RelEx und die Landeskoordinierungsstellen.
–Keine Frühwarn- oder Meldepflicht-Schulung. Ziel ist pädagogische Handlungskompetenz, nicht das Erkennen oder Kategorisieren junger Menschen als Risikoträger.
Wer akute Fallarbeit mit bereits radikalisierten Jugendlichen benötigt, ist bei spezialisierten Ausstiegsberatungen besser aufgehoben. Wir vermitteln gerne weiter.
Das Modell
Radikalisierung entsteht in drei Ebenen.
Das entwicklungsorientierte Präventionsmodell unterscheidet drei ineinandergreifende
Ebenen. Auf der distalen Ebene wirken klassische Risiko- und Schutzfaktoren. Auf der
proximalen Ebene verdichten sich diese zu vier Entwicklungsprozessen, die für sich
genommen noch keine Radikalisierung sind – in Kombination aber die entscheidende
Brücke zur ideologischen Bindung bilden. Die dritte Ebene beschreibt die
Ausbildung extremistischer Einstellungen und Handlungen.
01Distale Ebene
Risiko- und Schutzfaktoren
Rahmenbedingungen der Entwicklung in Familie, Peer-Gruppe, Schule und Gesellschaft.
Sie wirken über Jahre und sind selten spezifisch für Radikalisierung.
Familie
Peers
Schule
Gesellschaft
Biografische Übergänge
Diskriminierung
02Proximale Ebene
Vier Proximalprozesse
Entwicklungsprozesse, deren gemeinsames Auftreten die ideologische Bindung
wahrscheinlich macht. Sie sind der Hebel von Prävention.
Jeder der vier Prozesse ist für sich genommen noch keine Radikalisierung. Erst ihr
gemeinsames Auftreten verdichtet sich zur ideologischen Bindung. Klicken Sie auf
einen Prozess, um Definition, Präventions-Leitlinien und evidenzbewertete Ansätze
aus dem Praxishandbuch 2024 zu öffnen.
01
Dissozialität
Schwierigkeiten im Umgang mit sozialen Regeln und Normen; häufig sichtbar als Aggression, Gewalt oder Regelverletzung.
Definition
Einstellungen und Verhaltensweisen, die auf Schwierigkeiten im Umgang mit sozialen Regeln und Normen hindeuten und die insbesondere bei Verhaltensproblemen wie Aggression, Gewalt und Kriminalität zu beobachten sind. Defizite in der Sozialentwicklung gelten als bedeutsamer Risikofaktor politischer Gewalt.
Leitlinien der Prävention
Stärkung des sozialen Lernens, einschließlich der Vermittlung sozialer Regeln.
Konsistente Reaktion auf Regelverstöße und Verhinderung devianter Gruppenbildung.
Gezielte Unterstützung von Hoch-Risiko-Gruppen.
Bewährte Präventionsansätze
Elterntrainingsprogramme
★★★★
Eltern, v. a. Kinder bis 12 Jahre
Triple P, Incredible Years, EFFEKT, Eltern-AG u. a. Meta-analytisch bestätigte Wirkung auf Erziehungskompetenzen und dissoziales Verhalten (Beelmann, Arnold & Hercher, 2023).
Soziale Trainingsprogramme
★★★★
ab Vorschulalter
Papilio, Fairplayer, Denk-Wege, Verhaltenstraining in der Grundschule u. a. Meta-analytisch bestätigt (Beelmann & Lösel, 2021).
Frühe Familienhilfe / Frühförderung
★★★☆
Familien mit Kindern 0–6 Jahre
Intensive Begleitung in Risikokonstellationen (e:du, Pro Kind, Babylotse, Nurse-Family Partnership). Internationale Langzeitbefunde; deutsche Evaluationen punktuell.
Einstellungen und Verhaltensweisen, die Personen abwerten oder soziale Gruppen entwerten – beispielsweise gegenüber Geflüchteten oder Migrantinnen und Migranten.
Definition
Vorurteile und Intoleranz beschreiben Einstellungen und Verhaltensweisen, die auf die Abwertung von Personen oder die mangelnde Anerkennung sozialer Gruppen ausgerichtet sind. Sie werden sozial weitergegeben und verdichten sich in Feindbildern, Gruppenabwertung und Lagerbildung.
Leitlinien der Prävention
Positives Erleben von Diversität, inklusive positiver Kontakterfahrungen und intergruppaler Freundschaften.
Keine übermäßige Identifikation mit und einseitige Bewertung von sozialen Kategorien (Nationalität, Ethnie, Geschlecht).
Förderung von Fertigkeiten, die Vorurteilen entgegenstehen: Empathie, Perspektivenübernahme, Wertevermittlung.
Bewährte Präventionsansätze
Kontaktprogramme
★★★★
alle Altersgruppen
Integrative Schulen und Klassen, Schüleraustausch, Begegnungsformate. Direkter Kontakt wirksamer als indirekter; meta-analytisch breit bestätigt. Negative Kontakterfahrungen vermeiden.
Sozial-kognitive Trainings zur Vorurteilsprävention
★★★☆
bis Jugendalter
PARTS (Universität Jena): Empathie, Perspektivenübernahme, multiple Klassifikation, Wertevermittlung. Kurz-, mittel- und langfristige Wirkungen.
Diversitäts-, Multikulturelle und Anti-Bias-Trainings
★★☆☆
ab Adoleszenz
Fit für kulturelle Vielfalt, Eine Welt der Vielfalt. Rollenspiele, Selbstreflexion eigener Stereotype. Wirksamkeit in Einzelstudien belegt.
Unsicherheit über Zugehörigkeit, Selbstwert und Bedeutung – vor allem in biografischen Übergangsphasen.
Definition
Identitätsprobleme betreffen Fragen wie „Wer bin ich?" oder „Wer möchte ich werden?" und hängen eng mit dem menschlichen Bedürfnis nach Anerkennung und Bedeutung zusammen. Sie treten verstärkt im Jugendalter auf, weil dies eine sensible Phase der Identitätsentwicklung ist. Der subjektiv empfundene Mangel an Anerkennung reicht – er muss nicht objektiv vorliegen.
Leitlinien der Prävention
Zeit und Raum für eine reflektierte Identitätskonstruktion junger Menschen.
Schaffung von Zugehörigkeit und Bestätigung, ohne Ablehnungs- und Diskriminierungserfahrungen ohne Bewältigungslernen.
Verhindern einer einseitigen, unflexiblen und rein übernommenen sozialen Identitätskonstruktion.
Values-Affirmation-Task: Exploration, Gewichtung, schriftliche Reflexion identitätsstärkender Aspekte. Kurz- bis längerfristige Wirkungen bei regelmäßiger Anwendung.
Outdoor- und sportpädagogische Angebote
★★☆☆
ab Grundschulalter
Erlebnisorientierte Aktivitäten mit pädagogischer Rahmung. Gute Wirkungen bei geringem Selbstwert; wettbewerbsorientierte Formate können kontraproduktiv sein.
Kulturorientierte Freizeitaktivitäten
★☆☆☆
entwicklungsangemessen alle
Begleitete Theater-, Musik- oder Tanzprojekte mit gemeinsamer Zielstellung und Safe Space. Anekdotische Evidenz, systematische Studien stehen aus.
Erklärungsangebote und Gruppenlogiken, die Vorurteile und radikale Handlungen rationalisieren und den Übergang zum Extremismus vollziehen.
Definition
Der eigentliche Übergang zum Extremismus wird durch die Aneignung extremistischer Narrative und Ideologien vollzogen. Sie dienen der Rationalisierung und Rechtfertigung von Vorurteilen, radikalen Einstellungen und Handlungen – etwa in Überlegenheitsnarrativen, konstruierten Bedrohungsszenarien und Verschwörungsglauben. In Kombination mit den anderen Proximalprozessen führen sie unmittelbar zur Ablehnung von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit.
Leitlinien der Prävention
Übernahme altersgerechter und individuell angepasster Verantwortlichkeiten für die Gemeinschaft.
Vermittlung universeller (Fairness, Gerechtigkeit, Gleichheit) und politischer Werte (Demokratie, Menschenrechte) durch Sozialisationsagenten.
Nicht-technischer Umgang mit digitalen Medien und ihren Problemen.
Bewährte Präventionsansätze
Service-Learning-Programme
★★★☆
Grundschule bis junge Erwachsene
Altersgerechte Verantwortungsübernahme, Mentoring, Charaktererziehung. Meta-analytisch bestätigt; im deutschen Sprachraum wenig systematisch evaluiert.
Politische Bildung / Demokratiepädagogik
★★☆☆
ab Grundschulalter
Klassenrat, Jugendparlament, Auseinandersetzung mit Diktaturen. Viele positive Praxisberichte; systematische Wirkstudien im deutschen Sprachraum fehlen.
Trainings der Medienkompetenz
★★☆☆
ab ca. 12 Jahren
CONTRA, HateLess, LOVE-Storm, Medienhelden. Kritische Bewertung digitaler Inhalte, digitale Zivilcourage; Medienhelden mit bestätigter Wirksamkeit (Grüne Liste Stufe 3).
Argumentationstrainings und Counter Narratives
★★☆☆
Jugendliche und Erwachsene
Strategien gegen Parolen (nach Hufer); Entwicklung positiver Gegenbotschaften. Qualitätsstandards formuliert, gesonderte Evaluation noch nicht breit vorliegend.
Digital Citizenship Education
★★☆☆
ab ca. 14 Jahren
Politische Bildung übertragen in den digitalen Raum. Evaluationsbefunde bislang aus Großbritannien (Reynolds, 2017); deutsche Studien stehen aus.
Drei Filter führen Sie zu den Ansätzen des Praxishandbuchs, die für Ihren Kontext
am besten belegt sind: welcher Proximalprozess adressiert werden soll, in welcher
Altersgruppe Sie arbeiten, in welchem Setting Sie verankert sind. Die Karten sind
keine Empfehlungsautomatik, sondern eine navigable Leseoberfläche für das
Praxishandbuch – jede Karte trägt Evidenzbewertung und Quelle.
16 Ansätze im Praxishandbuch insgesamt
Dissozialität★★★★
Elterntrainingsprogramme
ausgebildete Elterntrainerinnen und -trainer unterschiedlicher Professionen
BeispieleTriple P, Incredible Years, PEP, EFFEKT, Eltern-AG, STEP
Wirkmechanismen und Evidenzlage
Stärkung der Erziehungs- und Beziehungskompetenz; Reduktion emotionaler Probleme und Verhaltensauffälligkeiten der Kinder; Prävention von Gewalt gegenüber Kindern. Meta-analytisch bestätigt (Beelmann, Arnold & Hercher, 2023).
Allgemeine Entwicklungsförderung in Risikokonstellationen; Vermeidung von Vernachlässigung. US-Langzeitbefunde bis ins Erwachsenenalter (Olds, 2010; Schweinhart et al., 2005).
Akteure unterschiedlicher Professionen, auch ohne spezielle Ausbildung
Beispieleintegrative Schulen und Klassen, Schüleraustausch, Kulturfeste, Begegnungsformate
Wirkmechanismen und Evidenzlage
Prävention von Vorurteilen, intergruppaler Empathie und Wissen. Direkter Kontakt wirksamer als indirekter; negative Kontakterfahrungen vermeiden. Meta-analytisch breit bestätigt.
Diversitäts-, Multikulturelle und Anti-Bias-Trainings
interkulturell ausgebildete Trainerinnen und Trainer
BeispieleFit für kulturelle Vielfalt, Eine Welt der Vielfalt
Wirkmechanismen und Evidenzlage
Prävention von Fremdenfeindlichkeit; Umgang mit eigenen Stereotypen. Wirksamkeit in Einzelstudien belegt; Fit für kulturelle Vielfalt auf Stufe 2 der Grünen Liste.
BeispieleSelbstwert stärken – Gesundheit fördern (Krause et al.)
Wirkmechanismen und Evidenzlage
Selbstwertstärkung über Wertschätzung des Selbst, Selbstwirksamkeit und soziale Einbindung. Sehr gute Wirksamkeit bei gering ausgeprägtem Selbstwert; Kontraindikation bei unrealistisch hohem Selbstwert.
Kurzzeitige Wirkung auf das Selbstkonzept bestätigt; längerfristige Effekte (Schulleistungen, Verhalten) bei regelmäßiger Anwendung. Nur als Ergänzung zu umfangreichen Maßnahmen gedacht.
Akteure mit teils spezieller Ausbildung (z. B. Theaterpädagogik)
BeispieleTheater-, Musik- oder Tanzprojekte mit gemeinsamer Zielstellung
Wirkmechanismen und Evidenzlage
Positive Identitätsentwicklung über Erfahrung neuer Identitätsaspekte und sozialer Verbundenheit. Anekdotische Evidenz; systematische Studien stehen aus.
politische Bildnerinnen und Bildner unterschiedlicher Professionen
BeispieleKlassenrat, Jugendparlament, Auseinandersetzung mit Diktaturen, Exkursionen
Wirkmechanismen und Evidenzlage
Vermittlung politischen Wissens und Zuwachs an Verständnis demokratischer Prozesse. Viele positive Praxisberichte; systematische Wirkstudien im deutschen Sprachraum fehlen.
Kritische Auseinandersetzung mit digitalen Inhalten, digitale Zivilcourage, Umgang mit Hassbotschaften. Medienhelden mit bestätigter Wirksamkeit (Grüne Liste Stufe 3).
politische Bildnerinnen und Bildner unterschiedlicher Professionen
BeispieleLOVE-Storm (inhaltlich assoziiert)
Wirkmechanismen und Evidenzlage
Verantwortungsvoller Umgang mit digitalen Medien, ziviles Engagement im Netz, Resilienz gegenüber Hass und Extremismus. Evaluationsbefunde bislang aus Großbritannien (Reynolds, 2017).
ausgebildete Trainerinnen und Trainer mit interkultureller Qualifikation
BeispieleEine Welt der Vielfalt (Erwachsenenformate), Verwaltungs-Diversitätstrainings
Wirkmechanismen und Evidenzlage
Prävention von Diskriminierung und Förderung kultureller Offenheit in Regeldiensten und Verwaltung. Wirksamkeit in einer Reihe von Studien belegt; wenige systematische Untersuchungen im deutschen Sprachraum.
Andreas Beelmann legt mit „Grundlagen einer entwicklungsorientierten Prävention des Rechtsextremismus" das theoretische Fundament. Veröffentlicht durch den Landespräventionsrat Niedersachsen.
Gutachten II
Entwicklungsmodell in heutiger Form
Beelmann, Lutterbach, Rickert und Sterba veröffentlichen „Entwicklungsorientierte Radikalisierungsprävention: Was man tun kann und sollte". Das Modell mit den vier Proximalfaktoren erhält seine heute gültige Form.
Beelmann et al.
Praxishandbuch
Der LPR Niedersachsen veröffentlicht die „Praxisempfehlungen Demokratieförderung und Radikalisierungsprävention" – 16 Präventionsansätze entlang der vier Proximalprozesse, systematisch nach Evidenzlage bewertet.
FINDER e.V.
PROXI startet
FINDER baut die Qualifizierung auf: Fachkräfte-Linie im Blended-Format, Führungslinie als kompaktes Zwei-Tages-Format. Für Teilnehmende aus Niedersachsen kostenfrei (finanziert durch den LPR Niedersachsen); Anfragen aus anderen Bundesländern im Einzelfall.
Wissenschaftliche Grundlage
Die gesamte Qualifizierung ruht auf der Arbeit der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Andreas Beelmann am Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Drei Dokumente tragen das inhaltliche Fundament:
Beelmann, A. (2017).Grundlagen einer entwicklungsorientierten Prävention des Rechtsextremismus. LPR Niedersachsen.
Beelmann, A., Lutterbach, S., Rickert, M. & Sterba, L. S. (2021).Entwicklungsorientierte Radikalisierungsprävention: Was man tun kann und sollte. LPR Niedersachsen.
Beelmann, A., Hercher, J., Lutterbach, S. & Sterba, L. S. (2024).Praxisempfehlungen Demokratieförderung und Radikalisierungsprävention. 1. überarb. Fassung, LPR Niedersachsen.
Die Zitationen im Register der Proximalprozesse und im Empfehlungs-Finder verweisen konsistent auf diese Quellen. PROXI übersetzt die wissenschaftliche Vorlage in eine didaktisch tragfähige Qualifizierung, ergänzt sie aber nicht eigenmächtig um Inhalte.
Rollenverhältnis transparent. FINDER ist nicht Kooperationspartner der Arbeitsgruppe Beelmann. Die Inhalte stammen aus den oben genannten Veröffentlichungen der Arbeitsgruppe für den Landespräventionsrat Niedersachsen. FINDER wurde vom Landespräventionsrat Niedersachsen mit der Qualifizierung beauftragt und bringt das Praxishandbuch in eine vermittelbare Form für Fach- und Führungskräfte.
Netzwerk und Einbettung
PROXI ist in ein Netzwerk von rund 33 Akteuren der Radikalisierungsprävention eingebunden, mit einem regionalen Schwerpunkt in Niedersachsen und überregionaler Anschlussfähigkeit. Die Qualifizierung ist so gebaut, dass sie sich an bestehende Strukturen andockt, statt eine parallele Infrastruktur zu erzeugen.
Niedersachsen (Schwerpunktregion): Landespräventionsrat, kommunale Präventionsräte, Träger der Jugendhilfe, Schulsozialarbeits-Netzwerke, Fach- und Beratungsstellen der Polizei und der kommunalen Sozialarbeit.
Überregional: Fachstellen für Demokratieförderung und Extremismusprävention, Träger der außerschulischen Jugendbildung, Beratungsnetzwerke gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Einrichtungen der stationären und ambulanten Jugendhilfe.
Ja. Die Fachkräfte-Linie setzt keine präventionsfachliche Vorqualifikation voraus. Wer aus Pädagogik, Sozialer Arbeit, Schule, Verwaltung oder Jugendhilfe kommt, kann direkt einsteigen.
02 Brauche ich eigene Erfahrung mit radikalisierten Jugendlichen?
Nein, ausdrücklich nicht. PROXI ist für den präventiven Kontext gedacht – zeitlich vor der ideologischen Bindung. Bei akuter Fallarbeit mit bereits radikalisierten Jugendlichen verweisen wir gerne an spezialisierte Ausstiegsberatungen (Violence Prevention Network, BAG RelEx, Landeskoordinierungsstellen).
§Abgrenzung2
01 Worin unterscheidet sich PROXI von klassischer Extremismusprävention?
Klassische Extremismusprävention setzt an, wenn Symbole, Sprache oder Handlungen einer Szene zugeordnet werden können. Der Entwicklungsansatz verschiebt den Blick früher, an die Entwicklungsprozesse, die Radikalisierung wahrscheinlich machen – lange bevor eine Ideologie-Etikettierung greift. PROXI arbeitet deshalb nicht mit den Kategorien Rechts-, Links- oder islamistischer Extremismus, sondern mit den psychologischen Mechanismen, die allen Radikalisierungsprozessen gemein sind.
02 Wie verbindet sich PROXI mit laufender Präventionsarbeit?
Sehr gut. Der Entwicklungsansatz lässt sich mit Schul-Curricula (Unplugged, REBOUND), schulischer Organisationsentwicklung (Schools That Care) und kommunalen Präventionsstrategien (Communities That Care) verschränken. Das Transfer-Modul in der Fachkräfte-Linie ordnet bestehende Programme in das Modell ein.
§Wissenschaftliche Grundlage1
01 Wer steht wissenschaftlich hinter PROXI?
Prof. Dr. Andreas Beelmann (Institut für Psychologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena) hat das entwicklungsorientierte Präventionsmodell entwickelt. Die Arbeitsgruppe Beelmann mit Judith Hercher, Dr. Sebastian Lutterbach und Laura Sophia Sterba hat das Praxishandbuch 2024 für den Landespräventionsrat Niedersachsen verfasst. FINDER ist nicht Kooperationspartner der Arbeitsgruppe Beelmann, sondern wurde vom Landespräventionsrat Niedersachsen mit der Qualifizierung beauftragt – die Inhalte des Praxishandbuchs werden in PROXI didaktisch umgesetzt.
§Kosten und Anerkennung2
01 Kostet PROXI etwas?
Für Teilnehmende aus Niedersachsen ist die Qualifizierung kostenfrei – finanziert durch den Landespräventionsrat Niedersachsen. Teilnehmende aus anderen Bundesländern können auf Anfrage dazukommen; die Konditionen dafür klären wir im Einzelfall, abhängig von Durchgang und Kapazität.
02 Wird PROXI als Lehrkräftefortbildung anerkannt?
Die Anerkennung richtet sich nach Landesrecht. Auf Anfrage klären wir die Anerkennung mit dem jeweiligen Bundesland; auch die Förderfähigkeit im Rahmen des Bildungsurlaubs ist regional zu prüfen.
Nachfolgend eine Auswahl peer-reviewter Arbeiten und zentraler Referenzdokumente zum Programm – nicht von FINDER verfasst, aber Grundlage unserer Umsetzung in Deutschland.
2024
Beelmann, A.
Praxisempfehlungen Demokratieförderung und Radikalisierungsprävention. Beschreibung und Bewertung von Maßnahmen der entwicklungsorientierten Prävention
Mandy Tuxhorn, M.Sc. · Anmeldung, Termine vor Ort und Fragen zur Durchführung. Im Dialogfenster finden Sie E-Mail, Telefon und einen 15-Minuten-Termin.
Integrativer Rahmen zur Planung von Verhaltensinterventionen, entwickelt von Michie, van Stralen und West (2011). Das Rad verbindet das COM-B-Modell als inneren Kern (Capability, Opportunity, Motivation) mit neun Interventionsfunktionen (z. B. Aufklärung, Training, Umgebungsumgestaltung) und sieben politischen Kategorien (z. B. Regulierung, Fiskalmaßnahmen). Im EUPC dient das Rad dazu, aus theoretischen Zielen konkrete Interventionsentscheidungen abzuleiten.
Blueprints for Healthy Youth Development, geführt vom Center for the Study and Prevention of Violence an der University of Colorado Boulder. Internationales Evidenzregister, das Programme nach strengen methodischen Kriterien als Promising, Model oder Model Plus einstuft.
Verhaltensmodell von Michie, van Stralen und West (2011), das das Auftreten eines Verhaltens auf drei interagierende Quellen zurückführt: Fähigkeit (Capability, physisch und psychologisch), Gelegenheit (Opportunity, sozial und physisch) und Motivation (reflektiv und automatisch). COM-B bildet den inneren Kern des Behaviour Change Wheel und wird im EUPC als gemeinsames Rahmenmodell für die Planung wirksamer Präventionsinterventionen eingesetzt.
Evidenzbasiertes Planungs- und Steuerungssystem für kommunale Prävention, entwickelt von David Hawkins und Richard Catalano (University of Washington). Fünfphasiger Zyklus von der Koalitionsbildung über Bedarfserhebung und Programmauswahl bis zur Wirkungsmessung.
Jährlicher Fachkongress für Kriminal- und Gewaltprävention mit rund 3.000 Teilnehmenden aus Wissenschaft, Praxis und Politik. Zentrale Plattform für den Austausch zwischen Präventionsforschung und kommunaler Praxis, Mitherausgeber zahlreicher Standards und Gutachten.
European Drug Prevention Quality Standards, koordiniert von der EUDA und einem europäischen Konsortium. Definieren acht Qualitätsstandards entlang des gesamten Projektzyklus, von Bedarfserhebung bis Evaluation, und enthalten einen expliziten ethischen Rahmen.
Vom Rat der Europäischen Union am 18. Dezember 2020 angenommene Rahmensetzung für die Drogenpolitik der Mitgliedstaaten. Sie definiert drei Prioritätsbereiche (Angebotsreduktion, Nachfragereduktion, Querschnittsfragen) und macht Prävention und evidenzbasierte Qualitätsstandards zum operativen Schwerpunkt. Der konkretisierende EU-Aktionsplan 2021–2025 (ABl. C 272 vom 8.7.2021) benennt die EU-weite Förderung des Europäischen Präventionscurriculums als Aufgabe der EUDA, verpflichtet die Mitgliedstaaten aber nicht zur Zertifizierung einzelner Personen oder Organisationen – Teilnahme und Umsetzung bleiben freiwillig.
Verordnung (EU) 2023/1322 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. Juni 2023 über die Drogenagentur der Europäischen Union (EUDA) mit Sitz in Lissabon. Gültig ab dem 2. Juli 2024. Die Verordnung erweitert das Mandat der Vorgänger-Agentur EMCDDA ausdrücklich um Prävention, Frühintervention und Qualitätsstandards und verpflichtet die EUDA, das Europäische Präventionscurriculum (EUPC) in der gesamten EU zu fördern.
European Union Drugs Agency, seit dem 2. Juli 2024 Nachfolgerin der EMCDDA (European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction) mit Sitz in Lissabon. Erweitertes Mandat, das ausdrücklich Prävention, Frühintervention und Qualitätsstandards einschließt.
European Prevention Curriculum, das standardisierte Fortbildungscurriculum der European Union Drugs Agency für Entscheidungstragende und Multiplikatoren in der Präventionsarbeit. Vermittelt evidenzbasierte Grundlagen nach den UNODC International Standards.
European Society for Prevention Research, europäische Fachgesellschaft für Präventionsforschung mit jährlicher wissenschaftlicher Tagung. Arbeitet eng mit der EUDA zusammen und begleitet Weiterentwicklung und Qualitätssicherung des European Prevention Curriculum.
Handlungsfelder und Kriterien des GKV-Spitzenverbandes zur Umsetzung von §§ 20, 20a, 20b SGB V. Bindender Rahmen für die Förderung und Leistungserbringung der gesetzlichen Krankenkassen in Präventionslebenswelten.
Das deutsche Evidenzregister für Präventionsprogramme, gepflegt vom Landespräventionsrat Niedersachsen. Bewertet Programme nach standardisierten wissenschaftlichen Kriterien in drei Effektivitäts-Stufen: theoretisch gut begründet, wahrscheinlich wirksam, nachweislich wirksam.
Empfehlung der Kultusministerkonferenz zur Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule, Beschluss vom 15.11.2012. Rahmen für eine ganzheitliche, settingbezogene schulische Präventionsarbeit in den Ländern.
„Gesundheitsförderung und Prävention sind integrale Bestandteile von Schulentwicklung. Sie stellen keine Zusatzaufgaben der Schulen dar, sondern gehören zum Kern eines jeden Schulentwicklungsprozesses." (Abschnitt 1.2 Allgemeine Grundsätze)
Ressortübergreifendes Gremium beim Niedersächsischen Justizministerium, zuständig für die strategische Präventionsarbeit im Land und Herausgeber der Grünen Liste Prävention. Langjähriger Partner von FINDER bei der Verbreitung evidenzbasierter Programme in Deutschland.
Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention (PrävG), in Kraft seit 25. Juli 2015. Verankert die settingbasierte Prävention in § 20a SGB V und verpflichtet die Sozialversicherungsträger zur Kooperation im Rahmen der Nationalen Präventionsstrategie.
„Ziel dieses Gesetzes ist es, Gesundheitsförderung und Prävention, insbesondere in den Lebenswelten der Bürgerinnen und Bürger, zu stärken."
Schulbezogene Adaption des Communities-That-Care-Ansatzes. Überträgt den datenbasierten Zyklus aus Bedarfserhebung, Priorisierung, evidenzbasierter Programmauswahl und Wirkungsmessung auf das Setting Einzelschule.
Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen zur Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten. Rechtsgrundlage für settingbasierte Präventionsmaßnahmen in Kita, Schule, Kommune und Pflege.
„Die Krankenkasse erbringt Leistungen zur Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten für in der Regel nicht gewerbsmäßig handelnde Einrichtungen und Organisationen (nichtbetriebliche Lebenswelten), insbesondere für Kindertageseinrichtungen, Schulen, Kommunen, Einrichtungen der Pflege."
Achtes Buch Sozialgesetzbuch, Kinder- und Jugendhilfe. Rechtsgrundlage für die Aufgaben der öffentlichen und freien Kinder- und Jugendhilfe, einschließlich der Leistungen der Jugendsozialarbeit, des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes und der Hilfen zur Erziehung.
„Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer selbstbestimmten, eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit." (§ 1 Abs. 1 SGB VIII)
Entwicklungstheoretisches Rahmenmodell von J. David Hawkins und Richard F. Catalano (Social Development Research Group, University of Washington). Beschreibt, wie prosoziales Verhalten entsteht: über Gelegenheiten zur Mitwirkung, Fertigkeiten für die Mitwirkung, Anerkennung für den Beitrag, daraus wachsende Bindung und gemeinsam getragene Überzeugungen. Grundlage von Communities That Care, Schools That Care und Einfach Wirksam.
Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz vom März 2026 zur Weiterentwicklung des Bildungssystems. Formuliert die systematische Erfassung von Wohlbefinden, datengestützte Entwicklungszyklen und sektorübergreifende Zusammenarbeit als verbindlichen Standard.
International Standards on Drug Use Prevention, 2. Auflage 2018, herausgegeben vom United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) in Wien gemeinsam mit der World Health Organization (WHO). Die Standards fassen die internationale Evidenzlage zur Suchtprävention aus über 200 systematischen Reviews und Metaanalysen zusammen, geordnet nach Lebensabschnitten (pränatal, Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter) und nach Settings (Familie, Schule, Arbeitsplatz, Kommune, Gesundheitswesen). Sie nennen wirksame Interventionsformen (u.a. parenting skills programmes, life skills education in schools, brief intervention) ebenso wie unwirksame oder kontraproduktive Ansätze (u.a. rein informationsbasierte Kampagnen, Fear-Appeals). Die Standards bilden die inhaltliche Grundlage des EUPC.
Von der EU kofinanziertes Projekt (2015–2017, JUST-2015-AG-DRUG, Projektleitung HoGent, Belgien), das das Universal Prevention Curriculum (UPC, Applied Prevention Science International) in eine europäische Fassung adaptierte und daraus das European Prevention Curriculum (EUPC) ableitete. Neun Mitgliedstaaten waren beteiligt; FINDER Akademie war deutscher Konsortialpartner. Ergebnis: der 170-seitige EUDA-Manual „European Prevention Curriculum" (2019).
Washington State Institute for Public Policy, eine 1983 gegründete non-partisan Forschungseinrichtung der Washington State Legislature. Berechnet Nutzen-Kosten-Verhältnisse evidenzbasierter Programme, darunter Communities That Care (1:12,88 für die deutsche Übertragung).