Ordnungsraster für Online-Risiken von Kindern, das Livingstone und Stoilova 2021 für das CO:RE-Netzwerk aktualisiert haben. Es unterscheidet vier Rollen: Inhalt (Content), Kontakt (Contact), Verhalten (Conduct) und vertragliche Risiken (Contract), etwa Betrug und kommerzielle Ausbeutung, quer dazu liegen Risiken für Privatheit, Gesundheit und faire Behandlung.
Großangelegte US-Untersuchung von Felitti, Anda und Kollegen (1998), die belastende Kindheitserfahrungen wie Missbrauch und familiäre Dysfunktion mit späteren Erkrankungen verknüpfte. Sie zeigte einen dosisabhängigen Zusammenhang: Je mehr solcher Erfahrungen, desto höher das Risiko für viele führende Todesursachen im Erwachsenenalter.
Methodische Leitlinie dafür, wie eine andernorts bewährte Maßnahme begründet an einen neuen Kontext angepasst wird, ohne ihre Wirksamkeit zu verlieren. Sie führt durch die Schritte von der Bedarfs- und Passungsprüfung über die Anpassung der Inhalte bis zur erneuten Evaluation. Bezugspunkt für FINDER, wenn internationale Programme in deutsche Schul-, Kommunal- oder Jugendhilfe-Settings übertragen werden.
Verzerrung von Wirksamkeitsbefunden dadurch, dass die forschende Person einem geprüften Ansatz selbst verbunden ist. Münder und Kollegen zeigen in einer Übersicht von Reviews, dass diese Forscher-Allegiance über Studien hinweg systematisch mit höheren Effektschätzungen einhergeht. Das mahnt zur Vorsicht, wenn Programm-Evaluationen von den Programm-Entwicklern selbst stammen.
Von Bruce McEwen und Eliot Stellar geprägter Begriff für die kumulative Abnutzung des Körpers durch wiederholte oder dauerhafte Belastung. Die Systeme, die kurzfristig Anpassung sichern (Stresshormone, Herz-Kreislauf, Immunsystem), richten bei chronischer Aktivierung langfristig Schaden an. Das Modell verbindet frühe und anhaltende Belastung mit späterer Krankheitsanfälligkeit.
Abschlussdokument der internationalen Konferenz über primäre Gesundheitsversorgung, 1978 von der Weltgesundheitsorganisation in Alma-Ata verabschiedet. Sie benannte die primäre Gesundheitsversorgung als Schlüssel zum Ziel „Gesundheit für alle" und rückte Beteiligung, soziale Gerechtigkeit und gemeindenahe Versorgung in den Mittelpunkt.
Suchttheorie, die zwischen dem Verlangen (wanting) und dem Genusserleben (liking) unterscheidet. Bei wiederholtem Konsum kann das durch Reize ausgelöste Verlangen überschießen, auch wenn der Genuss nachlässt. Für die Prävention folgt daraus, dass kognitive Selbstwirksamkeit allein nicht genügt: Es braucht zusätzlich den geübten Umgang mit Auslösereizen und Affektregulation.
Acht-stufiges Modell, das Bürgerbeteiligung von Schein-Teilhabe bis zu echter Machtteilung ordnet. Sherry Arnstein unterschied 1969 Stufen der Nicht-Beteiligung (Manipulation, Therapie) von Stufen der Alibi-Beteiligung (Information, Konsultation) und der tatsächlichen Bürgermacht (Partnerschaft, delegierte Macht, Bürgerkontrolle).
Idee, dass Aufmerksamkeit in einer informationsreichen Welt zur knappen Ressource wird, um die Anbieter konkurrieren: ein Gedanke, der auf Herbert Simon zurückgeht und von Davenport und Beck sowie Georg Franck verbreitet wurde. Falkinger formt ihn zu einem ökonomischen Modell des Wettbewerbs um die begrenzte Aufnahmefähigkeit der Empfänger.
Annahme, dass eine Richtigstellung den Glauben an die korrigierte Falschinformation noch verstärkt, statt ihn zu schwächen. Swire-Thompson, DeGutis und Lazer kommen in ihrer Übersicht zu dem Schluss, dass der Backfire-Effekt kein robustes empirisches Phänomen ist und sich auch unter günstigen Bedingungen kaum verlässlich nachweisen lässt (engl. backfire effect).
Integrativer Rahmen zur Planung von Verhaltensinterventionen, entwickelt von Michie, van Stralen und West (2011). Das Rad verbindet das COM-B-Modell als inneren Kern (Capability, Opportunity, Motivation) mit neun Interventionsfunktionen (z. B. Aufklärung, Training, Umgebungsumgestaltung) und sieben politischen Kategorien (z. B. Regulierung, Fiskalmaßnahmen). Im EUPC dient das Rad dazu, aus theoretischen Zielen konkrete Interventionsentscheidungen abzuleiten.
Repräsentative Befragung Erwerbstätiger in Deutschland, gemeinsam getragen vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Erhoben werden Arbeitsanforderungen, Arbeitsbedingungen und der Erwerb beruflicher Qualifikationen; eine Welle umfasst rund 20.000 Befragte ab 15 Jahren.
Regressionsverfahren für eine Zielgröße mit nur zwei Ausprägungen, etwa Konsum ja oder nein. Es schätzt, wie sich die Wahrscheinlichkeit des Ergebnisses mit einer oder mehreren Einflussgrößen verändert, und drückt diese Zusammenhänge als Odds Ratios aus. Es ist das Standardwerkzeug, wenn die abhängige Variable kein Messwert, sondern ein Ja-Nein-Ereignis ist.
Verständnis von Gesundheit und Krankheit als Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren, statt einer rein körperlichen Betrachtung. George Engel begründet das Modell als Gegenentwurf zum biomedizinischen Reduktionismus und fordert, seelische und soziale Bedingungen systematisch in Diagnose und Behandlung einzubeziehen (engl. biopsychosocial model).
Blueprints for Healthy Youth Development, geführt vom Center for the Study and Prevention of Violence an der University of Colorado Boulder. Internationales Evidenzregister, das Programme nach strengen methodischen Kriterien als Promising, Model oder Model Plus einstuft.
Unbeabsichtigte Gegenwirkung einer Präventionsbotschaft, bei der die Zielgruppe das unerwünschte Verhalten danach stärker zeigt als zuvor. Die Evaluation der National Youth Anti-Drug Media Campaign von Hornik und Kollegen fand keine günstigen, aber Hinweise auf verzögert ungünstige Effekte: Mehr Kampagnenkontakt ging mit erhöhtem Interesse an Marihuana einher (engl. boomerang effect).
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die Fachbehörde des Bundes für gesundheitliche Aufklärung und Prävention. Seit Februar 2025 firmiert sie als Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG); Aufträge, Verträge und gesetzliche Mandate bleiben dabei erhalten.
Internationales, gemeinnütziges Forschungsnetzwerk, das systematische Übersichtsarbeiten zu sozial-, bildungs- und kriminalpolitischen Fragen erstellt und in der Campbell Library bündelt. Sie überträgt das methodische Vorbild der Cochrane Collaboration auf die Sozialwissenschaften.
Von Amartya Sen und Martha Nussbaum geprägter theoretischer Rahmen, der den Wohlstand eines Menschen nicht an Gütern oder Einkommen misst, sondern an den realen Verwirklichungschancen (Capabilities): an dem, was eine Person tatsächlich tun und sein kann. Unterschieden werden die verwirklichten Tätigkeiten und Zustände (Functionings) von der Freiheit, zwischen ihnen zu wählen. Für die Prävention rückt der Ansatz die Bedingungen in den Blick, unter denen Menschen gesunde Entscheidungen überhaupt treffen können.
Collaborative for Academic, Social, and Emotional Learning, eine US-amerikanische gemeinnützige Organisation mit Sitz in Chicago. Sie bündelt Evidenz zum sozial-emotionalen Lernen (SEL), prägt das verbreitete Fünf-Kompetenzen-Rahmenmodell und unterstützt Schulen und Bildungssysteme bei dessen Umsetzung.
Consolidated Framework for Implementation Research, ein Ordnungsrahmen der Implementationsforschung. Er bündelt die Bedingungen gelingender Umsetzung in fünf Bereiche: Merkmale der Maßnahme, das äußere und das innere Umfeld, die beteiligten Personen und den Umsetzungsprozess selbst. Eines der meistgenutzten Determinantenmodelle des Feldes.
Variante der randomisierten kontrollierten Studie, bei der nicht einzelne Personen, sondern ganze Gruppen (Cluster wie Schulen, Schulklassen oder Kommunen) per Zufall auf Interventions- und Kontrollbedingung verteilt werden. Dieses Design ist im Präventionsfeld oft der einzig praktikable Weg, weil eine Maßnahme das gesamte Setting erreicht und sich einzelne Personen nicht sinnvoll trennen lassen. Beobachtungen innerhalb eines Clusters sind korreliert, weshalb die effektive Stichprobe kleiner ausfällt und die Auswertung dies berücksichtigen muss (engl. cluster randomised trial).
Internationales, gemeinnütziges und herstellerunabhängiges Forschungsnetzwerk, das seit 1993 systematische Übersichtsarbeiten zu Gesundheitsfragen erstellt und in der Cochrane Library bündelt. Cochrane-Reviews gelten als methodischer Maßstab der evidenzbasierten Medizin.
Verhaltensmodell von Michie, van Stralen und West (2011), das das Auftreten eines Verhaltens auf drei interagierende Quellen zurückführt: Fähigkeit (Capability, physisch und psychologisch), Gelegenheit (Opportunity, sozial und physisch) und Motivation (reflektiv und automatisch). COM-B bildet den inneren Kern des Behaviour Change Wheel und wird im EUPC als gemeinsames Rahmenmodell für die Planung wirksamer Präventionsinterventionen eingesetzt.
Evidenzbasiertes Planungs- und Steuerungssystem für kommunale Prävention, entwickelt von David Hawkins und Richard Catalano (University of Washington). Fünfphasiger Zyklus von der Koalitionsbildung über Bedarfserhebung und Programmauswahl bis zur Wirkungsmessung.
Neigung, Belege so zu suchen oder zu deuten, dass sie bestehende Überzeugungen, Erwartungen oder eine bereits gefasste Hypothese stützen. Der Bestätigungsfehler zeigt sich darin, dass widersprechende Hinweise weniger beachtet oder umgedeutet werden, oft ohne bewusste Absicht. Raymond Nickerson beschreibt ihn als eine der robustesten und folgenreichsten Verzerrungen menschlichen Schlussfolgerns, die in vielen praktischen Kontexten auftritt (engl. confirmation bias).
Unterscheidung aus der Implementationsforschung zwischen den Kernfunktionen einer Maßnahme, also den unverzichtbaren Wirkzwecken, und den Formen, also den konkreten Aktivitäten, mit denen diese Zwecke erfüllt werden. Die Formen dürfen an den lokalen Kontext angepasst werden, solange die Kernfunktionen erhalten bleiben. Das erlaubt Anpassung ohne Verlust der Wirksamkeit.
Gemeinde-randomisierte Studie in 24 US-Kleinstädten, die Communities That Care evaluierte. Acht Jahre nach Einführung und drei Jahre nach Auslaufen der Förderung blieben junge Menschen in den CTC-Kommunen häufiger abstinent von Substanzen und Delinquenz als die Kontrollgruppe; ein anhaltender Effekt auf die Initiierung von Problemverhalten.
Jährlicher Fachkongress für Kriminal- und Gewaltprävention mit rund 3.000 Teilnehmenden aus Wissenschaft, Praxis und Politik. Zentrale Plattform für den Austausch zwischen Präventionsforschung und kommunaler Praxis, Mitherausgeber zahlreicher Standards und Gutachten.
Prozess, in dem sich Jugendliche in der Gruppe wechselseitig in abweichendem Verhalten bestärken: Anerkennung für Regelbruch, gemeinsames Erzählen von Grenzüberschreitungen. Dishion und Tipsord ordnen es als zentralen Mechanismus der Ansteckung unter Gleichaltrigen ein, der gerade Programme unterläuft, die belastete Jugendliche bündeln.
Modell von Everett Rogers, das beschreibt, wie sich eine Neuerung über die Zeit durch ein soziales System ausbreitet: über frühe Anwender hin zur breiten Mehrheit. Greenhalgh und Kollegen übertrugen die Theorie in einer systematischen Übersichtsarbeit auf Versorgungsorganisationen und benennen die Faktoren, die Verbreitung und dauerhafte Verankerung begünstigen.
Verordnung (EU) 2022/2065 über digitale Dienste, in Kraft seit 2022 und seit Februar 2024 vollständig anwendbar. Sie schafft einen einheitlichen Rechtsrahmen für Vermittlungsdienste wie soziale Netzwerke und Plattformen, mit Pflichten zu Meldeverfahren für illegale Inhalte, Transparenz und besonderen Auflagen für sehr große Plattformen.
Von Jürgen Habermas begründeter Ansatz der Moralphilosophie, nach dem eine Norm nur gültig ist, wenn ihr alle Betroffenen als Teilnehmer eines vernünftigen Diskurses zustimmen könnten. An die Stelle einsamer Prüfung tritt die zwanglose Verständigung unter Argumenten. Für partizipative Prävention begründet das, warum Betroffene an Entscheidungen über sie zu beteiligen sind.
Die Fähigkeit, Wissen über psychoaktive Substanzen zu finden, kritisch zu bewerten und auf eigene Entscheidungen anzuwenden, als spezifische Ausprägung der Gesundheitskompetenz. Ein neurowissenschaftlich fundiertes, schadensminderndes Schulprogramm (Illicit Project) zeigte in randomisiert-kontrollierten Studien, dass sich Drogenkompetenz wirksam und messbar vermitteln lässt.
Entwicklungsneurowissenschaftliches Modell, das jugendliches Risikoverhalten auf eine Reifungsasymmetrie zurückführt: Ein früh ausreifendes Belohnungs- und Anreizsystem trifft auf eine erst langsam reifende kognitive Kontrolle. Anreizsuche und Selbstregulation sind dabei weitgehend unabhängige Prozesse, die getrennt gefördert werden müssen. Das erklärt, warum Selbststeuerung gerade im Jugendalter störanfällig ist.
Modell der Implementationsforschung, das dauerhafte Wirksamkeit nicht als starres Festhalten an der Ursprungsform versteht, sondern als fortlaufende Passung von Maßnahme, Umsetzungsumfeld und größerem Kontext. Statt Abweichungen vom Ursprungsmanual als Verfall zu deuten, sieht der Rahmen kontinuierliche Anpassung als Voraussetzung dafür, dass ein Programm über die Zeit lebendig und passgenau bleibt.
European Drug Prevention Quality Standards, koordiniert von der EUDA und einem europäischen Konsortium. Definieren acht Qualitätsstandards entlang des gesamten Projektzyklus, von Bedarfserhebung bis Evaluation, und enthalten einen expliziten ethischen Rahmen.
Standardisiertes Maß für die Größe eines Effekts, unabhängig von der Stichprobengröße. Anders als ein p-Wert sagt es, wie stark eine Wirkung praktisch ins Gewicht fällt. Gängige Kennzahlen sind Cohens d und das korrigierte Hedges' g; die verbreitete Orientierung d ≈ 0,2 (klein), 0,5 (mittel), 0,8 (groß) ist nach Cohen bewusst grob und nicht starr zu deuten.
Von Nancy Krieger in die Epidemiologie eingeführter Begriff: Menschen verkörpern biologisch die materiellen und sozialen Bedingungen, in denen sie leben. Erfahrungen wie Armut, Diskriminierung oder Schadstoffbelastung schreiben sich in den Körper ein und werden so messbar als gesundheitliche Ungleichheit. Embodiment verbindet gesellschaftliche Verhältnisse mit biologischen Prozessen.
Prozess, durch den Menschen und Gemeinschaften Kontrolle über die für sie wichtigen Belange gewinnen. Julian Rappaport stellte 1987 Empowerment als Leitidee der Gemeindepsychologie dem defizitorientierten Versorgungsdenken gegenüber und verband Befähigung mit Rechten, Teilhabe und der Stärkung vorhandener Kompetenzen.
Gestaltung des Kontextes, in dem Menschen wählen: Reihenfolge der Optionen, Voreinstellungen, Art der Information. Münscher, Vetter und Scheuerle ordnen die verstreuten Techniken in einer Systematik nach den Ansatzpunkten Information, Struktur und Unterstützung der Entscheidung und schaffen so einen prüfbaren Rahmen für die Gestaltung.
Phasenmodell der Implementationsforschung, das die Einführung einer Maßnahme in vier Abschnitte gliedert: Sondierung (Exploration), Vorbereitung (Adoption/Preparation), Umsetzung (Implementation) und Verstetigung (Sustainment). Es richtet den Blick darauf, dass jede Phase eigene Voraussetzungen und Hürden im äußeren wie inneren Kontext hat.
Vom Rat der Europäischen Union am 18. Dezember 2020 angenommene Rahmensetzung für die Drogenpolitik der Mitgliedstaaten. Sie definiert drei Prioritätsbereiche (Angebotsreduktion, Nachfragereduktion, Querschnittsfragen) und macht Prävention und evidenzbasierte Qualitätsstandards zum operativen Schwerpunkt. Der konkretisierende EU-Aktionsplan 2021–2025 (ABl. C 272 vom 8.7.2021) benennt die EU-weite Förderung des Europäischen Präventionscurriculums als Aufgabe der EUDA, verpflichtet die Mitgliedstaaten aber nicht zur Zertifizierung einzelner Personen oder Organisationen – Teilnahme und Umsetzung bleiben freiwillig.
Verordnung (EU) 2023/1322 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. Juni 2023 über die Drogenagentur der Europäischen Union (EUDA) mit Sitz in Lissabon. Gültig ab dem 2. Juli 2024. Die Verordnung erweitert das Mandat der Vorgänger-Agentur EMCDDA ausdrücklich um Prävention, Frühintervention und Qualitätsstandards und verpflichtet die EUDA, das Europäische Präventionscurriculum (EUPC) in der gesamten EU zu fördern.
European Union Drugs Agency, seit dem 2. Juli 2024 Nachfolgerin der EMCDDA (European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction) mit Sitz in Lissabon. Erweitertes Mandat, das ausdrücklich Prävention, Frühintervention und Qualitätsstandards einschließt.
European Prevention Curriculum, das standardisierte Fortbildungscurriculum der European Union Drugs Agency für Entscheidungstragende und Multiplikatoren in der Präventionsarbeit. Vermittelt evidenzbasierte Grundlagen nach den UNODC International Standards.
European Society for Prevention Research, europäische Fachgesellschaft für Präventionsforschung mit jährlicher wissenschaftlicher Tagung. Arbeitet eng mit der EUDA zusammen und begleitet Weiterentwicklung und Qualitätssicherung des European Prevention Curriculum.
Ansatz, der den gewissenhaften und überlegten Gebrauch der jeweils besten verfügbaren externen Evidenz bei Entscheidungen über die Versorgung in den Mittelpunkt stellt. In der klassischen Formulierung verbindet evidenzbasierte Medizin drei Quellen: die beste externe Evidenz aus systematischer Forschung, die klinische Erfahrung der Behandelnden und die Präferenzen der Patienten. Keine der drei Quellen reicht allein; die Forschungsevidenz informiert die Entscheidung, ersetzt das fachliche Urteil aber nicht (engl. evidence based medicine, EBM).
Berichtsraster der Implementationsforschung, das systematisch erfasst, wie eine evidenzbasierte Maßnahme im Feld angepasst wurde: was geändert wurde, wann und durch wen, geplant oder reaktiv, und ob die Kernelemente erhalten blieben. FRAME macht Anpassungen nachvollziehbar dokumentierbar und unterscheidet wirksamkeitserhaltende von wirksamkeitsgefährdenden Abweichungen.
Lokale und regionale Unterstützungssysteme für Familien mit Kindern in den ersten Lebensjahren, koordiniert vom Nationalen Zentrum Frühe Hilfen (NZFH). Sie verbinden Gesundheitswesen und Kinder- und Jugendhilfe präventiv und werden vom NZFH mit Fachinformationen und Praxismaterial fachlich begleitet.
In der Schweiz vom Bundesamt für Gesundheit geprägter Ansatz (F+F), der erste Anzeichen ungünstiger Entwicklungen möglichst früh wahrnimmt und Betroffene in ihrer gesunden Entwicklung und sozialen Integration unterstützt. Er setzt auf Unterstützung statt Sanktion und greift in Settings wie Schule, Betrieb und Gemeinde. F+F verbindet Gesundheitsförderung, Prävention und Versorgung.
Von Bruce Link und Jo Phelan formulierte These, dass soziale Bedingungen wie sozioökonomischer Status grundlegende Ursachen von Krankheit sind. Solche Bedingungen wirken über flexible Ressourcen (Wissen, Geld, Macht, Ansehen, soziale Netzwerke), mit denen sich gesundheitliche Risiken vermeiden lassen, und behalten ihren Einfluss selbst dann, wenn einzelne Risikofaktoren oder Krankheitsmechanismen sich ändern. Daraus folgt, dass Maßnahmen an den vermittelnden Risiken die Ungleichheit nur begrenzt verringern, solange die zugrunde liegenden sozialen Bedingungen fortbestehen.
Botschaft, die durch Hervorrufen von Angst zu einer Schutzhandlung bewegen soll, etwa Abschreckung vor Substanzkonsum. Die Metaanalyse von Tannenbaum und Kollegen zeigt im Mittel positive Effekte auf Einstellungen, Absichten und Verhalten, jedoch stark abhängig von Begleitbedingungen wie hoher Selbstwirksamkeit und konkreten Handlungsempfehlungen (engl. fear appeal).
Von der WHO geprägter Ganztagsansatz (Health Promoting School), der Gesundheit nicht auf einzelne Unterrichtsstunden begrenzt, sondern Lehrplan, Schulumfeld und Einbezug von Familie und Gemeinde verbindet. Ein Cochrane-Review von Langford und Kollegen fand Belege für Effekte etwa auf Body-Mass-Index, körperliche Aktivität und Tabakkonsum, bei begrenzter Evidenz für andere Endpunkte.
Persönliche Fähigkeiten, um Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und für Entscheidungen im Alltag zu nutzen. Validierte Jugend-Instrumente wie HELMA bilden Zugang, Verstehen, Bewerten, Anwenden, Kommunikation und Selbstwirksamkeit ab und überlappen strukturell mit der Risikokompetenz. Sie liefern eine international anschlussfähige Messarchitektur.
Handlungsfelder und Kriterien des GKV-Spitzenverbandes zur Umsetzung von §§ 20, 20a, 20b SGB V. Bindender Rahmen für die Förderung und Leistungserbringung der gesetzlichen Krankenkassen in Präventionslebenswelten.
System, um die Sicherheit wissenschaftlicher Evidenz und die Stärke daraus abgeleiteter Empfehlungen transparent zu bewerten. GRADE stuft die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz für jedes Ergebnis in vier Kategorien ein (hoch, moderat, niedrig, sehr niedrig) und trennt diese Bewertung von der Frage, wie stark eine Empfehlung ausfallen sollte. Das Verfahren ist international weit verbreitet und wird unter anderem für Leitlinien und systematische Übersichtsarbeiten genutzt.
Von Barney Glaser und Anselm Strauss begründete qualitative Forschungsmethodologie, die Theorie nicht vorab setzt, sondern systematisch aus den Daten entwickelt. Über fortlaufendes Vergleichen und verdichtete Kategorien entsteht eine im Material verankerte Theorie. Chun Tie und Kollegen legen den Ablauf dar. In der Prävention rekonstruiert der Ansatz Wirkmechanismen aus der Praxis heraus.
Das deutsche Evidenzregister für Präventionsprogramme, gepflegt vom Landespräventionsrat Niedersachsen. Bewertet Programme nach standardisierten wissenschaftlichen Kriterien in drei Effektivitäts-Stufen: theoretisch gut begründet, wahrscheinlich wirksam, nachweislich wirksam.
Politikübergreifender Ansatz, der die gesundheitlichen Folgen von Entscheidungen in allen Ressorts systematisch mitberücksichtigt, etwa in Verkehr, Bildung, Wohnen oder Steuern. Die WHO verankerte das Prinzip 2013 im Helsinki Statement und versteht Gesundheit und gesundheitliche Chancengleichheit als ressortübergreifende Verantwortung der Regierung.
Modellannahme der klassischen und neoklassischen Wirtschaftstheorie, die den Menschen als ausschließlich ökonomisch handelndes Wesen fasst: vollständig informiert, eigeninteressiert und auf Nutzenmaximierung gerichtet. Das Modell dient der Analyse, gilt aber als stark reduzierte Darstellung des Verhaltens. In der Prävention markiert es die Grenze rein anreizgestützter Steuerung.
Schaden, den eine wohlmeinende Maßnahme selbst verursacht. In der Prävention entstehen sie etwa, wenn risikobelastete Jugendliche in Gruppen zusammengefasst werden und sich gegenseitig in abweichendem Verhalten bestärken (deviancy training). Dishion, McCord und Poulin zeigten, dass solche Programme die Problembelastung erhöhen statt senken können.
Wissenschaftliche Disziplin, die untersucht, wie Forschungsbefunde und evidenzbasierte Maßnahmen verlässlich in die Versorgungspraxis gelangen und dort wirken. Sie fragt nicht, ob eine Maßnahme unter Idealbedingungen wirkt, sondern was ihre Übernahme, getreue Umsetzung und Verstetigung im Alltag fördert oder hemmt.
Ansatz der psychologischen Immunisierung: Wer vorab eine abgeschwächte Form eines Falscharguments samt Widerlegung kennenlernt, wird gegen spätere Überzeugungsversuche widerstandsfähiger, ähnlich einer Impfung (Prebunking). In einer Studie mit rund 15.000 Teilnehmenden verbesserte sich nach einem solchen Training die Fähigkeit, Desinformation zu erkennen.
Die Wahrnehmung von Signalen aus dem eigenen Körperinneren, etwa Herzschlag, Anspannung oder Unruhe. Eine geringe interozeptive Genauigkeit hängt mit erhöhter Impulsivität und problematischem Konsum zusammen; interozeptives Training verbessert die Emotionsregulation.
Von Julian Tudor Hart formulierte Beobachtung: Die Verfügbarkeit guter medizinischer Versorgung verhält sich tendenziell umgekehrt zum Bedarf der versorgten Bevölkerung. Wo der Bedarf am größten ist, ist das Angebot am knappsten. Hart sah diesen Mechanismus dort am stärksten wirken, wo die Versorgung Marktkräften ausgesetzt ist.
Empfehlung der Kultusministerkonferenz zur Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule, Beschluss vom 15.11.2012. Rahmen für eine ganzheitliche, settingbezogene schulische Präventionsarbeit in den Ländern.
„Gesundheitsförderung und Prävention sind integrale Bestandteile von Schulentwicklung. Sie stellen keine Zusatzaufgaben der Schulen dar, sondern gehören zum Kern eines jeden Schulentwicklungsprozesses." (Abschnitt 1.2 Allgemeine Grundsätze)
Von Philippe Schmitter systematisiertes Modell der Interessenvermittlung, in dem wenige, nach Funktionsbereichen gegliederte Verbände vom Staat anerkannt werden und für ihren Bereich ein Vertretungsmonopol erhalten. Im Gegenzug binden sie ihre Mitglieder an ausgehandelte Beschlüsse. In Deutschland prägt dieses Muster die Selbstverwaltung der Sozialversicherung und die Trägerlandschaft der Prävention.
Soziologisch begründete Perspektive, die nach der konkreten Lebenslage von Menschen fragt: dem Zusammenspiel von ökonomischen, sozialen und kulturellen Bedingungen, unter denen sie tatsächlich leben. In der Gesundheitsförderung erlaubt der Ansatz, Maßnahmen passgenau auf die Lebenssituation einer Zielgruppe zuzuschneiden und vorhandene Ressourcen gezielt zu nutzen.
Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina mit Sitz in Halle (Saale), 1652 gegründet und seit 2008 als deutsche Nationalakademie benannt. Sie berät Politik und Öffentlichkeit unabhängig und wissenschaftsbasiert zu gesellschaftlich relevanten Fragen, frei von wirtschaftlichen und politischen Interessen.
Ressortübergreifendes Gremium beim Niedersächsischen Justizministerium, zuständig für die strategische Präventionsarbeit im Land und Herausgeber der Grünen Liste Prävention. Langjähriger Partner von FINDER bei der Verbreitung evidenzbasierter Programme in Deutschland.
Analyseverfahren, das prüft, ob eine Maßnahme über einen vermittelnden Zwischenschritt wirkt: Der Effekt auf das Ziel läuft ganz oder teilweise über eine Mediatorvariable. Statt nur zu fragen, ob eine Maßnahme wirkt, klärt die Mediationsanalyse, warum und auf welchem Weg. In der Präventionsforschung dient sie dazu, die angenommenen Wirkmechanismen eines Programms empirisch zu überprüfen.
Von Peter Conrad geprägter soziologischer Begriff für den Prozess, in dem nicht-medizinische Probleme als Krankheit oder Störung gefasst und damit medizinischer Definition und Behandlung zugänglich gemacht werden. Conrad betont die Rolle dieses Vorgangs als Form sozialer Kontrolle. Für die Prävention markiert der Begriff die Grenze, jenseits derer alltägliche Verhaltensweisen vorschnell als behandlungsbedürftig gelten.
Statistisches Verfahren, das die Ergebnisse mehrerer Einzelstudien zur selben Fragestellung rechnerisch zu einem Gesamtbefund zusammenführt. Jede Studie geht gewichtet ein, meist nach Präzision; das Ergebnis ist eine zusammengefasste Effektstärke mit Konfidenzintervall. Stärke des Verfahrens: Es macht sichtbar, was sich über viele Studien hinweg bestätigt. Grenze: Die Synthese kann nur so gut sein wie die eingeschlossenen Studien.
Cluster-randomisierte Studie an 85 britischen Schulen, die schulbasiertes Achtsamkeitstraining mit dem üblichen Unterricht verglich. Sie fand nach einem Jahr keinen Vorteil des Trainings für die psychische Gesundheit Jugendlicher und mahnt, universelle Programme nicht allein wegen guter Annahme als wirksam zu behandeln.
Unterstützende Beziehungen zu nicht-elterlichen Erwachsenen, die im natürlichen Umfeld Jugendlicher entstehen, etwa zu Lehrkräften, Verwandten oder anderen bedeutsamen Bezugspersonen. Eine Meta-Analyse zeigt, dass nicht die bloße Anwesenheit, sondern Qualität und Dauer der Beziehung wirken. Bei früh belasteten Jugendlichen schützt vor allem langfristiges, verlässliches Mentoring, was die Bedeutung dauerhafter Beziehungen unterstreicht.
Anstoß, der das Verhalten über die Gestaltung der Entscheidungsarchitektur in eine Richtung lenkt, ohne Optionen zu verbieten oder finanzielle Anreize zu verändern (etwa eine Opt-out-Voreinstellung). Marteau und Kollegen prüfen kritisch, ob Nudging allein die Bevölkerungsgesundheit verbessern kann, und sehen die Evidenz dafür als bislang schwach an.
Maß für den Zusammenhang zwischen zwei Ja-Nein-Merkmalen, etwa zwischen einer Maßnahme und einem Ergebnis. Es vergleicht die Chance (das Verhältnis von Eintreten zu Nicht-Eintreten) in der einen Gruppe mit der in der anderen. Ein Wert von 1 bedeutet keinen Unterschied, Werte darüber oder darunter zeigen Richtung und Stärke. Das Odds Ratio ist das gängige Effektmaß in Fall-Kontroll-Studien und der logistischen Regression.
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, eine 1961 gegründete zwischenstaatliche Organisation mit Sitz in Paris und 38 Mitgliedstaaten. Sie erhebt international vergleichbare Daten und erarbeitet Analysen und Empfehlungen zu Wirtschafts-, Bildungs- und Sozialpolitik, unter anderem die PISA-Schulleistungsstudien.
Wirtschaftswissenschaftlicher Begriff für den entgangenen Nutzen der besten nicht gewählten Handlungsalternative. Wer eine Ressource für einen Zweck einsetzt, verzichtet auf den Ertrag, den sie an anderer Stelle gestiftet hätte. In der Prävention rückt das den Maßstab in den Blick, dass jede gebundene Stunde oder jeder Euro auch den Wert dessen umfasst, was damit nicht finanziert wurde.
Grunddokument der Gesundheitsförderung, 1986 von der Weltgesundheitsorganisation verabschiedet. Sie verschob den Blick von der Krankheitsbekämpfung hin zur Stärkung gesundheitsförderlicher Lebenswelten und benannte Leitprinzipien wie Partizipation, Befähigung und eine gesundheitsfördernde Gesamtpolitik.
Ansatz, bei dem Gleichaltrige Präventionsbotschaften vermitteln, weil sie als glaubwürdig und lebensnah gelten. MacArthur und Kollegen fanden in ihrer Übersichtsarbeit Hinweise, dass peer-geleitete Programme Tabak-, Alkohol- und Cannabiskonsum verringern können, ordnen die Evidenz aber als insgesamt begrenzt und von kleinen Studien geprägt ein.
Sozialwissenschaftliches Konzept, nach dem frühe Weichenstellungen sich über zunehmende Skalenerträge selbst verstärken. Paul Pierson überträgt diese ökonomische Logik auf die Politik: Bereits getroffene Festlegungen erhöhen die Kosten eines Kurswechsels, sodass eingeschlagene Wege schwer umkehrbar bleiben. Für Präventionssysteme erklärt das, warum Strukturen fortbestehen, obwohl die Evidenz dagegen spricht.
Erscheinen am Arbeitsplatz trotz Krankheit, oft verbunden mit verminderter Leistungsfähigkeit. Johns ordnet das Phänomen für die Organisationsforschung ein, klärt die verschiedenen Begriffsfassungen und zeigt, dass die so entstehenden Produktivitätsverluste die Kosten krankheitsbedingter Fehlzeiten übersteigen können.
Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention (PrävG), in Kraft seit 25. Juli 2015. Verankert die settingbasierte Prävention in § 20a SGB V und verpflichtet die Sozialversicherungsträger zur Kooperation im Rahmen der Nationalen Präventionsstrategie.
„Ziel dieses Gesetzes ist es, Gesundheitsförderung und Prävention, insbesondere in den Lebenswelten der Bürgerinnen und Bürger, zu stärken."
Beobachtung von Geoffrey Rose: Eine Maßnahme, die der gesamten Bevölkerung kleinen Nutzen bringt, verhindert oft mehr Erkrankungen als eine, die wenigen Hochrisikopersonen großen Nutzen bringt. Denn die Masse der Fälle entsteht im großen mittleren Risikobereich, nicht an den wenigen Rändern. Das begründet bevölkerungsweite gegenüber rein zielgruppenbezogenen Strategien.
Grad, in dem eine Maßnahme so umgesetzt wird, wie ihr wirksames Original es vorsieht, gemessen an Inhalt, Häufigkeit, Dauer und Qualität der Umsetzung. Geringe Programmtreue ist ein Hauptgrund, warum Programme im Alltag schwächer wirken als in der ursprünglichen Studie.
Verfahren, das in Beobachtungsstudien ohne Randomisierung Teilnehmende mit ähnlicher Teilnahmewahrscheinlichkeit (dem Propensity Score) einander zuordnet. So werden vergleichbare Gruppen gebildet und der Einfluss bekannter Störgrößen rechnerisch ausgeglichen. Es nähert die Aussagekraft an ein Experiment an, kann aber nur Variablen ausgleichen, die tatsächlich erhoben wurden.
Von Michael Marmot geprägtes und von Carey, Crammond und De Leeuw ausgearbeitetes Prinzip: Maßnahmen sollen alle erreichen, aber in einer Intensität, die proportional zum jeweiligen Bedarf abgestuft ist. Reine Universalprogramme verfehlen sonst die am stärksten Belasteten, reine Zielgruppenprogramme stigmatisieren und greifen zu kurz. Das Prinzip verbindet beide Logiken.
Unangenehme Erregung, die entsteht, wenn Menschen ihre Handlungsfreiheit bedroht oder eingeschränkt sehen, und die als Motivation wirkt, diese Freiheit wiederherzustellen. Eindringliche Verbote oder Warnungen können dann das unerwünschte Verhalten gerade bestärken. Reaktanz erklärt, warum manche Präventionsbotschaften einen Bumerang-Effekt auslösen.
Verzerrung der publizierten Evidenz, die entsteht, wenn Studien mit positiven oder statistisch signifikanten Ergebnissen häufiger und schneller veröffentlicht werden als Studien ohne solchen Befund. Kay Dickersin zeigte, dass der wichtigste Risikofaktor für die Nichtveröffentlichung ein nicht signifikantes Resultat ist. Wer nur die publizierte Literatur sichtet, überschätzt dadurch leicht die Wirkung einer Maßnahme, weshalb systematische Übersichtsarbeiten gezielt nach unveröffentlichten Ergebnissen suchen (engl. publication bias).
Von Julian Le Grand geprägter Begriff für Arrangements, in denen der Staat soziale Leistungen über Wettbewerb zwischen Anbietern organisiert, ohne einen vollständigen Markt herzustellen. Anbieter konkurrieren um öffentlich finanzierte Aufträge, doch Nachfrage und Kaufkraft bleiben staatlich gesteuert. Das Modell prägt auch Teile der Präventionsfinanzierung in der Sozialpolitik.
Studiendesign, bei dem die Teilnehmenden per Zufall auf Interventions- und Kontrollgruppe verteilt werden. Die Zufallszuteilung sorgt dafür, dass sich beide Gruppen im Mittel nur durch die Intervention unterscheiden; Unterschiede im Ergebnis lassen sich dadurch kausal auf die Intervention zurückführen. Gilt als verlässlichstes Einzelstudien-Design für Wirksamkeitsfragen (engl. randomized controlled trial, RCT).
Rahmenmodell, um die Wirkung von Präventions- und Gesundheitsförderungsmaßnahmen über die reine Wirksamkeit hinaus zu bewerten. RE-AIM steht für fünf Dimensionen: Reichweite (Reach), Wirksamkeit (Effectiveness), Übernahme durch Einrichtungen (Adoption), Umsetzungstreue (Implementation) und Verstetigung (Maintenance). Der Ansatz richtet den Blick darauf, wie viele Personen eine Maßnahme tatsächlich erreicht und ob sie im Alltag dauerhaft Bestand hat, nicht nur auf den Effekt unter Studienbedingungen.
Von Ray Pawson und Nick Tilley entwickelter theoriegeleiteter Evaluationsansatz, der nicht nur fragt, ob eine Maßnahme wirkt, sondern für wen, unter welchen Umständen und wodurch. Im Mittelpunkt stehen Kontext-Mechanismus-Wirkungs-Konfigurationen. Marchal und Kollegen prüfen die empirische Anwendung im Gesundheitswesen. Für Prävention erklärt der Ansatz, warum dasselbe Programm in verschiedenen Settings unterschiedlich wirkt.
Die Fähigkeit eines Systems, sich nach Belastung erfolgreich anzupassen. Die entwicklungsorientierte Resilienzforschung versteht sie nicht als seltene Eigenschaft einzelner Personen, sondern als gewöhnliches Zusammenspiel schützender Prozesse in Person, Familie, Schule und Gemeinwesen.
Präventionswissenschaftliches Rahmenmodell: Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer ungünstigen Entwicklung, Schutzfaktoren mindern sie oder puffern Belastungen ab. Wirksame Prävention setzt gezielt an beiden an. Hawkins, Catalano und Miller ordneten die Faktoren über die Lebensbereiche Familie, Schule, Gleichaltrige und Gemeinwesen.
Ein in der Suchtprävention etabliertes Konstrukt für den mündigen, informierten und reflektierten Umgang mit Risiken, zuerst im Feld psychoaktiver Substanzen. Risiko gilt dabei als entwicklungsbezogene, erlernbare Lebenskompetenz; handlungsleitendes Realziel ist die Vermeidung längerfristigen Missbrauchs statt unrealistischer Totalabstinenz.
Gesundheitsökonomisches Phänomen, bei dem Anbieter in wettbewerblichen Versorgungsmärkten gezielt günstige Risiken anziehen und teure meiden, statt sich über Qualität zu behaupten. Van de Ven und Ellis zeigen, wie ohne wirksamen Risikostrukturausgleich Anreize entstehen, gesündere Versicherte zu bevorzugen. Übertragen auf Prävention droht, dass leichter erreichbare Gruppen bevorzugt und belastete Settings gemieden werden.
Langfristige Veränderung eines Gesundheits- oder Verhaltensindikators in einer Bevölkerung über Jahre oder Jahrzehnte, die unabhängig von einer einzelnen Maßnahme verläuft. Beispiel: ein bundesweit ohnehin sinkender Tabakkonsum. In der Evaluation ist der säkulare Trend wichtig, weil er sonst fälschlich einem Programm zugeschrieben würde; eine Kontrollgruppe trennt den Programmeffekt vom allgemeinen Trend.
Von Aaron Antonovsky begründete Perspektive, die nach den Quellen von Gesundheit fragt statt nach den Ursachen von Krankheit. Ihr Kern ist das Kohärenzgefühl: das Erleben, dass das eigene Leben verstehbar, handhabbar und sinnhaft ist. Ein höheres Kohärenzgefühl geht bei Jugendlichen mit besseren Bewältigungsstrategien und mit Nichtrauchen einher.
Ansatz, der die gesundheitlichen und sozialen Folgen riskanten Verhaltens verringern will, ohne Abstinenz zur Vorbedingung zu machen. Hawk und Kollegen beschreiben Leitprinzipien wie Humanismus, Pragmatismus und Autonomie, die Menschen dort abholen, wo sie stehen. Schadensminimierung ergänzt Prävention und Behandlung, statt sie zu ersetzen.
Schulbezogene Adaption des Communities-That-Care-Ansatzes. Überträgt den datenbasierten Zyklus aus Bedarfserhebung, Priorisierung, evidenzbasierter Programmauswahl und Wirkungsmessung auf das Setting Einzelschule.
Das Erleben, in der Schul- und Klassengemeinschaft zugehörig, sicher und wertgeschätzt zu sein. Längsschnittstudien belegen Schulverbundenheit als Schutzfaktor gegen Substanzkonsum. Verbundenheit ist allerdings zweischneidig: Schul- und Familienverbundenheit wirken schützend, eine enge Bindung in konsumnahen Cliquen kann das Risiko erhöhen.
Form der Übersichtsarbeit, die ein Forschungsfeld sondiert: Sie kartiert Umfang, Art und Verteilung der vorhandenen Literatur, statt wie ein systematischer Review eine eng umrissene Wirksamkeitsfrage zu beantworten. Geeignet, um Wissenslücken und die Begriffsvielfalt eines Themas sichtbar zu machen.
Motivationstheorie von Ryan und Deci, die drei universelle psychologische Grundbedürfnisse beschreibt: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Werden sie erfüllt, fördert das Wohlbefinden und nachhaltige Verhaltensänderung; werden sie frustriert, steigt das Risiko für Belastung.
Die Überzeugung einer Person, ein angestrebtes Verhalten aus eigener Kraft umsetzen zu können. Sie ist ein zentraler Wirkfaktor von Verhaltensänderung und macht auch Risikokommunikation erst wirksam, wenn diese mit der Zusage gekoppelt ist, die empfohlene Handlung bewältigen zu können.
Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen zur Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten. Rechtsgrundlage für settingbasierte Präventionsmaßnahmen in Kita, Schule, Kommune und Pflege.
„Die Krankenkasse erbringt Leistungen zur Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten für in der Regel nicht gewerbsmäßig handelnde Einrichtungen und Organisationen (nichtbetriebliche Lebenswelten), insbesondere für Kindertageseinrichtungen, Schulen, Kommunen, Einrichtungen der Pflege."
Achtes Buch Sozialgesetzbuch, Kinder- und Jugendhilfe. Rechtsgrundlage für die Aufgaben der öffentlichen und freien Kinder- und Jugendhilfe, einschließlich der Leistungen der Jugendsozialarbeit, des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes und der Hilfen zur Erziehung.
„Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer selbstbestimmten, eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit." (§ 1 Abs. 1 SGB VIII)
Die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Menschen leben und arbeiten, prägen ihre Gesundheit oft stärker als die medizinische Versorgung. Charakteristisch ist der soziale Gradient: Mit jeder Stufe nach unten in der sozialen Hierarchie sinkt die Gesundheit. Die Whitehall-Studien an britischen Beamten zeigten diesen Zusammenhang über alle Statusränge hinweg.
Entwicklungstheoretisches Rahmenmodell von J. David Hawkins und Richard F. Catalano (Social Development Research Group, University of Washington). Beschreibt, wie prosoziales Verhalten entsteht: über Gelegenheiten zur Mitwirkung, Fertigkeiten für die Mitwirkung, Anerkennung für den Beitrag, daraus wachsende Bindung und gemeinsam getragene Überzeugungen. Grundlage von Communities That Care, Schools That Care und Einfach Wirksam.
Entwicklungstheorie von Hawkins und Catalano, die Sozialkontroll- und soziale Lerntheorie verbindet. Sie erklärt, wie Bindung an prosoziale Bezugspersonen, anerkannte Beteiligung und belohntes Verhalten in Familie, Schule, Gleichaltrigengruppe und Gemeinwesen antisoziales Verhalten verhindern. Es ist die theoretische Grundlage von Communities That Care, nicht zu verwechseln mit der daraus abgeleiteten Sozialen Entwicklungsstrategie.
Rahmen, der Gesundheit und Verhalten auf mehreren ineinander geschachtelten Ebenen verortet: Individuum, Beziehungen, Organisation, Gemeinwesen und Politik. McLeroy und Kollegen übertrugen Bronfenbrenners ökologisches Denken auf die Gesundheitsförderung und begründen, warum wirksame Prävention an mehreren Ebenen zugleich ansetzt statt allein am einzelnen Verhalten.
Bund-Länder-Programm für Schulen in herausfordernder sozialer Lage, gestartet zum Schuljahr 2024/25 mit zehn Jahren Laufzeit. Bund und Länder investieren zusammen rund 20 Milliarden Euro, um an etwa 4000 Schulen Basiskompetenzen und Schulentwicklung zu stärken und die Kopplung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg zu lockern.
Neigung, am bestehenden Zustand festzuhalten und Veränderungen zu meiden, auch wenn eine Alternative objektiv vorteilhafter wäre. Samuelson und Zeckhauser belegen die Verzerrung in mehreren Entscheidungsexperimenten und führen sie unter anderem auf Verlustaversion und die Aufwertung der vorgefundenen Voreinstellung zurück (engl. status quo bias).
Bundesweite Stiftung mit Sitz in Bonn, die staatliche und nicht-staatliche Akteure der Kriminalprävention vernetzt. Sie bündelt wissenschaftliche Erkenntnisse und gute Praxis, fördert ressortübergreifende Zusammenarbeit und trägt Präventionswissen in Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit.
Neunstufiges Modell von Wright, von Unger und Block, das den Grad der Beteiligung sichtbar macht: von Instrumentalisierung und Anweisung über Information, Anhörung und Einbeziehung bis zu Mitbestimmung, teilweiser und schließlich vollständiger Entscheidungsmacht sowie Selbstorganisation. Es dient der Selbstreflexion und soll Scheinbeteiligung von echter Teilhabe unterscheiden.
Strukturprinzip der deutschen Sozial- und Wohlfahrtspflege: Aufgaben werden möglichst von der kleineren, bürgernäheren Einheit erfüllt, übergeordnete Träger greifen erst ein, wenn dies nicht gelingt. Daraus folgt der Vorrang freier (nicht-staatlicher) Träger vor staatlichen Angeboten, etwa in der Kinder- und Jugendhilfe.
Neigung, ein Vorhaben weiterzuführen, sobald bereits Geld, Zeit oder Mühe hineingeflossen sind, obwohl diese Aufwände nicht mehr rückholbar sind und für die rationale Entscheidung keine Rolle spielen sollten. Arkes und Blumer zeigen experimentell, dass schon getätigte Investitionen die Bereitschaft zum Festhalten systematisch erhöhen (engl. sunk cost effect).
Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz vom März 2026 zur Weiterentwicklung des Bildungssystems. Formuliert die systematische Erfassung von Wohlbefinden, datengestützte Entwicklungszyklen und sektorübergreifende Zusammenarbeit als verbindlichen Standard.
Erster völkerrechtlicher Vertrag unter dem Dach der Weltgesundheitsorganisation, 2003 von der Weltgesundheitsversammlung verabschiedet und 2005 in Kraft getreten. Die evidenzbasierte Konvention verpflichtet die Vertragsstaaten auf Mindeststandards der Tabakkontrolle, von Werbeverboten über Warnhinweise bis zur Besteuerung.
Zuschnitt einer Botschaft auf Merkmale der einzelnen Person, etwa Wissensstand, Motivation oder Risikolage, statt einer einheitlichen Ansprache für alle. Die Metaanalyse von Noar, Benac und Harris belegt, dass solche maßgeschneiderten gedruckten Gesundheitsbotschaften im Mittel wirksamer zur Verhaltensänderung beitragen als nicht zugeschnittene Materialien (engl. tailoring).
Modell zur Vorhersage von Verhalten, nach dem die Verhaltensabsicht aus der Einstellung zum Verhalten, der wahrgenommenen sozialen Norm und der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle hervorgeht. Ajzen erweitert damit die Theorie des überlegten Handelns um die Kontrollkomponente, die der Selbstwirksamkeit nahesteht (engl. theory of planned behavior).
Methode, die die angenommene Wirkungskette einer Maßnahme ausbuchstabiert: von den Aktivitäten über Zwischenschritte bis zur angestrebten Wirkung, samt der dahinterstehenden Annahmen und Vorbedingungen. Sie macht explizit, wie und warum eine Maßnahme wirken soll, und liefert so den Rahmen, an dem sich Entwicklung und Evaluation komplexer Programme ausrichten lassen.
Scheinbeteiligung: Betroffene werden formal eingebunden, ohne realen Einfluss auf Entscheidungen zu erhalten. Ocloo und Matthews beschreiben für die Patienten- und Öffentlichkeitsbeteiligung im Gesundheitswesen, wie Beteiligung oft auf den untersten Stufen verharrt und so Tokenismus statt geteilter Macht erzeugt. Der Begriff knüpft an Arnsteins Beteiligungsleiter an.
Schlüsselkonzept der Sozialen Arbeit nach Silvia Staub-Bernasconi: Neben dem Hilfe-Mandat (gegenüber den Adressaten) und dem Kontroll-Mandat (gegenüber Staat und Gesellschaft) tritt ein drittes, eigenständiges Mandat aus Profession und Menschenrechten. Dieses begründet, dass Fachkräfte sich an ethischen und fachlichen Standards orientieren und nicht allein an Auftraggeber-Interessen.
International Standards on Drug Use Prevention, 2. Auflage 2018, herausgegeben vom United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) in Wien gemeinsam mit der World Health Organization (WHO). Die Standards fassen die internationale Evidenzlage zur Suchtprävention aus über 200 systematischen Reviews und Metaanalysen zusammen, geordnet nach Lebensabschnitten (pränatal, Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter) und nach Settings (Familie, Schule, Arbeitsplatz, Kommune, Gesundheitswesen). Sie nennen wirksame Interventionsformen (u.a. parenting skills programmes, life skills education in schools, brief intervention) ebenso wie unwirksame oder kontraproduktive Ansätze (u.a. rein informationsbasierte Kampagnen, Fear-Appeals). Die Standards bilden die inhaltliche Grundlage des EUPC.
Von der EU kofinanziertes Projekt (2015–2017, JUST-2015-AG-DRUG, Projektleitung HoGent, Belgien), das das Universal Prevention Curriculum (UPC, Applied Prevention Science International) in eine europäische Fassung adaptierte und daraus das European Prevention Curriculum (EUPC) ableitete. Neun Mitgliedstaaten waren beteiligt; FINDER Akademie war deutscher Konsortialpartner. Ergebnis: der 170-seitige EUDA-Manual „European Prevention Curriculum" (2019).
Prävention, die an den Lebensbedingungen ansetzt statt am einzelnen Verhalten: Verfügbarkeit, Preise, Werbung, räumliche und rechtliche Rahmungen. Das Gegenstück, die Verhaltensprävention, zielt auf Wissen und Entscheidungen einzelner Personen. Beide bilden ein Kontinuum, wirksame Strategien verbinden sie.
Strömung der Kognitionswissenschaft, die dem Körper eine tragende Rolle für das Denken zuschreibt: Wahrnehmung, Bewegung und Umwelt formen kognitive Prozesse mit. Wilson ordnet die Debatte in sechs Lesarten, die sich in ihrer Stärke und empirischen Stützung unterscheiden, und trennt gut belegte von noch offenen Annahmen.
Methodischer Kern von REBOUND: Jugendliche deuten kurze Filmszenen zu Konsumsituationen, setzen sich zu den Figuren in Beziehung und arbeiten Ähnlichkeiten wie Unterschiede heraus. Die Filmarbeit verschränkt kognitive und emotionale Anteile und wirkt damit zugleich auf Reflektiertheit, Selbstbild und Klassengemeinschaft. Sie ist als didaktische Innovation in der REBOUND-Programmbeschreibung dokumentiert.
Stichproben aus westlichen, gebildeten, industrialisierten, reichen und demokratischen Gesellschaften (engl. Western, Educated, Industrialized, Rich, Democratic), auf denen ein Großteil der verhaltenswissenschaftlichen Forschung beruht. Henrich, Heine und Norenzayan zeigen, dass solche Stichproben oft untypisch sind und sich Befunde daraus nur eingeschränkt auf die gesamte Menschheit verallgemeinern lassen.
Washington State Institute for Public Policy, eine 1983 von der Washington State Legislature gegründete überparteiliche Forschungseinrichtung. Sie erstellt im Auftrag der Legislative systematische Nutzen-Kosten-Analysen staatlicher Programme und gilt international als eine der maßgeblichen Quellen für die ökonomische Bewertung evidenzbasierter Maßnahmen, auch in der Prävention.