EUPC-Manual · Druckausgabe

Europäisches Präventionscurriculum – Psychoaktive Substanzen

Handbuch der deutschen Edition, 3. Auflage

FINDER Akademie · Mannheim · Heidelberg · Berlin

ISBN
978-3-949067-03-7
Lizenz
CC BY-SA 4.0
Ausdruck vom
31.05.2026
Umfang
17 Einträge (vollständig)

Webausgabe abgerufen am 31.05.2026 unter finder-akademie.de/programme/eupc/manual.

Zitationsvorschlag: FINDER Akademie (2021). Europäisches Präventionscurriculum – Psychoaktive Substanzen. Handbuch der deutschen Edition (3. Auflage). Mannheim. Online-Ausgabe: finder-akademie.de/programme/eupc/manual.

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Danksagung

Die FINDER Akademie, vertreten durch Maximilian von Heyden, Vivien Voit und Henrik Jungaberle, bedankt sich bei Peer van der Kreeft, Annemie Coone, Femke Dewulf, Morjolein De Pau (dem Leitungsteam bei HoGent, University College Ghent, Belgien) und den folgenden Mitwirkenden des UPC-Adapt Projektes:

  • Michal Miovský, Roman Gabrhelik, Michaela Malinová (CUNI, Charles University, Tschechien)
  • Rachele Donini, Roberto Carrozzino, Daniela Congiu, Marco Piana, Anna Zunino (ASL Savona, Local Health Agency n. 2 Savonese, Italien)
  • Valentina Kranzelic, Martina Feric, Miranda Novak, Josipa Mihic (ERF, Faculty of Education and Rehabilitation Sciences, University of Zagreb, Kroatien)
  • Sanela Talić, Matej Košir (UTRIP, Institute for Research and Development, Slowenien)
  • Karin Streimann, Triin Sokk, Katri Abel-Ollo, Tiia Pertel (TAI, National Institute for Health Development, Estland)
  • Carmen Orte, Lluís Ballester, Marga Vives, Maria Antònia Gomila, Joan Amer, Miren Fernández de Álava (UIB, University of the Balearic Islands, Spanien)
  • Katarzyna Okulicz-Kozaryn, Piotr Sędek (PARPA, The State Agency for Prevention of Alcohol-Related Problems, Polen)
  • Claudia Meroni, Corrado Celata, Giusi Gelmi, Nadia Vimercati (ATS Milano, Milano Health Protection Agency, Italien)

Darüber hinaus möchten wir Frederick Groeger-Roth (Landespräventionsrat Niedersachsen) und Christine Liermann (Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention) für die Unterstützung bei der Realisierung des Projekts und dessen Einführung in Deutschland danken. Zahlreiche Personen haben an der Realisierung der deutschen Fassung der Arbeitsmaterialien mitgewirkt, von denen Vivien Voit, Svenja Goetzie, Josie Janneck, Patrick Wentorp, Anne Buder und Marie Kemkes besondere Würdigung verdienen.

Diese Publikation wurde in Zusammenarbeit mit Gregor Burkhart (Europäische Drogenbehörde), Zili Sloboda (Applied Prevention Science International) und Jeff Lee (International Society of Substance Use Professionals) entwickelt.

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Abkürzungen

AbkürzungAuflösung
CTCCommunities That Care
DAPThe Colombo Plan’s Drug Advisory Programme
DFKDeutsches Forum für Kriminalprävention
EDPQSEuropäischer Qualitätsstandard zur Suchtprävention
EBDDEuropäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht
ESPADEuropean School Survey project on Alcohol and other Drugs
EUPCEuropäisches Präventionscurriculum
EUSPREuropean Society for Prevention Science
HBSCWorld Health Organization’s Collaborative Cross-National Survey on Health Behaviour in School-Aged Children
NGONon-Governmental Organisation
NREPPNational Registry of Evidence Based Programs and Policies
RCTRandomized Controlled Trail
UNODCUnited Nations Office on Drugs and Crime
UPCUniversal Prevention Curriculum
UPC-ADAPTUniversal Prevention Curriculum (as adapted for Europe)
WHOWeltgesundheitsorganisation

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Grußwort

Maximilian von Heyden

Das große Ziel der Bildung ist nicht Wissen, sondern Handeln. – Herbert Spencer

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

die Prävention gesundheitsriskanter oder anderer Problemverhaltensweisen ist in der Bundesrepublik Deutschland von zahlreichen Widersprüchen geprägt und bleibt in ihrer Praxis trotz der im internationalen Vergleich hervorragenden sozialgesetzgeberischen und strukturellen Voraussetzungen noch immer hinter ihrem Potenzial zurück, einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Lage von insbesondere vulnerablen Bevölkerungsgruppen zu leisten – auch, da mit Ausnahme einiger dauerhaft verankerter Programme und Kampagnen vielerorts noch immer auf Interventionen gesetzt wird, von denen keine relevanten Effekte zu erwarten sind.

Die Investition öffentlicher Gelder im Namen vulnerabler Zielgruppen und mit dem Argument der effektiven Adressierung spezifischer Probleme muss sich jedoch stets bereitwillig der Frage stellen, ob die postulierten Ziele auch (auf ethische Weise) erreicht wurden. Häufig werden zur Beantwortung dieser Frage jedoch ausschließlich akzessorische Prozessfaktoren wie z.B. die Einbeziehung der Zielgruppe oder Empowerment in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Diese sind natürlich unerlässlich und genießen zurecht einen hohen Stellenwert, doch die beobachtbare Vernachlässigung der Frage nach echten Wirksamkeitsnachweisen birgt die Gefahr, dass Interventionen mit unwirksamen oder potenziell schädlichen Komponenten bei einer Beurteilung als vorbildlich klassifiziert werden.

Eine vor diesem Hintergrund erfreuliche Weiterentwicklung ist das 2016 in Kraft getretene Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention (PrävG). Eine der darin getroffenen, zentralen Neuregelungen stellt die Einführung der Gesundheitsförderung in nicht-betrieblichen Lebenswelten als neuen § 20a in das SGB V dar. Das Gesetz greift damit die bereits erprobte Praxis aus dem „Leitfaden Prävention” der Gesetzlichen Krankenversicherungen zum Settingansatz auf und leitet einen Paradigmenwechsel in Richtung einer verstärkten Förderung der Verhältnisprävention ein, die an empirisch sinnvollen Kriterien ausgerichtet sein soll.

Verhältnisprävention fokussiert automatische Prozesse, die menschliches Handeln subtil beeinflussen. Sie setzt somit weniger Ressourcen von Seiten der Zielgruppen voraus und wirkt damit dem „Präventionsdilemma” entgegen, das die Verschärfung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheit durch verhaltenspräventive Maßnahmen beschreibt. Weiter gedacht, kann Prävention nur als „evidenzbasierte Sozialisation” konzeptualisiert werden, d.h. sie spricht mehr als nur das Individuum oder spezifische (sozial) unerwünschte Outcomes wie Substanzgebrauchsstörungen oder Gewalt an. Stattdessen wirkt sie in allen Verhaltensbereichen, die eine wesentliche hypersoziale Komponente haben: wo also die Dynamik zwischen individuellen Voraussetzungen wie z.B. verminderter Impulskontrolle mit sozialen (und im Falle von psychoaktiven Substanzen pharmakologischen) Stimuli zu potenziell selbst- und / oder fremdschädigenden Verhaltensweisen führen kann.

Diese Sichtweise und die darauf begründeten Interventionen stützen sich auf die akkumulierten Erkenntnisse der Präventionsforschung, die in Form zahlreicher Publikationen, Register und Standards in den vergangenen 20 Jahren zusammengetragen und zugänglich gemacht wurden. Während das Beispielthema der vorliegenden Ausgabe die Prävention von Substanzgebrauchsstörungen ist, können das Curriculum und die darin vermittelten Kompetenzen auch auf andere Bereiche angewendet werden.

Ich wünsche Ihnen eine angeregte Lektüre und spannende Diskussionen im Rahmen der Weiterbildung.

Mit freundlichen Grüßen Maximilian von Heyden

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Verwendungshinweis

Dieses Handbuch wurde mit dem Hauptziel entwickelt, als Referenzmaterial für das Qualifizierungsprogramm zum Europäischen Präventionscurriculum (EUPC) verwendet zu werden. Interessierten Lesern bietet es unabhängig davon eine allgemeine Einführung in die Präventionsforschung und insbesondere in wissenschaftsbasierte Interventionen.

Dieses Handbuch darf nur dann im Rahmen von Weiterbildungen oder anderen Bildungsveranstaltungen eingesetzt werden, wenn die hierzu notwendige Qualifizierung erfolgreich absolviert wurde.

Die Kriterien für die Durchführung der EUPC-Kurse finden Sie online, zusammen mit Angaben zu aktuellen Anbietern – in Deutschland die gemeinnützige FINDER Akademie in Berlin. Kontaktieren Sie info@finder-akademie.de für weitere Informationen und Feedback.

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Vorbemerkung

Das Europäische Präventionscurriculum (EUPC) ist ein wissenschaftlich fundiertes und praxiserprobtes Weiterbildungs- und Qualifizierungsprogramm. Es wurde entwickelt, um die Effektivität, Effizienz und Nachhaltigkeit der Prävention und Gesundheitsförderung in Deutschland und Europa durch die Förderung von Wissen und Handlungskompetenz zu steigern.

Das EUPC verschafft einen umfassenden Überblick über mehr als 20 Jahre Forschung zum Thema Prävention und vermittelt die fachliche Kompetenz, um dieses Wissen in betrieblichen und nicht-betrieblichen Settings in eine wirksame, ethisch fundierte und nachhaltige Präventionspraxis zu transformieren.

Das EUPC wurde von einem interdisziplinären Konsortium aus neun EU-Ländern im Rahmen des von der Europäischen Kommission kofinanzierten Projekts „UPC-adapt” entwickelt und erprobt. Es basiert auf den zentralen Ergebnissen international anerkannter Präventionscurricula und Standards, wie dem Universal Prevention Curriculum – UPC, den International Standards on Drug Use Prevention und den Europäischen Qualitätsstandards zur Suchtprävention – EDPQS.

Im Jahr 2020 wurde das EUPC in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Forum für Kriminalprävention (DFK) in zwei Editionen differenziert. Die von der EUDA herausgegebene Edition „Psychoaktive Substanzen” widmet sich dem Thema evidenzbasierte Prävention und Gesundheitsförderung mit dem Schwerpunkt „Psychoaktive Substanzen”. Die vom DFK geförderte Edition „Gewalt” hat hingegen den Schwerpunkt Gewaltprävention und Entwicklungsförderung.

Das Curriculum und die Weiterbildung sind so konzipiert, dass die darin enthaltenen Erkenntnisse und Instrumente universell auf weitere Präventionsbereiche angewendet werden können.

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Einführung

Weshalb ist Prävention so wichtig?

Prävention wirkt sich positiv auf die Entfaltung von Individuen und die wirtschaftliche Entwicklung von Gesellschaften aus. Sie steigert den Bildungserfolg von Kindern und die Produktivität am Arbeitsplatz. Außerdem reduziert sie die Belastung des Gesundheits- und Sozialsystems.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beträgt der Anteil nichtübertragbarer Krankheiten an den weltweit registrierten Todesfällen mittlerweile bis zu 60%. Diese Todesfälle sind nicht auf Infektionskrankheiten, sondern auf Lebensstilentscheidungen, sozioökonomische Faktoren, sowie Arbeits- und Umweltbedingungen zurückzuführen. Die zunehmende Wahrnehmung dieser Problematik hat viele Länder dazu veranlasst, Präventionsstrategien und -maßnahmen zu entwickeln, die Ernährung, Bewegung oder Substanzkonsum adressieren.

Strategien zur Gesundheitsförderung sollen Individuen und Gemeinschaften dazu motivieren und befähigen, Verhaltensentscheidungen zu treffen, die vermeidbare Krankheitsrisiken reduzieren und sich positiv auf deren Gesundheitszustand auswirken.

Die Einführung und Aufrechterhaltung evidenzbasierter Präventionsmaßnahmen, die Menschen in ihren Lebens- und Arbeitswelten adressieren, ist ein wichtiger Baustein modernen Gesundheitspolitik. Prävention ergänzt Gesundheitsförderung, unterscheidet sich aber dadurch, dass sie sich methodisch auf spezifisch veränderbare Risiko- und Schutzfaktoren konzentriert, von denen angenommen wird oder bekannt ist, dass sie Krankheiten verursachen oder verhindern.

Suchtprävention zielt beispielsweise darauf ab, Menschen davon abzuhalten psychoaktive Substanzen zu konsumieren oder den Beginn des Konsums zu verzögern. Sie kann auch konsumierende Personen dabei unterstützen, die Entwicklung von Substanzgebrauchsstörungen und die damit verbundenen gesundheitlichen und sozialen Risiken zu vermeiden. Prävention hat auch eine umfassendere Absicht: zur gesunden und sicheren Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beizutragen, damit diese ihre Fähigkeiten und Potenziale voll entfalten können.

Das Europäische Präventionscurriculum (EUPC)

Das EUPC konzentriert sich auf die Anwendung der wichtigsten Erkenntnisse etablierter Präventionscurricula auf reale Situationen und Kontexte in Europa. Diese sind entscheidend, um dem EU Consensus for minimum quality standards in the prevention, treatment and harm reduction of Illicit Drugs (EQUS) zu entsprechen. Der Schwerpunkt liegt folglich auf der Prävention des Konsums von psychoaktiven Substanzen beziehungsweise der Verhinderung von Problemen, die im Zusammenhang mit dem Missbrauch von psychoaktiven Substanzen auftreten können. Gleichwohl lässt sich der Inhalt dieses Curriculums universell auf andere riskante Verhaltensweisen anwenden (z.B. Ernährung, Bewegung, Gewalt und dissoziales Verhalten, Glücksspiel, übermäßiger Medienkonsum usw.) und gibt Anregungen, wie diesen durch Prävention sinnvoll begegnet werden kann.

Das EUPC bietet einen umfassenden Überblick über mehr als 20 Jahre Präventionsforschung und beantwortet die Frage, wie deren Erkenntnisse weltweit zur Fundierung der Präventionspraxis angewendet werden können. Die Beschäftigung mit evidenzbasierter Prävention belohnt Fachkräfte mit praktikablen und wirksamen Instrumenten, die bei der Anwendung in verschiedenen Settings einen bedeutsamen Unterschied machen können.

Lernziele

  • Die Grundlagen der Epidemiologie am Beispiel der Entstehung und des Verlaufs von dissozialen Verhaltensproblemen
  • Die Bedeutsamkeit von Prävention zur Verhinderung von Gewalt;
  • Einen Überblick über die wissenschaftlichen Grundlagen präventiven Handelns am Beispiel der Prävention des Missbrauchs von psychoaktiven Substanzen zu gewinnen:
    • Das Wer, Was, Wann, Wo und Wie des Substanzkonsums.
    • Der Einfluss von individuellen und umweltbezogenen Faktoren auf das Risiko.
    • Die Bedeutung von Verhaltens- und Entwicklungsfaktoren, sowohl für den gezielten Einsatz von Interventionen als auch für die Anpassung von Kommunikations- und Interventionsstrategien.
    • Die Anwendung von empirisch begründeten Theorien der Verhaltensänderung.
    • Die besondere Rolle der Wissenschaft für das Verständnis, wie wirksame Interventionen „funktionieren”.
  • Die Hintergründe und Prinzipien, die der Entwicklung der Internationalen Standards zur Prävention des Drogenkonsums der United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) und dem Europäischen Qualitätsstandard zur Suchtprävention zugrunde liegen.
  • Die Bedeutsamkeit einer genauen Umsetzung von Präventionsmaßnahmen sowie deren Sicherstellung durch Kontrolle und Evaluation.
  • Die wesentlichen Komponenten evidenzbasierten Handelns in Prävention und Politik für verschiedene Kontexte, wie Familie, Schule, Arbeitsplatz, Kommune, Umwelt und in den Medien.
  • Die Grundsätze wirksamer Advocacy für fundiertes präventives Handeln und effektive Öffentlichkeitsarbeit

Verwendung dieses Handbuchs

Dieses Handbuch ist als zentrales Referenzdokument für Weiterbildungsteilnehmer und Ausbilder gedacht. Es enthält weiterführende und vertiefende Informationen zu den Themen des EUPC Qualifizierungsprogramms, die bei der Umsetzung des Gelernten in die Praxis dienlich sind.

Die Einführung beschreibt das EUPC und gibt eine allgemeine Beschreibung der Rolle von Präventionsfachkräften in Europa. Auch die ethischen Fragen der Präventionsarbeit werden kurz besprochen.

Kapitel 1 arbeitet den Zusammenhang zwischen Epidemiologie und ätiologischen Theorien heraus und ermöglicht ein Verständnis für die Rolle, die Präventionsmaßnahmen in Bezug auf die Entwicklung von Substanzgebrauchsstörungen spielen können.

Kapitel 2 fasst einige gängige Theorien zusammen, die von Wissenschaftlern bei der Entwicklung und Bewertung wirksamer Präventionsmaßnahmen und -strategien verwendet werden. Das Bewusstsein für diese ist wichtig, um zu verstehen, welche Elemente für die Entwicklung und/oder Anpassung von Präventionsmaßnahmen in verschiedenen Kontexten und Settings notwendig und nützlich sind.

Kapitel 3 diskutiert evidenzbasierte Präventionsmaßnahmen und -strategien und konzentriert sich auf die Internationalen Standards des UNODC und die Europäischen Qualitätsstandards zur Suchtprävention (EDPQS) der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD). Das Kapitel stellt evidenzbasierte Ansätze, die für den Einsatz standardisierter Interventionen argumentieren, maßgeschneiderten Ansätzen gegenüber, die sich auf Berufserfahrung und Bedarfslagen gründen. Diese Diskussion verdeutlicht, wie unterschiedliche Ansätze in Europa eingesetzt werden.

Kapitel 4 ist dem Monitoring und der Evaluation gewidmet. Es wird ein Überblick über die verschiedenen Arten der Evaluationsforschung gegeben, mit denen die Wirkungen einer Intervention oder politischen Strategie überwacht oder bewertet werden können.

Die darauffolgenden Kapitel beschreiben die wichtigsten Merkmale der Prävention in den Settings Familie, Schule, Betrieb und Kommune (Kapitel 5, 6, 9), der Verhältnisprävention (Kapitel 7) und des professionellen Einsatzes von Medien im Dienste der Prävention (Kapitel 8). Für jedes Themenfeld werden die spezifischen Problemlagen und Herausforderungen des jeweiligen Ansatzes diskutiert (z.B. die Schwierigkeit Familien in Präventionsmaßnahmen einzubeziehen, der Widerstand gegen Präventionshinweise in den Medien oder Erschwernisse bei der Implementierung präventiver Maßnahmen im Nachtleben). Außerdem stehen evidenzbasierte Praktiken in Europa im Fokus sowie deren ausführlichere Diskussion.

Mehrere zentrale Aspekte werden im Rahmen des Qualifizierungsprogramms und des Arbeitsmaterials hervorgehoben. Der erste ist die Definition des Substanzkonsums, also der bewussten Einnahme von psychoaktiven Substanzen, die Gefühle, Wahrnehmungen, Gedanken und/oder Verhaltensweisen zu verändern vermögen. Psychoaktive Substanzen sind z.B. Nikotin (Tabak), Alkohol, Cannabis, Kokain, Heroin und psychoaktive verschreibungspflichtige Medikamente. Sie können gesetzlich kontrolliert (im Rahmen des Übereinkommen der Vereinten Nationen) oder nicht kontrolliert sein (z.B. neue psychoaktive Substanzen; NPS), obwohl die letztgenannte Gruppe nach nationalem Recht der EU-Mitgliedstaaten kontrolliert werden könnte oder teilweise wird. Im EUPC verzichten wir bewusst auf die pauschale Benutzung des Begriffs „Drogenmissbrauch”, da dies ein mehrdeutiges Konzept ist und in einigen Fällen als ungerechtfertigte Wertung betrachtet werden muss. Wenn wir uns stattdessen auf den Substanzkonsum beziehen, der mit erheblichen Schäden verbunden ist, verwenden wir den Begriff „Substanzgebrauchsstörungen”. Das EUPC führt auch andere Begriffe ein, die Muster des Substanzgebrauchs beschreiben, die nicht zwangsläufig mit erheblichen Schäden verbunden sein müssen. Diese Themen werden in Kapitel 1 näher erläutert.

Ein weiteres Schwerpunktthema ist die Präventionsforschung, die ein Verständnis der Faktoren vermittelt, die mit der Initiierung und dem Fortschreiten des Substanzkonsums verbunden sind: Welche Auswirkungen Substanzgebrauch auf Einzelpersonen, Familien, Schulen, Kommunen und Länder hat und wie er mit effektiven Strategien, Richtlinien und Interventionen adressiert werden kann. Das UNODC hat eine umfassende Analyse der international verfügbaren Präventionsansätze und -maßnahmen durchgeführt, um die effektivsten zu identifizieren.

Effektive Interventionen, die auch als evidenzbasierte Präventionsmaßnahmen und -strategien bekannt sind, stehen weltweit zur Implementierung bereit. Das EUPC Qualifizierungsprogramm soll Präventionsexperten bei der Auswahl und Umsetzung, sowie dem Monitoring und der Evaluation zielgruppengerechter Maßnahmen und Strategien unterstützen.

Die Präventionsforschung hat Themen wie den Substanzkonsum und andere Risikoverhaltensweisen als entwicklungsrelevant identifiziert. Das bedeutet, dass die Faktoren, die zur Entwicklung des Problems führen, bereits vor dessen Auftreten Einfluss darauf nehmen. Daher ist es erforderlich ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie man in verschiedenen Lebensphasen und über die gesamte Lebensspanne hinweg präventiv tätig werden kann.

Ein weiteres Thema ist, dass Substanzkonsum und andere riskante Verhaltensweisen in der Regel das Ergebnis negativer Wechselwirkungen zwischen Umweltfaktoren und den Eigenschaften von Individuen bzw. einer gescheiterten Sozialisation sind. Zum Beispiel können junge Menschen, die Sensation-seeker sind und keine positive Erziehung erfahren haben, anders auf alkoholfreundliches Marketing im Sport (z.B. Sportsponsoring), reagieren, als solche, die dieses Persönlichkeitsmerkmal nicht aufweisen oder eine Erziehung hatten, die ihr Sensation-seeking zu konstruktiven Verhaltensweisen hinleiten würde. Evidenzbasierte Präventionsmaßnahmen sollen in diesen unterschiedlichen Umgebungen – z.B. Familie, Schule, Arbeitsplatz, Kommune und Umwelt – positiv eingreifen – um die Interaktion zwischen Kindern und ihren Eltern, Kindern und der Schule, Mitarbeitern und ihrem Betrieb, sowie den Bürgern und ihrer Kommune zu verbessern und das Erleben von Sicherheit und Unterstützung zu steigern.

Geschulte Präventionsfachkräfte müssen über ein breites, multidisziplinares Wissen verfügen – einschließlich der Epidemiologie, Soziologie und Psychologie. Die Anwendung der folgenden Fähigkeiten sind Gegenstand dieses Handbuchs und der begleitenden Weiterbildung:

  1. Beurteilung der Art und des Umfangs des Substanzgebrauchs in einer Region, einschließlich Datenerhebung und -analyse;
  2. Identifikation der am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen und die Bereitstellung einer angemessenen Bedarfsanalyse;
  3. Bildung von Netzwerken, um die identifizierten Probleme wirksam zu adressieren;
  4. Überzeugung relevanter Stakeholder vom Wert evidenzbasierter Programme und Strategien;
  5. Unterstützen bei der Auswahl und Evaluation von bedarfsgerechten Präventionsmaßnahmen;
  6. Implementierung, Monitoring der Einführung evidenzbasierter Maßnahmen und die Evaluation der Ergebnisse (ggf. in Zusammenarbeit mit einem Forschungsteam);
  7. Förderung der Umsetzungsgenauigkeit und Nachhaltigkeit von Interventionen unter gleichzeitiger Berücksichtigung der Durchführbarkeit und Akzeptanz.

Die Rolle der Präventionsfachkraft

Bis vor kurzem gab es nur wenige Quellen, die eine umfassende Übersicht der zentralen Tätigkeiten und Kompetenzen aufgezeigt haben, die von Präventionsfachkräften zur Erfüllung ihrer Aufgabe benötigt werden. Präventionsbezogene Qualifizierungs- und Weiterbildungsangebote sind in Europa durch eine hohe Diversität gekennzeichnet, was eine einheitliche und ausführliche Definition der Aufgaben und Rolle von Präventionsfachkräften erschwert. Das EUPC strebt die Standardisierung der Aus- und Weiterbildung von Präventionsfachkräften an, um die mit Prävention befassten Personen in ganz Europa in ihrem professionellen Selbstverständnis zu stärken. Dieser ist nur einer der Schritte, die notwendig sind, um die Funktion und Akzeptanz der Präventionsfachkraft weiter zu formalisieren.

Wir verwenden den Begriff „Präventionsfachkraft” für Entscheidungsträger in Politik, Verwaltung und sozialen Organisationen, sowie Meinungsmacher, die für die Planung, Durchführung und Überwachung von Präventionsmaßnahmen in einem definierten geografischen Gebiet verantwortlich sind. Dies können z.B. Koordinatoren von Praktikern vor Ort sein, die bei der Durchführung oder Überwachung von Präventionsmaßnahmen unterstützen oder Behördenmitarbeiter, die als Gesicht und Stimme der Prävention in der Gesellschaft auftreten.

Derzeit haben mehrere nationale und internationale Gruppen Materialien veröffentlicht, in welchen beschrieben wird, welche Fähigkeiten benötigt werden, um qualitativ hochwertige Präventionsmaßnahmen umzusetzen. Zu diesen Ressourcen gehören die UNODC (2013) International Standards on Drug Use Prevention, die EDPQS der EBDD (2011) und die Standards des International Certification and Reciprocity Consortium for Addiction and Prevention Professionals. Vieles von dem, was in diesem Curriculum dargestellt wird, stammt aus diesen Quellen.

Das EDPQS-Handbuch beschreibt Qualitätsstandards für Präventionsfachkräfte. Das Handbuch enthält vier Kompetenzbereiche, die sich auf die Bereitstellung von Maßnahmen beziehen: i) Allgemeine Kompetenzen, ii) grundlegende Interventionskompetenzen, iii) spezifische Interventionskompetenzen und iv) Meta-Kompetenzen.

  • Allgemeine Kompetenzen beziehen sich auf Personen, die Präventionsmaßnahmen durchführen – z.B. Kommunikationsfähigkeiten, Interventionsmanagement sowie soziale und persönliche Fähigkeiten.
  • Zu den grundlegenden Interventionskompetenzen zählen diejenigen, die nötig sind um Präventionsmaßnahmen durchführen zu können, z.B. Kenntnisse über wirksame Präventionsansätze und -komponenten, interaktive Unterrichtsstrategien, Verständnis für Entwicklungsprobleme.
  • Spezifische Interventionskompetenzen umfassen das Wissen und die Fähigkeiten, die für eine ausgewählte Intervention spezifisch sind, z.B. effektive Erziehungsstrategien, die Vermittlung von Entscheidungskompetenz.
  • Meta-Kompetenzen weisen Überschneidungen in den oben genannten Bereichen auf. Sie ermöglichen, Präventionsmaßnahmen effektiv an die spezifischen Bedürfnisse der Zielgruppe anzupassen, berücksichtigen z. B. kulturelle Sensibilität – aber auch Themen wie die Netzwerkbildung, Planung und Ressourcenentwicklung sowie Monitoring und Evaluation fallen in diesen Kompetenzbereich.

Ethik der Prävention

Während es relativ üblich ist, die Ethik von Forschungsvorhaben zu diskutieren, ist es weniger üblich, die Ethik der (Sucht-)Prävention in den Blick zu nehmen. Aktivitäten im Rahmen der Suchtprävention erfordern keine körperlichen oder klinischen Eingriffe – stellen aber dennoch eine Form des Eingriffes in das Leben von Menschen dar. Alle Maßnahmen der Suchtprävention sind durch Annahmen darüber geprägt, was „gut” oder „schlecht” für die Teilnehmenden sei (was beispielsweise in den Interventionszielen zum Ausdruck kommt). Maßnahmen der Suchtprävention sind häufig Ausdruck der gesellschaftlichen Wahrnehmung dessen, was als akzeptables Verhalten gilt – und von der Zielpopulation möglicherweise nicht geteilt wird. Darüber hinaus ist Prävention typischerweise auf junge Menschen ausgerichtet. Im Falle indizierter Prävention sind dies häufig die vulnerabelsten und vom Ausschluss aus der Mainstream-Gesellschaft bedrohten Personen. Es ist in ethischer Hinsicht beispielsweise wichtig, dass Interventionen „keinen Schaden anrichten”, indem sie z.B. die Wahrscheinlichkeit des Substanzkonsums erhöhen.

Ethische Fragen stellen sich daher auf verschiedenen Ebenen, angefangen bei der Rechtfertigung der Suchtprävention selbst. Fachkräfte sollten nicht davon ausgehen, dass suchtpräventive Maßnahmen per Definition ethisch und vorteilhaft für die Zielgruppe sind. Die aus den EDPQS abgeleitenden und auf das EUPC angewendeten Prinzipien ethischer Suchtprävention sind:

  • die gesetzlichen Vorschriften einzuhalten;
  • die Persönlichkeitsrechte und Autonomie der Teilnehmer zu wahren (z.B. wie sie in den internationalen Menschen- und Kinderrechtskonventionen definiert sind);
  • den Beteiligten einen echten Nutzen zu bieten (d.h. zu gewährleisten, dass die Intervention nützlich ist und von den Beteiligten akzeptiert wird);
  • keinen Schaden oder wesentliche Nachteile für die Beteiligten zu verursachen (z.B. iatrogene Effekte – unbeabsichtigt und unvorhergesehene schädliche Auswirkungen, Stigmatisierung);
  • transparente, genaue, neutrale und umfassende Informationen zu liefern;
  • die Zustimmung der Beteiligten vor der Teilnahme einzuholen;
  • sicherzustellen, dass die Teilnahme freiwillig ist;
  • die Daten der Beteiligten vertraulich zu behandeln;
  • die Teilnahme an Präventionsmaßnahmen wenn nötig vertraulich zu behandeln;
  • die Intervention auf die Bedürfnisse und Erwartungen der Teilnehmer abzustimmen;
  • die Zielgruppe als Partner in die Entwicklung , Durchführung und Bewertung der Maßnahme einzubeziehen;
  • die Gesundheit und Sicherheit der Teilnehmenden und Durchführenden zu schützen.

Je nach Art der Intervention kann es schwierig oder unmöglich sein, alle Grundsätze ethischer Suchtprävention einzuhalten. Die Einholung der Einwilligung nach Aufklärung und die Sicherstellung der freiwilligen Beteiligung können eine Herausforderung bei universellen Präventionsmaßnahmen oder beispielsweise bei strafrechtlichen Maßnahmen sein, zu denen die Teilnehmer gesetzlich verpflichtet wurden. In Bezug auf den Grundsatz, keinen Schaden anzurichten, ist anzumerken, dass indizierte Präventionsansätze die Beteiligten mitunter stigmatisieren können .

Verschiedene Grundsätze können in Konflikt zueinander stehen. Beispielsweise kann es vorkommen, dass die Teilnehmer sich zu einem Verhalten entschließen, das schädlich für sie ist (z.B. der Konsum von Alkohol oder anderen Drogen), oder aber dass sie als Partner bei der Interventionsentwicklung Ansätze vorschlagen, die sich als potenziell ineffektiv oder sogar schädlich erwiesen haben (z.B. Gespräche mit einem ehemaligen Abhängigen oder einem substanzkonsumierenden Kollegen). Es kann auch schwierig sein, die Ethik der Intervention vor ihrer Umsetzung zu beurteilen (z.B. Prognose von Nutzen und Schaden). Schließlich sind alle Präventionsgrundsätze bis zu einem gewissen Grad Auslegungssache (z.B. was stellt einen Nutzen dar und für wen?), und Änderungen in der Drogengesetzgebung (z.B. die Legalisierung des Gebrauchs von Cannabis) können dazu führen, dass der Konsum bestimmter Substanzen von der Gesellschaft eher akzeptiert wird.

Es gibt keine klare Antwort auf alle ethischen Fragen oder Konflikte, die in der Präventionsarbeit auftreten können, aber ihre Diskussion und Reflexion schärft das Bewusstsein und ermöglicht einen offenen Dialog darüber, inwiefern sie die Präventionsarbeit beeinflussen. Ein ethischer Grundsatz muss in jeder Phase der Intervention klar erkennbar sein. Anbieter müssen überlegen, was innerhalb ihrer Intervention realisierbar ist (z.B. wenn eine schriftliche Einwilligung nicht möglich ist, kann eine mündliche Einwilligung eingeholt werden). Dabei sollte besondere Aufmerksamkeit auf alle spezifischen Fragen gelegt werden, die sich aus der Intervention selbst ergeben (z.B. ob eine beobachtete Kindeswohlgefährdung an Behörden gemeldet werden muss). Es sollte außerdem berücksichtigt werden, dass verschiedene Interessengruppen (z.B. Mitarbeiter, Zielgruppe, Öffentlichkeit, Regierung) unterschiedliche Standpunkte hinsichtlich der Frage haben könnten, was „ethisch” bedeutet. Die Zielgruppe der Intervention sollte jedoch immer im Mittelpunkt stehen .

Literatur zu diesem Kapitel

  1. 1.EBDD (Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht) (2009).Preventing later substance use disorders in at-risk children and adolescents: A review of the theory and evidence base of indicated preventionLuxembourg: Publications Office of the European Union.
  2. 2.EBDD (Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht) (2011).European drug prevention quality standards: A manual for prevention professionalsSpain: EMCDDA.

Abschnitt I · Grundlegende Konzepte

Kapitel 01

Epidemiologie

Art und Umfang der Problemstellung verstehen

Effektive Präventionsmaßnahmen basieren auf einem guten Verständnis von Art und Umfang des Substanzgebrauchs in einer Gesellschaft. Es ist Aufgabe der Epidemiologie dieses Verständnis zu ermöglichen. Die WHO definiert Epidemiologie als: „… die Untersuchung der Verteilung und der Determinanten von gesundheitsbezogenen Zuständen oder Ereignissen (einschließlich Krankheiten), des erstmaligen Auftretens dieser gesundheitsbezogenen Zustände/Ereignisse/Krankheiten (Inzidenz), der bestehenden Fälle von gesundheitsbezogenen Zuständen/Ereignissen/Krankheiten (Prävalenz) und die Anwendung dieser Untersuchungen zur Kontrolle von Krankheiten und anderen Gesundheitsproblemen”.

Ein Verständnis von Art und Umfang eines Gesundheitsproblems oder problematischen Verhaltens, etwa des Substanzgebrauchs, ist ein Schlüssel zur Umsetzung evidenzbasierter Präventionsmaßnahmen und -strategien und wird Ihnen bei der Arbeit als Präventionsfachkraft eine wichtige Hilfe sein.

In Bezug auf Prävention sind epidemiologische Daten:

  • hilfreich, um zu verstehen, wie gesundheitsrelevante Zustände in einer Bevölkerung verteilt und welche Determinanten für spezifische Gesundheitsprobleme relevant sind;
  • nützlich, um neue Fälle eines spezifischen Gesundheitsproblems (Inzidenz) und dessen Ausmaß in der Bevölkerung (Prävalenz) festzustellen.

Epidemiologische Daten werden durch eine Vielzahl von Methoden und Studientypen, wie z.B. Monitoringsysteme oder epidemiologische Umfragen gewonnen. Durch analytische Studien können außerdem die Determinanten eines Gesundheitsproblems identifiziert werden.

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit verschiedenen Daten, die aus epidemiologischen Erhebungen und analytischen Studien zum Substanzgebrauch vorliegen. Um diese Daten in den Kontext zu setzen und einige der Ursachen und mitursächlichen Faktoren des Substanzgebrauchs zu klären, ziehen wir ein Ätiologie-Modell heran, das zeigt, wie Umwelteinflüsse mit individuellen Merkmalen interagieren. Auf diese Weise können Risikogruppen für problematischen Substanzgebrauch und andere riskante Verhaltensweisen bestimmt werden. Dabei wird auch der Sozialisationsprozess behandelt, der Kindern hilft, die kulturell akzeptierten Einstellungen, Normen, Überzeugungen und Verhaltensweisen zu erlernen, die ihnen helfen, ihr Leben erfolgreich zu bewältigen. Beachten Sie bitte, dass Prävention trotz des Schwerpunkts auf Kinder und Jugendliche während des gesamten Lebensweges relevant ist und dass Erwachsene ebenso dem Risiko ausgesetzt sind, durch Umwelteinflüsse in ihrem Gesundheitsverhalten beeinflusst zu werden.

Substanzgebrauch in Europa

Die Prävention des Substanzgebrauchs kann sich auf eine oder mehrere legale oder illegale psychoaktive Substanz(en) konzentrieren, einschließlich:

  • Alkohol;
  • Nikotin (Tabakprodukte und E-Zigaretten);
  • andere, oft illegale Substanzen wie Cannabis, Amphetamin, Kokain usw. oder solche, die legal hergestellt werden, aber ausschließlich für ihre psychoaktiven oder nicht-medizinischen Wirkungen konsumiert werden (z.B. Medikamente und neue psychoaktive Substanzen).

Die negativen gesundheitlichen und sozialen Folgen des Gebrauchs von psychoaktiven Substanzen und deren Auswirkung auf die Gesellschaft stehen im Mittelpunkt des Interesses.

Das European School Survey Project on Alcohol and Other Drugs (ESPAD) berichtete, dass 79% der europäischen Schülerschaft mindestens einmal im Leben Alkohol konsumiert haben. Knapp die Hälfte gab an, im letzten Monat mindestens einmal Alkohol getrunken zu haben. Schon einmal Zigaretten geraucht haben 41% der Befragten; 10% gaben an, in den letzten 30 Tagen täglich mindestens eine Zigarette geraucht zu haben . E-Zigaretten oder ähnliche Geräte haben insgesamt 9% aller Europäerinnen und Europäer (also nicht nur Jugendliche in der Schule) ausprobiert .

Der Substanzgebrauch in Europa umfasst heute ein breiteres Spektrum an Substanzen als in der Vergangenheit. Unter Konsumierenden ist der polyvalente Gebrauch häufig, und die individuellen Konsummuster reichen von experimentellem und kurzfristigem Konsum über gewohnheitsmäßigen bis zu schwerem und abhängigem Konsum. Im Allgemeinen ist durch alle Substanzklassen hinweg der Gebrauch bei Männern höher. Dieser Unterschied wird oft durch intensivere oder regelmäßige Konsummuster verstärkt. Die Prävalenz des Cannabisgebrauchs ist etwa fünfmal höher als die anderer illegaler Substanzen. Obwohl der Gebrauch von Heroin und anderen Opioiden nach wie vor relativ selten ist, werden diese Substanzen weiterhin am häufigsten mit schädlicheren Formen des Gebrauchs (z.B. der Injektion) in Verbindung gebracht.

Neben der Prävalenz ist es hilfreich, auch Konsummuster zu beachten. Schätzungsweise 92 Millionen bzw. etwas mehr als ein Viertel der 15- bis 64-Jährigen in der Europäischen Union haben im Laufe ihres Lebens illegale psychoaktive Substanzen ausprobiert. Erfahrenheit mit Substanzgebrauch wird häufiger von Männern (56,0 Millionen) als von Frauen (36,3 Millionen) berichtet. Die am häufigsten jemals gebrauchte illegale Substanz ist Cannabis (53,5 Millionen Männer und 34,3 Millionen Frauen), viel niedrigere Schätzungen liegen demgegenüber für die Lebenszeitprävalenz des Konsums von Kokain (11,8 Millionen Männer und 5,2 Millionen Frauen), MDMA (9 Millionen Männer und 4,5 Millionen Frauen) und Amphetaminen (8,0 Millionen Männer und 4,0 Millionen Frauen) vor. Die Lebenszeitprävalenz des Cannabiskonsums unterscheidet sich merklich von Land zu Land und reicht von fast 45% in Frankreich bis zu weniger als 5% in Malta. Der Substanzgebrauch im vergangenen Jahr stellt ein Maß für den aktuellen Substanzgebrauch dar und konzentriert sich zum größten Teil auf junge Erwachsene. Schätzungsweise 17,4 Millionen junge europäische Erwachsene (im Alter von 15 bis 34 Jahren) konsumierten im letzten Jahr psychoaktive Substanzen, davon doppelt so viele Männer wie Frauen.

Substanzkonsum bei 15- bis 16-jährigen europäischen Schülern (2019)

Cannabiskonsum nach Geschlecht, im letzten Monat

8,5 % Männlich
5,8 % Weiblich

Häufigkeit des Cannabiskonsums, im letzten Monat

  • kein mal93 %
  • 1–2 mal3,6 %
  • 3–9 mal2,1 %
  • > 9 mal1,4 %

Prävalenz des Konsums psychoaktiver Substanzen (Prozentsätze)

Kategorie Männlich Weiblich
Letzter Monat: starkes episodisches Trinken
35 %
31 %
Letzter Monat: Zigarettenkonsum
20 %
20 %
Letzter Monat: Cannabiskonsum
8 %
6 %
Jemals Cannabiskonsum
18 %
13 %
Jemals Konsum neuer psychoaktiver Substanzen
4 %
3 %

Basierend auf Daten von 35 europäischen Ländern, die an der ESPAD-Erhebung 2019 teilgenommen haben. Quelle: ESPAD Group (2020b).

Abbildung 1: Prävalenz des Substanzkonsums bei europäischen Schülern (ESPAD Group, 2020b)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

In allen Altersgruppen ist Cannabis die am häufigsten konsumierte illegale Substanz. Cannabis wird in der Regel geraucht und dies in Europa üblicherweise gemeinsam mit Tabak. Konsummuster können von gelegentlichem bis hin zu regelmäßigem und abhängigem Gebrauch reichen. Es wird geschätzt, dass 78,5 Millionen europäische Erwachsene (im Alter von 15 bis 64 Jahren) bzw. 27,2% dieser Altersgruppe irgendwann in ihrem Leben mit Cannabis experimentiert haben. Von diesen haben im vergangenen Jahr schätzungsweise 15,8 Millionen junge Europäer (im Alter von 15 bis 34 Jahren) bzw. 15,4% dieser Altersgruppe, Cannabis konsumiert.

Kokain ist das am häufigsten konsumierte illegale Stimulans in Europa und wird vor allem in südlichen und westlichen Ländern gebraucht (Abbildung 3). Regelmäßig Konsumierende lassen sich grob in zwei Gruppen unterteilen: in sozial stärker integrierte Personen, die Kokainpulver (Kokainhydrochlorid) meist schnupfen, sowie in marginalisierte Personen, die Kokain spritzen oder Crack rauchen (Kokainbasis) – teilweise auch neben dem Gebrauch von Opioiden. Es wird geschätzt, dass 4,8% der europäischen Erwachsenen (im Alter von 15 bis 64 Jahren) irgendwann in ihrem Leben mit Kokain experimentiert haben. Darunter sind etwa 2,1% junge Erwachsene im Alter von 15 bis 34 Jahren, welche die Substanz im vergangenen Jahr konsumiert haben .

Prävalenz des Cannabiskonsums in Europa – junge Erwachsene (15–34)

12-Monats-Prävalenz des Cannabiskonsums nach Land, sortiert von der höchsten zur niedrigsten Klasse.
Land ISO 12-Monats-Prävalenz Klasse
FrankreichFR> 15,0 %höchste
ItalienIT10,1–15,0 %hoch
TschechienCZ10,1–15,0 %hoch
SpanienES10,1–15,0 %hoch
NiederlandeNL10,1–15,0 %hoch
Vereinigtes KönigreichUK10,1–15,0 %hoch
IrlandIE10,1–15,0 %hoch
NorwegenNO10,1–15,0 %hoch
DeutschlandDE5,1–10,0 %mittel
BelgienBE5,1–10,0 %mittel
LuxemburgLU5,1–10,0 %mittel
SchweizCH5,1–10,0 %mittel
DänemarkDK5,1–10,0 %mittel
SchwedenSE5,1–10,0 %mittel
PortugalPT5,1–10,0 %mittel
SlowenienSI5,1–10,0 %mittel
KroatienHR5,1–10,0 %mittel
TürkeiTR5,1–10,0 %mittel
FinnlandFI< 5,1 %niedrig
LettlandLV< 5,1 %niedrig
LitauenLT< 5,1 %niedrig
PolenPL< 5,1 %niedrig
SlowakeiSK< 5,1 %niedrig
ÖsterreichAT< 5,1 %niedrig
UngarnHU< 5,1 %niedrig
RumänienRO< 5,1 %niedrig
BulgarienBG< 5,1 %niedrig
MaltaMT< 5,1 %niedrig
GriechenlandGR< 5,1 %niedrig
ZypernCY< 5,1 %niedrig
IslandISkeine Datenn.v.
EstlandEEkeine Datenn.v.
BelarusBYkeine Datenn.v.
UkraineUAkeine Datenn.v.
SerbienRSkeine Datenn.v.

Prävalenzangaben als Klassen der EBDD-Kartografie, nicht als punktgenaue Länderwerte. Sortiert absteigend nach Klasse, innerhalb der Klasse gruppiert. Quelle: EBDD (2021).

Abbildung 2: 12-Monatsprävalenz des Cannabiskonsums bei jungen Erwachsenen (15–34) – ausgewählte Trends (EBDD, 2021)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Prävalenz des Kokainkonsums in Europa – junge Erwachsene (15–34)

12-Monats-Prävalenz des Kokainkonsums nach Land, sortiert von der höchsten zur niedrigsten Klasse.
Land ISO 12-Monats-Prävalenz Klasse
Vereinigtes KönigreichUK> 2,5 %höchste
SpanienES> 2,5 %höchste
IrlandIE> 2,5 %höchste
NiederlandeNL1,1–2,5 %hoch
FrankreichFR1,1–2,5 %hoch
NorwegenNO0,6–1,0 %mittel
DänemarkDK0,6–1,0 %mittel
DeutschlandDE0,6–1,0 %mittel
BelgienBE0,6–1,0 %mittel
PortugalPT0,6–1,0 %mittel
SchweizCH0,6–1,0 %mittel
ItalienIT0,6–1,0 %mittel
ZypernCY0,6–1,0 %mittel
SchwedenSE0–0,5 %niedrig
FinnlandFI0–0,5 %niedrig
LettlandLV0–0,5 %niedrig
LitauenLT0–0,5 %niedrig
LuxemburgLU0–0,5 %niedrig
TschechienCZ0–0,5 %niedrig
PolenPL0–0,5 %niedrig
SlowakeiSK0–0,5 %niedrig
ÖsterreichAT0–0,5 %niedrig
UngarnHU0–0,5 %niedrig
RumänienRO0–0,5 %niedrig
SlowenienSI0–0,5 %niedrig
KroatienHR0–0,5 %niedrig
BulgarienBG0–0,5 %niedrig
MaltaMT0–0,5 %niedrig
GriechenlandGR0–0,5 %niedrig
TürkeiTR0–0,5 %niedrig
IslandISkeine Datenn.v.
EstlandEEkeine Datenn.v.
BelarusBYkeine Datenn.v.
UkraineUAkeine Datenn.v.
SerbienRSkeine Datenn.v.

Prävalenzangaben als Klassen der EBDD-Kartografie, nicht als punktgenaue Länderwerte. Sortiert absteigend nach Klasse, innerhalb der Klasse gruppiert. Quelle: EBDD (2018).

Abbildung 3: 12-Monatsprävalenz des Kokainkonsums unter jungen Erwachsenen (15–34): ausgewählte Trends und aktuelle Daten (EBDD, 2018)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Alle psychoaktiven Substanzen können aufgrund kurz- und langfristiger toxischer Wirkungen gesundheitsschädlich sein. Da es bei der Herstellung und dem Verkauf illegaler Substanzen keine Qualitätskontrolle gibt, birgt deren Konsum ein zusätzliches Risiko. Seit dem Jahrtausendwechsel ist die Verfügbarkeit neuer und/oder neuartiger, potenter, chemisch abgewandelter und kontaminierter illegaler psychoaktiver Substanzen gestiegen, was das Risiko schädlicher Auswirkungen erhöht. Beimischungen können auch als Nebenprodukte minderwertiger Herstellungs-, Vertriebs- und Lagerungsprozesse entstehen und Mikroorganismen sowie andere biologische und infektiöse Erreger enthalten. Streckmittel können psychoaktiven Substanzen absichtlich zugesetzt worden sein, um die Wirkung zu verändern, das Verkaufsgewicht zu erhöhen, oder einen niedrigen Wirkstoffgehalt zu verschleiern (z.B. durch den Zusatz von Lokalanästhetika zur Nachahmung der betäubenden Wirkung von Kokain). Nicht-psychoaktive (aber potenziell toxische) Substanzen werden beim Großhandel manchmal zugesetzt, um die Menge des Wirkstoffs, bezogen auf das Verkaufsgewicht zu reduzieren und damit die Profitabilität für den Verkäufer zu erhöhen. Grundsätzlich sind die Gesundheitsrisiken des Konsums von psychoaktiven Substanzen nicht vollständig vorhersagbar, da sie das Resultat des Zusammenwirkens individueller biologischer Unterschiede, eventuell bestehender gesundheitlicher Vorbelastungen, sozioökonomischer Faktoren und konsumbezogener Aspekte, wie die Konsumform und die konsumbezogene Hygiene (z.B. der intravenöse Konsum von Heroin mit unsauberen Spritzen, die bereits von anderen Personen benutzt wurden) sind.

Die EUDA (vormals EBDD) veröffentlicht jährliche Berichte über Trends und Entwicklungen rund um den Substanzkonsum in Europa. Zusätzlich erscheinen länderspezifische Drogenberichte mit aktuellen Daten zum Substanzkonsum in den EU-Mitgliedstaaten, der Türkei und Norwegen. Alle Publikationen sind verfügbar unter www.euda.europa.eu/publications.

Pharmakologie und Physiologie

Die Wirkung psychoaktiver Substanzen und ihr gesundheitsgefährdendes Potenzial wissenschaftlich zu betrachten, erleichtert es vielen Präventionsfachkräften zu verstehen, weshalb es wichtig ist, Substanzgebrauch bereits frühzeitig durch evidenzbasierte Präventionsmaßnahmen zu adressieren. Dieses Wissen hilft auch Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung zu verstehen, dass mehrere umfassende und aufeinander abgestimmte Präventionsmaßnahmen, die sich an Familien, Jugendliche und lokale Betriebe richten, von wesentlicher Bedeutung sind, um dem Substanzgebrauch und seinen Folgen wirksam zu begegnen. Darüber hinaus unterstreicht dieses Verständnis die Notwendigkeit, Präventionsstrategien entlang des Rahmens menschlicher Entwicklung zu formulieren, der Interventionen für alle Altersgruppen vorsieht.

Der Konsum psychoaktiver Substanzen

Wenn wir in diesem Curriculum von einer Substanz sprechen, meinen wir Chemikalien (biologischen oder synthetischen Ursprungs), die bei Einnahme die biologische Struktur und Funktionsweise eines Organismus beeinflussen. Unser Fokus liegt auf psychoaktiven Substanzen, insbesondere jenen, die nach Einnahme Gefühle, Wahrnehmung, Denkprozesse und/oder das Verhalten beeinflussen. Psychoaktive Substanzen können dies bewirken, weil sie die Funktion des Nervensystems verändern. Diejenigen, die untersuchen, wie Substanzen Verhalten und psychologische Prozesse beeinflussen, werden Psychopharmakologen genannt. Das Forschungsgebiet, in dem die Wirkung von Substanzen auf lebendige Organismen untersucht wird, ist die Pharmakologie.

Unterschiedliche Substanzen brauchen unterschiedlich viel Zeit, um vom Körper abgebaut (Metabolisierung) und wieder ausgeschieden (Eliminierung) zu werden. Die Zeit, die benötigt wird, um die Hälfte der ursprünglichen Dosis einer Substanz abzubauen, wird als Halbwertszeit (HWZ) der Substanz bezeichnet. Von der HWZ ist abhängig, wie lange die Wirkung einer Substanz anhält und wie lange es dauert, bis der Körper die Substanz vollständig abgebaut hat. Wenn eine Person den Gebrauch einer Substanz eingestellt hat, kann es wichtig sein, die HWZ der Substanz zu kennen, um einschätzen zu können, wie lange es dauern wird, bis die Substanz vollständig aus dem Körper ausgeschieden wurde – und die Person wieder nüchtern ist.

Neben der HWZ beeinflussen auch andere Faktoren den Metabolismus. Alter und Geschlecht der konsumierenden Person, aber auch Mischkonsum (die gleichzeitige Einnahme anderer Substanzen) sowie die Häufigkeit, Dauer und Menge der eingenommenen psychoaktiven Substanz wirken sich auf die Geschwindigkeit der Aufnahme, Verstoffwechslung und Ausscheidung aus. Wenn eine Person eine Substanz oft und in hohen Dosen einnimmt, beschleunigt sich Metabolismus und Elimination. Kleinkinder und ältere Erwachsene metabolisieren und eliminieren Substanzen langsamer als junge Erwachsene. Im Allgemeinen reagieren Frauen aufgrund von Unterschieden in Faktoren wie Körpergröße, Körperfettanteil und Leberfunktion empfindlicher auf psychoaktive Substanzen (bezogen auf die Dosis) als Männer.

Zahlreiche Versuche wurden unternommen, psychoaktive Substanzen auf der Grundlage ihrer pharmakologischen und psychopharmakologischen Wirkung zu klassifizieren. Es gibt kein einheitliches, allgemein akzeptiertes Klassifizierungssystem, aber psychoaktive Substanzen können wie folgt grob eingeteilt werden:

  • Stimulanzien – z.B. Amphetamin(e), Kokain, Modafinil, Nikotin, Koffein – erhöhen die Aktivität des Zentralnervensystems (ZNS). Sie neigen dazu, Herzfrequenz und Atmung zu erhöhen und erzeugen ein Gefühl der aufgeregten Euphorie;
  • Empathogene – z.B. MDMA, Mephedron, 6-APB – manchmal auch als Entaktogene bekannt, sind psychoaktive Substanzen, die stimulierende Wirkungen haben, erzeugen aber auch Erfahrungen von emotionaler Verbundenheit und Empathie mit anderen. Je nach Substanz und Dosis können sie auch psychedelische Wirkungen haben;
  • Psychedelika – z.B. LSD, DMT, Psilocybin, Meskalin – verursachen deutliche Veränderungen im Denken, in der Sinneswahrnehmung und im Bewusstseinszustand;
  • Dissoziativa – z.B. Ketamin, Lachgas, DXM, PCP – bewirken Veränderungen in der Sinneswahrnehmung und erzeugen ein Gefühl der Loslösung (Dissoziation) von der Umwelt, anderen und dem Selbst;
  • Cannabinoide – z.B. Cannabis, synthetische Cannabinoid-Rezeptor-Agonisten („Spice”) – erwünschte Effekte sind ein Entspannungszustand und eine Verbesserung der Stimmung mit leichten sensorischen Veränderungen;
  • Sedativa – z.B. Alkohol, Benzodiazepine, GHB – werden gebraucht, um die Stimulation des ZNS zu reduzieren, um Schlaf oder Entspannung zu induzieren und Angst zu mildern. Alkohol und andere Sedativa wirken zudem enthemmend;
  • Opioide – z.B. Heroin, Morphium, Tramadol – lindern körperliche (wofür sie klinisch und manchmal auch nicht-medizinisch genutzt werden) und emotionale Schmerzen, entspannen und wirken teilweise stimmungsaufhellend.

Mit der zunehmenden Bandbreite neuer psychoaktiver Substanzen werden Listen wie die soeben dargestellte nie vollständig sein, und manchen Präventionsfachkräften wird es schwerfallen, ihr Wissen über die Vielzahl von Substanzen auf dem aktuellen Stand zu halten. Es gibt jedoch eine Reihe von Online-Ressourcen, wie z.B. das Drugs Wheel, die eine aktuelle Übersicht über das Spektrum von Substanzen und Substanzklassen anbieten.

Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass der Legalstatus einer psychoaktiven Substanz keine Aussage über ihr gesundheitliches Gefährdungspotenzial darstellt. Die Legalität einer Substanz ist in der Regel eher das Ergebnis von Traditionen sowie kulturellen, politischen und religiösen Faktoren als eines bewussten und rationalen Abwägens, ob eine Substanz gesundheitsschädlicher ist als eine andere. Alkohol und Tabak sind hierfür exzellente Beispiele. Es wurde prognostiziert, dass der Tabakkonsum bis 2030 jährlich mehr als 8 Millionen Todesfälle weltweit verursachen wird. Laut WHO (https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/alcohol) sind 2018 rund 3,0 Millionen Todesfälle oder 5,3% aller weltweiten Todesfälle auf den Alkoholkonsum zurückzuführen.

Die Art und Weise, wie eine Substanz eingenommen wird, bezeichnet man als Konsumform (route of administration). Psychoaktive Substanzen können auf verschiedenen Wegen in den Körper gelangen: über den Verdauungstrakt (Schlucken); über die Schleimhäute (Schnupfen, also Einatmen durch die Nase; rektal als Zäpfchen oder wässrige Lösung; sublingual, indem die Substanz unter der Zunge aufgelöst und durch das Mundgewebe aufgenommen wird); über die Lunge (Rauchen beziehungsweise Inhalieren von Rauch oder Dampf); durch Injektion (intramuskulär, IM; subkutan, SC; intravenös, IV) sowie topisch (Auftragen auf die oberste Hautschicht). Die Konsumform ist entscheidend, weil sie maßgeblich bestimmt, wie schnell eine Substanz in den Kreislauf und schließlich ins Gehirn gelangt. Je schneller die Substanz das Gehirn erreicht, desto stärker wirkt sie. Die intravenöse Verabreichung ist schneller als Inhalation oder Rauchen, die wiederum schneller sind als orale Verabreichung.

Die Geschwindigkeit des Übergangs vom ersten Substanzgebrauch zu Problemen wie Substanzgebrauchsstörungen ist komplex. Sie wird durch Faktoren wie das Einstiegsalter, die konsumierte Substanz, die eigenen Konsumerfahrungen, die Exposition gegenüber präventiven Interventionen und Umgebungen sowie den Einfluss von Risiko- und Schutzfaktoren bestimmt. Es gibt zahlreiche Modelle, die diesen Übergang und das Zusammenspiel der unterschiedlichen Faktoren beschreiben. Auch wenn keines universell auf alle Konsumierenden anwendbar ist, können solche Modelle dabei helfen zu verstehen, wie es zum Übergang von einem seltenen, experimentellen zu einem regelmäßigeren und unkontrollierten Konsum kommt. So ist das von Piazza und Deroche-Gamonet (2013) entwickelte Modell auf viele Verhaltensmuster im Zusammenhang mit Substanzgebrauch anwendbar, auch wenn es soziale und rekreationale Konsummotive in den Mittelpunkt stellt. Bei anderen Menschen sind die anfänglichen Konsummotive nicht rekreational: Manche nehmen Substanzen etwa ein, um unbehandelte psychische Probleme selbst zu lindern, oder nutzen verschriebene Medikamente auf eine Weise, die von der ärztlichen Verordnung abweicht. Piazza und Deroche-Gamonet beschreiben den Übergang zu Substanzgebrauchsstörungen in drei aufeinanderfolgenden Phasen. Der Eintritt in eine Phase ist dabei notwendig, aber nicht hinreichend für den Übergang in die nächste, weil dafür eine spezifische individuelle Vulnerabilität gegeben sein muss:

  1. Die rekreationale und sporadische Konsumphase ist dadurch gekennzeichnet, dass der Gebrauch eher selten und in moderaten Dosen erfolgt – und nur eine von vielen rekreationalen Aktivitäten darstellt.
  2. In der intensivierten, fortgesetzten und eskalierenden Konsumphase wird der Gebrauch häufiger, andauernder und zur primären rekreationalen Aktivität des Individuums. Wenngleich das persönliche und soziale Funktionieren bereits abzunehmen beginnt, ist das Verhalten noch überwiegend organisiert und das Individuum kommt seiner Rolle und Verantwortung noch weitgehend nach.
  3. Kontrollverlust und die Entwicklung einer Substanzgebrauchsstörung bedeutet, dass substanzbezogene Aktivitäten nun den Lebensmittelpunkt eines Individuums darstellen.

Substanzgebrauchsstörungen

Die meisten Menschen konsumieren psychoaktive Substanzen, ohne jemals ernstzunehmende Schäden davon zu tragen. Dennoch entwickeln einige Konsumierende zum Teil erhebliche Probleme, die ihre Gesundheit, soziale Integration und Lebenszufriedenheit beeinträchtigen. Fachlich werden diese als Substanzgebrauchsstörungen bezeichnet. Der Begriff hat veraltete Bezeichnungen wie „Missbrauch” oder „Sucht” abgelöst, die schwer zu definieren sind und deren Akzeptanz aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen gesunken ist (Wir respektieren, dass manche Menschen den Begriff „Sucht” als hilfreich bei der Beschreibung ihres Zustands empfinden, raten jedoch davon ab, ihn in der Präventionsarbeit zu verwenden.). Die Art, wie Substanzgebrauchsstörungen gemessen und diagnostiziert werden, hat sich im Laufe der Zeit verändert. Derzeit werden zwei große Klassifizierungssysteme eingesetzt. Diese werden von der WHO (International Classification of Disease; ICD-11) und der American Psychiatric Association (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders; DSM-V) herausgegeben. Es gibt einige Unterschiede zwischen den beiden Systemen, aber sie enthalten übereinstimmende Kriterien. Die folgende Tabelle 1 zeigt die Arten von Kriterien, die in den beiden Klassifizierungssystemen enthalten sind.

Wie in Tabelle 1 dargestellt, umfasst die DSM-V insgesamt 11 Kriterien, von denen eine Person zwei erfüllen muss, um als Person mit einer milden Substanzgebrauchsstörung eingestuft zu werden. Das Erfüllen weiterer Kriterien bedeutet, dass die Gebrauchsstörung als moderat oder schwer spezifiziert wird.

Die ICD-11 spricht von Substanzgebrauchsstörungen, unterscheidet aber zwischen schädlichem Substanzgebrauch (ein Konsummuster, das psychische oder körperliche Folgen, auch in der Familie, zur Folge hat) und Abhängigkeit, die vier Hauptkriterien umfasst (Craving und Schwierigkeiten bei der Kontrolle des Gebrauchs; anhaltender Gebrauch trotz negativer Folgen, Toleranz und Entzug). Einzelpersonen müssen mindestens zwei Kriterien erfüllen, um die Diagnose Abhängigkeit gestellt zu bekommen. Um die Kriterien für schädlichen Gebrauch zu erfüllen, muss mindestens ein mit Schaden verbundenes Kriterium bestätigt sein, jedoch keines der Kriterien für Abhängigkeit.

Präventive Maßnahmen spielen eine bedeutende Rolle dabei, die Wahrscheinlichkeit eines problematischen Gebrauchs zu verringern. Obwohl die beschriebenen Klassifikationssysteme nützliche klinische Instrumente sind, ist zu bedenken, dass Menschen Probleme im Zusammenhang mit ihrem Substanzgebrauch erleben können, ohne diese klinischen Schwellenwerte zu erreichen. Die meisten Zielgruppen für Prävention sind nicht unmittelbar von Substanzgebrauchsstörungen bedroht, sondern von anderen Risiken, etwa: körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen, Schwierigkeiten mit der Polizei, Schulabbruch oder weiteren riskanten Verhaltensweisen, die im Zusammenhang mit Substanzkonsum auftreten können (z.B. riskantes sexuelles Verhalten, Teilnahme am Straßenverkehr unter Substanzeinfluss). Diese Gefahren können ebenso schwerwiegend und relevant sein und potenziell jede Person treffen, die Substanzen gebraucht.

Kriterium ICD-11 DSM-V
Gebrauch länger oder in größeren Mengen als geplant (Kontrollverlust)
Anhaltender Wunsch oder erfolglose Versuche der Kontrolle
Craving, starkes Verlangen oder Drang, die Substanz zu konsumieren
Hoher Zeitaufwand für Beschaffung, Gebrauch sowie Erholen von der Wirkung
Toleranzentwicklung, gekennzeichnet durch Dosissteigerung oder verminderte Wirkung
Entzugssymptome oder deren Vermeidung durch Substanzgebrauch
Soziale, berufliche und andere Aktivitäten, die vom Substanzgebrauch betroffen sind
Fortgesetzter Gebrauch trotz wiederkehrender sozialer Probleme durch Substanzgebrauch
Wiederholter Gebrauch trotz ständiger oder wiederholter sozialer oder zwischenmenschlicher Probleme
Wiederholter Gebrauch, der zum Versagen bei Verpflichtungen in Arbeit, Schule oder zu Hause führt
Wiederholter Gebrauch trotz rechtlicher Probleme
Wiederholter Gebrauch in Situationen, in denen es zu körperlicher Gefährdung kommen kann
Familienmitglieder wurden infolge des Gebrauchs verletzt

ICD-11: mindestens zwei Kriterien für Abhängigkeit. DSM-V: zwei Kriterien = leicht, vier bis fünf = moderat, sechs oder mehr = schwer. Quelle: WHO (ICD-11) und American Psychiatric Association (DSM-V).

Tabelle 1: Vergleich der ICD-11- und DSM-V-Kriterien für SubstanzgebrauchsstörungenNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0
KriteriumICD-11DSM-V
Gebrauch länger oder in größeren Mengen als geplant (Kontrollverlust)PP
Anhaltender Wunsch oder erfolglose Versuche der KontrolleP
Craving, starkes Verlangen oder Drang die Substanz zu konsumierenPP
Hoher Zeitaufwand für Beschaffung und Gebrauch der Substanz sowie Erholen von der WirkungPP
Toleranzentwicklung gekennzeichnet durch Dosissteigerung oder verminderte WirkungP
Entzugssymptome oder deren Vermeidung durch SubstanzgebrauchPP
Soziale, berufliche und andere Aktivitäten, die vom Substanzgebrauch betroffen sindPP
Fortgesetzter Gebrauch trotz wiederkehrender sozialer Probleme, die durch Substanzgebrauch verursacht werdenPP
Wiederholter Gebrauch trotz ständiger oder wiederholter sozialer oder zwischenmenschlicher ProblemeP
Wiederholter Gebrauch, der zu einem Versagen bei der Erfüllung wichtiger Verpflichtungen bei der Arbeit, in der Schule oder zu Hause führtP
Wiederholter Gebrauch trotz rechtlicher Probleme
Wiederholter Gebrauch in Situationen, in denen es aufgrund des Gebrauchs zu einer körperlichen Gefährdung kommen kann
Familienmitglieder wurden in Folge des Gebrauchs verletzt

Gesundheitliche Probleme aufgrund von Substanzgebrauch

Laut der Global Burden of Disease Study der WHO trugen Alkoholgebrauchsstörungen dazu bei, dass jedes Jahr rund 10% der „gesunden Lebensjahre” aufgrund von Krankheiten und Risiken sowohl bei Jugendlichen als auch Erwachsenen verloren gehen . Diese Störungen umfassen sowohl Erkrankungen bzw. Verletzungen, die unmittelbar mit dem Alkoholgebrauch in Zusammenhang stehen, als auch solche, die indirekt dadurch verursacht werden und Auswirkungen auf den Konsumenten oder andere haben. Dazu gehören: neuropsychiatrische Störungen, Magen-Darm-Erkrankungen, Krebs, übermäßiges Trinken einhergehend mit Selbstmord und Gewalt, unbeabsichtigte Verletzungen wie Verkehrsunfälle, Stürze, Ertrinken und Vergiftungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, fetales Alkoholsyndrom (FASD) sowie Frühgeburt und Diabetes mellitus. Der regelmäßige Gebrauch von Alkohol wurde in hohem Maße mit sieben verschiedenen Krebsarten in Verbindung gebracht, und es wurde geschätzt, dass im Jahr 2016 6,2% aller Krebstodesfälle in Europa auf den Konsum von Alkohol zurückzuführen waren .

Auch der Zusammenhang zwischen Rauchen und einem schlechten Gesundheitszustand ist gut dokumentiert. Bei der Hälfte aller Rauchenden führt Tabakgebrauch zum vorzeitigen Tod; das sind mehr als 7 Millionen Menschen pro Jahr. Schätzungen gehen davon aus, dass bis 2030 weltweit jährlich 8 Millionen Todesfälle durch Rauchen verursacht werden (https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/tobacco). Tabakrauchen kann zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenerkrankungen, Fruchtbarkeitsproblemen, Frühgeburtlichkeit, niedrigem Geburtsgewicht und verringerter Knochendichte führen. Nicht nur Rauchende selbst tragen ein erhöhtes Risiko. Studien zeigen, dass auch Personen, die passiv Tabakrauch ausgesetzt sind, ernsthafte gesundheitliche Probleme entwickeln können; davon betroffen sind insbesondere Angehörige und Personen, die am Arbeitsplatz mit Rauchenden zusammenarbeiten.

Der Konsum psychoaktiver Substanzen trägt nachweislich zur globalen Krankheitslast (global burden of disease) bei. Schätzungen der WHO deuten darauf hin, dass Substanzgebrauchsstörungen weltweit die sechsthäufigste Ursache für den Verlust gesunder Lebensjahre bei Menschen unter 25 Jahren sind. Chronische und akute Gesundheitsprobleme sind mit dem Gebrauch von Substanzen assoziiert. Diese entstehen aus dem Zusammenwirken verschiedener Faktoren, beispielsweise der Eigenschaften der Substanz, der Konsumform, der individuellen Vulnerabilität und dem sozialen Kontext, innerhalb welchem Substanzen gebraucht werden. Zu den chronischen Problemen zählen die Entwicklung einer Abhängigkeit sowie substanzbedingte Infektionskrankheiten. Zudem gibt es eine Reihe akuter Risiken, von welchen die Überdosierung von Substanzen die am besten dokumentierte ist. Obwohl verhältnismäßig selten, ist der Gebrauch von Opioiden immer noch für einen Großteil der mit dem Substanzgebrauch verbundenen Morbidität und Mortalität verantwortlich. Konsumbezogene Risiken werden durch das Injizieren von Substanzen erhöht. Im Vergleich dazu sind die mit dem Cannabisgebrauch verbundenen Gesundheitsprobleme zwar deutlich geringer, aber die hohe Prävalenz des Gebrauchs dieser Substanz macht diese dennoch zu einem Problem für die Public Health. Die Schwankungen des Inhalts und der Reinheit der Substanzen erhöht potenzielle Gesundheitsschäden und gestalten angemessene Reaktionen herausfordernd .

Der Gebrauch psychoaktiver Substanzen stellt auch eine Belastung für die Gesellschaft dar. Wenn sie sich nicht angemessen der Gesundheit, Sicherheit und dem Wohlergehen heranwachsender Menschen widmet, befördert sie indirekt einen ungünstigen Umgang mit Substanzen, was wiederum mit hohen Kosten für das Gesundheits-, Sozial- und Justizsystem einhergeht. In vielen Fällen fallen diese Kosten höher aus als die Ausgaben für wirksame Präventions- und Behandlungsangebote.

Das Ätiologiemodell

Ätiologie ist ein medizinischer Begriff, der die Ursachen oder den Ursprung von Erkrankungen oder anderen Störungen beschreibt sowie Faktoren, die Menschen für Krankheiten prädisponieren. Die Ätiologie ist für die Prävention wichtig, da sie hilft, die Faktoren oder Mechanismen zu identifizieren, die mit dem Auftreten eines Gesundheitszustandes oder sozialen Problems, wie dem Gebrauch psychoaktiver Substanzen verbunden sind. Anschließend können Präventionsprogramme entworfen oder ausgewählt werden, die diese Faktoren berücksichtigen.

Das Konzept der Risiko- und Schutzfaktoren ist allgemein anerkannt und hat in den letzten zwei Jahrzehnten das Präventionsfeld geprägt. Schutzfaktoren oder solche, welche die Vulnerabilität einzelner Personen verringern, sind Merkmale, welche die Auswirkungen bestehender Risikofaktoren ausgleichen oder abfedern.

Risikofaktoren sind definiert als Verhaltensmaßstäbe oder psychosoziale Funktionen (einschließlich Einstellungen, Überzeugungen und Persönlichkeit), die mit einem erhöhten Risiko für den Substanzgebrauch in Verbindung gebracht werden. Diese beinhalten:

  • Kontextfaktoren – Gesetze und Normen, die Substanzgebrauch begünstigen, einschließlich solcher, die mit Marketing und Verfügbarkeit von Substanzen, sozioökonomische Benachteiligung und das Leben in deprivierten Gegenden verbunden sind;
  • Individuelle und zwischenmenschliche Faktoren – zum Beispiel genetische Disposition und andere physiologische Faktoren, Substanzgebrauch in der Familie, individuelle Einstellungen zum Substanzgebrauch, schlechtes/inkonsistentes Familienmanagement, Familienkonflikte und geringe familiäre Bindung

Während bekannt ist, dass kontextuelle Faktoren (Gesetze, Normen, Verfügbarkeit, Bezugspersonen) eine bedeutende Rolle bei der Initiierung des Substanzgebrauchs spielen, haben individuelle und zwischenmenschliche Faktoren, insbesondere physiologische, neurologische und genetische, einen wesentlichen Einfluss auf das Fortschreiten des Gebrauchs bis hin zu Substanzgebrauchsstörungen .

Neuere Forschungsarbeiten kommen darin überein, Risiko- und Schutzfaktoren als Hinweise auf andere Entstehungsmechanismen zu betrachten, welche die individuelle Vulnerabilität für Substanzgebrauch erhöhen können. Es ist die Interaktion der individuellen Vulnerabilität mit der Umgebung auf Mikro- (z.B. soziale und zwischenmenschliche Interaktionen) und Makroebene (z.B. Kommune, Institutionen, gesellschaftliche Faktoren), die eine Person entweder davor schützt oder sie gefährdet, sich riskantem Verhalten wie dem Substanzgebrauch zuzuwenden.

Der Substanzgebrauch beginnt gewöhnlich in der späten Kindheit und Adoleszenz. Er ist ein Prozess, der durch viele verschiedene Wege gekennzeichnet ist und keine eindeutige Ursache hat, sondern überwiegend durch Entscheidungen angetrieben wird, die von internen, biologischen Faktoren und externen, umweltbezogenen und sozialen Faktoren abhängig sind. Die Entwicklungstheorie ist ein wichtiger theoretischer Rahmen, um diese Prozesse zu verstehen. Jedes Entwicklungsstadium, vom Säuglingsalter bis zum Erreichen des Erwachsenenalters geht mit der Zunahme intellektueller Kapazität, sprachlicher Fähigkeiten, kognitiver, emotionaler und psychologischer Funktionsfähigkeit sowie dem fortgesetzten Erwerb sozialer Kompetenzen und persönlicher Impulskontrolle einher (siehe Anhang 2). Jede größere Störung dieses Prozesses kann, stets in Wechselwirkung mit anderen Ereignissen oder Umweltfaktoren, zur Entwicklung von Störungen wie etwa einem problematischem Substanzgebrauch führen.

Epidemiologische Studien über die Ursachen von Risikoverhaltensweisen zeigen, dass deren Initiierung eine Wechselwirkung zwischen individuellen Merkmalen (z.B. genetische Veranlagung, Temperament, Persönlichkeitstyp) und der Art und Weise, wie jemand die Umwelt und Personen sieht, hört und „fühlt” ist, sowie Erfahrungen außerhalb des Individuums. Das Ätiologie-Modell (Abbildung 4) stellt diese Wechselwirkungen, die sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makroebene beidseitig sind, dar. Dieses Modell liegt den Diskussionen über die Ursachen des Substanzgebrauchs in diesem Manual zugrunde.

Individuum
Temperament, Impulsivität, Selbstwirksamkeit
Familie
Erziehung, Bindung, elterlicher Konsum
Peers
Normen, Gruppendruck, Freundschaftsnetz
Schule
Klima, Bindung, Leistungsdruck
Community
Verfügbarkeit, Sozialraum, Normen
Gesellschaft
Gesetze, Werbung, Ungleichheit

Risiko- und Schutzfaktoren wirken auf jeder Ebene; Prävention adressiert möglichst mehrere. Quelle: UNODC (2013).

Abbildung 4: Das Ätiologie-Modell (UNODC, 2013)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Im Verlauf ihrer Entwicklung erweitern Kinder ihre Umgebung von der Mikroebene, die z.B. Familienmitglieder, Gleichaltrige und die Schule beinhaltet, auf die Makroebene – sowohl räumlich als auch sozial (d.h. auf die sie umgebende Gesellschaft, ihre Ansichten, Einstellungen und Verhaltensweisen).

Im Verlauf der Lebensspanne eines Individuums ereignen sich zahlreiche herausragende Lebensereignisse. Angefangen von der Geburt, dem Eintritt in die Schule, über die Pubertät, Berufswahl, die erste Partnerschaft bis hin zur Elternschaft (…). In jeder Phase spielen die Familie, die Schule, religiöse Gemeinschaften, Sportvereine, Jugendorganisationen, Gleichaltrige (welche die Umgebung auf Mikroebene bilden) und die Gesellschaft (welche die Umgebung auf Makroebene bildet), eine entscheidende Rolle. Wenn wichtige Entwicklungsziele nicht erreicht werden, droht einem Kind darauffolgende Entwicklungsaufgaben nicht bewältigen zu können und es wird anfälliger für ungesunde und riskante Verhaltensweisen. Während des Heranwachsens wird die Erreichung dieser Entwicklungsaufgaben durch die Interaktion des Individuums mit seiner Mikro- und Makroumgebung beeinflusst, weshalb Präventionsmaßnahmen deren Schwachpunkte adressieren.

Die Sozialisation von Kindern ist eine der wichtigsten Funktionen von Familie, Schule und sozialem Umfeld. Wichtige Sozialisationsinstanzen wie Lehrkräfte oder (Groß-)Eltern spielen dabei eine entscheidende Rolle. Kinder müssen die in ihrer Kultur akzeptierten Einstellungen, Moralvorstellungen und Verhaltensweisen erlernen, um risikobewusste Erwachsene zu werden – wobei nicht alle kulturell verbreiteten Verhaltensweisen zwangsläufig als gesundheits- oder entwicklungsfördernd gelten sollten.

Die Umwelt auf Mikro- und Makroebene kann entweder schützend wirken oder das Risiko vulnerabler Personen erhöhen. Ein sehr temperamentvolles Kind kann beispielsweise größere Schwierigkeiten haben, sich an neue Umwelten (Schule, Umgang mit Gleichaltrigen, Arbeitsplatz) anzupassen, und benötigt mehr Aufmerksamkeit. Je nachdem, inwiefern seine Eltern in der Lage sind und über die notwendigen Fähigkeiten verfügen, ihr Kind angemessen zu begleiten, kann es ihm leichter oder schwerer fallen, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Dasselbe gilt für den Einfluss der Interaktion zwischen Makroebene und Individuum. Denken wir zum Beispiel an ein Kind, das eine gute Bindung zu seinen Eltern hat, aber in einer armen Gegend mit vielen heruntergekommenen und verlassenen Häusern lebt. Die Arbeitslosigkeit in der Gegend ist hoch, es gibt eine hohe Dichte von Geschäften, die Alkohol und Tabak verkaufen und junge Männer und Frauen verbringen tagsüber ihre Zeit auf der Straße und gebrauchen teilweise öffentlich Substanzen. Das Kind kommt auf dem Weg zur Schule an diesen Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorbei. Die Jugendlichen ärgern das Kind und sagen ihm, dass es auch Substanzen konsumieren muss und Teil ihrer Gruppe werden soll. Trotz seiner liebevollen und unterstützenden Eltern kann es sein, dass das Kind der Gruppe beitritt und dadurch mit Gelegenheiten zum Substanzgebrauch konfrontiert wird.

Eine weitere Wechselwirkung, die sich auf gefährdete Personen auswirken kann, ist der Einfluss der Makroebene auf die Mikroebene. Studien zeigen, dass dieser entweder zu einem Anstieg oder einem Rückgang des Substanzgebrauchs bei Bevölkerungsgruppen und Einzelpersonen führen kann. Europäische Untersuchungen deuten darauf hin, dass nach der Wirtschaftskrise 2008 jeder einprozentige Anstieg der regionalen Arbeitslosenquote mit einem Anstieg des Cannabiskonsums Jugendlicher um 0,7% einherging . Auf individueller Ebene steht Menschen möglicherweise weniger Einkommen zur Verfügung, um Substanzen zu erwerben. Steigt die Arbeitslosenquote jedoch infolge einer Wirtschaftskrise, greifen Betroffene bei plötzlicher Arbeitslosigkeit oder fehlenden Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt mitunter zur Selbstmedikation zurück, was zu erhöhtem Substanzgebrauch führen kann. Zudem wirkt Substanzgebrauch weniger sozial ausschließend, wenn Arbeitsplätze knapp und Löhne niedrig sind, als in Zeiten hoher Beschäftigung und höherer Löhne. Bei Kindern und Jugendlichen kann außerdem der Umstand, dass ein oder beide Elternteile außerhalb der Region oder im Ausland arbeiten, dazu führen, dass sie sich ohne elterliche Fürsorge eher substanzaffinen Gruppen zuwenden.

Kein einzelner Faktor allein ist ausreichend, um den Substanzgebrauch oder die Entwicklung von Substanzgebrauchsstörungen auszulösen. Es gibt wahrscheinlich eine kritische Kombination aus der Anzahl und Art der Einflüsse und Erfahrungen, die zur Initiierung des Substanzgebrauchs und der Ausbildung einer Substanzgebrauchsstörung führen. Die Schwelle kann durch eine beliebige Anzahl von Kombinationen dieser Faktoren erreicht werden, die wiederum für jeden Menschen individuell sind.

Der Sozialisationsprozess wird in der evidenzbasierten Präventionsarbeit berücksichtigt. Spezifische Präventionsmaßnahmen richten sich entweder an Einzelpersonen (Verhaltensprävention) oder an ihr Umfeld (Verhältnisprävention) – oder sie kombinieren beides. Sie zielen darauf ab, Überzeugungen, Einstellungen und Verhaltensweisen direkt zu beeinflussen (z.B. durch das Einüben von Widerstandsfähigkeit gegenüber Gleichaltrigen in schulischen Interventionen), Sozialisationsinstanzen zu unterstützen (z.B. durch die Verbesserung der Erziehungs- oder Unterrichtskompetenz) oder die Umgebung so zu verändern, dass riskante Verhaltensweisen erschwert werden (z.B. durch den verpflichtenden Altersnachweis, der Minderjährigen den Zugang zu Alkohol erschwert). Ein von positiven Einflüssen geprägter Sozialisationsprozess ist der Kern evidenzbasierter Prävention, der negative Expositionen überlagert und relativiert. Forschungsergebnisse belegen, dass jungen Menschen nachhaltig geholfen werden kann, gesunde Entscheidungen in Bezug auf ihren Substanzgebrauch oder andere Risikoverhaltensweisen zu treffen. Das ist das Ziel von Prävention.

Präventive Maßnahmen sind deshalb so angelegt, dass die durchführenden Fachkräfte selbst zu Sozialisationsinstanzen werden. Dies geschieht entweder direkt, indem sie sich in den Sozialisationsprozess der Zielgruppe einbringen, oder indirekt, indem sie Schlüsselpersonen wie Eltern und Lehrkräfte qualifizieren und deren Sozialisationskompetenz stärken (z.B. Erziehungskompetenz, Klassenführung).

Mehrstufiges Entwicklungsmodell

Das mehrstufige Entwicklungsmodell (multi-level developmental framework) zeigt auf, inwiefern sich das Risiko oder die Vulnerabilität einer Person aus der Interaktion von persönlichen Eigenschaften und Umweltfaktoren ergeben kann. Genauer gesagt, definiert es die Risikofaktoren, die für das Modell von zentraler Bedeutung sind.

In diesem Kapitel haben wir bereits die Vulnerabilität von Jugendlichen diskutiert, die starken negativen Einflüssen ausgesetzt sind. Diese negativen Einflüsse sind Risikofaktoren, d.h. die individuellen (psychologischen), ökologischen oder sozialen Merkmale, welche die Wahrscheinlichkeit negativer Konsequenzen erhöhen. Risikofaktoren, einschließlich Substanzgebrauch, können zwischen Altersgruppen hinsichtlich ihrer Art und Intensität ihres Einflusses variieren. Risikofaktoren können akkumulierende Effekte haben, sind jedoch auch von Makro- und Mikroumgebungseinflüssen, persönlichen Eigenschaften und der familiären, schulischen, betrieblichen und kommunalen Lebenswelt geprägt.

Wirksame Präventionsmaßnahmen adressieren Risikofaktoren vor dem Auftreten des Risikoverhaltens. Abbildung 5 gibt Beispiele für Risikofaktoren, die in jeder der genannten Umgebungen auftreten und durch präventive Maßnahmen adressiert werden können.

Risiko- und Schutzfaktoren wirken über vier Ebenen

Umgebungen auf Makroebene

Einkommen und Ressourcen

  • Armut
  • Obdachlosigkeit, Flüchtlingsstatus
  • Kinderarbeit
  • Mangelhafter Zugang zur Gesundheitsversorgung

Soziales Umfeld

  • Dissoziale Normen, geringe informelle soziale Kontrolle
  • Mangel an sozialem Zusammenhalt und sozialem Kapital
  • Konflikt, Krieg
  • Soziale Ausgrenzung, Ungleichheit, Diskriminierung

Physische Umgebung

  • Zerfall, verlassene Gebäude, minderwertige Wohnungen
  • Deprivierte Nachbarschaft
  • Zugang zu Alkohol, Tabak, anderen Drogen, Schusswaffen
  • Mangelhafter Zugang zu Lebensmitteln
  • Toxische Belastungen
  • Medien
Umgebungen auf Mikroebene

Familiäre Einflüsse

  • Fehlende Beteiligung und Überwachung
  • Harte, missbräuchliche oder nachlässige Elternschaft
  • Negative Rollenmodelle
  • Vernachlässigung der körperlichen Verfassung
  • Stressige, chaotische Umgebung
  • Elterlicher Substanzkonsum

Schulische Einflüsse

  • Schlechte Qualität der Früherziehung
  • Absentismus
  • Schlechtes Schulklima
  • Mangel an Gesundheitsförderungs- und Präventionsprogrammen
  • Mangel an außerschulischen Aktivitäten

Einflüsse von Gleichaltrigen

  • Antisoziale Gleichaltrige, Vorbilder
  • Exposition gegenüber Alkohol, Tabak, anderem Drogenkonsum, Gewalt, Kriminalität
  • Mangel an elterlicher Überwachung der Beziehungen zu Gleichaltrigen
Persönliche Eigenschaften

Genetische Vulnerabilität

Psychische Gesundheit und Persönlichkeitsmerkmale

  • Sensation Seeking
  • Aggressivität
  • Unaufmerksamkeit
  • Impulsivität
  • Psychische Probleme

Neurologische Entwicklung

  • Verzögerte Sprachentwicklung
  • Kognitive Defizite
  • Geringe Entscheidungsfindungs- und Problemlösefähigkeit

Stressreaktivität

  • Defizite in der Emotionsregulation und -wahrnehmung
  • Dysregulierte physiologische Reaktionen
  • Schlechte Bewältigung
Primäre Ergebnisse

Substanzgebrauchsstörungen und damit assoziierte Probleme

  • Schulisches Versagen
  • Mangelhafte soziale Kompetenzen
  • Geringe Selbstregulationsfähigkeit
  • Psychische Erkrankungen
  • Schlechte körperliche Verfassung

Wirksame Prävention adressiert mehrere Ebenen gleichzeitig. Quelle: UNODC (2013).

Abbildung 5: Risikofaktoren, die durch Präventionsmaßnahmen adressiert werden können (UNODC, 2013)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Schutzfaktoren oder solche, welche die Vulnerabilität einzelner Personen verringern, sind Merkmale, welche die Auswirkungen bestehender Risikofaktoren ausgleichen oder abfedern. Beispiele für Schutzfaktoren auf unterschiedlichen Ebenen sind:

  • Für Einzelpersonen: Ausgeglichenes Temperament, Selbstregulationsfähigkeit;
  • Für Familien: Bindung mit Betreuern;
  • Für Schulen: Förderung sozialer Kompetenzen (z.B. Entscheidungs- und Problemlösefähigkeit), erzieherisches Engagement;
  • Für Kommunen: Bildungsqualität und weitere schulische Faktoren, positive Normen innerhalb der Kommune.

Evidenzbasierte Interventionen, die in einer Entwicklungsstufe umgesetzt werden, können spätere Entwicklungsstadien so beeinflussen, dass sich längerfristige Effekte einstellen. Dieser „Kaskadeneffekt” trägt dazu bei, positive Ergebnisse bis ins Erwachsenenalter zu erzielen. Mit anderen Worten: Ein positives Ergebnis kann sich auf weitere Lebensbereiche übertragen, an Dynamik gewinnen und damit zusätzlichen Schutz gegen künftige Risikofaktoren bieten. So zeigte sich etwa in den UNODC-Standards, dass das „Good Behavior Game” nicht nur den Substanzkonsum verringerte, sondern langfristig auch psychische Belastungen im Lebensverlauf reduzierte.

Evidenzbasierte Interventionen, die darauf abzielen, Substanzgebrauch in der Jugend vorzubeugen, verringern nicht nur die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung von Substanzgebrauchsstörungen im späteren Leben, sondern haben auch positive Auswirkungen auf nicht primär anvisierte Ergebnisse. So gab Forschung zum „Strengthening Families Programm für Eltern und Jugendliche zwischen 10 und 14 Jahren” (durch Implementierungen in den USA) Hinweise auf ursprünglich nicht angestrebte, positive Ergebnisse, einschließlich der Reduktion von Delinquenz, Depression, Angstzuständen und gesundheitsgefährdenden sexuellen Verhaltensweisen sowie verbesserten schulischen Leistungen. Solche „Crossover-Effekte”, wie etwa schulische Erfolge und reduzierte Verhaltensprobleme, verbessern die öffentliche Gesundheit und haben wirtschaftliche Vorteile für die Kommune.

Zusammenfassend gesagt, helfen epidemiologische und ätiologische Studien Präventionsfachkräften dabei, zu reflektieren und zu entscheiden:

  • Wo Präventionsmaßnahmen ansetzen sollten. Könnten diese in einem bestimmten geografischen Gebiet besonders erforderlich sein?
  • Welche Substanzen am relevantesten sind. Für die meisten Bevölkerungsgruppen stellen Alkohol und Tabakprodukte ein größeres Problem dar, als Cannabis und andere illegale Substanzen.
  • An wen die Interventionen gerichtet werden sollte. Beispielsweise Gruppen mit besonders hoher Vulnerabilität, wie Kinder von Menschen mit einer Substanzgebrauchsstörung
  • Wann interveniert werden sollte. Wenn das erstmalige Auftreten eines Verhaltens z.B. im Alter von 14,7 Jahren ist, sollten die Interventionen früher angesetzt werden, z.B. im Alter von 12 Jahren.
  • Welche Mediatoren relevant sind. Was sind die Ziele und Botschaften, die von Belang sein sollten, wie z.B. die Einstellung gegenüber dem Risikoverhalten, normative Überzeugungen hinsichtlich der Prävalenz des Gebrauchs und die Wahrnehmung der mit dem Verhalten verbundenen Risiken (vgl. Kapitel 3).

Der Bedarf an umfassenden interdisziplinären Unterstützungsleistungen im Lebensverlauf

Es ist wichtig, sich als Präventionsfachkraft zu vergegenwärtigen, dass Substanzgebrauch häufig als ein relativ unbedenkliches Verhalten beginnt, aber bei Fortsetzung zu einer Erhöhung der Dosis und Frequenz, sowie damit verbunden der Wahrscheinlichkeit konsumassoziierte Schäden zu erleiden, führen kann. Wie bereits dargestellt führt dies manchmal dazu, dass der Substanzgebrauch das Leben des Konsumenten dominiert und zur Vernachlässigung anderer sozialer Aktivitäten und Verantwortungen sowie zum Auftreten sozialer und gesundheitlicher Probleme führt. Der Verweis auf Risiko- und Schutzfaktoren innerhalb des Ätiologie-Modells ermöglicht es uns 1. besser zu verstehen, welche Pfade möglicherweise dazu führen, dass Menschen Substanzgebrauchsstörungen entwickeln (Abbildung 6) und 2. zu verstehen, wie angemessene präventive Maßnahmen entwickelt und ausgerichtet werden müssen (dies gilt auch für Behandlungsangebote und Angebote zur Schadensminimierung).

Wie in Abbildung 6 dargestellt, sind (Makro- und Mikro-) Umweltfaktoren und, in geringerem Maße persönliche Eigenschaften, wichtige Determinanten dafür, ob jemand mit dem Gebrauch von psychoaktiven Substanzen beginnt. Dazu gehören sowohl Faktoren, die dem Substanzgebrauch unmittelbar vorausgehen, wie z.B. die Verfügbarkeit, als auch frühe Vulnerabilität, sowie Risikofaktoren, die eine gesunde Entwicklung beeinträchtigen und die Wahrscheinlichkeit des Substanzgebrauchs erhöhen.

Wie aus Erhebungen zur Prävalenz hervorgeht, setzen die meisten Menschen, die jemals Substanzen konsumiert haben, ihren Gebrauch nicht fort, und die Exposition wird auf eine kleine Anzahl von Episoden mit seltenem Substanzkonsum beschränkt sein. Was diese Menschen von denen unterscheidet, die den Gebrauch fortsetzen, sind eine Reihe zusätzlicher Faktoren, einschließlich der psychopharmakologischen Reaktion auf den Substanzgebrauch, also zum Beispiel wie seine Wirkung subjektiv erlebt wurde. Wenn sie eine bestimmte Funktion für den Benutzer erfüllt, ihm zum Beispiel dabei hilft, ein (wahrgenommenes) physiologisches oder psychologisches Bedürfnis zu befriedigen oder selbst zu behandeln, wirkt sich das auf die Wahrscheinlichkeit aus, ob dieser den Konsum fortsetzen wird. Menschen, die weiterhin Substanzen nutzen, müssen jedoch nicht unbedingt einen Schaden erleiden und die meisten stellen den Gebrauch auch nach längerer Zeit ein. Einige Menschen, die weiterhin Substanzen gebrauchen, erfahren jedoch Probleme im Zusammenhang mit ihrer Gesundheit sowie ihrem emotionalen und psychologischen Wohlbefinden und sozialem Zusammenleben (einschließlich Verwicklungen mit dem Justizsystem).

Selektive und indizierte Präventionsmaßnahmen sowie Maßnahmen zur Schadensminderung und -behandlung sind besonders wichtig, um den Übergang zu schädlicheren Konsummustern zu verhindern und die daraus resultierenden Schäden zu reduzieren.

Diese Pfade und Übergänge zwischen verschiedenen Arten von „Substanzgebrauchsverhalten” werden von manchen als „natürlicher Verlauf” von Substanzgebrauch und Substanzgebrauchsstörungen bezeichnet. Risiko- und Schutzfaktoren sowie mögliche Schäden unterscheiden sich an verschiedenen Stellen des Verlaufs.

Die Faktoren, die die Initiation bestimmt haben, werden sich von denen unterscheiden, die den weiteren Gebrauch bestimmen, und dementsprechend auch die mit dem Konsum verbundenen Schäden. Es ist zudem wichtig, sich daran zu erinnern, dass Menschen, die derzeit keine Substanzen gebrauchen, keine Einzelgruppe sind, sondern auch diejenigen miteinschließen, die mit dem Gebrauch experimentiert oder in der Vergangenheit problematischen Konsum erlebt haben. Daher bedarf es einer breiten Palette umfassender sozialer, emotionaler, physischer und beruflicher Dienstleistungen, um den Bedürfnissen von Menschen gerecht zu werden, die Substanzen gebrauchen, unabhängig davon, wo sie sich auf ihrem Konsumpfad befinden (Abbildung 6). Im Allgemeinen zielt das Spektrum der Präventionsprogramme daher auf drei Gruppen ab:

Konsumpfade im Lebensverlauf

Erstkonsum
Ausstieg möglich Konsum beendet
Fortgesetzter Konsum
Ausstieg möglich Keine Probleme
Entwickeln von Problemen
  • Gesundheitlich: Sucht, Infektionen, chronische Probleme, Mortalität
  • Emotional, psychisch
  • Sozial

Einflussfaktoren an jedem Übergang

  • Persönliche Merkmale
  • Umweltfaktoren
  • Pharmakologische Faktoren

Risiko- und Schutzfaktoren unterscheiden sich an verschiedenen Stellen des Verlaufs; Prävention kann an jedem Übergang ansetzen. Nach UNODC (2013).

Abbildung 6: Konsumpfade (nach UNODC, 2013)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0
  • Universelle Interventionen oder Strategien beziehen sich hauptsächlich auf Nicht-User, beziehen User-Gruppen aber auch mit ein. In diese Kategorie von Interventionen fallen die meisten schulischen Curricula sowie Umweltstrategien, auf welche wir an späterer Stelle genauer eingehen werden.
  • Selektive Interventionen richten sich an vulnerable Gruppen, wo Substanzgebrauch wahrscheinlicher ist, als in der Allgemeinbevölkerung. Die Interventionen konzentrieren sich auf die Verbesserung der Möglichkeiten in schwierigen Lebens- und Sozialbedingungen. Dazu gehören auch schulische und familiäre Interventionen und Maßnahmen, welche die Schulpflicht der Kinder ebenfalls berücksichtigt.
  • Indizierte Interventionen richten sich an vulnerable Personen und helfen ihnen, besser mit ihren individuellen Persönlichkeitsmerkmalen und Risikofaktoren, die sie anfälliger für einen problematischen Substanzgebrauch machen, umzugehen.

Universelle Interventionen richten sich typischerweise (wenn auch nicht ausschließlich) an Zielgruppen vor dem Beginn des Substanzgebrauchs, indizierte und selektive Prävention sind für die Umsetzung an allen Übergangsstellen geeignet.

Kurze (oder frühe) Interventionen stehen im Zusammenhang mit der indizierten Prävention und sind in Europa nicht weit verbreitet, obwohl sie in Bezug auf den Alkoholkonsum häufiger vorkommen. Kurzinterventionen zielen darauf ab, dem Substanzgebrauch vorzubeugen oder ihn zu verzögern und Substanzgebrauchsprobleme zu verhindern. Diese Interventionen sind zeitlich begrenzt und operieren, wie in Abbildung 7 dargestellt, in der Grauzone zwischen Prävention und Behandlung. Sie richten sich daher in der Regel an junge Menschen oder gefährdete Personen .

Interventionsspektrum nach Mrazek und Haggerty (1994)

Fünf Stufen eines Kontinuums: von der universellen Prävention bis zur Nachsorge nach Behandlung.

Stufe 1 · universell

Universell

Gesamte Bevölkerung ohne Risikoprüfung.

Stufe 2 · selektiv

Selektiv

Gruppen mit erhöhtem Risiko (Familie, Milieu).

Stufe 3 · indiziert

Indiziert

Personen mit ersten Anzeichen oder Konsum.

Behandlung

Fallidentifikation

Standardversorgung, Therapie gemäß Leitlinien.

Nachsorge

Langzeitbegleitung

Rückfallprophylaxe, Rehabilitation.

Präventive Maßnahmen setzen vor einer behandlungsbedürftigen Störung an; die drei Präventionsstufen differenzieren nach Intensität und Zielgruppenauswahl, Nachsorge sichert Stabilität.

Abbildung 7: Interventionsspektrum (in Anlehnung an Mrazek und Haggerty, 1994)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Literatur zu diesem Kapitel

  1. 1.ESPAD Group (2020).ESPAD Report 2019: Results from the European School Survey Project on Alcohol and Other DrugsEMCDDA Joint Publications, Publications Office of the European Union, Luxembourg.
  2. 2.Europäische Kommission (2021).Special Eurobarometer 506: Attitudes of Europeans towards tobacco and electronic cigarettesPublications Office of the European Union, Luxembourg.
  3. 3.EBDD (Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht) (2021).Europäischer Drogenbericht 2021: Trends und EntwicklungenAmt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, Luxemburg.
  4. 4.Degenhardt, L., Whiteford, H. A., Ferrari, A. J., Baxter, A. J., Carlson, F. J., Hall, W. D., Freedmann, G., & Burstein, R. (2013).Global burden of disease attributable to illicit drug use and dependence: Findings from the Global Burden of Disease Study 2010The Lancet, 382, 1564–1574.doi:10.1016/S0140-6736(13)61530-5
  5. 5.World Health Organization (2018).Global status report on alcohol and healthGeneva: WHO.
  6. 6.EBDD (Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht) (2017).Health and social responses to drug problems: A European guideLuxembourg: Publications Office of the European Union.
  7. 7.Hawkins, J. D., Catalano, R. F., & Miller, J. Y. (1992).Risk and protective factors for alcohol and other drug problems in adolescence and early adulthood: Implications for substance abuse preventionPsychological Bulletin, 112(1), 64–105.doi:10.1037/0033-2909.112.1.64
  8. 8.Glantz, M. D., & Pickens, R. W. (1992).Vulnerability to drug abuse: Introduction and overviewIn M. D. Glantz & R. W. Pickens (Eds.), Vulnerability to Drug Abuse (pp. 1–14). Washington, DC: American Psychological Association.doi:10.1037/10107-000
  9. 9.Ayllón, S., & Ferreira-Batista, N. N. (2018).Unemployment, drugs and attitudes among European youthJournal of Health Economics, 57, 236–248.doi:10.1016/j.jhealeco.2017.08.005

Abschnitt I · Grundlegende Konzepte

Kapitel 02

Grundlagen der Präventionsforschung

Evidenzbasierte Präventionsmaßnahmen als Gegenstand empirischer Forschung

Dieses Kapitel stellt die Konzepte „evidenzbasierte Praxis” und „Best Practice” vor. Es gibt einen Überblick über bedeutsame Präventionstheorien und führt das sogenannte „Rad der Verhaltensänderung” ein, ein Instrument zur Einordnung und Auswahl verhaltensbezogener Interventionen und regulatorischer Maßnahmen. Abschließend behandelt es die Anpassung bereits bestehender Maßnahmen und die Bedeutung einer hohen Umsetzungsgenauigkeit.

Definitionen und Grundsätze

Die Prävention von Substanzgebrauchsstörungen kann Menschen darin unterstützen, mit dem Konsum von Substanzen gar nicht erst zu beginnen, oder bei bereits Konsumierenden einen problematischen Substanzgebrauch zu vermeiden. Darüber hinaus verfolgt Prävention ein umfassenderes Anliegen: Gesundheit und Sicherheit zu fördern und Menschen dabei zu unterstützen, ihre Talente und Potenziale zu entfalten. Die Entwicklung und Bereitstellung wirksamer evidenzbasierter Maßnahmen, die diese Ziele erreichen, ist ein wichtiger Pfeiler der europäischen Suchtprävention.

Was bedeutet „evidenzbasierte Prävention”? Eine Definition liefert das Evidence-Based Practice Institute der University of Washington: „Evidenzbasierte Praxis” (EBP) ist die Anwendung systematischer Entscheidungsprozesse oder die Bereitstellung von Maßnahmen, die nach verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen nachweislich zu einer Verbesserung der Situation der Zielgruppe führen. Statt Entscheidungen auf Tradition, Bauchgefühl oder Einzelbeobachtungen zu stützen, baut EBP auf Daten aus experimenteller Forschung und berücksichtigt dabei individuelle Merkmale der Zielgruppe sowie fachliche Expertise.

Diese Definition enthält zwei Schlüsselaspekte: eine systematische Entscheidungsfindung, die wissenschaftliche Hinweise auf positive Ergebnisse einbezieht, und das Vertrauen in Daten aus methodisch strenger experimenteller Forschung. Das Feld ist anspruchsvoll, doch ein Grundverständnis seiner Komplexität ist notwendig, um nachvollziehen zu können, warum Fachleute häufig – und mit guten Gründen – unterschiedlicher Meinung sind, ob Präventionsprogramme oder -praktiken bereits als „evidenzbasiert” gelten oder nur als „vielversprechend” oder „Best Practice” einzuordnen sind.

Die Definition von „Best Practice”, die die EBDD verwendet, lautet: „die bestmögliche Anwendung der verfügbaren Evidenz auf Aktivitäten im Umfeld psychoaktiver Substanzen”. Die EBDD führt weiter aus, dass ein Wirksamkeitsnachweis folgende Kriterien erfüllen sollte:

  • Relevanz für die Zielgruppen, einschließlich Fachkräften, politisch Verantwortlichen, Betroffenen und deren Familien;
  • Transparenz, Verlässlichkeit und Übertragbarkeit aller Methoden zur Bestimmung der „Best Practice”;
  • Berücksichtigung aller geeigneten Belege;
  • Einbeziehung sowohl der Wirksamkeit als auch der Durchführbarkeit in eine weiter gefasste Entscheidungsfindung.

Präventionsforschung und -praxis haben umfangreiches Wissen zusammengetragen, das die Entwicklung und Umsetzung wirksamer Präventionsmaßnahmen und -strategien für eine Vielzahl von Verhaltensweisen stützt, auch im Bereich des Substanzgebrauchs. Die EBDD1 und der Landespräventionsrat Niedersachsen2 haben viele dieser Maßnahmen in Registern zusammengeführt, in denen Informationen zu Best Practice für verschiedene Settings, Altersgruppen und Risikofaktoren abrufbar sind.

Verhaltensbezogene Risikofaktoren gehören zu den wichtigen Ursachen nicht übertragbarer Krankheiten. Präventionsforschung untersucht daher systematisch Interventionen, die schädliche Verhaltensweisen in der Bevölkerung reduzieren und gesundheitsförderliches Verhalten stärken sollen. Dies erfordert Fachwissen in einer Bandbreite theoretischer und methodischer Ansätze, um in unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen (z.B. Familie, Bildung, Arbeitsplatz, Kommune) forschen zu können.

Die US-amerikanische Gesellschaft für Präventionsforschung hat Grundprinzipien für evidenzbasierte Prävention herausgearbeitet, die auch für das EUPC leitend sind:

  • Menschliche Entwicklung. Menschen bewältigen je nach Lebensalter unterschiedliche Entwicklungsaufgaben (siehe Anhang 2). Scheitert die Bewältigung dieser biologisch und sozial geprägten Aufgaben in bestimmten Entwicklungsphasen, kann dies Störungen oder Problemverhalten nach sich ziehen. Alter und Entwicklungsstufe sind daher bei der Planung von Maßnahmen zu berücksichtigen.
  • Individuen und Gruppen unterscheiden sich je nach Alter und Lebenslage in ihrer Vulnerabilität.
  • Umfeld und Lebensverhältnisse prägen Einstellungen, Normen und Verhalten. Sie sind sowohl bei der Ursachenklärung als auch bei der Erarbeitung von Lösungsstrategien einzubeziehen.
  • Verhaltens- und motivationspsychologisches Wissen ist für die Entwicklung präventiver Interventionen von zentraler Bedeutung.
  • Wirksame Präventionsmaßnahmen zu gestalten, ist eine interdisziplinäre Aufgabe.
  • Präventives Handeln verlangt Klarheit und Transparenz über die Werte und Ziele der Handelnden und ist dem Wohl der Zielgruppen und der Gesellschaft verpflichtet.
  • Die Verbesserung der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit ist eine Aufgabe, die nur im Zusammenspiel von Forschung und Praxis gelingt.
  • Soziale Ungerechtigkeit trägt wesentlich zur Entstehung von Gesundheits- und Verhaltensproblemen bei. Prävention ist daher dem Abbau sozial bedingter Ungleichheit verpflichtet.

Grüne Liste Prävention: Struktur eines Registers

Landespräventionsrat Niedersachsen · gruene-liste-praevention.de

Einreichung

Programm-Einreichung Entwickler, Wissenschaft, Praxis
Programmbeschreibung Ziele, Zielgruppe, Setting
Evaluationsberichte Studien, Wirksamkeit

Prüfung

Unabhängige Bewertung
  • Konzeptqualität
  • Evaluationsdesign
  • Stichprobe und Dauer
  • Ergebnisqualität
  • Replikation, Transfer

Fachliche Begutachtung durch Expertinnen und Experten.

Bewertungsstufen

Effektivität nachgewiesen Hochwertige Wirksamkeitsstudien mit Kontrollgruppe, repliziert.
Effektivität wahrscheinlich Plausible Wirksamkeit, Evidenz bislang eingeschränkt.
Effektivität unklar Konzept plausibel, Evaluation fehlt oder unzureichend.

Veröffentlichung

Öffentliches Register

Steckbrief je Programm: Ziele, Zielgruppe, Setting, Dauer, Kosten, Evaluationsstatus, Materialbezug, Trainings, Kontakt.

Filter nach Altersgruppe, Setting (Schule, Familie, Kommune) und Bewertungsstufe.

Die Grüne Liste ist ein kuratiertes Register, kein Güte- oder Zertifizierungssiegel. Einträge werden regelmäßig aktualisiert; die Bewertungsstufe kann sich ändern, wenn neue Evidenz vorliegt.

Grüne Liste Prävention als Beispiel eines PräventionsregistersNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Das theoretische Fundament der Prävention

Mehrere wichtige Theorien haben die Entwicklung evidenzbasierter Präventionsmaßnahmen und die Ausrichtung der Forschung geprägt. Wenn in der Präventionsforschung und -praxis von Theorie die Rede ist, sind damit in sich zusammenhängende Konzepte gemeint, die beschreiben, erklären und vorhersagen, wie verschiedene Aspekte menschlichen Verhaltens zusammenhängen. In den meisten Fällen stützen sich Theorien auf empirische Befunde und werden im fortlaufenden Forschungsprozess weiter präzisiert.

Ein wichtiger Schritt beim Aufbau einer evidenzbasierten Intervention ist die Wahl eines theoretischen Bezugsrahmens. Ein solcher Rahmen:

  • erschließt das Verständnis der Umwelt- und Verhaltensdeterminanten eines bestimmten Problems;
  • klärt, welche Mechanismen für das angestrebte Ergebnis relevant sind;
  • leitet die Auswahl der Interventionsstrategie oder des Ansatzes, mit dem die Ergebnisse erreicht werden sollen .

In der Prävention kommen Theorien der Ätiologie (Entstehungsmodelle), der menschlichen Entwicklung und des menschlichen Verhaltens zum Tragen. Besonders relevant für Präventionsmaßnahmen sind Theorien, die Lernfähigkeit und Verhaltensänderung in den Mittelpunkt stellen.

Die Präventionswissenschaft greift auf Theorien aus angrenzenden Feldern zurück, etwa der Verhaltensökonomie, der Neuropsychologie und der Verhaltenspsychologie. Tabelle 2 führt einige zentrale Theorien auf.

Die Auseinandersetzung mit diesen Theorien zeigt, weshalb wirksame Präventionsmaßnahmen nicht ohne theoretischen Bezug konzipiert werden können. Zu den am häufigsten angewandten Theorien in der Präventionswissenschaft gehört die Theorie des geplanten Verhaltens. Sie berücksichtigt unter anderem folgende Faktoren:

  • Einstellung gegenüber dem Verhalten: Annahmen über dessen Konsequenzen. „Was könnte passieren, wenn ich Zigaretten rauche? Wird es mein Leben und die Menschen um mich herum beeinflussen?”
  • Wahrnehmung der Konsequenzen eines Verhaltens und seines normativen Charakters durch wichtige Bezugspersonen. „Wie würden meine Eltern reagieren, wenn sie davon erführen? Was würden meine Freundinnen und Freunde sagen?”
  • Selbstwirksamkeitserwartung: „Bin ich in der Lage, eine auf einer Party angebotene Zigarette abzulehnen?”

Das Zusammenspiel dieser Faktoren erklärt menschliches Verhalten belastbar. Schwierig an einer theoriegeleiteten Intervention ist die Übertragung in die Praxis. Ein hilfreiches Werkzeug dafür ist das Rad der Verhaltensänderung (The behaviour change wheel) von Susan Michie, Maartje van Stralen und Robert West . Es beruht auf dem COM-B-Modell (Fähigkeit, Gelegenheit, Motivation und Verhalten).

Theorie des geplanten Verhaltens (Ajzen)

Einstellungen gegenüber dem Verhalten
Subjektive Normen erwartete Erwartungen Dritter
Wahrgenommene Verhaltenskontrolle Selbstwirksamkeit
Intention Absicht, das Verhalten zu zeigen
Verhalten

Direkter Einfluss: Die wahrgenommene Verhaltenskontrolle wirkt zusätzlich direkt auf das Verhalten, wenn tatsächliche Barrieren vorliegen.

Die Intention vermittelt die drei Determinanten in Verhalten; die wahrgenommene Kontrolle wirkt zusätzlich direkt.

Abbildung 9: Theorie des geplanten Verhaltens (Ajzen)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Das COM-B-Modell bildet die möglichen Verhaltensursachen ab, wie sie der innere Kreis des Rads der Verhaltensänderung zeigt. Um Verhalten zu ändern, müssen diese Ursachen beeinflusst werden. Wie das gelingt, zeigen die äußeren Kreise des Rads: Sie enthalten sowohl Methoden der Verhaltensänderung als auch konkrete Interventionsformen, die sich als wirksam erwiesen haben.

Motivation wird als automatisch und zugleich reflektiert verstanden. Fähigkeit meint sowohl die körperliche als auch die psychische Befähigung. Gelegenheit bezeichnet die Möglichkeiten, die der soziale oder physische Kontext für ein bestimmtes Verhalten bereitstellt. Der rote Kreis fasst Interventionen zusammen, die auf diese Verhaltensdeterminanten zielen. Der graue Außenkreis benennt politische Instrumente, die die Umsetzung der Intervention begünstigen.

Theorie (Autor, Jahr) Inhalt
Allgemeine Theorien
Theorie des sozialen Lernens
Bandura, 1977
Menschen lernen Verhaltensweisen, indem sie andere beobachten und deren Verhalten imitieren und modellieren.
Theorie des Problemverhaltens
Jessor und Jessor, 1977
Mehrere riskante Verhaltensweisen teilen gemeinsame Wurzeln und werden durch die Interaktion von Person und Umwelt geprägt.
Ökologie der menschlichen Entwicklung
Bronfenbrenner, 1979
Systeme und Kontexte außerhalb des Individuums beeinflussen das individuelle Verhalten.
Theorie des geplanten Verhaltens
Ajzen, 1991
Einstellungen und Verhalten hängen über drei Wahrnehmungskategorien zusammen: Überzeugungen zu Folgen, zu Normen und zur Selbstwirksamkeit.
Präventionsspezifische Theorien
Theory of Triadic Influence
Flay und Petraitis, 2003
Drei Einflüsse tragen zu riskantem Verhalten bei: kulturell-gesellschaftliche, soziale bzw. zwischenmenschliche und intrapersonale Faktoren.
Risiko- und Schutzfaktoren
Hawkins et al., 1992
Risiko- und Schutzfaktoren verteilen sich auf gesellschaftliche, rechtliche sowie intra- und interpersonale Ebenen (Familie, Schule, Peergruppe).
Positive Jugendentwicklung
Catalano et al., 1999
Fokus auf die Förderung positiver Entwicklung und das gezielte Stärken vorhandener Potenziale.
Resilienztheorie
Werner et al., 1982
Manche Menschen verfügen über Ressourcen, um sich an belastende Situationen und Ereignisse anzupassen.
Nurturing Environments
Biglan und Hines, 2009
Kombiniert Elemente anderer Theorien mit Fokus auf Risikoreduktion und Förderung von Resilienz und weiteren positiven Eigenschaften.
Tabelle 2: Zentrale Präventionstheorien (u.a. Jessor und Jessor, 1977)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Struktur, Inhalt und Umsetzung

Präventionsmaßnahmen lassen sich anhand dreier Aspekte beschreiben: Struktur, Inhalt und Umsetzung. Alle drei sind theoriegeleitet.

Die strukturelle Komponente beschreibt, wie eine Präventionsintervention oder -strategie organisiert und gestaltet ist: etwa Anzahl und Dauer der Einheiten einer Intervention (z.B.: Besteht das Programm „X” aus 10, 15 oder 20 Einheiten? Wie lange dauert eine Einheit – 30 oder 45 Minuten? Verteilen sich die Einheiten auf eine Woche oder mehrere Wochen?).

Die inhaltliche Komponente betrifft die Interventionsziele und die Frage, mit welchen Informationen, Fähigkeiten und Strategien diese Ziele erreicht werden sollen. Dazu kann eine Intervention etwa das Training von Ablehnungsfertigkeiten gegenüber Gleichaltrigen (sogenannte Peer Refusal Skills) und die Arbeit an sozialen Normen vorsehen, ergänzt um ein Training familiärer Kommunikation.

Die Komponente „Umsetzung” befasst sich damit, wie die Intervention oder Strategie eingeführt wird und wie sie bei der Zielgruppe voraussichtlich Anklang findet. Beispiele sind der Einsatz interaktiver Unterrichtsstrategien mit Jugendlichen und Erwachsenen, das Anbieten von Elterntrainings zu familienfreundlichen Zeiten oder die begleitende Beobachtung der Umsetzung einer Intervention oder Strategie, um die Umsetzungsgenauigkeit der Kernelemente zu sichern.

Zielgruppen

Aufbauend auf dem oben erörterten Ätiologie-Modell lassen sich Schlüsselbereiche benennen, in denen eine Intervention der Entstehung von Überzeugungen, Einstellungen und Verhaltensweisen wirksam entgegenwirken kann, die problematischen Substanzkonsum und damit verbundene Risikoverhaltensweisen begünstigen. Diese Ansätze richten sich nicht nur an einzelne Personen, sondern auch an deren Mikro- und Makroebene. Im weiteren Verlauf des Curriculums werden Sie Präventionsmaßnahmen kennenlernen, die mit Eltern, Lehrkräften, Kindern und Jugendlichen sowie innerhalb der Familie, der Schule und auf kommunaler Ebene umgesetzt werden.

Bei der Ausrichtung einer Intervention oder Strategie sind folgende Hauptmerkmale bedeutsam:

  • Das Alter ist aus mehreren Gründen wichtig. Es hängt mit Entwicklungskompetenzen, Risikoverhalten und dem Schweregrad der Folgen von Substanzgebrauch zusammen. Zugleich ist das Alter ein Ansatzpunkt für die gezielte Ausrichtung von Interventionen und in der Umsetzungsplanung mitzudenken. So haben sich in der schulischen Prävention unterschiedliche Aktivitäten je nach Alters- und Entwicklungsgruppe als unterschiedlich wirksam erwiesen. Auch Bevölkerungsgruppen und Kulturen unterscheiden sich darin, welche Verhaltensweisen sie für welche Altersgruppe als akzeptabel betrachten. So kann neben gesetzlichen Altersbeschränkungen, etwa für den Kauf von Alkohol, ein kontrollierter Alkoholkonsum bei wichtigen Familienfeiern für ältere Jugendliche als akzeptabel gelten, für jüngere Kinder jedoch nicht;
  • Das Geschlecht kann für das „Risiko” einer Person und für den Rahmen, in dem die Intervention stattfindet, bedeutsam sein. Bevölkerungsgruppen und Kulturen knüpfen zudem unterschiedliche Erwartungen an Frauen und Männer, die in der Intervention zu berücksichtigen sind. Wichtig ist dabei, dass Präventionsmaßnahmen keine ungünstigen Geschlechterstereotype verstärken, die bestimmte gesundheitsschädliche Verhaltensweisen für Männer zulassen, für Frauen aber nicht;
  • Der geografische Standort ist bedeutsam, nicht nur für die verfügbaren Substanzen, sondern auch für die vorhandenen und leicht zugänglichen Ressourcen und Unterstützungsangebote;
  • Die Reichweite legt fest, in welchem Umfang die Intervention unterschiedliche Gruppen erreichen soll;
  • Schließlich kann der Schwerpunkt einer Intervention oder Strategie auch auf Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlich ausgeprägter Vulnerabilität und unterschiedlichem Risiko liegen.

Um die Zielgruppe zu identifizieren, muss eine Bedarfsanalyse durchgeführt werden. Diese ist Thema im dritten Kapitel.

Rad der Verhaltensänderung (nach Michie et al., 2011)

Von innen nach außen: COM-B-Diagnose, passende Interventionsfunktion, flankierende Politikkategorie.

COM-B-Kern

Capability Fähigkeit, Wissen, Können
Opportunity Gelegenheit, Umwelt, Ressourcen
Motivation reflektiv und automatisch

Neun Interventionsfunktionen

  • Aufklärung
  • Überzeugung
  • Anreiz
  • Zwang
  • Training
  • Einschränkung
  • Umgestaltung der Umwelt
  • Modellierung
  • Ermächtigung

Sieben Politikkategorien

  • Kommunikation und Marketing
  • Leitlinien
  • Finanzierung
  • Regulierung
  • Gesetzgebung
  • Umweltgestaltung
  • Dienstangebote

Lesart: Das Modell verbindet die Diagnose (was fehlt: Fähigkeit, Gelegenheit oder Motivation?) mit passenden Funktionen und politischen Hebeln zur Verhaltensänderung.

Drei Ringe, eine Logik: der COM-B-Kern benennt das Defizit, die mittlere Ebene wählt die Interventionsfunktion, die äußere Ebene sichert den politischen Rahmen.

Abbildung 10: Das Rad der Verhaltensänderung (nach Michie et al., 2011)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Programm X Beispiel

Wir übertragen dieses Beispiel nun auf eine schulbasierte Präventionsmaßnahme, um zu zeigen, wie eine Intervention aussehen kann. Angenommen sei ein hypothetisches Programm X, ein evidenzbasiertes Präventionscurriculum. Welche Kriterien sollte dieses Programm erfüllen?

Das erste Präventionsziel, abgeleitet aus der Theorie des geplanten Verhaltens, umfasst: Einstellungen gegenüber Verhaltensweisen und deren Konsequenzen, die Wahrnehmung der Folgen von Substanzgebrauch sowie normative Überzeugungen (Wahrnehmungen zum normativen Charakter des Substanzgebrauchs unter Gleichaltrigen). Bestimmte Einstellungen und Wahrnehmungen helfen der Zielgruppe, Entscheidungen über den Konsum von Substanzen zu treffen; in der Regel wird sie sich gegen den Konsum entscheiden. Ist diese Entscheidung gefallen, soll die Intervention Fähigkeiten aufbauen, die die Entscheidung stabilisieren. Dazu gehören kommunikative und soziale Fähigkeiten sowie weitere Lebenskompetenzen, die mit prosozialen und positiven Zielen verbunden sind.

Die Intervention erreicht ihre Ziele in der Regel, indem sie Jugendliche darin bestärkt, Informationen zu sammeln und sie mithilfe von Techniken zur Entscheidungsfindung und anderer Kompetenzen auf ihr eigenes Leben zu übertragen. Das kann über Kleingruppenaktivitäten und Diskussionsgruppen geschehen.

Zu bedenken ist, dass eine Intervention mehr leisten muss als die Selbstwirksamkeitserwartung zu steigern, um schädlichem Substanzkonsum vorzubeugen oder Substanzkonsum zu verringern. Eine gute Intervention vermittelt Verhaltensstrategien durch Modelllernen, Kompetenztraining sowie angeleitete Übung mit Rückmeldung und Bekräftigung.

Fußnoten

  1. https://www.euda.europa.eu/best-practice/xchange_en

  2. https://www.gruene-liste-praevention.de/

Literatur zu diesem Kapitel

  1. 1.Bartholomew, L. K., & Mullen, P. D. (2011).Five roles for using theory and evidence in the design and testing of behaviour change interventionsJournal of Public Health Dentistry, 71(1), 20–33.doi:10.1111/j.1752-7325.2011.00223.x
  2. 2.Michie, S., van Stralen, M. M., & West, R. (2011).The behaviour change wheel: A new method for characterising and designing behaviour change interventionsImplementation Science, 6(42).doi:10.1186/1748-5908-6-42

Abschnitt I · Grundlegende Konzepte

Kapitel 03

Evidenzbasierte Präventionsmaßnahmen und -strategien

Dieses Kapitel verschafft einen Überblick über zwei zentrale Publikationen, auf die sich das EUPC bezieht.

Zunächst stellen wir Ihnen die Internationalen Standards zur Prävention des Drogenkonsums vor, die die wissenschaftlichen Erkenntnisse über evidenzbasierte Maßnahmen und Strategien zur Prävention oder Reduktion des Substanzkonsums zusammenfassen. Die Standards wurden vom UNODC und der WHO gemeinsam mit Wissenschaftlern, Fachkräften und politischen Entscheidungsträgern aus aller Welt entwickelt. Darüber hinaus stellen wir Informationen über Register evidenzbasierter Programme bereit, die Sie beim Finden und Auswählen geeigneter evidenzbasierter Interventionen für Ihre Situation – in Übereinstimmung mit den UNODC-Standards – nutzen können.

Die zweite Publikation sind die Europäischen Qualitätsstandards zur Suchtprävention (EDPQS). Sie geben einen europäischen Rahmen für die Durchführung qualitativ hochwertiger Präventionsarbeit vor. Der Fokus der EDPQS liegt auf Planung, Auswahl und Implementation von Präventionsmaßnahmen, um deren Qualität durchgängig zu sichern .

Die Internationalen Standards zur Prävention des Drogenkonsums

Die Internationalen Standards fassen die aktuellen Erkenntnisse der Präventionsforschung sowie die wesentlichen Merkmale evidenzbasierter Präventionsmaßnahmen und -strategien, die nachweislich zu einer Reduktion des Substanzgebrauchs beitragen, übersichtlich zusammen.

Sie sollen Entscheidungsträger und andere mit Prävention befasste Berufsgruppen bei der Planung und Umsetzung wirksamer Maßnahmen unterstützen.

Die UNODC-Arbeitsgruppe prüfte systematisch alle verfügbaren wissenschaftlichen Artikel und Studien zur Prävention von Substanzgebrauchsstörungen und ordnete sie anschließend nach den Methoden, mit denen die Wirksamkeit der Präventionsmaßnahmen gemessen wurde. Die Evidenzqualität wurde anhand eines eigens entwickelten Verfahrens als „ausgezeichnet” (fünf Sterne), „sehr gut” (vier Sterne), „gut” (drei Sterne), „ausreichend” (zwei Sterne) oder „begrenzt” (ein Stern) klassifiziert.

Sobald diese Analysen abgeschlossen waren, wurden die wissenschaftlichen Artikel und Studien anhand von drei Dimensionen kategorisiert:

  • Altersbezogene Entwicklungsphase – Säuglingsalter, frühe Kindheit und mittleres Kindheitsalter, Adoleszenz sowie Spätadoleszenz und Erwachsenenalter
  • Setting – Familie, Schule, Arbeitsplatz oder Kommune
  • Zielgruppe – universell, selektiv oder indiziert.

Im Folgenden fassen wir die Standards für jede altersbezogene Entwicklungsphase kurz zusammen. Berücksichtigt wird, dass Menschen je nach Entwicklungsstand unterschiedlich auf Maßnahmen ansprechen und diese entsprechend bedarfsgerecht ausgestaltet sein müssen. Ebenso wird beachtet, dass Maßnahmen in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen (Settings) stattfinden können – in der Familie, Schule, am Arbeitsplatz oder in der Kommune – und sich entweder an Personen richten, die das Leben der Zielgruppe beeinflussen (Multiplikatoren wie Eltern, Lehrkräfte oder Vorgesetzte), oder an die Zielgruppe selbst. Auch der Risikostatus (universell, selektiv oder indiziert) wird einbezogen, weil er für die Passgenauigkeit einer Maßnahme entscheidend ist.

Säuglingsalter und frühe Kindheit (bis sechs Jahre)

Wie aus Tabelle 3 hervorgeht, haben drei Interventionsarten eine gewisse Wirkung auf diese Altersgruppe, wenngleich die Evidenzqualität zwischen den Maßnahmen variiert.

Für Interventionen, die sich an schwangere Frauen mit einer Substanzgebrauchsstörung richten, liegen nur eingeschränkte Wirksamkeitsnachweise vor. Studien mit günstigen Ergebnissen wurden von qualifizierten Fachkräften umgesetzt und umfassten folgende Inhalte:

  • bedarfsgerechte Psychotherapie (gegebenenfalls mit medikamentöser Unterstützung);
  • Behandlung aller vorhandenen körperlichen und psychischen Begleiterkrankungen;
  • Vermittlung von Erziehungskompetenz zur Förderung einer positiven Mutter-Kind-Bindung;
  • sozialpädagogische Leistungen in einem integrierten Behandlungssetting.

Die Wirksamkeit von Angeboten für junge Mütter mit einer Substanzgebrauchsstörung (einschließlich Hausbesuchen) war dann belegbar,

  • wenn die Maßnahme von qualifizierten Fachkräften strukturiert umgesetzt wurde (regelmäßige Besuche des Neugeborenen bis zum Alter von zwei Jahren);
  • wenn grundlegende Erziehungskompetenzen vermittelt wurden;
  • wenn die Mütter in körperlicher und psychischer Gesundheit sowie in Wohn-, Ernährungs- und Arbeitssituation unterstützt wurden.

Solche Interventionen lassen sich in bestehende Angebote für werdende Mütter oder in Gesundheitsprogramme für Neugeborene und Kleinkinder integrieren.

Als wirksam erwiesen sich auch frühpädagogische Maßnahmen für Kinder zwischen zwei und fünf Jahren, die in benachteiligten Gegenden aufwachsen. Solche Maßnahmen beeinflussen nicht nur den Cannabisgebrauch in der Adoleszenz, sondern auch andere riskante Verhaltensweisen; sie erhöhen den Schulerfolg und stärken soziale Einbindung sowie psychische Gesundheit. Kernmerkmale dieser Maßnahmen:

  • Lehrkräfte und Sozialpädagogen absolvieren vor der Umsetzung eine Fortbildung.
  • Die Maßnahmen betonen kognitive, soziale und sprachliche Fähigkeiten und bereiten Kinder auf Schule, Schülerrolle und schulische Anforderungen vor.
  • Sie bestehen aus täglichen Einheiten über längere Zeiträume hinweg.
Intervention Zielebene Wirksamkeitsindikator
Maßnahmen für schwangere Frauen mit Substanzgebrauchsstörungen Selektiv
Risikogruppen
begrenzt
Hausbesuche während der Schwangerschaft und im Säuglingsalter Selektiv
Risikogruppen
ausreichend
Frühkindliche Erziehung Selektiv
Risikogruppen
sehr gut

Wirksamkeitsindikator: 1 Punkt = begrenzt, 2 = ausreichend, 3 = gut, 4 = sehr gut, 5 = ausgezeichnet. Drei Zielebenen: universell (Gesamtpopulation), selektiv (Risikogruppen), indiziert (gefährdete Individuen).

Tabelle 3: Evidenzbasierte präventive Maßnahmen während des Säuglingsalters und der frühen KindheitNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Mittleres Kindesalter (von sechs bis zehn Jahren)

Für diese Altersgruppe zeigten sich „ausreichende” bis „sehr gute” Wirksamkeitsnachweise (Tabelle 4). Drei Interventionen richteten sich an ganze Gruppen (universell), eine an ausgewählte oder Risikogruppen (selektiv und indiziert); Ansätze zur Förderung eines regelmäßigen Schulbesuchs adressierten vorwiegend Risikogruppen.

Maßnahmen zur Förderung der Erziehungskompetenz unterstützen Eltern dabei, ihre Erziehungsstile und -fähigkeiten weiterzuentwickeln. Sie haben sich sowohl bei Kindern im Allgemeinen als auch bei Kindern mit erhöhtem Risiko als wirksam erwiesen. Für diese Entwicklungsphase sind die Hinweise auf die Bedeutung solcher Interventionen besonders deutlich. Inhaltlich konzentrierten sich die wirksamen Interventionen auf die Stärkung der Familienbindung und darauf, Eltern und Betreuungspersonen folgende Fähigkeiten zu vermitteln:

  • Warmherzige Kindererziehung;
  • Aufstellung von Regeln für akzeptables Verhalten;
  • Beobachtung von Freizeit- und Freundschaftsverhalten;
  • Durchsetzung positiver und entwicklungsgerechter Disziplin;
  • Beteiligung am Lern- und Bildungsprozess der Kinder;
  • Vorbild werden.

Wirksame Interventionen zur Erziehungskompetenz bestanden aus mehreren interaktiven Sitzungen, die Eltern und Kinder gleichermaßen einbezogen. Wie bei den zuvor genannten evidenzbasierten Maßnahmen erhielten alle Fachkräfte eine spezielle Schulung.

Keine oder negative Wirkung zeigten dagegen Interventionen zur Erziehungskompetenz, die sich ausschließlich auf das Kind richteten oder nur in Form von Vorträgen vermittelt wurden. Auch Maßnahmen, die Eltern oder Betreuungspersonen lediglich Informationen über Substanzen vermittelten oder die Autorität der Eltern untergruben, führten zu keinen positiven oder zu negativen Ergebnissen.

Maßnahmen zur Förderung persönlicher und sozialer Kompetenzen werden in der Regel in der Schule durchgeführt; ihre Wirksamkeit ist gut belegt. Sie eröffnen Kindern Gelegenheiten, Fähigkeiten für den Umgang mit einer Vielzahl alltäglicher Situationen zu erlernen, unterstützen den Aufbau allgemeiner sozialer Kompetenzen und setzen sich mit normativen Überzeugungen und Einstellungen auseinander.

Wirksam sind vor allem Interventionen, welche:

  • von ausgebildeten Lehrkräften mit interaktiven Methoden umgesetzt werden;
  • primär an der Entwicklung von Fähigkeiten ansetzen, insbesondere an Bewältigungsstrategien sowie an persönlichen und sozialen Kompetenzen;
  • in der Regel in den ersten Schuljahren unterrichtet werden und die Schülerschaft aktiv einbinden;
  • aus einer Reihe von Sitzungen bestehen;
  • die Klassenführungskompetenzen der Lehrkräfte stärken und die Sozialisation der Kinder unterstützen, damit diese ihre Schülerrolle erfolgreich ausfüllen.

Wichtig sind zudem Maßnahmen, die das Schulerleben verbessern und positive Haltungen gegenüber Schule und Bildung fördern. Sie stärken sowohl das fachliche als auch das sozio-emotionale Lernen. Schulbasierte Prävention wird später in diesem Curriculum näher erläutert.

Intervention Zielebene Wirksamkeitsindikator
Programme zur Förderung elterlicher Erziehungskompetenz Universell und selektiv
Gesamtpopulation und Risikogruppen
sehr gut
Förderung persönlicher und sozialer Kompetenzen Universell
Gesamtpopulation
gut
Programme zur Verbesserung der Unterrichtsumgebung Universell
Gesamtpopulation
gut
Maßnahmen zur Förderung des regelmäßigen Schulbesuchs Selektiv
Risikogruppen
ausreichend
Behandlung psychischer Erkrankungen Indiziert
Gefährdete Individuen
ohne Einstufung

Wirksamkeitsindikator: 1 Punkt = begrenzt, 2 = ausreichend, 3 = gut, 4 = sehr gut, 5 = ausgezeichnet.

Tabelle 4: Evidenzbasierte präventive Maßnahmen während des mittleren KindesaltersNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Adoleszenz (elf bis achtzehn Jahre)

Die Adoleszenz umfasst das Alter von elf bis achtzehn Jahren und ist eine Zeit vieler Herausforderungen, da sich das Gehirn im Zusammenspiel hormoneller und anderer biologischer Prozesse fortlaufend entwickelt. Viele Gehirnfunktionen reifen jedoch auch nach der Adoleszenz weiter, was die Bedeutung von Interventionen jenseits des 18. Lebensjahres unterstreicht.

Es liegen zahlreiche Evaluationsstudien zu Interventionen vor, die auf die Bedürfnisse von Jugendlichen eingehen (Tabelle 5). Interventionen zur Erziehungskompetenz wurden bereits erörtert und sind für diese Altersgruppe ebenso relevant wie Curricula zur Förderung persönlicher und sozialer Kompetenzen sowie förderliche Schulrichtlinien (school policies), die sich an eine universelle Zielgruppe richten. Für stärker gefährdete Bevölkerungsgruppen liegen ausreichende Wirksamkeitsnachweise für Interventionen vor, die individuelle Aufmerksamkeit bieten, etwa solche, die psychologische Vulnerabilität adressieren, sowie Mentoring-Programme.

Wirksame Interventionen zur Erziehungskompetenz für diese Altersgruppe umfassen:

  • Stärkung der familiären Bindung und der Erziehungskompetenzen, insbesondere durch klare Regeln, das aufmerksame Verfolgen von Freizeitaktivitäten und Freundschaften sowie die fortwährende Beteiligung am Bildungsweg der Jugendlichen;
  • Interventionen, die für Jugendliche relevante Materialien, Situationen und Fragestellungen aufgreifen, einschließlich mehrerer stark interaktiver Gruppensitzungen.

Solche Interventionen erfordern geschulte Trainerinnen und Trainer und sollten so gestaltet sein, dass die Jugendlichen uneingeschränkt teilnehmen können.

Für diese Altersgruppe sind auch Bildungsangebote zu persönlichen und sozialen Kompetenzen wichtig.

  • Sie stärken die Fähigkeit, Substanzen und Gruppendruck von Gleichaltrigen (Peers) abzulehnen, sozialem Druck hinsichtlich des Substanzgebrauchs zu begegnen und belastende Lebenssituationen auf gesunde Weise zu bewältigen.
  • Ergänzende Komponenten adressieren die Wahrnehmung von Risiken oder Schäden des Substanzgebrauchs und richten den Blick auf Konsequenzen, die für das Jugendalter besonders relevant sind.
  • Zudem gehen diese Interventionen auf Fehlwahrnehmungen Jugendlicher zum normativen Charakter des Substanzkonsums ein: Viele überschätzen den Anteil Gleichaltriger, die nach ihrer Einschätzung rauchen, trinken oder andere Substanzen gebrauchen.
  • Die Interventionen liefern belastbare Informationen, damit Jugendliche reale Folgen des Substanzgebrauchs gegen die eigenen substanzbezogenen Erwartungen abwägen können.
  • Eine aktive Beteiligung an Präventionsaktivitäten setzt geeignete didaktische Methoden voraus. Das wiederum erfordert ausgebildete Lehrkräfte oder Fachkräfte, die eher als Moderierende und Lernbegleiter auftreten als in klassischer Lehrendenrolle.

Schulrichtlinien (school policies) eröffnen einen weiteren Zugang für evidenzbasierte Prävention im schulischen Umfeld, insbesondere solche, die den Umgang mit Substanzen regeln und festlegen, wie mit Verstößen zu verfahren ist. Gut durchdachte Richtlinien tragen zu einem Umfeld bei, in dem die Schülerschaft sich sicher, wohl und erfolgreich fühlt. Es liegen ausreichende Hinweise darauf vor, dass solche Richtlinien wirksam sind und den Substanzgebrauch sowohl bei Schülerschaft als auch beim Schulpersonal positiv beeinflussen.

Eine individuelle psychologische Beratung oder Kurzintervention ist angebracht für Jugendliche mit Anzeichen psychischer Vulnerabilität wie „Sensation Seeking”, Impulsivität, Angstempfindlichkeit oder Hoffnungslosigkeit. Diese Faktoren sind nachweislich mit Substanzkonsum assoziiert, wenn sie unbehandelt bleiben. Junge Menschen in dieser Gruppe entwickeln häufig Schwierigkeiten in der Schule, im Elternhaus oder im Umgang mit Gleichaltrigen. Für sie gilt:

  • Sie werden von Fachkräften mithilfe validierter Instrumente identifiziert.
  • Interventionen unterstützen den Aufbau von Fähigkeiten, konstruktiv mit eigenen Emotionen umzugehen.
  • Interventionen werden von ausgebildeten Fachkräften durchgeführt.
  • Interventionen umfassen zwei bis fünf kurze Sitzungen.

Für Mentoring-Programme, insbesondere für gefährdete Jugendliche mit risikoreichem Verhalten, liegen keine starken Wirksamkeitsnachweise vor. Die Forschungsliteratur zeigt jedoch, dass ausgebildete Mentoren, die ein klar strukturiertes Aktivitätsprogramm anbieten, positive Effekte erzielen können. In der Regel wird dabei eine junge Person mit einer erwachsenen Bezugsperson zusammengeführt, die sich verpflichtet, sie regelmäßig und über einen längeren Zeitraum hinweg zu begleiten.

Intervention Zielebene Wirksamkeitsindikator
Bildungsprogramme zur Förderung persönlicher und sozialer Kompetenzen basierend auf sozialem Einfluss Universell und selektiv
Gesamtpopulation und Risikogruppen
gut
Schulentwicklung (Regeln, Kultur) Universell
Gesamtpopulation
ausreichend
Adressierung individueller psychischer Vulnerabilitäten Indiziert
Gefährdete Individuen
ausreichend

Altersgruppe 11–18 Jahre. Wirksamkeitsindikator: 1 Punkt = begrenzt, 2 = ausreichend, 3 = gut, 4 = sehr gut, 5 = ausgezeichnet.

Tabelle 5: Evidenzbasierte präventive Maßnahmen während der AdoleszenzNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Spätadoleszenz und Erwachsenenalter (ab 18 Jahre)

Die Spätadoleszenz und das Erwachsenenalter umfassen junge Erwachsene ab dem Alter von 18 Jahren.

Die Alkohol- und Tabakpolitik (alcohol and tobacco policies) weist eine ausgezeichnet belegte Wirksamkeit auf. Da Tabak- und Alkoholgebrauch häufiger auftreten als der Gebrauch anderer Substanzen und die damit verbundene globale Gesundheitsbelastung größer ist, kann schon eine verzögerte Einstiegserfahrung bei Jugendlichen erhebliche soziale Wirkung entfalten.

  • Evidenzbasierte Tabak- und Alkoholpolitik beschränkt den Zugang von Kindern und Jugendlichen zu diesen Substanzen und verringert die Verfügbarkeit von Tabak- und Alkoholprodukten.
  • Wirksam sind insbesondere Maßnahmen, die das Mindestalter für den Verkauf anheben und die Preise über Besteuerung erhöhen.
  • Auch das Verbot von Tabakwerbung und Einschränkungen der Alkoholwerbung, die auf Jugendliche zielt, zeigten einen rückläufigen Gebrauch.
  • Die aktive und konsequente Durchsetzung dieser Gesetze sowie die Einbindung des Einzelhandels durch Schulungsprogramme gehören zu den wirksamen Ansätzen der Tabak- und Alkoholprävention.
Intervention Zielebene Wirksamkeitsindikator
Kurzintervention Indiziert
Gefährdete Individuen
sehr gut
Mentoring Selektiv
Risikogruppen
begrenzt
Alkohol- und Tabakpolitik Universell
Gesamtpopulation
ausgezeichnet

Wirksamkeitsindikator: 1 Punkt = begrenzt, 2 = ausreichend, 3 = gut, 4 = sehr gut, 5 = ausgezeichnet.

Tabelle 6: Evidenzbasierte präventive Maßnahmen in der späten Adoleszenz und dem ErwachsenenalterNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0
Intervention Zielebene Wirksamkeitsindikator
Kommunale Mehr-Ebenen-Intervention Universell und selektiv
Gesamtpopulation und Risikogruppen
gut
Medienkampagnen Universell
Gesamtpopulation
begrenzt
Prävention im Setting Arbeit Universell, selektiv und indiziert
Gesamtpopulation, Risikogruppen und gefährdete Individuen
gut
Prävention im Nachtleben bzw. in Unterhaltungsstätten Universell
Gesamtpopulation
begrenzt

Wirksamkeitsindikator: 1 Punkt = begrenzt, 2 = ausreichend, 3 = gut, 4 = sehr gut, 5 = ausgezeichnet.

Tabelle 7: Evidenzbasierte präventive Maßnahmen in verschiedenen SettingsNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Die Europäischen Qualitätsstandards zur Suchtprävention (EDPQS)

Die Europäischen Qualitätsstandards zur Suchtprävention (EDPQS) verfolgen drei Ziele: die Entwicklung und Umsetzung von Präventionsmaßnahmen und -strategien zu verbessern, den Einsatz von Maßnahmen ohne Wirksamkeitsnachweis oder mit belegten negativen Effekten zu reduzieren und sicherzustellen, dass Präventionsaktivitäten von fachkompetenten Organisationen und Fachkräften umgesetzt werden und zum jeweiligen Kontext sowie zur Zielgruppe passen. Die Standards sollen einen Wandel der professionellen Präventionskultur anstoßen – hin zu einem systematischeren, evidenzbasierten Vorgehen in der Suchtprävention.

Die EDPQS beschreiben den Zyklus eines Präventionsprogramms in acht Phasen (siehe Abbildung 11). Der Programmzyklus schlägt zwar eine bestimmte Reihenfolge vor, in der Praxis können jedoch einzelne Phasen in abweichender Abfolge durchlaufen werden; nicht alle Phasen sind für alle Arten von Präventionstätigkeit relevant. Ergänzend enthalten die EDPQS Querschnittskriterien, die in jeder Phase zu berücksichtigen sind. Die folgende Darstellung des Programmzyklus stützt sich auf die Kurzanleitung der EDPQS .

Die Querschnittskriterien betreffen übergreifende Themen, die sich nicht nur auf eine Phase, sondern auf den gesamten Programmzyklus beziehen. Die vier Querschnittskriterien werden im Folgenden beschrieben.

Abbildung 11: EDPQS-Programmzyklus (acht Phasen mit vier Querschnittskriterien A–D)
Abbildung 11: EDPQS-Programmzyklus (acht Phasen mit vier Querschnittskriterien A–D)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

A: Nachhaltigkeit und Finanzierung

Interventionen sind in einem größeren Rahmen von Präventionsaktivitäten zu verorten. Die langfristige Tragfähigkeit der Präventionsarbeit ist soweit möglich sicherzustellen. Im Idealfall können Interventionen über die erste Umsetzung hinaus fortgeführt werden, auch nachdem die externe Finanzierung ausgelaufen ist. Nachhaltigkeit hängt jedoch nicht allein von der dauerhaften Verfügbarkeit von Finanzmitteln ab, sondern ebenso vom anhaltenden Engagement der Mitarbeitenden und weiterer relevanter Akteure in der Suchtprävention. Auch zeitlich begrenzte Einzelmaßnahmen können Teil einer langfristigen Präventionsstrategie sein, deren Kontinuität entscheidend ist.

B: Kommunikation und Einbindung relevanter Akteure

Relevante Akteure sind Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen, die ein Interesse an Ablauf und Ergebnissen der Intervention haben oder direkt oder indirekt von ihr betroffen sind – etwa die Zielgruppe, Kommunen, Geldgeber und andere Präventionsakteure. Sie sollten angesprochen und in die Planung von Interventionen oder Strategien einbezogen werden, um Vorhaben zu koordinieren, Erkenntnisse zu teilen und gemeinsame Planung und Mittelabstimmung zu verankern.

C: Personalentwicklung

Dieses Querschnittskriterium ruht auf drei Säulen: Personalschulung, kontinuierliche Personalentwicklung sowie fachliche und emotionale Begleitung. Der Schulungsbedarf ist vor der Umsetzung zu erheben; die Mitarbeitenden werden entsprechend geschult, damit die Durchführung der Intervention oder Strategie einem hohen Standard genügt. Kontinuierliche Personalentwicklung dient zugleich der Wertschätzung, der Bindung und dem Aktuellhalten von Kenntnissen und Fähigkeiten. Während der Umsetzung ist es wichtig, den Mitarbeitenden Raum für Reflexion und Weiterentwicklung ihrer Arbeit zu geben.

Die Qualität des Personals ist ein wesentlicher Einflussfaktor für die Qualität der Intervention und steht in engem Zusammenhang mit der erhaltenen Schulung oder Ausbildung. In vielen europäischen Ländern fehlt bislang ein einheitliches Ausbildungssystem für Präventionsfachkräfte. Charvat, Jurystova und Miovsky (2012) schlagen ein Qualifizierungssystem für Präventionsfachkräfte im Rahmen des Schulsystems vor (Abbildung 12). Im Zentrum steht das Bestreben, unterschiedliche Schulungs- und Ausbildungsniveaus zu standardisieren, die ihrerseits die jeweils spezifischen und erwarteten Kenntnisse und Fähigkeiten der Mitarbeitenden abbilden.

So genügt für eine Lehrkraft, die ein einfaches Bildungsangebot oder eine Aufklärungsstunde zu psychoaktiven Substanzen durchführt, ein grundlegendes Kompetenzniveau (Basic Level), während von einer Bildungsfachkraft, die für ein Screening der Schülerschaft und die Umsetzung eines komplexeren Präventionsprogramms zuständig ist, weiterführende Kompetenzen erwartet werden. Das EUPC ist ein weiterer Beitrag dazu, die Ausbildung europaweit zu verbessern und zu vereinheitlichen.

D: Ethik

Präventionsmaßnahmen wirken in das Leben von Menschen hinein, zumal sich Prävention in der Regel an junge Menschen richtet. Bei selektiver und indizierter Prävention können die Adressaten zu den am stärksten gefährdeten Gruppen der Gesellschaft gehören. Fachkräfte sollten daher nicht voraussetzen, dass präventives Handeln per se ethisch ist und den Teilnehmenden nutzt. Auch wenn nicht immer alle Grundsätze ethischer Prävention vollständig einzuhalten sind, muss in jeder Phase ein ethischer Ansatz klar erkennbar sein. Entsprechend werden Verfahren entwickelt, um die Rechte der Teilnehmenden zu schützen und potenzielle Risiken einzuschätzen und zu begrenzen.

Nun gehen wir zu den einzelnen Phasen des Programmzyklus über:

Phase 1: Bedarfsanalyse

Bevor eine Intervention im Detail geplant werden kann, ist es wichtig, die Art und das Ausmaß der substanzbezogenen Bedarfe sowie deren mögliche Ursachen und beitragende Faktoren zu untersuchen. Diese stellen sicher, dass die zu ergreifenden Maßnahmen notwendig und den Bedarfen entsprechend sind. Vier Arten von Bedarfen werden unterschieden: politische Bedarfe; (allg.) kommunale Bedarfe; Bedarfe, die sich aus Lücken in der Bereitstellung von Präventionsmaßnahmen ergeben und (spezifische) Bedarfe der Zielgruppe.

1.1 Relevante Gesetzgebung und Politik kennen

Kenntnisse über substanzbezogene Richtlinien und Gesetzgebung sollten allen Präventionstätigkeiten zugrunde liegen. Das Programmteam muss sich der substanzbezogenen Politik und Gesetzgebung auf regionaler, landesweiter, nationaler und/oder internationaler Ebene bewusst sein und in Übereinstimmung mit diesen arbeiten. Wenn Interventionen Bedürfnisse ansprechen, die keine aktuellen politischen Prioritäten darstellen, sollen sie dennoch die umfassendere Präventionsagenda unterstützen, wie sie durch nationale oder internationale Strategien definiert ist. Andere Leitlinien, wie verbindliche Standards und Richtlinien, sollten gegebenenfalls ebenfalls berücksichtigt werden.

1.2 Substanzkonsum und gemeinschaftliche Bedürfnisse erfassen

Das zweite Modul dieser Phase fordert das Ausmaß des Substanzkonsums in der Allgemeinbevölkerung oder bestimmten Subpopulationen zu erheben. Es genügt nicht, sich bei der Planung von Präventionsarbeit auf Annahmen oder Ideologien zu stützen. Stattdessen müssen präventive Interventionen oder -maßnahmen durch eine empirische Einschätzung der Bedürfnisse der Menschen informiert sein. Andere relevante Themen wie Deprivation und Ungleichheit sollten ebenfalls berücksichtigt werden, um der Beziehung zwischen Substanzgebrauch und anderen Bedürfnissen Rechnung zu tragen.

1.3 Bedürfnisse beschreiben – Notwendigkeit für Interventionen begründen

Die Ergebnisse aus der kommunalen Bedarfsanalyse werden dokumentiert und in einen Zusammenhang gebracht, um die Notwendigkeit nach einer Intervention zu rechtfertigen. Die Begründung sollte die Ansichten der Kommune berücksichtigen, um sicherzustellen, dass die Intervention für sie relevant ist. Den Fokus auf die „Bedürfnisse” statt auf die „Probleme” zu legen, kann dazu beitragen, Akteure einzubinden, die sich sonst stigmatisiert fühlen könnten. Bereits existierende Präventionsmaßnahmen oder -strategien werden an dieser Stelle ebenfalls analysiert, um zu verstehen, wie die neue Intervention die derzeitige Versorgungsstruktur ergänzen kann.

1.4 Zielgruppe verstehen

Die Bedarfsanalyse wird kompletiert, indem detaillierte Daten über die potenzielle Zielgruppe gesammelt werden, z. B. Informationen über Risiko- und Schutzfaktoren sowie die Kultur und das Alltagsleben der Zielgruppe. Ein gutes Verständnis der Zielgruppe und ihrer Lebenswirklichkeit ist Voraussetzung für eine wirksame, kosteneffektive und ethische Prävention. Gegebenenfalls muss eine intermediäre Zielgruppe adressiert werden, die selbst nicht betroffen ist (z. B. Eltern, Lehrkräfte), jedoch indirekt einen Einfluss auf die eigentliche Zielgruppe hat (z. B. vulnerable Jugendliche).

Expertenniveau Programmentwicklung, Forschung, Lehre, Systemsteuerung
Fortgeschrittenes Niveau Screening, Adaption, Koordination, EDPQS-Anwendung
Mittleres Niveau Manualisierte Programme durchführen, Standards anwenden
Grundlegendes Niveau Basiswissen zu psychoaktiven Substanzen, Kurzinformation, Aufklärung

Nach Charvat, Jurystova und Miovsky (2012). Grundlage für ein einheitliches EU-Ausbildungssystem im Feld der Prävention.

Abbildung 12: Aus- und Weiterbildungsniveaus (Grundlegend, Mittel, Fortgeschritten, Experte)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Phase 2: Ressourcenanalyse

Eine Intervention wird nicht nur durch den Bedarf der Zielgruppe definiert, sondern auch durch die verfügbaren Ressourcen. Während die Bedarfsanalyse aufzeigt, auf was die Intervention oder Strategie abzielen sollte, liefert die Ressourcenanalyse wichtige Informationen darüber, ob und wie diese Ziele erreicht werden können.

2.1 Zielgruppen- und gemeinschaftliche Ressourcen erfassen

Präventionsmaßnahmen oder -strategien können nur dann erfolgreich sein, wenn die Zielgruppe, die Kommune und andere relevante Akteure „bereit” sind, sich zu engagieren, z.B. fähig und willens sind, sich an der Intervention zu beteiligen oder deren Umsetzung zu unterstützen. Sie können auch über Ressourcen verfügen, die als Teil der Intervention genutzt werden können (z.B. Netzwerke, Fähigkeiten). Die Standards dieses Moduls beschreiben die Anforderung, mögliche Widerstands- wie auch Unterstützungsquellen für die Intervention sowie verfügbare Ressourcen relevanter Akteure zu beurteilen und zu berücksichtigen.

2.2 Internen Kapazitäten erfassen

Die Analyse der internen Ressourcen und Kapazitäten ist wichtig, da die Intervention nur durchführbar ist, wenn sie den verfügbaren personellen, finanziellen und anderen Ressourcen entspricht. Dieser Schritt wird vor der Programmformulierung durchgeführt, um herauszufinden, welche Arten von Interventionen oder Strategien möglich sind. Da der Zweck dieser Analyse darin besteht, eine informierte Planung zu ermöglichen, muss es sich dabei um keine „formelle” Analyse durch eine externe Organisation handeln, sondern kann beispielsweise eine informelle Diskussion zwischen Mitarbeitenden sein, um organisatorische Stärken und Schwachen in Bezug auf die Ressourcenlage zu ermitteln.

Phase 3: Programmformulierung

Die Formulierung der Intervention oder Strategie skizziert deren Inhalt und Struktur und bietet die notwendige Grundlage, um eine gezielte, detaillierte, kohärente und realistische Planung zu ermöglichen. Auf der Grundlage der Bedarfsanalyse der Zielgruppe und der verfügbaren Ressourcen sollen die Kernelemente der Intervention oder der Strategie klar definiert werden.

3.1 Zielgruppe definieren

Eine gute Definition der Zielgruppe stellt sicher, dass die Intervention die richtigen Menschen anspricht. Die Zielgruppe kann aus Einzelpersonen, Gruppen, Haushalten, Organisationen, Kommunen, Settings und/oder anderen Einheiten bestehen, solange sie identifizierbar und klar definiert ist. Die Definition sollte spezifisch und angemessen für den Umfang der Intervention oder Strategie sein. Zum Beispiel ist eine wichtige Überlegung, ob die Zielgruppe mit dem beabsichtigten Ansatz erreicht werden kann.

3.2 Theoretisches Modell anwenden

Wie oben diskutiert, erhöht die Verwendung eines theoretischen Modells, das für den speziellen Kontext der Intervention geeignet ist, die Wahrscheinlichkeit, dass Ziele erfolgreich erreicht werden. Es hilft bei der Identifizierung relevanter Mediatoren substanzbezogener Verhaltensweisen (wie Absichten und Überzeugungen, die den Substanzgebrauch beeinflussen) und bei der Festlegung umsetzbarer Ziele. Alle Interventionen sollten auf fundierten theoretischen Modellen beruhen, insbesondere wenn sie neu entwickelt werden.

3.3 Ziele formulieren

Ohne klare lang-, mittel- und kurzfristige Ziele besteht das ernstzunehmende Risiko, Präventionsarbeit um ihrer selbst willen durchzuführen, statt zum Nutzen der Zielgruppe. Die EDPQS verwenden eine dreistufige Zielstruktur, bestehend aus lang-, mittel- und kurzfristigen Zielen. Langfristige Ziele beschreiben die langfristige Richtung, die allgemeine Idee, den Zweck oder die Intention der Intervention. Sie können innerhalb der spezifischen Intervention erreicht werden oder auch nicht, bieten jedoch eine strategische Ausrichtung. Mittelfristige Ziele sind klare Aussagen über die Programmergebnisse der Teilnehmer (in Bezug auf Verhaltensänderungen) bei Interventionsabschluss. Kurzfristige Ziele beschreiben die unmittelbare oder mittelfristige Verhaltensänderung bei den Teilnehmenden, die notwendig ist, um ein mittelfristiges Ziel zu erreichen. Schließlich beschreiben die operativen Ziele die Aktivitäten, die zur Erreichung der mittel- und kurzfristigen Ziele erforderlich sind.

3.4 Setting definieren

Das Setting ist die soziale und/oder physische Umgebung, in der eine Intervention stattfindet, z.B. Familie, KiTa, Schule, Arbeitsplatz oder Kommune. Die Bedarfsanalyse kann zeigen, dass ein oder mehrere Settings relevant sind. Praktische Erwägungen (z. B. leichter Zugang, notwendige Kollaborationen) müssen jedoch bei der Entscheidung über das Setting ebenfalls berücksichtigt werden. Eine klare Definition des Settings ist essenziell, damit andere verstehen können, wo und wie die Intervention durchgeführt wurde.

3.5 Wirksamkeitsnachweise berücksichtigen

Bei der Planung von Präventionsmaßnahmen ist es wichtig, das vorhandene Wissen über das „Was in der Prävention funktioniert” zu kennen und zu nutzen. Die vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse über evidenzbasierte, wirksame Prävention sollen konsultiert und die für die geplante Intervention oder Strategie relevanten Ergebnisse hervorgehoben werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen mit der Berufserfahrung von Praktikern kombiniert werden, um eine Intervention zu entwickeln, die für den spezifischen Interventionskontext relevant ist. Wo keine wissenschaftlichen Evidenzen über die Wirksamkeit verfügbar sind, können stattdessen Berufserfahrung und Fachwissen weiterer Akteure hinzugezogen werden. Die Limitationen solcher Wissensformen im Vergleich zu wissenschaftlichen Forschungsergebnissen sollten jedoch sorgfältig abgewogen werden (z.B. aufgrund deren fehlender Generalisierbarkeit).

3.6 Zeitplan erstellen

Ein realistischer Zeitplan ist für die Planung und Umsetzung der Intervention oder Strategie unerlässlich, damit die Mitarbeitenden ihre Bemühungen zielgerichtet koordinieren können. Der Zeitplan stellt den geplanten zeitlichen Ablauf der Aktivitäten und die geltenden Fristen dar. Er kann während der Interventionsdurchführung aktualisiert werden, um deren tatsächliche Entwicklung widerzuspiegeln.

Phase 4: Interventionsdesign

Die Standards dieser Phase helfen bei der Entwicklung einer neuen Intervention sowie bei der Auswahl und Anpassung einer bestehenden und fördern die Beachtung von Evaluationsanforderungen als Teil des Interventionsdesigns.

4.1 Qualität und Wirksamkeit einplanen

Nachdem die Eckpunkte der Intervention skizziert wurden, werden ihre Details ausgearbeitet. Evidenzbasierte Aktivitäten zu planen, die von den Teilnehmenden als ansprechend, interessant und sinnvoll wahrgenommen werden, ist ein wichtiger Aspekt um gesetzte Ziele zu erreichen. Wenn möglich, sollte die Intervention als eine logische Abfolge aufeinander aufbauender Aktivitäten konzipiert werden, die die Entwicklung der Teilnehmer während der gesamten Intervention widerspiegelt. Dabei kann die Konsultation verschiedener Quellen von bereits durchgeführten Maßnahmen oder Strategien dazu beitragen, Aktivitäten zu vermeiden, die sich bereits als unwirksam oder schädlich erwiesen haben. Gute Register, welche evidenzbasierte Interventionen oder Strategienübersichtlich aufgelistet haben, sind die Grüne Liste Prävention, oder das Xchange-Präventionsregister.

4.2 Wenn eine bestehende Intervention ausgewählt wird

Bevor eine neue Intervention entwickelt wird, sollte geprüft werden, ob bereits eine geeignete Intervention existiert, entweder in der Praxis oder in manueller Form. Überlegen Sie z.B., ob ein bestehendes Programm für die konkreten Umstände der eigenen Intervention relevant und (im Fall von kostenpflichtigen Programmen) erschwinglich ist.

4.3 Intervention auf die Zielgruppe anpassen

Unabhängig davon, ob eine neue Intervention entwickelt oder eine bestehende Intervention angepasst wird, muss diese entsprechend den Erkenntnissen aus der Bedarfsanalyse auf die Zielgruppe zugeschnitten werden. Eine wesentliche Personalkompetenz ist in diesem Zusammenhang die kulturelle Sensibilität, d.h. die Bereitschaft und Fähigkeit, die Bedeutung von (unterschiedlichen) Kulturen zu verstehen, kulturelle Vielfalt zu schätzen, effektiv auf kulturell definierte Bedürfnisse einzugehen und Überlegungen über kulturelle Unterschiede bei allen Aspekten der Präventionsarbeit zu berücksichtigen.

4.4 Wenn abschließende Evaluationen geplant sind

Zu diesem Zeitpunkt sollten auch Monitoring- und abschließende Prozess- und Ergebnisevaluationen geplant werden. Die Ergebnisevaluation ist ein Hilfsmittel, um zu beurteilen, ob mittel- und kurzfristige Ziele erreicht wurden, während die Prozessevaluation dabei hilft zu verstehen, wie diese erreicht wurden oder nicht. Ein Evaluationsteam sollte über die geeignete Art der Evaluation für die Intervention oder Strategie entscheiden und Bewertungsindikatoren definieren, welche im Einklang mit den mittel- und kurzfristigen Zielen stehen. Die Berücksichtigung der Evaluationsphase in diesem frühen Stadium stellt sicher, dass die für das Monitoring und die abschließenden Evaluationen erforderlichen Daten in zufriedenstellender Form zur Verfügung stehen, wenn sie benötigt werden.

Phase 5: Management und Aktivierung der Ressourcen

Eine Präventivmaßnahme oder -strategie besteht nicht nur aus der tatsächlichen Intervention, sondern erfordert auch ein gutes Projektmanagement und eine detaillierte Planung, um sicherzustellen, dass sie umsetzbar ist. Managementrelevante, organisatorische und praktische Aspekte müssen daher neben dem Interventionsdesign berücksichtigt werden. Um die Implementierung zu starten, müssen verfügbare Ressourcen aktiviert und bei Bedarf auf neue Ressourcen zugegriffen werden.

5.1 Programm planen – Programmplan beschreiben

Ein spezielles Verfahren stellt sicher, dass Planung und Implementierung systematisch durchgeführt werden. Ein verschriftlichter Programmplan dokumentiert alle Aufgaben und Verfahren, die für eine erfolgreiche Durchführung der Intervention erforderlich sind. Der Programmplan leitet die Implementierung durch Bereitstellung eines gemeinsamen Rahmens, dem alle Mitarbeitenden zuarbeiten können. In späteren Programmphasen wird der Programmplan herangezogen, um zu beurteilen, ob die Intervention oder Strategie wie beabsichtigt umgesetzt wurde und ob Anpassungen erforderlich waren.

5.2 Finanzbedarf planen

Die finanziellen Anforderungen (Kosten) und Kapazitäten (Budget) der Intervention müssen festgelegt werden, um die notwendigen und verfügbaren Ressourcen in Kontext zu setzen. Wenn mehr Ressourcen benötigt werden als verfügbar sind, wird im Finanzplan geklärt, welche zusätzlichen Mittel benötigt werden oder inwiefern der Programmplan angepasst werden muss.

5.3 Team zusammenstellen

Das Team besteht aus den Personen, die an der Intervention arbeiten (z. B. Management, Durchführung, Evaluation). Die Mitarbeitenden (einschließlich Freiwillige) sollten entsprechend den rechtlichen Anforderungen und den Bedarfen der Intervention ausgewählt werden. Rollen und Verantwortlichkeiten sollten so verteilt werden, dass alle notwendigen Aufgaben den geeignetsten Personen (d.h. Personen mit geeigneten Qualifikationen und/oder Erfahrungen) übertragen und von ihnen ausgeführt werden. Dieses Modul sollte in Verbindung mit dem Querschnittskriterium C: Personalentwicklung betrachtet werden.

5.4 Teilnehmer anwerben und binden

Die Anwerbung von Interventionsteilnehmern bezieht sich auf den Auswahlprozess geeigneter Personen aus der Zielgruppe. Dabei werden die potentiellen Teilnehmer über die Intervention informiert, zur Teilnahme eingeladen, registriert und sichergestellt, dass diese die Intervention auch beginnen (z.B. Teilnahme an der ersten Sitzung). Die Teilnehmenden sollten methodisch und ethisch korrekt aus der definierten Zielgruppe angeworben werden. Die Bindung bezieht sich auf den Verbleib aller Teilnehmenden in der Intervention, bis zu deren Abschluss und/oder bis deren Interventionsziele erreicht wurden (je nachdem, was angemessener ist). Dies ist besonders relevant für Interventionen, die lange Zeiträume in Anspruch nehmen. Hindernisse für die Teilnahme sollten rechtzeitig identifiziert und beseitigt werden, um sicherzustellen, dass die Teilnehmenden an der Intervention teilnehmen und diese abschließen können.

5.5 Programmmaterialien vorbereiten

Die Materialien, die für die Durchführung einer manualisierten Intervention erforderlich sind, sollten berücksichtigt werden, einschließlich Interventionsmaterialien (falls zutreffend), Instrumente des Monitorings und der Evaluation, technisches Equipment, die physische Umgebung (z. B. Einrichtungen) usw. Dies ermöglicht die Finalisierung des Finanzplans und das Ergreifen von Maßnahmen, um notwendige Materialien zu sichern.

5.6 Programmbeschreibung bereitstellen

Eine schriftliche Darstellung bietet einen klaren Überblick über die Intervention oder Strategie. Sie wird so erstellt, dass interessierte Akteure (z. B. Zielgruppe, Geldgeber, andere interessierte Fachleute) Informationen vor dem Beginn der Intervention und/oder während ihrer Laufzeit erhalten können. Wenn die Beschreibung bei der Teilnehmeranwerbung verwendet wird, muss ein besonderes Augenmerk auf die potenziellen Risiken und Vorteile für die Teilnehmenden gelegt werden. Die Programm- oder Strategiebeschreibung unterscheidet sich vom Programmplan (der ein internes Instrument zur Steuerung der Interventionsimplementierung ist) und vom Abschlussbericht (welcher die Intervention oder Strategie nach deren Abschluss zusammenfasst).

Phase 6: Umsetzung und Monitoring

In dieser Phase werden die vorher entwickelten Pläne in die Praxis umgesetzt. Eine besondere Herausforderung an diesem Punkt ist die Notwendigkeit, ein Gleichgewicht zwischen Wiedergabegenauigkeit (d.h. Einhaltung des Programmplans) und Flexibilität (d.h. Reaktion auf neue Entwicklungen) zu wahren. Die einzelnen Module dieser Phase beschreiben, wie dieses Gleichgewicht erreicht werden kann, indem die Qualität und der Fortschritt der Implementation hinterfragt und kontrollierte Modifikationen zur Verbesserung der Intervention eingesetzt werden.

6.1 Wenn eine Pilotintervention durchgeführt wird

In bestimmten Fällen, z. B. wenn eine Intervention neu entwickelt wird oder von einer landes- auf eine bundesweite Implementation ausgeweitet werden soll, sollte sie zuerst in kleinerem Rahmen getestet werden. Dieses Vorgehen ist nützlich, um potenzielle praktische Probleme und andere Schwachstellen zu identifizieren, die bei der Planung nicht aufgetreten sind und deren Korrektur nach einer vollständigen Implementation sehr kostspielig sein können. Eine Pilotintervention (oder Pilotstudie) ist eine kleine Erprobung der Intervention vor ihrer vollständigen Implementation (z.B. mit weniger Teilnehmenden an nur einem oder zwei Standorten). Während der Pilotintervention werden Prozess- und (begrenzte) Ergebnisdaten gesammelt und zur Durchführung einer kleinen Evaluation verwendet. Anhand der gesammelten Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt können Interventionsentwickler die Intervention vor der eigentlichen Implementierung abschließend und kostengunstig anpassen.

6.2 Intervention durchführen

Sobald ausreichende Evidenzen vorliegen, die darauf hinweisen, dass die beabsichtigte substanzpräventive Intervention wirksam, durchführbar und ethisch vertretbar ist, wird die Intervention wie im Programmplan beschrieben implementiert. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Programmplan strikt eingehalten werden muss, wenn ein offensichtlicher Änderungsbedarf besteht. Um spätere Evaluationen und Berichte über die Intervention zu erleichtern, wird die Implementation detailliert dokumentiert, einschließlich unerwarteter Ereignisse, Abweichungen und Fehler.

6.3 Implementation überprüfen

Während der Intervention werden Ergebnis- und Prozessdaten periodisch gesammelt und analysiert, zum Beispiel hinsichtlich der Relevanz der Intervention für die Teilnehmenden, der Wiedergabegenauigkeit des Programmplans und der Effektivität. Die tatsächliche Implementation der Intervention und andere Aspekte werden mit den im Programmplan dargestellten Schritten verglichen. Regelmäßige Überprüfungen des Fortschritts tragen ebenfalls dazu bei, festzustellen, ob der ursprüngliche Plan modifiziert werden muss.

6.4 Implementation anpassen

Die Implementation muss flexibel bleiben, damit sie auf sich abzeichnende Probleme, geänderte Prioritäten usw. reagieren kann. Wo dies erforderlich und möglich ist, sollte die Implementation der Intervention in Übereinstimmung mit den Ergebnissen des Monitorings angepasst werden. Modifikationen müssen jedoch gut begründet sein und ihre möglichen negativen Auswirkungen auf die Intervention oder Strategie berücksichtigt werden. Wenn Modifikationen vorgenommen werden, müssen sie daher dokumentiert und evaluiert werden, um zu verstehen, welche Auswirkungen sie auf die Teilnehmenden und die Endergebnisse hatten.

Phase 7: Abschließende Evaluationen

Nach Abschluss der Intervention beurteilen finale Evaluationen die Ergebnisse und/oder den Prozess der Durchführung und Umsetzung der Intervention oder Strategie. Anders ausgedrückt: die Ergebnisevaluationen konzentrieren sich auf Verhaltensänderungen bei den Teilnehmenden (z.B. verringerter Substanzgebrauch), während Prozessevaluationen sich auf die In- und Outputs fokussieren, d.h. ob die Intervention wie geplant durchgeführt wurde (z. B. Anzahl der durchgeführten Sitzungen, Anzahl der angeworbenen und gebundenen Teilnehmer).

7.1 Wenn eine Ergebnisevaluation durchgeführt wird

Im Rahmen der Ergebnisevaluation werden Ergebnisdaten systematisch gesammelt und analysiert, um zu bewerten wie effektiv die Intervention war. Alle Ergebnisse sollten wie in der Planungsphase definiert wiedergegeben werden (d.h. im Einklang mit den festgelegten Evaluationsindikatoren). Je nach Umfang der Intervention und des eingesetzten Forschungsdesigns werden statistische Analysen durchgeführt, um die Wirksamkeit der Intervention in der Erreichung der definierten Ziele zu ermitteln. Wenn möglich, fasst eine kausale Aussage über die Wirksamkeit der Intervention die Ergebnisse der Evaluation zusammen.

7.2 Wenn eine Prozessevaluation durchgeführt wird

Die Prozessevaluation dokumentiert was während der Durchführung der Intervention passiert ist. Darüber hinaus analysiert sie die Qualität und Nützlichkeit der Intervention, indem sie ihre Reichweite und ihren Umfang, ihre Akzeptanz bei den Teilnehmern, ihre Wiedergabegenauigkeit und ihren Ressourceneinsatz betrachtet. Die Ergebnisse der Prozessevaluation helfen, die Ergebnisse der Ergebnisevaluation zu erklären und zu verstehen, wie die Intervention in Zukunft verbessert werden kann oder warum sie Erwartungen nicht erfüllen konnte.

Die Resultate der Ergebnisevaluation und der Prozessevaluation müssen zusammen interpretiert werden, um ein umfassendes Verständnis für den Erfolg der Intervention zu erhalten. Dieses Wissen wird die finale Programmphase 8 begleiten.

Phase 8: Verbreitung und Verbesserung

In der finalen Phase ist die Zukunft der Intervention oder Strategie das Hauptanliegen: Soll es weitergehen, und wenn ja, wie? Die Verbreitung von Informationen über die Intervention kann helfen, ihren Fortbestand zu fördern, gibt aber auch anderen die Möglichkeit, aus den Erfahrungen der Interventions- oder Strategieumsetzung zu lernen.

8.1 Bestimmen, ob das Programm weitergeführt werden soll

Idealerweise kann eine qualitativ hochwertige Präventionsmaßnahme oder -strategie über ihre anfängliche Implementation hinaus fortgesetzt werden, auch nachdem ihre externe Finanzierung eingestellt wurde. Anhand der empirischen Evidenz, die durch Monitoring und abschließende Evaluationen erzeugt wurde (abhängig davon, welche Daten verfügbar sind), kann entschieden werden, ob das Programm einer Fortsetzung wert ist. Wenn festgestellt wird, dass die Intervention aufrechterhalten werden soll, müssen geeignete Schritte und Folgemaßnahmen festgelegt und durchgeführt werden.

8.2 Programminformationen verbreiten

Die Verbreitung kann der Intervention in vielerlei Hinsicht zugutekommen, beispielsweise, indem sie Unterstützung relevanter Akteure für ihre Fortsetzung erhält oder durch Rückmeldungen verbessert wird. Dies ergänzt zudem die Evidenzbasis der Suchtprävention und trägt damit zur künftigen Politik, Praxis und Forschung im Bereich des Substanzgebrauchs bei. Um anderen Anbietern die Möglichkeit zu geben, die Intervention zu wiederholen, sollten auch Interventionsmaterialien und andere relevante Informationen (z. B. Kosteninformationen) so detailliert wie möglich zur Verfügung gestellt werden (abhängig von den Urheberrechtsanforderungen etc.).

8.3 Wenn ein Abschlussbericht erstellt wird

Der Abschlussbericht ist ein Beispiel für ein Verbreitungsprodukt. Er kann als Aufzeichnung der Umsetzung im Rahmen einer Finanzierungsvereinbarung erstellt werden oder als Information für Andere. Der Abschlussbericht enthält häufig eine Zusammenfassung der Dokumentation, die in früheren Phasen erstellt wurde. Der Bericht beschreibt den Umfang und die Aktivitäten des Programms und, soweit verfügbar, die Ergebnisse der finalen Evaluationen. Da ein Abschlussbericht nicht immer erforderlich ist und andere Mittel zur Verbreitung angemessener sein können (z. B. mündliche Präsentationen), findet dieses Modul nur bei Erstellung eines Abschlussberichts Anwendung.

Maßgeschneiderte evidenzbasierte Programme

Wie bereits erwähnt, konzentrieren sich die EDPQS auf das „Wie” der Präventionsarbeit (d.h. eine sinnvolle Umsetzung), während sich die internationalen Standards auf das „Was” (d.h. den Inhalt erfolgreicher Interventionen oder Strategien) konzentrieren. In Europa besteht manchmal Misstrauen gegenüber „evidenzbasierten” Programmen und Präventionsfachkräfte sind vorsichtig, diese in Betracht zu ziehen oder umzusetzen. Sie ziehen es vielleicht vor, im Sinne von „Bottom-up” vorzugehen, d.h. von den Bedürfnissen ihrer Zielgruppe ausgehend, anstatt das heranzuziehen, was sie als „Top-down”-Interventionen betrachten.

Solche regional gewachsenen und entwickelten Dienste oder Interventionen basieren auf dem Verständnis und der Einbeziehung der regionalen Situation, Ressourcen, Akteuren und Mentalitäten. Sie sind jedoch tendenziell weniger komplex als manualisierte Interventionen, da sie eher bei der Bereitstellung von Informationen ansetzen, als bei der Schulung von Fachkräften oder der direkten Regulierung, der Anreizwirkung oder der direkten Verhaltenseinschränkung. Sie benötigen auch sehr motivierte und gut ausgebildete Präventionsfachkräfte, die sich bewusst sind, dass Prävention etwas anderes ist, als nur über Risiken aufzuklären, über Gefahren zu informieren, Ratschläge zu geben oder Angsttaktiken zu nutzen und es Maßnahmen braucht, die über externe Vorträge von Polizeibeamten und Ex-Anwendern oder eintägigen Veranstaltungen zum Thema psychoaktive Substanzen hinausgehen. Kurz gesagt, sie erfordern Fachkräfte, die nicht nur kognitive Strategien zur Verhaltensänderungen anwenden können. Dies scheint eine Herausforderung zu sein und ein Grund für die Notwendigkeit des EUPC-Curriculums.

Es gibt viele Gründe für die Umsetzung einer evidenzbasierten Intervention oder -strategie, ideologische und kontextuelle Hindernisse können aber einer Umsetzung entgegenstehen. Diese sind in Tabelle 8 dargestellt:

Die beiden Konzepte, manualisierte evidenzbasierte Interventionen und regional relevante Erfahrungen, schließen sich jedoch nicht gegenseitig aus, sondern können kombiniert werden, wie die Erfahrung mit „Communities That Care” (CTC) in einigen europäischen Ländern zeigt1: Dieses System ermöglicht es Kommunen, zunächst objektiv ihren spezifischen Bedarf und ihr Problemprofil zu analysieren, um dann die am besten geeignete(n) Intervention(en) auszuwählen, die ihrer besonderen Situation entsprechen.

In diesem Curriculum diskutieren wir sowohl „Bottom-up”-Ansätze als auch existierende evidenzbasierte Programme, da wir der festen Überzeugung sind, dass sich diese beiden Ansätze nicht notwendigerweise widersprechen müssen. Die Kombination beider Ansätze kann eine Win-Win-Situation sein. Die EDPQS, welche einen „Bottom-up”-Ansatz ermöglichen, stellen sicher, dass der Implementationsprozess von hoher Qualität ist, während die internationalen Standards der UNODC, in denen evidenzbasierte Interventionen aufgeführt sind, sicherstellen, dass eine qualitativ hochwertige Präventionsmaßnahme zur Implementation ausgewählt werden kann. Diese Kombination führt zu der bestmöglichen Wirksamkeit der Interventionen bzw. Präventionsmaßnahmen.

Balance zwischen Anpassung und Umsetzungsgenauigkeit

Während die Intervention ausgewählt und zusammengestellt wird, müssen die Botschaften, welche die Intervention vermitteln soll, auf eine adäquate Weise an die spezifischen Merkmale der Teilnehmenden angepasst werden. Eine solche Anpassung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Teilnehmenden die Intervention als relevant betrachten, sich mit ihr beschäftigen und so die gewünschten Ergebnisse erzielen. Eine Anpassung beinhaltet die Auseinandersetzung mit kulturellen Überzeugungen, Werten, Sprache, sozialem Kontext und visuellen Bildern, bedeutet jedoch nicht, die theoretische Grundlage der Intervention zu verändern.

Da die meisten evidenzbasierten Präventionsmaßnahmen oder -strategien in verschiedenen westlichen Ländern entwickelt wurden, könnte eine Anpassung der Intervention oder Strategie an den nationalen, landesweiten oder regionalen Kontext erforderlich sein. Es ist jedoch wichtig, dass insbesondere bei evidenzbasierten Interventionen die Absicht des Programms beibehalten wird, indem die zentralen Interventionsprinzipien unverändert bleiben. Dies stellt einerseits ein Gleichgewicht her, zwischen der Umsetzungsgenauigkeit, also der Bereitstellung einer Präventionsmaßnahme, wie sie von den Entwicklern vorgeschlagen oder entworfen wurde und der Anpassung andererseits, also der Änderung des Interventionsinhalts an die Bedürfnisse einer bestimmten Zielgruppe.

Warum ist es wichtig, sich Gedanken über die Balance zwischen Umsetzungsgenauigkeit und Anpassung zu machen? Einige Gründe liegen auf der Hand: wenn zum Beispiel die Muttersprache der Teilnehmenden nicht mit der Sprache übereinstimmt, in der die Intervention konzipiert wurde, muss eine Anpassung erfolgen. Andere sind nicht so offensichtlich, etwa wenn das Programm in einer weißen oder westlichen Bevölkerung evaluiert worden ist und die Zielgruppe nicht weiß oder westlich ist. Hier könnte es Konflikte in Überzeugungen, Werten und Normen geben . Beispiele für einige der Fragen, die bei der Anpassung von Programmen berücksichtigt werden müssen, sind in Tabelle 9 dargestellt.

Hindernisse bei der Implementierung Vorteile bei der Implementierung
Scheint oft im Widerspruch zur üblichen Vorgehensweise zu stehen Bietet Zielgruppen und Bevölkerungsgruppen die besten verfügbaren Interventionen und Strategien
Fordert kulturelle und religiöse Überzeugungen zu Elternschaft, Familienstruktur und Geschlechterrollen heraus Ermöglicht eine effektivere und effizientere Erbringung präventiver Dienstleistungen
Erfordert neue Fachkenntnisse und eine spezifische Ausbildung Bietet eine rationalere Grundlage für politische Entscheidungen
Herausforderung, Wiedergabegenauigkeit zu wahren und zugleich spezifische Bedürfnisse zu berücksichtigen Stellt eine gemeinsame Sprache zur Verfügung
Begrenzte Verfügbarkeit von Ressourcen Eröffnet die Chance, ein gemeinsames Verständnis zur Beurteilung wissenschaftlicher Forschung zu entwickeln
Erfordert Monitoring und Evaluation Bildet eine Grundlage für Aus- und Weiterbildung, ermöglicht Kontinuität und Einheitlichkeit der Leistungserbringung; sorgt für Klarheit über fehlende Elemente und Defizite
Tabelle 8: Hindernisse und Vorteile der Umsetzung evidenzbasierter InterventionenNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0
Faktor Merkmal des Programms Neue Zielgruppe Folgen
Sprache Deutsch Andere Unfähigkeit, Programminhalte zu verstehen
Ethnie Europäisch Andere Konflikte hinsichtlich Überzeugungen, Werten, Normen
Städtisch / ländlich Städtisch Ländlich Logistische und umweltbezogene Barrieren
Anzahl und Ausprägung von Risikofaktoren Wenige Faktoren geringer Ausprägung Zahlreiche Faktoren hoher Ausprägung Ungenügende Wirkung auf schwerwiegendste Risikofaktoren
Familiäre Stabilität Stabile Familienstrukturen Instabile Familienstrukturen Eingeschränkte Mitwirkung
Einbezug der Bevölkerung Bevölkerung wurde in Gestaltung und Durchführung einbezogen Kein Einbezug Keine Unterstützung, Widerstand, geringe Beteiligung
Bereitschaft der Kommune Mäßig Gering Fehlen suchtpräventiver Organisationen und Infrastruktur
Tabelle 9: Faktoren, die einen negativen Einfluss bei der kulturellen Adaption von Präventionsprogrammen haben könnenNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Die EBDD veröffentlichte einen Fachbericht, in dem untersucht wurde, ob nordamerikanische Präventionsprogramme in europäischen Kulturen und Kontexten umgesetzt werden können . Es beschreibt die Besonderheiten für das „Good Behavior Game”, „Strengthening Families”-Programm und „Communites That Care”.

Einige hilfreiche Hinweise sind im EDPQS-Toolkit 4 oder im Artikel von van der Kreeft und Kollegen (2014) beschrieben:

  • Änderung der Kapazität steht vor Änderung der Intervention. Auch wenn es einfacher erscheint das Programm zu ändern, sollten zuerst die regionalen Kapazitäten geändert werden, um das Programm so durchzuführen, wie es entworfen wurde. Dies ist die sicherere Wahl.
  • Konsultation mit Interventionsentwicklern, um festzustellen, welche Erfahrungen und/oder Ratschläge sie für die Anpassung der Intervention an eine bestimmte Situation oder einen bestimmten Umstand haben.
  • Beibehaltung der Kernkomponenten. Es gibt eine höhere Wahrscheinlichkeit der Wirksamkeit, wenn eine Intervention die Kernkomponente(n) der ursprünglichen Intervention beibehält. Kernkomponenten sind Merkmale der Intervention, die als Auslöser von Verhaltensänderungen identifiziert wurden und daher der Grund sind, warum eine Intervention funktioniert. Eine Kernkomponente des EU-Dap Unplugged-Programms war es „auf Gruppenzwang zu reagieren”. Diese Kernkomponente sollte in einem Anpassungsprozess nicht ausgelassen werden.
  • Im Einklang mit evidenzbasierten Prinzipien. Es besteht eine größere Erfolgswahrscheinlichkeit, wenn eine Anpassung nicht gegen ein etabliertes evidenzbasiertes Präventionsprinzip verstößt.
  • Hinzufügen statt entfernen. Es ist sicherer, eine Intervention zu ergänzen, als sie zu modifizieren oder zu streichen.

Ihre Rolle als Präventionsfachkraft besteht darin, zu erörtern, wie eine evidenzbasierte Intervention angepasst werden kann, ohne ihre Wirkung dabei negativ zu beeinflussen (siehe Tabelle 10). Die Diskussion mit Ihren Kollegen im Rahmen einer Schulung oder an Ihrem Arbeitsplatz kann Ihnen helfen, zu klären, wie Sie die notwendigen Anpassungen für Ihren Kontext am besten vornehmen können.

Anpassung Umsetzungsgenaue Anpassung
Um für das Zielpublikum akzeptabel zu sein, müssen evidenzbasierte Interventionen kulturell angemessen sein und Sprache, Gewohnheiten, Erwartungen und Normen der neuen Zielgruppe berücksichtigen. Kernelemente der evidenzbasierten Intervention müssen beibehalten werden, um – unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der Zielgruppe – die Wirksamkeit der Intervention zu gewährleisten.
Fokus
Akzeptanz · Relevanz · Zugänglichkeit
Fokus
Wirksamkeit · Theorie · Kernmechanismen

Grundsatz: Anpassung betrifft die Oberfläche (Sprache, Kontext), umsetzungsgenaue Anpassung bewahrt das Wirkprinzip. Beide Dimensionen müssen bei jeder Adaption gemeinsam betrachtet werden.

Tabelle 10: Anpassung vs. umsetzungsgenaue AnpassungNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Fußnoten

  1. https://www.ctc-info.de/

Literatur zu diesem Kapitel

  1. 1.United Nations Office on Drugs and Crime (2013).International Standards on Drug Use PreventionVienna, Austria: UNODC.
  2. 2.United Nations Office on Drugs and Crime & World Health Organization (2018).International Standards on Drug Use Prevention. Second Updated EditionUNODC, Vienna.
  3. 3.Burkhart, G. (2013).North American drug prevention programmes: Are they feasible in European cultures and contexts?Lisbon: EBDD.
  4. 4.Burkhart, G. (2013).North American drug prevention programmes: Are they feasible in European cultures and contexts?Lisbon: EMCDDA.
  5. 5.Charvat, M., Jurystova, L., & Miovsky, M. (2012).Four-level model qualifications for the practitioners of the primary prevention of risk behaviour in the school systemAdiktologie, 12(3), 190–211.
  6. 6.Castro, F. G., Barrera, M., Jr., & Martinez, C. R., Jr. (2004).The cultural adaptation of prevention interventions: Resolving tensions between fidelity and fitPrevention Science, 5, 41–45.doi:10.1023/B:PREV.0000013980.12412.cd
  7. 7.Castro, F. G., Kellison, J. G., Boyd, S., & Kopak, A. (2010).A methodology for conducting integrative mixed-methods research and data analysesJournal of Mixed Methods Research, 4, 342–360.doi:10.1177/1558689810382916
  8. 8.Burkhart, G. (2013).North American drug prevention programmes: Are they feasible in European cultures and contexts?EMCDDA Thematic papers, Publications Office of the European Union, Luxembourg.
  9. 9.Brotherhood, A., Sumnall, H. R., & the European Prevention Standards Partnership (2015).EDPQS Toolkit 4: Promoting quality standards in different contexts ("Adaptation and Dissemination Toolkit"). Step 3: Undertaking the adaptationLiverpool: Centre for Public Health.
  10. 10.Van der Kreeft, P., Jongbloet, J., & Van Havere, T. (2014).Factors affecting implementation: Cultural adaptation and trainingIn Z. Sloboda & H. Petras (Eds.), Advances in Prevention Science: Defining Prevention Science (pp. 315–334). New York: Springer Publishing.doi:10.1007/978-1-4899-7424-2_14

Abschnitt I · Grundlegende Konzepte

Kapitel 04

Monitoring und Evaluation

Evaluation meint im Präventionskontext die „systematische, empirische Analyse von Konzepten, Bedingungen, Prozessen und Wirkungen zielgerichteter Aktivitäten zum Zwecke ihrer Bewertung und Modifikation” (Spektrum Lexikon der Psychologie, Eintrag „Evaluation”).

Evaluationen können im gesamten Verlauf einer Intervention durchgeführt werden: von Planung und Konzeption über die Umsetzung bis in deren Nachgang. Alle Phasen präventiver Interventionen sollten evaluiert werden, weil sich daraus belastbare Hinweise ergeben, was zu verbessern ist und ob die Intervention weitergeführt werden sollte.

In diesem Kapitel erfahren Sie mehr über die Grundlagen von Evaluationen, ihre Zwecke, Studiendesigns, Vorgehensweisen und Methoden. Ziel ist dabei nicht, Ihnen die Fähigkeiten zu vermitteln, die Sie für die Konzeption und Durchführung eines wissenschaftlichen Evaluations- oder Forschungsprojekts benötigen. Stattdessen sollen Sie mit einigen der wichtigsten Evaluationskonzepte vertraut werden. Auf diese Weise können Sie Artikel und Berichte aus der Präventionsforschung besser verstehen und einordnen. Darüber hinaus hilft das Kapitel bei der Frage, ob und wie bereits etablierte Maßnahmen evaluiert werden sollten.

Es gibt mehrere belastbare Forschungsdesigns, die in Evaluationsstudien eingesetzt werden. Wir sehen uns Definitionen sowie Vor- und Nachteile der bekanntesten dieser Ansätze an: das klassische experimentelle Design (randomisierte kontrollierte Studie, RCT), das unterbrochene Zeitreihen-Design und die Vorher-Nachher-Messung ohne Kontrollgruppe (siehe „Beispiele für typische Evaluationsdesigns” weiter unten).

Darüber hinaus gehen wir kurz auf weitere Aspekte des Evaluationsdesigns ein, etwa die Auswahl und Größe der Stichprobe oder geeignete Methoden zur Messung relevanter Ergebnisse. Dabei ist zwischen quantitativen und qualitativen Untersuchungen zu unterscheiden. Quantitative Messinstrumente erfassen vorwiegend objektive Kennzahlen, während qualitative Instrumente subjektive Aspekte erheben, also den Fragen nach dem „Warum?” und der Bedeutung von Sachverhalten nachgehen. Abschließend befassen wir uns mit Methoden der Datenerhebung und Datenanalyse, einschließlich grundlegender Statistik, um einen Überblick über deren Bedeutung für die Berichterstattung und Aussagekraft der Ergebnisse zu geben.

Für Interessierte sei auf eine Reihe weiterführender Ressourcen hingewiesen. Im deutschsprachigen Raum sind die Standards der Deutschen Gesellschaft für Evaluation (DeGEval-Standards) zu empfehlen. Wer sich für die konkrete Anwendung auf Präventionsthemen wie psychoaktive Substanzen interessiert, kann sich am Präventions- und Evaluationsressourcenpaket (PERK) der EBDD sowie deren Leitlinien für die Entwicklung und Evaluation von Suchtpräventionsmaßnahmen orientieren. Internationale Standards für die Evaluation mit Schwerpunkt Prävention hat auch die Society for Prevention Research veröffentlicht. Der RE-AIM-Rahmen (Reach, Effectiveness, Adoption, Implementation, and Maintenance) schließlich bietet einen Evaluationsansatz, der die Beurteilung von Maßnahmen über die Wirksamkeit hinaus auf mehrere Kriterien ausdehnt, um Aspekte wie die Übertragbarkeit in die Praxis besser zu erfassen. Für einen allgemeinen Überblick führen diese Beispiele jedoch zu weit; im Folgenden legen wir Ihnen die wichtigsten Konzepte dar.

Evaluation und Forschung

Studien über menschliches Verhalten umfassen eine Vielzahl von Forschungsfragen und -ansätzen. Im Kontext der Ätiologie sind biologische, psychologische und soziale Aspekte gleichermaßen relevant, um die Entstehung von Problemverhalten zu erklären. Forschung ist definiert als „eine systematische Untersuchung (…), um verallgemeinerbares Wissen zu entwickeln oder zu diesem beizutragen”. Evaluation ist eine Form der Forschung und dient als systematische und strukturierte Methode zur Bewertung der kurz- und langfristig angestrebten Ergebnisse einer Präventionsmaßnahme sowie jener Faktoren, die mit diesen Ergebnissen zusammenhängen.

Die Durchführung einer Evaluation erfüllt eine Reihe von Zwecken:

  • Zielgruppe. Klärung der Zielgruppe der Intervention und möglicher beteiligter Akteure, um Forschungsfrage und Evaluationsgegenstand zu schärfen. Welche Erkenntnisse sind für sie von Interesse?
  • Wirkungen. Hat die Intervention die angestrebten Ergebnisse erzielt und waren diese signifikant, also den Interventionseffekten zuschreibbar?
  • Unbeabsichtigte Folgen. Hatte die Intervention unbeabsichtigte Folgen? Es ist eine zentrale ethische Anforderung, sicherzustellen, dass Präventionsmaßnahmen den Teilnehmenden keinen Schaden zufügen.
  • Reichweite. Hatte die Intervention denselben Einfluss auf alle Teilnehmenden oder nur auf bestimmte Gruppen? Waren die Ergebnisse beispielsweise für Jungen und Mädchen vergleichbar?
  • Kosten. Inwieweit überwiegt der Nutzen der Intervention die Kosten?
  • Vergleich. War diese Intervention – gemessen an den Ergebnissen und unter Berücksichtigung der Kosten – wirksamer als eine andere (Kosten-Nutzen-Verhältnis)?

Evaluationen können über den gesamten Interventionszyklus hinweg durchgeführt werden, von der Planungsphase und der frühen Entwicklung bis zur Umsetzung, Reflexion und Bewertung der Wirkungen (Abbildung 13). Daran wird deutlich, dass Evaluation von Beginn an mitzudenken ist und nicht erst am Ende einer Intervention steht.

Formativ Bedarf, Zielgruppen, Machbarkeit, Konzeptqualität.
Prozess Umsetzungstreue, Reichweite, Dosis, Akzeptanz.
Summativ Wirksamkeit, Nachhaltigkeit, Kosten-Nutzen-Bilanz.

Jede Phase verlangt einen passenden Evaluationstyp; die Typen überlappen sich im Übergang.

Abbildung 13: Evaluationszeitpunkte im InterventionszyklusNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

So würde die Evaluation einer neuen Präventionsmaßnahme zunächst sicherstellen, dass die Komponenten der Intervention – Inhalt, Struktur und Durchführung – mit der beabsichtigten Wirkung verknüpft sind. Verbessern beispielsweise Unterrichtsstunden zur Entscheidungsfindung tatsächlich die Entscheidungsfähigkeiten der Teilnehmenden? Lässt sich die Unterrichtsstunde in 40 Minuten innerhalb einer Schulklasse umsetzen? Wie wirksam sind interaktive Methoden, um eine Unterrichtsstunde zum Thema Entscheidungsfindung zu gestalten? Diese Form von Evaluationen, die als „Efficacy Evaluations”, „Efficacy Studies” oder „Efficacy Trials” (Evaluation der Wirksamkeit unter Idealbedingungen, erklärende Wirksamkeitsstudien) bezeichnet werden, stellt die Frage: Erreicht die Intervention ihre Ziele unter kontrollierten Bedingungen? Eine Evaluation in diesem Stadium kann zu Überarbeitungen und Verbesserungen beitragen, noch bevor die Intervention vollständig umgesetzt wird (Abbildung 14).

Efficacy-Studies

Evaluation des Wirkungsvermögens (Idealbedingungen)

Effectiveness-Studies

Evaluation der Wirksamkeit (Realbedingungen)

Bedingungen
Kontrollierte Laborsituation, enge Studienprotokolle.
Reale Alltagsbedingungen der Regelpraxis.
Zielgruppe
Homogene, gezielt ausgewählte Stichprobe, klare Einschlusskriterien.
Heterogene, praxisnahe Teilnehmergruppen.
Umsetzung
Hohe Umsetzungstreue, geschultes Studienpersonal.
Übliches Praxispersonal, variierende Umsetzungstreue.
Kontext
Forschungsnah, oft Pilot- oder Entwicklungsphase.
Regelbetrieb, Ausrollung in Schulen, Kommunen, Diensten.
Aussagekraft
Zeigt, ob die Intervention unter Idealbedingungen wirken kann.
Zeigt, ob die Intervention unter realen Bedingungen wirksam ist.

Beide Typen ergänzen sich: Efficacy prüft das Potenzial, Effectiveness die Übertragbarkeit in die Praxis.

Abbildung 14: Evaluationstypen (Efficacy- und Effectiveness-Studies)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Die Evaluation einer ausgereiften präventiven Intervention, die nahe an oder unter „realen” Bedingungen durchgeführt wird, nennt man praktische Wirksamkeitsstudie (effectiveness trial). Die Ergebnisse solcher Studien geben unmittelbar oder innerhalb weniger Monate Aufschluss über kurzfristige Effekte einer Intervention. Eine praktische Wirksamkeitsevaluation kann erwünschte wie unerwünschte Effekte aufdecken und Impulse für Überarbeitung und Weiterentwicklung geben. Langfristige Wirkungen lassen sich durch Nachfolgeuntersuchungen erheben, etwa sechs Monate nach Interventionsende bis zu mehreren Jahren danach.

Am ENDE der Präventionsmaßnahme hilft die Evaluation, Wert und Wirksamkeit der Intervention zu beurteilen, sie ins Verhältnis zum Ressourceneinsatz zu setzen (Effizienz) und Gelerntes für die Zukunft zu dokumentieren. In dieser Phase kann eine Evaluation die Eignung und Nachhaltigkeit der Intervention einschätzen; auch unerwartete Ergebnisse lassen sich hier beurteilen. Die Evaluationsergebnisse stützen und fundieren anstehende Entscheidungs- und Verbesserungsprozesse. Entsprechend wichtig ist es, die Evaluation rechtzeitig zu planen und abzuschließen.

Für Präventionsfachkräfte sind Wirksamkeitsstudien unter „realen” Bedingungen von vorrangigem Interesse. Zum einen findet Prävention selten in einem abgeschlossenen System statt; zum anderen liefern solche Studien Daten zu den Ergebnissen der Intervention und ermöglichen einen Abgleich mit den zuvor formulierten Zielen. Eine geeignete Berichterstattung soll die wesentlichen Ergebnisse zusammenfassen und offen zur Verfügung stellen.

Evaluationssysteme und Forschungsdesigns

Die allgemeine Absicht einer Evaluation besteht darin, nicht nur zu verstehen, was während der Intervention getan wurde (Prozessprüfung), sondern auch festzustellen, ob die Intervention das erreicht hat, was sie erreichen sollte (Ergebnisprüfung). Evaluationen sollen dabei grundsätzlich nützlich, durchführbar, fair und präzise sein. Sie beziehen sich auf Fragen wie:

  • Hat die präventive Intervention oder Strategie ihr kurzfristiges Ziel erreicht? Sind die Problemlösefähigkeiten bei Kindern gestiegen? Sind die Risikowahrnehmungen der Kinder realistisch und angemessen? Nutzen Eltern angemessene Kontrollmöglichkeiten? Reagieren Mütter einfühlsam auf die Bedürfnisse ihrer Neugeborenen?
  • Hat die Intervention oder Strategie die beabsichtigten Wirkungen auf die Zielgruppe? Gab es unterschiedliche Reaktionen aus Untergruppen – Geschlecht, Herkunft, Substanzgebrauch oder sozioökonomischer Status?
  • Welche Merkmale der Intervention oder Strategie stehen in Verbindung mit den erzielten Ergebnissen? Lag es an veränderten Einstellungen und Überzeugungen? War es eine Kombination aus veränderten Einstellungen und Kompetenzen?
  • Inwieweit war die Umsetzungsgenauigkeit mit positiven oder negativen Ergebnissen verknüpft?

Bevor Sie eine Evaluation durchführen, müssen Sie Folgendes klären:

  • Was sind die Forschungsfragen? Was sind Zweck und Nutzen der Evaluation? Was soll nachgewiesen werden? Inwiefern ist die Motivation der fördernden Stelle zu berücksichtigen? Welche Informationsbedürfnisse haben die Zielgruppe und die beteiligten Akteure?
  • Was soll evaluiert werden? Was sind die Ergebnisse?
  • Wer ist an den Evaluationsergebnissen interessiert und warum? Sind die Befunde für eine Landes- oder Regionalregierung relevant? Besteht Interesse, das Programm im Rest der Region oder sogar landesweit zu wiederholen?
  • Wie ist die Evaluation durchführbar? Welcher Zeitrahmen ist vorgesehen und ist er realistisch? Interessieren Sie sich beispielsweise für den Substanzgebrauch als Ergebnis einer schulbasierten Intervention bei 12-Jährigen, wissen aber, dass das übliche Einstiegsalter bei 16 Jahren liegt, müsste eine Evaluation diese Kinder über vier bis fünf Jahre begleiten, um zu prüfen, ob das gewünschte Ergebnis (Verhinderung oder Reduzierung des Einstiegs) erreicht wird. Zu überlegen ist auch, ob Sie mit den Teilnehmenden über einen so langen Zeitraum in Kontakt bleiben können, um Daten fortlaufend zu erheben. Wenn Ihre Teilnehmergruppe bis zum geplanten Messzeitpunkt die Schule verlassen hat: Wie werden Sie diese Personen erreichen, um die Evaluation fortzuführen?
  • Wie werden die Ergebnisse zusammengefasst und berichtet? Wer erhält Zugang zu diesen Ergebnissen? In welchem Zeitrahmen erfolgt die Berichterstattung? Welche Art von Informationen und welche Detailtiefe werden an Teilnehmende und weitere Adressatinnen und Adressaten zurückgespiegelt? Wie stellen Sie sicher, dass die Evaluationsergebnisse nicht zum Nachteil einzelner Teilnehmender verwendet werden?
  • Welche Ressourcen stehen für die Evaluation zur Verfügung? Welches Evaluationsverfahren ist für den Zweck angemessen? Welches Maß an Erfahrung und Fachwissen ist verfügbar? Wie hoch sind die Kosten und wie viel Zeit beansprucht die Evaluation?

Eine Evaluation sollte als integriertes System betrachtet werden, das zwei Hauptkomponenten umfasst:

Prozessevaluation (Monitoring) und Ergebnisevaluation

Der Zweck einer Prozessevaluation besteht darin, den Prozess zu beschreiben, durch den eine Intervention oder Strategie umgesetzt wird. Sie konzentriert sich auf Inputs und Outputs der Intervention und erfasst deren „Dosierung”, Umsetzungsgenauigkeit und Fähigkeit, Veränderungen herbeizuführen. Vor allem bildet die Prozessevaluation eine Form des Monitorings, um sicherzustellen, dass die Intervention oder Strategie wie beabsichtigt umgesetzt wird – nicht nur gemäß Manual oder Leitlinien, sondern auch im Einklang mit dem strategischen Präventionsplan. Als Monitoringansatz ist die Prozessevaluation ein zentrales Steuerungsinstrument, das jede Anbieterin und jeder Anbieter nutzen kann.

Eine Prozessevaluation oder ein Monitoring stellt Fragen wie:

  • Was haben wir getan?
  • Wie viel haben wir getan?
  • Wer hat teilgenommen?
  • Wer hat die Komponenten der Intervention oder Strategie umgesetzt?
  • Wurde die Intervention oder Strategie wie vorgesehen umgesetzt? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?

Der Zweck der Ergebnisevaluation besteht darin, zu beschreiben, in welchem Maße sich Wissen, Einstellungen, Verhaltensweisen und Praktiken der teilnehmenden Personen oder Organisationen (häufig als kurz- und mittelfristige Ergebnisse verstanden) im Vergleich zu jenen verändert haben, die keiner Präventionsintervention oder -strategie ausgesetzt waren. Langfristige Ergebnisse beziehen sich auf das angestrebte Endergebnis der Intervention, etwa die Reduktion oder Beendigung von Substanzgebrauch.

Ein umfassendes Monitoring- und Evaluationssystem sollte sowohl Komponenten der Prozess- als auch der Ergebnisevaluation enthalten, um die Inputs und Outputs der Umsetzung ebenso zu dokumentieren wie die kurz-, mittel- und langfristigen Ergebnisse. Zu beachten ist, dass Prozessevaluation beziehungsweise Monitoring auch dann zentral sind, wenn keine Ergebnisevaluation geplant ist: Sie dokumentieren die Durchführung der Präventionsmaßnahme. Für jede neue Präventionsmaßnahme sollte ein Monitoring sichergestellt werden, um festzuhalten, was während der Intervention geschieht, wer erreicht wird und wie viel der Inhalte tatsächlich umgesetzt wurde.

Als Präventionsfachkraft haben Sie eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, die Bedeutung der Evaluation zu betonen. Es empfiehlt sich, mit einer Forschungseinrichtung zusammenzuarbeiten, um das Evaluationsdesign gemeinsam zu entwickeln; diese kann zu einem tragfähigen Forschungsaufbau beraten und bei statistischen Verfahren unterstützen. Die Hauptkomponenten des Designs umfassen: Forschungsfragen, Art des benötigten Forschungsdesigns, Zielpopulation, Auswahlkriterien für diese Zielpopulation, Operationalisierung der Evaluationsfragen sowie Methoden der Datenerhebung und Datenanalyse.

Komponenten von Forschungs- oder Evaluationsdesigns

Was ist ein Forschungsdesign? Allgemein beschreibt es einen Leitfaden oder Plan zur Untersuchung einer Forschungsfrage oder Hypothese. Das Design einer Studie wird durch die zu bearbeitenden Forschungsfragen oder Hypothesen definiert. Studientyp, zu untersuchende Population, Stichprobe und weitere Elemente hängen von klar formulierten Forschungsfragen oder Hypothesen ab. Diese müssen wiederum den zu erwartenden Aufwand zur Beantwortung der Forschungsfrage in Relation zu den erwarteten Evaluationsergebnissen berücksichtigen, um ein angemessenes Forschungsdesign zu wählen.

  • Forschungsfragen. Der wohl wichtigste Schritt bei der Entwicklung eines Forschungsdesigns ist die Formulierung klarer Forschungsfragen. Als Präventionsfachkraft sind Sie möglicherweise daran interessiert, zu wissen und zu dokumentieren, dass die Präventionsmaßnahme Ihrer Einrichtung tatsächlich die Zielgruppe erreicht und die beabsichtigten Wirkungen erzielt. Darüber hinaus möchten Sie vielleicht prüfen, ob die Intervention mit vergleichbaren Wirkungen auch für andere Zielgruppen einsetzbar ist. Fragen nach Reichweite und Ergebniswirkung leiten somit die Planung einer Evaluation.
  • Studientyp. Sobald Einigkeit über die Forschungsfragen besteht, kann die Entscheidung über den Studientyp getroffen werden: deskriptiv, experimentell, quasi-experimentell; Querschnitts-, Längsschnitt- oder Fallstudie.
  • Studienpopulation. Wer wird in die Studienpopulation aufgenommen? Welche Altersgruppen? Welches Geschlecht? Wie gestaltet sich die Wohn- und Lebenssituation der Personen? Solche Vorgaben werden Einschlusskriterien genannt. Ebenso interessiert, wer nicht einbezogen wird. Manchmal beschränkt sich die Studie auf Menschen einer bestimmten Bildungsschicht oder auf Personen, die die gestellten Forschungsfragen verstehen können. Diese Vorgaben werden Ausschlusskriterien genannt.
  • Auswahlkriterien und Stichprobe. Wie werden die tatsächlichen Studienteilnehmenden ausgewählt, sobald eine Studienpopulation definiert ist? Werden alle Personen einbezogen, die die Einschlusskriterien erfüllen, oder muss eine kleinere Teilgruppe zusammengestellt werden? Diese Teilgruppe heißt Stichprobe. Wichtig ist, dass die Stichprobe für die Gesamtgruppe repräsentativ ist, damit die Ergebnisse verallgemeinerbar sind und nicht nur für die Teilgruppe gelten. Es gibt verschiedene Methoden der Stichprobenziehung, um Repräsentativität zu gewährleisten, etwa die Randomisierung.
  • Messinstrumente. Forschungsfragen müssen in Variablen, Konstrukte oder Begriffe übersetzt werden (auch „Attribute” genannt), damit sie messbar werden. So kann das Attribut „Familienstand” im Messinstrument als „verheiratet” bzw. „nicht verheiratet” operationalisiert werden, oder es wird eine detailliertere Klassifikation gewählt. Bei der Auswahl der Messinstrumente sind Gütekriterien wie die Validität zu berücksichtigen: Erfassen die Instrumente tatsächlich das, was mit der Forschungsfrage erhoben werden soll?
  • Datenerhebung. Sobald die Messinstrumente feststehen, ist zu entscheiden, wie Daten erhoben werden. Teils liegen Daten bereits in schriftlicher Form vor, etwa in Formularen, die wir selbst ausfüllen, etwa zum Erhalt eines Führerscheins, oder die Dritte für uns ausfüllen, etwa Krankenhauspersonal in der Notaufnahme oder Polizeidienststellen. Zur direkten Erhebung in der Studienpopulation stehen verschiedene Methoden zur Verfügung: Standardformate wie Fragebögen oder Umfragen, die persönlich, telefonisch, postalisch, online oder zunehmend über Smartphone- und Tablet-Anwendungen ausgefüllt werden. Dabei sind Fragen von Anonymität und Vertraulichkeit sowie von Wahrheitsgehalt und Reliabilität sorgfältig abzuwägen.
  • Datenanalyse. Schließlich enthält das Forschungsdesign einen Plan zur Analyse der erhobenen Daten. Wie werden die Daten zusammengeführt, um die ursprünglichen Forschungsfragen zu beantworten? Welche Form der statistischen Analyse ist zu wählen?

Arten von Forschungsdesigns

In der Literatur werden viele Arten von Forschungsdesigns beschrieben, aber nur wenige werden auch häufig im Rahmen von Evaluationen von Präventionsmaßnahmen verwendet. Keine ist perfekt, nicht einmal der „Gold Standard” des klassischen experimentellen Versuchsdesigns (z.B. RCTs). Alle haben Vor- und Nachteile. Einige sind in bestimmten Situationen besser anwendbar als andere.

Beispiele für gängige Evaluationsdesigns

Es gibt mehrere aussagekräftige Forschungsdesigns, die eingesetzt werden, um die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen zu evaluieren. Jedes Design hat seine eigenen Vorteile, aber auch Nachteile.

Das klassische Versuchsdesign wird üblicherweise als randomisierte kontrollierte Studie (RCT) bezeichnet (Abbildung 15). Diese gilt als das gründlichste Forschungsdesign und wird häufig in der klinischen Forschung, aber auch in qualitativ hochwertiger Präventionsforschung eingesetzt. Die Schlüsselelemente dieses Designs sind:

  • Geeignete Messinstrumente
  • Auswahl einer Kontrollgruppe, die die gleichen Merkmale wie die Interventionsgruppe aufweist
  • Randomisierung: Zufällige Einteilung der Teilnehmer zu einer Interventions- und Kontrollgruppe
  • Daten, die vor und zu mehreren Zeitpunkten nach der Intervention von der Interventionsgruppe, und zu ähnlichen Zeiträumen von der Kontrollgruppe erhoben wurden
  • Klares Verständnis der Exposition durch die Intervention (Qualität und Quantität der Beteiligung an der Intervention)
  • Das Einhalten eines ausreichenden und angemessenen Zeitabstandes nach der Teilnahme an einer Intervention für deren Ergebnismessung.

Einige Stärken und Schwächen des RCT sind unter anderem:

  • RCTs tragen dazu bei, Ursachen- und Wirkungszusammenhänge zwischen der Durchführung eines Präventionsprogramms und seinen Ergebnissen aufzuzeigen.
  • Das Forschungsteam kann eine Intervention gezielt zuweisen oder zurückhalten.
  • Die Verringerung einiger Arten von Verzerrungen (Bias) durch zufällige Zuordnung der Teilnehmer zu Interventions- oder Kontrollgruppe.
  • Es erfordert oft eine große Stichprobe, die über einen längeren Zeitraum untersucht wird. Es kann daher sehr kostspielig sein und viel Zeit in Anspruch nehmen, Ergebnisse zu erzielen.
  • Die Ergebnisse entsprechen möglicherweise nicht den realen Gegebenheiten der täglichen Praxis.
  • Es könnten noch einige versteckte Unterschiede zwischen den untersuchten Gruppen geben, die durch den Randomisierungsprozess nicht berücksichtigt wurden.
  • Nicht immer werden wichtige Fragen wie „Was funktioniert, für wen und unter welchen Umständen” beantwortet? Um diese Informationen zu erhalten, benötigen Sie andere Arten von Studiendesigns (z.B. qualitative Studien).
Ausgang
Zuteilung
Zeitpunkt 1
Intervention
Zeitpunkt 2
Definierte Population
Randomisierung
Interventionsgruppe: Prätest O1
Präventive Intervention X
Interventionsgruppe: Posttest O2
Kontrollgruppe: Prätest O1
Keine Intervention
Kontrollgruppe: Posttest O2

Schlüsselelemente

  • Zufällige Zuteilung verringert Verzerrungen und schafft vergleichbare Gruppen.
  • Differenz zwischen Interventions- und Kontrollgruppe spricht für einen kausalen Effekt.

Das RCT gilt als gründlichstes Design zur Prüfung kausaler Wirkungen einer Präventionsmaßnahme.

Abbildung 15: Randomized Controlled Trial (RCT)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Unterbrochenes Zeitreihen-Design

Ein alternatives Design, welches Verwendung findet, wenn es schwierig ist, eine Vergleichs- oder Kontrollgruppe zu generieren, ist das unterbrochene Zeitreihen-Design (Abbildung 16). Im Rahmen dieses Forschungsdesigns werden bis zu 100 Messungen vor und nach der Intervention für die Zielpopulation durchgeführt. Diese Art von Design wurde erfolgreich bei der Untersuchung der Einführung von Verhältnispräventionsmaßnahmen verwendet. So könnte beispielsweise eine Regierung beschließen, eine neue Alkoholsteuer einzuführen. Hier ist es nicht möglich, der Zielgruppe (d.h. der Öffentlichkeit) die Intervention zuzuordnen, jedenfalls nicht wie bei einer RCT, da alle Alkoholprodukte betroffen sind. Das unterbrochene Zeitreihendesign ermöglicht es jedoch, zu untersuchen, was für Entwicklungen sich in Bezug auf die interessierenden Outcomes vor und nach der Einführung der neuen Steuer vollziehen.

Einige Stärken und Schwächen des Unterbrochenen Zeitreihen-Designs sind:

  • Es ist relativ einfach durchzuführen, wenn bereits routinemäßig Daten erhoben werden (z.B. Kriminalitäts- oder Krankenhausstatistik).
  • Gute Analysen können bereits bestehende und saisonale Trends (z.B. erhöhter Alkoholkonsum während der Schulferien) oder Veränderungen in der breiten Bevölkerung (z.B. ein langfristiger Trend zu vermindertem Alkoholkonsum in der Allgemeinbevölkerung) vor Einführung der Intervention ausschließen.
  • Es kann weder erklären noch vollständig ausschließen, dass andere Faktoren, die gleichzeitig mit der Intervention aufgetreten sind, für die Ergebnisse verantwortlich waren.
  • Es kann lange dauern, bis genügend Daten für die Durchführung der Analyse vorliegen.
  • Die Ergebnisse sind manchmal schwer zu interpretieren, wenn das Ergebnis des Interesses nur selten vor der Umsetzung der Intervention auftrat.
Unterbrochenes Zeitreihen-Design Vor der Intervention steigt der Wert langsam an. Am Interventionszeitpunkt fällt er deutlich und bildet anschließend einen neuen, niedrigeren Trend. Eine gestrichelte Linie zeigt den erwarteten Verlauf ohne Intervention. hoch mittel niedrig Outcome Intervention erwarteter Trend ohne Intervention O₁ O₂ O₃ O₄ O₅ O₆ O₇ O₈ O₉ Jan Feb Mrz Okt Nov Dez Jan spät Zeit
Beobachtung vor Intervention
Beobachtung nach Intervention
Kontrafaktischer Trend (erwartet ohne Intervention)

Lesehinweis

Mehrere Messzeitpunkte vor und nach der Intervention erlauben einen Vergleich als Trend. Der sichtbare Bruch im Verlauf stützt die Annahme eines Effekts.

Der sichtbare Bruch im Verlauf nach der Intervention stützt die Annahme eines Effekts.

Abbildung 16: Unterbrochenes Zeitreihen-DesignNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Vorher- und Nachhermessung ohne Kontrollgruppe (One Group Pre- und Post-Test-Design)

Vorher- und Nachhermessungen ohne Kontrollgruppe ist das am häufigsten genutzte Design in der Evaluationsforschung (Abbildung 17). Vor der Präventionsmaßnahme werden Daten von der Zielgruppe erhoben, die Zielgruppe erhält die Intervention und im Anschluss daran werden die gleichen Daten wie vor der Intervention nochmals erhoben. Die Datenerhebung nach der Intervention kann über einen Zeitraum von unmittelbar nach der Intervention bis zu einem Jahr nach der Intervention erfolgen.

Einige Stärken und Schwächen von Vorher- und Nachhermessungen ohne Kontrollgruppe sind Folgende:

  • Sie sind schnell und einfach zu realisieren, kostengünstig und in die Routine einer Institution integrierbar.
  • Einfache Instrumente wie z.B. Umfragen, können für die gesamte Datensammlung verwendet werden.
  • Sie können beschreiben, was mit einer bestimmten Gruppe passiert, wenn sie eine Intervention erhält.
  • Sie können keine Ursachen- und Wirkungszusammenhänge aufzeigen.
  • Sie können nur kurzfristige Änderungen anzeigen.
  • Sie schließen alternativen Erklärungen für beobachtete Veränderungen nicht aus.

Fragen, die bei der Bewertung von Evaluationsergebnissen zu berücksichtigen sind

Bei der Bewertung der Ergebnisse einer Evaluation und der daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen gibt es, unabhängig vom Forschungsdesign, eine Reihe von weiteren Faktoren, die zu bedenken sind. Diese müssen bei der Gestaltung einer Evaluation ebenfalls berücksichtigt werden.

Validität

Bei allen Evaluationen beziehen sich die wichtigsten Bedenken auf die Validität der Ergebnisse. Was bedeutet Validität? Im Falle einer Evaluation bedeutet Validität, dass die gefundenen Effekte der Intervention zuzuschreiben sind. Es gibt zwei Arten von Validität, die berücksichtigt werden müssen:

  • Interne Validität: Sind die Befunde wirklich das Ergebnis der Teilnahme an der Intervention oder hängen sie mit anderen Ereignissen zusammen?
  • Externe Validität: Sind die Befunde aus der Evaluation einer Präventionsmaßnahme auch auf andere Situationen und andere Populationen übertragbar? Mit anderen Worten, wenn eine Präventionsmaßnahme bei europäischen Kindern wirksam war, ist sie bei Kindern aus Südamerika genauso wirksam?

Diese Themen sind wichtig. Dass eine Intervention für Jugendliche aus der Mittelschicht wirksam ist, bedeutet nicht, dass sie für Jugendliche, die in Armut leben, wirksam sein wird.

Zeitpunkt 1
Zeitraum der Umsetzung
Zeitpunkt 2
Gruppe Prätest O1
Präventive Intervention X
Gruppe Posttest O2
Δ = O2 − O1 (gemessene Veränderung)

Wichtige Limitation

Ohne Kontrollgruppe lassen sich Ursache und Wirkung nicht sicher trennen: Reifung, Zeitgeschichte, saisonale Effekte oder Messreaktivität können die Differenz ebenfalls erklären.

Das Design ist schnell und günstig, eignet sich aber nur für kurzfristige, beschreibende Aussagen.

Abbildung 17: Vorher- und Nachhermessung ohne KontrollgruppeNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Interne Validität

Es gibt eine Reihe von Gefahrenquellen für interne Validität, welche bedacht werden müssen, da sie die Ergebnisse möglicherweise verzerren können und somit nicht den tatsächlichen Effekt der Intervention abbilden

  • Laufzeit: Der Einfluss des Zeitablaufs.
  • Geschichte: Ein weiterer Aspekt des Zeitablaufs. Was ist vor einer Intervention oder in der Zwischenzeit passiert?
  • Stichprobenauswahl: Wenn Evaluationsforscher die Intervention nicht für alle Mitglieder einer Gruppe durchführen können, müssen sie eine kleinere Gruppe oder Studienstichprobe auswählen, welche die größere Gruppe repräsentiert. Das bedeutet, dass die kleinere Gruppe die primären Merkmale der größeren Gruppe widerspiegeln muss, damit die Ergebnisse auf diese übertragen werden kann (Repräsentativität).
  • Abbruch (oder Verlust): Der Begriff bezieht sich auf Studienteilnehmer, die die Studie verlassen haben oder für ein Follow-up nicht mehr erreichbar sind.
  • Messinstrumente: Es gibt Hinweise darauf, dass Probanden allein durch das Beantworten der Evaluationsfragen Lerneffekte erfahren können.

Externe Validität

Externe Validität bedeutet, dass die Erkenntnisse aus der Evaluation einer Präventionsmaßnahme auf andere Situationen und andere Populationen verallgemeinerbar (oder anwendbar) sind.

  • Generalisierbarkeit. Gilt dies für andere Situationen und Bevölkerungsgruppen?
  • Übertragbarkeit: Können die Ergebnisse voraussichtlich von anderen Personen repliziert werden, die an der Durchführung der Intervention interessiert sind?
  • Intervention, Setting oder Durchführung: Interventionsbedingungen, Tageszeit, Jahr, Standort, Beleuchtung, Lärm.
  • Pre-/Post-Test-Effekte. Es gibt bereits einen Lerneffekt, der bei der Durchführung von Pre- oder Post-Tests auftritt.
  • Eine weitere Gefahrenquelle ist die sogenannte „Reaktivität gegenüber der Forschung” oder auch „Reaktivität gegenüber der Intervention”. Die Kenntnis der Teilnehmer, dass sie im Rahmen einer Forschungsstudie an einer Intervention teilnehmen, hat Einfluss darauf, wie sie auf die Intervention reagieren (z.B. absichtlich versuchen, „erfolgreich” zu sein oder zu „scheitern”) oder wie sie Forschungsinstrumente, z.B. Fragebögen, beantworten. Zu den dazu verwandten Begriffen gehören Placebo-Effekte (wenn eine Intervention einen positiven Effekt auf die Teilnehmenden hat, nur weil die Empfänger glauben, dass sie das tut), Neuheitseffekte (novelty effects; wenn Menschen dazu neigen, besser auf die anfängliche Einführung einer Intervention zu reagieren, weil sie neu ist und sich von dem unterscheidet, was normalerweise angeboten wird, jedoch nicht weil sie effektiver ist); und Hawthorne-Effekte (wenn Menschen ihr gewohntes Verhalten ändern, weil sie wissen, dass sie Teil einer Forschungsstudie sind oder von Mitarbeitern der Intervention beobachtet werden).

Kontroll- oder Vergleichsgruppe

Was wir bei jeder Evaluation herausfinden wollen, ist, ob ein starker Zusammenhang zwischen der Teilnahme an einer Intervention und dem erwünschten Ergebnis, in unserem Fall Substanzkonsum, besteht. Um sicherzustellen, dass die Intervention tatsächlich die „Ursache” für das Ergebnis ist, muss ausgeschlossen werden, dass andere Faktoren eine Rolle für das Ergebnis spielen. Zu diesen Faktoren gehören die oben genannten, wie z.B. der Reifungsprozess, die Geschichte usw. Wie erreichen wir das? Durch die Untersuchung einer Gruppe von Personen, die die Intervention zwar nicht erhält, aber der Gruppe, die an der Intervention teilgenommen hat, ähnlich ist. Diese Gruppe wird Kontroll- oder Vergleichsgruppe genannt.

Die Kontrollgruppe wird auch „treatment as usual” oder „conditions as usual” genannt. Mit anderen Worten, die Kontrollgruppe repräsentiert, was mit der Interventionsgruppe geschehen würde, wenn sie die Intervention nicht erhalten hätte. „Treatment as usual” kann sich darauf beziehen, dass überhaupt keine oder nur die übliche Behandlung erfolgt. Ein Beispiel dafür ist der Vergleich eines neuen schulischen Präventionsprogramms mit den allgemeinen Gesundheits- und Sozialstunden, die die Schüler normalerweise erhalten. Das ist der Kern eines starken Forschungsdesigns.

Stichprobenziehung und Messtechniken

Wie bereits erwähnt ist eine Stichprobenziehung ein Verfahren, dass es ermöglicht, Erkenntnisse aus der Untersuchung eines Bevölkerungsausschnitts auf die Gesamtbevölkerung zu übertragen (Repräsentativität). Darüber hinaus ist es von ethischer Bedeutung, die Rechte und Sicherheit der Teilnehmer zu schützen und dafür zu sorgen, dass ihnen durch die Teilnahme an der Intervention kein Schaden entsteht.

Die Stichprobenziehung umfasst mehrere Schritte:

  • Populationsdefinition und -beschreibung: Was sind die Merkmale der Population? Was ist die geschlechtsspezifische Aufschlüsselung? Wie viele Männer? Wie viele Frauen? Wir möchten vielleicht zudem herausfinden, ob sie in Städten, Vororten oder in ländlichen Gebieten leben.
  • Zugang zur Population: Möglicherweise können Sie nicht alle erreichen, daher stellt sich die Frage: Zu welcher Population haben Sie Zugang? Wenn Sie eine bundesweite Umfrage durchführen, ist die Teilnahme limitiert auf Personen, die in Haushalten leben und/oder Computer mit Internetzugang besitzen.
  • Einschluss-/Ausschlusskriterien: Definieren Sie, wer innerhalb derselben Population in Ihrer Studie und Ihrer Stichprobe sein wird und wer nicht.
  • Wenn wir über Messungen sprechen, diskutieren wir stets die Themen der Reliabilität und Validität. Wie beständig sind wiederholte Messungen im zeitlichen Verlauf? Diese Frage bezieht sich auf Konsistenz oder Reliabilität. Messen wir, was wir messen wollen? Diese Frage trägt der Validität Rechnung. Glücklicherweise hat das Gebiet der Suchtprävention Instrumente zur Beurteilung der Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen entwickelt, die in vielen verschiedenen Situationen und für viele verschiedene Bevölkerungsgruppen angewendet wurden. Die EBDD hat Einzelheiten zu vielen davon in ihrer Datenbank für Evaluationsinstrumente veröffentlicht (https://www.euda.europa.eu/eib).

Wie bereits angemerkt gibt es zwei Arten von Daten: quantitative und qualitative. Für diese beiden Datenarten gibt es viele Definitionen. Nachfolgend finden Sie einige Beispiele.

Quantitative Daten im Allgemeinen:

  • stellen Messungen zur Quantität bereit: z.B. „Wie viele Personen im Alter von 12 bis 17 Jahren haben in den letzten 30 Tagen Cannabis/Marihuana/Haschisch konsumiert?” Oder, für diejenigen, die in den letzten 30 Tagen Cannabis konsumiert haben: „Wie oft haben Sie in den letzten 30 Tagen durchschnittlich Cannabis konsumiert?”;
  • messen Verhaltensebenen und Trends im Laufe der Zeit;
  • sind objektiv, standardisiert und in der Regel leicht zu analysieren. Da sie standardisiert sind, können sie über Gemeinschaften und Gruppen hinweg gesammelt werden.

Qualitative Messungen sind im Allgemeinen:

  • subjektiv und befassen sich mit den Fragen „Warum?” und „Was für eine Bedeutung hat ein Phänomen?”
  • aufschlussreich in Bezug auf Verhalten, Trends und Wahrnehmungen
  • erklärend und hilfreich bei der Interpretation quantitativer Daten („Wie kam es zur Ausprägung eines bestimmten Phänomens?”).

Unabhängig von der Wahl eines quantitativen oder qualitativen Messverfahrens sollen die Daten systematisch erhoben und analysiert werden, um die Forschungsfrage angemessen beantworten zu können.

Datenerhebung, Analyse, Statistik und Berichterstattung

Sobald die Messungen erhoben sind, müssen sie in Daten und eine Form umgewandelt werden, die eine weitere Untersuchung oder Analyse ermöglichen. Die Datenanalyse ermöglicht dem Sachverständigen, die untersuchte Population systematisch zu beschreiben und mit der Beantwortung der Forschungsfragen zu beginnen, welche die Grundlage der Evaluation darstellen. Dieser Prozess der Beschreibung und weiteren Analyse wird durch den Einsatz statistischer Methoden unterstützt.

Evaluationsschritt Programmmitarbeiter Externer Evaluator
1. Stakeholder einbeziehen Führende Rolle
Sie kennen Ihre Stakeholder gut und wissen, wer an der Evaluation beteiligt sein sollte.
Unterstützende Rolle
Interesse an der Einbeziehung von Stakeholdern zeigen und diese aktiv beteiligen.
2. Intervention beschreiben Gemeinsame Rolle
Teilen Sie das Wissen über die Präventionsmaßnahme.
Gemeinsame Rolle
Beauftragen Sie das Programmpersonal zur Beschreibung und übernehmen Sie die Führung.
3. Vorbereitung der Evaluation Gemeinsame Rolle
Identifizieren Sie die wichtigsten Evaluationsfragen.
Gemeinsame Rolle
Helfen Sie, gute Evaluationsfragen zu erarbeiten und das Design zu entwickeln.
4. Glaubwürdige Evidenz erheben Unterstützende Rolle
Verschaffen Sie Zugang zu vorhandenen Daten oder tragen Sie zur Erhebung neuer Daten bei.
Führende Rolle
Übernehmen Sie die Führung bei allen Datenerhebungsaktivitäten.
5. Schlussfolgerungen begründen Gemeinsame Rolle
Helfen Sie dem Evaluator bei der Interpretation und entwickeln Sie Schlussfolgerungen.
Gemeinsame Rolle
Übernehmen Sie die Führung bei der Datenanalyse; arbeiten Sie eng mit den Programmmitarbeitern zusammen.
6. Anwendung und Verbreitung der Erkenntnisse Führende Rolle
Stellen Sie sicher, dass die Forschungsergebnisse in der weiteren Programmentwicklung berücksichtigt werden.
Unterstützende Rolle
Präsentieren Sie die nutzungsrelevanten Evaluationsergebnisse.

Führende Rolle: Hauptverantwortung für den Schritt. Unterstützende Rolle: Zuarbeit und Beteiligung. Gemeinsame Rolle: geteilt. Quelle: Centers for Disease Control and Prevention, 2010.

Tabelle 11: Rollen der Programmmitarbeiter und des externen EvaluatorsNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Deskriptive Statistik: Stellt Werkzeuge bereit, um Daten anhand von statistischen Kennwerten, Diagrammen, Grafiken oder Tabellen zu beschreiben. Dies umfasst insbesondere die Darstellung in Form von Lage- (u.a. Mittelwert, Median, Summe) und Streuungsmaßen (Standardabweichung, Varianz, Spannweite) sowie Häufigkeitstabellen und Diagrammen. Deskriptive Statistik beschreibt eine untersuchte Stichprobe bzw. Population, lässt jedoch keine Schlussfolgerungen im Hinblick auf den zeitlichen Verlauf, Kausalität oder die Gesamtbevölkerung zu. Dies ist Gegenstand der sogenannten Inferenzstatistik

Inferenzstatistik: Diese möchte Aussagen über die Grundgesamtheit (Gesamtbevölkerung) treffen, untersucht zur Erreichung dieses Ziels jedoch nur einen Ausschnitt der Gesamtbevölkerung. In Abhängigkeit der untersuchten Hypothese kommen unterschiedliche mathematische Verfahren zum Einsatz, um eine belastbare Schlussfolgerung im Hinblick auf die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse zu ziehen. Dies ist insbesondere dann besonders wertvoll, wenn es aus verschiedenen Gründen nicht möglich ist, die gesamte Bevölkerung zu befragen (finanzielle, logistische Gründe). Inferenzstatistik erlaubt es, Aussagen hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit und der Verteilung eines bestimmten Problems in der Bevölkerung zu treffen und kausale Zusammenhänge zwischen verschiedenen Variablen aufzuklären (z.B. sozioökonomischer Status und Lebenserwartung). Für die Evaluation von Präventionsprogrammen ist die Inferenzstatistik daher besonders wichtig

Berichterstattung: Die Berichterstattung dokumentiert nachvollziehbar und transparent, das gesamte Evaluationsvorgehen, einschließlich seiner Ziele, Forschungsfragen und seinem -design. Sie spiegelt auch die angewendeten Methoden sowie sämtliche verwendeten Informationsquellen offen wider. Die gefundenen Evaluationsergebnisse werden systematisch und kritisch beleuchtet, um auf mögliche Fehlerquellen und Verzerrungen (Bias), welche Einfluss auf die Ergebnisse genommen haben könnten einzugehen. Eine abschließende Bewertung und Schlussfolgerungen aus den Evaluationsergebnisse sollen dabei immer auf den gefundenen und analysierten Daten und den zuvor formulierten Zielwerten beruhen.

Zusammenarbeit mit einem Evaluationsforscher – das kollaborative Modell

In der traditionellen Herangehensweise ist der externe Evaluationsforscher unabhängig von der Intervention (z.B. einer spezialisierten Universitätsabteilung) und trifft Entscheidungen über alle Aspekte der Evaluation, abgesehen von denen, die das die Intervention durchführende Team betreffen. Die Interaktion zwischen Interventionsteam und Evaluationsteam wird im Allgemeinen auf das Wesentliche beschränkt und minimal gehalten, um Verzerrungen (bias) zu vermeiden. Im Gegensatz dazu wird die kollaborative Evaluation mit dem Input des Interventionsteams entwickelt, und der Evaluationsforscher arbeitet während der gesamten Evaluation mit dem Interventionsteam zusammen.

Der kollaborative Ansatz bezieht beide Parteien mit ein, sodass Interventions- und Evaluationsteam eine Einheit bilden. Im Rahmen des Kooperationsmodells können auch weitere Akteure eingebunden werden. Es ist jedoch wichtig, dass die Rollen, Tätig- und Verantwortlichkeiten definiert sind, andernfalls werden fast zwangsläufig Konflikte und falsche Erwartungen entstehen. Wichtig ist, dass sich das Evaluations- und Interventionsteam regelmäßig austauschen. Tabelle 6 zeigt, wie Rollen von beiden Parteien wahrgenommen werden können, bei gleichzeitiger Einbringung von Expertise. Führende Rollen sind gelb, unterstützende Rollen blau und geteilte Rollen rot markiert.

Externe Evaluationsforscher müssen Dienstleistungen erbringen, die ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis aufweisen, und über die für die Durchführung einer Evaluation erforderliche Erfahrung und Kompetenz verfügen.

Ergänzend sollten sich externe Evaluationsforscher bezüglich des Einhaltens von Qualitätsstandards und zeitlicher Fristen verpflichten, den Untersuchungsgegenstand verstehen und sich intensiv mit den Entwicklern der Maßnahme und weiteren Akteuren befassen.

Verzeichnisse geprüfter Präventionsprogramme

Meistens müssen wir kein neues Präventionsprogramm entwickeln, sondern stattdessen versuchen, mit bestehenden effektiven Programmen zu arbeiten. Wie finden Sie gewaltpräventive Maßnahmen, die funktionieren? Glücklicherweise gibt es mehrere Register, die evidenzbasierte Interventionen im Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung gesammelt haben. Diese Register identifizieren Interventionen mit einer starken empirischen oder evidenzbasierten Grundlage, und die besten Register haben eine durchsuchbare Datenbank, so dass Sie Schlüsselbegriffe eingeben können, die sich sowohl auf die Interventionen als auch auf die Interessen des Suchenden beziehen.

Die Verwendung von Registern kann aber auch Probleme aufwerfen, daher sollte sorgfältig darauf geachtet werden, die dargestellten Interventionen gründlich zu sichten und die Aufnahmekriterien zu prüfen. Möglicherweise verlassen sich die Register auf die von einer Person oder Organisation vorgelegten Evidenzen zur Wirksamkeit. Somit kann es sein, dass die angegeben Evidenzen möglicherweise keine negativen bzw. unwirksamen Evaluationsergebnisse beinhalten. Außerdem könnte es der Fall sein, dass die veröffentlichten Analysen keine neueren Evidenzen, die in der Zwischenzeit verfügbar geworden sind, enthalten. Register variieren auch darin, auf welche Weise sie Evidenzen darstellen. Dennoch sind sie eine wichtige Quelle für Informationen, bezüglich evaluierter Präventionsmaßnahmen, mit einer Beschreibung von deren Inhalt und Durchführung.

Es gibt Register, die für die Auswahl von für Ihre Zielgruppe geeigneten Präventionsmaßnahmen genutzt werden können. Dazu gehören u.a. Xchange, die Grüne Liste Prävention, die Blueprints for Healthy Child Development und der wegweiser prävention.

Xchange ist ein europäisches Register für evidenzbasierte Präventionsprogramme im Kontext Drogen und Entwicklungsförderung. Umfassender sind die Grüne Liste Prävention und Blueprints for Healthy Child Development, die ausgehend von Risiko- und Schutzfaktoren ein weites Spektrum geprüfter Präventionsprogramme beinhalten. In Kooperation mit der Grünen Liste zeigt der wegweiser prävention geprüfte Programme speziell zur Entwicklungsförderung und Gewaltprävention auf.

Wenn Sie sich darüber hinaus für aktuelle Entwicklungen im Kontext der Präventionsforschung interessieren, empfehlen wir die regelmäßige Lektüre wissenschaftlicher Zeitschriften wie z.B. „Prevention Science”, „Public Health” oder die Teilnahme an den Jahreskongressen entsprechender Fachgesellschaften (z.B. Europäische Gesellschaft für Präventionsforschung, Deutsche Gesellschaft für Public Health)

Exkurs: Ex-ante-Evaluationen

Eine Ex-ante-Evaluation (auch präformative bzw. vorgeschaltete Evaluation) wird vor der erstmaligen Umsetzung eines Programms durchgeführt, um dessen Konzept zu bewerten. Von Interesse können beispielsweise die Passung hinsichtlich des Bedarfes, die Finanzierbarkeit, Umsetzbarkeit oder Wirksamkeit sowie das Kosten-Nutzen-Verhältnis sein. Eine Ex-ante-Evaluation kann auch zur Klärung von Zielen dienen und Sie können durch sie ein vertieftes Verständnis darüber gewinnen, welche Art von Analysen erforderlich sind, um den Erfolg oder Misserfolg eines Präventionsprogramms zu ermitteln.

Schlüsselinformationen für Ex-ante-Evaluation

  • Problemanalyse und Bedarfsanalyse
    • Was ist das zu lösende Problem und was sind die wichtigsten Faktoren und beteiligten Akteure?
    • Was ist die Zielgruppe und was sind ihre substanzbezogenen Bedürfnisse?
  • Zielsetzung
    • Wurden die allgemeinen, spezifischen und operativen Ziele der Präventionsmaßnahme anhand der erwarteten Ergebnisse definiert?
    • Welche Bewertungsindikatoren sind für die Messung von Inputs, Outputs, Ergebnissen und Auswirkungen vorgesehen?
  • Alternative Möglichkeiten der Umsetzung und Risikobewertung
    • Welche alternativen Präventivmaßnahmen wurden in Betracht gezogen (einschließlich des Unterlassens von Interventionen), und warum wurde die vorgeschlagene gewählt?
    • Welche Risiken (z.B. Opportunitätskosten, potenziell ungünstige Ergebnisse) sind an der Umsetzung der Maßnahme beteiligt und welche Gegenmaßnahmen wurden ergriffen?
  • Mehrwert der Intervention
    • Ist die vorgeschlagene Maßnahme komplementär und kohärent zu anderen damit verbundenen Maßnahmen?
    • Erzeugt sie Synergien mit ihnen?
  • Lehren aus der Vergangenheit
    • Welche Erkenntnisse und Informationen aus früheren Bewertungen, Prüfungen oder Studienergebnissen/Erfahrungen mit ähnlichen Maßnahmen liegen vor?
    • Wie können diese angewendet werden, um die Gestaltung der Intervention zu verbessern?
  • Planung des zukünftigen Monitorings und der Evaluation
    • Sind die vorgeschlagenen Methoden zur Erhebung, Speicherung und Analyse des Monitoringsystems/der Evaluationsdaten robust?
    • Ist das Monitoringsystem/die Evaluation von Anfang an voll funktionsfähig?
    • Welche Arten von Evaluationen sind erforderlich, wann sollten sie durchgeführt werden, und wer sollte dies tun?
  • Beitrag zur Kosteneffizienz
    • Welche unterschiedlichen Kostenfolgen hat die vorgeschlagene Interventionsmöglichkeit?
    • Könnten die gleichen Ergebnisse zu niedrigeren Kosten erzielt werden oder könnten bessere Ergebnisse bei gleichen Kosten erzielt werden, wenn man die Intervention verändert oder wechselt?

Abschnitt II · Settings

Kapitel 05

Prävention im Setting Familie

Die Familie ist eines der Settings auf der Mikroebene und von großer Bedeutung für die positive Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Der Fokus dieses Kapitels liegt auf familienorientierten Maßnahmen, deren Inhalten und Besonderheiten. Beispielhaft werden die evidenzbasierten Programme „EFFEKT®” und „Triple P” vorgestellt. Wir beenden das Kapitel mit einer Diskussion über die Herausforderungen bei der Arbeit mit Familien und wie diese bewältigt werden können.

Definitionen

Was „Familie” bedeutet und wie diese definiert wird, unterscheidet sich sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch in der wissenschaftlichen Diskussion. Verschiedene Disziplinen wie Anthropologie, Soziologie, Psychologie oder Ökonomie definieren und untersuchen „Familie” auf unterschiedliche Weise. Auch kulturübergreifend gibt es kein einheitliches Verständnis davon, was „Familie” bedeutet. In den Vereinigten Staaten, Kanada und vielen europäischen Ländern wird „Familie” am häufigsten als Kernfamilie definiert; gemeint sind damit meist zwei gegengeschlechtliche Partner und deren Kinder, Alleinerziehende oder getrennt lebende Paare mit geteiltem Sorgerecht (Patchworkfamilien). In den meisten anderen Teilen der Welt wird „Familie” oft als Großfamilie definiert, zu der Großeltern, Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins sowie die erweiterte Verwandtschaft gezählt werden. Hohe Scheidungs- und Wiederverheiratungsraten in Europa haben in den letzten Jahrzehnten dazu beigetragen, dass die Zahl der Patchworkfamilien und Alleinerziehenden gestiegen ist und das bis dahin dominierende Familienkonzept erweitert und verändert wurde.

Familien als Systeme

Wissenschaftler betrachten Familien oft als eine besondere Form sozialer Systeme. Das bedeutet, dass eine Familie mehr ist als nur eine Gruppe von Menschen, die zusammenlebt. Familien sind in vielerlei Hinsicht einzigartige Gruppen von Individuen und unterscheiden sich von Gleichaltrigengruppen oder anderen sozialen Zusammenschlüssen. Anders als in den meisten sozialen Gruppen sind Mitglieder einer Familie direkt verwandt. Aufgrund der Nähe der Beziehungen und der spezifischen Aufgaben von Familien entstehen charakteristische Interaktionsmuster, über die sie sich wiederum definieren.

Einige Interaktionsmuster sind Familien gemeinsam, in vielen anderen unterscheiden sie sich voneinander. So wie keine zwei Individuen genau gleich sind, gestalten auch keine zwei Familien ihre Beziehungen auf dieselbe Weise. Die Interaktion zwischen Familienmitgliedern ist oftmals von einer Direktheit und Intimität geprägt, die in Beziehungen außerhalb der Familie nicht oder nur gegenüber wenigen Personen gezeigt würde.

Familien können sich gegenseitig sozial unterstützen und ein Gefühl der Zugehörigkeit geben. Dieses Zugehörigkeitsgefühl ist wichtig für die menschliche Entwicklung: Es hilft dabei, Widerstandsfähigkeit auszubilden und der Entstehung von Verhaltensproblemen vorzubeugen. Die Art und Weise, wie sich Familien strukturieren – ihre Einstellungen, Überzeugungen und Werte – bestimmt ihre Identität und beeinflusst darüber hinaus, wie Familienmitglieder mit Menschen außerhalb der Familie interagieren und welche Erwartungen sie gegenüber solchen Interaktionen haben.

Eine der zentralen Aufgaben von Familie ist die Sozialisation von Kindern. Die Familie ist in der Regel der Kontext, in dem Kinder Normen, Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen erlernen. Sie stellt den primären Sozialisationskontext dar, denn Kinder erlernen im Kreise ihrer Familie grundlegende Fähigkeiten wie Sprache, Sozialverhalten und Frustrationsbewältigung. Eltern unterstützen die Entwicklung sozialer und personaler Fähigkeiten durch verschiedene Formen des Lernens, der Beziehungsgestaltung und Erziehung.

Formen familienbezogener Präventionsmaßnahmen

Familienbezogene Präventionsmaßnahmen können ebenso wie andere präventive Interventionen in die Kategorien universell, selektiv oder indiziert unterteilt werden.

Neben der Zielgruppe (z.B. nur bestimmte Familienmitglieder oder die gesamte Familie) ist die Zielsetzung ein weiteres charakterisierendes Merkmal familienbezogener Präventionsmaßnahmen.

Elterninterventionen konzentrieren sich ausschließlich auf die Veränderung bestimmter Erziehungspraktiken (z.B. Beziehungsgestaltung oder wirksame Kommunikation) und richten sich allein an Eltern bzw. Sorgeberechtigte. Die Kinder können gegebenenfalls an der Maßnahme beteiligt sein.

Elternprogramme und Maßnahmen zur Förderung der Erziehungskompetenz sind in der Regel breiter angelegt. Sie fördern zugleich das Erziehungsverhalten der Eltern und die personalen und sozialen Fähigkeiten der Kinder; Übungen werden auch mit der gesamten Familie durchgeführt. Der Schwerpunkt geht über die eigentliche Erziehung hinaus und liegt darauf, wie sich Eltern und Kinder innerhalb einer Familie gegenseitig positiv beeinflussen und als Familie zusammenwirken können.

Maßnahmen zur Förderung der Erziehungskompetenz werden mitunter in Kombination mit anderen Interventionen – etwa mit einer schulbasierten Intervention in derselben Kommune – als Teil einer umfassenderen Rahmenstrategie umgesetzt. Aufgrund der vielen verschiedenen Makro- und Mikrofaktoren, die jugendliches Risikoverhalten beeinflussen, werden solche Strategien häufig auf gesamtgesellschaftlicher Ebene verankert. Einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Kombination verschiedener Ansätze zur Reduzierung von Problemverhaltensweisen auf Bevölkerungsebene wirksam sein kann.

Eine weitere Interventionsform ist die Familientherapie, die bereits aufgetretene Verhaltensauffälligkeiten adressiert, um eine spätere Eskalation im Entwicklungsverlauf zu verhindern. Hinweise darauf, dass eine Familie von einer Intervention profitieren kann, zeigen sich teils in Aspekten des familiären Umgangs (z.B. Gewalt), teils im jugendlichen Verhalten außerhalb des familiären Umfelds (z.B. in der Schule oder in anderen Settings). Intensive familiäre Interventionen wie die systemische Familientherapie oder die sozialpädagogische Familienhilfe können sowohl im Kindes- als auch im Jugendalter deutlich positive Wirkungen erzielen.

Wie auch in anderen Bereichen gilt für familienbezogene Präventionsmaßnahmen, dass sie den Entwicklungsstand der adressierten Kinder und Jugendlichen berücksichtigen müssen. Abbildung 18 führt verschiedene Strategien (schwarz), Ziele (rot) und Ergebnisse (blau) vor dem Hintergrund der Entwicklungsphasen von der Geburt bis zur Adoleszenz auf.

Familienbezogene Präventionsmaßnahmen nach Entwicklungsphasen

Säuglingsalter
Frühe Kindheit
Mittlere Kindheit
Adoleszenz
Strategien
Hausbesuche
Verhaltenstraining für Eltern
Maßnahmen zur Verbesserung der familiären Kompetenzen
Intensive familiäre Interventionen
Ziele
Verbesserte Eltern-Kind-Beziehung
Positivere Methoden zur Disziplinierung, besseres Management
Verstärkte Kontrolle
Ergebnisse
Wohlbefinden
Gesteigertes prosoziales Verhalten
Verringerung von Aggressivität und Verhaltensproblemen
Verringerung des Substanzkonsums
Strategien Ziele Ergebnisse

Die Balkenlänge markiert die Entwicklungsphasen, in denen die jeweilige Maßnahme wirksam ansetzt.

Abbildung 18: Familienbezogene Präventionsmaßnahmen nach EntwicklungsphasenNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Die theoretische Annahme familienbezogener Präventionsmaßnahmen lautet: Durch die Beeinflussung familiärer Prozesse – etwa der elterlichen Beziehungsgestaltung – lässt sich die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen fördern und die Entstehung von Problemen verhindern. Auf der Mikroebene hat die Familie den größten Einfluss auf die Entstehung von Problemverhaltensweisen. Familienbezogene Präventionsmaßnahmen können bereits vor der Geburt beginnen, beispielsweise durch Programme mit Hausbesuchen für werdende Mütter. Solche Interventionen zielen darauf ab, das Erziehungsverhalten weiterzuentwickeln, das Wohlbefinden der Mütter zu stärken, die Mutter-Kind-Beziehung zu fördern und die langfristige Entwicklungsperspektive des Kindes zu verbessern.

Die einflussreichsten familiären Faktoren, die Einfluss auf die kindliche Entwicklung haben, sind:

  • Eltern-Kind-Beziehung. Die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung beginnt im Säuglingsalter, wenn Bezugspersonen und Kleinkinder eine starke Bindung aufbauen. Sie bleibt bis in die Adoleszenz ein wichtiger Einflussfaktor auf die Entwicklung. Auch wenn sich einzelne Merkmale der Beziehung im Laufe der Zeit verändern, schützt eine warmherzige und positiv-emotionale Beziehung Jugendliche vor der Entstehung von Verhaltensproblemen. Eltern, die Zeit investieren und aktiv und positiv in das Leben ihrer Kinder eingebunden sind, tragen zum Aufbau solcher Beziehungen bei. Verhaltensorientierte Elterntrainings können Erziehungspraktiken, die Eltern-Kind-Beziehung und das Verhalten von Kindern und Jugendlichen verbessern – mit Wirkungen, die bis in die Adoleszenz und das frühe Erwachsenenalter reichen.
  • Erziehungsverhalten und Verhaltenssteuerung. Angemessen auf jugendliches Risiko- und Problemverhalten zu reagieren, ist eine wichtige Aufgabe der elterlichen Erziehung. Wirksame Maßnahmen vermitteln Eltern Strategien, die sie dabei unterstützen. Neben einer Disziplinierung, die klar und nachdrücklich, aber nicht destruktiv ist, helfen eine klare Kommunikation von Regeln und Erwartungen sowie ein aufrichtiges Interesse daran, wo und mit wem das Kind seine Zeit verbringt, es vor negativen Einflüssen auf der Makroebene zu schützen.
  • Wertevermittlung. Die Vermittlung von Werten und Umgangsformen wie Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit innerhalb der Familie fördert risikoarme und prosoziale Verhaltensweisen. Dies kann destruktiven Verhaltensweisen entgegenwirken, denen Kinder in anderen sozialen Zusammenhängen begegnen.
  • Interesse und aktive Beziehungsgestaltung. Eltern, die aktiv am Leben ihrer Kinder teilnehmen und gemeinsam unbeschwerte Zeit mit ihnen verbringen, helfen beim Aufbau einer positiven Eltern-Kind-Beziehung. Solche Aktivitäten vermitteln dem Kind, dass sich seine Eltern um sein soziales, emotionales und persönliches Wohlbefinden sorgen und dass die Beziehung nicht nur aus Maßregelung besteht.
  • Unterstützung. Emotionale, kognitive und finanzielle Unterstützung der Kinder.

Wenn es gelingt, einige dieser einflussreichen Faktoren durch präventive Angebote zu stärken, lassen sich gesundheitsriskante oder problematische Verhaltensweisen – etwa missbräuchlicher Substanzkonsum – reduzieren.

Eine Herausforderung der familienbezogenen Prävention ist, dass sie am wirksamsten ist, wenn sie vor der Entstehung eines Problems ansetzt. Genau das erschwert es, Familien zur Teilnahme zu bewegen.

Auch die Frage nach den Hauptmerkmalen wirksamer Maßnahmen ist in diesem Kontext aufschlussreich. Eine wissenschaftliche Studie identifizierte mehrere Angebote zur Förderung der Erziehungskompetenz von Eltern mit Kindern im Alter von 0 bis 7 Jahren. Folgende Merkmale waren mit erhöhter Wirksamkeit verbunden:

  • Fokus auf positive Interaktionen zwischen Eltern und Kindern – etwa, wenn Eltern vermittelt wird, mit ihren Kindern Zeit in disziplinfreien Situationen wie beim Spielen zu verbringen. Oder wenn Eltern lernen, wie man Freude zeigt, positive Aufmerksamkeit schenkt und sich auf Aktivitäten einlässt, die kreativ und frei gestaltet werden können.
  • Fokus auf Emotionen und Kommunikation. Aktives Zuhören ist ein Instrument, um auf achtsame Weise zu reflektieren, was das Kind sagt; es beugt einer vorschnellen und möglicherweise destruktiven Reaktion vor. Hilfreich ist zudem, Eltern darin zu unterstützen, ihren Kindern beizubringen, Emotionen zu erkennen, zu zeigen und angemessen auszudrücken – und Eltern anzuleiten, negative Kommunikation wie Sarkasmus zu reduzieren.
  • Fokus auf die konsequente Durchsetzung von Regeln.
  • Gelegenheit, die neuen Fähigkeiten mit den Kindern einzuüben – sowohl vor Ort als auch zu Hause.

Allgemeiner Inhalt von familienbezogenen Präventionsmaßnahmen

Familienbezogene Präventionsmaßnahmen umfassen weit mehr als das bisher Genannte. Nachfolgend stellen wir dar, welche Gestaltungsmöglichkeiten es für Eltern, Kinder und Familien insgesamt gibt.

Lerninhalte für Eltern

Ein Prüfungsgremium der UNODC hat festgestellt, dass die wirksamsten Maßnahmen zur Förderung der Erziehungskompetenz eine Reihe spezifischer Merkmale teilen.

Wirksame Angebote vermitteln Eltern, wie sie auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen und dies in angemessener Weise tun können.

Außerdem lernen Eltern, Zuneigung und Empathie füreinander, für ihre Kinder und für andere Menschen zu zeigen. Das bedeutet konkret:

  • Positive Aufmerksamkeit und positive Rückmeldung geben. Den Kindern Rückmeldung geben, wenn sie sich angemessen verhalten, nicht nur bei Regelverstößen.
  • Über die eigenen Emotionen und die der Kinder sprechen und den Kindern dabei helfen, Emotionen zu erkennen und auszudrücken.
  • Die Bedeutung vorbildhaften Verhaltens vermitteln: Wenn Eltern ein bestimmtes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen nicht wünschen, sollten sie es durch ihr eigenes Verhalten nicht vorleben.
  • Strategien erlernen, um Stress und Frustration zu bewältigen und so den unvermeidbaren Herausforderungen des sozialen und familiären Lebens begegnen zu können.
  • Den Kindern beim Spielen mehr Kontrolle und Selbstbestimmung lassen und beim Mitspielen eher reagieren als agieren.
  • Altersangemessene und realistische Erwartungen an die Kinder haben (siehe Anhang 2).

Weitere Inhalte und Angebote sollten darauf abzielen, Eltern zu befähigen, den Alltag zu strukturieren. Struktur meint in diesem Zusammenhang vor allem:

  • Altersangemessene Strategien der Grenzsetzung anwenden und den Kindern die möglichen Folgen unangemessenen Verhaltens verständlich machen.
  • Klare Regeln für zu Hause festlegen, vermitteln und die Kinder dabei unterstützen, die Normen und Werte der Gesellschaft zu verstehen.
  • Erkennen, wie Kinder vor potenziellen Risiken innerhalb der Familie oder der Gesellschaft (z.B. Wohnumfeld oder Medien) geschützt werden können.
  • In Familien mit mehr als einem Elternteil eine Einigung über zentrale Erziehungsfragen erzielen und diese in die Praxis umsetzen.
  • Einen guten Überblick darüber behalten, wo sich die Kinder aufhalten, mit wem sie Zeit verbringen und was sie tun.
  • Konflikte und Streitigkeiten lösen und einander vergeben lernen. All das schafft eine warme und offene emotionale Atmosphäre in der Familie und hilft dabei, Kinder aus Konflikten zwischen den Eltern herauszuhalten.
  • Routinen wie gemeinsame Mahlzeiten und gleichbleibende Schlafenszeiten als Strukturierungshilfe nutzen. Diese sollen Freude bereiten und Gelegenheiten bieten, mit Kindern über wichtige Themen zu sprechen, ohne zu belehren.

Einige wirksame Maßnahmen vermitteln Eltern, wie sie sich am Schulleben ihrer Kinder beteiligen können. Denn neben der Familie ist die Schule eine der wichtigsten Sozialisationsinstanzen. Manche Eltern zögern, mit der Schule in Kontakt zu treten. Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass Kinder bessere Erfahrungen in der Schule machen, wenn ihre Eltern sie dabei unterstützen. Hilfreich ist, wenn:

  • Eltern ihre Kinder begleiten und ihnen nach Möglichkeit bei den Hausaufgaben helfen,
  • Eltern in Kontakt mit der Schule stehen und sich aktiv mit ihr austauschen.

Lerninhalte für Kinder

Es gibt viele Lebenskompetenzen, die Kinder und Jugendliche im Laufe ihrer Entwicklung erwerben, um selbstständige und verantwortliche Gesellschaftsmitglieder zu werden. Eltern zu vermitteln, wie sie ihre Kinder beim Erwerb dieser Kompetenzen bestmöglich unterstützen können, ist deshalb Teil familienbezogener Präventionsarbeit.

Eine wichtige Gruppe sind emotionale Fähigkeiten. Interventionen unterstützen Eltern und Kinder dabei:

  • eigene Emotionen und die anderer zu erkennen,
  • Gefühle angemessen auszudrücken,
  • den Umgang mit schwierigen Emotionen zu lernen,
  • Mitgefühl für andere zu entwickeln,
  • kritische Rückmeldung konstruktiv anzunehmen.

Zukunftsorientierung: Eine weitere hilfreiche Fähigkeit ist die Entwicklung eigener Ziele. Kinder und insbesondere Jugendliche, die ihre Wünsche benennen und sich realistische Ziele setzen können, verstehen auch besser, wie bestimmte Verhaltensweisen sie bei der Zielerreichung behindern.

Problemlösefertigkeiten: Ihre Entwicklung unterstützt Kinder und Jugendliche darin, herausfordernde soziale Situationen mit Gleichaltrigen zu bewältigen.

Selbstfürsorge: Kinder und Jugendliche können lernen, für sich selbst zu sorgen – mit Blick auf Ernährung, die Wirkung psychoaktiver Substanzen auf das Gehirn, körperliche Gesundheit und Entwicklung, Verhalten, Emotionen, kognitive Entwicklung, das soziale Leben mit Freunden und Familie, Schulleistungen und Zukunftschancen.

Positive Beziehungen: Jugendlichen vermitteln, wie sie Beziehungen aktiv und konstruktiv gestalten, welche Rollen sie einnehmen können, welche Beziehungen ihnen guttun und wie sie sich von belastenden Beziehungen lösen und schützen können.

Wirksame Kommunikation: Jugendlichen die Fähigkeit zum aktiven Zuhören und zum Ausdruck eigener Bedürfnisse vermitteln. Das hilft dabei, Konflikte erfolgreich zu bewältigen.

Respekt vor anderen: Interventionen können Werte wie Respekt stärken – Respekt für individuelle Unterschiede und gegenüber Älteren und Autoritäten.

Widerstand gegen Gruppendruck: Junge Menschen darin stärken, sich gegenüber anderen zu behaupten – also eigene Bedürfnisse und Interessen zum Ausdruck zu bringen und zu vertreten.

Lerninhalte für Familien

Bei wirksamen familienbezogenen Maßnahmen geht es darum zu erlernen, Konflikte zu lösen, wirksam zu kommunizieren und Beziehungen positiv zu gestalten.

Kommunikation: Aufmerksames zuhören, klar über Rollen und Verantwortlichkeiten zu sprechen und sensible Themen, wie z.B. Substanzkonsum und Sexualität, in aller Ruhe zu diskutieren sind Merkmale positiver Kommunikation.

Strukturierung des Familienlebens: Das Familienleben zu organisieren und strukturieren, indem klar, konsequent und gerecht (d.h. die Wünsche aller Beteiligter berücksichtigend) über Regeln und Grenzen kommuniziert wird und unvermeidliche familiäre Konflikte durch offene Diskussionen und andere Methoden gemeinsam gelöst werden.

Evidenzbasierte Programme

Die nachfolgend beschriebenen Programme haben in verschiedenen europäischen Ländern im Rahmen von Evaluationsstudien vielversprechende Ergebnisse gezeigt. Die Auswahl dieser Programme basiert auf den Bewertungen des Xchange-Registers der EBDD und der Grünen Liste Prävention. Wir nehmen die Beispiele an dieser Stelle auf, um Ihren Suchprozess nach einer geeigneten Maßnahme für Ihren Kontext zu strukturieren. Nachfolgend diskutieren wir EFFEKT und das Triple-P-Programm.

EFFEKT – Entwicklungsförderung in Familien: Eltern- und Kinder-Training

EFFEKT besteht aus einem Elternkurs „Förderung von Erziehungskompetenzen” und einem Kinderkurs „Ich kann Probleme lösen” (IKPL). Ersterer behandelt u.a. folgende Fragen: Wie können Eltern das Selbstvertrauen ihres Kindes stärken? Wie können Aufforderungen effektiv gestellt werden? Wie erklären die Eltern klare Regeln? Wie können sie mit schwierigen Erziehungssituationen umgehen? Wie kann Stress in der Erziehung besser bewältigt werden? Wie können Eltern die Freundschaften ihres Kindes am besten unterstützen? Der Elternkurs umfasst sechs Gruppensitzungen von 90 bis 120 Minuten, die im Kindergarten oder in der jeweiligen Institution stattfinden. Die Inhalte werden von den Kursleitern in Vorträgen, Gruppendiskussionen mit Erfahrungsaustausch, Rollenspielen und Hausarbeiten u.a. vermittelt. Zu jedem Termin bekommen die Eltern ausführliche Materialien. Die Kinder lernen, Gefühle bei sich selbst und anderen wahrzunehmen, Gründe für das Verhalten anderer zu erkennen und Folgen des eigenen Verhaltens einzuschätzen. Zudem werden sie darin geschult, Lösungen für Konflikte mit anderen zu entwickeln und diese zu bewerten.

Triple P – Positive Erziehung

Triple P für Eltern von Kindern bis 12 Jahre bildet das Kernprogramm des Triple P-Systems, das Eltern gezielt bei der positiven Erziehung ihrer Kinder unterstützten soll (Abbildung 19). So werden sie z.B. angeleitet, für eine sichere und interessante Umgebung zu sorgen, ihre Kinder zum Lernen anzuregen, sich konsequent zu verhalten, realistische Erwartungen zu entwickeln und auch ihre eigenen Bedürfnisse zu beachten. Hierfür vermittelt das Programm Erziehungsfertigkeiten, die mit fachlicher Unterstützung von den Eltern eingeübt und in den Familienalltag integriert werden. Zuerst lernen sie Wege kennen, die Beziehung zu ihrem Kind zu stärken und ihrem Interesse, ihrer Wertschätzung und Liebe Ausdruck zu verleihen. Auf dieser Basis erfahren sie, wie sie die Entwicklung ihrer Kinder fördern können, indem sie sie unterstützen, wünschenswertes Verhalten häufiger zu zeigen und Neues zu lernen. Erst danach werden Möglichkeiten besprochen, schwierigen oder riskanten Situationen vorzubeugen und zu begegnen. So will Triple P sowohl Warmherzigkeit, Liebe und Zuwendung als auch Struktur, Anleitung und Konsequenz fördern.

Um dies zu erreichen, werden Eltern bei der Reflektion des eigenen Verhaltens, beim Setzen eigener Ziele und der verhaltensnahen Umsetzung dieser Ziele im Erziehungsalltag unterstützt und begleitet. Dabei wird transparent und ressourcenorientiert vorgegangen und die Aufmerksamkeit auf das Positive und Gelingende in der Familie gerichtet. Durch die frühen Erfolge, die die Eltern auf ihr eigenes Verhalten zuzuschreiben lernen, soll ihr Vertrauen in die eigene Elternrolle gestärkt und dadurch eine positive Erziehungseinstellung gefördert werden. So sollen Kinder in einem liebevollen, sicheren und vorhersehbaren Familienumfeld aufwachsen und wichtige Lebenskompetenzen lernen (z.B. Selbstbild, soziale Kompetenzen, Selbstkontrolle, Problemlösekompetenzen).

Das Präventionsprogramm Triple P – fünfstufiges System

  1. Stufe 1 · Aufklärungskampagnen für Eltern
  2. Stufe 2 · Kurzberatung für Eltern
  3. Stufe 3 · Elternkompetenztraining mit engem Fokus
  4. Stufe 4 · Elternkompetenztraining mit breitem Fokus
  5. Stufe 5 · Verhaltensbezogene Familienintervention

Unten breite Reichweite für alle Eltern (Stufe 1), oben eng fokussierte Familientherapie mit höchster Intensität (Stufe 5). Flexible Implementationsformen machen jede Stufe an das Setting anschlussfähig.

Abbildung 19: Das Präventionsprogramm Triple P – fünfstufiges System mit zunehmender IntensitätNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Herausforderungen

Es gibt viele Herausforderungen und Hindernisse für Anbieter und Familien, die diese Interventionen aufgreifen. Einige dieser Herausforderungen liegen in der bloßen Umsetzung der Programme, aber die meisten bestehen darin, diese ausreichend intensiv durchzuführen, um eine signifikante Wirkung zu erzielen. Wir werden einige der Herausforderungen aus der Praxis beschreiben und Ratschläge geben, wie sie überwunden werden können.

Die größten Hindernisse für eine wirksame Umsetzung von familienbezogenen Präventionsmaßnahmen, insbesondere universellen und selektiven, sind die Rekrutierung und Bindung von Familien. Forschungsarbeiten zeigen, dass familienbezogene Maßnahmen typischerweise niedrige Beteiligungsraten haben. Bei der Rekrutierung für universelle Interventionen liegen die Raten häufig zwischen 10% und 30% der in Frage kommenden Familien. Indizierte Angebote für Familien mit Jugendlichen, die bereits ein gewisses Problemverhalten zeigen, können höhere Raten aufweisen, die oftmals zwischen 40% und 60% liegen. Wir wissen auch, dass diese Raten unter benachteiligten Familien niedriger sein können. Eine geringe Reichweite geht entsprechend mit geringeren Effekten auf Bevölkerungsebene einher.

Zu den häufigsten Zugangsbarrieren für die Teilnahme an Gruppenangeboten gehören:

  • Geringe Bekanntheit. Informationen über das Angebot erreichen möglicherweise nicht die Familien, die am stärksten davon profitieren würden.
  • Persönliche Einstellung. Wie Familien über das Programm denken oder fühlen, wird auch Einfluss auf die Entscheidung über die Teilnahme an einem Angebot haben.
  • Zeitfaktor: Familien sind sehr beschäftigt und vielen Anforderungen ausgesetzt. An einer wöchentlich stattfindenden Intervention teilzunehmen, die zwei oder drei Stunden dauert, kann für einige Familien eine große Herausforderung darstellen.
  • Infrastruktur. Manchmal werden Interventionen an ungünstigen Orten durchgeführt, sodass es für manche Familien schwierig sein könnte, diese zu erreichen. Sie besitzen möglicherweise kein Transportmittel oder müssen lange Wege zurücklegen

Es können Strategien entwickelt werden, um diese Herausforderungen zu bewältigen (siehe Abbildungen 20–22). Die Strategien werden für jede Kommune aufgrund ihrer verfügbaren Ressourcen unterschiedlich ausfallen, aber im Allgemeinen gibt es gute Möglichkeiten, Informationen über ein Angebot zu kommunizieren.

Eine sehr gute Strategie ist die Einbeziehung der Medien. Wenn möglich, können Organisationen daran arbeiten, Berichte über das Angebot in Zeitungen oder im Radio zu veröffentlichen. Die Nutzung von Social-Media-Seiten zeigte sich in einigen Kommunen ebenfalls als effektiv. So hat Triple P diese Strategie sehr effektiv genutzt, um die Aufmerksamkeit der Zielgruppe zu gewinnen. Eine Studie fand heraus, dass bis zu 80% der Eltern in einer Kommune durch den Einsatz von Social Media von dem Angebot erfahren hatten.

Abbildung 20

Zugangsbarrieren für Familien 1

Zugangsbarriere

Familien wissen nicht von der Existenz des Angebots.

Mögliche Lösung

Social Marketing

  • Medien
  • Private und berufliche Beziehungen
  • Mund-zu-Mund-Propaganda

Informationen erreichen besonders auch benachteiligte Familien.

Social Marketing steigert die Bekanntheit, indem es Familien dort erreicht, wo sie Informationen vertrauen.

Abbildung 20: Zugangsbarrieren für Familien – Kenntnis des Angebots (Lösung: Social Marketing)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Private, informelle und berufliche Netzwerke sind ebenfalls wirksame Informationskanäle, um die Bekanntheit eines Angebotes zu steigern. Zielführend ist dabei auch, Netzwerke der Sozialen Arbeit einzubinden, um über deren Kanäle Familien über das Angebot zu informieren. Menschen vertrauen bekannten Quellen mehr, als neuen Akteuren.

Manchmal haben Eltern den Eindruck, dass elternbezogene Angebote nur für „schlechte” Eltern gedacht seien – und nehmen deshalb an, dass sie von diesen nicht profitieren würden. Oder sie haben negative Erfahrungen mit Behörden und anderen sozialen Diensten gemacht, was die Inanspruchnahme ebenfalls unwahrscheinlicher macht. Daher ist es wichtig positive Formulierungen zu verwenden und diese Annahmen in der Kommunikation mit Familien vorsorglich aufzugreifen. Die Art und Weise, wie ein Angebot in Broschüren und in den Medien beschrieben wird, hat direkten Einfluss darauf, wie diese wahrgenommen wird.

Bisweilen sehen Eltern keine Notwendigkeit zur Teilnahme an einem Angebot und denken, dass dieses nicht gewinnbringend für sie und ihre Familie sein wird. Die Fähigkeit, den Familien zu vermitteln, inwiefern ein Angebot ihren spezifischen Bedürfnissen entspricht, kann die Akzeptanz erhöhen. Das kann beispielsweise mit gut geschriebenen Anzeigen bewirkt werden, die bestimmte Merkmale hervorheben. Manchmal kann es jedoch hilfreicher sein, das Angebot direkt mit den Familien zu besprechen, entweder indem man sie zu Hause besucht oder Gruppenformate anbietet, in deren Rahmen sie mehr über die Intervention erfahren können.

Abbildung 21

Zugangsbarrieren für Familien 2

Zugangsbarriere

Normen, Einstellungen, Überzeugungen

Das Angebot gilt als stigmatisierend oder nicht für die eigene Familie gedacht.

Mögliche Lösung

„Normalisierung“ des Programms

  • Positive Sprache verwenden
  • Angebot personalisieren
  • Auf die Bedürfnisse der Familie eingehen

Kommunikation entlastet Eltern von Defizitzuschreibungen.

Normalisierung entkoppelt das Angebot von Defizitbildern und macht Teilnahme für alle Eltern anschlussfähig.

Abbildung 21: Zugangsbarrieren für Familien – Normen, Einstellungen, Überzeugungen (Lösung: Normalisierung des Programms)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Einige der häufigsten Hindernisse, die von Familien zum Ausdruck gebracht werden, sind logistischer Art. Einen zweistündigen Termin in einen arbeitsreichen Familienzeitplan zu integrieren ist schwierig. Es ist demnach wichtig, flexibel zu planen, wann Sitzungen stattfinden sollen, damit die Eltern die Sitzungen in ihre Zeitplanung integrieren können. Die Kopplung mit alltäglichen Routinen, vor- oder nach der Schule, hat sich als zielführend erwiesen. Gleichzeitig ist es wichtig, die gemeinsame Familienzeit zu respektieren, denn das ist eines der Dinge, die diese Interventionen zu fördern versuchen. Ein geeigneter Standort und gegebenenfalls Unterstützung bei der Anfahrt erleichtern oder ermöglichen ebenfalls eine Teilnahme. Die strategische Auswahl eines Standorts, den Personen sowieso häufig besuchen, kann ideal sein. Vorzugsweise ist der Standort in der Nähe von Wohngebieten. In großen Städten oder ländlichen Gebieten kann dies aber unter Umständen nicht möglich sein. Einige Programme bieten finanzielle Unterstützung an, um den Transport von Familien zum Standort der Durchführung zu erstatten

Abbildung 22

Zugangsbarrieren für Familien 3

Zugangsbarriere

Logistik: Terminkonflikte und Anfahrt zum Programm

Teilnahme kollidiert mit Arbeit, Betreuungs- und Mobilitätsanforderungen.

Mögliche Lösung

Flexibilität und Anreize

  • Flexible Terminvereinbarung
  • Gute Lage
  • Anreize: Mahlzeiten, Kinderbetreuung, finanzielle Unterstützung

Alltagsnähe senkt Hürden besonders für belastete Familien.

Logistische Hilfen und materielle Anreize erhöhen Teilnahmeraten und verringern vorzeitige Abbrüche.

Abbildung 22: Zugangsbarrieren für Familien – Logistik (Lösung: flexible Terminvereinbarung, Anreize)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Anreize für die Teilnahme können hilfreich sein, um Familien zu motivieren und andere logistische Barrieren zu überwinden. Zum Beispiel können Eltern durch die Bereitstellung eines Abendessens und einer Kinderbetreuung entlastet werden, sodass sie abendliche Sitzungen wahrnehmen können. Eine Beratung mit regionalen Experten kann hilfreich sein, um herauszufinden, welche Anreize am nützlichsten sind.

Ein genaues Verständnis der sozialen Verhältnisse und Bedürfnislagen hilft, Familien für präventive Angebote zu gewinnen. Partizipation kann hierfür ein Schlüssel sein – also die Zielgruppe direkt zu befragen, um zu verstehen, welche Hindernisse und Zweifel gegebenenfalls bestehen und wie diese bestmöglich abgebaut werden können. Beständigkeit ist ein weiterer Schlüssel, um Vertrauen und einen guten Ruf innerhalb einer Kommune aufzubauen.

Abschnitt II · Settings

Kapitel 06

Prävention im Setting Schule und Arbeitsplatz

Ein weiteres wichtiges Setting auf der Mikroebene ist die Schule. Wir beginnen mit einem Blick auf die Merkmale schulbasierter Präventionsmaßnahmen und deren Ziele, aber auch auf die Anwendung von Theorien in der Praxis. Bei der schulischen Prävention betonen wir die Wichtigkeit von Schülerbefragungen bei der Ausarbeitung eines Konzeptes. Als Beispiele für evidenzbasierte Programme im Kontext Schule stellen wir Ihnen Unplugged, Klasse 2000 und Lions-Quest vor.

Leider gibt es in Europa nicht viele bestehende Präventionsmaßnahmen am Arbeitsplatz, und noch weniger sind evidenzbasiert. Wir hoffen, dass dieses Kapitel eine Inspiration sein kann, sich näher mit dem Thema Prävention am Arbeitsplatz zu beschäftigen. Dazu skizzieren wir die Merkmale arbeitsplatzbezogener Präventionsarbeit und diskutieren die Hindernisse, die auftreten können.

Prävention im Setting Schule

Für Kinder und Jugendliche sind die beiden wichtigsten Orte der Prävention die Familie und die Schule. Tatsächlich verbringen viele Kinder wahrscheinlich mehr Zeit in der Schule als mit einem oder beiden Elternteilen. Ein Vorteil des schulischen Kontextes ist, dass präventive Botschaften an alle Kinder (universelle Prävention) vermittelt werden können und nicht nur an diejenigen, die einer Hochrisikogruppe (selektive Prävention) oder einer vulnerablen Gruppe (indizierte Prävention) zugehören. Alle Kinder können von universellen Präventionsmaßnahmen in der Schule profitieren, insbesondere dann, wenn diese nicht nur risikospezifische, sondern auch entwicklungsfördernde Elemente beinhalten. Universelle Maßnahmen bergen zudem ein geringeres Stigmatisierungsrisiko, da Risikogruppen nicht erkennbar von der Klasse getrennt werden. Evaluationen haben darüber hinaus gezeigt, dass es sogar zu einer Verstärkung von Problemverhalten führen kann, wenn Jugendliche mit Risikoverhalten in einer separaten Gruppe zusammengeführt werden (z. B. Poulin, 2001) .

Schulen gibt es in verschiedensten Formen, Größen und Prägungen, aber in fast jedem Land haben Schulen die Aufgabe, Kinder und Jugendliche darauf vorzubereiten, voll integrierte Mitglieder ihrer Gesellschaft zu werden. Schulen und Bildung leisten jedoch viel mehr als das. In einem Bericht der Weltbank von 2007 (Hanushek & Wößmann, 2007) wurde durch Analysen von Bildungsdaten und Volkswirtschaften folgendes festgestellt: „Es gibt eindeutige Belege dafür, dass die kognitiven Fähigkeiten der Bevölkerung – und nicht nur der Schulerfolg – stark mit dem individuellen Einkommen, der Einkommensverteilung und dem Wirtschaftswachstum zusammenhängen”.

Kognitive Fähigkeiten sind in diesem Kontext wie folgt definiert:

  • Die Fähigkeit, für sich selbst zu denken und Probleme auf eine durchdachte und wohlüberlegte Art und Weise anzugehen, sowohl alleine als auch in Zusammenarbeit mit anderen.
  • Die Fähigkeit, Probleme unter Zuhilfenahme neuer Informationen oder neuer Verfahren zu erörtern, zu begreifen und zu lösen.
  • Die Fähigkeit, Schlussfolgerungen zu ziehen und Lösungen zu finden, indem Beziehungen zwischen gegebenen Problemen und Fragestellungen analysiert werden.

Die Schule ist, wie die Familie, eine Umgebung auf der Mikroebene, die eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung wichtiger personaler und sozialer Kompetenzen sowie prosozialen Verhaltens spielt. Es gibt viele komplexe Interaktionen zwischen biologischen, persönlichen, sozialen und Umweltfaktoren, die das menschliche Verhalten formen und beeinflussen. Diese Interaktionen prägen die Werte, Überzeugungen, Einstellungen und Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen und sind besonders wichtig für die körperliche, emotionale und soziale Entwicklung von der Kindheit bis zur Adoleszenz und von der Adoleszenz bis zum Erwachsenenalter. Die Schule kann beeinflussen, ob Kinder und Jugendliche positive oder negative Verhaltensweisen als akzeptabel oder inakzeptabel wahrnehmen. Daher können schulische Präventionsmaßnahmen das Risiko für bestimmte Problemverhaltensweisen und insbesondere den Substanzgebrauch beeinflussen.

Ein übergreifend bedeutsames Ziel schulischer Prävention ist es, ein positives Schulklima zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Grundsätzlich wird zwischen verhaltenspräventiven und verhältnispräventiven Maßnahmen unterschieden, wobei verhaltenspräventive Maßnahmen stets einen Verhältnisbezug aufweisen sollten.

Die Präventionsforschung zeigt, etwa für gewalt- oder suchtpräventive Programme, dass diese auch einen positiven Einfluss auf die schulische Leistung und den Absentismus haben (Gasper, 2011) . Sich für schulische Prävention zu engagieren, bedeutet also bis zu einem gewissen Grad, sich von der Fixierung auf einzelne Präventionsziele zu verabschieden und stattdessen schullaufbahnumfassend, kompetenzorientiert und themenübergreifend zu planen.

Intervention Zielebene Wirksamkeitsindikator
Lebenskompetenzförderung und sozialer Einfluss Universell und selektiv
Allgemeinbevölkerung und Risikogruppen
gut belegt
Schulpolitik und Kultur Universell
Allgemeinbevölkerung
ausreichend belegt
Auseinandersetzung mit individueller psychologischer Vulnerabilität Indiziert
Gefährdete Einzelpersonen
ausreichend belegt

Lesehilfe: drei Punkte = gut belegt, zwei Punkte = ausreichend belegt. Quelle: EUPC-Manual, Tabelle 12.

Tabelle 12: Arten und Wirksamkeit schulischer PräventionsmaßnahmenNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Vorbereitung

Die Annahme, dass Schulen bereitwillig dem Vorschlag zur Einführung eines umfassenden Präventionsprogramms zustimmen, ist naiv. Es ist daher wichtig, vorab zu klären, inwieweit die Schule bereits ein Präventionskonzept hat und ob die Organisation die Voraussetzungen erfüllt, um sich erfolgreich „auf den Weg zu machen” (Greenberg, 2005) . Einige Schlüsselfragen, die es hier zu beachten gilt, lauten:

  • Ist die Schulleitung von der Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit überzeugt und unterstützt den Prozess?
  • Gibt es ausreichend qualifiziertes Personal oder solches, das bereit ist, sich weiterbilden zu lassen?
  • Kommt ein Förderantrag im Rahmen des Präventionsgesetzes in Frage, oder gibt es eine anderweitige Finanzierungsmöglichkeit für Fortbildung, Arbeitsmaterial und Supervision?
  • Kann der Unterrichtsausfall während der Fortbildung kompensiert werden?

Es ist wichtig, dass ein entscheidungskompetentes Projektteam sowie eine Steuerungsgruppe (z.B. bestehend aus Schulleitung und Gesamtlehrerkonferenz) existieren, damit die Nachhaltigkeit sichergestellt werden kann (Sloboda, 2014; Wandersman, 2008) . Die Einführung von Maßnahmen der Prävention, Gesundheits- und Entwicklungsförderung ist stets ein Schulentwicklungsprozess und aktualisiert deshalb wichtige Fragen, die die Organisation als Ganzes betreffen.

Welche Vision hat die Schule? Wie ist ihr Selbstverständnis in Bezug auf ihren Bildungsauftrag?

Eine wertvolle Strukturhilfe für die verschiedenen Schritte von der Bedarfserhebung hin zur Auswahl von Maßnahmen, deren Implementation und Evaluation kann der für die Schule angepasste Prozess von Communities That Care oder auch der Projektzyklus der EDPQS sein.

Ziele schulischer Prävention

So wie in allen anderen Settings ist auch in der Schule entscheidend, dass Präventionsmaßnahmen auf einem genauen Verständnis vom Entwicklungsstand der Zielgruppe gründen (Ginsburg, 1982; UNODC International Standards, 2013) .

Die Kultusministerkonferenz (2012) empfiehlt, dass schulische Gesundheitsförderung und Prävention:

  • als grundlegende Aufgaben schulischer und außerschulischer Arbeit wahrgenommen werden,
  • aktuelle bildungspolitische Entwicklungen (z. B. Selbstständige Schule, Ganztag, Inklusion, Integration, gendersensible Pädagogik, Bildung für nachhaltige Entwicklung) aufgreifen,
  • Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und dem sonstigen pädagogischen Personal die Möglichkeit eröffnen, Kompetenzen zu gesunden Lebensweisen und zu einer gesundheitsfördernden Gestaltung ihrer Umwelt zu erwerben,
  • aktuelle gesundheitliche Belastungen berücksichtigen, z. B. Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit,
  • die Einstellungen sowie die lebensweltlichen und sozialräumlichen Voraussetzungen der Kinder und Jugendlichen und ihrer Familien mit einbeziehen.

Generell soll darauf geachtet werden, dass schulische Gesundheitsförderung und Prävention:

  • verhaltensorientiert sind und damit den Kompetenzerwerb der Schülerinnen und Schüler unterstützen,
  • verhältnisorientiert sind und die räumlichen sowie sozialen Bedingungen der Lebenswelt Schule berücksichtigen,
  • partizipativ angelegt werden, die Bedarfe und Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler sowie der anderen schulischen Akteure berücksichtigen und konkrete Lebensweltbezüge aufweisen,
  • unterschiedliche Lebensstile und Bedürfnisse von Mädchen und Jungen sowie von Kindern und Jugendlichen unterschiedlicher familiärer, sozialer und kultureller Herkunft berücksichtigen,
  • die Gesundheitsressourcen und -potenziale der Schülerinnen und Schülern sowie der Lehrkräfte und des sonstigen schulischen Personals stärken,
  • Kinder und Jugendliche frühzeitig in ihren Lebenskompetenzen stärken und sie dabei unterstützen, den Einstieg in den Konsum legaler und illegaler Substanzen bzw. suchtriskante Verhaltensweisen zu vermeiden bzw. hinauszuzögern,
  • übergreifende Themen wie Ernährungs- und Verbraucherbildung, Bewegungsförderung, psychische Gesundheit, Gewalt- und Unfallprävention sowie Erste Hilfe integrieren.

Epidemiologische Daten

Daten über das Ausmaß problematischer Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen sowie die zugrunde liegenden Risiko- und Schutzfaktoren sind hilfreich, um den Bedarf einzuschätzen und darauf basierend Priorisierungsentscheidungen zu treffen.

Art und Umfang der notwendigen Präventionsmaßnahmen lassen sich anhand von Daten belastbar begründen und gegenüber beteiligten Akteuren vertreten. Das Präventionsgesetz knüpft zudem die finanzielle Förderung von Maßnahmen an einen systematischen Bedarfserhebungsprozess, weshalb die bisher eher wenig verbreitete Praxis zukünftig an Bedeutung gewinnen wird.

Wertvolle Einsichten liefern sowohl große Kinder- und Jugendstudien (z. B. die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, KiGGS, des RKI oder die HBSC-Studie der WHO) als auch Studien, die spezifische Phänomene fokussieren, etwa Substanzkonsum, Mediennutzung oder Gewalterfahrung (z. B. ESPAD, JIM-Studie).

Genauere Aussagen lassen sich nur treffen, wenn die Schülerschaft und die Lehrkräfte direkt befragt werden. Sowohl die Gesetzlichen Krankenversicherungen als auch Communities That Care stellen hierfür standardisierte Erhebungsinstrumente bereit. Der Aufwand für Vor- und Nachbereitung ist hierbei jedoch erhöht.

Nicht in jedem Fall ist eine aktive Bedarfserhebung notwendig. Die Kultusministerkonferenz und der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen definieren neben der problemunspezifischen Förderung von Lebenskompetenzen mehrere Handlungsfelder schulischer Prävention, die Orientierung bieten:

  • Aggressives Verhalten, Jugendgewalt
  • Mobbing, Cyber-Mobbing
  • Gewalt gegen Lehrkräfte
  • Missbräuchliches Sexting
  • Sexualisierte Gewalt
  • Diskriminierung und Rassismus
  • Radikalismus
  • Sucht
  • Seelische und emotionale Störungen

The 2015 ESPAD Report

Results from the European School Survey Project on Alcohol and Other Drugs

Preface
Situation 2015
Summary
Trends 1995–2015
Introduction
Conclusions
Methodology
Acknowledgements und References

Der Bericht stellt die Ergebnisse des sechsten Erhebungswellen-Zyklus des europäischen ESPAD-Projekts und der Datenerhebung 2015 zum 20. Jahrestag des Projekts vor.

Erfasst wurden Informationen von rund 96.000 Schülerinnen und Schülern aus 35 europäischen Ländern; rund 600.000 Lernende bildeten die Ausgangskohorte.

Eckdaten der Erhebung

  • 35 europäische Länder
  • 96.000 befragte Schülerinnen und Schüler (ca.)
  • 20 Jahre ESPAD-Projekt zum Referenzjahr 2015
  • 15–16 Jahre alt: Alterszielgruppe der Studie

Fokuskapitel des Berichts

  • Situation 2015: Prävalenz von Alkohol, Tabak, Cannabis und anderen Substanzen.
  • Trends 1995–2015: Zeitreihen über sechs Erhebungswellen im direkten Vergleich.

Quelle: http://www.espad.org/ – sinngemäße Übertragung der Strukturangaben des ESPAD-Berichts 2015.

Abbildung 23: ESPAD-Bericht 2015 – AuszugNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Die Anwendung von Theorien

Kognitions- und Lerntheorien sowie die Theorie des geplanten Verhaltens lassen sich auf schulbasierte Präventionsmaßnahmen anwenden. Als Lebenswelt, in der sowohl die Schülerschaft als auch die Lehrkräfte die meiste Zeit ihres Tages verbringen, geht es in der Schule nicht nur um das Lernen. Lehrkräfte und Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen spielen als Multiplikatoren von Präventionsmaßnahmen und als Vorbilder für positives Verhalten eine entscheidende Rolle. Die zwei Hauptelemente wirksamer Prävention im Setting Schule sind verhaltenspräventive Programme und Schulentwicklung (u. a. Verhältnisprävention, Regeln, Schulklima). In diesem Kapitel befassen wir uns vorwiegend mit schulischen Präventionsprogrammen. Schulentwicklung und Schulklima werden als Aspekte von Verhältnisprävention in Kapitel 7 näher beleuchtet.

Präventionsprogramme basieren in der Regel auf einem schriftlichen Manual, das durchzuführende Übungen und Inhalte spezifiziert, die von fortgebildeten Multiplikatoren innerhalb der Schule als Teil des Lehrplans umgesetzt werden. Mit Regeln sind schriftliche Vereinbarungen gemeint, die den Umgang mit Problemverhaltensweisen an der Schule festlegen (z. B. schulische Suchtmittelvereinbarung). Schulklima ist als der subjektive Eindruck definiert, der aus der Wahrnehmung der Qualität der sozialen Beziehungen in der Schule, der Teilhabe- und Mitbestimmungsmöglichkeiten, des Zustands des Gebäudes usw. entsteht. Es spiegelt folglich Normen, Ziele, Werte, Lehr- und Lernmethoden sowie Organisationsstrukturen wider.

In Tabelle 8 haben wir für Sie die durch Evaluationsstudien identifizierten allgemeinen Merkmale wirksamer und unwirksamer schulischer Präventionsprogramme zusammengefasst, die in Abhängigkeit vom Endpunkt (z. B. Substanzkonsum, Gewalt) weiter konkretisiert werden können.

Ein weiterer zu berücksichtigender Aspekt vieler schulischer Präventionsprogramme ist die Aussagekraft hinsichtlich der Beständigkeit der erzielten Wirkung. Viele Präventionsmaßnahmen konnten unmittelbar nach ihrem Abschluss positive Wirkungen nachweisen. Die Effekte waren zumeist geringer, wenn die Evaluation erst ein Jahr nach Abschluss der Intervention durchgeführt wurde. Für die Auswahl von Programmen bedeutet dies, dass solche bevorzugt werden sollten, die in ihrer Evaluation langfristige Effekte nachweisen konnten (z. B. durch Messwiederholung einige Jahre nach Interventionsende). Unabhängig davon gibt es dennoch gute Argumente für den Einsatz von Programmen, die nur kurzfristige Programmwirkungen nachweisen konnten. In manchen Bereichen (z. B. Substanzkonsum) kann die Verzögerung des Konsumbeginns in einer kritischen Lebensphase entscheidend sein. Auch wurde bisher noch wenig beforscht, wie sich schulische Rahmenkonzepte auswirken, die mehrere Programme über die Schullaufbahn hinweg vorsehen. Es ist jedoch anzunehmen, dass der Einsatz mehrerer aufeinander abgestimmter Programme mit kurzfristigem Wirksamkeitsnachweis eine nachhaltigere Wirkung entfaltet als die einmalige Durchführung einer Maßnahme mit langfristiger Evaluationsstudie.

Nicht nur im Setting Schule gilt deshalb, dass statt einzelner Maßnahmen stets langfristige und umfassende Konzepte angestrebt werden sollten, die Verhaltens- und Verhältnisbezug aufweisen (vgl. EDPQS Kapitel 3).

Wirksam Unwirksam
Umsetzung und Struktur
Interaktive Methoden
Stark strukturierte Unterrichtsstunden und Gruppenarbeit, einem Lehrplan folgend
Didaktische Methoden wie Vorträge
Unstrukturierte, spontane Diskussionen; Vertrauen auf Urteilsvermögen und Intuition von Lehrkräften
Durchführung durch geschulte Kursleiterinnen und Kursleiter Schwache Evidenz für „Peers" (z.B. Gleichaltrige) und nicht von Erwachsenen durchgeführte Präventionsprogramme
Hohe Intensität
10 bis 15 wöchentliche Einheiten
Jegliche Formen von Einzelveranstaltungen
Programme mit mehreren Komponenten Schwache Evidenz für „Booster"-Sitzungen
in den Jahren nach einer Intervention
Poster und Broschüren
Inhalt
Entscheidungs-, Kommunikations- und Problemlösungskompetenz Reine Vermittlung von Faktenwissen
Peer-Beziehungen sowie Förderung personaler und sozialer Kompetenzen Vorträge von Betroffenen
Selbstwirksamkeit und Durchsetzungsvermögen Ausschließliche Steigerung des Selbstwertgefühls
Stärkung der Widerstandsfähigkeit gegen den Substanzmissbrauch Stichprobenartige Drogentests
Verstärkung substanzkritischer Normen und Haltungen; bildungsbezogene Unterstützungsangebote Abschreckungstaktiken, die die Gefahren des Substanzgebrauchs übertreiben oder falsch darstellen und oft im Widerspruch zu den Erfahrungen der Schülerschaft stehen

Quelle: EUPC-Manual, Tabelle 13.

Tabelle 13: Wirksame und unwirksame Präventionsmaßnahmen in der SchuleNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Evidenzbasierte Programme

Die folgenden Präventionsprogramme entstammen der Grünen Liste Prävention. Wir stellen diese lediglich als Anregung für Ihre eigene Suche nach einer geeigneten Intervention in Ihrem Kontext vor.

Unplugged – Suchtprävention im Unterricht

„Unplugged” ist ein schulbasiertes Programm, das Komponenten umfasst, die auf kritisches Denken, Entscheidungsfindung, Problemlösung, kreatives Denken, wirksame Kommunikation, zwischenmenschliche Beziehungen, Selbstbewusstsein, Empathie, den Umgang mit Emotionen und Stress, normative Überzeugungen sowie Wissen über gesundheitsschädigende Auswirkungen psychoaktiver Substanzen fokussieren. Der Lehrplan besteht aus zwölf einstündigen Einheiten, die einmal pro Woche von den Klassenlehrkräften unterrichtet werden, die zuvor einen 2,5-tägigen Lehrgang besucht haben.

Klasse2000 – Gesundheitsförderung in der Grundschule – Gewaltvorbeugung und Suchtvorbeugung

Klasse2000 fördert mit erlebnis- und handlungsorientierten Methoden sowie sozialem Lernen die positive Einstellung der Kinder zur Gesundheit und vermittelt Wissen über den Körper. Bewegung, gesunde Ernährung und Entspannung sind ebenso wichtige Bausteine wie soziale Kompetenzen, der Umgang mit Gefühlen und Stress, Strategien zur Problem- und Konfliktlösung und der kritische Umgang mit Tabak und Alkohol. Themen sind Atmung, Entspannung und Bewegung, gesunde Ernährung, der Umgang mit Problemen und negativen Gefühlen, die gewaltfreie Lösung von Konflikten, die Gefahren von Tabak und Alkohol sowie Rollenspiele, etwa zum Neinsagen bei Gruppendruck. Das Unterrichtskonzept wird laufend aktualisiert und verbessert (z. B. Anpassung für Förderschulen). Pro Schuljahr halten die externen Klasse2000-Gesundheitsförderinnen und -förderer zwei bis drei weitere Unterrichtseinheiten, in denen sie wichtige Impulse setzen und neue Themen einführen. An diese Unterrichtseinheiten schließen sich jeweils mehrere von den Lehrkräften gestaltete Unterrichtsstunden an, um das Thema zu vertiefen und zu festigen. Klasse2000 legt großen Wert auf die Einbindung und Information der Eltern1.

Lions-Quest – Erwachsen werden

„Erwachsen werden” umfasst in sieben Kapiteln ein Curriculum „Soziales Lernen”, das Kindern und Jugendlichen für ihr Selbstverständnis, ihr Verhalten und ihre Werteorientierung nachhaltige Hilfen anbietet. Jedes Kapitel ist einem Schwerpunktthema gewidmet und zielt auf die Vermittlung und das Training grundlegender Lebenskompetenzen:

Meine Klasse: Fragen zur eigenen Person: Wer bin ich? Wer sind die anderen? Wie gehen wir miteinander um? Welche Bedeutung hat die Gruppe und wie beeinflusst sie mich? (Grundlage für eine offene, vertrauensvolle und konstruktive Lernatmosphäre und die Arbeit mit den weiteren Programmkapiteln)

Stärkung des Selbstvertrauens: Was ist Selbstvertrauen? Worauf gründet es sich? Wie kann ich mein eigenes oder auch das anderer stärken? Sich der eigenen Fähigkeiten und Stärken bewusst werden, diese einsetzen, so Verantwortung übernehmen und dafür Anerkennung bekommen, fördert das Selbstvertrauen.

Mit Gefühlen umgehen: Eigene Gefühle wahr- und ernstnehmen, sie akzeptieren, ausdrücken und als etwas begreifen, das bei der Entwicklung der Persönlichkeit hilft, dazu auch Umgang mit belastenden Situationen.

Die Beziehungen zu Freundinnen und Freunden: Wie kann man echte Freundschaften aufbauen, weiterentwickeln und aufrechterhalten? Welchen Einfluss hat die Clique? Wie hält man Gruppendruck stand? Wie lassen sich Meinungsverschiedenheiten oder Konflikte in einer Freundschaft konstruktiv lösen? Wie geht man gut mit Enttäuschungen und mit einem Verlust um?

Mein Zuhause: Welche Erwartungen und Wünsche haben Jugendliche an ihr Zuhause, was empfinden sie als enttäuschend, konfliktträchtig? Beziehungen innerhalb der eigenen und in anderen Familien reflektieren und Schritte zur Verbesserung der Beziehungen oder zur Lösung von Konflikten probieren.

Ich entscheide für mich selbst: Verantwortung für eigene Entscheidungen u. a. bei den Themen Lebensstil, Umgang mit dem eigenen Körper und berufliche Zukunft. Werbung und Medien werden kritisch hinterfragt. Zusätzlich werden die im Anhang des Lehrkräftehandbuchs enthaltenen Informationen über Sucht, Suchtmittel und Suchtverhalten aufgegriffen.

Ich weiß, was ich will: Kinder und Jugendliche haben Träume und Hoffnungen, was sie in ihrem Leben erreichen möchten. Sie müssen lernen, sich Ziele zu setzen und sich auf den Weg dorthin zu machen2.

Prävention im Setting Arbeit

Der „Arbeitsplatz” oder die Arbeitsumgebung ist der physische Ort, an dem Menschen arbeiten. In vielen Industrienationen ist der Arbeitsplatz eine der Schlüsselinstitutionen innerhalb einer Gesellschaft, da ein bedeutender Anteil der Erwachsenen erwerbstätig ist und sich in einem Arbeitssetting aufhält. Darüber hinaus treiben Arbeit und Arbeitsbedingungen die Wirtschaft an und fördern das Wirtschaftswachstum. Substanzgebrauchsstörungen sind besonders in Branchen von großer Bedeutung, in denen es um Sicherheitsfragen geht oder in denen individuelle Leistungsmängel erhebliche Auswirkungen haben können. Dazu gehören unter anderem die Bereiche Bau, Landwirtschaft, Verkehr, Energie, Informations- und Kommunikationstechnik sowie Finanzdienstleistungen (EBDD, 2017b, S. 143) .

Die Arbeitswelt als Setting bietet den Arbeitnehmern zudem die Möglichkeit zur Fort- und Weiterbildung und ist ein Ort für neue Erfahrungen sowie das erlernen von neuen Normen und Verhaltensweisen.

Da Erwachsene in der Regel einen erheblichen Teil ihres Tages am Arbeitsplatz verbringen, kann es enorme Auswirkungen auf deren Gesundheit und Wohlbefinden haben sowie auf die Anfälligkeit für Suchtprobleme, ob sie ihre Arbeit als lohnend und zufriedenstellend oder als zu stressig und demotiverend empfinden.

Frone (2013) unterscheidet auch zwischen Substanzgebrauch und -beeinträchtigung am Arbeitsplatz und in der Belegschaft.

  • Substanzgebrauch und -beeinträchtigung am Arbeitsplatz beziehen sich auf den Substanzgebrauch und die -beeinträchtigungen, die bei der Arbeit oder während der Arbeitszeit auftreten. Dabei kann der Substanzgebrauch direkt am Arbeitsplatz oder kurz vor der Arbeit erfolgen, wobei die Beeinträchtigung während der Arbeitszeit auftritt und/oder während der Arbeitnehmer zwar nicht in der Arbeitsumgebung ist, aber trotzdem arbeitet (z.B. Home Office).
  • Substanzgebrauch und -beeinträchtigung in der Belegschaft beziehen sich auf den Substanzkonsum und die -beeinträchtigungen, die außerhalb der Arbeitsumgebung und nicht während der Arbeitszeit auftreten.

Arbeitsplatzfaktoren können ein Klima fördern, das den Substanzgebrauch am Arbeitsplatz begünstigt. Dazu gehören drei Hauptfaktoren:

  • Die (wahrgenommene) Verfügbarkeit von Substanzen am Arbeitsplatz, einschließlich der leichten Zugänglichkeit (z.B. Alkohol in einer Betriebskantine; Alkohol, der regelmäßig im Rahmen von Betriebsfeiern angeboten wird; Mitarbeiter, die den Zugang zu illegalen Substanzen erleichtern);
  • Deskriptive Normen, nach denen ein hoher Anteil des eigenen sozialen Netzwerks am Arbeitsplatz Substanzen gebraucht oder arbeitet, während er durch Substanzen beeinträchtigt ist (der Substanzgebrauch also sichtbar für die Mitarbeiter ist); und
  • Injunktive Normen oder die normative Billigung bzw. Missbiligung des Gebrauchs von Substanzen am Arbeitsplatz

Der letzte Faktor bezieht sich auch auf die Arbeitsumgebungen, die den Gebrauch von Substanzen zur Leistungssteigerung, zur Bewältigung hoher Arbeitsbelastungen und strenger Zeitpläne fördern oder wenn Substanzen als integraler Bestandteil des Beziehungsaufbaus mit Kollegen und (potenziellen) Kunden betrachten werden.

Neben allgemeinen Risikofaktoren können arbeitsbezogene Stressfaktoren, wie ein hohes Maß an Arbeitsanforderungen, mangelnde Arbeitsplatzkontrolle und Arbeitsplatzunsicherheit, die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ein Mitarbeiter Substanzen als Spannungs- und Stressabbautechniken eingesetzt, um die Arbeitssituation zu bewältigen. Es wird angenommen, dass eine häufigere Exposition gegenüber Arbeitsstressoren zu einem häufigeren und stärkeren Konsum von Substanzen führt, oft kurz vor, während oder unmittelbar nach einem Arbeitstag. Die meisten substanzbezogenen Probleme hängen jedoch mit dem Mitarbeiter als Privatperson zusammen, was bedeutet, dass der größte Teil des Substanzgebrauchs zwar außerhalb der Arbeit liegt, jedoch trotzdem negative Auswirkungen auf die Arbeitsleistung haben. Diese können sich in Fehlzeiten, Verspätungen, Arbeitsplatzverluste, Krankheiten und höheren medizinische Kosten äußern. Auch kann der Gebrauch von Substanzen am Arbeitsplatz zu einer Abnahme der Arbeitssicherheit, hohem arbeitsbedingtem Stress und einer geringeren Moral unter Mitarbeitern führen, die keine Substanzen am Arbeitsplatz gebrauchen.

Leider ist die Datenlage im Bereich des Substanzgebrauchs am Arbeitsplatz und seine Auswirkungen noch sehr lückenhaft. Allerdings sind illustrative Studien aus den Mitgliedstaaten nützlich. So wurde beispielsweise im Vereinigten Königreich geschätzt, dass der Alkoholgebrauch zu 11-17 Millionen verlorenen Arbeitstagen führt und jährlich 1,8 Milliarden Pfund kostet (Plant Work, 2006) .

Der Substanzgebrauch am Arbeitsplatz ist ein besonderes Anliegen in sicherheitskritischen Rollen, in denen die Mitarbeiter Verantwortung für die Gesundheit und das Wohlbefinden anderer (z.B. Piloten, Ärzte, Sicherheitstechniker) tragen und in denen Beeinträchtigungen durch Substanzen oder aus anderen Gründen schwerwiegende Folgen haben können. In Frankreich standen 15-20% der Arbeitsunfälle im französischen Eisenbahnsystem in direktem Zusammenhang mit dem schädlichen Konsum von Alkohol oder anderen Substanzen (Ricordel & Wenzek, 2008) .

Organisatorische Einsatzbereitschaft

Ein Element der Bedarfsanalyse ist, zu verstehen, inwiefern der Arbeitsplatz bereit ist organisatorische Veränderungen anzustoßen oder die Bereitschaft zeigt, gesundheitsförderliche und/oder (sucht-)präventive Maßnahmen zu ergreifen. Es bestehen eine Reihe von Theorien, die entwickelt wurden, um organisatorische Veränderungen zu verstehen. Zum Beispiel betont die „Stage Theory”, dass es wichtig ist zu wissen, wo sich eine Organisation auf dem Weg organisatorischer Veränderungen befindet, bevor sie Präventionsrichtlinien und Interventionen umsetzt.

Die „Stage Theory” (Kaluzny & Hernandez, 1988) beschreibt vier Phasen, die Organisationen durchlaufen, bevor eine Veränderung oder Innovation angenommen und institutionalisiert wird.

  1. Die erste Stufe ist das Bewusstsein, dass ein Problem besteht, und dass es unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten gibt, um das Problem zu bewältigen. Das Ziel der Aktivitäten in dieser Stufe besteht zweifelsohne darin, der Organisation bewusst zu machen, dass ein Problem anzugehen ist.
  2. Die zweite Stufe stellt die Übernahme dar, in der eine Organisation mit der Planung und Übernahme der Strategien und Interventionen beginnt, die das in Stufe 1 erkannte Problem lösen sollen. Das kann auch die Identifizierung von Ressourcen und Anpassungen von durchzuführenden Interventionen umfassen.
  3. Die dritte Stufe stellt die Durchführung dar, die alle praktischen Aspekte der Strategie- und Interventionsumsetzung umfasst.
  4. Die vierte Stufe beschreibt die Institutionalisierung, in der eine neue Strategie oder Praxis zu einem Standardbestandteil der Tätigkeiten am Arbeitsplatz wird.

Merkmale von Prävention am Arbeitsplatz

Hinsichtlich der Prävention am Arbeitsplatz gibt es vier Aspekte zu beachten (Abbildung 24).

Prävention am Arbeitsplatz
Universelle Prävention gesamte Belegschaft

Struktur und Kultur

  • Arbeitsplatzrichtlinien zum Umgang mit Substanzen.
  • Suchtpräventive Schulungen für Führungskräfte und Beschäftigte.
  • Stärkung sozialer Unterstützung im Kollegium.
Selektive Prävention Risikogruppen

Niedrigschwellige Angebote

  • Vertrauliches Screening auf Substanzgebrauch.
  • Mitarbeiter-Unterstützungs-Programme (EAPs).
  • Frühzeitige Ansprache belasteter Beschäftigter.
Indizierte Prävention manifester Bedarf

Individuelle Maßnahmen

  • Vertrauliche Beurteilung des Substanzgebrauchs.
  • Systematische Kurzinterventionen.
  • Überweisung in weiterführende Hilfen.
Flankierend Behandlung, Rückkehr zur Arbeit und Rückfallprävention schließen den umfassenden Ansatz und halten Beschäftigte nach einer Krise im Erwerbsleben.

Quelle: EUPC-Manual, Abbildung 24 – drei Präventionsebenen am Arbeitsplatz, flankiert durch Behandlung und Rückkehr zur Arbeit.

Abbildung 24: Prävention im Setting ArbeitsplatzNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Universelle Prävention:

  • Arbeitsplatzrichtlinien. Arbeitsplatzrichtlinien stellen eine universelle Präventionsstrategie dar, da sie das Thema Substanzgebrauch allgemein für alle Mitarbeitenden ansprechen.
  • Suchtpräventive Schulung. Suchtpräventive Schulungen werden für alle Mitarbeiter und Führungskräfte angeboten. Diese sollen Informationen über psychoaktive Substanzen enthalten und wie sich ihr Gebrauch negativ auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Arbeitnehmer auswirken kann.
  • Soziale Unterstützung stärken. Indem ein Zusammenhalt in den Arbeitsgruppen sowie die Unterstützung unter den Arbeitnehmern gefördert wird, können soziale Normen gegen den Substanzgebrauch am Arbeitsplatz verstärkt werden.

Selektive Prävention:

  • Vertrauliches Screening. Vertrauliche Screenings umfassen in der Regel das Screening von Arbeitnehmern, die einem Substanzgebrauchsrisiko ausgesetzt sind und die möglicherweise problematische Verhaltensweisen am Arbeitsplatz zeigen.
  • Mitarbeiter-Unterstützungs-Programme. Sogenannte „Employee Assistance Programs” (EAPs) sollen helfen, Produktivitätsprobleme von Arbeitnehmern, die durch persönliche Sorgen beeinträchtigt sind, zu erkennen und zu lösen.

Indizierte Prävention:

  • Vertrauliche Beurteilungen des Substanzgebrauchs. Ziel ist es, Arbeitnehmer zu identifizieren, die eine Überweisung zu Kurzinterventionen oder längerfristigen Behandlungen benötigen. Diese Beurteilungen werden von geschulten Psychologen oder Suchtspezialisten durchgeführt.
  • Kurzinterventionen. Kurzinterventionen sind systematische, fokussierte Prozesse, die darauf abzielen, mögliche Probleme des Substanzgebrauchs zu untersuchen und Einzelpersonen dazu zu motivieren, ihr Verhalten zu ändern.

Wenn es um Prävention am Arbeitsplatz geht, ist es wichtig auch Strategien und Interventionen zu bedenken, die eine Rückkehr an den Arbeitsplatz nach einer Therapie und eine Wiedereingliederung in die Belegschaft sicherstellen. Obwohl es sich dabei formal nicht um Prävention handelt, beinhaltet dieses Curriculum die Therapie und Reintegration in die Arbeit sowie die Rückfallprävention als wesentliche Bestandteile eines umfassenden Ansatzes zum Substanzgebrauch am Arbeitsplatz. Ziel eines solchen ist nicht die Bestrafung, sondern die Prävention oder Verminderung des Substanzgebrauchs und, falls erforderlich, die Identifizierung von Konsumenten und Bereitstellung eines klaren Behandlungsweges sowie Reintegration in die Arbeitswelt. Nach der Wiedereingliederung am Arbeitsplatz benötigen diese Arbeitskräfte fortlaufende Unterstützung, um einen Rückfall zu verhindern. Das EBDD-Portal enthält einen Abschnitt über die Prävention am Arbeitsplatz, der einen Überblick über empfohlene Ansätze bietet3. Auch hat die EBDD einen Leitfaden über Ansätze der beruflichen Wiedereingliederung publiziert, der die beruflichen Chancen von Menschen mit einer Substanzgebrauchsstörungen verbessern soll und einen Abschnitt über Präventionsmaßnahmen am Arbeitsplatz enthält4. Obwohl es als Reaktion auf die nationale Gesetzgebung entwickelt wurde, haben die USA ein sogenanntes Drug-Free Workplace-Toolkit veröffentlicht, das Leitlinien für die Entwicklung von Arbeitsplatzrichtlinien, Mitarbeiterschulungen, Managementschulungen, Unterstützungsprogramme für Mitarbeiter mit schwerwiegenderen Problemen und Drogentests enthält (siehe Abschnitt ‚Drogentests’ weiter unten für wichtige EU-Diskussionen zu diesem Thema).

Umfassende arbeitsplatzbezogene Präventionsmaßnahmen konzentrieren sich in der Regel auf drei Hauptziele: 1) Arbeitsumgebung, 2) soziale Interaktion/Peer Support (Unterstützung durch Kollegen) und 3) individueller Substanzgebrauch (siehe Abbildung 25). Das heißt die Richtlinien und Interventionen am Arbeitsplatz können sich auf die Änderung persönlicher, sozialer und verhältnisbezogener Faktoren konzentrieren, die die Wahrscheinlichkeit des Substanzgebrauchs beeinflussen. Die Komponenten eines umfassenden Präventionsansatzes sollten alle drei der nachstehend aufgeführten Ziele berücksichtigen:

Arbeitsumgebung:

  • Schriftliche Richtlinien zum Substanzgebrauch am Arbeitsplatz
  • Veränderung der Arbeitsumgebung, um die Qualität des Arbeitslebens und den Zugang zu Alkohol und anderen Substanzen zu regeln
  • Supervisions- und Managementtraining
  • Berücksichtigung der gesamten Arbeitsumgebung
  • Konsistenz mit der Organisationskultur

Soziale Interaktion / Unterstützung durch Kollegen

  • Entwicklung von Peer-Support-Programmen
  • Schaffung klarer sozialer Kontrollmechanismen der Maßnahmen in Bezug auf den Gebrauch von Substanzen bei der Arbeit sowie die Festlegung von Arbeitsplatznormen in Bezug auf den Gebrauch von Alkohol

Individueller Substanzgebrauch:

  • Bereitstellung von Mitarbeiterunterstützungsprogrammen
  • Substanzgebrauch als Gesundheits- und Sicherheitsproblem ansprechen
  • Einbeziehung des Substanzgebrauchs in das allgemeine Wohlbefinden
  • Vertrauliches Screening und Identifikation von Substanzkonsumenten, was auch die Überweisung in ein Behandlungsprogramm und die Wiedereingliederung in die Belegschaft vorsieht
  • Vertrauliche Drogentests nur als Teil einer umfassenden Mehr-Ebenen-Intervention nutzen

Hindernisse

Trotz der zwingenden Gründe für die Einführung von Präventionsstrategien und -interventionen zögern viele Organisationen, derartige Maßnahmen umzusetzen. Während die Prävention anderer Gesundheits- und Sicherheitsfragen aktiv angegangen wird, wird substanzbezogene Prävention weiterhin oft ignoriert. Der Hauptgrund für dieser Zurückhaltung und die größte Hürde für die Umsetzung ist, das mit dem Substanzthema verbundene Stigma.

Organisationen zögern ebenso das Ausmaß des Substanzgebrauchs bei ihren Beschäftigten zu untersuchen, als auch Maßnahmen zu ergreifen, um das Problem anzugehen oder zu verhindern. In vielen Kulturen gelten Alkohol- und Substanzgebrauch als moralisch verwerflich bzw. werden in erster Linie als Rechtsfrage und nicht als Gesundheits- und Sicherheitsfrage behandelt.

Zu den weiteren Hindernisse für die Umsetzung gehören:

  • Eine unausgesprochene Toleranz von Vorgesetzten und Mitarbeitern gegenüber einigen Formen des Substanzgebrauchs
  • Die Kosten, die mit der Durchführung einer Präventionsmaßnahme verbunden sind.
  • Die Tatsache, dass Substanzgebrauch oft als ein persönliches und nicht als ein arbeitsbezogenes Thema betrachtet wird. Arbeitgeber können zögerlich oder abgeneigt sein, Arbeitnehmern darüber Vorgaben zu machen, was sie in ihrem Privatleben tun sollen und was nicht.

Drogentests

Drogentests existieren seit Jahrzehnten, vielerorts werden sie immer noch als umstritten angesehen. Für viele Organisationen, und auch Länder ist der Versuch, ein Gleichgewicht zwischen der Sicherheit der Arbeitnehmer und dem Schutz der Privatsphäre und Diskriminierungsbelangen herzustellen, ein vorrangiges Anliegen. Ein weiteres wesentliches Problem ist, dass Abbauprodukte von Substanzen lange nach dem Gebrauch in einer biologischen Probe verbleiben können (tatsächlich kann im Fall von Haaren die Droge monatelang in der Probe nachgewiesen werden). Drogentests können deshalb nicht als Nachweis für eine Störung verstanden werden. Vor der Entscheidung für die Implementierung eines Drogentest-Programms, sollten Organisationen die unzähligen rechtlichen Aspekte berücksichtigen, die von Land zu Land unterschiedlich sind.

Während Forschungen einige positive Effekte von Drogentests zeigen konnten, sind diese an und für sich keine Präventionsmaßnahme und sollten nur als Teil einer umfassenden Substanzpräventionsstrategie implementiert werden.

Prävention
Arbeitsumgebung Verhältnisprävention

Richtlinien und Kultur

  • Schriftliche Richtlinien zum Substanzgebrauch.
  • Veränderung der Umgebung, Zugang zu Alkohol und anderen Substanzen regeln.
  • Supervisions- und Management-Training.
  • Konsistenz mit der Organisationskultur.
Soziale Interaktion / Peer Support

Kollegiale Unterstützung

  • Entwicklung von Peer-Support-Programmen.
  • Klare soziale Kontrollmechanismen zu Substanzgebrauch bei der Arbeit.
  • Festlegung von Arbeitsplatznormen zu Alkohol.
Individueller Substanzgebrauch Verhaltensprävention

Individuelle Ansätze

  • Mitarbeiter-Unterstützungs-Programme (EAPs).
  • Substanzgebrauch als Gesundheits- und Sicherheitsproblem ansprechen.
  • Vertrauliches Screening, Überweisung in Behandlung.
  • Drogentests nur als Teil einer Mehr-Ebenen-Intervention.

Verhältnis- und Verhaltensprävention integrieren

Quelle: EUPC-Manual, Abbildung 25 – umfassender Präventionsansatz am Arbeitsplatz auf drei Handlungsebenen.

Abbildung 25: Umfassende Prävention am ArbeitsplatzNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Fußnoten

  1. https://www.gruene-liste-praevention.de/nano.cms/datenbank/programm/12?a=klasse200

  2. https://www.gruene-liste-praevention.de/nano.cms/datenbank/programm/13

  3. http://www.euda.europa.eu/best-practice/briefings/workplace

  4. http://www.euda.europa.eu/publications/insights/social-reintegration_en

Literatur zu diesem Kapitel

  1. 1.Poulin, F., Dishion, T. J., & Burraston, B. (2001).3-year iatrogenic effects associated with aggregating high-risk adolescents in cognitive-behavioral preventive interventionsApplied Developmental Science, 5(4), 214–224.doi:10.1207/S1532480XADS0504_03
  2. 2.Hanushek, E. A., & Wößmann, L. (2007).The role of education quality in economic growthWorld Bank Policy Research Working Paper 4122.
  3. 3.Gasper, J. (2011).Revisiting the relationship between adolescent substance use and high school dropoutJournal of Substance Use Issues, 41(4), 587.doi:10.1177/002204261104100407
  4. 4.Greenberg, M. T., Domitrovich, C. E., Graczyk, P. A., & Zins, J. E. (2005).The study of implementation in school-based preventive interventions: Theory, research, and practiceCenter for Mental Health Services, Substance Abuse and Mental Health Services Administration, US Department of Health and Human Services, Washington, DC, 60.
  5. 5.Sloboda, Z., et al. (2014).Implementation science and the effective delivery of evidence-based preventionIn Z. Sloboda & H. Petras (Eds.), Advances in Prevention Science: Defining Prevention Science (pp. 293–314). New York: Springer Publishing.doi:10.1007/978-1-4899-7424-2_13
  6. 6.Wandersman, A., Duffy, J., Flaspohler, P., Noonan, R., Lubell, K., Stillman, L., Blachman, M., Dunville, R., & Saul, J. (2008).Bridging the gap between prevention research and practice: The interactive systems framework for dissemination and implementationAmerican Journal of Community Psychology, 41(3–4), 171–181.doi:10.1007/s10464-008-9174-z
  7. 7.Ginsburg, I. (1982).Jean Piaget and Rudolf Steiner: Stages of child development and implications for pedagogyThe Teachers College Record, 84(2), 327–337.doi:10.1177/016146818208400204
  8. 8.United Nations Office on Drugs and Crime (2013).International Standards on Drug Use PreventionVienna, Austria: UNODC.
  9. 9.Kultusministerkonferenz (2012).Empfehlung zur Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 15.11.2012KMK, Berlin.
  10. 10.EBDD (Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht) (2017).Health and social responses to drug problems: A European guideLuxembourg: Publications Office of the European Union.
  11. 11.Frone, M. R. (2013).Alcohol and illicit drug use in the workforce and workplaceWashington, DC: American Psychological Association.doi:10.1037/13944-000
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  13. 13.Ricordel, I., & Wenzek, M. (2008).Cannabis and safety of work. Evolution of its detection within the controls of narcotics since 2004 to the SNCFAnnales Pharmaceutiques Françaises, 66, 255–260.doi:10.1016/j.pharma.2008.07.007
  14. 14.Kaluzny, A. P., & Hernandez, S. R. (1988).Organizational change and innovationIn S. Shortell & A. Kaluzny (Eds.), Health Care Management: A Text in Organizational Theory and Behavior (2nd ed., pp. 379–417). New York, NY: John Wiley.

Abschnitt II · Settings

Kapitel 07

Verhältnisprävention

Dieses Kapitel enthält eine Definition des Begriffs der Verhältnisprävention, beschreibt relevante Ansätze und stellt Leitlinien für die Entwicklung von verhältnispräventiven Strategien für Schule und Arbeitsplatz vor. Außerdem erörtert es Merkmale und Effektivität der Tabak- und Alkoholpolitik, um bewährte Praktiken in der Politikgestaltung abzuleiten, und diskutiert verhältnispräventive Interventionen im Nachtleben sowie deren Eigenschaften.

Ein Bericht über verhältnispräventive Ansätze kann über die Website der EBDD eingesehen werden.1

Die Umwelt und ihr Einfluss

Welchen Einfluss hat das soziale Umfeld auf individuelle Überzeugungen, Einstellungen und Verhaltensweisen? Zum einen prägt es soziale Normen und zum anderen beeinflusst es Überzeugungen hinsichtlich der Risiken und Konsequenzen von Verhaltensweisen. So wird beobachtetes Verhalten, wie z.B. der Substanzgebrauch unter Gleichaltrigen und/oder anderen einflussreichen Personengruppen, als eine Norm wahrgenommen. Darüber hinaus hat die Art und Weise, in der eine Kommune Gesetze oder Vorschriften durchsetzt, Einfluss darauf, wie ihre Bewohner die Toleranz oder Zustimmung zu Verhaltensweisen wie dem Substanzgebrauch beurteilen.

Verhältnisprävention hat zwei Säulen. Zum einen zielt sie darauf ab, die Exposition gegenüber psychosozialen Stressoren, gesundheitsgefährdenden baulichen Gegebenheiten, Stoffen, Strahlen und Wellen zu begrenzen und die Exposition gegenüber gesundheitszuträglichen psychosozialen Aspekten (z.B. Wertschätzung), baulichen Gegebenheiten und Stoffen zu erhöhen. Zum anderen zielt sie darauf ab, die Exposition gegenüber ungesunden und riskanten Handlungsoptionen zu begrenzen und die Verfügbarkeit gesundheitsförderlicherer Möglichkeiten zu erhöhen. Dies ist besonders wichtig in Umgebungen, in denen es Auslöser für riskantes Verhalten gibt. Vereinfacht ausgedrückt verändert Verhältnisprävention die Umgebung, in der das Verhalten stattfindet (z.B. Alkoholverkaufsstellen, öffentlicher Raum oder Veranstaltungsorte). Im Gegensatz zu Ansätzen, die darauf abzielen, Fähigkeiten und Erkenntniszuwächse in Einzelpersonen oder Gruppen zu entwickeln (Verhaltensprävention), zielt Verhältnisprävention auf Gewohnheiten und Umweltbedingungen (Regeln, Gesetze, Werbung, Steuern usw.) ab, die den Zielgruppen eine überlegte und bewusste Entscheidung für das Gesündere abnehmen. Ziel ist, die gesundheitsförderliche Wahl zur einfachsten Wahl zu machen. Beispiele sind die Erhöhung der Tabaksteuer, Gesetze zum Mindestabgabealter und Ausweiskontrollen, die Senkung der Preise alkoholfreier Getränke in Nachtklubs oder das Verbot für Einzelhandelsgeschäfte in der Nähe von Schulen, Alkohol zu verkaufen.

Bei diesen Interventionen wird das Umfeld indirekt genutzt, um eine Zielgruppe anzusprechen, anstatt mit ihr direkt in Kontakt zu treten. Der Vorteil verhältnispräventiver Maßnahmen besteht darin, dass sie bei richtiger Umsetzung eine größere Reichweite entfalten können als verhaltenspräventive Maßnahmen allein. Generell sollten jedoch Verhaltens- und Verhältnisprävention koordiniert und ergänzend zueinander durchgeführt werden, um eine möglichst große gesellschaftliche Wirkung zu erzielen.

Definitionen

Verhältnispräventive Maßnahmen lassen sich in drei Hauptkategorien einteilen, obwohl ein enger Zusammenhang zwischen ihnen besteht: regulatorisch, physisch und ökonmisch.

Regulatorische Ansätze betreffen Veränderungen des rechtlichen Rahmens, der definiert, welche Verhaltensweisen erlaubt sind. Dazu gehören Gesetze, die den Zugang zu Substanzen durch das Mindestabgabealter regulieren, Arzneimittelvorschriften sowie Maßnahmen, die das Verhalten nach dem Gebrauch von Substanzen kontrollieren – etwa Alkohol am Steuer oder das Verbot, Alkohol an sichtbar betrunkene Personen auszugeben. Regulierungen umfassen auch die Herstellung und den Handel mit potenziell schädlichen Produkten sowie deren Vermarktung. Altersbeschränkungen, Ausschankzeiten, einheitliche, schlichte Verpackungen von Tabakerzeugnissen und das Verbot von Alkoholsponsoring im Sport sind Beispiele dafür. Einige Länder verlangen etwa als Voraussetzung für die Erteilung einer Alkoholverkaufslizenz, dass Einrichtungen Trinkwasser kostenlos bereitstellen. Für die meisten illegalen Substanzen gibt es jedoch keine Regulierung der Herstellung, des Vertriebs oder des Verkaufs. Die einzige Kontrolle erfolgt durch Gesetze, die deren Verfügbarkeit einschränken, und durch deutliche Botschaften, die die gesellschaftlichen Normen gegen ihren Konsum bekräftigen. Da die Herstellung dieser Substanzen nicht kontrolliert wird, können sie zudem mit anderen gesundheitsgefährdenden Stoffen gemischt werden. Naturprodukte, die einigen dieser Substanzen zugrunde liegen – etwa Cannabis, Schlafmohn und Kokapflanzen –, können im Fundfall vernichtet werden; alternativ kann Landwirten, die diese „Nutzpflanzen” anbauen, eine Kompensation gezahlt werden, damit sie den Anbau aufgeben (Anbausubstitutionspolitik).

Physische Ansätze zielen darauf ab, die bauliche Umgebung zu verändern, in der Entscheidungen getroffen werden und Verhalten stattfindet. Dies kann sowohl das Mikroumfeld wie die Gestaltung von Bars und Nachtklubs umfassen (etwa um übermäßigen und schnellen Alkoholkonsum zu verhindern) als auch das Makroumfeld wie Stadtplanung und Landschaftsgestaltung (etwa Bereitstellung kostenloser nächtlicher Verkehrsmittel, umfassende Verkehrspolitik, Stadtteilerneuerung in benachteiligten Gebieten). Physische Interventionen können auch Gegenstände und Strukturen innerhalb der Umwelt betreffen. Derzeit besteht z.B. großes Interesse daran, Gläser so zu gestalten, dass Menschen weniger Alkohol konsumieren, als sie vermuten (z.B. indem die Gläser groß und schmal wirken, aber ein geringeres Gesamtvolumen fassen).

Ökonomische Ansätze richten sich sowohl an derzeitige als auch an potenzielle Konsumentinnen und Konsumenten und fördern durch Besteuerung, Preispolitik und Subventionen gesundheitsförderliche Entscheidungen. So haben die meisten europäischen Länder hohe Steuern auf Tabakwaren eingeführt, und einige haben ein Minimum Unit Pricing für Alkohol eingeführt, um die Erschwinglichkeit schädlicher Produkte zu verringern. Gesundheitsförderlichere Entscheidungen lassen sich ebenso durch eine Preissenkung alkoholfreier Getränke, einschließlich Wasser, in Freizeiteinrichtungen wie Pubs und Bars anstoßen.

Ein Hintergrundpapier der EBDD gibt einen Überblick über die Verhaltensregeln, die die Grundlage der Verhältnisprävention bilden.

Sozialisation und verhältnispräventive Interventionen

Präventionsfachkräfte unterstützen die positive Sozialisation von Kindern in der Gesellschaft. Der Sozialisationsprozess wird zunächst von der Familie geformt und gefestigt, dann von der Schule und schließlich von weiteren Lebenswelten und Settings fortgeführt. Diese tragen dazu bei, durch die Einhaltung von Normen, Gesetzen und Regeln angemessene Verhaltensweisen zu fördern. Verhaltenspräventive Interventionen verbinden einen Sozialisations- und Präventionsansatz und richten den Blick dabei auf das Individuum: Sie helfen ihm, Informationen darüber, was von ihm erwartet wird und welches Verhalten angemessen ist, vor seinem sozialen und emotionalen Hintergrund zu interpretieren. Sie unterstützen Einzelne darin, Entscheidungen über die Auswirkungen oder Folgen ihres Verhaltens in unterschiedlichen Settings zu treffen und neue Fähigkeiten oder Verhaltensweisen zu erlernen und anzuwenden, etwa Widerstandskompetenzen.

Wie funktioniert das für verhältnispräventive Interventionen? Zunächst müssen Gefährdungen sowie Personen, die diesen Gefährdungen ausgesetzt sind, erkannt werden. Das ist notwendig, um beide mit geeigneten Interventionen adressieren zu können – der Kerngedanke der Verhältnisprävention. Ein gesundes Umfeld meint positive Orte, die Stärken der Gesellschaft maximieren und negative Einflüsse minimieren. Verhältnispräventive Interventionen sind darauf angelegt, Kontexte zu verändern, in denen Menschen Entscheidungen treffen.

  • Physisches Umfeld – Beschränkung des Zugangs zu und der Verfügbarkeit von Alkohol, Tabakerzeugnissen und anderen Substanzen
  • Soziales Umfeld – Stärkung von Normen und Einstellungen im Bereich des Nichtkonsums

Neben einigen physischen Einschränkungen gibt es auch Gesetze und Richtlinien, die den Zugang zu Alkohol regeln. So liegt das Mindestabgabealter für Alkohol im internationalen Vergleich in den meisten Ländern bei 18 bis 19 Jahren. Einige Länder kennen keine Altersbeschränkung, andere haben den Kauf – vor allem aus religiösen Gründen – vollständig verboten.

Selbstverständlich können Menschen außerhalb regulierter Umgebungen und Kontrollen Alkohol konsumieren, und wenige stellen alkoholische Getränke selbst her. Deshalb ist es wichtig, ergänzend verhaltenspräventive Maßnahmen zu ergreifen, damit die Menschen ihr Trinkverhalten besser steuern können.

Um das Verhalten im sozialen Umfeld zu beeinflussen, ist es oft notwendig, politische Initiativen, Kampagnen und andere aufsuchende Maßnahmen zu fördern, die auf die Stärkung von Normen zielen. Diese Kampagnen und politischen Initiativen sollen das öffentliche Bewusstsein und die Einstellungen zum Substanzgebrauch beeinflussen und Regelungen sowie Gesetze anstoßen, die den Gebrauch oder seine Folgen verhindern. Häufig führen sie dazu, dass sich die Verhaltensnormen der Zielgruppe verschieben. So wurden etwa Maßnahmen des öffentlichen Gesundheitswesens zum Passivrauchen durch Vorschriften umgesetzt (z.B. Nichtraucherschutzgesetz) und durch „neue Normen” verstärkt, die lauteten: „Hier darf nicht geraucht werden.”

Verhältnisprävention in den Settings Schule und Betrieb

In diesem Abschnitt befassen wir uns mit verhältnispräventiven Interventionen auf Mikroebene, vor allem in Schulen und am Arbeitsplatz. Wir wollen zeigen, wie solche Interventionen zu sicheren, gesunden und produktiven Lern- und Arbeitsumgebungen beitragen. Auf der Mikroebene sind diese Interventionen zudem eher für Effektmessungen zugänglich, und ihre suchtpräventiven Ansätze entsprechend besser erforscht als Interventionen, die auf gesellschaftlicher Ebene oder höheren Makroebenen ansetzen.

Wie bereits gezeigt, sind diese beiden Ebenen des Umfelds nicht unabhängig voneinander; sie wirken zusammen und beeinflussen Werte, Überzeugungen, Einstellungen und Verhaltensweisen. Verhältnispräventive Maßnahmen bieten die Möglichkeit, in allen Lebensbereichen konsistente Strategien zu etablieren, so dass zu Hause, in der Schule, am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft einheitliche Strategien z.B. gegen den Substanzgebrauch verfolgt werden und damit die gesellschaftliche Norm gegen Substanzgebrauch unter Jugendlichen gestärkt wird.

Schulrichtlinien

Schulrichtlinien zum Substanzgebrauch sind ein wesentlicher Bestandteil eines umfassenden Präventionsansatzes. Oft werden sie allerdings beiläufig und unsystematisch entwickelt und als „Abhak-Aufgabe” behandelt, so dass sie im Gesamtstrategieplan von Schulen häufig untergehen. Schulische Richtlinien sollen daher Maßnahmen umfassen, die in der gesamten Schule vergleichsweise einfach umzusetzen sind und eine koordinierte und umfassende Reaktion auf Substanzgebrauch im Rahmen der Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden darstellen.

Umfassende Strategien sind aus mehreren Gründen wichtig und sollen Kernmaßnahmen und Prioritäten enthalten, die sich nicht nur auf den Substanzgebrauch konzentrieren, sondern auch Ansätze abdecken, die ein gesundes und unterstützendes Schulumfeld schaffen:

  • Richtlinien, die Substanzgebrauch einschränken, tragen dazu bei, soziale Normen zu etablieren, nach denen Substanzgebrauch nicht toleriert wird. Wenn die Schülerschaft sieht, dass Rauchen oder Trinken auf dem Schulgelände oder bei schulischen Veranstaltungen nicht toleriert wird, sinkt die Gefährdung durch potenzielle Vorbilder, die dieses Verhalten zeigen.
  • Politische Maßnahmen können zugleich verhältnispräventive Auflagen mit sich bringen, sofern sie den Zugang zu Substanzen einschränken.
  • Im weiteren Rahmen sollen Strategien entwickelt werden, die der Schülerschaft deutlich machen, dass sich ihre Schule um ihr Wohlergehen kümmert und eine ganzheitliche Schulstrategie verfolgt, um ihre emotionale und positive soziale Entwicklung mit Gleichaltrigen und schulisch tätigen Erwachsenen zu unterstützen. Die Richtlinien können auch Maßnahmen umfassen, die die Beteiligung der Schülerschaft am Schulbetrieb erleichtern, wodurch das Gemeinschaftsgefühl gestärkt und die Verbundenheit zwischen Lehrkörper und Schülerschaft verbessert wird.
  • Sanktionen bei Vorfällen mit Substanzgebrauch können in schulischen Regelwerken eine Rolle spielen, sie müssen jedoch angemessen sein, konsequent umgesetzt werden und dürfen nicht überwiegen. Solche Vorfälle bieten zugleich die Gelegenheit, Schülerinnen und Schüler individuell zu unterstützen oder Präventionsmaßnahmen im Klassenzimmer einzuführen oder zu verstärken.

Schulregeln wie etwa Suchtmittelvereinbarungen enthalten oft eine Absichtserklärung mit Formulierungen, die auf die Notwendigkeit verweisen, eine sichere, gesunde und substanzfreie Umgebung zu schaffen und zu erhalten, um die gesunde Entwicklung der gesamten Schülerschaft zu unterstützen und sicherzustellen. Viele Regelwerke verpflichten die Schule zudem, Interventionen und Strategien umzusetzen, die bekannten Wirkprinzipien folgen und bestenfalls durch Evidenz gestützt sind. Eines der wichtigsten Ziele von Schulregeln ist es, dass sie allen Mitgliedern der Schulgemeinschaft mitgeteilt werden. Wen betreffen die Regeln: Schülerschaft, Schulmitarbeitende, Gäste? Gelten sie nur auf dem Schulgelände? Wie ist mit von der Schule genehmigten Aktivitäten umzugehen? All diese Fragen sind zu berücksichtigen und breit zu kommunizieren.

Geltungsbereich und Verstöße. Die Regeln sollen den Umfang und die erfassten Substanzarten benennen – wie möchte eine Schule beispielsweise auf die wachsende Verbreitung von E-Zigaretten reagieren? Zudem ist der Umgang mit Substanzgebrauch und -besitz nicht nur in der Schule, sondern auch bei schulbezogenen Veranstaltungen zu klären. Die Regeln sollten für das Schulgelände und für Veranstaltungen gelten, an denen Lehrkräfte, Schulmitarbeitende und Schülerschaft beteiligt sind.

Darüber hinaus sollen die Regeln verdeutlichen, welche Arten substanzbezogener Vorfälle sanktioniert werden, etwa der Besitz oder Verkauf bestimmter Substanzen oder der begründete Verdacht, dass eine Schülerin oder ein Schüler unter Substanzeinfluss die Schule besucht, und wie darauf unterstützend reagiert werden soll.

Ebenso soll aus den Regeln hervorgehen, zu welchem Zeitpunkt Familien und Strafverfolgungsbehörden über ein Ereignis im Zusammenhang mit Gebrauch, Besitz und Verkauf informiert werden. Die Regeln sollen zudem klare und konsequent durchgesetzte Konsequenzen für Verstöße festlegen. Diese Strategien sollen nicht strafender Art sein, sondern darauf abzielen, Jugendliche, die Substanzen gebrauchen, in der Schule zu halten.

Beratung und Behandlung. Ist eine Schülerin oder ein Schüler in riskantes Verhalten verstrickt, kann ein frühzeitiges Erkennen und eine Kurzintervention nötig sein. Generell sollen Jugendliche, die Substanzen gebrauchen, die Möglichkeit erhalten, den Konsum in einer unterstützenden Umgebung einzustellen, in der ihr Verhalten aufmerksam begleitet wird. Dazu gehören Verhaltensweisen wie Pünktlichkeit, die Anfertigung von Hausaufgaben und ein gewisses Maß an schulischer Leistung.

Schulregeln können folgende Inhalte umfassen (sind aber nicht notwendig darauf beschränkt):

  • Zweckbestimmung. Die typische Struktur von Schulregeln legt Ziele und Inhalte fest. Sie beginnen oft mit einer Absichtserklärung, die sich auf die Notwendigkeit einer sicheren, gesunden und substanzfreien Umgebung bezieht.
  • Für wen gelten sie? Schulregeln benennen die Zielgruppen, auf die sie sich beziehen.
  • Unterstützung evidenzbasierter Präventionsansätze. Viele Richtlinien verpflichten Schulen zur Umsetzung evidenzbasierter Programme und Strategien.
  • Welche Substanzen sind gemeint? Die Regeln sollen das Spektrum der erfassten Substanzen sowie besondere Umstände wie Sportveranstaltungen, Schulausflüge und das Verhalten der Mitarbeitenden spezifizieren.
  • Spezifizierte Sanktionen. Die Regeln sollen angeben, welche Arten substanzbezogener Vorfälle unter welchen Umständen sanktioniert werden.
  • Kommunikation. Die Regeln sind allen Betroffenen mitzuteilen.

Die Kommunikation mit den Eltern darüber, dass ihr Kind mit Substanzen in Berührung gekommen ist, kann besonders herausfordernd sein. Eine Möglichkeit, Missverständnissen und negativen Reaktionen vorzubeugen, besteht darin, auf eine Richtlinie zu verweisen, die genau festlegt, welche Schritte die Schule in welcher Reihenfolge unternimmt.

Solche Richtlinien zu Verstößen sind entscheidend für den Erhalt einer Schulkultur, in der sich die Schülerschaft sicher und geschützt fühlt und Unterstützung erhält, wenn sie diese benötigt.

Arbeitsplatzrichtlinien

Es bestehen viele Gemeinsamkeiten zwischen Regeln am Arbeitsplatz und jenen im Schulsetting. Der Zweck beider ist der gleiche, und soll dazu beitragen eine gesunde, sichere und substanzfreie Umgebung zu schaffen; in diesem Fall aber sind die Zielgruppe Erwachsene (nicht mehr Kinder).

Wie bereits erwähnt, sind verhältnispräventive Interventionen insofern universell, als dass sie sich auf eine möglichst breite Zielgruppe konzentrieren, die unterschiedliche Erfahrungen mit Substanzen haben, obwohl die meisten davon Nichtnutzer sein werden. Folglich richten sich Arbeitsplatzrichtlinien hinsichtlich des Substanzgebrauchs an alle Mitarbeiter. Solche Richtlinien sollten umfassend gestaltet sein und sich mit Aufklärung und Prävention sowie der Ermittlung, Behandlung, Rehabilitation und Wiedereingliederung von Arbeitnehmern mit Substanzgebrauchsproblemen befassen. An der Entwicklung dieser Richtlinien sollten alle wichtigen Akteure der Organisation beteilitgt werden.

Verhältnispräventive Interventionen am Arbeitsplatz zielen u.a. auf bestimmte Arbeitsplatzmerkmale ab, die Auswirkungen auf die Wahrscheinlichkeit des Substanzgebrauchs von Mitarbeitern haben können. Zu diesen Arbeitsplatzmerkmalen gehören die Verfügbarkeit von und der Zugang zu Alkohol oder anderen Substanzen, schlechte Arbeitsbedingungen und eine Arbeitsplatzkultur, die den Substanzgebrauch verstärkt.

Ein umfassender Ansatz zur Suchtprävention am Arbeitsplatz beginnt mit schriftlichen Präventionsrichtlinien. Diese umfassen eine Beschreibung der Haltung des Unternehmens zum Substanzgebrauch. Dabei sollen sie nicht strafend sein, sondern anerkennen, dass Substanzgebrauch ein Gesundheitsproblem darstellen kann, das oft eine Behandlung erfordert, um Konsumenten bei der Genesung zu helfen und zusätzliche negative Folgen zu verhindern. Die Richtlinien sollen für alle Mitarbeiter gelten, unabhängig von ihrem Status im Unternehmen und offen kommuniziert werden. Dazu gehört auch eine klare Kommunikation der Sanktionen bei Verstößen gegen die Richtlinien. Schwerpunkt der Verbreitungsstrategie ist jedoch, wie die Richtlinien die allgemeine Gesundheit und Sicherheit aller Arbeitnehmer fördern wird. Das verringert auch das Stigma, das mit der Suche nach Hilfe verbunden ist.

Verhältnispräventive Tabak- und Alkoholpolitik

Die internationalen Standards überprüften die bestehende Forschung zur Tabak- und Alkoholpolitik. Dabei stellten sie fest, dass es mehrere Arten von Initiativen gab, welche die Initiation und den Gebrauch von Substanzen vor allem bei jungen Menschen wirksam reduzieren konnten. Diese konzentrierten sich darauf, den Zugang zu Substanzen zu erschweren und die Initiation sowie die Entwicklung eines regelmäßigen Konsummusters zu verhindern. Folgende Anleitung stellt die Komponenten, die zur Gestaltung einer effektiven verhältnisbasierten Intervention verwendet werden können vor.

Gemäß den internationalen Standards reduziert eine Erhöhung der Preise für Alkohol und Tabak durch Besteuerung deren Konsum in der Allgemeinbevölkerung. Andere Strategien, die eine Verringerung des Gebrauchs zeigten, sind die Anhebung des Mindestalters für den Kauf von Tabak- und Alkoholprodukten sowie die Durchsetzung dieser Regel. Auch hat sich die Beschränkung und das Verbot von Werbung und anderer Formen der Vermarktung von Tabak und Alkohol an Jugendliche als wirksam erwiesen.

Wie bei vielen Präventionsmaßnahmen kann die Kombination mehrerer verhältnisbezogener Interventionen eine stärkere Wirkung erzielen als Einzelmaßnahmen. Umfassende Präventionsmaßnahmen, um minderjährige Jugendliche daran zu hindern, Tabak und Alkohol zu kaufen, beinhalten:

  • Aktive und kontinuierliche Durchsetzung von Gesetzen
  • Vermittlung von Wissen an (Einzel-)Händler durch eine Vielzahl von Strategien (persönlicher Kontakt, Medien und Informationsmaterialien).
  • Medien- und schulbasierte Präventionsmaßnahmen zur Verstärkung von Botschaften.

Die Überprüfung der Forschungslage verhältnisbezogener Suchtprävention, die im Rahmen der Entwicklung der internationalen Standards durchgeführt wurde, ergab, dass die Erhöhung des Alkoholpreises mehrere positive Auswirkungen hatte. Sie wirkt sich sowohl auf mäßige als auch auf stark Trinkende aus, einschließlich des starken Alkoholkonsum bei Jugendlichen im Collegealter. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass eine Erhöhung des Preises für Alkohol um nur 10% mit einem Rückgang des Alkoholgebrauchs in der Allgemeinbevölkerung um 7,7% verbunden war. Zusätzlich gingen die höheren Alkoholpreise auch mit einem Rückgang von Gewalt einher.

Schlußendlich zeigte die Evidenz, dass Mehr-Ebenen-Interventionen wirksam waren, wenn sie mehrere Strategien umfassten, wie z.B:

  • Beschränkung des Vertriebs von Tabakerzeugnissen
  • Regulierung der Absatzwege
  • Durchsetzung von Gesetzen die den Substanzzugang von Minderjährigen regulieren
  • Ausbildung und Schulung für (Einzel-)Händler, wenn sie zusammen mit der Einbindung der Kommune durchgeführt werden.

Eine im Zeitraum von 2005 bis 2009 durchgeführte Studie in Norwegen und Finnland , untersuchte die Einstellungen gegenüber der Alkoholpolitik und fand heraus, dass in diesen beiden Ländern die Zustimmung zu restriktiven alkoholpolitischen Maßnahmen zunahm, während verglichen mit Daten aus Nordamerika und Australien die Zustimmung dort zurückging. Die Forscher stellten dabei fest, dass die verstärkte Unterstützung für restriktive Maßnahmen teilweise mit einer Veränderung der Überzeugungen einherging; sowohl bezogen auf die Wirksamkeit solcher Maßnahmen als auch bezogen auf die durch Alkohol verursachte Schäden. Anders ausgedrückt: Eine erhöhte Wahrnehmung der Wirksamkeit von restriktiveren alkoholpolitischen Maßnahmen war mit einem verstärkten Glauben an einen Zusammenhang von Alkoholgebrauch und seinen schädlichen Folgen verbunden. Daher schlugen die Forscher vor, dass ein stärkeres Vertrauen der Bevölkerung in die Wirksamkeit restriktiver Maßnahmen und in die durch Alkoholkonsum verursachten Schäden, die öffentliche Unterstützung für restriktive alkoholpolitische Maßnahmen erhöhen könnte. Diese Überlegungen könnten ein entscheidender Teil einer Agenda sein, die erforderlich ist, um Unterstützung für wirksame Maßnahmen aufzubauen.

Ein weiteres Beispiel einer erfolgreichen politischen Maßnahme ist das öffentliche Rauchverbot in Frankreich. Das Rauchverbot wurde dort im Februar 2007 umgesetzt und gilt für Arbeitsplätze, Einkaufszentren, Flughäfen, Bahnhöfe, Krankenhäuser und Schulen. Im Januar 2008 wurde es auf Bars, Restaurants, Hotels, Casinos und Nachtclubs erweitert. Eine Kohorte von 1500 Rauchern und 500 Nichtrauchern wurde einmal kurz vor der Umsetzung des Verbots befragt (von Dezember 2006 bis Februar 2007), und zweimal (2008 und 2012) nachdem das Verbot umgesetzt worden war. Die Quote der Raucher in den verschiedenen Settings ist zwischen der ersten und der dritten Befragungswelle deutlich zurückgegangen:

  • Restaurants – von 64.7% (Befragungswelle 1) auf 2.3% (Befragungswelle 2) auf 1.4% (Befragungswelle 3)
  • Arbeitsplätze – von 42.6% (Befragungswelle 1) auf 19.3% (Befragungswelle 2) auf 12.8% (Befragungswelle 3)
  • Bars – von 95.9% (Befragungswelle 1) auf 3.7% (Befragungswelle 2) auf 6.6% (Befragungswelle 3)

Die Ergebnisse zeigen, dass politische Strategien zur Schaffung rauchfreier Zonen zu einer erheblichen und nachhaltigen Reduzierung des Tabakrauchens in öffentlichen Räumen führen können und gleichzeitig eine hohe Unterstützung in der Öffentlichkeit finden . Fünf Jahre nach seiner Einführung unterstützten 88 % der Nichtraucher und 78 % der Raucher das Rauchverbot.

Prävention an Orten der Freizeitkultur und des Nachtlebens

Andere Studien haben Präventionsstrategien an Orten der Freizeitkultur wie Bars, Klubs, Restaurants sowie Freiluft- oder speziellen Veranstaltungsorten für Großveranstaltungen, untersucht. Diese Orte bieten einerseits Möglichkeiten für ein soziales Zusammensein und Unterstützung für die lokale Wirtschaft, gleichzeitig aber auch Möglichkeiten für risikoreiche Verhaltensweisen, wie schädlichen Substanzgebrauch, Beteiligung am Straßenverkehr unter Substanzeinfluss und aggressivem Verhalten. Weitere Informationen und Ressourcen zu Fragen rund um das Nachtleben finden Sie auch im Antwortkatalog der EBDD .

Für ein wirksames Handeln auf regionaler Ebene werden vier Grundprinzipien aufgestellt, und zwar: fundierte Kenntnisse über regionale Probleme des Nachtlebens, Engagement für die Schaffung eines sicheren und gesunden Nachtlebens, partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen den wichtigsten regionalen Behörden sowie evidenzbasierten Reaktionen. Wenn Sie mit spezifischen evidenzbasierten Interventionen im Nachtleben nicht vertraut sind, können Sie jederzeit die Healthy Nightlife Toolbox konsultieren (Abbildung 26). Diese Toolbox bietet drei Datenbanken, eine für Interventionen, eine weitere für begleitende Literatur und eine letzte für allgemeine Literatur zur Prävention im Bereich des Nachtlebens.

DB 1

Interventionen

praxiserprobte Maßnahmen

DB 2

Begleitende Literatur

Studien zu Interventionen

DB 3

Allgemeine Literatur

Grundlagen Nachtleben-Prävention

Toolbox

Healthy Nightlife · drei Datenbanken bündeln Evidenz und Praxishilfen

01 Verhaltenskodex

Schriftliche Klubrichtlinien, Verantwortung von Veranstaltenden.

02 Personalschulung

Responsible Beverage Service, Umgang mit Gästen unter Einfluss.

03 Infrastruktur und Außenraum

Beleuchtung, Parkraum, Zugang, Trinkwasser, Rückzugsorte.

04 Partnerschaften

Lizenzbehörden, Polizei, Gesundheitsamt, Klubbetreibende, Kommune.

05 Monitoring und Durchsetzung

Einhaltung von Altersgrenzen und Lizenzauflagen prüfen.

Die Toolbox bündelt Evidenz und Praxishilfen; die fünf Komponenten greifen idealerweise ineinander.

Abbildung 26: Healthy Nightlife Toolbox (Quelle: http://hntinfo.eu)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Im Allgemeinen verwenden die meisten Präventionsmaßnahmen in diesem Umfeld mehrere Komponenten. Dazu zählen beispielsweise die Schulung von Personal2, der Umgang mit Klienten, die unter Substanzeinwirkung stehen sowie Änderungen von Gesetzen und Richtlinien im Zusammenhang mit der Alkoholabgabe an Minderjährige oder betrunkenen Personen oder im Zusammenhang mit Alkohol im Straßenverkehr usw.

Miller et al. haben eine verhältnispräventive Maßnahme vorgeschlagen, um den Substanzgebrauch bei elektronischen Tanzmusik-Events anzugehen (bei denen tendeziell mehr konsumiert wird als bei anderen Arten von Veranstaltungen). Die Strategie besteht aus drei Komponenten und basiert auf ähnlichen Maßnahmen zur Alkoholprävention, die für den Einsatz in Bars konzipiert sind:

  • Mobilisierung
  • Strategien für das externe Umfeld
  • Strategien für das interne Umfeld

Mobilisierung der wichtigsten Akteure – Die Motivation zur Beteiligung und zum Handeln der verschiedenen Mitglieder der Kommune, z.B. der Klubinhaber und -manager, die Polizei oder Alkoholkontrollbehörden, Vertreter des öffentlichen Gesundheitswesens und politischen Entscheidungsträger, ist wichtig, wenn auch oft eine Herausforderung. Es gibt jedoch einige geteilte Beweggründe, die dazu beitragen können, ein gemeinsames Verantwortungsgefühl in der gesamten Kommune zu fördern:

  • Erhalt eines sicheren, rechtskonformen Umfelds für die Klubs und die Kunden, die keine Substanz gebrauchen
  • Erhalt guter Geschäftspraktiken und Einhaltung der Lizenzgesetze für Alkohol;
  • Erinnerung, dass der Gebrauch von Substanzen die Gewinne bei Lebensmitteln und alkoholfreien Getränken mindert.

Die zweite Komponente – konzentriert sich auf die externe physische Umgebung des Klubs, einschließlich Beleuchtung und Parken, und bezieht sich auf Sicherheits- und Schutzmerkmale. Interventionen außerhalb des Klubgeländes umfassen folgende Aspekte:

  • Überwachung des Außenraums rund um den Klub, durch Security- oder Türpersonal (z. B. Parkplätze)
  • Security-Personal am Eingang, um Kunden vor Eintritt in den Klub zu überprüfen
  • Identifikation von Personen die unter Substanzeinfluss stehen
  • Schriftliche Klubrichtlinien, die den Zugang zum Klub einschränken

Strategien für das interne Umfeld – die dritte Komponente – beziehen sich ebenfalls auf Sicherheits- und Schutzmerkmale. Dieser Aspekt der Intervention folgt sehr genau den Maßnahmen zur Alkoholprävention. Das Schulungsangebot des Responsible Beverage Service (verantwortungsvoller Getränkeservice; RBS) zielt darauf ab, dem Servicepersonal eine Reihe von Fähigkeiten zu vermitteln, um alkoholbedingte Beeinträchtigungen zu reduzieren, einschließlich:

  • Überprüfung von Ausweisen, um die Einhaltung von Altersbeschränkungen für Alkohol und anderen Vorschriften sicherzustellen;
  • Förderung von Service-Praktiken, die die Wahrscheinlichkeit eines übermäßigen Gebrauchs verringern;
  • Identifizierung und Reaktion auf frühzeitige Anzeichen von übermäßigem Gebrauch bei Kunden (z.B. schneller Konsum);
  • Identifizierung von betrunkenen Gästen und Weigerung, diese Personen weiterhin zu bedienen
  • Eingreifen, um betrunkene Gäste vom Fahren abzuhalten.

Weitere erforderliche Maßnahmen sind:

  • Schriftliche Klubrichtlinien. Klubs sollten als eine angenehme und sichere Umgebung beworben werden, während sie gleichzeitig eine toleranzfreie Strategie für den illegalen Substanzgebrauch und -handel verfolgen. Dieser Ansatz sollte durch schriftliche interne Richtlinien ausgedrückt werden, die die Handlungsweisen des Personals unterstützen, um Probleme zu erkennen und einzugreifen.
  • Überwachung des physischen Innenraums.
  • Führungs- und Personalmaßnahmen. Sowohl das Personal als auch das Management sollten in der Lage sein, Maßnahmen zur Umsetzung der Klubrichtlinien zu ergreifen. Dazu gehört die Schulung des Personals in der Substanzerkennung und geeigneten Interventionsstrategien, wie z.B. externe verhältnispräventive Maßnahmen. Sowohl das Tür- als auch das Innenpersonal sollten diese Schulung erhalten.

Club Health hat eine Reihe von Standards für lizenzierte Räumlichkeiten, Manager und Promoter entwickelt, die aber auch als Leitfaden für Behörden dienen, welche für die Lizenzierung und Kontrolle von Nachtklubs verantwortlich sind. Sie identifizieren Schlüsselprioritäten der Nachtwirtschaft, um unverantwortliche Alkoholmarketing- und Verkaufsförderung zu beenden, die Sicherheit von Verbrauchern und Mitarbeitern zu gewährleisten und Störfaktoren für die Kommune zu verringern.

Obwohl die Wirksamkeit der Verhältnisprävention unter Alltagsbedingungen durch wissenschaftliche Ergebnisse bekräftigt wird (Abbildung 27), können Hindernisse für die Umsetzung bestehen – wobei es andererseits auch Faktoren gibt, die Verhältnisprävention attraktiver machen (Tabelle 14).

Rubrik Nachtclubs und Bars Festivals und Großveranstaltungen Freiluft- und Events

Überblick

Problemstellungen und typische Gefährdungen im Setting.

Hoher Alkoholkonsum, Drogenexposition, aggressives Verhalten, öffentliche Ordnung, Jugendschutz am Eingang. Zeitlich dichter Konsum, begrenzte Infrastruktur, mediale Reichweite, Mischkonsum und Hitzebelastung. Offene Strukturen, schwer kontrollierbare Zugänge, Alkoholsponsoring bei Sport- und Straßenfesten.

Evidenz

Was zeigt die verfügbare Forschung?

Responsible Beverage Service wirkt, wenn es mit Durchsetzung und Klubrichtlinien kombiniert wird. Mehrkomponentenstrategien (Personal, Umfeld, Recht) reduzieren Schäden; Einzelmaßnahmen bleiben schwach. Belege begrenzt; Preis- und Werberegeln aus dem Nachtleben lassen sich adaptieren, abhängig vom Veranstalter.

Konsequenzen

Hinweise für Politik und Praxis.

Schulung und Klubrichtlinien verbindlich machen, Lizenzauflagen und Ausweiskontrollen konsequent umsetzen. Kommunale Koalitionen aus Ordnungsamt, Polizei, Rettungsdienst und Veranstaltenden; Monitoring von Vorfällen und Auflagen. Frühzeitige Absprachen mit Behörden, Sponsoring-Regeln und öffentliche Informationsangebote für Teilnehmende.

Quelle: Portal für vorbildliche Verfahren, EBDD. Inhalte gekürzt und für die Matrix-Ansicht neu gegliedert.

Abbildung 27: Nachtclubszene, Festivals und andere Freizeitsettings (Quelle: Portal für vorbildliche Verfahren, EBDD)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0
Hindernis Hilfsmittel und Argument
01 Wirtschaftliche Interessen
Tabak- und Alkoholindustrie, Dienstleistungs- und Pharmaunternehmen stellen sich gegen Präventionspolitik.
Mit Daten argumentieren
Setzen Sie auf Studien und Kennzahlen, um das „Argument für die Prävention" sachlich zu formulieren.
02 Evidenz wird übergangen
Interessenvertretende ignorieren evidenzbasierte Ansätze, etwa die von der WHO als „unzureichend genutzt" bezeichnete Tabakbesteuerung.
Erfolgsmodelle übertragen
Nutzen oder adaptieren Sie erfolgreiche Strategien der Tabak- und Alkoholprävention, um sie auf vergleichbare Probleme anzuwenden.
03 Politische Hürden
Gesetzgebung erfordert politischen Sachverstand und das Gewinnen von Interessenvertretenden.
Bündnisse bauen
Finden Sie Unterstützung, indem Sie den Glauben an die Wirksamkeit der vorgeschlagenen Strategie stärken und negative Folgen für Nicht-Konsumierende (z.B. Passivrauchen) sichtbar machen.
04 Individualisierung des Themas
Die Industrie stellt Konsum als individuelle Freiheitsentscheidung dar.
Kollektive Wirkung betonen
Substanzgebrauch ist ein Public-Health-Problem: er trifft Einzelne und die Bevölkerung direkt oder indirekt.

Quelle: EUPC-Manual, Tabelle 14; Inhalte gekürzt und zeilenweise auf Hindernis und passende Gegenstrategie verdichtet.

Tabelle 14: Hindernisse und Hilfsmittel verhältnispräventiver Maßnahmen im NachtlebenNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Fußnoten

  1. http://www.euda.europa.eu/publications/technical-reports/environmental-substance-use-prevention-interventions-in-europe_en

  2. Für Beispiele siehe

Literatur zu diesem Kapitel

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Abschnitt II · Settings

Kapitel 08

Medienbasierte Prävention

Angesichts einer neuen, herausfordernden Krise erscheint eine Medienkampagne auf den ersten Blick oft als naheliegendste Präventionsmethode. Kampagnen werden als Sofortlösung wahrgenommen und sind, anders als Präventionsmaßnahmen in Schulen, Familien oder am Arbeitsplatz, weithin sichtbar. Sie signalisieren den verschiedenen Akteuren, dass „etwas getan wird”. Präventionsfachkräfte wissen jedoch aus diesem Curriculum, dass wirksame Kampagnen anspruchsvoll in der Umsetzung sind und bei der Entwicklung von Präventionsansätzen Zeit und Sorgfalt erfordern.

In diesem Kapitel betrachten wir Erkenntnisse der Präventionsforschung zur wirksamen Kampagnenplanung: Botschaften, die zur Erreichung präventiver Ziele beitragen; Einsichten darüber, wie erfolgreich evaluierte Kampagnen gestaltet wurden; Theorien der Kommunikationsforschung, die Wirkmechanismen erhellen und bei der Konzeption hilfreich sind. Abschließend werfen wir einen genaueren Blick auf Medienkompetenz, die für Präventionsfachkräfte wie für ihre Zielgruppen unerlässlich ist, um Medien kritisch analysieren, bewerten und gestaltend nutzen zu können. Ergänzend geben wir Hinweise, wie Sie als Fachkraft Medien professionell im Dienste der Prävention einsetzen.

Argumente für den Einsatz von Medien in der Prävention

Medien erfüllen viele Funktionen. Sie können dazu beitragen, die gesellschaftliche und politische Agenda zu setzen und damit Präventionsmaßnahmen zu etablieren oder aufrechtzuerhalten. Darüber hinaus nehmen sie eine koordinierende Rolle ein. Mehr-Ebenen-Kampagnen, die verschiedene Akteure und Maßnahmen mit medienwirksamer Kommunikation verbinden, sind oft erfolgreicher als Einzelmaßnahmen, etwa die Einführung von Präventionsprogrammen in Schulen.

Massenmedien haben mehrere Eigenschaften, die sie für die Präventionsarbeit attraktiv machen:

  • Wirtschaftlichkeit und Reichweite: Massenmedienkampagnen erreichen ein großes Publikum bei geringem Kosteneinsatz pro Person.
  • Erreichen der Zielgruppe: Durch die Wahl des Mediums und die Festlegung passender Kriterien lassen sich Zielgruppen gezielt ansprechen.
  • Reaktionsgeschwindigkeit: Präventionsbotschaften können in kürzester Zeit an einen großen Teil der Bevölkerung ausgespielt werden – das ist insbesondere bei neuen oder akuten Problemen wichtig.
  • Unterhaltender Charakter: Erfolgreiche Kampagnen verbinden ihre Botschaft mit Unterhaltung – etwa die Kampagne „Gib AIDS keine Chance”.
  • Einfluss auf Meinungsführer: Medien spielen eine wichtige Rolle bei deren Aufklärung und Ansprache.
  • Einfluss auf die politische Präventionsagenda: Berichterstattung und Kampagnen können Einstellungen der gesellschaftlichen Mehrheit gegenüber Präventionsthemen verändern und Betroffene entstigmatisieren.
  • Koordinierende Funktion: Kampagnen wirken am stärksten, wenn sie mit anderen Präventionsansätzen kombiniert werden (Mehr-Ebenen-Kampagne).
  • Kosteneffektivität: Der Einsatz von Medien in Präventionskampagnen muss nicht kostenintensiv sein. Insbesondere soziale Medien wie Twitter, YouTube, Facebook und Instagram ermöglichen hohe Reichweiten bei geringen Kosten.

Medienwirkungstheorien

Erfolgreiche Kampagnen und andere Maßnahmen beruhen auf einem theoretischen Ansatz, der individuelle Einstellungen, Absichten und Verhaltensweisen – etwa den Gebrauch von Substanzen – erklärt. Solche Theorien schaffen die Voraussetzung, überzeugende Botschaften zu vermitteln: Botschaften, die den Nichtgebrauch bestärken, den weiteren Gebrauch verhindern, zu einer risikoärmeren Handhabung ermutigen oder zur Inanspruchnahme von Behandlungsangeboten motivieren.

Carl Hovlands „Message Learning Theory of Persuasion” hat ebenso wie die „Theorie des geplanten Verhaltens” wesentlich zum Verständnis der Wirkung von Gesundheits- und Risikokommunikation beigetragen. Beide Theorien gehen davon aus, dass Einstellungen erlernt und nicht angeboren sind. Um eine Einstellung zu ändern, muss eine alternative Ansicht erlernt werden, die an die Stelle der bisherigen tritt ; .

Für die Gestaltung von Kampagnen sind einige Grundmerkmale überzeugender Kommunikation zu berücksichtigen :

  • Das „WER” bezieht sich auf die Quelle der Kommunikation. Ihre Überzeugungskraft hängt maßgeblich von der Glaubwürdigkeit ab. Ob eine Quelle als kompetent erlebt wird, entscheidet sich daran, ob die Informationen korrekt sind und ob die Quelle befähigt und berechtigt ist, fundiert Aussagen zu treffen.
  • Das „WAS” bezieht sich auf den Inhalt der Kommunikation, einschließlich der gewählten Wörter und Bilder, die die Botschaft transportieren. Zentrale Fragen zur Qualität: Ist die Information evidenzbasiert? Ist sie relevant – und relevant für die Zielgruppe? Ist sie verständlich aufbereitet?
  • Das „AN WEN” bezieht sich auf die Zielgruppe. Wer eine Kampagne konzipiert, muss wissen, wer für welche Kommunikation empfänglich ist und wie diese Gruppen erreichbar sind. In manchen Fällen werden alle Mitglieder der Gesellschaft adressiert, in anderen spezifische Teilgruppen wie junge Heranwachsende, schwangere Frauen oder ältere Menschen.
  • Das „WIE” betrifft die Art der Übermittlung, den Kontext und feine inhaltliche Variationen der Botschaft sowie das Medium, über das sie übertragen wird. Medium oder Kanal meint die Art und Weise der Übermittlung an die Zielgruppe – etwa im Internet, im Fernsehen, auf Plakaten oder in Zeitungen.
  • Der „EFFEKT” bezieht sich auf die Messung der erzielten Reichweite und Wirkung. Ohne eine belastbare Einschätzung des Effekts bleibt unklar, ob die Überzeugungsbemühungen Erfolg oder Misserfolg hatten.

Bis heute gibt es keine geschlossene Medienwirkungstheorie, die Einflüsse der Medien auf Rezipienten vollständig erklären könnte. Für unsere Einführung in die Thematik orientieren wir uns deshalb am „Modell des Zweistufenflusses der Kommunikation”, das Paul Lazarsfeld und Kollegen 1944 entwickelt haben (Abb. ↓).

Das präventive Potenzial von Medien wird oft überschätzt. Das „Modell des Zweistufenflusses der Kommunikation” hilft, ein realistischeres Verständnis von Medienwirkungen zu gewinnen. Es legt nahe, dass die Wirkung von Medienkampagnen im Vergleich mit direkter Kommunikation von Angesicht zu Angesicht eher gering ist. Daraus lässt sich ableiten, dass sich präventive Medienkampagnen auf die Ansprache von Meinungsführern konzentrieren sollten. Gelingt es, einflussreiche Personen zu überzeugen, verbreiten diese die Information innerhalb ihrer sozialen Bezüge und erreichen damit eher eine Einstellungs- und Verhaltensänderung. Im Hinblick auf Kinder und Jugendliche können das etwa deren Eltern sein. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass der elterliche Einfluss bis ins junge Erwachsenenalter bestehen bleibt – auch wenn Gleichaltrige in der Adoleszenz an Bedeutung gewinnen (z.B. ; ; ).

Wissenschaftlicher Kenntnisstand

Welche Aussagen trifft die Medienwirkungsforschung zu präventiven Kampagnen? Vor allem im Kontext der Gesundheitskommunikation wurde diese Frage intensiv untersucht. Dabei zeigt sich, dass Präventionskampagnen neben intendierten (positiven) Effekten zahlreiche nicht-intendierte (negative) Wirkungen haben können.

Damit stellen sich zwangsläufig ethische Fragen: „Wer entscheidet, ob es richtig ist, diese oder jene Botschaft zu verbreiten, wenn sie eventuell falsch ist und Menschen sogar schaden kann? (…) Wer entscheidet, (…) welche (…) Kampagnen dringender sind und an welche Zielgruppe sie zuerst adressiert werden sollen, wenn dadurch andere Bereiche und Zielgruppen vernachlässigt werden? (…) Sind Angstappelle vertretbar, wenn sie bewusst negative Emotionen beim Adressaten in Kauf nehmen? Und sind schließlich Strategien vertretbar, die Gesundheitsbotschaften vermitteln, ohne die Persuasionsabsicht offenzulegen (Entertainment-Education)?” .

Die geringe Zahl aussagekräftiger und belastbarer Untersuchungen hat zwei Gründe: methodische Herausforderungen einerseits und die verbreitete Praxis andererseits, Kampagnen weder theoretisch zu fundieren noch zu evaluieren. Trotz dieses Lagebildes liegt empirisch fundiertes Wissen darüber vor, wie präventive Botschaften formuliert werden sollten, um positive Wirkungen zu erzielen.

Die „Internationalen Standards zur Prävention des Drogenkonsums” fassen folgende Merkmale wirksamer Präventionskampagnen zusammen – sie sind auch auf andere Handlungsfelder übertragbar:

  • Die Zielgruppe ist genau zu definieren; die Inhalte müssen auf sie abgestimmt sein.
  • Wirksame Massenmedienkampagnen basieren auf einer soliden theoretischen Grundlage.
  • Inhalte werden auf Grundlage formativer Forschung entworfen: Botschaften und Materialien sind mit Vertretern der Zielgruppe zu prüfen, bevor die Kampagne veröffentlicht wird.
  • Verknüpfung mit anderen Präventionsmaßnahmen (Mehr-Ebenen-Kampagne).
  • Die Kampagne ist nicht kurzfristig angelegt, sondern den Zielen und der Zielgruppe angemessen dimensioniert.
  • Die Kampagne wird systematisch evaluiert.
  • Kampagnen, die auf Kinder und Jugendliche zielen, adressieren zugleich deren Eltern als Zielgruppe.
  • Die Kampagne verfolgt das Ziel, soziale Normen zu beeinflussen.

Aufschlussreich ist auch der Blick auf Merkmale unwirksamer oder sogar schädlicher Medienkampagnen:

  • Fehlender Fokus auf die Determinanten des zu verändernden Verhaltens. Einfache Verhaltensappelle, Schreckbotschaften oder die einseitige Betonung von Risiken können negative Reaktionen hervorrufen – insbesondere, wenn sie übertrieben dargestellt werden und nicht den Alltagserfahrungen der Zielgruppe entsprechen. Das Vertrauen in den Absender der Kampagne wird dadurch untergraben.
  • Übertreibung. Gerade Jugendliche reagieren auf überzogene Abschreckungsbotschaften (etwa Bilder von Verstorbenen) häufig ablehnend. Solche Darstellungen wirken meist zu extrem und schaden eher, als dass sie nützen; zudem vermitteln sie keinerlei Hinweise darauf, wie man sich schützen kann.
  • Die Kommunikationsforschung zeigt: Botschaften, die bei Zielgruppen zu viel Angst auslösen, rücken das Angstgefühl und nicht das gewarnte Verhalten in den Vordergrund. Empfänger können die Botschaft dann ignorieren und sich auf das Verhalten einlassen, vor dem sie gewarnt werden, um sich selbst (und dem Kommunikator) zu zeigen, dass sie die „Kontrolle” behalten und ihnen kein Schaden entsteht. Dennoch ist es sinnvoll, die Risikowahrnehmung zu beeinflussen, um zur Verhaltensänderung zu motivieren.

Zeigten die oben beschriebenen Merkmale unwirksamer Kampagnen überhaupt Wirkung, dann nur kurzzeitig und bei Zielgruppen, für die das Thema nicht relevant war.

Stufe 1 Medienbotschaft

Medien

Presse, Rundfunk, digitale Plattformen

Stufe 2 Persönliche Kommunikation
Meinungsführer A
Meinungsführer B
Meinungsführer C
Rezeption Allgemeine Bevölkerung
Person 1
Person 2
Person 3
Person 4
Person 5
Person 6

Restliche direkte Wirkung der Medien auf die Bevölkerung bleibt bestehen, ist aber vergleichsweise gering.

Mediale Botschaften erreichen die Bevölkerung überwiegend vermittelt über Meinungsführer im sozialen Nahfeld.

Abbildung 28: Modell des Zweistufenflusses der Kommunikation (Lazarsfeld, 1944)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Die Evidenz ist eindeutig: Im Zweifel sollte – angesichts des realen Risikos von Negativwirkungen – auf eine Medienkampagne verzichtet werden, sofern nicht genügend Zeit und Ressourcen für Konzeption und Erprobung zur Verfügung stehen (; ; ; ).

Soziale Medien und Streamingdienste haben verändert, wo und wie Menschen Medien nutzen. Sie sind nicht länger passive Konsumenten eines begrenzten Programms, sondern übernehmen selbst Verantwortung für Auswahl und ethische Nutzung, einschließlich Erstellen, Teilen und Kommentieren von Medieninhalten – was Medienkompetenz voraussetzt . Medienkompetenz ist laut Bergsma und Carney (2008) eine wichtige Alternative zur Zensur oder einer anderweitigen inhaltlichen Einschränkung von Medien und Medieninhalten. In der wissenschaftlichen Debatte über den Einfluss von Medien auf Einstellungen und Verhaltensweisen besteht weitgehender Konsens darüber, dass die Förderung von Medienkompetenz notwendig ist. Meinungsunterschiede bestehen im Wesentlichen zu Form und Inhalt der dafür notwendigen Bildungsarbeit.

Bergsma und Carney (2008) definieren Medienkompetenz als „die Fähigkeit, auf Medien zuzugreifen, sie zu analysieren, auszuwerten und in verschiedenen Formen zu gestalten” (S. 523). In den USA formuliert die National Association for Media Literacy Education (NAMLE, 2010) einige Grundprinzipien der Medienkompetenzbildung, die sich übertragen lassen:

  • Medienkompetenzbildung erfordert aktives Hinterfragen und kritisches Nachdenken über die Botschaften, die wir empfangen und erstellen.
  • Sie erweitert das Konzept der Literarität (Fähigkeit zu lesen und zu schreiben) auf alle Arten von Medien.
  • Sie zielt auf die Entwicklung von Fähigkeiten bei Lernenden jeden Alters. Wie das Lesen von Text erfordert der Erwerb von Medienkompetenz integrierte, interaktive und wiederholte Übung.
  • Sie trägt dazu bei, informierte, reflektierte und engagierte Menschen hervorzubringen, die für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar sind.
  • Sie erkennt an, dass Medien Teil der Kultur sind und als Sozialisationsinstanzen wirken.
  • Sie bekräftigt, dass Menschen ihre individuellen Fähigkeiten, Überzeugungen und Erfahrungen nutzen, um aus Medienbotschaften eigene Bedeutungen zu konstruieren.

Die NAMLE hat außerdem Inhalte, Konzepte und Fähigkeiten für die Medienkompetenzbildung formuliert, die auch für Europa und andere Weltregionen relevant sind:

  • Alle Medienbotschaften sind „konstruiert”. Vermittelt werden soll, inwiefern sich Medieninhalte von der Wirklichkeit unterscheiden; das Gezeigte ist zu bewerten, mit realen Lebenserfahrungen abzugleichen und auf seine Urheber hin zu befragen.
  • Medienbotschaften entstehen in einer kreativen Sprache, die eigenen Regeln folgt. Deshalb geht es darum, Werbung und Produktionstechniken erkennen zu können und selbst Medienbotschaften gestalten zu lernen.
  • Verschiedene Menschen nehmen dieselbe Botschaft unterschiedlich wahr. Bildungsmaßnahmen beschäftigen sich damit, wie Medien Menschen beeinflussen, wie sich negative Medienwirkungen vermeiden lassen und wie man selbst gestaltend auf Medien einwirken kann.
  • Medien transportieren Werte und Sichtweisen. Medienkompetenzbildung lehrt, Stereotypen, Mythen, Verzerrungen, Werte, Lebensstile und Standpunkte zu identifizieren, die in Medienbotschaften dargestellt oder ausgelassen werden.
  • Die meisten Medienbotschaften zielen auf Gewinn oder Macht. Medienkompetenzbildung macht den Zweck von Werbung und Marketingstrategien deutlich und ermutigt zu Skepsis sowie zur Gestaltung eigener Gegenbotschaften.

Wie bei anderen in diesem Curriculum diskutierten Präventionsansätzen gewinnt die Medienkompetenzbildung für alle Altersgruppen und Settings an Bedeutung. Junge Menschen verfügen oft über eine größere Anwendungskompetenz für neue Medien als ältere Generationen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie zugleich Medienkompetenz im eigentlichen Sinn entwickelt haben – die Fähigkeit, Inhalte und Quellen kritisch zu beurteilen und einzuordnen. Umgekehrt können ältere Generationen wichtige Beiträge zur Sicherheit junger Menschen im Internet leisten, fühlen sich aber von jugendorientierten Technologien und Plattformen oft ausgeschlossen. Es kann deshalb hilfreich sein, digitale Brücken zwischen den Generationen zu bauen, damit Fähigkeiten und Einsichten wechselseitig geteilt werden.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Werden bestehendes Wissen und – vor allem – das Zusammenspiel mit anderen Maßnahmen berücksichtigt, können Massenmedienkampagnen einen wertvollen Beitrag zur Erreichung präventiver Ziele leisten. Unerwünschte Wirkungen sind dabei stets mitzudenken. Ein risikoarmer und zugleich vielversprechender Einsatz von Medien ist das Anstoßen öffentlicher Debatten über Notwendigkeit und Stellenwert von Prävention sowie die Bildung und Koordinierung von Bündnissen.

Wie Medien in der Präventionspraxis eingesetzt werden sollten

Beim Einsatz von Medien in der Präventionsarbeit sind einige wesentliche Prinzipien zu beachten. Ein Beispiel dafür sind die vom Club Health Network1 veröffentlichten Medienrichtlinien für das Nachtleben. Sie benennen zentrale Aspekte für die Arbeit mit Massenmedien:

  • Setzen Sie klare Prioritäten in Bezug auf die Ziele und unterscheiden Sie zwischen Maßnahmen vor Ort und öffentlicher Debatte.
  • Greifen Sie andere Standpunkte vorwegnehmend auf oder beziehen Sie sie in die Kommunikation ein. Verschiedene Perspektiven sind für die Einführung oder Ablehnung einer strategischen Maßnahme wichtig.
  • Behalten Sie neben sicherheits- und rechtsbezogenen Fragen immer auch die öffentliche Gesundheit im Blick.
  • Erstellen Sie eine gute, gut zusammenfassbare Pressemitteilung:
    • Bringen Sie die Kernaussage auf einer Seite auf den Punkt. Bei Bedarf kann mehr als eine Pressemitteilung herausgegeben werden.
    • Halten Sie die Pressemitteilung schlicht: sparsam mit Adjektiven, ohne ausgefallene Sprache und ohne Fachjargon; nutzen Sie ein einfaches Layout.
    • Beantworten Sie mindestens drei der klassischen fünf W-Fragen (Wer, Was, Wann, Wo, Warum) in der Überschrift.
    • Verwenden Sie nach Möglichkeit Zitate und Statistiken.
    • Stellen Sie wesentliche Informationen zur Organisation bereit und fügen Sie Kontaktdaten hinzu.
    • Verlinken Sie auf weiterführende Ressourcen und Hilfsmittel.
    • Halten Sie einen Überblick über Ihr Fachwissen und Ihre Kompetenzen, idealerweise mit einer kurzen Biografie, bereit.
    • Bewerben Sie die Veröffentlichung online.
  • Benennen Sie eine Person als Ansprechpartner der Institution, die im Nachtleben Glaubwürdigkeit genießt und für regionale wie nationale Medien erreichbar ist.
  • Halten Sie Ihre Online-Texte kurz und verständlich.
  • Bleiben Sie über Entwicklungen im Nachtleben auf dem Laufenden, damit Ihre Botschaften aktuell wirken.
  • Rechnen Sie mit Journalistinnen und Journalisten, die spektakuläre Informationen suchen und dabei Ihre Partner im Nachtleben in Schwierigkeiten bringen könnten.
  • Respektieren Sie die journalistische Integrität, erbitten Sie aber nach Möglichkeit eine Vorabprüfung von Artikeln, die aus Ihrer Medienarbeit hervorgehen. So stellen Sie sicher, dass Sie nicht falsch zitiert werden und dass Ihre Aussagen oder Pressemitteilungen nicht aus dem Zusammenhang gerissen werden.

Wer diese Hinweise berücksichtigt, kann die öffentliche Debatte und Meinungsbildung zu Prävention oder Substanzgebrauch wirksam mitgestalten – und erreicht auf diesem Weg eine große Reichweite, ohne eine umfassende Massenmedienkampagne zur Suchtprävention starten zu müssen.

Fußnoten

  1. http://newip.safernightlife.org/pdfs/digital_library/Media_influence_guidelines.pdf. For more information, visit the Club Health website: www.clubhealth.eu

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Abschnitt II · Settings

Kapitel 09

Prävention im Setting Kommune

Um die breitere Öffentlichkeit zu erreichen und eine nachweisbare Wirkung auf Ebene der Gesellschaft zu erzielen, sollten Interventionen mit einem signifikanten Teil der Bevölkerung durchgeführt werden und darüber hinaus speziell auf schwer erreichbare und besonders vulnerable Personengruppen ausgerichtet sein. Ein solches Ziel erfordert die Umsetzung einer Vielzahl von Präventionsmaßnahmen.

Unabhängig davon, ob eine oder mehrere Präventionsmaßnahmen durchgeführt werden, muss ein geeignetes Umsetzungssystem oder eine entsprechende Infrastruktur geschaffen werden. Diese wird benötigt, um ausreichend Ressourcen zu mobilisieren, öffentliche Unterstützung zu gewinnen und die notwendige Umsetzungsqualität über einen langen Zeitraum aufrechtzuerhalten.

In diesem Kapitel werden grundlegende Konzepte definiert, die für den Aufbau wissenschaftsbasierter Präventionssysteme erforderlich sind. Als Beispiel für ein evaluiertes und in Deutschland breit verfügbares Gesamtkonzept wird Communities That Care vorgestellt.

Definitionen

In diesem Curriculum betrachten wir „Kommunen” als einen Kontext, in dem wirksame Präventionssysteme entwickelt und implementiert werden können. Die Kommune bildet ein besonders geeignetes Setting für evidenzbasierte Prävention, da sie als Lebensort eine hohe gesundheitliche Relevanz für die dort lebenden Menschen hat und alle Menschen, insbesondere sozial benachteiligte und gesundheitlich belastete, hier in ihren alltäglichen Lebenszusammenhängen erreicht werden können.

„Als übergreifendes Setting umfasst die Kommune auch die Lebenswelten des Lernens (Kindertagesstätten und Schulen), des Arbeitens und der Freizeitgestaltung (zivilgesellschaftliche Einrichtungen, wie z. B. Sportvereine, Jugendhäuser, Eltern-, Arbeitslosen- und Seniorentreffs). In der Kommune werden auch solche Zielgruppen erreicht, die über die Einrichtungen wie Kita, Schule, Betrieb in der Regel nicht erreicht werden, z. B. Arbeitslose, pflegende Angehörige und ältere Menschen” .

Die in diesem Kapitel beschriebenen Ansatzpunkte für Prävention können sich auf ganze Kommunen (Städte, Landkreise, Gemeinden), Teile davon (z. B. Stadtteile) oder den ländlichen Raum (Landkreise) beziehen.

Mehrkomponentige Ansätze kombinieren mehrere Interventionen mit unterschiedlichen Ansatzpunkten und Zielsetzungen, um alle Personen innerhalb einer Kommune vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen Lernstrategie positiv zu beeinflussen (Abbildung 29). Der Einbezug von Medien zur Vermittlung präventiver Botschaften oder zur Unterstützung der Umsetzung kann auf kommunaler Ebene eine wichtige Rolle spielen. Auch hier ist es wichtig, sich auf Maßnahmen zu konzentrieren, die sich als wirksam erwiesen haben. Zielgerichtet eingesetzt können Medien ein sehr wirksames Präventionsinstrument sein.

Bildung Kitas, Schulen, Jugendarbeit
Verwaltung Jugendamt, Gesundheitsamt
Familie Elternarbeit, Frühe Hilfen
Sicherheit Polizei, Ordnungsamt
Kommune
Religion Gemeinden, Seelsorge
Wirtschaft Einzelhandel, Gastronomie

Lesart

Die Kommune ist Knotenpunkt. Evidenzbasierte Prävention greift über alle sechs Sektoren zugleich: Bildung, Verwaltung, Familie, Religion, Wirtschaft, Sicherheit.

Rahmen

Trägerschaft kollektiv. Keine Einzelentscheidung.

Kommunale Prävention wirkt dann, wenn mehrere Sektoren zeitgleich mitgestalten.

Abbildung 29: Ansatzpunkte für kommunale Prävention (Sechs-Sektoren-Rad um KOMMUNE: Bildung, Verwaltung, Familie, Religion, Wirtschaft, Sicherheit)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Communities That Care

Im internationalen Umfeld gibt es mehrere evaluierte kommunale Rahmenkonzepte, etwa „Project Northland”, „STAD”, „PROSPER” und „Communities That Care (CTC)”. Da in der Bundesrepublik Deutschland ausschließlich CTC verfügbar ist, konzentrieren wir uns in diesem Abschnitt darauf.

„Communities That Care” ist eine Rahmenstrategie zur Organisation einer wirksamen entwicklungsorientierten Prävention auf kommunaler Ebene. Dabei werden begrenzte Ressourcen auf die relevantesten Verhaltensprobleme, die bedeutsamsten Faktoren und die wirksamsten Handlungsansätze konzentriert.

CTC wurde in den USA von der Social Development Research Group (SDRG) entwickelt und über 30 Jahre lang beforscht. Aus den international vorliegenden Langzeitstudien über die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen stellte die SDRG eine Liste relevanter Risiko- und Schutzfaktoren zusammen, die für kommunale Rahmenstrategien entscheidend sind.

Den häufigsten Problemverhaltensweisen von Jugendlichen liegen demnach keine unterschiedlichen, sondern dieselben Risikofaktoren in unterschiedlicher Kombination zugrunde.

Die Risiko- und Schutzfaktoren in einem Verwaltungsgebiet werden anhand einer standardisierten Befragung der Schülerschaft zwischen 12 und 18 Jahren an weiterführenden Schulen erhoben, die im Abstand von einigen Jahren zur kontinuierlichen Weiterentwicklung der Präventionsstrategie (Aktionsplan) durchgeführt wird. Ausgehend von den Befragungsergebnissen werden die verschiedenen Dimensionen jugendlichen Problemverhaltens und deren Bedingungsfaktoren aufgelistet und zwischen den befragten Schulen verglichen. Anschließend wird die Ermittlung der lokalen Probleme und Ursachen anhand weiterer bereits vorhandener Datenquellen fortgesetzt, um ein genaues Lagebild zu bestimmen.

Die Akteure werden dadurch in die Lage versetzt, die relevantesten Risiko- und Schutzfaktoren zu bestimmen und gegebenenfalls geografische Schwerpunkte für die Präventionsarbeit zu setzen. Die Präventionsarbeit wird in den Folgejahren auf die priorisierten Faktoren konzentriert.

Bereits bestehende Präventionsangebote werden im Rahmen einer Stärkenanalyse mit dem ermittelten Bedarf abgeglichen und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit aus präventionswissenschaftlicher Sicht überprüft. Ein anschließend erstellter Aktionsplan legt Ziele zur Verringerung von Problemverhalten, der Reduzierung von Risikofaktoren und Erhöhung von Schutzfaktoren fest und definiert die hierzu einzuführenden Maßnahmen, die aus der „Grünen Liste Prävention” entnommen werden sollen. Diese listet wissenschaftlich fundierte Präventionsprogramme gemäß ihrer Wirksamkeit. Programme können darin speziell gemäß der von ihnen adressierten Risiko- und Schutzfaktoren recherchiert werden.

Die lokalen Aktionspläne können durch die Abstimmung auf die priorisierten Faktoren und durch die Orientierung an Qualitätsstandards auch die Verbesserung der bestehenden Angebotsstruktur zum Ziel haben.

CTC besteht aus fünf Phasen (Abbildung 30), die sequenziell durchlaufen werden und aufeinander aufbauen:

  • Phase 1: Bereitschaft, Voraussetzungen und Rahmenbedingungen klären: Alle an der Prävention vor Ort beteiligten Akteure werden in den Prozess eingebunden, um eine gemeinsame Strategie mit definierten Handlungsschwerpunkten zu entwickeln.
  • Phase 2: Organisationsstrukturen einrichten: Eine kommunale Lenkungsgruppe wird eingerichtet oder ein bestehendes Lenkungsgremium wird dazu benannt und zu einem Vor-Ort-Gebietsteam der lokalen Akteure eingeladen.
  • Phase 3: Datengestütztes Gebietsprofil erstellen: Messung der Risiko- und Schutzfaktoren durch eine repräsentative Befragung von Jugendlichen (CTC-Schülerbefragung) und weitere lokale Sekundärdaten; Auswahl der zwei bis fünf wichtigsten Faktoren für die weitere Arbeit; Analyse des bestehenden Präventionsangebotes auf Lücken und Überschneidungen in Bezug auf die ausgewählten Faktoren.
  • Phase 4: Aktionsplan erstellen mit mess- und überprüfbaren Zielstellungen für bestehende oder neu einzuführende Programme, für die priorisierten Risiko- und Schutzfaktoren und die zu verringernden Problemverhalten.
  • Phase 5: Umsetzung des Aktionsplans: Einführung neuer beziehungsweise Umsteuerung bestehender Angebote mit Prüfung der Umsetzungsqualität. Fortschritte und der mögliche Bedarf an Nachsteuerung sind messbar durch die Wiederholung der Schülerbefragung alle zwei bis drei Jahre.
Phase 1 CTC vorbereiten

Bereitschaft und Voraussetzungen klären.

Phase 2 Strukturen schaffen

Lenkungsgruppe und Gebietsteam.

Phase 3 Gebietsprofil erstellen

CTC-Survey und Priorisierung von zwei bis fünf Faktoren.

Phase 4 Aktionsplan erstellen

Messbare Ziele je Risikofaktor.

Phase 5 Umsetzen und Evaluieren

Befragung alle zwei bis drei Jahre.

zurück zu
Phase 1

CTC

datengestützte Koalitionsarbeit

Dauer

  • Phasen 1 bis 4: rund 1,5 Jahre
  • Phase 5: fortlaufend

Werkzeuge

  • Schülerbefragung (12 bis 18)
  • Sekundärdaten
  • Grüne Liste Prävention

Trägerschaft

Kommunale Lenkungsgruppe; Unterstützung durch zertifizierte Trainer.

Die Phasen werden sequenziell durchlaufen; Phase 5 hält den Zyklus als Monitoring lebendig.

Abbildung 30: Communities That Care – fünfphasiger Zyklus (Vorbereiten, Strukturen schaffen, Gebietsprofil erstellen, Aktionsplan erstellen, Umsetzen & Evaluieren)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Der Prozess dauert ca. 1,5 Jahre bis zum Ende von Phase 4. Die Phase 5 und die Fortführung von CTC als Monitoring- und Evaluationsinstrument (z. B. zyklischer Prozess mit Wiederholung der Schülerbefragung) ist zeitlich nicht begrenzt. Kommunen erhalten bei der Einführung Unterstützung durch zertifizierte Trainerinnen und Trainer, die das nötige Wissen für die Ein- und Durchführung von CTC vermitteln.

Aufbau eines effektiven kommunalen Netzwerkes

Effektiv arbeitende kommunale Netzwerke tragen zum Erfolg von Präventionsbemühungen bei, indem sie viele Einzelpersonen und deren Fähigkeiten, Erfahrungen sowie persönliche und berufliche Kontakte einbinden. Darüber hinaus sorgen sie für Nachhaltigkeit, da sie die Abhängigkeit von Einzelpersonen verringern.

Das Konzept der Zusammenarbeit im Kollegium ist nichts Neues. Es ist jedoch einfacher gesagt als getan, ein schlagkräftiges Gremium aufzubauen und sicherzustellen, dass die Mitglieder engagiert und gut zusammenarbeiten. Mehrere Faktoren können den Erfolg kommunaler Netzwerke beeinträchtigen: etwa unklare oder fehlende Ziele, mangelnde Fokussierung, unklare Erwartungen, schwache Leitung, Treffen mit wenig oder keiner Rückmeldung zum Erfolg oder Misserfolg der gemeinsamen Arbeit, Unterrepräsentation der Zielgruppe sowie Konflikte zwischen Mitgliedern in Bezug auf widersprüchliche Vorhaben.

Neben den potenziellen Konfliktfeldern innerhalb des Gremiums sind auf kommunaler Ebene weitere Herausforderungen zu bewältigen. So muss der Eigenwilligkeit der Lokalpolitik ebenso wie der Knappheit an Ressourcen und Infrastruktur begegnet werden. Es kann vorkommen, dass Mittel nur kurzfristig oder unregelmäßig zur Verfügung stehen oder Vorhaben im letzten Moment verworfen oder geändert werden. Um ein Präventionskonzept langfristig aufrechtzuerhalten, braucht es daher eine Strategie zur Mittelakquise sowie zur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Die meisten evidenzbasierten Maßnahmen binden diese Art von Umsetzungs- und Strukturwissen nicht in ihre Materialien und Fortbildungen ein.

Bei der Bildung eines Gremiums ist es folglich wichtig, gemeinsam über die ideale Zusammensetzung nachzudenken. Wichtige Organisationen innerhalb der Kommune sollten vertreten sein, insbesondere wenn sie Zugang zu potenziellen Zielgruppen haben. Es kann auch hilfreich und sinnvoll sein, Vertreterinnen und Vertreter der Zielgruppen einzuladen und an der Bedarfsbestimmung und Maßnahmenplanung zu beteiligen. Das Gremium sollte über ein breit gefächertes berufliches und soziales Netzwerk verfügen. Da es sich um eine Arbeitsgemeinschaft handelt, sollte die Gruppengröße jedoch begrenzt bleiben, damit das Gremium handlungsfähig ist.

Effektive Gremien haben für die einzelnen Mitglieder klar definierte Rollen, die es ihnen erlauben, ihre Stärken und persönlichen Fähigkeiten bestmöglich einzubringen.

Mobilisierung von Ressourcen und Erhöhung von Kapazität

Rahmenkonzepte wie CTC oder die EDPQS helfen dabei, Stärken und Ressourcen einer Kommune zu identifizieren. Um identifizierte Ressourcen zu nutzen, müssen zunächst Beziehungen aufgebaut werden. Die Art der Beziehungsgestaltung hängt von der konkreten Zielsetzung ab. Geht es z. B. darum, die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Trägerorganisationen zu verbessern, sollen Teilnehmende für ein freiwilliges Angebot gewonnen werden oder ist das Ziel, die Bevölkerung für Präventionsthemen zu sensibilisieren?

Folgende Aspekte können bei der Mobilisierung von Ressourcen hilfreich sein:

  • Identifizieren Sie Knotenpunkte der Kommune. Knotenpunkte sind kommunale Orte, an denen sich Menschen auf natürliche Weise versammeln, etwa das Gemeindezentrum oder die Räume einer gut erreichbaren Präventionseinrichtung.
  • Seien Sie kreativ, wenn es darum geht, Menschen einzubeziehen. Bieten Sie Einzelnen eine Vielzahl von Möglichkeiten an, sich zu engagieren. Diese Möglichkeiten sollten den Interessen und Fähigkeiten der Einzelnen entsprechen und für sie geeignet sein.
  • Unterstützen Sie diejenigen, die die treibende Kraft für die kommunale Arbeit sind. In jeder Kommune gibt es Menschen, die gut darin sind, Einzelpersonen für eine Sache zu begeistern und zusammenzubringen. Arbeiten Sie mit ihnen zusammen.
  • Bieten Sie Möglichkeiten zur Übernahme kurzfristiger oder spezifischer Aufgaben an. Einige Personen sind nicht in der Lage oder willens, sich für ein langfristiges Engagement zu verpflichten. Sie können durch ihre Einsatzbereitschaft, unvereinbare Arbeitszeiten oder persönliche Verpflichtungen eingeschränkt sein. Anstatt dieses große Reservoir an Ressourcen ungenutzt zu lassen, ist es wichtig zu überlegen, welche Aufgaben sehr spezifisch sind und innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens abgeschlossen werden können.

Wenn Ressourcen begrenzt sind, ist es umso wichtiger, sie wirksam einzusetzen. Halten Sie deshalb Ausschau nach Gelegenheiten für Synergieeffekte. Überlegen Sie, wie sich der gesellschaftliche Auftrag verschiedener Institutionen mit den Zielen der lokalen Präventionskoalition verknüpfen lässt, und identifizieren Sie mögliche Vorteile einer Zusammenarbeit.

Literatur zu diesem Kapitel

  1. 1.GKV-Spitzenverband (2018).Leitfaden Prävention – Handlungsfelder und Kriterien nach § 20 Abs. 2 SGB VGKV-Spitzenverband, Berlin (S. 85).

Abschnitt II · Settings

Kapitel 10

Advocacy für Prävention

Die politische Entscheidungsfindung dahingehend zu beeinflussen, Prävention und Entwicklungsförderung zu priorisieren, oder Entscheidungsträger davon zu überzeugen, die Umsetzung von Präventionskonzepten zu unterstützen, ist nicht unkompliziert. Dies zu erreichen, erfordert in der Regel ein koordiniertes Vorgehen, das im Public-Health-Diskurs als „Advocacy” bezeichnet wird. Die Triangle Research Group beschreibt Advocacy als „politischen Prozess einer Person oder Gruppe, der darauf abzielt, Entscheidungen über die öffentliche Ordnung und Ressourcenzuteilung innerhalb politischer und sozialer Systeme und Institutionen zu beeinflussen” (S. 14).

Wissenschaftsbasierte Advocacy-Strategien beruhen stets auf einer „Theory of Change”, die erklärt, wie politische Veränderungsprozesse beeinflusst werden können1.

Die gewählten Maßnahmen sind vielfältig und hängen von Ressourcen, Netzwerk und politischem Klima ab. Advocacy ist einerseits eine eigenständige Aktivität, kann aber auch Bestandteil einer komplexen Präventionsmaßnahme sein .

Für eine wirksame politische Advocacy schlagen Mercer et al. folgende Schritte vor:

  • klare Darstellung der Zusammenhänge zwischen Gesundheitsproblemen, Maßnahmen und Ergebnissen;
  • systematische Bewertung und Zusammenfassung der Ergebnisse;
  • Einsetzen einer vertrauenswürdigen Fachgruppe und eines sorgfältigen Verfahrens zur Bewertung der Evidenz;
  • Einbeziehung der wichtigsten Partner und Beteiligten bei der Erstellung und Verbreitung der Ergebnisse und Empfehlungen;
  • personalisierte, zielgerichtete und überzeugende Verbreitung der Ergebnisse und Empfehlungen;
  • Einbeziehung mehrerer Akteure bei der Förderung der Einführung und Einhaltung politischer Empfehlungen;
  • Berücksichtigung der Nachhaltigkeit.

Allerdings deuten Ergebnisse aus Studien über Präventionssysteme darauf hin, dass nicht immer ein klarer Zusammenhang zwischen den von Mercer beschriebenen Schritten und Veränderungen oder der Priorisierung politischer Präventionsstrategien oder -programme besteht. Daher ist es wichtig, realistisch einzuschätzen, was allein durch Advocacy erreicht werden kann, und Lehren aus den Einblicken in politische Entscheidungsprozesse zu ziehen. Cairney beschreibt etwa, wie politische Entscheidungsprozesse für Außenstehende oft irrational und komplex erscheinen. Bei der Entscheidungsfindung vertreten Entscheidungsträger häufig eine andere Auffassung davon, was relevante und nützliche Evidenz ist. Während Präventionsfachkräfte und Befürworter einer evidenzbasierten Prävention die Evidenz aus strengen wissenschaftlichen Studien und Übersichtsarbeiten als rationale Entscheidungsgrundlage heranziehen, steht diese für Entscheidungsträger oftmals gleichrangig neben anderen Quellen von „Evidenz” und Überlegungen: Rückmeldungen aus öffentlichen Konsultationen, öffentliche Meinung und Werte, Hinweise vertrauenswürdiger Kolleginnen und Kollegen, politische Programme und Selbstverpflichtungen sowie die eigene berufliche Laufbahn und Erfahrung. Zwar verfügen einige Entscheidungsträger über ein gutes Verständnis von Prävention und der Notwendigkeit, diese faktengestützt zu gestalten; es ist jedoch ungewöhnlich, dass höherrangige Führungskräfte denselben Grad an Bewusstsein oder auch nur Interesse für solche Fragen aufweisen. Auch höherrangige Entscheidungsträger müssen im Konsens handeln, was oft bedeutet, die Anforderungen und Erwartungen mehrerer konkurrierender Interessen in Einklang zu bringen. Dabei geht es nicht nur um einen fachlichen Konsens, sondern auch um den Ausgleich von Interessen innerhalb des politischen Systems – etwa bei der Konkurrenz um Posten oder der Verteilung begrenzter Ressourcen.

Die Diskussion dieser Herausforderungen soll nicht entmutigen. Nur durch ein vertieftes Verständnis der realen Gegebenheiten im Entscheidungsprozess lassen sich Ergebnisse verbessern, Kernpunkte identifizieren und Frustrationen verringern, wenn Entscheidungsträger „einfach nicht zuhören”. Cairney schlägt etwa vor, dass Befürworter von Prävention nicht nur Lösungen für gesellschaftliche Probleme – wie die Umsetzung von Präventionsprogrammen – präsentieren, sondern auch daran arbeiten, das Bewusstsein für diese Probleme zu schärfen und Entscheidungsträgern Gründe für deren Priorisierung aufzuzeigen. Befürworter sollten außerdem in der Lage sein, vorgefertigte evidenzbasierte Antworten auf diese Probleme bereitzuhalten, sobald Aufmerksamkeit entsteht; diese müssen sowohl konkret als auch fachlich und politisch umsetzbar sein. Sobald die Aufmerksamkeit geweckt ist und Entscheidungsträger einen Anlass zum Handeln haben, müssen Befürworter zügig reagieren, denn „Gelegenheitsfenster” sind in einem günstigen politischen Umfeld häufig selten und kurz. Wird beispielsweise eine Kommune durch den gewaltbedingten Tod einer prominenten Person zum Handeln bewegt, müssen Befürworter evidenzbasierter Prävention bereit sein, schnell zu handeln, bevor sich das Zeitfenster schließt oder andere, nicht evidenzbasierte Ansätze priorisiert werden. Kritiker konzentrieren sich häufig auf Schwachstellen neuer Konzepte, insbesondere wenn diese den Status quo verändern. Befürworter einer bestimmten Strategie sollten deshalb eine kritische Selbstprüfung vorgenommen haben und die Schwächen und möglichen Kritikpunkte ihres Ansatzes kennen.

Erfolgreiche Advocacy-Ansätze verbinden in der Regel relevante wissenschaftliche Erkenntnisse mit emotional geprägten Appellen, die einer Geschichte einen „menschlichen Anstrich” verleihen. Sie rahmen Lösungen so, dass sie mit den politischen und persönlichen Überzeugungen der Entscheidungsträger übereinstimmen. Es ist unwahrscheinlich, erfolgreich zu sein, wenn Interessengruppen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen überhäuft werden in der Hoffnung, dass sie ihre Meinung ändern und ihre Unterstützung verstärken. Nötig ist vielmehr, die Problemwahrnehmung der politisch Handelnden zu beeinflussen und präzise Evidenz vorzulegen, um diese Sichtweise zu fundieren. Zu bedenken ist zudem, dass Präventionsfachkräfte oder andere Fachleute zwar über ausgezeichnete Kenntnisse darüber verfügen, wie gesundheitliche oder soziale Folgen für die Gesellschaft verringert werden können; das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass sie auch die Fähigkeiten haben, politische Entscheidungsträger davon zu überzeugen, eine bestimmte Maßnahme zu unterstützen. Aus diesem Grund bündeln die wirksamsten Advocacy-Zusammenschlüsse ein breites Kompetenzspektrum in einer Koalition verschiedener Akteure und Organisationen.

Ein wichtiger Aspekt ist die Evaluation von Advocacy. Das ECDC empfiehlt einen Theory-of-Change-Ansatz, um diesen Prozess zu stützen, da er erklärt, wie und warum Aktivitäten zu den gewünschten Ergebnissen führen sollen.

Die allgemeinen Grundsätze der Evaluation von Präventionsmaßnahmen bzw. politischen Maßnahmen lassen sich auch auf Advocacy anwenden. Solche Evaluationen sind datenbasiert, systematisch und arbeiten mit etablierten Methoden wie Interviews oder Umfragen. Wie bei der Prozess- oder Ergebnisevaluation lassen sich auch Advocacy-Strategien evaluieren, um daraus zu lernen. Die Schwierigkeit bei der Evaluation von Advocacy-Bemühungen liegt in deren hoher Dynamik; sie wird zudem leicht durch unvorhersehbare Kontextfaktoren beeinflusst. Coffman empfiehlt daher, häufiger zu berichten, „in Echtzeit”, nach jedem wichtigen Ereignis oder jeder wichtigen Aktion.

Fußnoten

  1. Eine Übersicht gängiger „Theories of Change” finden Sie bei ORS Impact https://www.evaluationinnovation.org/publication/pathways-for-change-10-theories-to-inform-advocacy-and-policy-change-efforts/

Literatur zu diesem Kapitel

  1. 1.Silvestre, S., Liutkutė, V., Peloza, J., Talić, S., Kokole, D., Ribeiro, S., Galkus, L., Stankevičiūtė, S., Košir, M., & Štelemėkas, M. (2014).Triangle. How youth organizations can build and sustain a national coalition that works on alcohol policyAlcohol Policy Youth Network (APYN) & No Excuse Slovenia, Ljubljana. April 2014.
  2. 2.D'Eath, M., Barry, M. M., & Sixsmith, J. (2014).A rapid evidence review of health advocacy for communicable diseasesStockholm: European Centre for Disease Prevention and Control.
  3. 3.Mercer, S. L., Sleet, D. A., Elder, R. W., Cole, K. H., Shults, R. A., & Nichols, J. L. (2010).Translating evidence into policy: Lessons learned from the case of lowering the legal blood alcohol limit for driversAnnals of Epidemiology, 20, 412–420.doi:10.1016/j.annepidem.2010.03.005
  4. 4.Cairney, P. (2016).The politics of evidence-based policy makingSpringer Berlin; New York, NY.doi:10.1057/978-1-137-51781-4
  5. 5.Coffman, J. (2007).What's different about evaluating advocacy and policy change?In J. Coffman (Ed.), The Evaluation Exchange: A Periodical on Emerging Strategies in Evaluation (pp. 2–4). Harvard: Harvard Family Research Project.

Nachspann

Abschließende Bemerkungen

Dieses Curriculum hat eine Einführung in die Präventionswissenschaft und die evidenzbasierte Präventionsarbeit gegeben und erklärt, warum sie wichtig sind. Die EDPQS und die internationalen Standards wurden als wichtige Instrumente zur Steuerung unserer Präventionsarbeit und zur Auswahl und Umsetzung der besten derzeit verfügbaren evidenzbasierten Interventionen und/oder Strategien vorgestellt. Darüber hinaus haben wir auch gelernt, wie wir unsere Maßnahmen und Strategien evaluieren können. Unterschiedliche Settings, wie Familie, Schule, Arbeitsplatz, Kommune, aber auch Medien und der gesellschaftliche Kontext, wurden im Hinblick auf ihre Besonderheiten in der Präventionsarbeit vorgestellt. Dies soll uns dabei helfen, wirksame Präventionsmaßnahmen und/oder -strategien für unsere Zielgruppen, unter Berücksichtigung der bestehenden Herausforderungen und Hindernisse zu entwickeln oder auszuwählen.

Wir hoffen, dass Sie vom Europäischen Präventionscurriculum zur weiteren Professionalisierung Ihrer Präventionsarbeit inspiriert wurden.

Literatur zu diesem Kapitel

  1. 1.United Nations Office on Drugs and Crime (2013).International Standards on Drug Use PreventionVienna, Austria: UNODC.
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