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Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

Notfallhilfe beim Drogenkonsum – Was tun, wenn es brennt? Teil 2

 

Wenn eine fremde Person, ein Freund oder eine Freundin vor unseren Augen zusammenbricht oder am ganzen Körper zuckend im eigenen Erbrochenen liegt, kann man schon mal in Panik geraten. Aber so etwas geschieht immer wieder, an jedem Wochenende, in einem Club, auf einem Festival oder auf einer Party. Umso wichtiger, in so einer Situation die Ruhe zu bewahren. Zu wissen, was bei einer Überdosierung, einem Kreislaufkollaps oder Ähnlichem zu tun ist, kann Leben retten – das von Fremden und das von Freunden. Grundsätzlich gilt: Besser zu früh den Arzt rufen als zu spät! Aber was tun, bis Hilfe kommt?

Dieser Blogeintrag ist kein Ersatz für einen Erste-Hilfe-Kurs! Er soll einfache Grundregeln und Fertigkeiten vermitteln, die bei medizinischen Notfällen mit Drogen von Nutzen sein können.

Drogen können ihrer Wirkung nach grob in zwei Gruppen eingeteilt werden: aufputschende (Upper) und beruhigende Substanzen (Downer). Bei Halluzinogenen können sowohl anregende als auch beruhigende Wirkungen auftreten. Die eine Drogengruppe aktiviert also Geist und Körper, die andere macht eher schläfrig und benommen, das heißt, bei aufputschenden Substanzen steht die körperliche und geistige Übererregung im Vordergrund, bei beruhigenden die Dämpfung. Das wiederum bedeutet, dass Überdosierungen abhängig von der Substanz unterschiedliche Folgen haben und unterschiedliche Hilfsmaßnahmen erfordern können.

Werden Substanzen gemischt oder parallel konsumiert, wird das Ergebnis sehr schwer berechenbar. Gleichartige Drogen verstärken sich in ihren Nebenwirkungen, verschiedenartige Drogen sind in ihrem Zusammenspiel überhaupt nicht vorhersehbar. Ein fast schon alltägliches Beispiel ist die Mischung von Wodka mit Energydrinks: Das durch den Energydrink ausgelöste Gefühl der Klarheit und Wachheit bei gleichzeitig verringerter Urteilskraft und eingeschränkten geistigen Fähigkeiten, verursacht durch den hochprozentigen Alkohol, ist eine explosive Mischung und kann zu Unfällen, schweren Ausfallerscheinungen und Überdosierung führen. Zumal der angenehme, den Alkohol überlagernde Geschmack des Energydrinks unter Umständen zum Konsum größerer Mengen verführt.

Upper, die den Körper und den Geist aufputschen, sind beispielsweise Ecstasy, Kokain, Amphetamine wie Crystal Meth oder Speed, aber auch Ritalin, Koffein und Ephedrin. Ein ähnlicher Effekt kann aber auch durch die in dieser Hinsicht allerdings weniger gefährlichen Substanzen LSD und Psilocybin verursacht werden. Diese Substanzgruppen unterscheiden sich aber in ihren Wirkungen: Amphetamine verursachen in der Regel keine »Visuals« (tagtraumähnliche Imaginationen), Halluzinationen oder Sinnestäuschungen wie LSD oder Psilocybin, dafür manchmal ein Gefühl der Unverwundbarkeit, gesteigerte Wachheit und körperlichen Antrieb. Gemeinsam ist diesen Stoffen die angeregte oder überdrehte Aktivierung von entweder Körper oder Geist oder beidem. Es besteht ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Kreislaufkollaps. Das betrifft gesundheitlich vorbelastete Personen natürlich noch stärker.

Downer, die Körper und Geist eher dämpfen, sind Alkohol, Cannabis oder Opiate, zum Beispiel Heroin oder Codein. Die Hauptgefahr bei einer Überdosis mit diesen Substanzen ist eine Bewusstlosigkeit und darauffolgende Verstopfung der Atemwege, zum Beispiel durch die Zunge, Schleim oder Erbrochenes. Auch das Aussetzen der Schutzreflexe, wie zum Beispiel des Hustenreflexes, kann dazu beitragen: Der Hustenreflex sorgt dafür, dass Erbrochenes wieder aus der Lunge entfernt wird. Wenn die konsumierende Person ihre Spucke oder ihr Erbrochenes nicht aushusten kann, droht Erstickung. Bei manchen Substanzen, vor allem den Opiaten, kann eine Überdosierung auch zu einer lebensgefährlichen Herabsetzung der Atemfrequenz bis zum Atemstillstand führen. Dann ist es notwendig, die jeweilige Person dazu zu bringen, wieder selbständig zu atmen.

 

Bei schlechten Trips

  • Wenn Personen orientierungslos und panisch sind, unter starken Angstzuständen leiden (Horrortrip) oder offensichtlich mit der Wirkung der Substanz überfordert sind: Gib dem Betroffenen das Gefühl von Geborgenheit und ziehe, wenn möglich, bekannte, vertraute Personen hinzu.
  • Oft verlieren die Betroffenen die Orientierung und das Zeitgefühl: Sage der Person immer wieder, wie viel Zeit vergangen ist und wo sie sich befindet; sage ihr auch, wer du bist.
  • Bleibe bei der Person und bringe sie – wenn möglich – an einen ruhigen Ort und halte sie warm. Falls sie überhitzt ist, kühle sie.
  • Rede beruhigend mit der betroffenen Person, versuche, ihre Gedanken in positive Bahnen zu lenken, sage ihr, dass ihr Zustand vorübergehen und sie sich bald wieder gut fühlen wird.
  • Warme Getränke wie Tee oder Wasser sind gut (falls die Person nicht überhitzt!), Kaffee oder Energizer wegen möglicher Wechselwirkungen meiden.
  • Falls die Person sehr schnell atmet, also hyperventiliert, atme ihr hörbar ruhige Atemzüge vor oder gib Atemanweisungen: »Jetzt einatmen – und ausatmen.« Falls das nicht hilft, eine Papiertüte vor den Mund halten, in die derjenige atmen kann. Diese nach einigen Atemzügen kurz wieder entfernen.
  • Auch hier gilt: Du musst niemandem etwas beweisen. Wenn du Angst hast oder dich überfordert fühlst, hole Hilfe. Tu nichts, womit du dich nicht wohlfühlst.

Bei wachen und/​oder stark erregten Personen

  • Ein wacher Patient darf und soll alkoholfreie Flüssigkeiten trinken. Sehr oft ist ein Flüssigkeitsmangel der Grund für den Zusammenbruch. Ist der Puls sehr langsam, rast oder ist nur schwach tastbar, lege die Person hin, wenn sie das toleriert, und lagere ihre Beine hoch.
  • Bei Panikreaktionen: Nicht hektisch werden, mit dem Patienten reden und ihn beruhigen (»Talking down«).
  • Wenn die Person durchdreht, wäge ab, ob sie dir gefährlich werden kann. Deine Sicherheit geht immer vor. Vermeide Körpereinsatz, um die Situation nicht eskalieren zu lassen, »Talking down« ist die beste Option.
  • Bringe die Person an einen ruhigen Ort, suche Freunde oder eine andere Bezugsperson. Es muss immer jemand bei dem Patienten bleiben, um ihn zu beruhigen und zu überwachen. Gerade bei stark alkoholisierten Personen ist es nicht immer eindeutig, ob Hilfe gerufen werden muss oder nicht. Im Zweifelsfall sollte immer ein Notarzt gerufen werden.

 

Dies ist der zweite Teil, welcher sich mit dem Thema Notfallhilfe beim Drogenkonsum beschäftigt. In diesem Teil geht es spezifisch um Hilfe für Personen mit schlechten Trips, stark erregtem Zustand oder aggressivem Verhalten. Im ersten Teil geht es um medizinische Notfallhilfe beim Drogenkonsum.

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

Notfallhilfe beim Drogenkonsum – Was tun, wenn es brennt? Teil 1

Wenn eine fremde Person, ein Freund oder eine Freundin vor unseren Augen zusammenbricht oder am ganzen Körper zuckend im eigenen Erbrochenen liegt, kann man schon mal in Panik geraten. Aber so etwas geschieht immer wieder, an jedem Wochenende, in einem Club, auf einem Festival oder auf einer Party. Umso wichtiger, in so einer Situation die Ruhe zu bewahren. Zu wissen, was bei einer Überdosierung, einem Kreislaufkollaps oder Ähnlichem zu tun ist, kann Leben retten – das von Fremden und das von Freunden. Grundsätzlich gilt: Besser zu früh den Arzt rufen als zu spät! Aber was tun, bis Hilfe kommt?

Dieser Blogeintrag ist kein Ersatz für einen Erste-Hilfe-Kurs! Er soll einfache Grundregeln und Fertigkeiten vermitteln, die bei medizinischen Notfällen mit Drogen von Nutzen sein können.

Drogen können ihrer Wirkung nach grob in zwei Gruppen eingeteilt werden: aufputschende (Upper) und beruhigende Substanzen (Downer). Bei Halluzinogenen können sowohl anregende als auch beruhigende Wirkungen auftreten. Die eine Drogengruppe aktiviert also Geist und Körper, die andere macht eher schläfrig und benommen, das heißt, bei aufputschenden Substanzen steht die körperliche und geistige Übererregung im Vordergrund, bei beruhigenden die Dämpfung. Das wiederum bedeutet, dass Überdosierungen abhängig von der Substanz unterschiedliche Folgen haben und unterschiedliche Hilfsmaßnahmen erfordern können.

Werden Substanzen gemischt oder parallel konsumiert, wird das Ergebnis sehr schwer berechenbar. Gleichartige Drogen verstärken sich in ihren Nebenwirkungen, verschiedenartige Drogen sind in ihrem Zusammenspiel überhaupt nicht vorhersehbar. Ein fast schon alltägliches Beispiel ist die Mischung von Wodka mit Energydrinks: Das durch den Energydrink ausgelöste Gefühl der Klarheit und Wachheit bei gleichzeitig verringerter Urteilskraft und eingeschränkten geistigen Fähigkeiten, verursacht durch den hochprozentigen Alkohol, ist eine explosive Mischung und kann zu Unfällen, schweren Ausfallerscheinungen und Überdosierung führen. Zumal der angenehme, den Alkohol überlagernde Geschmack des Energydrinks unter Umständen zum Konsum größerer Mengen verführt.

Upper, die den Körper und den Geist aufputschen, sind beispielsweise Ecstasy, Kokain, Amphetamine wie Crystal Meth oder Speed, aber auch Ritalin, Koffein und Ephedrin. Ein ähnlicher Effekt kann aber auch durch die in dieser Hinsicht allerdings weniger gefährlichen Substanzen LSD und Psilocybin verursacht werden. Diese Substanzgruppen unterscheiden sich aber in ihren Wirkungen: Amphetamine verursachen in der Regel keine »Visuals« (tagtraumähnliche Imaginationen), Halluzinationen oder Sinnestäuschungen wie LSD oder Psilocybin, dafür manchmal ein Gefühl der Unverwundbarkeit, gesteigerte Wachheit und körperlichen Antrieb. Gemeinsam ist diesen Stoffen die angeregte oder überdrehte Aktivierung von entweder Körper oder Geist oder beidem. Es besteht ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Kreislaufkollaps. Das betrifft gesundheitlich vorbelastete Personen natürlich noch stärker.

Downer, die Körper und Geist eher dämpfen, sind Alkohol, Cannabis oder Opiate, zum Beispiel Heroin oder Codein. Die Hauptgefahr bei einer Überdosis mit diesen Substanzen ist eine Bewusstlosigkeit und darauffolgende Verstopfung der Atemwege, zum Beispiel durch die Zunge, Schleim oder Erbrochenes. Auch das Aussetzen der Schutzreflexe, wie zum Beispiel des Hustenreflexes, kann dazu beitragen: Der Hustenreflex sorgt dafür, dass Erbrochenes wieder aus der Lunge entfernt wird. Wenn die konsumierende Person ihre Spucke oder ihr Erbrochenes nicht aushusten kann, droht Erstickung. Bei manchen Substanzen, vor allem den Opiaten, kann eine Überdosierung auch zu einer lebensgefährlichen Herabsetzung der Atemfrequenz bis zum Atemstillstand führen. Dann ist es notwendig, die jeweilige Person dazu zu bringen, wieder selbständig zu atmen.

Regeln für Notfallhelfer

Im Umgang mit einer hilflosen Person gelten folgende Hinweise:

  • Bring dich selbst nicht in Gefahr: Ist der Ort sicher? Vorsicht im Straßenverkehr oder in einer Menschenmenge. Wenn Scherben, Nadeln oder Ähnliches herumliegen, zuvor zur Seite schieben.
  • Wichtig ist es, ruhig zu bleiben! Du bist der Helfer, nicht der Patient.
  • Auch wenn du die hilflose Person kennen solltest, stelle dich mit Namen vor, erkläre, was du als Nächstes tust, und konzentriere dich auf das Notwendige. Ein Notfall ist nicht der Zeitpunkt für Schuldzuweisungen oder einen Vortrag über Fehlverhalten.
  • Hab keine Angst, etwas Falsches zu tun. Jemand braucht deine Hilfe, und Nichtstun könnte das Leben eines Menschen kosten. Das sieht auch das Gesetz so.
  • Finde heraus, welche Substanzen die betroffene Person in welcher Menge konsumiert hat.
  • Im Zweifel Unterstützung rufen. Viele Situationen erfordern professionelle Hilfe. Wenn eine Person bewusstlos ist, keinen oder kaum noch Puls hat und auch auf starke körperliche Reize wie Kneifen nicht mehr reagiert, muss unbedingt ein Notarzt gerufen werden. Die 112 ist die kostenlose europaweite Notrufnummer, die von jedem Telefon aus durchgestellt wird, auch von einem Mobiltelefon ohne Guthaben oder einem, das mit PIN gesperrt ist. Am Telefon so genau wie möglich die Symptome schildern. Bei Drogenunfällen gilt »Hilfe vor Strafe«: Menschen zu retten ist wichtiger, als Drogenkonsum zu ahnden.

 

 

Bei bewusstlosen Personen

  • Den Betroffenen auf den Rücken drehen und bei leicht in den Nacken gelegtem Kopf dessen Atmung überprüfen. Bei selbständig atmenden Personen:
  • In stabile Seitenlage bringen, dadurch Atemwege sichern.
  • Für Frischluftzufuhr sorgen, aber Auskühlung oder Überhitzung verhindern.
  • Nichts in den Mund stecken, auch keine Flüssigkeiten einflößen.
  • Muss sich die Person erbrechen, nichts dagegen tun – was raus ist, kann keinen Schaden mehr anrichten. Erbrochenes darf nicht im Mund oder im Rachen bleiben.
  • Die stabile Seitenlageist der Klassiker unter den Rettungsmaßnahmen. Jeder, der die Führerscheinprüfung hinter sich hat, sollte zumindest schon davon gehört haben. Auch wenn die meisten Fahrschüler möglicherweise dazu neigen, diese Lektion als lästige Pflichtübung auszusitzen und zügig wieder zu vergessen, kann die Kenntnis und Anwendung der stabilen Seitenlage auch bei Drogenunfällen und jeder Art von Kreislaufkollaps Leben retten. Die stabile Seitenlage soll sicherstellen, dass der Bewusstlose nicht an seinem Erbrochenen oder Blut erstickt. Deshalb muss unbedingt die Mundhöhle des Verunglückten kontrolliert und Erbrochenes oder Schleim, notfalls auch ausgeschlagene Zähne, entfernt werden.

 

Bei nicht atmenden Personen:

Einen starken Schmerzreiz setzen, zum Beispiel den Bewusstlosen in den Arm kneifen. Sollte das keinen Effekt haben, direkt mit der Herzdruckmassage beginnen, diese so lange fortsetzen, bis die Person wieder selbständig atmet oder andere Lebenszeichen von sich gibt wie Husten oder gezielte Bewegungen, dann in stabiler Seitenlage lagern. Bei nicht atmenden, bewusstlosen Personen ist es immer gerechtfertigt einen Notarzt zu rufen. Wie bereits oben erwähnt gilt in solchen Situationen immer »Hilfe vor Strafe«.

 

Dies ist der erste von zwei Teilen, welcher sich mit dem Thema Notfallhilfe beim Drogenkonsum beschäftigt. In diesem Teil geht es spezifisch um medizinische erste Hilfe in Notfällen. Im zweiten Teil geht es um die Hilfe für Personen mit schlechten Trips, stark erregtem Zustand oder aggressivem Verhalten.

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

Manche Menschen bewältigen den Alltag komplett ohne Drogen, manche schaffen es nur mit einem Feierabendbier ihren Arbeitsalltag zu verdauen. Einige brauchen psychoaktive Substanzen um am Wochenende zu feiern, andere nehmen diese nur vereinzelt und zu besonderen Anlässen. Was unterscheidet diese unterschiedlichen Arten von Menschen? Ein zentrales Konzept des Lebenskompetenz- und Suchtpräventionsprogramms Rebound sind die unterschiedlichen Risiko- und Motivtypen. Wie gehen Menschen mit Risiken um, und warum konsumieren sie psychoaktive Substanzen?

Ein Überlick

Es gibt zahlreiche Gründe, Drogen zu nehmen, gute und weniger gute. Die einen trinken Alkohol, weil es Spaß macht. Oder weil es schmeckt. Die anderen, weil sie dann lockerer sind oder es ihnen leichter fällt, Mädchen anzusprechen. Manche, weil sie dazugehören wollen. Der eine oder andere braucht Alkohol oder Cannabis, um sein Leben zu bewältigen und nicht unter seinen Problemen zusammenzubrechen. Oder weil das Leben ohne Drogen langweilig und öde erscheint. Wieder andere trinken oder kiffen gar nicht, weil sie sich auch ohne Rausch gut fühlen und einen klaren Kopf behalten wollen, um ihre Ideen und Projekte zu verwirklichen. »Was treibt uns an?« lautet eine zentrale Frage bei der Beschäftigung mit Drogen. Wozu das Ganze? Was lässt die einen trinken, die anderen kiffen, und wieso lassen wieder andere ganz die Finger von Drogen? Die Antwort ist nicht ganz einfach. Ob der Umgang mit Drogen das Beste oder das Schlechteste zum Vorschein bringt, ist abhängig von zahlreichen Faktoren: von Motiven, also dem »Wozu«, vom sozialen Umfeld und den Ideen, durch die ein Mensch beeinflusst wird. Außerdem spielt auch die genetische Veranlagung eine Rolle. Und es kommt darauf an, wie das Gehirn eines Menschen sich im Laufe seiner Lebensgeschichte entwickelt hat und sein Verhalten steuert. Nicht jede Konsumentscheidung ist eine bewusste Entscheidung, oft werden wir von Gewohnheiten oder Impulsen beeinflusst. Die meisten Menschen trinken morgens einen Kaffee, ohne sich die Motive dafür bewusst zu machen. Sicher, alles andere wäre auch anstrengend und bei dem geringen Risiko, dem man sich mit der Droge Kaffee aussetzt, auch unnötig. Der Morgenkaffee ist ein Ritual, mit dem die allermeisten Menschen hervorragend leben können. Bei anderen Ritualen, wie dem Feierabendbier oder dem Entspannungsjoint, kann es dagegen ratsam sein, ab und zu seine Gründe zu hinterfragen.

Unterschiedliche Motive für den Konsum psychoaktiver Substanzen

In einem Langzeitforschungsprojekt an der Universität Heidelberg wurden aus Interviews mit 318 Jugendlichen verschiedene Motive beim Umgang mit psychoaktiven Substanzen herausgearbeitet – die Suche nach Gruppenzugehörigkeit und Identität, Auflehnung, Hedonismus, Neugier oder Problembewältigung sind einige Beispiele. Niemand ist auf ein einziges Motiv festgelegt. Jeder Mensch hat von jedem der hier beschriebenen Motive Anteile in sich. Wichtig ist, welche sich im Laufe der Zeit durchsetzen und unsere Entscheidungen und unser Handeln bestimmen. Außerdem unterscheiden und verändern sich die Motive für den Drogenkonsum häufig, wenn jemand zum ersten Mal trinkt oder kifft oder wenn er schon erfahren darin ist.

Die Motivtypen bezeichnen ein Spektrum, in dem wir uns bewegen. So lange, bis wir unseren eigenen Weg gefunden haben und die eigene Persönlichkeit gefestigt ist. So kann beispielsweise aus jemandem, der mit 14 extrem neugierig war und alles ausprobieren wollte, im Laufe der Zeit jemand werden, der sich und anderen Grenzen setzt – weil die eigene Erfahrung ihn genau das gelehrt hat.

Außerdem können sich die Motive verändern, wenn sich die Lebensumstände verändern, ein Umzug, ein Schulwechsel, eine Trennung, ein neuer Partner oder neue Freunde können auch den Blick auf und den Umgang mit Drogen verändern. Auch kann ein Motiv zu unterschiedlichen Reaktionen führen: Wer sich an Älteren oder Vorbildern orientiert oder sich an eine soziale Gruppe anpassen möchte, nimmt, abhängig von diesen Vorbildern oder Gruppen, die gleichen Drogen wie diese oder eben keine, wenn diese keine nehmen. Auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Szene spielt eine große Rolle.

Natürlich sind einige dieser Motive riskanter als andere. Wer nur dann Spaß haben kann, wenn er besoffen ist, asphaltiert sich eine breite Straße geradewegs in Richtung Sucht. Genauso ungünstig ist es, Probleme wie Einsamkeit, Beziehungsstress oder Überforderung in der Schule dauerhaft wegzukiffen oder mit anderen Substanzen zu bekämpfen. Zugegeben, kurzfristig stellt sich ein wunderbares Gefühl von Entspannung ein, man fühlt sich wie in Watte gepackt, der Stress ist angenehm heruntergedimmt. Langfristig löst die Flucht in den Drogenrausch allerdings keine Probleme, auf Dauer verstärkt es sie eher oder schafft neue.

Aber auch hier spielen Häufigkeit und Dosis eine große Rolle: Gelegentlich nach einem anstrengenden Tag in der Schule zur Entspannung einen Joint zu rauchen oder den Trennungsschmerz ein oder zwei Nächte lang mit Alkohol oder anderen Drogen zu bekämpfen muss nicht zwangsläufig zu Problemen führen, im Gegenteil, es kann sogar hilfreich und entlastend sein. Zumindest wenn es nicht die einzige Lösungsstrategie darstellt und nicht dauernd wiederholt werden muss. Grundsätzlich kommt es darauf an, dass Konsumenten sich selbst kritisch beobachten und darauf achten, dass sie über den Substanzkonsum hinaus über möglichst viele andere Strategien verfügen, ihre Freizeit zu genießen und Probleme zu bewältigen.

Unterschiedliche Risikotypen

Eng mit den Motivtypen verbunden sind die Risikotypen: Eine gute Risikoeinschätzung ist die Voraussetzung für einen langfristig positiven Konsum – und manchmal sogar die Voraussetzung dafür, den Drogengebrauch zu überleben. Aber Risikoeinschätzung ist schwierig und komplex. Risiko ist keine klare, objektive Größe, wie hoch oder niedrig jemandem ein Risiko erscheint, wird stark von dessen Erfahrungen, aber auch von den eigenen Überzeugungen und denen anderer Menschen beeinflusst. Diese subjektive Seite des Umgangs mit Risiko nennt man Risikowahrnehmung. Sie wird nicht nur von gesellschaftlichen Normen und Vorurteilen beeinflusst, sondern auch durch unsere Biologie. Einige Menschen zeigten bei Hirnscans in bestimmten Gehirnregionen, die mit Erregung und Verhaltensverstärkung verknüpft sind, stärkere Reaktionen auf Reize. Diese Menschen, die den Nervenkitzel und die Aufregung suchen, nennt man Sensation Seeker oder umgangssprachlich auch Adrenalinjunkies. Sie neigen dazu, größere Risiken einzugehen als andere. Sie suchen Stimulierung, also Extremerfahrungen, die neu oder besonders intensiv sind. Dazu gehören neben sexuellen Erfahrungen und Extremsport auch Glücksspiel und Drogen. Die Frage nach dem eigenen Risikotyp ist ein weiterer Baustein eines gelungenen Umgangs mit Drogen. Wie bei den Motivtypen ist auch hier die Zuordnung nicht immer ganz eindeutig, viele von uns vereinen unterschiedliche Anteile, wobei auch hier wichtig ist einzuschätzen, welcher Anteil prägend ist und unser Handeln bestimmt. Auch das Risikoverhalten kann sich verändern.

Welcher Risikotyp bin ich?

Der Risikosucher ist neugierig und manchmal impulsiv, er sucht den Nervenkitzel.

Der Risikovermeider ist vorsichtig und geht Gefahren aus dem Weg.

Der Risikokontrollierer wägt ab, beschäftigt sich mit den Gefahren, bevor er eine Entscheidung trifft.

Der Risikoverursacher bringt vor allem andere in Gefahr.

Wozu nehme ich Drogen?

Hedonismus versus Problembewältigung – Der Spaßtyp und der Selbstbehandler: Spaß zu haben und seine Freizeit aufregender gestalten zu wollen, ist das am häufigsten genannte Motiv für den Konsum von Alkohol oder anderen Drogen. Aber auch Trinken oder Kiffen zur Bewältigung oder Verdrängung von Problemen ist weit verbreitet.

Grenzen setzen versus Grenzen überschreiten – Der Kontrollierer und der Grenzgänger: Dem einen ist es wichtig, seine Grenzen zu kennen und die Kontrolle zu bewahren. Der andere geht bewusst über seine Grenzen hinaus, um neue und intensive Erfahrungen zu machen.

Dazugehören wollen versus seine Freiheit suchen – Der Szenetyp und der Unabhängige: Der eine trinkt oder kifft, um dazuzugehören und so zu sein wie die Älteren, Cooleren oder andere Vorbilder. Der andere sucht nach Individualität und Unabhängigkeit, das kann sowohl durch Verzicht auf Drogen als auch durch den Konsum geschehen.

Vorsicht versus Neugier – Der Abstinente und der Probiertyp: Der eine lehnt Drogenerfahrungen ab, um sich zu schützen, der andere ist neugierig und möchte diese Erfahrungen machen, bevor er sich grundsätzlich für oder gegen den Konsum entscheidet.

Auflehnung versus Anpassung – Der Rebell und der Mitläufer: Was verboten ist, ist besonders reizvoll – die einen nehmen Drogen, um gezielt Regeln und Gesetze, Vorschriften und Erwartungen in Frage zu stellen und zu unterlaufen. Die anderen passen sich den Normen und Konsumgewohnheiten der Mehrheit an.