Was auf Schulen zukommt
Schulen sollen künftig nicht nur Lesen, Rechnen und Schreiben messen – sondern auch Wohlbefinden, Zufriedenheit und soziale Eingebundenheit ihrer Schülerschaft. Und zwar verbindlich. Das fordert die Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK (SWK) in einem Gutachten, das im März 2026 erschienen ist und das die Schulentwicklung in Deutschland für die nächsten Jahre prägen wird (SWK, 2026).
Das Gutachten umfasst rund 150 Seiten mit 14 Empfehlungen. Die Kernaussage ist klar: Schulen brauchen bessere Daten, und die Erfassung, Rückmeldung und Nutzung dieser Daten muss über alle Ebenen des Bildungssystems aufeinander abgestimmt sein (SWK, 2026, S. 7). Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um Fachleistungen: Auch überfachliche Bildungsziele sollen künftig systematisch erfasst werden (SWK, 2026, S. 10).
Für viele Schulen klingt das nach einer weiteren Aufgabe auf einem ohnehin vollen Schreibtisch. Aber es gibt eine gute Nachricht: Was das Gutachten fordert, wird an vielen Schulen und in vielen Kommunen bereits praktiziert – mit Verfahren, die genau dafür entwickelt wurden. Dieser Beitrag zeigt, was das Gutachten verlangt, warum es für jede Schule relevant ist und welche Instrumente bei der Umsetzung helfen.
Was die SWK konkret fordert
Das Gutachten adressiert sechs Handlungsfelder, von der Unterrichtsentwicklung bis zum Systemmonitoring. Vier Forderungen sind für die praktische Arbeit an Schulen besonders relevant:
1. Sozial-emotionale Daten erheben – aus Schülersicht. Wie geht es den Kindern und Jugendlichen an der Schule? Fühlen sie sich zugehörig? Werden sie gemobbt? Sind sie motiviert? Bisher erfassen deutsche Schulen diese Fragen kaum systematisch (SWK, 2026, S. 15). Die SWK fordert, das zu ändern: Die SWK empfiehlt, Instrumente zur Erfassung von Wohlbefinden, schulischer Zufriedenheit und sozialer Eingebundenheit mit verpflichtenden und wählbaren Komponenten zu implementieren (SWK, 2026, S. 44).
2. Schulentwicklung als datengestützten Kreislauf gestalten. Das Gutachten stellt fest, dass bestehende Schulprogramme häufig weder auf Daten basieren noch klare Ziele und Indikatoren enthalten (SWK, 2026, S. 47). Stattdessen fordert die SWK einen Kreislauf: Datengestützte Bestandsaufnahme, daraus abgeleitete Ziele, evidenzbasierte Maßnahmen, Überprüfung der Wirksamkeit – und das jährlich fortgeschrieben (SWK, 2026, S. 63).
3. Schulen nicht mit Daten alleinlassen. Daten allein verändern nichts. Die SWK betont, dass Schulen professionelle Begleitung brauchen: Beratung bei der Interpretation von Befragungsergebnissen, Unterstützung bei der Auswahl wirksamer Maßnahmen, Vernetzung in Schulnetzwerken (SWK, 2026, S. 61–64).
4. Zusammenarbeit über die Schulmauern hinaus. Die Zusammenarbeit von Schule mit Jugendhilfe, Gesundheitsdiensten und Eltern soll systematisch gestaltet und rechtlich abgesichert werden (SWK, 2026, S. 105). Internationale Vorbilder wie Kanada zeigen, dass partizipative Schulentwicklung mit Eltern- und Schülerbeteiligung funktioniert – wenn die Strukturen stimmen (SWK, 2026, S. 96).
Warum das mehr ist als eine weitere Pflichtübung
Das Gutachten markiert einen echten Kurswechsel. Bildungsqualität wird nicht mehr nur an Mathematik- und Lesenoten gemessen, sondern explizit um sozial-emotionale Dimensionen erweitert. Die SWK verweist auf internationale Vorbilder: In den USA müssen Schulen seit 2015 Daten zu sozial-emotionalem Lernen und Schulkultur erheben. In Kalifornien haben sich Schuldistrikte zusammengeschlossen, um Konstrukte wie Wachstumsdenken, Selbstwirksamkeit und soziale Kompetenz mit validierten Instrumenten zu messen (Hough et al., 2017, zitiert nach SWK, 2026, S. 54). Wichtig dabei: Die SWK empfiehlt ausdrücklich, solche Daten als Entwicklungsinstrument zu nutzen, nicht als Kontrollwerkzeug (Gehlbach & Hough, 2018, zitiert nach SWK, 2026, S. 54).
Für Deutschland bedeutet das: Die systematische Erfassung sozial-emotionaler Merkmale, wie sie in der Präventionspraxis seit Jahren üblich ist – Befragungen zu Schulklima, Risiko- und Schutzfaktoren, Auswahl evidenzbasierter Programme –, rückt in den Kern dessen, was die SWK unter Schulentwicklung versteht. Das ist keine neue Erkenntnis: Bereits 2012 hat die KMK in ihrer Empfehlung zur Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule festgestellt, dass Gesundheitsförderung und Prävention integrale Bestandteile von Schulentwicklung sind und zum Kern eines jeden Schulentwicklungsprozesses gehören (KMK, 2012, S. 3). Was damals als Empfehlung formuliert wurde, erhält durch das SWK-Gutachten 2026 nun die datengestützte Infrastruktur.
Instrumente, die es bereits gibt
Das Gutachten beschreibt, was Schulen tun sollen. Konkrete Verfahren benennt es nicht – das ist auch nicht seine Aufgabe. Aber es gibt erprobte Instrumente, die diese Anforderungen bereits erfüllen.
Communities That Care – auf kommunaler Ebene. CTC ist ein erprobtes Verfahren, das Kommunen befähigt, ihre Präventionsarbeit datengestützt zu steuern (Catalano & Hawkins, 1996). In über 50 deutschen Kommunen wird es bereits eingesetzt. Der Kern: Eine repräsentative Schülerbefragung erfasst Risiko- und Schutzfaktoren – von Wohlbefinden und sozialer Eingebundenheit über Schulklima bis hin zu Absentismus und Substanzkonsum. Auf dieser Grundlage wählen Schulen, Jugendhilfe, Gesundheitswesen und Verwaltung gemeinsam Programme aus einer kuratierten Datenbank evaluierter Maßnahmen – der Grünen Liste Prävention. Die Wirksamkeit wird durch wiederholte Befragungen überprüft. Bemerkenswert: Das SWK-Gutachten selbst benennt die Grüne Liste Prävention als deutsches Pendant zur US-amerikanischen CASEL-Plattform und empfiehlt ausdrücklich, die Erfassung sozial-emotionaler Daten mit evidenzbasierten Förderprogrammen zu verknüpfen (SWK, 2026, S. 37). Damit beschreibt die SWK an dieser Stelle den Kern des CTC-Prozesses: Datenerhebung und evidenzbasierte Programmauswahl als zusammenhängendes Verfahren.
Die SWK selbst benennt CTC nicht. Aber die Parallelen sind auffällig: Das Gutachten fordert Schulnetzwerke für datengestützte Entwicklung (SWK, 2026, S. 64) – CTC vernetzt Schulen auf kommunaler Ebene. Es empfiehlt datengestützte Zielvereinbarungen im Kontext der Schulaufsicht (SWK, 2026, S. 77) – CTC arbeitet mit einem analogen Prinzip auf kommunaler Ebene. Und es fordert multiprofessionelle Zusammenarbeit mit Jugendhilfe und Gesundheitsdiensten (SWK, 2026, S. 105) – CTC strukturiert genau diese Kooperation. Die Kontexte sind unterschiedlich, die Grundprinzipien dieselben.
Weitblick – auf Schulebene. Weitblick überträgt die CTC-Methodik auf die einzelne Schule – und kann unabhängig davon eingesetzt werden, ob die Kommune bereits mit CTC arbeitet. Der Prozess beginnt mit einer Schülerbefragung zu Risiko- und Schutzfaktoren. Die Ergebnisse werden gemeinsam mit Schulleitung, Kollegium, Schülervertretung und Eltern interpretiert. Daraus entstehen konkrete Entwicklungsziele und die Auswahl passender, evaluierter Programme aus der Grünen Liste Prävention. Professionelle Prozessbegleitung stellt sicher, dass Schulen bei der Dateninterpretation und Maßnahmenplanung nicht alleingelassen werden. Die SWK betont die Bedeutung solcher Unterstützungsstrukturen im Kontext der Unterrichtsentwicklung (SWK, 2026, S. 61–63) – Weitblick überträgt dieses Prinzip auf die schulische Präventionsarbeit.
einfach wirksam – im Unterricht. Was tun Lehrkräfte konkret, wenn die Befragung zeigt, dass Schutzfaktoren gestärkt werden müssen? Der Praxisleitfaden einfach wirksam (Haggerty et al., 2020/2025) stellt 16 evidenzbasierte Methoden für die Sekundarstufe I bereit, die auf der Sozialen Entwicklungsstrategie der University of Washington basieren – demselben theoretischen Fundament wie CTC und Weitblick. Die Methoden sind in fünf Bereiche gegliedert: Gelegenheiten schaffen, Kompetenzen aufbauen, Anerkennung geben, Bindungen stärken und gesunde Überzeugungen fördern. Darunter finden sich die Konstrukte, die auch die SWK als zentral benennt: Wachstumsdenken, Selbstwirksamkeit und soziale Kompetenz.
Drei Ebenen, ein System
CTC auf kommunaler Ebene, Weitblick in der Schule, einfach wirksam im Unterricht – diese drei Ebenen greifen ineinander. Kommunale Daten kontextualisieren die schulischen Befunde. Schulische Entwicklungspläne übersetzen die Bedarfe in Maßnahmen. Und der Praxisleitfaden gibt Lehrkräften konkrete Werkzeuge für den Unterrichtsalltag.
Die SWK fordert im Kontext der Schulaufsicht eine Abstimmung zwischen den Systemebenen – eine kohärente Strategie, die auf Lernen und Entwicklung der Schüler ausgerichtet ist (SWK, 2026, S. 77). CTC, Weitblick und einfach wirksam verfolgen dasselbe Prinzip, wenn auch in einem anderen institutionellen Rahmen: der kommunalen Prävention.
Die Finanzierungsfrage
Datengestützte Schulentwicklung kostet Geld. Aber hier zeigt sich eine bemerkenswerte Überschneidung: Was die SWK als bildungspolitische Aufgabe formuliert, ist zugleich als Leistung der Gesundheitsförderung über § 20a SGB V finanzierbar. Das Präventionsgesetz verpflichtet die gesetzlichen Krankenkassen, Prävention in Lebenswelten zu fördern – darunter explizit Schulen und Kommunen. Die Anforderungen des GKV-Leitfadens Prävention – Bedarfsanalyse, Partizipation, Evidenzbasierung, Evaluation – decken sich mit dem, was das SWK-Gutachten fordert.
CTC und Weitblick bedienen beide Logiken in einem Prozess. Das macht sie zu den wenigen Verfahren, die sowohl die bildungspolitischen Anforderungen als auch die Förderkriterien der Krankenkassen erfüllen. Besonders relevant ist das für Schulen im Startchancen-Programm: Rund 4.000 Schulen in herausfordernden Lagen stehen unter dem Druck, evidenzbasierte Schulentwicklung nachzuweisen – und brauchen praktikable Verfahren dafür.
Was jetzt zu tun ist
Für Schulleitungen: Das Gutachten wird die Erwartungen von Schulaufsicht und Schulträgern verändern. Datengestützte Schulentwicklung – einschließlich sozial-emotionaler Daten – wird zum Standard. Wer jetzt damit beginnt, ist vorbereitet. Verfahren wie Weitblick bieten einen strukturierten Einstieg mit professioneller Begleitung.
Für kommunale Akteure: CTC schafft kommunale Infrastruktur für sektorübergreifende Zusammenarbeit auf Datenbasis – Prinzipien, die sich mit den SWK-Empfehlungen decken. Der Aufbau dieser Strukturen braucht Zeit – ein Grund mehr, jetzt zu starten.
Für Lehrkräfte: Die SWK fordert Datenkompetenz als Schlüsselqualifikation in allen Phasen der Lehrkräftebildung (SWK, 2026, S. 12–13). Der Praxisleitfaden einfach wirksam bietet einen niedrigschwelligen Einstieg: 16 Methoden, die sofort im Unterricht einsetzbar sind.
Für Präventionsfachkräfte: Das Gutachten liefert die bildungspolitische Legitimation für Arbeit, die bisher primär gesundheitspolitisch begründet wurde. Wenn die SWK verbindliche Schülerbefragungen zu Wohlbefinden fordert und multiprofessionelle Zusammenarbeit empfiehlt, dann beschreibt sie Anforderungen, die der CTC/Weitblick-Prozess bereits erfüllt. Dieses Argument gehört in jedes Gespräch mit Schulleitungen und Schulträgern.
Fazit
Das SWK-Gutachten 2026 verändert die Spielregeln. Sozial-emotionale Entwicklung ist nicht mehr das Sonderthema der Prävention, sondern wird zur Kernaufgabe der Schulentwicklung erklärt. Das ist eine Chance – für Schulen, die schon lange mehr wollen als nur Noten, und für alle, die sie dabei unterstützen.
Die Instrumente existieren. Die Finanzierung ist möglich. Was fehlt, ist die breite Umsetzung. Das SWK-Gutachten liefert jetzt den Rahmen dafür. Nicht als Projekt, sondern als Prozess – datengestützt, evidenzbasiert und auf das ausgerichtet, was zählt: die Entwicklung junger Menschen.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag wurde von der FINDER Akademie verfasst, die Communities That Care, Weitblick und einfach wirksam in Deutschland umsetzt. Die Einordnung der SWK-Empfehlungen im Kontext dieser Verfahren ist unsere fachliche Interpretation, keine Aussage der SWK.
Literaturverzeichnis
Catalano, R. F. & Hawkins, J. D. (1996). The social development model: A theory of antisocial behavior. In J. D. Hawkins (Hrsg.), Delinquency and crime: Current theories (S. 149–197). Cambridge University Press.
Gehlbach, H. & Hough, H. J. (2018). Measuring social emotional learning through student surveys in the CORE districts: A pragmatic approach to validity and reliability. PACE/CORE Technical Report.
Haggerty, K. P., Cook, C. R. & Ottinger, S. (2025). Schülerpotenzial entfalten: Der Praxisleitfaden mit 16 bewährten Methoden für mehr Motivation, soziale Kompetenz und Lernerfolg (M. von Heyden, Übers.). FINDER e.V. https://finder-akademie.de/einfach-wirksam (Originalwerk veröffentlicht 2020: Evidence-based practices to promote agency in middle school students. Northwest PTTC/SAMHSA)
Kultusministerkonferenz [KMK]. (2012). Empfehlung zur Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 15.11.2012). https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_11_15-Gesundheitsempfehlung.pdf
Hough, H. J., Kalogrides, D. & Loeb, S. (2017). Using surveys of students‘ social-emotional learning and school climate for accountability and continuous improvement. PACE Policy Brief.
Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz [SWK]. (2026). Datengestützte Unterrichtsentwicklung und diagnosegeleitete Lernförderung. Datennutzung für Schulentwicklung im Rahmen erweiterter Gestaltungsspielräume. Daten für Controlling und Unterstützung durch die Schulaufsicht. Daten für Erziehungs- und Bildungspartnerschaften. Daten für Systemmonitoring und -steuerung durch die Politik. Datengestützte Qualitätsentwicklung in der Frühen Bildung (Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz). https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/KMK/SWK/2026/SWK-2026-Gutachten_Datengestuetzte-Entwicklung.pdf