Forschung

Das Gelegenheitsfenster: Warum gute Evidenz allein keine Präventionspolitik macht

Ein Abschreckungsprojekt tourt gegen den geschlossenen Rat der Fachwelt erfolgreich durch deutsche Kommunen. Was die Policy-Forschung über dieses Scheitern der Evidenz weiß – und was wirksame Advocacy für Prävention von ihr lernen kann.

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Inhaltsverzeichnis
  1. Beeindruckt sein ist kein Befund
  2. Munition, selten Schiedsrichter
  3. Warum der Studienstapel verliert
  4. Das Fenster und wer es besetzt
  5. Beziehung vor Broschüre
  6. Die deutsche Übersetzung
  7. Das bessere Angebot
  8. Literaturverzeichnis

Ein umgebauter Zug hält am Bahnhof einer mittelgroßen Stadt. In den Waggons: nachgestellte Unfallszenen, eine Zelle, Bildschirme mit den schlimmstmöglichen Verläufen eines Drogenlebens. Schulklassen werden durch die Waggons geführt, die Lokalzeitung berichtet bewegt, der Oberbürgermeister hat die Schirmherrschaft übernommen. Örtliche Unternehmen und Kliniken haben die Standkosten gesammelt, eine Krankenkasse zeigt Präsenz am Bahnsteig. Die Fachstellen für Suchtprävention haben schriftlich abgeraten; die europäische Fachgesellschaft hat sich grundsätzlich gegen Formate dieser Art positioniert; die Studienlage zum Wirkprinzip zeigt Null- bis Schadenseffekte. Wo Veranstalter die Einwände kennen, legen sie sie mitunter den Besuchern selbst vor. Können die Schulklassen die Bedenken nicht nachvollziehen, gilt das als Entlastung: Die Schüler seien doch beeindruckt gewesen. Der Zug fährt weiter, und nächstes Jahr kommt er wieder.

Diese Szene ist verdichtet: Kein einzelner Ort vereint alle ihre Elemente zugleich, jedes einzelne Element ist an realen Stationen solcher Tourneen dokumentiert. Auf den Namen des Projekts kommt es hier nicht an, denn die Geschichte handelt nicht von ihm. Sie handelt von der Frage, warum die versammelte Fachlichkeit einen Vorgang nicht aufhält, den sie einhellig für falsch hält – und sie hat eine unbequeme Antwort: Was hier gewinnt, ist keine Verschwörung gegen die Wissenschaft. Es ist handwerklich gute Interessenvertretung, die auf ein Feld trifft, dessen Institutionen dieses Handwerk kaum betreiben.

Beeindruckt sein ist kein Befund

Zur Sache selbst genügen wenige Sätze, denn sie ist erforscht. Das Wirkprinzip, auf das solche Formate setzen – Abschreckung durch drastische Konfrontation – gehört zu den am gründlichsten geprüften Ideen der Präventionsgeschichte. Die dichteste Kausalevidenz liegt für die Gefängnisbesuchsprogramme der „Scared Straight"-Familie vor: Eine systematische Übersichtsarbeit der über neun zeigt, dass diese Programme die Straffälligkeit erhöhen statt sie zu senken; die Autoren schließen, sie schadeten mehr, als gar nichts zu tun (Petrosino et al., 2013). Für die mediale Abschreckung zeigt die Evaluation der US-amerikanischen Anti-Drogen-Kampagne der frühen 2000er Jahre, eine groß angelegte Beobachtungsstudie, dasselbe Muster in milderer Form: keine günstigen Effekte auf den Cannabiskonsum, möglicherweise verzögerte ungünstige – als Pfad vermuten die Autoren, dass die allgegenwärtige Warnung die Annahme nährte, der Konsum sei weit verbreitet (Hornik et al., 2008). Zur Redlichkeit gehört, die Übersetzungsleistung dazwischen offenzulegen: Randomisierte Studien zum inszenierten Abschreckungs-Parcours mit dem Ziel Substanzprävention existieren nicht; seine Bewertung stützt sich auf das geteilte Wirkprinzip und diese Nachbar-Evidenz. Die Beweislast liegt damit allerdings beim Format: Wer ein unbelegtes Angebot einsetzt, dessen Wirkprinzip in den besten verfügbaren Studien Schäden erzeugt hat, kann sich nicht auf eine Lücke in der Studienlage berufen. Der ist in der Forschung zu ein wiederkehrender Befund.

Die Europäische Gesellschaft für Präventionsforschung () hat diese Befundlage 2019 in einer Stellungnahme zu ineffektiven und potenziell schädlichen Ansätzen in der Suchtprävention zusammengefasst und dabei das Kernproblem benannt: Aussagen wie „Es hat ihnen gefallen" oder „Sie waren beeindruckt" würden häufig als Beweis für Wirksamkeit angesehen. Wären solche Zufriedenheitsurteile ein Beleg, müsste man den Substanzkonsum selbst für evidenzbasiert halten: Seine Konsumenten sagen dasselbe über ihn (EUSPR, 2019). Beeindruckt sein ist ein Erlebnisbericht, kein Befund. Dass ein Format gefragt ist und sich verbreitet, sagt über seine Wirkung auf das Verhalten nichts aus.

So weit, so bekannt. Interessant wird der Fall durch das, was er über die andere Seite verrät: über die Fachwelt, deren Stellungnahmen folgenlos bleiben. Denn aus Sicht der Forschung über politische Entscheidungsprozesse ist der tourende Zug ein Lehrstück.

Munition, selten Schiedsrichter

Fachliche Stellungnahmen, wie sie in der Eingangsszene folgenlos bleiben, haben durchaus ihren Sinn: Sie dokumentieren die Position gegenüber Träger und Landesebene, sie sichern die Fachstelle ab, falls Schäden eintreten, und sie geben der Lokalpresse eine zitierfähige Gegenstimme. Was sie fast nie leisten, ist das, was man sich im Stillen von ihnen erhofft – dass der Befund die Entscheidung dreht. Die Forschung über Forschungsnutzung erklärt, warum diese Hoffnung selten aufgeht. Weiss (1979) unterschied früh mehrere Modelle, wie Forschung in Politik einfließt; durchgesetzt hat sich eine Dreiteilung, die sich an jedem Ratstisch wiedererkennen lässt. Ein Befund kippt eine konkrete Entscheidung: das ist die instrumentelle Nutzung, der seltenste Fall. Häufiger verschiebt Forschung über Jahre, wie ein Problem überhaupt verstanden wird: die konzeptionelle Nutzung. Am häufigsten aber liefert sie Munition für Positionen, die längst bezogen sind: die symbolische Nutzung. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit zur Evidenznutzung in Parlamenten bestätigt diese Rangfolge – der häufigste beobachtete Typus ist die symbolisch-taktische Verwendung: Forschung dient dem Munitionieren von Positionen, der Vorbereitung von Debatten, der Organisation von Konsens (Ouimet et al., 2024).

Das heißt nicht, dass Evidenz politisch wertlos wäre – im Gegenteil. Eine Auswertung von 1.866 Gesetzentwürfen zur Suchtprävention im US-Kongress aus den Jahren 1989 bis 2017 zeigt: Entwürfe, die Forschungssprache verwenden, hatten mehr als doppelt so gute Aussichten, den Ausschuss zu passieren, und deutlich bessere Aussichten, verabschiedet zu werden (Long et al., 2022). Das Design der Studie lässt offen, ob die Forschungssprache selbst den Unterschied macht oder nur die professionelleren Büros markiert, die sie verwenden; belegt ist zunächst der Zusammenhang. Aber auch so gelesen sagt der Befund etwas Wichtiges: Evidenz gehört zum politischen Kapital. Sie wirkt als Ressource im Prozess, selten als sein Schiedsrichter. Dieselbe Auswertung fand übrigens: Kaum ein Entwurf nutzte Forschung dort, wo sie präventiv am meisten hergibt, bei den zugrunde liegenden Risiko- und Schutzfaktoren.

Wer diese Mechanik kennt, liest die Eingangsszene anders. Der Zug verliert den Wettbewerb um die instrumentelle Evidenznutzung haushoch – und gewinnt alle anderen Disziplinen: Er liefert der Kommunalpolitik Sichtbarkeit, den Sponsoren eine Bühne der Fürsorge, der Lokalpresse Bilder und den Eltern das Gefühl, dass gehandelt wird. Die Stellungnahme der Fachstelle konkurriert nicht mit seiner Studienlage. Sie konkurriert mit seinem Angebot.

Warum der Studienstapel verliert

Die Politikwissenschaft hat für diese Asymmetrie eine nüchterne Erklärung. Cairney (2016) beschreibt politische Entscheidungsträger als Akteure unter doppelter Begrenzung. Sie müssen Unsicherheit bewältigen, also fehlendes Wissen; dafür nutzen sie Abkürzungen über Quellen, denen sie vertrauen, und passen neue Information an bestehende Überzeugungen an. Und sie müssen Mehrdeutigkeit bewältigen, also die Frage, als was für ein Problem ein Sachverhalt überhaupt gelten soll; dafür greifen sie auf Emotionen, Vertrautes und Gewohnheiten zurück. Das ist keine Pathologie der Politik; unter Zeitdruck kommt jede Entscheidung so zustande. Cairneys Diagnose lautet, dass die Verfechter der Evidenz meist nur das erste Problem bearbeiten: Bessere Aufbereitung von Studien reduziert Unsicherheit. Welche Deutung sich durchsetzt, entscheidet sich aber am zweiten Problem, über Rahmung und Resonanz – wer mehr Wissenschaft in die Politik bringen will, unterschätzt regelmäßig die Wissenschaft von der Politik. Die wissenschaftliche Evidenzhierarchie, in der die randomisierte Studie und ihre systematische Übersicht oben stehen, bindet Entscheidungsträger dabei nicht: Neben ihr stehen, gleichrangig, die Rückmeldungen aus der Bürgerschaft, die Einschätzung vertrauter Kollegen, die eigene Erfahrung und die politische Machbarkeit (Cairney & Oliver, 2017).

Daraus folgt der Befund, der für Fachgesellschaften am unbequemsten ist: Entscheidungsträger mit Studien zu überhäufen, in der Hoffnung, sie würden ihre Meinung ändern, ist erfolglos – wirksame Einflussnahme verbindet präzise Evidenz mit einer Erzählung, die an die Problemwahrnehmung und die Werte der Adressaten anschließt (Cairney & Oliver, 2017). Genau das leistet der Zug, und zwar ohne jede Studie: Seine Erzählung („Drogen zerstören Leben, wir zeigen es euren Kindern, ihr tut etwas dagegen") ist anschlussfähig an die Sorge von Eltern, das Schutzbedürfnis von Schulleitungen und das Handlungsversprechen von Kommunalpolitik. Die EUSPR selbst hat diese Anziehungskraft in ihrer Stellungnahme bemerkenswert fair beschrieben: Man verstehe, dass Entscheidungsträger in Maßnahmen investieren wollen, die der Öffentlichkeit die Botschaft „endlich macht jemand etwas" vermitteln, und man verstehe die Plausibilität der Leitidee, junge Menschen konsumierten vor allem deshalb, weil sie nicht eindringlich genug gewarnt worden seien (EUSPR, 2019). Die Diagnose ist damit vollständig: Die Fachgesellschaften wissen, warum ihre Stellungnahmen verlieren. Die Konsequenz daraus organisieren sie bislang selten.

Eine Randnotiz verdient eigene Aufmerksamkeit, weil sie das ethische Unbehagen vieler Forschender ernst nimmt. Wer sich auf Erzählungen, Emotionen und Koalitionen einlässt, verlässt die Rolle des neutralen Sachverständigen und wird Partei. Cairney und Oliver (2020) referieren diese Spannung als Wahl zwischen dem ehrlichen Makler, der Optionen erklärt, und dem Anwalt einer Sache, der eine Option vertritt – eine Wahl, die jede wissenschaftliche Einrichtung für sich treffen muss, die aber nicht dadurch verschwindet, dass man sie nicht trifft. Auch der Verzicht auf diese Wahl ist eine Wahl: Wer nur dokumentiert, überlässt das Feld denen, die werben.

Das Fenster und wer es besetzt

Zur Mechanik der Aufmerksamkeit kommt die Mechanik des Zeitpunkts. Das einflussreichste Modell dafür stammt von Kingdon (2011): Politische Entscheidungen kommen zustande, wenn drei ansonsten getrennte Ströme zusammentreffen – ein Problem wird als dringlich wahrgenommen, eine ausgearbeitete Lösung liegt bereit, und die politische Lage macht Handeln attraktiv. Die Momente, in denen sich die Ströme verbinden, nennt Kingdon Gelegenheitsfenster; sie öffnen sich selten, oft unvorhersehbar, und schließen sich schnell. Zwei seiner Beobachtungen sind für die Prävention besonders aufschlussreich. Erstens existieren die Lösungen meist vor den Problemen: Vorschläge treiben um das Regierungshandeln herum und suchen nach Problemen, an die sie sich heften können. Zweitens gewinnen die Akteure, die Kingdon Policy-Unternehmer nennt: Personen, die Zeit, Energie, Reputation und Geld investieren, ihre Umgebung lange vor dem Fenster an ihre Idee gewöhnen – Kingdon nennt das „softening up" – und dann beharrlich warten, in seinem Bild: wie Surfer auf die große Welle. Einzuräumen ist, dass dieses Modell eher eine bewährte Deutungshilfe ist als eine streng geprüfte Theorie; die empirischen Anwendungen bleiben nach der einschlägigen Bestandsaufnahme meist oberflächlich, gerade weil das Modell so eingängig ist (Cairney & Jones, 2016). Für den Hausgebrauch genügt seine Kernbeobachtung: Wer im Fenster handeln will, muss vorher fertig sein.

Übersetzt in den kommunalen Alltag: Das Fenster öffnet sich, wenn ein Vorfall die Stadtgesellschaft aufschreckt – eine Häufung von Drogennotfällen, ein Todesfall, eine beunruhigende Schulbefragung. In diesem Moment fragt der Stadtrat nicht, was die Übersichtsarbeiten sagen. Er fragt, was man jetzt tun kann. Der tourende Zug ist auf diesen Moment gebaut: Er ist die fertige, sichtbare, buchbare Antwort, die dem geöffneten Fenster hinterherreist – Kingdons Lösung auf Problemsuche, in Reinkultur. Die evidenzbasierte Prävention steht demselben Fenster dagegen häufig mit leeren Händen gegenüber: Ihre Antworten liegen selten in der Form vor, die der Moment verlangt – konkret, schnell startklar, fachlich wie politisch anschlussfähig. Das Europäische Präventionscurriculum, das der Advocacy ein eigenes Kapitel widmet, zieht daraus die praktische Lehre: Wer Prävention vertritt, muss evidenzbasierte Antworten vorbereitet halten, schnell reagieren können, wenn Aufmerksamkeit entsteht, und die Schwächen des eigenen Ansatzes kennen, bevor die Kritiker sie finden (EMCDDA, 2019). Entschieden wird in solchen Fenstern ohnehin; die Frage ist, wessen vorbereitete Antwort dann auf dem Tisch liegt.

Beziehung vor Broschüre

Wenn Stellungnahmen allein wenig ausrichten, was dann? Die systematische Übersichtsarbeit von Oliver et al. (2014) über 145 Studien zu Hürden und Förderfaktoren der Evidenznutzung findet an der Spitze der Hürden den fehlenden Zugang zu guter, relevanter Forschung und ihre mangelnde Rechtzeitigkeit – und an der Spitze der Förderfaktoren die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Politik sowie gewachsene Beziehungen. Einzuordnen ist, was diese Literatur misst: überwiegend, was Beteiligte als Hürde und als Hilfe wahrnehmen, keine geprüften Kausalhebel. Auch die florierende Ratgeberliteratur, die Forschenden Beziehungspflege, Geschichten und gutes Timing empfiehlt, klingt nach gesundem Menschenverstand, verdeckt aber erhebliche Widersprüche darüber, welches Problem sie eigentlich lösen soll (Oliver & Cairney, 2019). Die Beziehungsthese ist also die plausibelste Lesart der Befundlage – und wartet selbst noch auf strenge Prüfung.

Umso wichtiger ist, dass ein Teil von ihr inzwischen in randomisierten Studien geprüft wurde – mit demselben Prüfdesign, das die Präventionsforschung an ihre eigenen Programme anlegt. In den USA wurde dafür die „Research-to-Policy Collaboration" entwickelt, ein Verfahren mit zwei Bausteinen: Es erhebt, welche Evidenzbedarfe Abgeordnetenbüros tatsächlich haben, und baut parallel ein Netzwerk von Forschenden auf, das auf Anfragen schnell und zugeschnitten antwortet (Crowley et al., 2018). In der randomisierten Prüfung bewerteten Kongressbüros, die per Los der Zusammenarbeit zugeteilt wurden, Forschung danach als hilfreicher für das Verstehen von Problemen, und in ihren Gesetzentwürfen fand sich mehr Forschungsbezug als in der Kontrollgruppe (Crowley et al., 2021a). Genauso aufschlussreich ist, was sich nicht bewegte: die instrumentelle Nutzung, das unmittelbare Ändern von Entscheidungen. Das Verfahren verschob Prozessgrößen; die Beschlüsse selbst blieben unberührt. Das ist ein ehrliches Maß dafür, was Beziehungsarbeit kurzfristig leisten kann. Der Spiegelbefund auf der anderen Seite: Forschende, die per Los aufgenommen wurden, engagierten sich häufiger und mit weniger Vorbehalten in Politikprozessen als ihre Kollegen in der Kontrollgruppe (Crowley et al., 2021b). Aus dem Pilotprojekt sind die Kosten bekannt: rund 3.500 US-Dollar je betreutem Abgeordnetenbüro (Crowley et al., 2018).

Der konzeptionelle Kern dieser Befunde reicht über das einzelne Verfahren hinaus: Die Lücke zwischen Forschung und Politik ist kein Wissensproblem, das sich durch mehr Veröffentlichungen schließt, sondern ein Infrastrukturproblem – es fehlt an dauerhaften, vertrauensbildenden Verbindungsstellen zwischen zwei Berufswelten mit unterschiedlichen Taktungen, Anreizen und Sprachen (Scott et al., 2024). Einzelne engagierte Forschende können diese Infrastruktur nicht ersetzen; Fachgesellschaften, Landesstellen und Mittlerorganisationen können sie aufbauen. Dass sie dafür Geld brauchen, gehört zur Ehrlichkeit dazu: Beziehungsarbeit zur Kommunalpolitik steht bislang in keiner Leistungsvereinbarung und keinem Zuwendungsbescheid. Die Infrastruktur-Forderung ist deshalb zuerst eine Finanzierungsfrage an Länder, Kassen und Träger.

Zur Redlichkeit gehört auch die Grenze dieser Befunde. Sie stammen fast vollständig aus den USA, überwiegend aus dem Kongress, und eine randomisierte Studie zu einem Vermittlungsverfahren belegt nicht, dass am Ende bessere Politik entsteht. Wie dünn das Eis insgesamt ist, zeigt die bislang umfassendste Bestandsaufnahme: Ein Forschungsteam identifizierte weltweit 1.923 Initiativen zur Verbindung von Forschung und Politik in 513 Organisationen – evaluiert waren nach Schätzung der Autoren nur rund sechs Prozent der dort gezählten Aktivitäten (Oliver et al., 2022). Ein Feld, das anderen Evidenzbasierung empfiehlt, betreibt seine eigene Vermittlungsarbeit weitgehend ungeprüft – eine Pointe, die in keiner Selbstbeschreibung fehlen sollte. Auch die Evaluation von Advocacy selbst bleibt anspruchsvoll, weil politische Prozesse dynamisch sind und sich kausale Zuschreibung oft entzieht; die einschlägige Empfehlung lautet, Advocacy-Strategien über ein explizites zu planen und engmaschig statt summarisch zu berichten (EMCDDA, 2019). Wer Beziehungsarbeit in die Politik dennoch für unfein hält, sollte eines bedenken: Die Gegenseite wartet nicht. Sie hat ihre Beziehungsarbeit längst organisiert – im Sponsorenkreis, im Rathaus, am Bahnsteig.

Die deutsche Übersetzung

Ob diese Befunde im kleinteiligen deutschen Gefüge greifen, ist nicht erforscht; was folgt, ist deshalb begründete Übertragung. Einiges spricht dafür, dass die Beziehungslogik hier leichter umzusetzen ist als im Kongress: Die Entscheidungsorte – Kreistag, Schulausschuss, Jugendamt, kommunaler Präventionsrat, die Gremien der gesetzlichen Krankenkassen – sind für eine Fachstelle tatsächlich erreichbar. Dazu kommt ein Ort, den die Eingangsszene leicht übersehen lässt: die Schulen selbst. Gebucht wird ein tourendes Format am Ende von Schulleitungen und Lehrkräften, denen es einen kostenlosen, vorbereitungsfreien Vormittag anbietet. Wer es aufhalten will, erreicht in der Dienstbesprechung der Schulleitungen und über die Qualitätskriterien der Schulaufsicht für externe Angebote oft mehr als in jeder Ratsdebatte.

Bausteine der Infrastruktur existieren längst. Die Landespräventionsräte verbinden Ressorts und Ebenen. Die Grüne Liste Prävention liefert die vorbereitete Antwort auf die Frage „Was können wir stattdessen tun?". Der bindet die Präventionsmittel der Kassen an Kriterien, die ein tourendes Abschreckungsformat nicht erfüllt: Von der Förderung ausgeschlossen sind unter anderem isolierte, nicht in ein Gesamtkonzept eingebundene Maßnahmen externer Anbieter und ausschließlich öffentlichkeitsorientierte Aktionen (GKV-Spitzenverband, 2025). Zeigt sich eine Kasse dennoch an einem solchen Format, darf das jedenfalls nicht aus den leitfadengebundenen Präventionsmitteln geschehen – auf diese Spannung kann eine Fachstelle den Kassenvorstand sehr höflich hinweisen. Kommunale Koalitionsmodelle wie schließlich organisieren die dauerhafte Verbindung von lokalen Daten, lokalen Akteuren und geprüften Programmen, die im Gelegenheitsfenster handlungsfähig macht. Die Logik des , nach der Prävention in Lebenswelten von den Akteuren des Settings gemeinsam beschlossen und getragen wird, institutionalisiert damit genau das, was Kingdon den Policy-Unternehmern abverlangt: die Vorbereitung auf das Fenster, bevor es sich öffnet.

Was auf welcher Ebene liegt, lässt sich nüchtern trennen. Eine einzelne Fachstelle mit knappen Stellenanteilen kann drei Dinge vorhalten: je einen gepflegten Kontakt in Rathaus, Schulamt und Lokalredaktion, bevor es einen Konfliktfall gibt; einen Platz im kommunalen Präventionsgremium, der diesen Kontakten ein Mandat gibt; und das vorbereitete Angebot für das nächste Fenster, von dem gleich die Rede ist. Der Aufbau von Vermittlungsinfrastruktur und die Qualifizierung von Entscheidungsträgern dagegen sind Aufgaben der Landesstellen, Verbände und Fachgesellschaften. Für Letzteres verweist die EUSPR in ihrer Stellungnahme ausdrücklich darauf, dass Entscheidungsträger und Meinungsbildner das Rüstzeug zur Unterscheidung wirksamer von unwirksamer Prävention in wenigen Tagen erwerben können – die Fortbildungen zum Europäischen Präventionscurriculum sind für genau dieses Publikum entworfen worden (EUSPR, 2019). Das ist die unspektakuläre, aber belastbare Form von Advocacy: die Qualifizierung derjenigen, die entscheiden, bevor der Konflikt beginnt – leiser als jede Stellungnahme im Konfliktfall, und früher.

Das bessere Angebot

Zurück zur Eingangsszene. Man kann sie als Niederlage der Evidenz lesen, und kurzfristig ist sie das. Man kann sie aber auch als vollständige Aufgabenbeschreibung lesen. Der Zug gewinnt, weil er ein Gelegenheitsfenster besetzt, eine anschlussfähige Erzählung anbietet, eine lokale Koalition organisiert und seinen Unterstützern eine Bühne baut – und, das gehört zur Analyse, weil sein Sponsorenmodell die Kommune keinen Euro Eigenanteil kostet, während das evidenzbasierte Programm im Zuwendungsbescheid auftauchen muss. Nichts davon ist der Fachwelt verboten, manches muss sie anders lösen. Das vorbereitete Angebot für das Fenster ist deshalb nicht „das Programm": Kein evidenzbasiertes Schulprogramm lässt sich in zwei Wochen sichtbar machen, es braucht Schulkonferenz, Fortbildung, Schuljahresrhythmus. Das vorbereitete Angebot ist ein Einseiter mit zwei Stufen – ein sofort sichtbarer Baustein für die Woche nach dem Vorfall, etwa der moderierte Elternabend, das Fachgespräch im Ausschuss, die gemeinsame Presseerklärung mit dem Bürgermeister, die Sprechstunde an der betroffenen Schule; und dahinter der Programmpfad mit Zeitplan und Kostentableau. Mit diesem Blatt in der Schublade konkurriert eine Fachstelle auf Augenhöhe, zumal die EUSPR zu Recht darauf hinweist, dass die wirksamen Alternativen auch günstiger sein können als das, was sie ersetzen (EUSPR, 2019).

Ein Sonderfall verdient eigene Vorbereitung, weil ihn fast jede Fachstelle erlebt, durch deren Region eine solche Tournee rollt: die Einladung zur Mitwirkung. Ob man nicht die pädagogische Vor- und Nachbereitung der Besuche übernehmen wolle? Wer ablehnt, überlässt das Format sich selbst und gilt fortan als Bedenkenträger; wer zusagt, legitimiert es und erscheint auf dem Pressefoto. Auch das ist ein Gelegenheitsfenster, nur ein unbequemes – und auch hier entscheidet die Vorbereitung. Mitwirkung gegen Bedingungen, etwa eine Nachbereitung als eigenständiges Format mit eigener Botschaft und eigener Auswertung, kann aus der Vereinnahmung einen Auftritt machen. Ohne vorbereitete Bedingungen bleibt nur die Wahl zwischen zwei Verlusten.

Einen Vorsprung behält die evidenzbasierte Seite, den sie nicht aus der Hand geben sollte, weil er sie von dem unterscheidet, womit sie konkurriert: Sie kann ihre eigenen Grenzen mitliefern. Sie kann sagen, was ihre Programme nicht können, wo die Befunde dünn sind und woran man scheitern kann. Kurzfristig kostet das, denn im Wettbewerb um Aufmerksamkeit schlägt die einfache Gewissheit das ehrliche Vielleicht. Sein Wert liegt in der Wiederholung: Fenster öffnen sich wieder, und wer beim letzten Mal nicht übertrieben hat, wird beim nächsten Mal gefragt. Dazu gehört, die eigene Position offenzulegen: Auch dieser Beitrag ist Interessenvertretung – sein Herausgeber bildet nach dem Europäischen Präventionscurriculum fort, begleitet kommunale Koalitionen und ist im Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Mittel selbst Partei. Advocacy ohne Selbstprüfung wäre Lobbyismus mit Literaturverzeichnis; Advocacy mit ihr ist die organisierte Form intellektueller Redlichkeit. Die EUSPR beschließt ihre Stellungnahme mit dem Satz, Prävention solle auf Rationalität und Wissenschaft gründen, nicht auf Popularität (EUSPR, 2019). Dem ist nur eine Beobachtung hinzuzufügen: Damit die Rationalität gewinnt, muss jemand für sie werben – vorbereitet, beziehungsstark und rechtzeitig am Fenster.

Literaturverzeichnis

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