Prävention

Prävention als Beziehungsarbeit. Was Thomas Fuchs' ökologisches Paradigma für die Debatte um schulische Mental-Health-Programme bedeutet

Schulische Mental-Health-Programme wirken im Schnitt kaum, manche schaden. Was Thomas Fuchs' ökologisches Paradigma für eine beziehungsorientierte Prävention psychischer Gesundheit bedeutet.

Veröffentlicht
Lesezeit
~ 12 min
Inhaltsverzeichnis
  1. Die Mental-Health-Erzählung und ihr reduktionistisches Erbe
  2. Der verkörperte, eingebettete Mensch
  3. Beziehung als Wirkfaktor
  4. Die Frage umkehren: vom Programm zur Lebenswelt
  5. Das Setting diagnostizieren, nicht das Kind
  6. Literaturverzeichnis

An einer Schule, mit der wir zusammenarbeiten, reagierten Jugendliche verärgert auf die Veranstaltung eines externen Anbieters zur psychischen Gesundheit. Sinngemäß sagten sie: Was Depression oder Angst seien, wüssten sie selbst. Was sie wollten, sei, ernst genommen zu werden und dass sich etwas in ihrem schulischen Umfeld ändere, dass Lehrkräfte und Eltern verstünden, was sie eigentlich brauchen und woran sie leiden. Stattdessen habe man ihnen vermittelt, ab wann ihr Erleben ein Fall psychischer Krankheit sei, für den man Verständnis aufbringen und sich Behandlung suchen solle.

Diese Reaktion ist mehr als eine Anekdote. Sie trifft den Punkt, an dem zwei unbequeme Befunde stehen, die in den vergangenen Monaten an dieser Stelle diskutiert worden sind. Der erste: Schulbasierte Programme zur psychischen Gesundheit können schaden, und gerade die methodisch besten Studien finden negative Effekte am häufigsten (Primum non nocere). Der zweite: Im Durchschnitt wirken solche Programme nur sehr schwach, und je näher der mittlere Nutzen an der Null liegt, desto schwerer wiegt jeder Schaden an den Rändern (Kleine Effekte, große Fragen). Beide Beiträge enden an derselben Stelle: bei der Vermutung, dass das Feld der schulischen Programme zur psychischen Gesundheit den falschen Hebel ansetzt.

Vor diesem Hintergrund liest sich ein Buch, das gar nicht von Prävention handelt, wie eine Tiefenbegründung für genau diese Vermutung. Der Heidelberger Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs hat 2023 Psychiatrie als Beziehungsmedizin. Ein ökologisches Paradigma vorgelegt. Es richtet sich an das eigene Fach. Doch sein eigentlicher Gegenstand ist die Erzählung, die wir über psychisches Leiden führen, und die fordert er grundlegend heraus. Dieser Beitrag übernimmt den Gang von Fuchs' Darstellung, von der Kritik am reduktionistischen Modell über das verkörperte Subjekt in Beziehungen bis zum integrativen ökologischen Paradigma, und liest ihn als Antwort auf die Frage, die unsere bisherige Debatte offengelassen hat.

Die Mental-Health-Erzählung und ihr reduktionistisches Erbe

Fuchs beginnt mit einer Diagnose über die Psychiatrie. Das jahrzehntelang dominierende Modell, wonach „psychische Krankheiten Gehirnkrankheiten" seien, habe trotz enormer Forschungsinvestitionen kaum diagnostisch oder therapeutisch relevante Ergebnisse erbracht. Sein Kernfehler liegt für Fuchs in einem reduktionistischen Schritt: Das Leiden wird im Individuum lokalisiert, genauer in dessen Gehirn, während die biographischen und sozialen Kontexte aus dem Blick geraten. Subjektives Erleben gilt dann nur noch als Begleiterscheinung neuronaler Prozesse, die das Leiden selbst nicht erklären.

Ein analoger Schritt findet sich nicht in der Prävention insgesamt. Ihre settingbezogene, sozial-ökologische Tradition wurde im Gegenteil gerade gegen die Verengung auf das Individuum entwickelt. Wohl aber begegnet er in bestimmten Diskursen über die psychische Gesundheit junger Menschen. Am deutlichsten zeigt er sich in der Erzählung von der „Mental Health Awareness": Es gibt eine Krise, sie äußert sich in steigenden Symptomzahlen, und die Antwort besteht darin, junge Menschen über psychische Gesundheit aufzuklären, ihre „Mental Health Literacy" zu erhöhen und mehr Behandlungskapazität bereitzustellen. Das Problem sitzt dann im Individuum, das zu wenig weiß, zu wenig Bewältigungsstrategien hat oder zu spät Hilfe sucht, und die Lösung ist, ihm dieses Wissen per Programm zu vermitteln. Bemerkenswert ist, dass dieser Sog zur Individualisierung nicht nur die schlichten Aufklärungskampagnen erfasst. Er reicht bis in elaborierte, durchaus komplexe Zugänge zur psychischen Gesundheit, die das Leiden trotz aller Differenzierung als einen Zustand im Einzelnen fassen, den man erkennen und behandeln müsse.

Genau dieses Modell gerät empirisch ins Wanken. Ein Scoping Review über mehr als 30 Jahre Forschung untersuchte kontrollierte Studien zu schulischen Gruppenprogrammen auf Basis kognitiver Verhaltenstherapie oder Achtsamkeit, die internalisierende Symptome senken oder das Wohlbefinden steigern sollten. Knapp 9 Prozent dieser Interventionen berichteten mindestens ein negatives Ergebnis, in den methodisch hochwertigsten Studien ein Drittel (Guzman-Holst et al., 2025). Die Beispiele sind konkret: In einem Programm auf KVT-Basis stieg die Angst ausgerechnet bei Kindern aus einkommensschwachen Familien; in einem großangelegten achtsamkeitsbasierten Programm verschlechterten sich Symptome und Wohlbefinden gerade bei den ohnehin stärker belasteten Jugendlichen (beide berichtet in Guzman-Holst et al., 2025). Eine Metaanalyse über 18 randomisierte Studien beziffert den durchschnittlichen Gesamteffekt zudem auf ein Hedges' g von 0,068, also nahe der Wirkungslosigkeit, wobei universelle Programme schwächer abschneiden als zielgerichtete (Lemberger-Truelove et al., 2026).

Warum solche Programme im Einzelfall schaden, ist nicht abschließend geklärt. Das Review trägt aber die Erklärungen zusammen, die die Studienautoren selbst anbieten. Am häufigsten genannt wird, dass die Programme Jugendliche auf ihre negativen Gedanken und Gefühle aufmerksam machen, ohne ihnen rechtzeitig tragfähige Mittel zum Umgang damit zu vermitteln. Zwei weitere Vermutungen treten hinzu: dass Teilnehmende, die selbst nicht profitieren, sich mit anderen vergleichen und der starke Fokus auf das eigene Innenleben Aufmerksamkeit von prosozialem Verhalten abzieht; und dass manche gemessene Verschlechterung eher eine genauere Selbstwahrnehmung als einen echten Rückgang abbildet, also präziseres Berichten. Aufschlussreich ist, dass rund die Hälfte der Studien einräumt, der Inhalt der Intervention selbst könnte zum negativen Ergebnis beigetragen haben, und dass dem Feld nach eigener Aussage eine belastbare Theorie der Wirkmechanismen fehlt (Guzman-Holst et al., 2025).

Erhöhte Aufmerksamkeit ohne veränderte Lage schlägt ins Gegenteil um. In Fuchs' Begriffen ist das kein Betriebsunfall, sondern die vorhersehbare Folge des reduktionistischen Schritts. Wer das Leiden im Inneren des Einzelnen verortet und es durch Information bearbeiten will, verfehlt die Ebene, auf der es entsteht, und verstärkt die Belastung im schlechten Fall noch.

Der verkörperte, eingebettete Mensch

Was Fuchs der reduktionistischen Erzählung entgegensetzt, ist kein weicherer, sondern ein komplexerer Zugang. Er stellt das Paradigma der verkörperten Kognition vor, in der internationalen Debatte als „5E" geführt: Kognition ist verkörpert (embodied), handlungsbezogen und enaktiv (enactive), in die Umwelt ausgedehnt (extended), in die soziokulturelle Sphäre eingebettet (embedded) und emotional grundiert (emotive). Der Mensch ist demnach kein abgeschlossenes Rechenzentrum, das die Welt im Inneren abbildet, sondern ein leibliches Wesen, das sich in fortlaufender Wechselwirkung mit seiner Umgebung allererst bildet. Das Gehirn ist darin Vermittlungs- und Transformationsorgan, nicht monolinearer Verursacher.

Daraus folgt eine andere Auffassung von psychischem Leiden. Es ist für Fuchs nicht ein verborgener Defekt im Inneren, sondern eine Störung der leiblichen, zwischenleiblichen und sozialen Existenz. Er zitiert den Satz des phänomenologischen Psychiaters van den Berg: „Der Patient ist krank, das heißt, seine Welt ist krank." Wer leidet, lebt nicht in derselben Welt wie zuvor, nur mit einem inneren Mangel, sondern in einer veränderten Welt, deren Angebote sich verengt, deren Resonanzräume sich geschlossen haben.

Für die Prävention ist das eine grundlegende Korrektur des Menschenbildes. Sie hat es nicht mit körperlosen Informationsverarbeitern zu tun, denen das richtige Wissen fehlt, sondern mit verkörperten, eingebetteten Personen. Genau deshalb wirkt das Merkblatt über psychische Gesundheit so wenig, und genau deshalb kann es kontraproduktiv sein, die Aufmerksamkeit auf innere Zustände zu lenken, solange die Lage, die sie hervorbringt, unverändert bleibt. Bezeichnenderweise findet selbst der schulweite Ansatz sozial-emotionalen Lernens nur kleine Effekte, und was dabei moderiert, ist nicht der Lehrplan, sondern die Einbindung einer Gemeinde-Komponente, also der Kontext (Goldberg et al., 2019). Was verkörpert, eingebettet und im Zusammenspiel mehrerer Ebenen geschieht, trägt weiter als die isolierte Botschaft an das einzelne Kind.

Beziehung als Wirkfaktor

Das Herzstück von Fuchs' Buch ist das Kapitel über das verkörperte Subjekt in Beziehungen. Der Mensch ist konstitutiv ein Beziehungswesen. In der vorsprachlichen Zwischenleiblichkeit stehen wir von früher Kindheit an in leiblicher Resonanz mit anderen, lange bevor wir einander Überzeugungen zuschreiben. Die gelingende, wechselseitig anregende Beziehung fasst Fuchs mit einem Begriff von Jürg Willi als „beantwortetes Wirken" und mit Hartmut Rosa als soziale Resonanz; den Aktions- und Beziehungsraum, den eine Person bewohnt und gestaltet, nennt er ihren Lebensraum oder ihre „persönliche Nische". Gesundheit erscheint in diesem Licht nicht als Zustand, sondern als fortlaufende, aktive Regulation der zentralen Selbst- und Beziehungsbedürfnisse: nach Sicherheit und Vertrautheit, nach Selbstwert und Anerkennung, nach Resonanz und wirksamem Handeln.

Die Merkmale, die Fuchs für diese Gesundheit benennt, lesen sich wie das Inhaltsverzeichnis der Schutzfaktorenforschung: eine durch Resilienz, Selbstwirksamkeits- und Kohärenzerfahrungen aufgefangene Vulnerabilität, Responsivität gegenüber den Angeboten der sozialen Umwelt, eine resonante persönliche Nische und ein „sense of coherence", die Erfahrung, dass die eigene Existenz sinnhaft und eingebettet ist. Eben diese Größen sind in der empirischen Prävention die tragenden Schutzfaktoren. Schulische Verbundenheit, das Gefühl, in der Schule angenommen und zugehörig zu sein, hängt verlässlich mit geringeren Angst- und Depressionssymptomen zusammen, und zwar auch dann, wenn man die Verbundenheit zu Gleichaltrigen herausrechnet (Perkins et al., 2021). Das von Aaron Antonovsky geprägte salutogenetische Konzept des Kohärenzsinns hat sich über zahlreiche Studien hinweg als Gesundheitsressource bewährt und wird in der Gesundheitsförderung junger Menschen gezielt herangezogen (García-Moya & Morgan, 2016).

Auch die Bedeutung von Risiken spricht für diese Lesart. Belastende Kindheitserfahrungen hängen in einer abgestuften Dosis-Wirkungs-Beziehung mit späteren Beeinträchtigungen zusammen, von Suchterkrankungen über depressive Symptome bis zu früher Mortalität (Felitti et al., 1998). Doch diese Belastungen sind selbst relationaler und umweltbezogener Natur: Sie betreffen Familien, Bindungen und soziale Lagen. Fuchs schärft das mit seinem Begriff der zirkulären Vulnerabilität. Verletzlichkeit ist demnach kein stabiler, rein biologischer Marker, sondern eine biographisch erworbene Disposition, die sich im Zusammenspiel von Anlage, Erfahrung und Umwelt herausbildet und gerade deshalb veränderbar bleibt. Beziehung ist also nicht eine nachträgliche Zugabe zum Schutz, sondern das Medium, in dem der Mensch überhaupt zu sich kommt. Was am stärksten schützt, sind Beziehungsqualitäten, und genau die kann ein Curriculum, das Wissen an Einzelne verteilt, nicht herstellen.

Die Frage umkehren: vom Programm zur Lebenswelt

Im fünften Kapitel führt Fuchs die Fäden zu einem integrativen ökologischen Paradigma zusammen. Sein humanökologisches Modell denkt die Wirklichkeit als hierarchisch gestaffelte Systeme: von Zellen und Organen über die Person zu Familie, Gemeinschaft und Gesellschaft. Zwischen den Ebenen besteht vertikale, innerhalb jeder Ebene horizontale zirkuläre Kausalität. Psychische Gesundheit beruht auf der Integration des Organismus und zugleich auf der Einbettung in gelingende soziale Beziehungen. Folgerichtig spricht Fuchs von einer „Therapie sozialer Systeme": von Interventionen, die auf der Ebene von Familie, Nachbarschaft und Gemeinde ansetzen und die Lebensräume so gestalten, dass Anerkennung und Gastfreundschaft an die Stelle von Ausschließung treten.

Hier trifft sich Fuchs mit dem offenen Ende unserer Debatte. Der Beitrag über die kleinen Effekte hatte als blinden Fleck des gesamten Feldes der schulischen Programme benannt, dass es innerhalb eines curricularen Paradigmas operiert: Jugendliche erhalten ein Programm, und die Forschung fragt, ob es im Durchschnitt etwas bewirkt. Was sie nicht fragt, ist, was in der Umgebung der Jugendlichen Belastung erzeugt. Die dort vorgeschlagene Umkehrung der Fragerichtung, von „Welches Programm wirkt?" zu „Welche Risiko- und Schutzfaktoren prägen das Aufwachsen an dieser Schule, und wie lassen sie sich verändern?", ist nichts anderes als der Übergang vom individuumszentrierten zum ökologischen Blick. Fuchs liefert dafür die anthropologische Begründung. Wenn der Mensch ein verkörpertes Subjekt in Beziehung ist, dann ist die settingbezogene Prävention, wie sie der für die Lebenswelten Kita, Schule, Kommune und Pflege vorsieht, nicht die weichere, sondern die sachlich angemessene Ebene. Sie ist die vorgelagerte Form jener „Therapie sozialer Systeme": Statt gestörte Lebensräume zu reparieren, stärkt sie sie, bevor die Störung entsteht.

Das ist zugleich die Antwort auf die Frage, die in der Mental-Health-Erzählung meist schon beantwortet scheint. Fuchs buchstabiert sie für die Prävention nicht aus, doch aus seiner Argumentation lässt sich ein Schluss ziehen: dass der psychischen Krise junger Menschen nicht primär mit mehr Aufklärung und mehr Behandlungskapazität beizukommen ist. Beides hat seinen Ort, doch beides setzt am Einzelnen an, nachdem die Belastung entstanden ist. Der ökologische Blick fragt vorher und eine Ebene höher: nach den Beziehungen, der Zugehörigkeit, den Resonanzräumen, kurz nach den Bedingungen des gemeinsamen Lebens, in denen Gesundheit entsteht oder verfehlt wird. Die Jugendlichen aus dem eingangs geschilderten Beispiel haben das auf ihre Weise längst gesagt: Sie wollten nicht über ihr Innenleben belehrt werden, sondern verlässliche Beziehungen zu Erwachsenen, Mitsprache und das Gefühl, gehört und ernst genommen zu werden. Und sie wollten, dass sich ihre Lage tatsächlich ändert.

Das Setting diagnostizieren, nicht das Kind

Fuchs schließt sein Buch mit dem Plädoyer für eine „Beziehungsdiagnostik". Sie ist personzentriert statt symptomzentriert und fragt nicht nur nach gestörtem Erleben, sondern nach der ganzen Person, ihrer Biographie, ihren Resonanzräumen und ihrer persönlichen Nische. Übertragen auf die Prävention heißt das: eine Beziehungsdiagnostik des Settings. Lokale Daten sind dann nicht als Fahndung nach Risikoindividuen zu lesen, sondern als Lesbarkeit der relationalen Ökologie einer Schule: Wo ist Zugehörigkeit dünn? Wo ist beantwortetes Wirken blockiert? Wo fehlen Räume, in denen junge Menschen Wirksamkeit erfahren? Das verschiebt den diagnostischen Blick von der Frage „Wer ist gefährdet?" zur Frage „Welche Beziehungsqualität trägt dieses Setting, und wo lässt sie sich stärken?".

Eine solche Lesart erklärt nebenbei auch die Schadensbefunde, an denen die Debatte ihren Ausgang nahm. Wenn man Einzelne auf ihr Innenleben aufmerksam macht oder sie als behandlungsbedürftig markiert, ohne ihre Lage zu verändern, greift man auf der falschen Ebene ein, und ein vertikaler wie horizontaler Rückkopplungsprozess kann ins Negative kippen. Die Schäden sind dann kein Argument gegen Prävention, sondern gegen eine Prävention, die das verkörperte Subjekt in Beziehung mit einem zu informierenden Innenraum verwechselt.

Hier liegt zugleich die Grenze des Arguments, und Fuchs zieht sie selbst. Sein Paradigma ist nicht antibiologisch und nicht behandlungsfeindlich. Es ist polyperspektivisch: somatische, psychische und soziale Zugänge greifen kreisförmig ineinander und lassen sich komplementär einsetzen. Wer akut leidet, braucht Zugang zu guter Behandlung, und gut belegte Programme haben ihren Platz. Der Punkt ist nicht, das eine gegen das andere auszuspielen, sondern die Ebene zu treffen. Aus Präventionssicht liegt der Hebel nicht in noch mehr Aufklärung über innere Zustände, sondern in den Verhältnissen, die diese Zustände prägen.

Schließlich verlangt diese Sichtweise eine bestimmte Haltung gegenüber denen, um die es geht. Wer Beziehung als Wirkfaktor ernst nimmt, beschreibt junge Menschen nicht über ihre Defizite, sondern über ihre Ressourcen und ihre Einbettung. Das ist keine rhetorische Feinheit, sondern eine Konsequenz aus dem Modell: Die Nische lässt sich nur stärken, wenn man die Person als wirksames, beziehungsfähiges Subjekt anspricht und nicht als Träger eines Mangels, den ein Programm zu beheben hätte.

Fuchs hat sein Buch für die Psychiatrie geschrieben. Für die Prävention liest es sich zugleich als Bestätigung dessen, was ihre settingbezogene Tradition ohnehin behauptet, und als Einspruch gegen einen Diskurs, der die psychische Krise junger Menschen vor allem als Mangel an Aufklärung und Behandlung erzählt. Wo diese Erzählung den Ton angibt, werden Programme verfeinert, deren Durchschnittsnutzen klein bleibt und deren Risiken spät bemerkt werden. Die andere Erzählung ist anspruchsvoller, weil sie an den Verhältnissen ansetzt. Sie verbindet, was die Forschung über wirksamen Schutz weiß, mit dem Alltag der Schulen, Kommunen und Familien, in denen Beziehung gelingt oder misslingt. Genau auf dieser Brücke steht die Arbeit, die noch zu tun ist.

Literaturverzeichnis

Felitti, V. J., Anda, R. F., Nordenberg, D., Williamson, D. F., Spitz, A. M., Edwards, V., Koss, M. P., & Marks, J. S. (1998). Relationship of childhood abuse and household dysfunction to many of the leading causes of death in adults: The Adverse Childhood Experiences (ACE) Study. American Journal of Preventive Medicine, 14(4), 245–258. https://doi.org/10.1016/s0749-3797(98)00017-8

Fuchs, T. (2023). Psychiatrie als Beziehungsmedizin: Ein ökologisches Paradigma. W. Kohlhammer.

García-Moya, I., & Morgan, A. (2016). The utility of salutogenesis for guiding health promotion: The case for young people's well-being. Health Promotion International, 32(4), 723–733. https://doi.org/10.1093/heapro/daw008

Goldberg, J. M., Sklad, M., Elfrink, T. R., Schreurs, K. M. G., Bohlmeijer, E. T., & Clarke, A. M. (2019). Effectiveness of interventions adopting a whole school approach to enhancing social and emotional development: A meta-analysis. European Journal of Psychology of Education, 34(4), 755–782. https://doi.org/10.1007/s10212-018-0406-9

Guzman-Holst, C., Davis, R. S., Andrews, J. L., & Foulkes, L. (2025). Scoping review: Potential harm from school-based group mental health interventions. Child and Adolescent Mental Health, 30(3), 208–222. https://doi.org/10.1111/camh.12760

Lemberger-Truelove, M. E., Li, D., Kim, H., Hill, D. D., Dickson, R., & Kang, Z. (2026). School mental health interventions for adolescents: A meta-analysis of effectiveness and relevant moderators. Adolescents, 6(1), 6. https://doi.org/10.3390/adolescents6010006

Perkins, K. N., Carey, K., Lincoln, E., Shih, A., Donalds, R., Kessel Schneider, S., Holt, M. K., & Green, J. G. (2021). School connectedness still matters: The association of school connectedness and mental health during remote learning due to COVID-19. The Journal of Primary Prevention, 42(6), 641–648. https://doi.org/10.1007/s10935-021-00649-w

Kontakt

Kontakt aufnehmen

Drei Wege, mit uns zu sprechen.

+49 (0)30 754 395 751Mo–Fr · 09:00 – 17:00 Uhr
Terminbuchung

Mandy Tuxhorn, M.Sc.