Prävention

Der früheste Ansatzpunkt: Was familienbezogene Prävention leisten kann und wen sie nicht erreicht

Kaum ein Befund der Präventionsforschung ist so gut belegt wie der Hebel der Erziehung, und kaum ein Setting wird so zuverlässig verfehlt. Über den Wirkmechanismus, die Effektgrößen, die Grenzen der bekanntesten Programme und die eigentliche Frage der familienbezogenen Prävention: die nach der Erreichbarkeit und den Verhältnissen, in denen Familien leben.

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Inhaltsverzeichnis
  1. Warum die Familie zuerst kommt
  2. Ist Erziehung Ursache oder bloß Begleiterscheinung?
  3. Was Elterntrainings wirklich bewegen
  4. Die Bausteine, nicht die Marke
  5. Wenn das Vorzeigeprogramm die Grenze überquert
  6. Das eigentliche Nadelöhr: Erreichbarkeit
  7. Was in Deutschland fehlt
  8. Vom Programm zur fördernden Umwelt
  9. Literaturverzeichnis

Zu einem Elterntraining, dessen Wirksamkeit in kontrollierten Studien belegt ist, lädt eine Kommune zehn Familien ein. Drei melden sich an, eine erscheint regelmäßig. Die Szene ist erfunden, aber sie verdichtet einen dokumentierten Normalfall: Rekrutierungsquoten familienbezogener Programme liegen zwischen 3 und 35 Prozent, im Mittel bricht gut ein Viertel der angemeldeten Eltern vorzeitig ab (Smokowski et al., 2018). Und es sind oft nicht die Familien mit dem größten Bedarf, die den Weg ins Programm finden. Damit beginnt die familienbezogene Prävention mit einem Paradox. Kaum ein Befund der Präventionsforschung ist so gut abgesichert wie der, dass die Familie der früheste und einer der wirksamsten Ansatzpunkte für die Entwicklung von Kindern ist. Und kaum ein Setting wird so zuverlässig verfehlt wie eben dieses.

Dieser Beitrag nimmt beide Seiten ernst: den belastbaren Hebel und das ungelöste Reichweitenproblem. Er fragt, warum die Familie zuerst kommt, ob Erziehung Ursache oder bloßer Begleitumstand ist, was Elterntrainings messbar bewegen, warum die bekanntesten Programme an Grenzen stoßen und weshalb das eigentliche Nadelöhr am Ende nicht die Wirksamkeit ist, sondern der Zugang zu den Familien.

Warum die Familie zuerst kommt

Dass die Familie der erste Ort von Entwicklung ist, klingt nach einer Selbstverständlichkeit. Sie hat aber eine präzise entwicklungspsychologische Fassung, und die stammt von Urie Bronfenbrenner. Sein Begriff des Mikrosystems beschreibt „ein Muster von Aktivitäten, Rollen und zwischenmenschlichen Beziehungen, das die sich entwickelnde Person in einem gegebenen Setting erfährt" (Bronfenbrenner, 1979, S. 22). Die Familie ist das erste und über die längste Zeit hinweg wirksamste dieser Mikrosysteme. Was sie auszeichnet, lässt sich nach Bronfenbrenner nicht beliebig in andere Settings verlagern. In einer Familie kümmert sich eine gleichbleibende Bezugsperson um Kinder unterschiedlichen Alters; in einer Einrichtung wechseln die Betreuenden im Schichtdienst, weshalb „die Entwicklung zunehmend komplexer Muster wechselseitiger Aktivität im Kontext einer starken und dauerhaften emotionalen Bindung weniger wahrscheinlich" sei (Bronfenbrenner, 1979, S. 185).

Bronfenbrenner hat diesen Gedanken in eine Formel gebracht, die seither oft zitiert wird: Entwicklung verlange das „dauerhafte, irrationale Engagement eines oder mehrerer Erwachsener in Fürsorge und gemeinsamer Aktivität mit dem Kind" (Bronfenbrenner, 1979, S. 185). Das Wort „irrational" ist mit Bedacht gewählt. Es bezeichnet die unbedingte Parteilichkeit, das einem Kind zugewandte Übermaß an Zuwendung, das gerade keine professionelle Rolle in ihrer Definition vorsieht, weil diese Distanz verlangt. Genau hier liegt die Pointe für die Prävention: Kein Programm und keine Fachkraft ersetzt diese Bindung; beide können sie nur stützen oder schwächen. Wer die Familie als Setting ernst nimmt, arbeitet deshalb familienstärkend und nicht familienersetzend – ohne damit die professionelle Beziehungsarbeit in Pflegefamilie, Heim oder Tagesgruppe abzuwerten, die ebenfalls von verlässlicher Bindung lebt. Ein zeitlich befristetes Programm kann diese Bindung stützen; herstellen muss sie die Familie selbst.

Was Bronfenbrenner strukturell beschreibt, fasst die deutsche Sozialisationsforschung als Funktion. Sie nennt die Familie die „primäre Sozialisationsinstanz", weil diese „gezielt auf die Art und Weise der Aneignung und Verarbeitung der Realität" einwirkt (Hurrelmann, 2012, S. 66). Klaus Hurrelmann beschreibt sie als sozialen Filter: Impulse aus Kindergarten, Gleichaltrigengruppe und Medien dringen in die Familie ein, werden dort aber „verarbeitet und interpretiert", sodass ein Kind im Kindergarten- und Grundschulalter „die soziale Welt durch die Augen des ›Systems Familie‹" wahrnehme (Hurrelmann, 2012, S. 126). Wer hier ansetzt, beeinflusst mit, wie alle späteren Einflüsse überhaupt aufgenommen werden. Dieser Filter ist sozial nicht neutral: Welche Impulse eine Familie abfedern kann, hängt von ihren Ressourcen ab und damit von Bedingungen, die außerhalb der Familie liegen.

Dass diese frühe Prägung kein weiches Thema ist, zeigt der Blick auf die Krankheitslast. Der einflussreiche Bericht der US-amerikanischen Akademien fasst Jahrzehnte der Forschung in einem Satz zusammen: Die meisten psychischen, emotionalen und verhaltensbezogenen Störungen haben ihre Wurzeln in Kindheit und Jugend; von den Erwachsenen, die je eine solche Störung berichten, datiert mehr als die Hälfte den Beginn auf Kindheit oder Jugend (National Research Council & Institute of Medicine, 2009, S. 1). Und die Jahre bis etwa zum fünften Lebensjahr gelten als Phase, in der sich Entwicklung schneller vollzieht als in jeder späteren und in der „die Gelegenheit, ein Fundament für die weitere Entwicklung zu legen, am größten ist" (National Research Council & Institute of Medicine, 2009, S. 72). Wer früh ansetzen will, kommt an der Familie nicht vorbei.

Dass dieser frühe Hebel real ist, zeigen die methodisch stärksten Langzeitstudien des Feldes, die randomisierten Hausbesuchsprogramme der . In der Elmira-Kohorte ließen sich neunzehn Jahre nach der Geburt Wirkungen vor allem bei den Töchtern nachweisen (Eckenrode et al., 2010); in der Memphis-Kohorte erreichten die besuchten Kinder von Müttern mit geringen psychischen Ressourcen bessere mathematische Leistungen (Effektstärke 0,38) und, als Tendenz, weniger Verurteilungen bei den jungen Frauen (Kitzman et al., 2019). Auch das gehört zur Redlichkeit: Die Effekte sind nicht durchgängig und konzentrieren sich auf belastete Untergruppen. In Deutschland erprobt das Programm Pro Kind diesen Hausbesuchsansatz mit Familienhebammen und sozialpädagogischen Fachkräften; seine Evaluation fand allerdings nur kleine, teils gemischte Effekte und damit schwächere als das US-Original (Sierau et al., 2016). Der früheste Ansatzpunkt ist hierzulande also erprobt, aber kein Selbstläufer.

Die Konsequenz ist, was die Ökonomie eine vorgelagerte Investition nennt. Die viel zitierte Renditerechnung zum Perry-Preschool-Programm fällt in der methodisch sauberen Fassung nüchterner aus, als es die populäre Zahl von sechzehn Prozent nahelegt: James Heckman und Kollegen beziffern die jährliche soziale Rendite im Mittel auf sieben bis zehn Prozent, mit erheblicher Schätzunsicherheit (Heckman et al., 2010). Das ist kein spektakulärer, aber ein verlässlicher Wert, der über der historischen Rendite des Aktienmarkts liegt. Die Logik dahinter ist die der frühen Jahre: Je weiter vorn im Lebenslauf eine Maßnahme ansetzt, desto länger wirkt sie und desto mehr Folgekosten erspart sie. Diese Renditelogik ist dabei selbst strukturell: Sie spricht für öffentliche Vorab-Investitionen in die frühen Jahre, deren Ertrag erst über den Lebenslauf anfällt. Damit ist die Familie nicht nur das erste, sondern auch das ökonomisch wirksamste Fenster der Prävention. Die schwierigere Frage ist, ob das, was in der Familie geschieht, wirklich Ursache ist oder bloß Begleitumstand.

Ist Erziehung Ursache oder bloß Begleiterscheinung?

Korrelationen zwischen Erziehung und kindlichem Verhalten gibt es in Hülle und Fülle. Die bislang umfassendste Synthese wertet 1.435 Studien aus und findet, dass Wärme, klare Verhaltenssteuerung und ein autoritativer Erziehungsstil mit weniger externalisierenden Problemen einhergehen, während harte Kontrolle und psychologischer Druck mit mehr Problemen verbunden sind, mit den stärksten Zusammenhängen bei eben diesen beiden ungünstigen Mustern (Pinquart, 2017). So eindrücklich solche Zahlen sind, sie sind korrelativ und teils wechselseitig: Schwieriges Verhalten formt die Erziehung ebenso, wie die Erziehung das Verhalten formt. Der Einwand, hier werde nur ein Zusammenhang beschrieben und keine Ursache, ist deshalb berechtigt. Er lässt sich beantworten, und die Antwort kommt aus einer Forschungslinie, die fünfzig Jahre an einem einzigen Mechanismus gearbeitet hat.

Gerald Patterson und die Arbeitsgruppe des Oregon Social Learning Center haben beschrieben, wie sich aggressives Verhalten im Alltag der Familie einübt. Ihre Befunde sind in einem von Reid, Patterson und Snyder herausgegebenen Sammelband zusammengefasst (Reid et al., 2002); die im Folgenden referierten Passagen stammen aus den Kapiteln von Patterson, von Snyder sowie von Forgatch und DeGarmo. Ihr Begriff für den Mechanismus ist der (englisch coercion). Er beginnt unscheinbar. Schon der Säugling, schreibt Patterson, bringt seinen Eltern durch Schreien bei, was ihn beruhigt: Das Schreien hält an, bis die Eltern die richtige Antwort finden, und endet dann; „es ist eine merkwürdige Tatsache, dass eine der ersten Aufgaben des Säuglings darin besteht, mittels Zwang seine Eltern in elterlichen Fertigkeiten zu trainieren" (Reid et al., 2002, S. 27). Im Kleinkindalter wird daraus ein wechselseitiges Muster: Folgt auf ein „Nein" ein Wutanfall und gibt die Bezugsperson nach, dann wird über negative Verstärkung beides belohnt, das Nachgeben der Eltern und das Eskalieren des Kindes, weil jeweils ein unangenehmer Reiz wegfällt. „Werden diese Sequenzen nicht geschickt, ruhig und konsequent gesteuert, können die ineinandergreifenden Eigenschaften negativer Verstärkung die Eltern-Kind-Beziehung übernehmen" (Reid et al., 2002, S. 199). In gestörten Familien, so der empirische Befund, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass eine Eskalation belohnt wird, statt beendet zu werden (Reid et al., 2002, S. 39).

Der entscheidende Schritt von der Korrelation zur Ursache liegt nicht in der Beschreibung dieses Mechanismus, sondern in seiner experimentellen Prüfung. Die Oregon-Gruppe formuliert ihr Programm als Mediationsmodell, als Wirkkette: Distale, also entfernte Belastungen wie Armut, elterlicher Substanzkonsum oder familiäre Gewalt wirken nicht direkt auf das Kind, sondern „vermittelt über die mikrosozialen Prozesse zwischen dem Kind und den Erwachsenen in seiner Welt" (Reid et al., 2002, S. 196). Und sie ziehen daraus eine unbequeme Folgerung: Die Einstellung der Eltern zu ändern, ihren Substanzkonsum zu behandeln oder ihren situativen Stress zu mindern, verändere die eingeübten Interaktionsmuster nicht zuverlässig; „wird der interaktionale Prozess selbst nicht verändert, wird die Entwicklung antisozialen Verhaltens beim Kind nicht aufgehalten" (Reid et al., 2002, S. 196). Genau das lässt sich experimentell zeigen. In des Parent Management Training verbessert die zufällig zugeteilte Intervention zuerst das Erziehungsverhalten, und diese Verbesserung sagt dann den Rückgang von Widersetzlichkeit und Aggression des Kindes vorher (Forgatch & DeGarmo, berichtet in Reid et al., 2002, S. 248). Dieselbe Kausalkette reicht bis in die Schule: Die experimentell herbeigeführte Verringerung negativer Verstärkung senkt die Widersetzlichkeit, verbessert die Hausaufgabenqualität und schließlich die Leseleistung (Reid et al., 2002, S. 250). Diese Wirkkette markiert zugleich eine Grenze: Wo Armut oder prekäre Verhältnisse die Quelle des Stresses sind, bleibt deren Linderung ein vorgelagerter Ansatzpunkt, den kein Elterntraining ersetzt.

Damit ist gezeigt, dass die trainierbaren Erziehungspraktiken einen kausalen Beitrag leisten und nicht bloß ein Begleitumstand sind. Der Einwand, der hier am schwersten wiegt, kommt aus der Verhaltensgenetik: Zwillings- und Adoptionsstudien zeigen, dass ein Teil des Zusammenhangs zwischen Erziehung und kindlichem Verhalten auf geteilte Gene zurückgeht, auch weil Eltern auf das vererbte Temperament ihres Kindes reagieren, was als evokative bezeichnet wird (Klahr & Burt, 2014). Gerade deshalb sind die randomisierten Programmstudien so wichtig: Indem sie das Erziehungsverhalten von außen verändern, umgehen sie diesen genetischen Störfaktor und belegen einen Effekt, den eine bloße Korrelation nicht zeigen könnte. Das Oregon-Programm hat diese Haltung in ein Motto gefasst, einen gewöhnlich Kurt Lewin zugeschriebenen Satz, der die gesamte angewandte Präventionsforschung beschreibt: „Wer etwas verstehen will, sollte versuchen, es zu verändern" (zitiert nach Reid et al., 2002, S. 3). Hinzu kommt ein Befund, der die Dringlichkeit früher Arbeit unterstreicht. Die Oregon-Gruppe unterscheidet einen früh beginnenden von einem spät beginnenden Pfad antisozialer Entwicklung; bei Jungen oberhalb des Medians im Antisozialitätsmaß war die Wahrscheinlichkeit einer frühen Festnahme 13,6-mal höher als bei Jungen darunter, und nach einer frühen Festnahme die Wahrscheinlichkeit chronischer Delinquenz, also dreier oder mehr Festnahmen, fast vierzigmal höher als bei spät beginnenden Jugendlichen (Reid et al., 2002, S. 154–155). Je früher die Verkettung einsetzt, desto schwerer ist sie später aufzuhalten. Das ist das stärkste Argument dafür, die Familie nicht erst dann in den Blick zu nehmen, wenn das Problem in der Schule sichtbar wird.

Was Elterntrainings wirklich bewegen

Wenn Erziehung ein Hebel ist, sollten sich Programme messen lassen, die an ihr ansetzen. Zur Einordnung der folgenden Zahlen: Die d misst, wie deutlich sich Interventions- und Kontrollgruppe unterscheiden, unabhängig von der Stichprobengröße. Werte um 0,2 gelten als klein, um 0,5 als mittel, ab 0,8 als groß; die Grenzen sind bewusst grob. Die ehrliche Antwort auf die Wirksamkeitsfrage lautet: Elterntrainings wirken, im kleinen bis mittleren Bereich, und der Effekt ist über viele Programme hinweg erstaunlich stabil.

Das obere Ende der Schätzungen markiert eine Meta-Meta-Analyse, die sechsundzwanzig Übersichtsarbeiten und mehr als vierhundert Primärstudien zu klinisch auffälligen Kindern bündelt, also Behandlungs- und nicht Präventionsstichproben: Sie findet für kindliches Verhalten eine mittlere standardisierte Mittelwertdifferenz von 0,45 bis 0,62, stabil bis zur Nachbefragung (Mingebach et al., 2018). Die , die näher an der universellen und selektiven Prävention liegen, ergeben bescheidenere und bemerkenswert konvergente Werte: Sie pendeln sich um d = 0,25 bis 0,31 ein, ob für soziale Kompetenztrainings (Beelmann & Lösel, 2021), für familienbezogene Programme gegen jugendlichen Substanzkonsum (Van Ryzin et al., 2016) oder für die einzige Meta-Analyse, die den deutschsprachigen Raum gezielt auswertet (Weiss et al., 2022). Letztere ist besonders aufschlussreich, weil sie zeigt, wo der Effekt entsteht: Über neunundsiebzig Studien mit mehr als zehntausend Eltern fallen die elternbezogenen Ergebnisse mit d = 0,40 deutlich stärker aus als die kindbezogenen mit 0,20.

Zur Redlichkeit gehören drei Einschränkungen, die in denselben Arbeiten stehen. Erstens ist der Effekt auf das Kind kleiner als der auf die Eltern, und er hängt davon ab, wer berichtet. Die deutsche EFFEKT-Studie von Friedrich Lösel ist hierfür aufschlussreich: Erwünschte Wirkungen zeigten sich, wenn Fachkräfte in Kita oder Schule das Verhalten des Kindes einschätzten, nicht aber, wenn die Mütter die Auskunft gaben (Lösel, 2017). Wo nur die geschulten Eltern selbst berichten, ist ein Teil des Effekts womöglich genauere Wahrnehmung statt echter Veränderung. Zweitens schwächen sich die Effekte mit der Zeit ab: In der Beelmann-Lösel-Analyse waren die Wirkungen in den wenigen Studien mit einer Nachbeobachtung von mehr als einem Jahr nicht mehr signifikant (Beelmann & Lösel, 2021). Drittens profitieren stärker belastete Familien mindestens ebenso wie unbelastete; der Schweregrad der Ausgangsproblematik ist quer durch die Forschung der beste Vorhersagewert für die Effektgröße (Beelmann & Lösel, 2021; Menting et al., 2013). Familienbezogene Prävention ist also kein universelles Wundermittel, sondern eine maßvoll wirksame Maßnahme, deren Nutzen mit dem Bedarf steigt. Das deckt sich mit dem Befund zu schulischen Programmen, den dieses Magazin an anderer Stelle diskutiert hat: kleine Durchschnittseffekte, die bei genauerem Hinsehen vom Bedarf abhängen.

Der Bericht der US-Akademien ordnet diese Programme dennoch unter die am besten belegten Stränge der Prävention ein. Die Wirksamkeit von Interventionen, die auf elterliche Fertigkeiten zielen, sei „gut etabliert"; mehrere Meta-Analysen berichteten positive Effekte über ein Spektrum kindlicher und elterlicher Ergebnisse (National Research Council & Institute of Medicine, 2009, S. 165). Andere Synthesen fallen vorsichtiger aus: Ein zu familienbezogenen Programmen gegen Alkoholmissbrauch hält einzelne Programme für wirksam, mahnt aber wegen möglicher Verzerrungen und Kontexteinflüsse zur Zurückhaltung (Foxcroft & Tsertsvadze, 2011). Das ist die nüchterne Bilanz: ein verlässlicher, kleiner bis mittlerer Hebel, dessen Wert weniger an der Höhe des Durchschnittseffekts hängt als an der Frage, was genau ein Programm tut und wen es erreicht. Diese Größenordnung verlangt eine Einordnung. Elterntrainings verändern, wie Eltern handeln, nicht die Bedingungen, unter denen sie es tun. Die Verhaltenswissenschaft hat zuletzt selbstkritisch beschrieben, wie eine Überbetonung individuumsbezogener Lösungen (des , der Sicht auf den Einzelnen) den Blick auf strukturelle Reformen (den s-frame, die Sicht auf das System) verstellen und sie sogar verdrängen kann (Chater & Loewenstein, 2023). Familienbezogene Prävention entgeht dieser Verengung nur, wenn sie den Baustein nicht für das Gebäude hält.

Die Bausteine, nicht die Marke

Die erste dieser beiden Fragen ist erstaunlich gut beantwortet, und die Antwort ist für die Praxis befreiend. Es kommt weniger auf die Marke eines Programms an als auf seine wirksamen Bausteine. Eine vielzitierte Komponentenanalyse wertet siebenundsiebzig Evaluationen aus und findet, dass größere Effekte verlässlich mit bestimmten Inhalten einhergehen: dem Aufbau positiver Eltern-Kind-Interaktion, dem Einüben emotionaler Kommunikation, dem konsequenten Gebrauch von Auszeiten und der Erziehungskonsistenz und vor allem dem Üben der neuen Fertigkeiten mit dem eigenen Kind während der Sitzung (Kaminski et al., 2008). Kleinere Effekte gingen mit Bausteinen einher, die intuitiv plausibel wirken: dem Vermitteln von Problemlösefertigkeiten an die Eltern, der Förderung kognitiver oder schulischer Kindkompetenzen und dem Anbieten zusätzlicher Dienste. Eine aktuelle Netzwerk-Meta-Analyse über 197 randomisierte Studien bestätigt die Richtung: Programme mit stärker fokussiertem Inhalt erzielen eher stärkere Effekte, und in der Prävention liegt der Schwerpunkt sinnvoll auf der Steuerung des Verhaltens, nicht auf möglichst vielen Zusatzmodulen (Leijten et al., 2022).

Das ist dieselbe Einsicht, die dieses Magazin im Beitrag über reisende Programme für die Anpassung beschrieben hat: Entscheidend sind die einer Intervention, die Zwecke, die der Veränderungsprozess erfüllen muss, nicht die äußeren Formen. Für ein Steuerungsgremium, das ein Elternprogramm auswählt, heißt das: Die nützliche Frage ist nicht „Welche Marke hat die schönste Evidenzbroschüre?", sondern „Enthält dieses Programm die Bausteine, die nachweislich wirken, und übt es sie mit den Eltern ein?". Damit verschiebt sich die Auswahl von der Treue zur Marke hin zur Treue gegenüber den Wirkmechanismen. Und sie macht erklärbar, warum auch sehr bekannte Programme an Grenzen stoßen, sobald man sie aus ihrem Entstehungskontext herauslöst.

Wenn das Vorzeigeprogramm die Grenze überquert

Hier beginnt der unbequeme Teil, und er ist für die familienbezogene Prävention besonders lehrreich, weil ihre bekanntesten Programme international gehandelt werden. Das für Zehn- bis Vierzehnjährige ist ein US-amerikanisches Vorzeigemodell der familienbezogenen Suchtprävention. Es ist in Deutschland, Wales, Polen und Schweden erprobt worden. Das Ergebnis dieser Übertragungen fasst ein europäisches Studienprotokoll in einem Satz zusammen, den man sich merken sollte: „In keinem anderen Hocheinkommensland als den Vereinigten Staaten haben Evaluationen positive Effekte des Programms auf alkoholbezogene Ergebnisse oder auf familiäre Beziehungen und Funktionsfähigkeit gefunden" (Mejía et al., 2018). Das ist kein Beleg gegen familienbezogene Prävention, wohl aber gegen die Annahme, eine internationale Programmliste lasse sich ohne Weiteres in den deutschen Alltag kopieren. Was anderswo gewirkt hat, muss hier nicht wirken, und der Nachweis steht aus, nicht der Verdacht.

Noch aufschlussreicher ist die Geschichte des Positive Parenting Program, kurz Triple P, weil sie zeigt, wie schwer Evidenz und Interesse zu trennen sind. Die zentrale Meta-Analyse, von den Programmentwicklern selbst verfasst, berichtet über hundertein Studien einen kurzfristigen Effekt von d = 0,47 auf das kindliche Verhalten (Sanders et al., 2014). Eine unabhängige Übersichtsarbeit kommt zu einem ernüchternden Bild: Im Mütterbericht fand sich ein Effekt von 0,61, im Väterbericht ein nicht signifikanter von 0,42; die beiden Studien mit einer aktiven Kontrollgruppe zeigten keine Gruppenunterschiede; zweiunddreißig der dreiunddreißig einschlussfähigen Studien waren von Triple-P-nahem Personal verfasst (Wilson et al., 2012). Eine zweite Kritik wies nach, dass nach Ausschluss unterbesetzter Studien die Mehrzahl der Belege wegfiel (Coyne & Kwakkenbos, 2013). Dieses Muster hat in der Methodenliteratur einen Namen, die (developer allegiance): Wer ein Programm geschaffen hat, findet beim Prüfen häufiger Wirkung als unabhängige Gruppen. Es ist verwandt mit dem , dem selektiven Veröffentlichen positiver Ergebnisse.

Die Entwickler haben im selben Journal widersprochen (Sanders et al., 2012). Ihr stärkstes Gegenargument ist ein bevölkerungsweiter Versuch, den die Kritik ausgeklammert habe: In einem cluster-randomisierten Versuch über achtzehn US-amerikanische Bezirke senkte die flächige Verbreitung von Triple P die Rate bestätigter Kindesmisshandlung, der Fremdunterbringungen und der über Klinikdaten erfassten misshandlungsbedingten Verletzungen (Prinz et al., 2009). Sie verweisen zudem darauf, dass eine Beteiligung der Entwickler in der frühen Evidenzphase üblich und für sich genommen kein Mangel ist. Beide Seiten haben einen Punkt. Der Bevölkerungsversuch ist real und stark, und inzwischen liegt auch unabhängige Evidenz vor: Eine von den Entwicklern unabhängige Übersicht über siebenunddreißig Studien der Jahre 2013 bis 2020, die allerdings auch quasi-experimentelle Designs einschließt, findet weiterhin positive, aber stark heterogene Effekte, je nach Ergebnismaß von klein bis groß (Li & Li, 2021). Auf der Ebene der Misshandlungsprävention insgesamt fällt eine unabhängige Meta-Analyse dagegen nüchtern aus: Dort verschwand ein zunächst signifikanter Gesamteffekt, nachdem der Publikationsbias herausgerechnet war (Euser et al., 2015). Den Prinz-Trial widerlegt das nicht – er blieb wegen seiner Cluster-Randomisierung methodisch ausgeschlossen, weil sich Cluster- und Individualstudien nicht ohne Weiteres bündeln lassen –, aber das Feld als Ganzes ist nach der Korrektur schwach. Dass Triple P zudem in anerkannten Registern wie und der geführt wird, spricht gegen ein pauschales Verdikt. Das Bild ist also nicht dünn, aber uneinheitlich; es mahnt zur Vorsicht und verlangt unabhängige Replikation.

Der Kontrast zu einem anderen Programm zeigt, worauf es bei dieser Vorsicht ankommt. Die Incredible Years von Carolyn Webster-Stratton kommen über alle Informanten hinweg auf einen Effekt von d = 0,27. Am größten ist er, wenn das Programm Kinder behandelt, die bereits auffällig sind; wird es breit zur Vorbeugung bei allen Kindern eingesetzt, fällt er deutlich kleiner aus (Menting et al., 2013). Entscheidend ist die Herkunft der Belege: Eine unabhängige Auswertung individueller Teilnehmerdaten aus fünfzehn europäischen Studien, allesamt ohne Beteiligung der US-amerikanischen Entwicklerin, fand verbesserte Verhaltensprobleme und Aufmerksamkeit, kein Anzeichen von Schaden, aber auch keine Wirkung auf emotionale Probleme des Kindes oder die psychische Gesundheit der Eltern (Leijten et al., 2018). Die Effekte sind also ergebnisspezifisch, und die Beobachtungsdaten stützen den Elternbericht. Damit ist nicht gesagt, dass Triple P keine unabhängige Bestätigung hätte; sie fällt nur heterogener aus als die der Incredible Years, deren Effekte über Studien und Informanten hinweg stabiler sind.

An dieser Stelle ist eine Quelle dieses Beitrags selbst einzuordnen. Der Verhaltensforscher Anthony Biglan, auf dessen integrativem Rahmen der Schluss dieses Beitrags aufbaut, zählt Triple P und das Strengthening Families Program zu den Belegen seiner These und nennt für Triple P sogar eine günstige Nutzen-Kosten-Relation (Biglan, 2015). Diese Begeisterung steht neben der unabhängigen Skepsis, und Redlichkeit verlangt, beides zu zeigen. Wie dieses Magazin im Beitrag über intellektuelle Redlichkeit ausgeführt hat, beweist sich die Glaubwürdigkeit einer Empfehlung daran, ob sie die Schwächen ihrer eigenen Belege benennt. Familienbezogene Prävention wirkt; aber wie gut ein einzelnes Programm wirkt und ob seine Befunde über Entwicklerstudien und Ländergrenzen hinaus Bestand haben, ist jeweils eine empirische Frage, keine Formsache.

Das eigentliche Nadelöhr: Erreichbarkeit

Angenommen, ein Setting wählt ein Programm mit den richtigen Bausteinen und prüft seine Übertragung. Dann steht noch immer das Problem im Weg, mit dem dieser Beitrag begonnen hat. Die wirksamste Familienintervention nützt nichts, wenn die Familien nicht kommen, und sie kommen oft nicht. Hinter den eingangs genannten Quoten steht ein hartnäckiges Muster: In einer großen Untersuchung erschienen fünfunddreißig bis fünfzig Prozent der Eltern gar nicht erst zum ersten Termin, und die Hälfte oder mehr schloss das Programm nicht ab; finanzielle Anreize lockten zwar mehr Eltern zur Anmeldung, verbesserten aber die tatsächliche Teilnahme nicht (Dumas et al., 2010).

Besonders heikel ist, dass die Erreichbarkeit sozial ungleich verteilt ist. Eine Auswertung individueller Teilnehmerdaten findet bei niedrigem sozioökonomischem Status eine um acht bis neunzehn Prozent geringere Teilnahme, je nach Indikator (Berry et al., 2022). Hier könnte man vorschnell auf einen Wirkungsverlust schließen, doch dieselbe Studie zeigt das Gegenteil: Wer teilnimmt, profitiert unabhängig vom sozialen Status gleichermaßen. Das verändert die Diagnose grundlegend. Familienbezogene Prävention hat kein Wirksamkeits-, sondern ein Zugangsproblem. Die Programme wirken bei benachteiligten Familien so gut wie bei anderen; sie erreichen sie nur seltener. Damit verschiebt sich die Aufgabe von der Frage „Wirkt das Programm?" zur Frage „Wie kommt es zu denen, die es brauchen?". Das verweist zugleich auf die nächste Ebene: die materiellen Verhältnisse, die viele dieser Familien überhaupt erst in den Bedarf bringen.

Was den Zugang im Alltag entscheidet, ist denn auch weniger das Programm als seine Form. Wo Familien selbst den Weg in eine Beratungsstelle finden müssen, in einer Komm-Struktur, bleiben gerade die belasteten fern; zugehende, aufsuchende Formate wie Hausbesuche, Familienhebammen oder ehrenamtliche Stadtteilmütter erreichen sie eher. Hinzu kommen Hürden, die keine Wirksamkeitsstatistik erfasst: die Scham, Hilfe als Eingeständnis eigenen Versagens zu erleben; das Misstrauen gegen die Jugendhilfe aus Angst vor dem Kinderschutz und einer Inobhutnahme; Sprachbarrieren und fehlende kultursensible Ansprache; und die schlichte Erreichbarkeit über niedrigschwellige Orte wie Familienzentren und das Ehrenamt. Erreichbarkeit ist damit eine Gestaltungsaufgabe der Struktur und keine Frage des Willens der Eltern.

Die deutschen haben aus dieser Einsicht ein Prinzip gemacht. Sie sind ein freiwilliges Angebot, gesetzlich verankert in § 1 Absatz 4 KKG, und brauchen gerade deshalb „besondere Bemühungen, um Familien in schwierigen Lebenslagen zu erreichen", weil diesen „oft das Wissen und auch die Kraft" fehlten, sich Unterstützung selbst zu erschließen; nötig seien „spezifische, niedrigschwellige, meist aufsuchende Angebote" (Mall & Friedmann, 2016, S. 10). Die Fachliteratur fasst die Schwierigkeit im Begriff des Präventionsdilemmas: Präventionsangebote erreichen gerade jene am seltensten, die sie am dringendsten bräuchten. Sozial benachteiligte Familien mit hohem Unterstützungsbedarf meiden sie „aus Skepsis gegenüber dem Jugendamt" oder um einen „diskriminierenden Vergleich" zu vermeiden (Bauer, 2005, zitiert nach Geene, 2021, S. 622); oft fehlt zudem schlicht die Ressource, sei es Zeit, Mobilität oder Sprache, und die soziale Schere setzt sich so im Zugang zur Prävention fort. Dass dies kein importierter Forschungsbefund ist, zeigt die deutsche Jugendhilfe selbst: Auch die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe benennt das Präventionsdilemma als die Herausforderung, „diejenigen zu erreichen, die die höchsten Belastungen haben" (AGJ, 2024).

Bronfenbrenner hat für diese Verschiebung die Theorie geliefert, lange bevor die Zahlen vorlagen. Seine achte Hypothese besagt, dass die Fähigkeit einer Dyade, als Entwicklungskontext zu wirken, „von der Existenz und Beschaffenheit anderer dyadischer Beziehungen zu dritten Parteien abhängt" (Bronfenbrenner, 1979, S. 102). Elternschaft gelingt nicht im luftleeren Raum; sie ist auf stützende Dritte angewiesen, auf wohlwollende Nachbarschaft, verlässliche Betreuung, anschlussfähige Institutionen. Ob Eltern ihre Erziehungsrolle wirksam ausfüllen, hängt, so Bronfenbrenner an anderer Stelle, von Anforderungen und Unterstützungen ab, die aus anderen Lebensbereichen stammen, und lasse sich „durch öffentliche Maßnahmen fördern, die zusätzliche, familienförderliche Settings und gesellschaftliche Rollen schaffen" (Bronfenbrenner, 1979, S. 29). Eine Familie, die ein Programm nicht erreicht, ist deshalb nicht als unwillige Familie zu beschreiben, sondern als eine, deren stützende Umwelt zu dünn ist. Schwer erreichbar ist dann eine Eigenschaft des Angebots und seiner Einbettung, keine Eigenschaft der Eltern. Wie bei der Nachhaltigkeit von Innovationen entscheidet sich die Wirkung weniger am Programm als an den Bedingungen seiner Umsetzung.

Was in Deutschland fehlt

Für den deutschsprachigen Raum kommt eine eigene Lücke hinzu, und sie ist doppelter Natur. Zum einen ähneln die hiesigen Effekte dem internationalen Bild, wie die erwähnte Meta-Analyse zeigt (Weiss et al., 2022). Zum anderen halten dieselben Autoren fest, dass die evaluierten Programme nicht repräsentativ für die Versorgungsrealität sind und viele in der Praxis eingesetzte Angebote gar nicht evaluiert wurden; belastbare Nachbeobachtungen über mehr als ein Jahr fehlen fast vollständig. Wir wissen also einiges darüber, dass gut gemachte familienbezogene Prävention wirkt, und wenig darüber, ob das, was Familien in Deutschland tatsächlich angeboten bekommt, dazugehört und ob die Wirkung anhält.

Strukturell hat das mit der Zersplitterung des Feldes zu tun. Familienbezogene Prävention findet in Deutschland an mehreren Orten zugleich statt: in den Frühen Hilfen, in den Hilfen zur Erziehung nach dem , in der Familienbildung und in Beratungsstellen. Der , der die lebensweltbasierte Prävention der Krankenkassen regelt, schreibt keinen abschließenden Katalog von Lebenswelten fest; die geförderten Settings ergeben sich aus dem Leitfaden Prävention des GKV-Spitzenverbandes und meinen vor allem Kita, Schule, Kommune und Pflegeeinrichtung. Die Familie zählt der Gesetzgeber ausdrücklich nicht dazu: Sie werde „über die Lebenswelten Kita, Schule und Kommune" erreicht und gilt im GKV-Leitfaden als „soziale Primärgruppe" – als Adressat, den man über andere Settings mitnimmt, nicht als eigenständiger Ort (Hahn, 2025). Dass die Krankenkassenprävention „lebensweltbasiert" heißt, ist dabei kein Zufallswort: Der Begriff knüpft an Hans Thierschs lebensweltorientierte Soziale Arbeit an, die Hilfen „gleichsam im Feld" jenen vorzieht, die „die vorhandene Lebenswelt ersetzen" (Grunwald & Thiersch, 2018, S. 911).

Gesetzliche Anker für die Familie gibt es gleichwohl: Die Familienförderung des § 16 SGB VIII wurde durch das Präventions- und das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz ausdrücklich um Gesundheit und Gesundheitskompetenz erweitert, und die Bundesstiftung Frühe Hilfen finanziert das Vorfeld mit (Hahn, 2025). Was fehlt, ist also nicht die Zuständigkeit, sondern ein gebündeltes, settingförmiges Förderinstrument, wie es § 20a SGB V für Kita, Schule und Kommune bereithält; im Gesundheitsbereich ist die Jugendhilfe gegenüber den Krankenkassen ohnehin nur nachrangig zuständig (§ 10 Absatz 1 SGB VIII; Hahn, 2025). Diese Zersplitterung ist systemisch und nicht der Fehler einer einzelnen Norm: Das Setting mit der besten Evidenzgrundlage hat kein eigenes, gebündeltes Förderinstrument.

Hinzu kommt ein verfassungsrechtlicher Sonderstatus, den kein anderes Setting in dieser Schärfe hat. Die Familie steht nach Artikel 6 Grundgesetz unter besonderem Schutz; dort sind das elterliche Erziehungsrecht und das staatliche Wächteramt verankert (Art. 6 Abs. 2 GG). Prävention in der Familie „bedarf einer anderen Interventionslogik: sie muss die Autonomie des Systems Familie zunächst anerkennen, alle Maßnahmen basieren auf Freiwilligkeit" (Geene, 2021, S. 622). Zwischen dieser freiwilligen Förderung und dem hoheitlichen Schutzauftrag, dessen Eingriffsschwelle erst bei einer Gefährdung des Kindeswohls erreicht ist (§ 8a SGB VIII, § 1666 BGB), verläuft eine scharfe Grenze (Mall & Friedmann, 2016, S. 194). Familienbezogene Prävention bewegt sich im schmalen, freiwilligen Vorfeld davor, und das erklärt einen Teil ihrer Zurückhaltung.

Vom Programm zur fördernden Umwelt

Wie also lässt sich die Spannung auflösen, mit der dieser Beitrag begann? Der Verhaltensforscher Anthony Biglan hat dafür einen Begriff vorgeschlagen, der die einzelnen Befunde bündelt: die (nurturing environment). Erfolgreiche Interventionen, schreibt er, machten Umwelten in mindestens drei von vier Hinsichten förderlicher: Sie fördern und verstärken prosoziales Verhalten, sie verringern schädliche Bedingungen, sie begrenzen Gelegenheiten für Problemverhalten, und sie unterstützen das achtsame, flexible Verfolgen prosozialer Werte (Biglan, 2015, S. 20). Die Familie ist die erste solche Umwelt, und Biglan nennt die erprobten Familienprogramme „den einzelnen wichtigsten Baustein für die Gesellschaft, die wir schaffen wollen" (Biglan, 2015, S. 42). Dahinter steht eine starke These: Sehr unterschiedliche Probleme, von Substanzkonsum über Gewalt und Schulabbruch bis zu psychischer Belastung, haben gemeinsame Wurzeln in Umwelten, die prosoziale Entwicklung nicht stützen, und lassen sich deshalb gemeinsam verhindern (Biglan, 2015, S. 18–19). Kinder aus von Zwang geprägten Familien, fasst er die Oregon-Forschung zusammen, handeln häufiger aggressiv, scheitern eher in der Schule, beginnen früher zu rauchen und geraten häufiger in Delinquenz (Biglan, 2015, S. 28).

Dieser Rahmen verbindet sich unmittelbar mit dem ökologischen Denken, das dieses Magazin im Beitrag über Prävention als Beziehungsarbeit entwickelt hat. Was dort die Therapie sozialer Systeme war, ist hier die fördernde Umwelt: eine Prävention, die die Verhältnisse stärkt, in denen ein Kind aufwächst. Biglan zieht daraus eine bevölkerungsbezogene, gesundheitswissenschaftliche Folgerung. Man solle die Häufigkeit förderlicher Umwelten in der ganzen Bevölkerung erhöhen, und dazu gehöre, „wirksamere Wege zu finden, um jede Familie zu erreichen, die davon profitieren würde" (Biglan, 2015, S. 132). Genau das ist die Antwort auf das Reichweitenproblem: nicht mehr Programme, sondern mehr Familien.

Diese fördernde Umwelt reicht über das Programm hinaus. Materielle Sicherheit, bezahlbarer Wohnraum, verlässliche frühkindliche Betreuung und Zeit für die Familie sind selbst Präventionsinstrumente, weil sie den distalen Stress mindern, der sich nach dem Oregon-Modell in die Interaktion überträgt. Das ist belegt: Ein systematischer Überblick über experimentelle und quasi-experimentelle Studien findet einen positiven kausalen Effekt des Haushaltseinkommens auf die kognitive, sozial-emotionale und gesundheitliche Entwicklung von Kindern, am stärksten in einkommensarmen Familien und deutlicher in den experimentellen als in den reinen Längsschnittdesigns (Cooper & Stewart, 2021); in einem randomisierten Versuch veränderte schon ein Einkommenstransfer im ersten Lebensjahr die kindliche Hirnaktivität, wenn auch an einem Stellvertretermaß gemessen und je nach Auswertung unterschiedlich deutlich (Troller-Renfree et al., 2022). Eine Fachkraft kann diese Bedingungen nicht selbst schaffen, aber sie kann den Zugang zu materiellen Hilfen bahnen, von der wirtschaftlichen Jugendhilfe bis zu den Lotsendiensten der Frühen Hilfen; die Verhältnisse selbst zu ändern, bleibt eine Aufgabe der Politik.

Was das praktisch heißt, lässt sich benennen. Familienbezogene Prävention beginnt selten mit einem neuen Programm. Sie beginnt mit dem Andocken an Orte, an denen Familien ohnehin sind: an die Kita, das Familienzentrum, die Frühen Hilfen, die Schule. Sie braucht zugehende statt abwartende Formate, Lotsen, die zwischen den Systemen vermitteln, und eine Verzahnung der Zuständigkeiten von SGB V und SGB VIII, damit eine Familie nicht an der Grenze zweier Sozialgesetzbücher verloren geht. Die niedrigschwelligsten Türöffner sind dabei längst vorhanden: die kommunalen Netzwerke der Frühen Hilfen (§ 3 KKG), die Geburtskliniken und die Früherkennungsuntersuchungen, über die sich nahezu alle Familien ansprechen lassen. Und wenn sie ein Programm einsetzt, wählt sie es nach den wirksamen Bausteinen aus, nicht nach dem Namen.

Für FINDER fügt sich das in ein Modell, das in diesem Magazin wiederkehrt. Internationale Evidenz zeigt, welche Inhalte kausal wirken: positive Interaktion, emotionale Kommunikation, das Üben mit dem eigenen Kind, die Steuerung des Verhaltens statt überladener Zusatzmodule (Kaminski et al., 2008; Leijten et al., 2022; Reid et al., 2002). Lokale Daten machen lesbar, welche Familien in einem Setting welchen Bedarf haben und an welchen Hürden die Erreichbarkeit scheitert. Und der Gesamtbeschluss im Setting entscheidet, was in welcher Form umgesetzt wird, gemeinsam beschlossen von Kommune, Jugendhilfeträger oder Schule, weil Elternschaft nach Bronfenbrenner ohnehin nur mit stützenden Dritten gelingt. Die Auswahl folgt dem ermittelten Bedarf und nicht dem eigenen Angebot, und sie verzichtet auf die Defizit-Zuschreibung, vor der auch Biglan warnt: Menschen für ihre Lage zu beschämen sei „weder mit der Evidenz vereinbar noch geeignet, die Probleme zu verhindern" (Biglan, 2015, S. 17). Eine Familie ist keine zu behebende Schwäche; sie ist eine Umwelt, die sich stärken lässt.

Damit ist das Paradox des Anfangs nicht aufgelöst, aber an seinen richtigen Ort gerückt. Dass die Familie der früheste und einer der wirksamsten Ansatzpunkte der Prävention ist, steht so fest, wie Befunde in diesem Feld stehen können; der Mechanismus ist experimentell belegt, die Effektgrößen sind klein bis mittel und ehrlich vermessen. Es fehlt nicht am Wissen, welche Inhalte wirken; es fehlt am verlässlichen Weg zu den Familien und an einer Struktur, die das Setting Familie überhaupt zuständig macht. Der Hebel ist da. Der Zugang zu den Familien ist die Arbeit, die noch zu tun ist, und sie beginnt damit, die Familie nicht länger als Hintergrund der Prävention zu behandeln, sondern als ihren ersten Ort.

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