Evidenzbasierte Präventionsmaßnahmen und -strategien
Dieses Kapitel verschafft einen Überblick über zwei zentrale Publikationen, auf die sich das EUPC bezieht.
Zunächst stellen wir Ihnen die Internationalen Standards zur Prävention des Drogenkonsums vor, die die wissenschaftlichen Erkenntnisse über evidenzbasierte Maßnahmen und Strategien zur Prävention oder Reduktion des Substanzkonsums zusammenfassen. Die Standards wurden vom UNODC und der WHO gemeinsam mit Wissenschaftlern, Fachkräften und politischen Entscheidungsträgern aus aller Welt entwickelt. Darüber hinaus stellen wir Informationen über Register evidenzbasierter Programme bereit, die Sie beim Finden und Auswählen geeigneter evidenzbasierter Interventionen für Ihre Situation – in Übereinstimmung mit den UNODC-Standards – nutzen können.
Die zweite Publikation sind die Europäischen Qualitätsstandards zur Suchtprävention (EDPQS). Sie geben einen europäischen Rahmen für die Durchführung qualitativ hochwertiger Präventionsarbeit vor. Der Fokus der EDPQS liegt auf Planung, Auswahl und Implementation von Präventionsmaßnahmen, um deren Qualität durchgängig zu sichern .
Die Internationalen Standards zur Prävention des Drogenkonsums
Die Internationalen Standards fassen die aktuellen Erkenntnisse der Präventionsforschung sowie die wesentlichen Merkmale evidenzbasierter Präventionsmaßnahmen und -strategien, die nachweislich zu einer Reduktion des Substanzgebrauchs beitragen, übersichtlich zusammen.
Sie sollen Entscheidungsträger und andere mit Prävention befasste Berufsgruppen bei der Planung und Umsetzung wirksamer Maßnahmen unterstützen.
Die UNODC-Arbeitsgruppe prüfte systematisch alle verfügbaren wissenschaftlichen Artikel und Studien zur Prävention von Substanzgebrauchsstörungen und ordnete sie anschließend nach den Methoden, mit denen die Wirksamkeit der Präventionsmaßnahmen gemessen wurde. Die Evidenzqualität wurde anhand eines eigens entwickelten Verfahrens als „ausgezeichnet” (fünf Sterne), „sehr gut” (vier Sterne), „gut” (drei Sterne), „ausreichend” (zwei Sterne) oder „begrenzt” (ein Stern) klassifiziert.
Sobald diese Analysen abgeschlossen waren, wurden die wissenschaftlichen Artikel und Studien anhand von drei Dimensionen kategorisiert:
- Altersbezogene Entwicklungsphase – Säuglingsalter, frühe Kindheit und mittleres Kindheitsalter, Adoleszenz sowie Spätadoleszenz und Erwachsenenalter
- Setting – Familie, Schule, Arbeitsplatz oder Kommune
- Zielgruppe – universell, selektiv oder indiziert.
Im Folgenden fassen wir die Standards für jede altersbezogene Entwicklungsphase kurz zusammen. Berücksichtigt wird, dass Menschen je nach Entwicklungsstand unterschiedlich auf Maßnahmen ansprechen und diese entsprechend bedarfsgerecht ausgestaltet sein müssen. Ebenso wird beachtet, dass Maßnahmen in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen (Settings) stattfinden können – in der Familie, Schule, am Arbeitsplatz oder in der Kommune – und sich entweder an Personen richten, die das Leben der Zielgruppe beeinflussen (Multiplikatoren wie Eltern, Lehrkräfte oder Vorgesetzte), oder an die Zielgruppe selbst. Auch der Risikostatus (universell, selektiv oder indiziert) wird einbezogen, weil er für die Passgenauigkeit einer Maßnahme entscheidend ist.
Säuglingsalter und frühe Kindheit (bis sechs Jahre)
Wie aus Tabelle 3 hervorgeht, haben drei Interventionsarten eine gewisse Wirkung auf diese Altersgruppe, wenngleich die Evidenzqualität zwischen den Maßnahmen variiert.
Für Interventionen, die sich an schwangere Frauen mit einer Substanzgebrauchsstörung richten, liegen nur eingeschränkte Wirksamkeitsnachweise vor. Studien mit günstigen Ergebnissen wurden von qualifizierten Fachkräften umgesetzt und umfassten folgende Inhalte:
- bedarfsgerechte Psychotherapie (gegebenenfalls mit medikamentöser Unterstützung);
- Behandlung aller vorhandenen körperlichen und psychischen Begleiterkrankungen;
- Vermittlung von Erziehungskompetenz zur Förderung einer positiven Mutter-Kind-Bindung;
- sozialpädagogische Leistungen in einem integrierten Behandlungssetting.
Die Wirksamkeit von Angeboten für junge Mütter mit einer Substanzgebrauchsstörung (einschließlich Hausbesuchen) war dann belegbar,
- wenn die Maßnahme von qualifizierten Fachkräften strukturiert umgesetzt wurde (regelmäßige Besuche des Neugeborenen bis zum Alter von zwei Jahren);
- wenn grundlegende Erziehungskompetenzen vermittelt wurden;
- wenn die Mütter in körperlicher und psychischer Gesundheit sowie in Wohn-, Ernährungs- und Arbeitssituation unterstützt wurden.
Solche Interventionen lassen sich in bestehende Angebote für werdende Mütter oder in Gesundheitsprogramme für Neugeborene und Kleinkinder integrieren.
Als wirksam erwiesen sich auch frühpädagogische Maßnahmen für Kinder zwischen zwei und fünf Jahren, die in benachteiligten Gegenden aufwachsen. Solche Maßnahmen beeinflussen nicht nur den Cannabisgebrauch in der Adoleszenz, sondern auch andere riskante Verhaltensweisen; sie erhöhen den Schulerfolg und stärken soziale Einbindung sowie psychische Gesundheit. Kernmerkmale dieser Maßnahmen:
- Lehrkräfte und Sozialpädagogen absolvieren vor der Umsetzung eine Fortbildung.
- Die Maßnahmen betonen kognitive, soziale und sprachliche Fähigkeiten und bereiten Kinder auf Schule, Schülerrolle und schulische Anforderungen vor.
- Sie bestehen aus täglichen Einheiten über längere Zeiträume hinweg.
| Intervention | Zielebene | Wirksamkeitsindikator |
|---|---|---|
| Maßnahmen für schwangere Frauen mit Substanzgebrauchsstörungen | Selektiv Risikogruppen |
begrenzt |
| Hausbesuche während der Schwangerschaft und im Säuglingsalter | Selektiv Risikogruppen |
ausreichend |
| Frühkindliche Erziehung | Selektiv Risikogruppen |
sehr gut |
Wirksamkeitsindikator: 1 Punkt = begrenzt, 2 = ausreichend, 3 = gut, 4 = sehr gut, 5 = ausgezeichnet. Drei Zielebenen: universell (Gesamtpopulation), selektiv (Risikogruppen), indiziert (gefährdete Individuen).
Mittleres Kindesalter (von sechs bis zehn Jahren)
Für diese Altersgruppe zeigten sich „ausreichende” bis „sehr gute” Wirksamkeitsnachweise (Tabelle 4). Drei Interventionen richteten sich an ganze Gruppen (universell), eine an ausgewählte oder Risikogruppen (selektiv und indiziert); Ansätze zur Förderung eines regelmäßigen Schulbesuchs adressierten vorwiegend Risikogruppen.
Maßnahmen zur Förderung der Erziehungskompetenz unterstützen Eltern dabei, ihre Erziehungsstile und -fähigkeiten weiterzuentwickeln. Sie haben sich sowohl bei Kindern im Allgemeinen als auch bei Kindern mit erhöhtem Risiko als wirksam erwiesen. Für diese Entwicklungsphase sind die Hinweise auf die Bedeutung solcher Interventionen besonders deutlich. Inhaltlich konzentrierten sich die wirksamen Interventionen auf die Stärkung der Familienbindung und darauf, Eltern und Betreuungspersonen folgende Fähigkeiten zu vermitteln:
- Warmherzige Kindererziehung;
- Aufstellung von Regeln für akzeptables Verhalten;
- Beobachtung von Freizeit- und Freundschaftsverhalten;
- Durchsetzung positiver und entwicklungsgerechter Disziplin;
- Beteiligung am Lern- und Bildungsprozess der Kinder;
- Vorbild werden.
Wirksame Interventionen zur Erziehungskompetenz bestanden aus mehreren interaktiven Sitzungen, die Eltern und Kinder gleichermaßen einbezogen. Wie bei den zuvor genannten evidenzbasierten Maßnahmen erhielten alle Fachkräfte eine spezielle Schulung.
Keine oder negative Wirkung zeigten dagegen Interventionen zur Erziehungskompetenz, die sich ausschließlich auf das Kind richteten oder nur in Form von Vorträgen vermittelt wurden. Auch Maßnahmen, die Eltern oder Betreuungspersonen lediglich Informationen über Substanzen vermittelten oder die Autorität der Eltern untergruben, führten zu keinen positiven oder zu negativen Ergebnissen.
Maßnahmen zur Förderung persönlicher und sozialer Kompetenzen werden in der Regel in der Schule durchgeführt; ihre Wirksamkeit ist gut belegt. Sie eröffnen Kindern Gelegenheiten, Fähigkeiten für den Umgang mit einer Vielzahl alltäglicher Situationen zu erlernen, unterstützen den Aufbau allgemeiner sozialer Kompetenzen und setzen sich mit normativen Überzeugungen und Einstellungen auseinander.
Wirksam sind vor allem Interventionen, welche:
- von ausgebildeten Lehrkräften mit interaktiven Methoden umgesetzt werden;
- primär an der Entwicklung von Fähigkeiten ansetzen, insbesondere an Bewältigungsstrategien sowie an persönlichen und sozialen Kompetenzen;
- in der Regel in den ersten Schuljahren unterrichtet werden und die Schülerschaft aktiv einbinden;
- aus einer Reihe von Sitzungen bestehen;
- die Klassenführungskompetenzen der Lehrkräfte stärken und die Sozialisation der Kinder unterstützen, damit diese ihre Schülerrolle erfolgreich ausfüllen.
Wichtig sind zudem Maßnahmen, die das Schulerleben verbessern und positive Haltungen gegenüber Schule und Bildung fördern. Sie stärken sowohl das fachliche als auch das sozio-emotionale Lernen. Schulbasierte Prävention wird später in diesem Curriculum näher erläutert.
| Intervention | Zielebene | Wirksamkeitsindikator |
|---|---|---|
| Programme zur Förderung elterlicher Erziehungskompetenz | Universell und selektiv Gesamtpopulation und Risikogruppen |
sehr gut |
| Förderung persönlicher und sozialer Kompetenzen | Universell Gesamtpopulation |
gut |
| Programme zur Verbesserung der Unterrichtsumgebung | Universell Gesamtpopulation |
gut |
| Maßnahmen zur Förderung des regelmäßigen Schulbesuchs | Selektiv Risikogruppen |
ausreichend |
| Behandlung psychischer Erkrankungen | Indiziert Gefährdete Individuen |
ohne Einstufung |
Wirksamkeitsindikator: 1 Punkt = begrenzt, 2 = ausreichend, 3 = gut, 4 = sehr gut, 5 = ausgezeichnet.
Adoleszenz (elf bis achtzehn Jahre)
Die Adoleszenz umfasst das Alter von elf bis achtzehn Jahren und ist eine Zeit vieler Herausforderungen, da sich das Gehirn im Zusammenspiel hormoneller und anderer biologischer Prozesse fortlaufend entwickelt. Viele Gehirnfunktionen reifen jedoch auch nach der Adoleszenz weiter, was die Bedeutung von Interventionen jenseits des 18. Lebensjahres unterstreicht.
Es liegen zahlreiche Evaluationsstudien zu Interventionen vor, die auf die Bedürfnisse von Jugendlichen eingehen (Tabelle 5). Interventionen zur Erziehungskompetenz wurden bereits erörtert und sind für diese Altersgruppe ebenso relevant wie Curricula zur Förderung persönlicher und sozialer Kompetenzen sowie förderliche Schulrichtlinien (school policies), die sich an eine universelle Zielgruppe richten. Für stärker gefährdete Bevölkerungsgruppen liegen ausreichende Wirksamkeitsnachweise für Interventionen vor, die individuelle Aufmerksamkeit bieten, etwa solche, die psychologische Vulnerabilität adressieren, sowie Mentoring-Programme.
Wirksame Interventionen zur Erziehungskompetenz für diese Altersgruppe umfassen:
- Stärkung der familiären Bindung und der Erziehungskompetenzen, insbesondere durch klare Regeln, das aufmerksame Verfolgen von Freizeitaktivitäten und Freundschaften sowie die fortwährende Beteiligung am Bildungsweg der Jugendlichen;
- Interventionen, die für Jugendliche relevante Materialien, Situationen und Fragestellungen aufgreifen, einschließlich mehrerer stark interaktiver Gruppensitzungen.
Solche Interventionen erfordern geschulte Trainerinnen und Trainer und sollten so gestaltet sein, dass die Jugendlichen uneingeschränkt teilnehmen können.
Für diese Altersgruppe sind auch Bildungsangebote zu persönlichen und sozialen Kompetenzen wichtig.
- Sie stärken die Fähigkeit, Substanzen und Gruppendruck von Gleichaltrigen (Peers) abzulehnen, sozialem Druck hinsichtlich des Substanzgebrauchs zu begegnen und belastende Lebenssituationen auf gesunde Weise zu bewältigen.
- Ergänzende Komponenten adressieren die Wahrnehmung von Risiken oder Schäden des Substanzgebrauchs und richten den Blick auf Konsequenzen, die für das Jugendalter besonders relevant sind.
- Zudem gehen diese Interventionen auf Fehlwahrnehmungen Jugendlicher zum normativen Charakter des Substanzkonsums ein: Viele überschätzen den Anteil Gleichaltriger, die nach ihrer Einschätzung rauchen, trinken oder andere Substanzen gebrauchen.
- Die Interventionen liefern belastbare Informationen, damit Jugendliche reale Folgen des Substanzgebrauchs gegen die eigenen substanzbezogenen Erwartungen abwägen können.
- Eine aktive Beteiligung an Präventionsaktivitäten setzt geeignete didaktische Methoden voraus. Das wiederum erfordert ausgebildete Lehrkräfte oder Fachkräfte, die eher als Moderierende und Lernbegleiter auftreten als in klassischer Lehrendenrolle.
Schulrichtlinien (school policies) eröffnen einen weiteren Zugang für evidenzbasierte Prävention im schulischen Umfeld, insbesondere solche, die den Umgang mit Substanzen regeln und festlegen, wie mit Verstößen zu verfahren ist. Gut durchdachte Richtlinien tragen zu einem Umfeld bei, in dem die Schülerschaft sich sicher, wohl und erfolgreich fühlt. Es liegen ausreichende Hinweise darauf vor, dass solche Richtlinien wirksam sind und den Substanzgebrauch sowohl bei Schülerschaft als auch beim Schulpersonal positiv beeinflussen.
Eine individuelle psychologische Beratung oder Kurzintervention ist angebracht für Jugendliche mit Anzeichen psychischer Vulnerabilität wie „Sensation Seeking”, Impulsivität, Angstempfindlichkeit oder Hoffnungslosigkeit. Diese Faktoren sind nachweislich mit Substanzkonsum assoziiert, wenn sie unbehandelt bleiben. Junge Menschen in dieser Gruppe entwickeln häufig Schwierigkeiten in der Schule, im Elternhaus oder im Umgang mit Gleichaltrigen. Für sie gilt:
- Sie werden von Fachkräften mithilfe validierter Instrumente identifiziert.
- Interventionen unterstützen den Aufbau von Fähigkeiten, konstruktiv mit eigenen Emotionen umzugehen.
- Interventionen werden von ausgebildeten Fachkräften durchgeführt.
- Interventionen umfassen zwei bis fünf kurze Sitzungen.
Für Mentoring-Programme, insbesondere für gefährdete Jugendliche mit risikoreichem Verhalten, liegen keine starken Wirksamkeitsnachweise vor. Die Forschungsliteratur zeigt jedoch, dass ausgebildete Mentoren, die ein klar strukturiertes Aktivitätsprogramm anbieten, positive Effekte erzielen können. In der Regel wird dabei eine junge Person mit einer erwachsenen Bezugsperson zusammengeführt, die sich verpflichtet, sie regelmäßig und über einen längeren Zeitraum hinweg zu begleiten.
| Intervention | Zielebene | Wirksamkeitsindikator |
|---|---|---|
| Bildungsprogramme zur Förderung persönlicher und sozialer Kompetenzen basierend auf sozialem Einfluss | Universell und selektiv Gesamtpopulation und Risikogruppen |
gut |
| Schulentwicklung (Regeln, Kultur) | Universell Gesamtpopulation |
ausreichend |
| Adressierung individueller psychischer Vulnerabilitäten | Indiziert Gefährdete Individuen |
ausreichend |
Altersgruppe 11–18 Jahre. Wirksamkeitsindikator: 1 Punkt = begrenzt, 2 = ausreichend, 3 = gut, 4 = sehr gut, 5 = ausgezeichnet.
Spätadoleszenz und Erwachsenenalter (ab 18 Jahre)
Die Spätadoleszenz und das Erwachsenenalter umfassen junge Erwachsene ab dem Alter von 18 Jahren.
Die Alkohol- und Tabakpolitik (alcohol and tobacco policies) weist eine ausgezeichnet belegte Wirksamkeit auf. Da Tabak- und Alkoholgebrauch häufiger auftreten als der Gebrauch anderer Substanzen und die damit verbundene globale Gesundheitsbelastung größer ist, kann schon eine verzögerte Einstiegserfahrung bei Jugendlichen erhebliche soziale Wirkung entfalten.
- Evidenzbasierte Tabak- und Alkoholpolitik beschränkt den Zugang von Kindern und Jugendlichen zu diesen Substanzen und verringert die Verfügbarkeit von Tabak- und Alkoholprodukten.
- Wirksam sind insbesondere Maßnahmen, die das Mindestalter für den Verkauf anheben und die Preise über Besteuerung erhöhen.
- Auch das Verbot von Tabakwerbung und Einschränkungen der Alkoholwerbung, die auf Jugendliche zielt, zeigten einen rückläufigen Gebrauch.
- Die aktive und konsequente Durchsetzung dieser Gesetze sowie die Einbindung des Einzelhandels durch Schulungsprogramme gehören zu den wirksamen Ansätzen der Tabak- und Alkoholprävention.
| Intervention | Zielebene | Wirksamkeitsindikator |
|---|---|---|
| Kurzintervention | Indiziert Gefährdete Individuen |
sehr gut |
| Mentoring | Selektiv Risikogruppen |
begrenzt |
| Alkohol- und Tabakpolitik | Universell Gesamtpopulation |
ausgezeichnet |
Wirksamkeitsindikator: 1 Punkt = begrenzt, 2 = ausreichend, 3 = gut, 4 = sehr gut, 5 = ausgezeichnet.
| Intervention | Zielebene | Wirksamkeitsindikator |
|---|---|---|
| Kommunale Mehr-Ebenen-Intervention | Universell und selektiv Gesamtpopulation und Risikogruppen |
gut |
| Medienkampagnen | Universell Gesamtpopulation |
begrenzt |
| Prävention im Setting Arbeit | Universell, selektiv und indiziert Gesamtpopulation, Risikogruppen und gefährdete Individuen |
gut |
| Prävention im Nachtleben bzw. in Unterhaltungsstätten | Universell Gesamtpopulation |
begrenzt |
Wirksamkeitsindikator: 1 Punkt = begrenzt, 2 = ausreichend, 3 = gut, 4 = sehr gut, 5 = ausgezeichnet.
Die Europäischen Qualitätsstandards zur Suchtprävention (EDPQS)
Die Europäischen Qualitätsstandards zur Suchtprävention (EDPQS) verfolgen drei Ziele: die Entwicklung und Umsetzung von Präventionsmaßnahmen und -strategien zu verbessern, den Einsatz von Maßnahmen ohne Wirksamkeitsnachweis oder mit belegten negativen Effekten zu reduzieren und sicherzustellen, dass Präventionsaktivitäten von fachkompetenten Organisationen und Fachkräften umgesetzt werden und zum jeweiligen Kontext sowie zur Zielgruppe passen. Die Standards sollen einen Wandel der professionellen Präventionskultur anstoßen – hin zu einem systematischeren, evidenzbasierten Vorgehen in der Suchtprävention.
Die EDPQS beschreiben den Zyklus eines Präventionsprogramms in acht Phasen (siehe Abbildung 11). Der Programmzyklus schlägt zwar eine bestimmte Reihenfolge vor, in der Praxis können jedoch einzelne Phasen in abweichender Abfolge durchlaufen werden; nicht alle Phasen sind für alle Arten von Präventionstätigkeit relevant. Ergänzend enthalten die EDPQS Querschnittskriterien, die in jeder Phase zu berücksichtigen sind. Die folgende Darstellung des Programmzyklus stützt sich auf die Kurzanleitung der EDPQS .
Die Querschnittskriterien betreffen übergreifende Themen, die sich nicht nur auf eine Phase, sondern auf den gesamten Programmzyklus beziehen. Die vier Querschnittskriterien werden im Folgenden beschrieben.
A: Nachhaltigkeit und Finanzierung
Interventionen sind in einem größeren Rahmen von Präventionsaktivitäten zu verorten. Die langfristige Tragfähigkeit der Präventionsarbeit ist soweit möglich sicherzustellen. Im Idealfall können Interventionen über die erste Umsetzung hinaus fortgeführt werden, auch nachdem die externe Finanzierung ausgelaufen ist. Nachhaltigkeit hängt jedoch nicht allein von der dauerhaften Verfügbarkeit von Finanzmitteln ab, sondern ebenso vom anhaltenden Engagement der Mitarbeitenden und weiterer relevanter Akteure in der Suchtprävention. Auch zeitlich begrenzte Einzelmaßnahmen können Teil einer langfristigen Präventionsstrategie sein, deren Kontinuität entscheidend ist.
B: Kommunikation und Einbindung relevanter Akteure
Relevante Akteure sind Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen, die ein Interesse an Ablauf und Ergebnissen der Intervention haben oder direkt oder indirekt von ihr betroffen sind – etwa die Zielgruppe, Kommunen, Geldgeber und andere Präventionsakteure. Sie sollten angesprochen und in die Planung von Interventionen oder Strategien einbezogen werden, um Vorhaben zu koordinieren, Erkenntnisse zu teilen und gemeinsame Planung und Mittelabstimmung zu verankern.
C: Personalentwicklung
Dieses Querschnittskriterium ruht auf drei Säulen: Personalschulung, kontinuierliche Personalentwicklung sowie fachliche und emotionale Begleitung. Der Schulungsbedarf ist vor der Umsetzung zu erheben; die Mitarbeitenden werden entsprechend geschult, damit die Durchführung der Intervention oder Strategie einem hohen Standard genügt. Kontinuierliche Personalentwicklung dient zugleich der Wertschätzung, der Bindung und dem Aktuellhalten von Kenntnissen und Fähigkeiten. Während der Umsetzung ist es wichtig, den Mitarbeitenden Raum für Reflexion und Weiterentwicklung ihrer Arbeit zu geben.
Die Qualität des Personals ist ein wesentlicher Einflussfaktor für die Qualität der Intervention und steht in engem Zusammenhang mit der erhaltenen Schulung oder Ausbildung. In vielen europäischen Ländern fehlt bislang ein einheitliches Ausbildungssystem für Präventionsfachkräfte. Charvat, Jurystova und Miovsky (2012) schlagen ein Qualifizierungssystem für Präventionsfachkräfte im Rahmen des Schulsystems vor (Abbildung 12). Im Zentrum steht das Bestreben, unterschiedliche Schulungs- und Ausbildungsniveaus zu standardisieren, die ihrerseits die jeweils spezifischen und erwarteten Kenntnisse und Fähigkeiten der Mitarbeitenden abbilden.
So genügt für eine Lehrkraft, die ein einfaches Bildungsangebot oder eine Aufklärungsstunde zu psychoaktiven Substanzen durchführt, ein grundlegendes Kompetenzniveau (Basic Level), während von einer Bildungsfachkraft, die für ein Screening der Schülerschaft und die Umsetzung eines komplexeren Präventionsprogramms zuständig ist, weiterführende Kompetenzen erwartet werden. Das EUPC ist ein weiterer Beitrag dazu, die Ausbildung europaweit zu verbessern und zu vereinheitlichen.
D: Ethik
Präventionsmaßnahmen wirken in das Leben von Menschen hinein, zumal sich Prävention in der Regel an junge Menschen richtet. Bei selektiver und indizierter Prävention können die Adressaten zu den am stärksten gefährdeten Gruppen der Gesellschaft gehören. Fachkräfte sollten daher nicht voraussetzen, dass präventives Handeln per se ethisch ist und den Teilnehmenden nutzt. Auch wenn nicht immer alle Grundsätze ethischer Prävention vollständig einzuhalten sind, muss in jeder Phase ein ethischer Ansatz klar erkennbar sein. Entsprechend werden Verfahren entwickelt, um die Rechte der Teilnehmenden zu schützen und potenzielle Risiken einzuschätzen und zu begrenzen.
Nun gehen wir zu den einzelnen Phasen des Programmzyklus über:
Phase 1: Bedarfsanalyse
Bevor eine Intervention im Detail geplant werden kann, ist es wichtig, die Art und das Ausmaß der substanzbezogenen Bedarfe sowie deren mögliche Ursachen und beitragende Faktoren zu untersuchen. Diese stellen sicher, dass die zu ergreifenden Maßnahmen notwendig und den Bedarfen entsprechend sind. Vier Arten von Bedarfen werden unterschieden: politische Bedarfe; (allg.) kommunale Bedarfe; Bedarfe, die sich aus Lücken in der Bereitstellung von Präventionsmaßnahmen ergeben und (spezifische) Bedarfe der Zielgruppe.
1.1 Relevante Gesetzgebung und Politik kennen
Kenntnisse über substanzbezogene Richtlinien und Gesetzgebung sollten allen Präventionstätigkeiten zugrunde liegen. Das Programmteam muss sich der substanzbezogenen Politik und Gesetzgebung auf regionaler, landesweiter, nationaler und/oder internationaler Ebene bewusst sein und in Übereinstimmung mit diesen arbeiten. Wenn Interventionen Bedürfnisse ansprechen, die keine aktuellen politischen Prioritäten darstellen, sollen sie dennoch die umfassendere Präventionsagenda unterstützen, wie sie durch nationale oder internationale Strategien definiert ist. Andere Leitlinien, wie verbindliche Standards und Richtlinien, sollten gegebenenfalls ebenfalls berücksichtigt werden.
1.2 Substanzkonsum und gemeinschaftliche Bedürfnisse erfassen
Das zweite Modul dieser Phase fordert das Ausmaß des Substanzkonsums in der Allgemeinbevölkerung oder bestimmten Subpopulationen zu erheben. Es genügt nicht, sich bei der Planung von Präventionsarbeit auf Annahmen oder Ideologien zu stützen. Stattdessen müssen präventive Interventionen oder -maßnahmen durch eine empirische Einschätzung der Bedürfnisse der Menschen informiert sein. Andere relevante Themen wie Deprivation und Ungleichheit sollten ebenfalls berücksichtigt werden, um der Beziehung zwischen Substanzgebrauch und anderen Bedürfnissen Rechnung zu tragen.
1.3 Bedürfnisse beschreiben – Notwendigkeit für Interventionen begründen
Die Ergebnisse aus der kommunalen Bedarfsanalyse werden dokumentiert und in einen Zusammenhang gebracht, um die Notwendigkeit nach einer Intervention zu rechtfertigen. Die Begründung sollte die Ansichten der Kommune berücksichtigen, um sicherzustellen, dass die Intervention für sie relevant ist. Den Fokus auf die „Bedürfnisse” statt auf die „Probleme” zu legen, kann dazu beitragen, Akteure einzubinden, die sich sonst stigmatisiert fühlen könnten. Bereits existierende Präventionsmaßnahmen oder -strategien werden an dieser Stelle ebenfalls analysiert, um zu verstehen, wie die neue Intervention die derzeitige Versorgungsstruktur ergänzen kann.
1.4 Zielgruppe verstehen
Die Bedarfsanalyse wird kompletiert, indem detaillierte Daten über die potenzielle Zielgruppe gesammelt werden, z. B. Informationen über Risiko- und Schutzfaktoren sowie die Kultur und das Alltagsleben der Zielgruppe. Ein gutes Verständnis der Zielgruppe und ihrer Lebenswirklichkeit ist Voraussetzung für eine wirksame, kosteneffektive und ethische Prävention. Gegebenenfalls muss eine intermediäre Zielgruppe adressiert werden, die selbst nicht betroffen ist (z. B. Eltern, Lehrkräfte), jedoch indirekt einen Einfluss auf die eigentliche Zielgruppe hat (z. B. vulnerable Jugendliche).
Nach Charvat, Jurystova und Miovsky (2012). Grundlage für ein einheitliches EU-Ausbildungssystem im Feld der Prävention.
Phase 2: Ressourcenanalyse
Eine Intervention wird nicht nur durch den Bedarf der Zielgruppe definiert, sondern auch durch die verfügbaren Ressourcen. Während die Bedarfsanalyse aufzeigt, auf was die Intervention oder Strategie abzielen sollte, liefert die Ressourcenanalyse wichtige Informationen darüber, ob und wie diese Ziele erreicht werden können.
2.1 Zielgruppen- und gemeinschaftliche Ressourcen erfassen
Präventionsmaßnahmen oder -strategien können nur dann erfolgreich sein, wenn die Zielgruppe, die Kommune und andere relevante Akteure „bereit” sind, sich zu engagieren, z.B. fähig und willens sind, sich an der Intervention zu beteiligen oder deren Umsetzung zu unterstützen. Sie können auch über Ressourcen verfügen, die als Teil der Intervention genutzt werden können (z.B. Netzwerke, Fähigkeiten). Die Standards dieses Moduls beschreiben die Anforderung, mögliche Widerstands- wie auch Unterstützungsquellen für die Intervention sowie verfügbare Ressourcen relevanter Akteure zu beurteilen und zu berücksichtigen.
2.2 Internen Kapazitäten erfassen
Die Analyse der internen Ressourcen und Kapazitäten ist wichtig, da die Intervention nur durchführbar ist, wenn sie den verfügbaren personellen, finanziellen und anderen Ressourcen entspricht. Dieser Schritt wird vor der Programmformulierung durchgeführt, um herauszufinden, welche Arten von Interventionen oder Strategien möglich sind. Da der Zweck dieser Analyse darin besteht, eine informierte Planung zu ermöglichen, muss es sich dabei um keine „formelle” Analyse durch eine externe Organisation handeln, sondern kann beispielsweise eine informelle Diskussion zwischen Mitarbeitenden sein, um organisatorische Stärken und Schwachen in Bezug auf die Ressourcenlage zu ermitteln.
Phase 3: Programmformulierung
Die Formulierung der Intervention oder Strategie skizziert deren Inhalt und Struktur und bietet die notwendige Grundlage, um eine gezielte, detaillierte, kohärente und realistische Planung zu ermöglichen. Auf der Grundlage der Bedarfsanalyse der Zielgruppe und der verfügbaren Ressourcen sollen die Kernelemente der Intervention oder der Strategie klar definiert werden.
3.1 Zielgruppe definieren
Eine gute Definition der Zielgruppe stellt sicher, dass die Intervention die richtigen Menschen anspricht. Die Zielgruppe kann aus Einzelpersonen, Gruppen, Haushalten, Organisationen, Kommunen, Settings und/oder anderen Einheiten bestehen, solange sie identifizierbar und klar definiert ist. Die Definition sollte spezifisch und angemessen für den Umfang der Intervention oder Strategie sein. Zum Beispiel ist eine wichtige Überlegung, ob die Zielgruppe mit dem beabsichtigten Ansatz erreicht werden kann.
3.2 Theoretisches Modell anwenden
Wie oben diskutiert, erhöht die Verwendung eines theoretischen Modells, das für den speziellen Kontext der Intervention geeignet ist, die Wahrscheinlichkeit, dass Ziele erfolgreich erreicht werden. Es hilft bei der Identifizierung relevanter Mediatoren substanzbezogener Verhaltensweisen (wie Absichten und Überzeugungen, die den Substanzgebrauch beeinflussen) und bei der Festlegung umsetzbarer Ziele. Alle Interventionen sollten auf fundierten theoretischen Modellen beruhen, insbesondere wenn sie neu entwickelt werden.
3.3 Ziele formulieren
Ohne klare lang-, mittel- und kurzfristige Ziele besteht das ernstzunehmende Risiko, Präventionsarbeit um ihrer selbst willen durchzuführen, statt zum Nutzen der Zielgruppe. Die EDPQS verwenden eine dreistufige Zielstruktur, bestehend aus lang-, mittel- und kurzfristigen Zielen. Langfristige Ziele beschreiben die langfristige Richtung, die allgemeine Idee, den Zweck oder die Intention der Intervention. Sie können innerhalb der spezifischen Intervention erreicht werden oder auch nicht, bieten jedoch eine strategische Ausrichtung. Mittelfristige Ziele sind klare Aussagen über die Programmergebnisse der Teilnehmer (in Bezug auf Verhaltensänderungen) bei Interventionsabschluss. Kurzfristige Ziele beschreiben die unmittelbare oder mittelfristige Verhaltensänderung bei den Teilnehmenden, die notwendig ist, um ein mittelfristiges Ziel zu erreichen. Schließlich beschreiben die operativen Ziele die Aktivitäten, die zur Erreichung der mittel- und kurzfristigen Ziele erforderlich sind.
3.4 Setting definieren
Das Setting ist die soziale und/oder physische Umgebung, in der eine Intervention stattfindet, z.B. Familie, KiTa, Schule, Arbeitsplatz oder Kommune. Die Bedarfsanalyse kann zeigen, dass ein oder mehrere Settings relevant sind. Praktische Erwägungen (z. B. leichter Zugang, notwendige Kollaborationen) müssen jedoch bei der Entscheidung über das Setting ebenfalls berücksichtigt werden. Eine klare Definition des Settings ist essenziell, damit andere verstehen können, wo und wie die Intervention durchgeführt wurde.
3.5 Wirksamkeitsnachweise berücksichtigen
Bei der Planung von Präventionsmaßnahmen ist es wichtig, das vorhandene Wissen über das „Was in der Prävention funktioniert” zu kennen und zu nutzen. Die vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse über evidenzbasierte, wirksame Prävention sollen konsultiert und die für die geplante Intervention oder Strategie relevanten Ergebnisse hervorgehoben werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen mit der Berufserfahrung von Praktikern kombiniert werden, um eine Intervention zu entwickeln, die für den spezifischen Interventionskontext relevant ist. Wo keine wissenschaftlichen Evidenzen über die Wirksamkeit verfügbar sind, können stattdessen Berufserfahrung und Fachwissen weiterer Akteure hinzugezogen werden. Die Limitationen solcher Wissensformen im Vergleich zu wissenschaftlichen Forschungsergebnissen sollten jedoch sorgfältig abgewogen werden (z.B. aufgrund deren fehlender Generalisierbarkeit).
3.6 Zeitplan erstellen
Ein realistischer Zeitplan ist für die Planung und Umsetzung der Intervention oder Strategie unerlässlich, damit die Mitarbeitenden ihre Bemühungen zielgerichtet koordinieren können. Der Zeitplan stellt den geplanten zeitlichen Ablauf der Aktivitäten und die geltenden Fristen dar. Er kann während der Interventionsdurchführung aktualisiert werden, um deren tatsächliche Entwicklung widerzuspiegeln.
Phase 4: Interventionsdesign
Die Standards dieser Phase helfen bei der Entwicklung einer neuen Intervention sowie bei der Auswahl und Anpassung einer bestehenden und fördern die Beachtung von Evaluationsanforderungen als Teil des Interventionsdesigns.
4.1 Qualität und Wirksamkeit einplanen
Nachdem die Eckpunkte der Intervention skizziert wurden, werden ihre Details ausgearbeitet. Evidenzbasierte Aktivitäten zu planen, die von den Teilnehmenden als ansprechend, interessant und sinnvoll wahrgenommen werden, ist ein wichtiger Aspekt um gesetzte Ziele zu erreichen. Wenn möglich, sollte die Intervention als eine logische Abfolge aufeinander aufbauender Aktivitäten konzipiert werden, die die Entwicklung der Teilnehmer während der gesamten Intervention widerspiegelt. Dabei kann die Konsultation verschiedener Quellen von bereits durchgeführten Maßnahmen oder Strategien dazu beitragen, Aktivitäten zu vermeiden, die sich bereits als unwirksam oder schädlich erwiesen haben. Gute Register, welche evidenzbasierte Interventionen oder Strategienübersichtlich aufgelistet haben, sind die Grüne Liste Prävention, oder das Xchange-Präventionsregister.
4.2 Wenn eine bestehende Intervention ausgewählt wird
Bevor eine neue Intervention entwickelt wird, sollte geprüft werden, ob bereits eine geeignete Intervention existiert, entweder in der Praxis oder in manueller Form. Überlegen Sie z.B., ob ein bestehendes Programm für die konkreten Umstände der eigenen Intervention relevant und (im Fall von kostenpflichtigen Programmen) erschwinglich ist.
4.3 Intervention auf die Zielgruppe anpassen
Unabhängig davon, ob eine neue Intervention entwickelt oder eine bestehende Intervention angepasst wird, muss diese entsprechend den Erkenntnissen aus der Bedarfsanalyse auf die Zielgruppe zugeschnitten werden. Eine wesentliche Personalkompetenz ist in diesem Zusammenhang die kulturelle Sensibilität, d.h. die Bereitschaft und Fähigkeit, die Bedeutung von (unterschiedlichen) Kulturen zu verstehen, kulturelle Vielfalt zu schätzen, effektiv auf kulturell definierte Bedürfnisse einzugehen und Überlegungen über kulturelle Unterschiede bei allen Aspekten der Präventionsarbeit zu berücksichtigen.
4.4 Wenn abschließende Evaluationen geplant sind
Zu diesem Zeitpunkt sollten auch Monitoring- und abschließende Prozess- und Ergebnisevaluationen geplant werden. Die Ergebnisevaluation ist ein Hilfsmittel, um zu beurteilen, ob mittel- und kurzfristige Ziele erreicht wurden, während die Prozessevaluation dabei hilft zu verstehen, wie diese erreicht wurden oder nicht. Ein Evaluationsteam sollte über die geeignete Art der Evaluation für die Intervention oder Strategie entscheiden und Bewertungsindikatoren definieren, welche im Einklang mit den mittel- und kurzfristigen Zielen stehen. Die Berücksichtigung der Evaluationsphase in diesem frühen Stadium stellt sicher, dass die für das Monitoring und die abschließenden Evaluationen erforderlichen Daten in zufriedenstellender Form zur Verfügung stehen, wenn sie benötigt werden.
Phase 5: Management und Aktivierung der Ressourcen
Eine Präventivmaßnahme oder -strategie besteht nicht nur aus der tatsächlichen Intervention, sondern erfordert auch ein gutes Projektmanagement und eine detaillierte Planung, um sicherzustellen, dass sie umsetzbar ist. Managementrelevante, organisatorische und praktische Aspekte müssen daher neben dem Interventionsdesign berücksichtigt werden. Um die Implementierung zu starten, müssen verfügbare Ressourcen aktiviert und bei Bedarf auf neue Ressourcen zugegriffen werden.
5.1 Programm planen – Programmplan beschreiben
Ein spezielles Verfahren stellt sicher, dass Planung und Implementierung systematisch durchgeführt werden. Ein verschriftlichter Programmplan dokumentiert alle Aufgaben und Verfahren, die für eine erfolgreiche Durchführung der Intervention erforderlich sind. Der Programmplan leitet die Implementierung durch Bereitstellung eines gemeinsamen Rahmens, dem alle Mitarbeitenden zuarbeiten können. In späteren Programmphasen wird der Programmplan herangezogen, um zu beurteilen, ob die Intervention oder Strategie wie beabsichtigt umgesetzt wurde und ob Anpassungen erforderlich waren.
5.2 Finanzbedarf planen
Die finanziellen Anforderungen (Kosten) und Kapazitäten (Budget) der Intervention müssen festgelegt werden, um die notwendigen und verfügbaren Ressourcen in Kontext zu setzen. Wenn mehr Ressourcen benötigt werden als verfügbar sind, wird im Finanzplan geklärt, welche zusätzlichen Mittel benötigt werden oder inwiefern der Programmplan angepasst werden muss.
5.3 Team zusammenstellen
Das Team besteht aus den Personen, die an der Intervention arbeiten (z. B. Management, Durchführung, Evaluation). Die Mitarbeitenden (einschließlich Freiwillige) sollten entsprechend den rechtlichen Anforderungen und den Bedarfen der Intervention ausgewählt werden. Rollen und Verantwortlichkeiten sollten so verteilt werden, dass alle notwendigen Aufgaben den geeignetsten Personen (d.h. Personen mit geeigneten Qualifikationen und/oder Erfahrungen) übertragen und von ihnen ausgeführt werden. Dieses Modul sollte in Verbindung mit dem Querschnittskriterium C: Personalentwicklung betrachtet werden.
5.4 Teilnehmer anwerben und binden
Die Anwerbung von Interventionsteilnehmern bezieht sich auf den Auswahlprozess geeigneter Personen aus der Zielgruppe. Dabei werden die potentiellen Teilnehmer über die Intervention informiert, zur Teilnahme eingeladen, registriert und sichergestellt, dass diese die Intervention auch beginnen (z.B. Teilnahme an der ersten Sitzung). Die Teilnehmenden sollten methodisch und ethisch korrekt aus der definierten Zielgruppe angeworben werden. Die Bindung bezieht sich auf den Verbleib aller Teilnehmenden in der Intervention, bis zu deren Abschluss und/oder bis deren Interventionsziele erreicht wurden (je nachdem, was angemessener ist). Dies ist besonders relevant für Interventionen, die lange Zeiträume in Anspruch nehmen. Hindernisse für die Teilnahme sollten rechtzeitig identifiziert und beseitigt werden, um sicherzustellen, dass die Teilnehmenden an der Intervention teilnehmen und diese abschließen können.
5.5 Programmmaterialien vorbereiten
Die Materialien, die für die Durchführung einer manualisierten Intervention erforderlich sind, sollten berücksichtigt werden, einschließlich Interventionsmaterialien (falls zutreffend), Instrumente des Monitorings und der Evaluation, technisches Equipment, die physische Umgebung (z. B. Einrichtungen) usw. Dies ermöglicht die Finalisierung des Finanzplans und das Ergreifen von Maßnahmen, um notwendige Materialien zu sichern.
5.6 Programmbeschreibung bereitstellen
Eine schriftliche Darstellung bietet einen klaren Überblick über die Intervention oder Strategie. Sie wird so erstellt, dass interessierte Akteure (z. B. Zielgruppe, Geldgeber, andere interessierte Fachleute) Informationen vor dem Beginn der Intervention und/oder während ihrer Laufzeit erhalten können. Wenn die Beschreibung bei der Teilnehmeranwerbung verwendet wird, muss ein besonderes Augenmerk auf die potenziellen Risiken und Vorteile für die Teilnehmenden gelegt werden. Die Programm- oder Strategiebeschreibung unterscheidet sich vom Programmplan (der ein internes Instrument zur Steuerung der Interventionsimplementierung ist) und vom Abschlussbericht (welcher die Intervention oder Strategie nach deren Abschluss zusammenfasst).
Phase 6: Umsetzung und Monitoring
In dieser Phase werden die vorher entwickelten Pläne in die Praxis umgesetzt. Eine besondere Herausforderung an diesem Punkt ist die Notwendigkeit, ein Gleichgewicht zwischen Wiedergabegenauigkeit (d.h. Einhaltung des Programmplans) und Flexibilität (d.h. Reaktion auf neue Entwicklungen) zu wahren. Die einzelnen Module dieser Phase beschreiben, wie dieses Gleichgewicht erreicht werden kann, indem die Qualität und der Fortschritt der Implementation hinterfragt und kontrollierte Modifikationen zur Verbesserung der Intervention eingesetzt werden.
6.1 Wenn eine Pilotintervention durchgeführt wird
In bestimmten Fällen, z. B. wenn eine Intervention neu entwickelt wird oder von einer landes- auf eine bundesweite Implementation ausgeweitet werden soll, sollte sie zuerst in kleinerem Rahmen getestet werden. Dieses Vorgehen ist nützlich, um potenzielle praktische Probleme und andere Schwachstellen zu identifizieren, die bei der Planung nicht aufgetreten sind und deren Korrektur nach einer vollständigen Implementation sehr kostspielig sein können. Eine Pilotintervention (oder Pilotstudie) ist eine kleine Erprobung der Intervention vor ihrer vollständigen Implementation (z.B. mit weniger Teilnehmenden an nur einem oder zwei Standorten). Während der Pilotintervention werden Prozess- und (begrenzte) Ergebnisdaten gesammelt und zur Durchführung einer kleinen Evaluation verwendet. Anhand der gesammelten Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt können Interventionsentwickler die Intervention vor der eigentlichen Implementierung abschließend und kostengunstig anpassen.
6.2 Intervention durchführen
Sobald ausreichende Evidenzen vorliegen, die darauf hinweisen, dass die beabsichtigte substanzpräventive Intervention wirksam, durchführbar und ethisch vertretbar ist, wird die Intervention wie im Programmplan beschrieben implementiert. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Programmplan strikt eingehalten werden muss, wenn ein offensichtlicher Änderungsbedarf besteht. Um spätere Evaluationen und Berichte über die Intervention zu erleichtern, wird die Implementation detailliert dokumentiert, einschließlich unerwarteter Ereignisse, Abweichungen und Fehler.
6.3 Implementation überprüfen
Während der Intervention werden Ergebnis- und Prozessdaten periodisch gesammelt und analysiert, zum Beispiel hinsichtlich der Relevanz der Intervention für die Teilnehmenden, der Wiedergabegenauigkeit des Programmplans und der Effektivität. Die tatsächliche Implementation der Intervention und andere Aspekte werden mit den im Programmplan dargestellten Schritten verglichen. Regelmäßige Überprüfungen des Fortschritts tragen ebenfalls dazu bei, festzustellen, ob der ursprüngliche Plan modifiziert werden muss.
6.4 Implementation anpassen
Die Implementation muss flexibel bleiben, damit sie auf sich abzeichnende Probleme, geänderte Prioritäten usw. reagieren kann. Wo dies erforderlich und möglich ist, sollte die Implementation der Intervention in Übereinstimmung mit den Ergebnissen des Monitorings angepasst werden. Modifikationen müssen jedoch gut begründet sein und ihre möglichen negativen Auswirkungen auf die Intervention oder Strategie berücksichtigt werden. Wenn Modifikationen vorgenommen werden, müssen sie daher dokumentiert und evaluiert werden, um zu verstehen, welche Auswirkungen sie auf die Teilnehmenden und die Endergebnisse hatten.
Phase 7: Abschließende Evaluationen
Nach Abschluss der Intervention beurteilen finale Evaluationen die Ergebnisse und/oder den Prozess der Durchführung und Umsetzung der Intervention oder Strategie. Anders ausgedrückt: die Ergebnisevaluationen konzentrieren sich auf Verhaltensänderungen bei den Teilnehmenden (z.B. verringerter Substanzgebrauch), während Prozessevaluationen sich auf die In- und Outputs fokussieren, d.h. ob die Intervention wie geplant durchgeführt wurde (z. B. Anzahl der durchgeführten Sitzungen, Anzahl der angeworbenen und gebundenen Teilnehmer).
7.1 Wenn eine Ergebnisevaluation durchgeführt wird
Im Rahmen der Ergebnisevaluation werden Ergebnisdaten systematisch gesammelt und analysiert, um zu bewerten wie effektiv die Intervention war. Alle Ergebnisse sollten wie in der Planungsphase definiert wiedergegeben werden (d.h. im Einklang mit den festgelegten Evaluationsindikatoren). Je nach Umfang der Intervention und des eingesetzten Forschungsdesigns werden statistische Analysen durchgeführt, um die Wirksamkeit der Intervention in der Erreichung der definierten Ziele zu ermitteln. Wenn möglich, fasst eine kausale Aussage über die Wirksamkeit der Intervention die Ergebnisse der Evaluation zusammen.
7.2 Wenn eine Prozessevaluation durchgeführt wird
Die Prozessevaluation dokumentiert was während der Durchführung der Intervention passiert ist. Darüber hinaus analysiert sie die Qualität und Nützlichkeit der Intervention, indem sie ihre Reichweite und ihren Umfang, ihre Akzeptanz bei den Teilnehmern, ihre Wiedergabegenauigkeit und ihren Ressourceneinsatz betrachtet. Die Ergebnisse der Prozessevaluation helfen, die Ergebnisse der Ergebnisevaluation zu erklären und zu verstehen, wie die Intervention in Zukunft verbessert werden kann oder warum sie Erwartungen nicht erfüllen konnte.
Die Resultate der Ergebnisevaluation und der Prozessevaluation müssen zusammen interpretiert werden, um ein umfassendes Verständnis für den Erfolg der Intervention zu erhalten. Dieses Wissen wird die finale Programmphase 8 begleiten.
Phase 8: Verbreitung und Verbesserung
In der finalen Phase ist die Zukunft der Intervention oder Strategie das Hauptanliegen: Soll es weitergehen, und wenn ja, wie? Die Verbreitung von Informationen über die Intervention kann helfen, ihren Fortbestand zu fördern, gibt aber auch anderen die Möglichkeit, aus den Erfahrungen der Interventions- oder Strategieumsetzung zu lernen.
8.1 Bestimmen, ob das Programm weitergeführt werden soll
Idealerweise kann eine qualitativ hochwertige Präventionsmaßnahme oder -strategie über ihre anfängliche Implementation hinaus fortgesetzt werden, auch nachdem ihre externe Finanzierung eingestellt wurde. Anhand der empirischen Evidenz, die durch Monitoring und abschließende Evaluationen erzeugt wurde (abhängig davon, welche Daten verfügbar sind), kann entschieden werden, ob das Programm einer Fortsetzung wert ist. Wenn festgestellt wird, dass die Intervention aufrechterhalten werden soll, müssen geeignete Schritte und Folgemaßnahmen festgelegt und durchgeführt werden.
8.2 Programminformationen verbreiten
Die Verbreitung kann der Intervention in vielerlei Hinsicht zugutekommen, beispielsweise, indem sie Unterstützung relevanter Akteure für ihre Fortsetzung erhält oder durch Rückmeldungen verbessert wird. Dies ergänzt zudem die Evidenzbasis der Suchtprävention und trägt damit zur künftigen Politik, Praxis und Forschung im Bereich des Substanzgebrauchs bei. Um anderen Anbietern die Möglichkeit zu geben, die Intervention zu wiederholen, sollten auch Interventionsmaterialien und andere relevante Informationen (z. B. Kosteninformationen) so detailliert wie möglich zur Verfügung gestellt werden (abhängig von den Urheberrechtsanforderungen etc.).
8.3 Wenn ein Abschlussbericht erstellt wird
Der Abschlussbericht ist ein Beispiel für ein Verbreitungsprodukt. Er kann als Aufzeichnung der Umsetzung im Rahmen einer Finanzierungsvereinbarung erstellt werden oder als Information für Andere. Der Abschlussbericht enthält häufig eine Zusammenfassung der Dokumentation, die in früheren Phasen erstellt wurde. Der Bericht beschreibt den Umfang und die Aktivitäten des Programms und, soweit verfügbar, die Ergebnisse der finalen Evaluationen. Da ein Abschlussbericht nicht immer erforderlich ist und andere Mittel zur Verbreitung angemessener sein können (z. B. mündliche Präsentationen), findet dieses Modul nur bei Erstellung eines Abschlussberichts Anwendung.
Maßgeschneiderte evidenzbasierte Programme
Wie bereits erwähnt, konzentrieren sich die EDPQS auf das „Wie” der Präventionsarbeit (d.h. eine sinnvolle Umsetzung), während sich die internationalen Standards auf das „Was” (d.h. den Inhalt erfolgreicher Interventionen oder Strategien) konzentrieren. In Europa besteht manchmal Misstrauen gegenüber „evidenzbasierten” Programmen und Präventionsfachkräfte sind vorsichtig, diese in Betracht zu ziehen oder umzusetzen. Sie ziehen es vielleicht vor, im Sinne von „Bottom-up” vorzugehen, d.h. von den Bedürfnissen ihrer Zielgruppe ausgehend, anstatt das heranzuziehen, was sie als „Top-down”-Interventionen betrachten.
Solche regional gewachsenen und entwickelten Dienste oder Interventionen basieren auf dem Verständnis und der Einbeziehung der regionalen Situation, Ressourcen, Akteuren und Mentalitäten. Sie sind jedoch tendenziell weniger komplex als manualisierte Interventionen, da sie eher bei der Bereitstellung von Informationen ansetzen, als bei der Schulung von Fachkräften oder der direkten Regulierung, der Anreizwirkung oder der direkten Verhaltenseinschränkung. Sie benötigen auch sehr motivierte und gut ausgebildete Präventionsfachkräfte, die sich bewusst sind, dass Prävention etwas anderes ist, als nur über Risiken aufzuklären, über Gefahren zu informieren, Ratschläge zu geben oder Angsttaktiken zu nutzen und es Maßnahmen braucht, die über externe Vorträge von Polizeibeamten und Ex-Anwendern oder eintägigen Veranstaltungen zum Thema psychoaktive Substanzen hinausgehen. Kurz gesagt, sie erfordern Fachkräfte, die nicht nur kognitive Strategien zur Verhaltensänderungen anwenden können. Dies scheint eine Herausforderung zu sein und ein Grund für die Notwendigkeit des EUPC-Curriculums.
Es gibt viele Gründe für die Umsetzung einer evidenzbasierten Intervention oder -strategie, ideologische und kontextuelle Hindernisse können aber einer Umsetzung entgegenstehen. Diese sind in Tabelle 8 dargestellt:
Die beiden Konzepte, manualisierte evidenzbasierte Interventionen und regional relevante Erfahrungen, schließen sich jedoch nicht gegenseitig aus, sondern können kombiniert werden, wie die Erfahrung mit „Communities That Care” (CTC) in einigen europäischen Ländern zeigt1: Dieses System ermöglicht es Kommunen, zunächst objektiv ihren spezifischen Bedarf und ihr Problemprofil zu analysieren, um dann die am besten geeignete(n) Intervention(en) auszuwählen, die ihrer besonderen Situation entsprechen.
In diesem Curriculum diskutieren wir sowohl „Bottom-up”-Ansätze als auch existierende evidenzbasierte Programme, da wir der festen Überzeugung sind, dass sich diese beiden Ansätze nicht notwendigerweise widersprechen müssen. Die Kombination beider Ansätze kann eine Win-Win-Situation sein. Die EDPQS, welche einen „Bottom-up”-Ansatz ermöglichen, stellen sicher, dass der Implementationsprozess von hoher Qualität ist, während die internationalen Standards der UNODC, in denen evidenzbasierte Interventionen aufgeführt sind, sicherstellen, dass eine qualitativ hochwertige Präventionsmaßnahme zur Implementation ausgewählt werden kann. Diese Kombination führt zu der bestmöglichen Wirksamkeit der Interventionen bzw. Präventionsmaßnahmen.
Balance zwischen Anpassung und Umsetzungsgenauigkeit
Während die Intervention ausgewählt und zusammengestellt wird, müssen die Botschaften, welche die Intervention vermitteln soll, auf eine adäquate Weise an die spezifischen Merkmale der Teilnehmenden angepasst werden. Eine solche Anpassung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Teilnehmenden die Intervention als relevant betrachten, sich mit ihr beschäftigen und so die gewünschten Ergebnisse erzielen. Eine Anpassung beinhaltet die Auseinandersetzung mit kulturellen Überzeugungen, Werten, Sprache, sozialem Kontext und visuellen Bildern, bedeutet jedoch nicht, die theoretische Grundlage der Intervention zu verändern.
Da die meisten evidenzbasierten Präventionsmaßnahmen oder -strategien in verschiedenen westlichen Ländern entwickelt wurden, könnte eine Anpassung der Intervention oder Strategie an den nationalen, landesweiten oder regionalen Kontext erforderlich sein. Es ist jedoch wichtig, dass insbesondere bei evidenzbasierten Interventionen die Absicht des Programms beibehalten wird, indem die zentralen Interventionsprinzipien unverändert bleiben. Dies stellt einerseits ein Gleichgewicht her, zwischen der Umsetzungsgenauigkeit, also der Bereitstellung einer Präventionsmaßnahme, wie sie von den Entwicklern vorgeschlagen oder entworfen wurde und der Anpassung andererseits, also der Änderung des Interventionsinhalts an die Bedürfnisse einer bestimmten Zielgruppe.
Warum ist es wichtig, sich Gedanken über die Balance zwischen Umsetzungsgenauigkeit und Anpassung zu machen? Einige Gründe liegen auf der Hand: wenn zum Beispiel die Muttersprache der Teilnehmenden nicht mit der Sprache übereinstimmt, in der die Intervention konzipiert wurde, muss eine Anpassung erfolgen. Andere sind nicht so offensichtlich, etwa wenn das Programm in einer weißen oder westlichen Bevölkerung evaluiert worden ist und die Zielgruppe nicht weiß oder westlich ist. Hier könnte es Konflikte in Überzeugungen, Werten und Normen geben . Beispiele für einige der Fragen, die bei der Anpassung von Programmen berücksichtigt werden müssen, sind in Tabelle 9 dargestellt.
| Hindernisse bei der Implementierung | Vorteile bei der Implementierung |
|---|---|
| Scheint oft im Widerspruch zur üblichen Vorgehensweise zu stehen | Bietet Zielgruppen und Bevölkerungsgruppen die besten verfügbaren Interventionen und Strategien |
| Fordert kulturelle und religiöse Überzeugungen zu Elternschaft, Familienstruktur und Geschlechterrollen heraus | Ermöglicht eine effektivere und effizientere Erbringung präventiver Dienstleistungen |
| Erfordert neue Fachkenntnisse und eine spezifische Ausbildung | Bietet eine rationalere Grundlage für politische Entscheidungen |
| Herausforderung, Wiedergabegenauigkeit zu wahren und zugleich spezifische Bedürfnisse zu berücksichtigen | Stellt eine gemeinsame Sprache zur Verfügung |
| Begrenzte Verfügbarkeit von Ressourcen | Eröffnet die Chance, ein gemeinsames Verständnis zur Beurteilung wissenschaftlicher Forschung zu entwickeln |
| Erfordert Monitoring und Evaluation | Bildet eine Grundlage für Aus- und Weiterbildung, ermöglicht Kontinuität und Einheitlichkeit der Leistungserbringung; sorgt für Klarheit über fehlende Elemente und Defizite |
| Faktor | Merkmal des Programms | Neue Zielgruppe | Folgen |
|---|---|---|---|
| Sprache | Deutsch | Andere | Unfähigkeit, Programminhalte zu verstehen |
| Ethnie | Europäisch | Andere | Konflikte hinsichtlich Überzeugungen, Werten, Normen |
| Städtisch / ländlich | Städtisch | Ländlich | Logistische und umweltbezogene Barrieren |
| Anzahl und Ausprägung von Risikofaktoren | Wenige Faktoren geringer Ausprägung | Zahlreiche Faktoren hoher Ausprägung | Ungenügende Wirkung auf schwerwiegendste Risikofaktoren |
| Familiäre Stabilität | Stabile Familienstrukturen | Instabile Familienstrukturen | Eingeschränkte Mitwirkung |
| Einbezug der Bevölkerung | Bevölkerung wurde in Gestaltung und Durchführung einbezogen | Kein Einbezug | Keine Unterstützung, Widerstand, geringe Beteiligung |
| Bereitschaft der Kommune | Mäßig | Gering | Fehlen suchtpräventiver Organisationen und Infrastruktur |
Die EBDD veröffentlichte einen Fachbericht, in dem untersucht wurde, ob nordamerikanische Präventionsprogramme in europäischen Kulturen und Kontexten umgesetzt werden können . Es beschreibt die Besonderheiten für das „Good Behavior Game”, „Strengthening Families”-Programm und „Communites That Care”.
Einige hilfreiche Hinweise sind im EDPQS-Toolkit 4 oder im Artikel von van der Kreeft und Kollegen (2014) beschrieben:
- Änderung der Kapazität steht vor Änderung der Intervention. Auch wenn es einfacher erscheint das Programm zu ändern, sollten zuerst die regionalen Kapazitäten geändert werden, um das Programm so durchzuführen, wie es entworfen wurde. Dies ist die sicherere Wahl.
- Konsultation mit Interventionsentwicklern, um festzustellen, welche Erfahrungen und/oder Ratschläge sie für die Anpassung der Intervention an eine bestimmte Situation oder einen bestimmten Umstand haben.
- Beibehaltung der Kernkomponenten. Es gibt eine höhere Wahrscheinlichkeit der Wirksamkeit, wenn eine Intervention die Kernkomponente(n) der ursprünglichen Intervention beibehält. Kernkomponenten sind Merkmale der Intervention, die als Auslöser von Verhaltensänderungen identifiziert wurden und daher der Grund sind, warum eine Intervention funktioniert. Eine Kernkomponente des EU-Dap Unplugged-Programms war es „auf Gruppenzwang zu reagieren”. Diese Kernkomponente sollte in einem Anpassungsprozess nicht ausgelassen werden.
- Im Einklang mit evidenzbasierten Prinzipien. Es besteht eine größere Erfolgswahrscheinlichkeit, wenn eine Anpassung nicht gegen ein etabliertes evidenzbasiertes Präventionsprinzip verstößt.
- Hinzufügen statt entfernen. Es ist sicherer, eine Intervention zu ergänzen, als sie zu modifizieren oder zu streichen.
Ihre Rolle als Präventionsfachkraft besteht darin, zu erörtern, wie eine evidenzbasierte Intervention angepasst werden kann, ohne ihre Wirkung dabei negativ zu beeinflussen (siehe Tabelle 10). Die Diskussion mit Ihren Kollegen im Rahmen einer Schulung oder an Ihrem Arbeitsplatz kann Ihnen helfen, zu klären, wie Sie die notwendigen Anpassungen für Ihren Kontext am besten vornehmen können.
| Anpassung | Umsetzungsgenaue Anpassung |
|---|---|
| Um für das Zielpublikum akzeptabel zu sein, müssen evidenzbasierte Interventionen kulturell angemessen sein und Sprache, Gewohnheiten, Erwartungen und Normen der neuen Zielgruppe berücksichtigen. | Kernelemente der evidenzbasierten Intervention müssen beibehalten werden, um – unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der Zielgruppe – die Wirksamkeit der Intervention zu gewährleisten. |
| Fokus Akzeptanz · Relevanz · Zugänglichkeit |
Fokus Wirksamkeit · Theorie · Kernmechanismen |
Grundsatz: Anpassung betrifft die Oberfläche (Sprache, Kontext), umsetzungsgenaue Anpassung bewahrt das Wirkprinzip. Beide Dimensionen müssen bei jeder Adaption gemeinsam betrachtet werden.
Fußnoten
Literatur zu diesem Kapitel
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Weiterlesen auf FINDER
- FINDER-Programme – Beispiele evidenzbasierter Programme im FINDER-Portfolio
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International Standards on Drug Use Prevention
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