Abschnitt II · Settings

Prävention im Setting Familie

In Lektorat · nur im Dev sichtbar ~ 18 min Lesezeit Quelle: 3. Auflage, S. 69–76

Die Familie ist eines der Settings auf der Mikroebene und von großer Bedeutung für die positive Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Der Fokus dieses Kapitels liegt auf familienorientierten Maßnahmen, deren Inhalten und Besonderheiten. Beispielhaft werden die evidenzbasierten Programme „EFFEKT®” und „Triple P” vorgestellt. Wir beenden das Kapitel mit einer Diskussion über die Herausforderungen bei der Arbeit mit Familien und wie diese bewältigt werden können.

Definitionen

Was „Familie” bedeutet und wie diese definiert wird, unterscheidet sich sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch in der wissenschaftlichen Diskussion. Verschiedene Disziplinen wie Anthropologie, Soziologie, Psychologie oder Ökonomie definieren und untersuchen „Familie” auf unterschiedliche Weise. Auch kulturübergreifend gibt es kein einheitliches Verständnis davon, was „Familie” bedeutet. In den Vereinigten Staaten, Kanada und vielen europäischen Ländern wird „Familie” am häufigsten als Kernfamilie definiert; gemeint sind damit meist zwei gegengeschlechtliche Partner und deren Kinder, Alleinerziehende oder getrennt lebende Paare mit geteiltem Sorgerecht (Patchworkfamilien). In den meisten anderen Teilen der Welt wird „Familie” oft als Großfamilie definiert, zu der Großeltern, Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins sowie die erweiterte Verwandtschaft gezählt werden. Hohe Scheidungs- und Wiederverheiratungsraten in Europa haben in den letzten Jahrzehnten dazu beigetragen, dass die Zahl der Patchworkfamilien und Alleinerziehenden gestiegen ist und das bis dahin dominierende Familienkonzept erweitert und verändert wurde.

Familien als Systeme

Wissenschaftler betrachten Familien oft als eine besondere Form sozialer Systeme. Das bedeutet, dass eine Familie mehr ist als nur eine Gruppe von Menschen, die zusammenlebt. Familien sind in vielerlei Hinsicht einzigartige Gruppen von Individuen und unterscheiden sich von Gleichaltrigengruppen oder anderen sozialen Zusammenschlüssen. Anders als in den meisten sozialen Gruppen sind Mitglieder einer Familie direkt verwandt. Aufgrund der Nähe der Beziehungen und der spezifischen Aufgaben von Familien entstehen charakteristische Interaktionsmuster, über die sie sich wiederum definieren.

Einige Interaktionsmuster sind Familien gemeinsam, in vielen anderen unterscheiden sie sich voneinander. So wie keine zwei Individuen genau gleich sind, gestalten auch keine zwei Familien ihre Beziehungen auf dieselbe Weise. Die Interaktion zwischen Familienmitgliedern ist oftmals von einer Direktheit und Intimität geprägt, die in Beziehungen außerhalb der Familie nicht oder nur gegenüber wenigen Personen gezeigt würde.

Familien können sich gegenseitig sozial unterstützen und ein Gefühl der Zugehörigkeit geben. Dieses Zugehörigkeitsgefühl ist wichtig für die menschliche Entwicklung: Es hilft dabei, Widerstandsfähigkeit auszubilden und der Entstehung von Verhaltensproblemen vorzubeugen. Die Art und Weise, wie sich Familien strukturieren – ihre Einstellungen, Überzeugungen und Werte – bestimmt ihre Identität und beeinflusst darüber hinaus, wie Familienmitglieder mit Menschen außerhalb der Familie interagieren und welche Erwartungen sie gegenüber solchen Interaktionen haben.

Eine der zentralen Aufgaben von Familie ist die Sozialisation von Kindern. Die Familie ist in der Regel der Kontext, in dem Kinder Normen, Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen erlernen. Sie stellt den primären Sozialisationskontext dar, denn Kinder erlernen im Kreise ihrer Familie grundlegende Fähigkeiten wie Sprache, Sozialverhalten und Frustrationsbewältigung. Eltern unterstützen die Entwicklung sozialer und personaler Fähigkeiten durch verschiedene Formen des Lernens, der Beziehungsgestaltung und Erziehung.

Formen familienbezogener Präventionsmaßnahmen

Familienbezogene Präventionsmaßnahmen können ebenso wie andere präventive Interventionen in die Kategorien universell, selektiv oder indiziert unterteilt werden.

Neben der Zielgruppe (z.B. nur bestimmte Familienmitglieder oder die gesamte Familie) ist die Zielsetzung ein weiteres charakterisierendes Merkmal familienbezogener Präventionsmaßnahmen.

Elterninterventionen konzentrieren sich ausschließlich auf die Veränderung bestimmter Erziehungspraktiken (z.B. Beziehungsgestaltung oder wirksame Kommunikation) und richten sich allein an Eltern bzw. Sorgeberechtigte. Die Kinder können gegebenenfalls an der Maßnahme beteiligt sein.

Elternprogramme und Maßnahmen zur Förderung der Erziehungskompetenz sind in der Regel breiter angelegt. Sie fördern zugleich das Erziehungsverhalten der Eltern und die personalen und sozialen Fähigkeiten der Kinder; Übungen werden auch mit der gesamten Familie durchgeführt. Der Schwerpunkt geht über die eigentliche Erziehung hinaus und liegt darauf, wie sich Eltern und Kinder innerhalb einer Familie gegenseitig positiv beeinflussen und als Familie zusammenwirken können.

Maßnahmen zur Förderung der Erziehungskompetenz werden mitunter in Kombination mit anderen Interventionen – etwa mit einer schulbasierten Intervention in derselben Kommune – als Teil einer umfassenderen Rahmenstrategie umgesetzt. Aufgrund der vielen verschiedenen Makro- und Mikrofaktoren, die jugendliches Risikoverhalten beeinflussen, werden solche Strategien häufig auf gesamtgesellschaftlicher Ebene verankert. Einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Kombination verschiedener Ansätze zur Reduzierung von Problemverhaltensweisen auf Bevölkerungsebene wirksam sein kann.

Eine weitere Interventionsform ist die Familientherapie, die bereits aufgetretene Verhaltensauffälligkeiten adressiert, um eine spätere Eskalation im Entwicklungsverlauf zu verhindern. Hinweise darauf, dass eine Familie von einer Intervention profitieren kann, zeigen sich teils in Aspekten des familiären Umgangs (z.B. Gewalt), teils im jugendlichen Verhalten außerhalb des familiären Umfelds (z.B. in der Schule oder in anderen Settings). Intensive familiäre Interventionen wie die systemische Familientherapie oder die sozialpädagogische Familienhilfe können sowohl im Kindes- als auch im Jugendalter deutlich positive Wirkungen erzielen.

Wie auch in anderen Bereichen gilt für familienbezogene Präventionsmaßnahmen, dass sie den Entwicklungsstand der adressierten Kinder und Jugendlichen berücksichtigen müssen. Abbildung 18 führt verschiedene Strategien (schwarz), Ziele (rot) und Ergebnisse (blau) vor dem Hintergrund der Entwicklungsphasen von der Geburt bis zur Adoleszenz auf.

Familienbezogene Präventionsmaßnahmen nach Entwicklungsphasen

Säuglingsalter
Frühe Kindheit
Mittlere Kindheit
Adoleszenz
Strategien
Hausbesuche
Verhaltenstraining für Eltern
Maßnahmen zur Verbesserung der familiären Kompetenzen
Intensive familiäre Interventionen
Ziele
Verbesserte Eltern-Kind-Beziehung
Positivere Methoden zur Disziplinierung, besseres Management
Verstärkte Kontrolle
Ergebnisse
Wohlbefinden
Gesteigertes prosoziales Verhalten
Verringerung von Aggressivität und Verhaltensproblemen
Verringerung des Substanzkonsums
Strategien Ziele Ergebnisse

Die Balkenlänge markiert die Entwicklungsphasen, in denen die jeweilige Maßnahme wirksam ansetzt.

Abbildung 18: Familienbezogene Präventionsmaßnahmen nach EntwicklungsphasenNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Die theoretische Annahme familienbezogener Präventionsmaßnahmen lautet: Durch die Beeinflussung familiärer Prozesse – etwa der elterlichen Beziehungsgestaltung – lässt sich die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen fördern und die Entstehung von Problemen verhindern. Auf der Mikroebene hat die Familie den größten Einfluss auf die Entstehung von Problemverhaltensweisen. Familienbezogene Präventionsmaßnahmen können bereits vor der Geburt beginnen, beispielsweise durch Programme mit Hausbesuchen für werdende Mütter. Solche Interventionen zielen darauf ab, das Erziehungsverhalten weiterzuentwickeln, das Wohlbefinden der Mütter zu stärken, die Mutter-Kind-Beziehung zu fördern und die langfristige Entwicklungsperspektive des Kindes zu verbessern.

Die einflussreichsten familiären Faktoren, die Einfluss auf die kindliche Entwicklung haben, sind:

  • Eltern-Kind-Beziehung. Die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung beginnt im Säuglingsalter, wenn Bezugspersonen und Kleinkinder eine starke Bindung aufbauen. Sie bleibt bis in die Adoleszenz ein wichtiger Einflussfaktor auf die Entwicklung. Auch wenn sich einzelne Merkmale der Beziehung im Laufe der Zeit verändern, schützt eine warmherzige und positiv-emotionale Beziehung Jugendliche vor der Entstehung von Verhaltensproblemen. Eltern, die Zeit investieren und aktiv und positiv in das Leben ihrer Kinder eingebunden sind, tragen zum Aufbau solcher Beziehungen bei. Verhaltensorientierte Elterntrainings können Erziehungspraktiken, die Eltern-Kind-Beziehung und das Verhalten von Kindern und Jugendlichen verbessern – mit Wirkungen, die bis in die Adoleszenz und das frühe Erwachsenenalter reichen.
  • Erziehungsverhalten und Verhaltenssteuerung. Angemessen auf jugendliches Risiko- und Problemverhalten zu reagieren, ist eine wichtige Aufgabe der elterlichen Erziehung. Wirksame Maßnahmen vermitteln Eltern Strategien, die sie dabei unterstützen. Neben einer Disziplinierung, die klar und nachdrücklich, aber nicht destruktiv ist, helfen eine klare Kommunikation von Regeln und Erwartungen sowie ein aufrichtiges Interesse daran, wo und mit wem das Kind seine Zeit verbringt, es vor negativen Einflüssen auf der Makroebene zu schützen.
  • Wertevermittlung. Die Vermittlung von Werten und Umgangsformen wie Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit innerhalb der Familie fördert risikoarme und prosoziale Verhaltensweisen. Dies kann destruktiven Verhaltensweisen entgegenwirken, denen Kinder in anderen sozialen Zusammenhängen begegnen.
  • Interesse und aktive Beziehungsgestaltung. Eltern, die aktiv am Leben ihrer Kinder teilnehmen und gemeinsam unbeschwerte Zeit mit ihnen verbringen, helfen beim Aufbau einer positiven Eltern-Kind-Beziehung. Solche Aktivitäten vermitteln dem Kind, dass sich seine Eltern um sein soziales, emotionales und persönliches Wohlbefinden sorgen und dass die Beziehung nicht nur aus Maßregelung besteht.
  • Unterstützung. Emotionale, kognitive und finanzielle Unterstützung der Kinder.

Wenn es gelingt, einige dieser einflussreichen Faktoren durch präventive Angebote zu stärken, lassen sich gesundheitsriskante oder problematische Verhaltensweisen – etwa missbräuchlicher Substanzkonsum – reduzieren.

Eine Herausforderung der familienbezogenen Prävention ist, dass sie am wirksamsten ist, wenn sie vor der Entstehung eines Problems ansetzt. Genau das erschwert es, Familien zur Teilnahme zu bewegen.

Auch die Frage nach den Hauptmerkmalen wirksamer Maßnahmen ist in diesem Kontext aufschlussreich. Eine wissenschaftliche Studie identifizierte mehrere Angebote zur Förderung der Erziehungskompetenz von Eltern mit Kindern im Alter von 0 bis 7 Jahren. Folgende Merkmale waren mit erhöhter Wirksamkeit verbunden:

  • Fokus auf positive Interaktionen zwischen Eltern und Kindern – etwa, wenn Eltern vermittelt wird, mit ihren Kindern Zeit in disziplinfreien Situationen wie beim Spielen zu verbringen. Oder wenn Eltern lernen, wie man Freude zeigt, positive Aufmerksamkeit schenkt und sich auf Aktivitäten einlässt, die kreativ und frei gestaltet werden können.
  • Fokus auf Emotionen und Kommunikation. Aktives Zuhören ist ein Instrument, um auf achtsame Weise zu reflektieren, was das Kind sagt; es beugt einer vorschnellen und möglicherweise destruktiven Reaktion vor. Hilfreich ist zudem, Eltern darin zu unterstützen, ihren Kindern beizubringen, Emotionen zu erkennen, zu zeigen und angemessen auszudrücken – und Eltern anzuleiten, negative Kommunikation wie Sarkasmus zu reduzieren.
  • Fokus auf die konsequente Durchsetzung von Regeln.
  • Gelegenheit, die neuen Fähigkeiten mit den Kindern einzuüben – sowohl vor Ort als auch zu Hause.

Allgemeiner Inhalt von familienbezogenen Präventionsmaßnahmen

Familienbezogene Präventionsmaßnahmen umfassen weit mehr als das bisher Genannte. Nachfolgend stellen wir dar, welche Gestaltungsmöglichkeiten es für Eltern, Kinder und Familien insgesamt gibt.

Lerninhalte für Eltern

Ein Prüfungsgremium der UNODC hat festgestellt, dass die wirksamsten Maßnahmen zur Förderung der Erziehungskompetenz eine Reihe spezifischer Merkmale teilen.

Wirksame Angebote vermitteln Eltern, wie sie auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen und dies in angemessener Weise tun können.

Außerdem lernen Eltern, Zuneigung und Empathie füreinander, für ihre Kinder und für andere Menschen zu zeigen. Das bedeutet konkret:

  • Positive Aufmerksamkeit und positive Rückmeldung geben. Den Kindern Rückmeldung geben, wenn sie sich angemessen verhalten, nicht nur bei Regelverstößen.
  • Über die eigenen Emotionen und die der Kinder sprechen und den Kindern dabei helfen, Emotionen zu erkennen und auszudrücken.
  • Die Bedeutung vorbildhaften Verhaltens vermitteln: Wenn Eltern ein bestimmtes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen nicht wünschen, sollten sie es durch ihr eigenes Verhalten nicht vorleben.
  • Strategien erlernen, um Stress und Frustration zu bewältigen und so den unvermeidbaren Herausforderungen des sozialen und familiären Lebens begegnen zu können.
  • Den Kindern beim Spielen mehr Kontrolle und Selbstbestimmung lassen und beim Mitspielen eher reagieren als agieren.
  • Altersangemessene und realistische Erwartungen an die Kinder haben (siehe Anhang 2).

Weitere Inhalte und Angebote sollten darauf abzielen, Eltern zu befähigen, den Alltag zu strukturieren. Struktur meint in diesem Zusammenhang vor allem:

  • Altersangemessene Strategien der Grenzsetzung anwenden und den Kindern die möglichen Folgen unangemessenen Verhaltens verständlich machen.
  • Klare Regeln für zu Hause festlegen, vermitteln und die Kinder dabei unterstützen, die Normen und Werte der Gesellschaft zu verstehen.
  • Erkennen, wie Kinder vor potenziellen Risiken innerhalb der Familie oder der Gesellschaft (z.B. Wohnumfeld oder Medien) geschützt werden können.
  • In Familien mit mehr als einem Elternteil eine Einigung über zentrale Erziehungsfragen erzielen und diese in die Praxis umsetzen.
  • Einen guten Überblick darüber behalten, wo sich die Kinder aufhalten, mit wem sie Zeit verbringen und was sie tun.
  • Konflikte und Streitigkeiten lösen und einander vergeben lernen. All das schafft eine warme und offene emotionale Atmosphäre in der Familie und hilft dabei, Kinder aus Konflikten zwischen den Eltern herauszuhalten.
  • Routinen wie gemeinsame Mahlzeiten und gleichbleibende Schlafenszeiten als Strukturierungshilfe nutzen. Diese sollen Freude bereiten und Gelegenheiten bieten, mit Kindern über wichtige Themen zu sprechen, ohne zu belehren.

Einige wirksame Maßnahmen vermitteln Eltern, wie sie sich am Schulleben ihrer Kinder beteiligen können. Denn neben der Familie ist die Schule eine der wichtigsten Sozialisationsinstanzen. Manche Eltern zögern, mit der Schule in Kontakt zu treten. Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass Kinder bessere Erfahrungen in der Schule machen, wenn ihre Eltern sie dabei unterstützen. Hilfreich ist, wenn:

  • Eltern ihre Kinder begleiten und ihnen nach Möglichkeit bei den Hausaufgaben helfen,
  • Eltern in Kontakt mit der Schule stehen und sich aktiv mit ihr austauschen.

Lerninhalte für Kinder

Es gibt viele Lebenskompetenzen, die Kinder und Jugendliche im Laufe ihrer Entwicklung erwerben, um selbstständige und verantwortliche Gesellschaftsmitglieder zu werden. Eltern zu vermitteln, wie sie ihre Kinder beim Erwerb dieser Kompetenzen bestmöglich unterstützen können, ist deshalb Teil familienbezogener Präventionsarbeit.

Eine wichtige Gruppe sind emotionale Fähigkeiten. Interventionen unterstützen Eltern und Kinder dabei:

  • eigene Emotionen und die anderer zu erkennen,
  • Gefühle angemessen auszudrücken,
  • den Umgang mit schwierigen Emotionen zu lernen,
  • Mitgefühl für andere zu entwickeln,
  • kritische Rückmeldung konstruktiv anzunehmen.

Zukunftsorientierung: Eine weitere hilfreiche Fähigkeit ist die Entwicklung eigener Ziele. Kinder und insbesondere Jugendliche, die ihre Wünsche benennen und sich realistische Ziele setzen können, verstehen auch besser, wie bestimmte Verhaltensweisen sie bei der Zielerreichung behindern.

Problemlösefertigkeiten: Ihre Entwicklung unterstützt Kinder und Jugendliche darin, herausfordernde soziale Situationen mit Gleichaltrigen zu bewältigen.

Selbstfürsorge: Kinder und Jugendliche können lernen, für sich selbst zu sorgen – mit Blick auf Ernährung, die Wirkung psychoaktiver Substanzen auf das Gehirn, körperliche Gesundheit und Entwicklung, Verhalten, Emotionen, kognitive Entwicklung, das soziale Leben mit Freunden und Familie, Schulleistungen und Zukunftschancen.

Positive Beziehungen: Jugendlichen vermitteln, wie sie Beziehungen aktiv und konstruktiv gestalten, welche Rollen sie einnehmen können, welche Beziehungen ihnen guttun und wie sie sich von belastenden Beziehungen lösen und schützen können.

Wirksame Kommunikation: Jugendlichen die Fähigkeit zum aktiven Zuhören und zum Ausdruck eigener Bedürfnisse vermitteln. Das hilft dabei, Konflikte erfolgreich zu bewältigen.

Respekt vor anderen: Interventionen können Werte wie Respekt stärken – Respekt für individuelle Unterschiede und gegenüber Älteren und Autoritäten.

Widerstand gegen Gruppendruck: Junge Menschen darin stärken, sich gegenüber anderen zu behaupten – also eigene Bedürfnisse und Interessen zum Ausdruck zu bringen und zu vertreten.

Lerninhalte für Familien

Bei wirksamen familienbezogenen Maßnahmen geht es darum zu erlernen, Konflikte zu lösen, wirksam zu kommunizieren und Beziehungen positiv zu gestalten.

Kommunikation: Aufmerksames zuhören, klar über Rollen und Verantwortlichkeiten zu sprechen und sensible Themen, wie z.B. Substanzkonsum und Sexualität, in aller Ruhe zu diskutieren sind Merkmale positiver Kommunikation.

Strukturierung des Familienlebens: Das Familienleben zu organisieren und strukturieren, indem klar, konsequent und gerecht (d.h. die Wünsche aller Beteiligter berücksichtigend) über Regeln und Grenzen kommuniziert wird und unvermeidliche familiäre Konflikte durch offene Diskussionen und andere Methoden gemeinsam gelöst werden.

Evidenzbasierte Programme

Die nachfolgend beschriebenen Programme haben in verschiedenen europäischen Ländern im Rahmen von Evaluationsstudien vielversprechende Ergebnisse gezeigt. Die Auswahl dieser Programme basiert auf den Bewertungen des Xchange-Registers der EBDD und der Grünen Liste Prävention. Wir nehmen die Beispiele an dieser Stelle auf, um Ihren Suchprozess nach einer geeigneten Maßnahme für Ihren Kontext zu strukturieren. Nachfolgend diskutieren wir EFFEKT und das Triple-P-Programm.

EFFEKT – Entwicklungsförderung in Familien: Eltern- und Kinder-Training

EFFEKT besteht aus einem Elternkurs „Förderung von Erziehungskompetenzen” und einem Kinderkurs „Ich kann Probleme lösen” (IKPL). Ersterer behandelt u.a. folgende Fragen: Wie können Eltern das Selbstvertrauen ihres Kindes stärken? Wie können Aufforderungen effektiv gestellt werden? Wie erklären die Eltern klare Regeln? Wie können sie mit schwierigen Erziehungssituationen umgehen? Wie kann Stress in der Erziehung besser bewältigt werden? Wie können Eltern die Freundschaften ihres Kindes am besten unterstützen? Der Elternkurs umfasst sechs Gruppensitzungen von 90 bis 120 Minuten, die im Kindergarten oder in der jeweiligen Institution stattfinden. Die Inhalte werden von den Kursleitern in Vorträgen, Gruppendiskussionen mit Erfahrungsaustausch, Rollenspielen und Hausarbeiten u.a. vermittelt. Zu jedem Termin bekommen die Eltern ausführliche Materialien. Die Kinder lernen, Gefühle bei sich selbst und anderen wahrzunehmen, Gründe für das Verhalten anderer zu erkennen und Folgen des eigenen Verhaltens einzuschätzen. Zudem werden sie darin geschult, Lösungen für Konflikte mit anderen zu entwickeln und diese zu bewerten.

Triple P – Positive Erziehung

Triple P für Eltern von Kindern bis 12 Jahre bildet das Kernprogramm des Triple P-Systems, das Eltern gezielt bei der positiven Erziehung ihrer Kinder unterstützten soll (Abbildung 19). So werden sie z.B. angeleitet, für eine sichere und interessante Umgebung zu sorgen, ihre Kinder zum Lernen anzuregen, sich konsequent zu verhalten, realistische Erwartungen zu entwickeln und auch ihre eigenen Bedürfnisse zu beachten. Hierfür vermittelt das Programm Erziehungsfertigkeiten, die mit fachlicher Unterstützung von den Eltern eingeübt und in den Familienalltag integriert werden. Zuerst lernen sie Wege kennen, die Beziehung zu ihrem Kind zu stärken und ihrem Interesse, ihrer Wertschätzung und Liebe Ausdruck zu verleihen. Auf dieser Basis erfahren sie, wie sie die Entwicklung ihrer Kinder fördern können, indem sie sie unterstützen, wünschenswertes Verhalten häufiger zu zeigen und Neues zu lernen. Erst danach werden Möglichkeiten besprochen, schwierigen oder riskanten Situationen vorzubeugen und zu begegnen. So will Triple P sowohl Warmherzigkeit, Liebe und Zuwendung als auch Struktur, Anleitung und Konsequenz fördern.

Um dies zu erreichen, werden Eltern bei der Reflektion des eigenen Verhaltens, beim Setzen eigener Ziele und der verhaltensnahen Umsetzung dieser Ziele im Erziehungsalltag unterstützt und begleitet. Dabei wird transparent und ressourcenorientiert vorgegangen und die Aufmerksamkeit auf das Positive und Gelingende in der Familie gerichtet. Durch die frühen Erfolge, die die Eltern auf ihr eigenes Verhalten zuzuschreiben lernen, soll ihr Vertrauen in die eigene Elternrolle gestärkt und dadurch eine positive Erziehungseinstellung gefördert werden. So sollen Kinder in einem liebevollen, sicheren und vorhersehbaren Familienumfeld aufwachsen und wichtige Lebenskompetenzen lernen (z.B. Selbstbild, soziale Kompetenzen, Selbstkontrolle, Problemlösekompetenzen).

Das Präventionsprogramm Triple P – fünfstufiges System

  1. Stufe 1 · Aufklärungskampagnen für Eltern
  2. Stufe 2 · Kurzberatung für Eltern
  3. Stufe 3 · Elternkompetenztraining mit engem Fokus
  4. Stufe 4 · Elternkompetenztraining mit breitem Fokus
  5. Stufe 5 · Verhaltensbezogene Familienintervention

Unten breite Reichweite für alle Eltern (Stufe 1), oben eng fokussierte Familientherapie mit höchster Intensität (Stufe 5). Flexible Implementationsformen machen jede Stufe an das Setting anschlussfähig.

Abbildung 19: Das Präventionsprogramm Triple P – fünfstufiges System mit zunehmender IntensitätNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Herausforderungen

Es gibt viele Herausforderungen und Hindernisse für Anbieter und Familien, die diese Interventionen aufgreifen. Einige dieser Herausforderungen liegen in der bloßen Umsetzung der Programme, aber die meisten bestehen darin, diese ausreichend intensiv durchzuführen, um eine signifikante Wirkung zu erzielen. Wir werden einige der Herausforderungen aus der Praxis beschreiben und Ratschläge geben, wie sie überwunden werden können.

Die größten Hindernisse für eine wirksame Umsetzung von familienbezogenen Präventionsmaßnahmen, insbesondere universellen und selektiven, sind die Rekrutierung und Bindung von Familien. Forschungsarbeiten zeigen, dass familienbezogene Maßnahmen typischerweise niedrige Beteiligungsraten haben. Bei der Rekrutierung für universelle Interventionen liegen die Raten häufig zwischen 10% und 30% der in Frage kommenden Familien. Indizierte Angebote für Familien mit Jugendlichen, die bereits ein gewisses Problemverhalten zeigen, können höhere Raten aufweisen, die oftmals zwischen 40% und 60% liegen. Wir wissen auch, dass diese Raten unter benachteiligten Familien niedriger sein können. Eine geringe Reichweite geht entsprechend mit geringeren Effekten auf Bevölkerungsebene einher.

Zu den häufigsten Zugangsbarrieren für die Teilnahme an Gruppenangeboten gehören:

  • Geringe Bekanntheit. Informationen über das Angebot erreichen möglicherweise nicht die Familien, die am stärksten davon profitieren würden.
  • Persönliche Einstellung. Wie Familien über das Programm denken oder fühlen, wird auch Einfluss auf die Entscheidung über die Teilnahme an einem Angebot haben.
  • Zeitfaktor: Familien sind sehr beschäftigt und vielen Anforderungen ausgesetzt. An einer wöchentlich stattfindenden Intervention teilzunehmen, die zwei oder drei Stunden dauert, kann für einige Familien eine große Herausforderung darstellen.
  • Infrastruktur. Manchmal werden Interventionen an ungünstigen Orten durchgeführt, sodass es für manche Familien schwierig sein könnte, diese zu erreichen. Sie besitzen möglicherweise kein Transportmittel oder müssen lange Wege zurücklegen

Es können Strategien entwickelt werden, um diese Herausforderungen zu bewältigen (siehe Abbildungen 20–22). Die Strategien werden für jede Kommune aufgrund ihrer verfügbaren Ressourcen unterschiedlich ausfallen, aber im Allgemeinen gibt es gute Möglichkeiten, Informationen über ein Angebot zu kommunizieren.

Eine sehr gute Strategie ist die Einbeziehung der Medien. Wenn möglich, können Organisationen daran arbeiten, Berichte über das Angebot in Zeitungen oder im Radio zu veröffentlichen. Die Nutzung von Social-Media-Seiten zeigte sich in einigen Kommunen ebenfalls als effektiv. So hat Triple P diese Strategie sehr effektiv genutzt, um die Aufmerksamkeit der Zielgruppe zu gewinnen. Eine Studie fand heraus, dass bis zu 80% der Eltern in einer Kommune durch den Einsatz von Social Media von dem Angebot erfahren hatten.

Abbildung 20

Zugangsbarrieren für Familien 1

Zugangsbarriere

Familien wissen nicht von der Existenz des Angebots.

Mögliche Lösung

Social Marketing

  • Medien
  • Private und berufliche Beziehungen
  • Mund-zu-Mund-Propaganda

Informationen erreichen besonders auch benachteiligte Familien.

Social Marketing steigert die Bekanntheit, indem es Familien dort erreicht, wo sie Informationen vertrauen.

Abbildung 20: Zugangsbarrieren für Familien – Kenntnis des Angebots (Lösung: Social Marketing)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Private, informelle und berufliche Netzwerke sind ebenfalls wirksame Informationskanäle, um die Bekanntheit eines Angebotes zu steigern. Zielführend ist dabei auch, Netzwerke der Sozialen Arbeit einzubinden, um über deren Kanäle Familien über das Angebot zu informieren. Menschen vertrauen bekannten Quellen mehr, als neuen Akteuren.

Manchmal haben Eltern den Eindruck, dass elternbezogene Angebote nur für „schlechte” Eltern gedacht seien – und nehmen deshalb an, dass sie von diesen nicht profitieren würden. Oder sie haben negative Erfahrungen mit Behörden und anderen sozialen Diensten gemacht, was die Inanspruchnahme ebenfalls unwahrscheinlicher macht. Daher ist es wichtig positive Formulierungen zu verwenden und diese Annahmen in der Kommunikation mit Familien vorsorglich aufzugreifen. Die Art und Weise, wie ein Angebot in Broschüren und in den Medien beschrieben wird, hat direkten Einfluss darauf, wie diese wahrgenommen wird.

Bisweilen sehen Eltern keine Notwendigkeit zur Teilnahme an einem Angebot und denken, dass dieses nicht gewinnbringend für sie und ihre Familie sein wird. Die Fähigkeit, den Familien zu vermitteln, inwiefern ein Angebot ihren spezifischen Bedürfnissen entspricht, kann die Akzeptanz erhöhen. Das kann beispielsweise mit gut geschriebenen Anzeigen bewirkt werden, die bestimmte Merkmale hervorheben. Manchmal kann es jedoch hilfreicher sein, das Angebot direkt mit den Familien zu besprechen, entweder indem man sie zu Hause besucht oder Gruppenformate anbietet, in deren Rahmen sie mehr über die Intervention erfahren können.

Abbildung 21

Zugangsbarrieren für Familien 2

Zugangsbarriere

Normen, Einstellungen, Überzeugungen

Das Angebot gilt als stigmatisierend oder nicht für die eigene Familie gedacht.

Mögliche Lösung

„Normalisierung“ des Programms

  • Positive Sprache verwenden
  • Angebot personalisieren
  • Auf die Bedürfnisse der Familie eingehen

Kommunikation entlastet Eltern von Defizitzuschreibungen.

Normalisierung entkoppelt das Angebot von Defizitbildern und macht Teilnahme für alle Eltern anschlussfähig.

Abbildung 21: Zugangsbarrieren für Familien – Normen, Einstellungen, Überzeugungen (Lösung: Normalisierung des Programms)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Einige der häufigsten Hindernisse, die von Familien zum Ausdruck gebracht werden, sind logistischer Art. Einen zweistündigen Termin in einen arbeitsreichen Familienzeitplan zu integrieren ist schwierig. Es ist demnach wichtig, flexibel zu planen, wann Sitzungen stattfinden sollen, damit die Eltern die Sitzungen in ihre Zeitplanung integrieren können. Die Kopplung mit alltäglichen Routinen, vor- oder nach der Schule, hat sich als zielführend erwiesen. Gleichzeitig ist es wichtig, die gemeinsame Familienzeit zu respektieren, denn das ist eines der Dinge, die diese Interventionen zu fördern versuchen. Ein geeigneter Standort und gegebenenfalls Unterstützung bei der Anfahrt erleichtern oder ermöglichen ebenfalls eine Teilnahme. Die strategische Auswahl eines Standorts, den Personen sowieso häufig besuchen, kann ideal sein. Vorzugsweise ist der Standort in der Nähe von Wohngebieten. In großen Städten oder ländlichen Gebieten kann dies aber unter Umständen nicht möglich sein. Einige Programme bieten finanzielle Unterstützung an, um den Transport von Familien zum Standort der Durchführung zu erstatten

Abbildung 22

Zugangsbarrieren für Familien 3

Zugangsbarriere

Logistik: Terminkonflikte und Anfahrt zum Programm

Teilnahme kollidiert mit Arbeit, Betreuungs- und Mobilitätsanforderungen.

Mögliche Lösung

Flexibilität und Anreize

  • Flexible Terminvereinbarung
  • Gute Lage
  • Anreize: Mahlzeiten, Kinderbetreuung, finanzielle Unterstützung

Alltagsnähe senkt Hürden besonders für belastete Familien.

Logistische Hilfen und materielle Anreize erhöhen Teilnahmeraten und verringern vorzeitige Abbrüche.

Abbildung 22: Zugangsbarrieren für Familien – Logistik (Lösung: flexible Terminvereinbarung, Anreize)Nach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Anreize für die Teilnahme können hilfreich sein, um Familien zu motivieren und andere logistische Barrieren zu überwinden. Zum Beispiel können Eltern durch die Bereitstellung eines Abendessens und einer Kinderbetreuung entlastet werden, sodass sie abendliche Sitzungen wahrnehmen können. Eine Beratung mit regionalen Experten kann hilfreich sein, um herauszufinden, welche Anreize am nützlichsten sind.

Ein genaues Verständnis der sozialen Verhältnisse und Bedürfnislagen hilft, Familien für präventive Angebote zu gewinnen. Partizipation kann hierfür ein Schlüssel sein – also die Zielgruppe direkt zu befragen, um zu verstehen, welche Hindernisse und Zweifel gegebenenfalls bestehen und wie diese bestmöglich abgebaut werden können. Beständigkeit ist ein weiterer Schlüssel, um Vertrauen und einen guten Ruf innerhalb einer Kommune aufzubauen.

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  • PROXI – Präventionsprogramm mit familiärer Komponente

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