Abschnitt II · Settings

Prävention im Setting Schule und Arbeitsplatz

In Lektorat · nur im Dev sichtbar ~ 20 min Lesezeit Quelle: 3. Auflage, S. 77–86

Ein weiteres wichtiges Setting auf der Mikroebene ist die Schule. Wir beginnen mit einem Blick auf die Merkmale schulbasierter Präventionsmaßnahmen und deren Ziele, aber auch auf die Anwendung von Theorien in der Praxis. Bei der schulischen Prävention betonen wir die Wichtigkeit von Schülerbefragungen bei der Ausarbeitung eines Konzeptes. Als Beispiele für evidenzbasierte Programme im Kontext Schule stellen wir Ihnen Unplugged, Klasse 2000 und Lions-Quest vor.

Leider gibt es in Europa nicht viele bestehende Präventionsmaßnahmen am Arbeitsplatz, und noch weniger sind evidenzbasiert. Wir hoffen, dass dieses Kapitel eine Inspiration sein kann, sich näher mit dem Thema Prävention am Arbeitsplatz zu beschäftigen. Dazu skizzieren wir die Merkmale arbeitsplatzbezogener Präventionsarbeit und diskutieren die Hindernisse, die auftreten können.

Prävention im Setting Schule

Für Kinder und Jugendliche sind die beiden wichtigsten Orte der Prävention die Familie und die Schule. Tatsächlich verbringen viele Kinder wahrscheinlich mehr Zeit in der Schule als mit einem oder beiden Elternteilen. Ein Vorteil des schulischen Kontextes ist, dass präventive Botschaften an alle Kinder (universelle Prävention) vermittelt werden können und nicht nur an diejenigen, die einer Hochrisikogruppe (selektive Prävention) oder einer vulnerablen Gruppe (indizierte Prävention) zugehören. Alle Kinder können von universellen Präventionsmaßnahmen in der Schule profitieren, insbesondere dann, wenn diese nicht nur risikospezifische, sondern auch entwicklungsfördernde Elemente beinhalten. Universelle Maßnahmen bergen zudem ein geringeres Stigmatisierungsrisiko, da Risikogruppen nicht erkennbar von der Klasse getrennt werden. Evaluationen haben darüber hinaus gezeigt, dass es sogar zu einer Verstärkung von Problemverhalten führen kann, wenn Jugendliche mit Risikoverhalten in einer separaten Gruppe zusammengeführt werden (z. B. Poulin, 2001) .

Schulen gibt es in verschiedensten Formen, Größen und Prägungen, aber in fast jedem Land haben Schulen die Aufgabe, Kinder und Jugendliche darauf vorzubereiten, voll integrierte Mitglieder ihrer Gesellschaft zu werden. Schulen und Bildung leisten jedoch viel mehr als das. In einem Bericht der Weltbank von 2007 (Hanushek & Wößmann, 2007) wurde durch Analysen von Bildungsdaten und Volkswirtschaften folgendes festgestellt: „Es gibt eindeutige Belege dafür, dass die kognitiven Fähigkeiten der Bevölkerung – und nicht nur der Schulerfolg – stark mit dem individuellen Einkommen, der Einkommensverteilung und dem Wirtschaftswachstum zusammenhängen”.

Kognitive Fähigkeiten sind in diesem Kontext wie folgt definiert:

  • Die Fähigkeit, für sich selbst zu denken und Probleme auf eine durchdachte und wohlüberlegte Art und Weise anzugehen, sowohl alleine als auch in Zusammenarbeit mit anderen.
  • Die Fähigkeit, Probleme unter Zuhilfenahme neuer Informationen oder neuer Verfahren zu erörtern, zu begreifen und zu lösen.
  • Die Fähigkeit, Schlussfolgerungen zu ziehen und Lösungen zu finden, indem Beziehungen zwischen gegebenen Problemen und Fragestellungen analysiert werden.

Die Schule ist, wie die Familie, eine Umgebung auf der Mikroebene, die eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung wichtiger personaler und sozialer Kompetenzen sowie prosozialen Verhaltens spielt. Es gibt viele komplexe Interaktionen zwischen biologischen, persönlichen, sozialen und Umweltfaktoren, die das menschliche Verhalten formen und beeinflussen. Diese Interaktionen prägen die Werte, Überzeugungen, Einstellungen und Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen und sind besonders wichtig für die körperliche, emotionale und soziale Entwicklung von der Kindheit bis zur Adoleszenz und von der Adoleszenz bis zum Erwachsenenalter. Die Schule kann beeinflussen, ob Kinder und Jugendliche positive oder negative Verhaltensweisen als akzeptabel oder inakzeptabel wahrnehmen. Daher können schulische Präventionsmaßnahmen das Risiko für bestimmte Problemverhaltensweisen und insbesondere den Substanzgebrauch beeinflussen.

Ein übergreifend bedeutsames Ziel schulischer Prävention ist es, ein positives Schulklima zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Grundsätzlich wird zwischen verhaltenspräventiven und verhältnispräventiven Maßnahmen unterschieden, wobei verhaltenspräventive Maßnahmen stets einen Verhältnisbezug aufweisen sollten.

Die Präventionsforschung zeigt, etwa für gewalt- oder suchtpräventive Programme, dass diese auch einen positiven Einfluss auf die schulische Leistung und den Absentismus haben (Gasper, 2011) . Sich für schulische Prävention zu engagieren, bedeutet also bis zu einem gewissen Grad, sich von der Fixierung auf einzelne Präventionsziele zu verabschieden und stattdessen schullaufbahnumfassend, kompetenzorientiert und themenübergreifend zu planen.

Intervention Zielebene Wirksamkeitsindikator
Lebenskompetenzförderung und sozialer Einfluss Universell und selektiv
Allgemeinbevölkerung und Risikogruppen
gut belegt
Schulpolitik und Kultur Universell
Allgemeinbevölkerung
ausreichend belegt
Auseinandersetzung mit individueller psychologischer Vulnerabilität Indiziert
Gefährdete Einzelpersonen
ausreichend belegt

Lesehilfe: drei Punkte = gut belegt, zwei Punkte = ausreichend belegt. Quelle: EUPC-Manual, Tabelle 12.

Tabelle 12: Arten und Wirksamkeit schulischer PräventionsmaßnahmenNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Vorbereitung

Die Annahme, dass Schulen bereitwillig dem Vorschlag zur Einführung eines umfassenden Präventionsprogramms zustimmen, ist naiv. Es ist daher wichtig, vorab zu klären, inwieweit die Schule bereits ein Präventionskonzept hat und ob die Organisation die Voraussetzungen erfüllt, um sich erfolgreich „auf den Weg zu machen” (Greenberg, 2005) . Einige Schlüsselfragen, die es hier zu beachten gilt, lauten:

  • Ist die Schulleitung von der Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit überzeugt und unterstützt den Prozess?
  • Gibt es ausreichend qualifiziertes Personal oder solches, das bereit ist, sich weiterbilden zu lassen?
  • Kommt ein Förderantrag im Rahmen des Präventionsgesetzes in Frage, oder gibt es eine anderweitige Finanzierungsmöglichkeit für Fortbildung, Arbeitsmaterial und Supervision?
  • Kann der Unterrichtsausfall während der Fortbildung kompensiert werden?

Es ist wichtig, dass ein entscheidungskompetentes Projektteam sowie eine Steuerungsgruppe (z.B. bestehend aus Schulleitung und Gesamtlehrerkonferenz) existieren, damit die Nachhaltigkeit sichergestellt werden kann (Sloboda, 2014; Wandersman, 2008) . Die Einführung von Maßnahmen der Prävention, Gesundheits- und Entwicklungsförderung ist stets ein Schulentwicklungsprozess und aktualisiert deshalb wichtige Fragen, die die Organisation als Ganzes betreffen.

Welche Vision hat die Schule? Wie ist ihr Selbstverständnis in Bezug auf ihren Bildungsauftrag?

Eine wertvolle Strukturhilfe für die verschiedenen Schritte von der Bedarfserhebung hin zur Auswahl von Maßnahmen, deren Implementation und Evaluation kann der für die Schule angepasste Prozess von Communities That Care oder auch der Projektzyklus der EDPQS sein.

Ziele schulischer Prävention

So wie in allen anderen Settings ist auch in der Schule entscheidend, dass Präventionsmaßnahmen auf einem genauen Verständnis vom Entwicklungsstand der Zielgruppe gründen (Ginsburg, 1982; UNODC International Standards, 2013) .

Die Kultusministerkonferenz (2012) empfiehlt, dass schulische Gesundheitsförderung und Prävention:

  • als grundlegende Aufgaben schulischer und außerschulischer Arbeit wahrgenommen werden,
  • aktuelle bildungspolitische Entwicklungen (z. B. Selbstständige Schule, Ganztag, Inklusion, Integration, gendersensible Pädagogik, Bildung für nachhaltige Entwicklung) aufgreifen,
  • Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und dem sonstigen pädagogischen Personal die Möglichkeit eröffnen, Kompetenzen zu gesunden Lebensweisen und zu einer gesundheitsfördernden Gestaltung ihrer Umwelt zu erwerben,
  • aktuelle gesundheitliche Belastungen berücksichtigen, z. B. Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit,
  • die Einstellungen sowie die lebensweltlichen und sozialräumlichen Voraussetzungen der Kinder und Jugendlichen und ihrer Familien mit einbeziehen.

Generell soll darauf geachtet werden, dass schulische Gesundheitsförderung und Prävention:

  • verhaltensorientiert sind und damit den Kompetenzerwerb der Schülerinnen und Schüler unterstützen,
  • verhältnisorientiert sind und die räumlichen sowie sozialen Bedingungen der Lebenswelt Schule berücksichtigen,
  • partizipativ angelegt werden, die Bedarfe und Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler sowie der anderen schulischen Akteure berücksichtigen und konkrete Lebensweltbezüge aufweisen,
  • unterschiedliche Lebensstile und Bedürfnisse von Mädchen und Jungen sowie von Kindern und Jugendlichen unterschiedlicher familiärer, sozialer und kultureller Herkunft berücksichtigen,
  • die Gesundheitsressourcen und -potenziale der Schülerinnen und Schülern sowie der Lehrkräfte und des sonstigen schulischen Personals stärken,
  • Kinder und Jugendliche frühzeitig in ihren Lebenskompetenzen stärken und sie dabei unterstützen, den Einstieg in den Konsum legaler und illegaler Substanzen bzw. suchtriskante Verhaltensweisen zu vermeiden bzw. hinauszuzögern,
  • übergreifende Themen wie Ernährungs- und Verbraucherbildung, Bewegungsförderung, psychische Gesundheit, Gewalt- und Unfallprävention sowie Erste Hilfe integrieren.

Epidemiologische Daten

Daten über das Ausmaß problematischer Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen sowie die zugrunde liegenden Risiko- und Schutzfaktoren sind hilfreich, um den Bedarf einzuschätzen und darauf basierend Priorisierungsentscheidungen zu treffen.

Art und Umfang der notwendigen Präventionsmaßnahmen lassen sich anhand von Daten belastbar begründen und gegenüber beteiligten Akteuren vertreten. Das Präventionsgesetz knüpft zudem die finanzielle Förderung von Maßnahmen an einen systematischen Bedarfserhebungsprozess, weshalb die bisher eher wenig verbreitete Praxis zukünftig an Bedeutung gewinnen wird.

Wertvolle Einsichten liefern sowohl große Kinder- und Jugendstudien (z. B. die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, KiGGS, des RKI oder die HBSC-Studie der WHO) als auch Studien, die spezifische Phänomene fokussieren, etwa Substanzkonsum, Mediennutzung oder Gewalterfahrung (z. B. ESPAD, JIM-Studie).

Genauere Aussagen lassen sich nur treffen, wenn die Schülerschaft und die Lehrkräfte direkt befragt werden. Sowohl die Gesetzlichen Krankenversicherungen als auch Communities That Care stellen hierfür standardisierte Erhebungsinstrumente bereit. Der Aufwand für Vor- und Nachbereitung ist hierbei jedoch erhöht.

Nicht in jedem Fall ist eine aktive Bedarfserhebung notwendig. Die Kultusministerkonferenz und der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen definieren neben der problemunspezifischen Förderung von Lebenskompetenzen mehrere Handlungsfelder schulischer Prävention, die Orientierung bieten:

  • Aggressives Verhalten, Jugendgewalt
  • Mobbing, Cyber-Mobbing
  • Gewalt gegen Lehrkräfte
  • Missbräuchliches Sexting
  • Sexualisierte Gewalt
  • Diskriminierung und Rassismus
  • Radikalismus
  • Sucht
  • Seelische und emotionale Störungen

The 2015 ESPAD Report

Results from the European School Survey Project on Alcohol and Other Drugs

Preface
Situation 2015
Summary
Trends 1995–2015
Introduction
Conclusions
Methodology
Acknowledgements und References

Der Bericht stellt die Ergebnisse des sechsten Erhebungswellen-Zyklus des europäischen ESPAD-Projekts und der Datenerhebung 2015 zum 20. Jahrestag des Projekts vor.

Erfasst wurden Informationen von rund 96.000 Schülerinnen und Schülern aus 35 europäischen Ländern; rund 600.000 Lernende bildeten die Ausgangskohorte.

Eckdaten der Erhebung

  • 35 europäische Länder
  • 96.000 befragte Schülerinnen und Schüler (ca.)
  • 20 Jahre ESPAD-Projekt zum Referenzjahr 2015
  • 15–16 Jahre alt: Alterszielgruppe der Studie

Fokuskapitel des Berichts

  • Situation 2015: Prävalenz von Alkohol, Tabak, Cannabis und anderen Substanzen.
  • Trends 1995–2015: Zeitreihen über sechs Erhebungswellen im direkten Vergleich.

Quelle: http://www.espad.org/ – sinngemäße Übertragung der Strukturangaben des ESPAD-Berichts 2015.

Abbildung 23: ESPAD-Bericht 2015 – AuszugNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Die Anwendung von Theorien

Kognitions- und Lerntheorien sowie die Theorie des geplanten Verhaltens lassen sich auf schulbasierte Präventionsmaßnahmen anwenden. Als Lebenswelt, in der sowohl die Schülerschaft als auch die Lehrkräfte die meiste Zeit ihres Tages verbringen, geht es in der Schule nicht nur um das Lernen. Lehrkräfte und Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen spielen als Multiplikatoren von Präventionsmaßnahmen und als Vorbilder für positives Verhalten eine entscheidende Rolle. Die zwei Hauptelemente wirksamer Prävention im Setting Schule sind verhaltenspräventive Programme und Schulentwicklung (u. a. Verhältnisprävention, Regeln, Schulklima). In diesem Kapitel befassen wir uns vorwiegend mit schulischen Präventionsprogrammen. Schulentwicklung und Schulklima werden als Aspekte von Verhältnisprävention in Kapitel 7 näher beleuchtet.

Präventionsprogramme basieren in der Regel auf einem schriftlichen Manual, das durchzuführende Übungen und Inhalte spezifiziert, die von fortgebildeten Multiplikatoren innerhalb der Schule als Teil des Lehrplans umgesetzt werden. Mit Regeln sind schriftliche Vereinbarungen gemeint, die den Umgang mit Problemverhaltensweisen an der Schule festlegen (z. B. schulische Suchtmittelvereinbarung). Schulklima ist als der subjektive Eindruck definiert, der aus der Wahrnehmung der Qualität der sozialen Beziehungen in der Schule, der Teilhabe- und Mitbestimmungsmöglichkeiten, des Zustands des Gebäudes usw. entsteht. Es spiegelt folglich Normen, Ziele, Werte, Lehr- und Lernmethoden sowie Organisationsstrukturen wider.

In Tabelle 8 haben wir für Sie die durch Evaluationsstudien identifizierten allgemeinen Merkmale wirksamer und unwirksamer schulischer Präventionsprogramme zusammengefasst, die in Abhängigkeit vom Endpunkt (z. B. Substanzkonsum, Gewalt) weiter konkretisiert werden können.

Ein weiterer zu berücksichtigender Aspekt vieler schulischer Präventionsprogramme ist die Aussagekraft hinsichtlich der Beständigkeit der erzielten Wirkung. Viele Präventionsmaßnahmen konnten unmittelbar nach ihrem Abschluss positive Wirkungen nachweisen. Die Effekte waren zumeist geringer, wenn die Evaluation erst ein Jahr nach Abschluss der Intervention durchgeführt wurde. Für die Auswahl von Programmen bedeutet dies, dass solche bevorzugt werden sollten, die in ihrer Evaluation langfristige Effekte nachweisen konnten (z. B. durch Messwiederholung einige Jahre nach Interventionsende). Unabhängig davon gibt es dennoch gute Argumente für den Einsatz von Programmen, die nur kurzfristige Programmwirkungen nachweisen konnten. In manchen Bereichen (z. B. Substanzkonsum) kann die Verzögerung des Konsumbeginns in einer kritischen Lebensphase entscheidend sein. Auch wurde bisher noch wenig beforscht, wie sich schulische Rahmenkonzepte auswirken, die mehrere Programme über die Schullaufbahn hinweg vorsehen. Es ist jedoch anzunehmen, dass der Einsatz mehrerer aufeinander abgestimmter Programme mit kurzfristigem Wirksamkeitsnachweis eine nachhaltigere Wirkung entfaltet als die einmalige Durchführung einer Maßnahme mit langfristiger Evaluationsstudie.

Nicht nur im Setting Schule gilt deshalb, dass statt einzelner Maßnahmen stets langfristige und umfassende Konzepte angestrebt werden sollten, die Verhaltens- und Verhältnisbezug aufweisen (vgl. EDPQS Kapitel 3).

Wirksam Unwirksam
Umsetzung und Struktur
Interaktive Methoden
Stark strukturierte Unterrichtsstunden und Gruppenarbeit, einem Lehrplan folgend
Didaktische Methoden wie Vorträge
Unstrukturierte, spontane Diskussionen; Vertrauen auf Urteilsvermögen und Intuition von Lehrkräften
Durchführung durch geschulte Kursleiterinnen und Kursleiter Schwache Evidenz für „Peers" (z.B. Gleichaltrige) und nicht von Erwachsenen durchgeführte Präventionsprogramme
Hohe Intensität
10 bis 15 wöchentliche Einheiten
Jegliche Formen von Einzelveranstaltungen
Programme mit mehreren Komponenten Schwache Evidenz für „Booster"-Sitzungen
in den Jahren nach einer Intervention
Poster und Broschüren
Inhalt
Entscheidungs-, Kommunikations- und Problemlösungskompetenz Reine Vermittlung von Faktenwissen
Peer-Beziehungen sowie Förderung personaler und sozialer Kompetenzen Vorträge von Betroffenen
Selbstwirksamkeit und Durchsetzungsvermögen Ausschließliche Steigerung des Selbstwertgefühls
Stärkung der Widerstandsfähigkeit gegen den Substanzmissbrauch Stichprobenartige Drogentests
Verstärkung substanzkritischer Normen und Haltungen; bildungsbezogene Unterstützungsangebote Abschreckungstaktiken, die die Gefahren des Substanzgebrauchs übertreiben oder falsch darstellen und oft im Widerspruch zu den Erfahrungen der Schülerschaft stehen

Quelle: EUPC-Manual, Tabelle 13.

Tabelle 13: Wirksame und unwirksame Präventionsmaßnahmen in der SchuleNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Evidenzbasierte Programme

Die folgenden Präventionsprogramme entstammen der Grünen Liste Prävention. Wir stellen diese lediglich als Anregung für Ihre eigene Suche nach einer geeigneten Intervention in Ihrem Kontext vor.

Unplugged – Suchtprävention im Unterricht

„Unplugged” ist ein schulbasiertes Programm, das Komponenten umfasst, die auf kritisches Denken, Entscheidungsfindung, Problemlösung, kreatives Denken, wirksame Kommunikation, zwischenmenschliche Beziehungen, Selbstbewusstsein, Empathie, den Umgang mit Emotionen und Stress, normative Überzeugungen sowie Wissen über gesundheitsschädigende Auswirkungen psychoaktiver Substanzen fokussieren. Der Lehrplan besteht aus zwölf einstündigen Einheiten, die einmal pro Woche von den Klassenlehrkräften unterrichtet werden, die zuvor einen 2,5-tägigen Lehrgang besucht haben.

Klasse2000 – Gesundheitsförderung in der Grundschule – Gewaltvorbeugung und Suchtvorbeugung

Klasse2000 fördert mit erlebnis- und handlungsorientierten Methoden sowie sozialem Lernen die positive Einstellung der Kinder zur Gesundheit und vermittelt Wissen über den Körper. Bewegung, gesunde Ernährung und Entspannung sind ebenso wichtige Bausteine wie soziale Kompetenzen, der Umgang mit Gefühlen und Stress, Strategien zur Problem- und Konfliktlösung und der kritische Umgang mit Tabak und Alkohol. Themen sind Atmung, Entspannung und Bewegung, gesunde Ernährung, der Umgang mit Problemen und negativen Gefühlen, die gewaltfreie Lösung von Konflikten, die Gefahren von Tabak und Alkohol sowie Rollenspiele, etwa zum Neinsagen bei Gruppendruck. Das Unterrichtskonzept wird laufend aktualisiert und verbessert (z. B. Anpassung für Förderschulen). Pro Schuljahr halten die externen Klasse2000-Gesundheitsförderinnen und -förderer zwei bis drei weitere Unterrichtseinheiten, in denen sie wichtige Impulse setzen und neue Themen einführen. An diese Unterrichtseinheiten schließen sich jeweils mehrere von den Lehrkräften gestaltete Unterrichtsstunden an, um das Thema zu vertiefen und zu festigen. Klasse2000 legt großen Wert auf die Einbindung und Information der Eltern1.

Lions-Quest – Erwachsen werden

„Erwachsen werden” umfasst in sieben Kapiteln ein Curriculum „Soziales Lernen”, das Kindern und Jugendlichen für ihr Selbstverständnis, ihr Verhalten und ihre Werteorientierung nachhaltige Hilfen anbietet. Jedes Kapitel ist einem Schwerpunktthema gewidmet und zielt auf die Vermittlung und das Training grundlegender Lebenskompetenzen:

Meine Klasse: Fragen zur eigenen Person: Wer bin ich? Wer sind die anderen? Wie gehen wir miteinander um? Welche Bedeutung hat die Gruppe und wie beeinflusst sie mich? (Grundlage für eine offene, vertrauensvolle und konstruktive Lernatmosphäre und die Arbeit mit den weiteren Programmkapiteln)

Stärkung des Selbstvertrauens: Was ist Selbstvertrauen? Worauf gründet es sich? Wie kann ich mein eigenes oder auch das anderer stärken? Sich der eigenen Fähigkeiten und Stärken bewusst werden, diese einsetzen, so Verantwortung übernehmen und dafür Anerkennung bekommen, fördert das Selbstvertrauen.

Mit Gefühlen umgehen: Eigene Gefühle wahr- und ernstnehmen, sie akzeptieren, ausdrücken und als etwas begreifen, das bei der Entwicklung der Persönlichkeit hilft, dazu auch Umgang mit belastenden Situationen.

Die Beziehungen zu Freundinnen und Freunden: Wie kann man echte Freundschaften aufbauen, weiterentwickeln und aufrechterhalten? Welchen Einfluss hat die Clique? Wie hält man Gruppendruck stand? Wie lassen sich Meinungsverschiedenheiten oder Konflikte in einer Freundschaft konstruktiv lösen? Wie geht man gut mit Enttäuschungen und mit einem Verlust um?

Mein Zuhause: Welche Erwartungen und Wünsche haben Jugendliche an ihr Zuhause, was empfinden sie als enttäuschend, konfliktträchtig? Beziehungen innerhalb der eigenen und in anderen Familien reflektieren und Schritte zur Verbesserung der Beziehungen oder zur Lösung von Konflikten probieren.

Ich entscheide für mich selbst: Verantwortung für eigene Entscheidungen u. a. bei den Themen Lebensstil, Umgang mit dem eigenen Körper und berufliche Zukunft. Werbung und Medien werden kritisch hinterfragt. Zusätzlich werden die im Anhang des Lehrkräftehandbuchs enthaltenen Informationen über Sucht, Suchtmittel und Suchtverhalten aufgegriffen.

Ich weiß, was ich will: Kinder und Jugendliche haben Träume und Hoffnungen, was sie in ihrem Leben erreichen möchten. Sie müssen lernen, sich Ziele zu setzen und sich auf den Weg dorthin zu machen2.

Prävention im Setting Arbeit

Der „Arbeitsplatz” oder die Arbeitsumgebung ist der physische Ort, an dem Menschen arbeiten. In vielen Industrienationen ist der Arbeitsplatz eine der Schlüsselinstitutionen innerhalb einer Gesellschaft, da ein bedeutender Anteil der Erwachsenen erwerbstätig ist und sich in einem Arbeitssetting aufhält. Darüber hinaus treiben Arbeit und Arbeitsbedingungen die Wirtschaft an und fördern das Wirtschaftswachstum. Substanzgebrauchsstörungen sind besonders in Branchen von großer Bedeutung, in denen es um Sicherheitsfragen geht oder in denen individuelle Leistungsmängel erhebliche Auswirkungen haben können. Dazu gehören unter anderem die Bereiche Bau, Landwirtschaft, Verkehr, Energie, Informations- und Kommunikationstechnik sowie Finanzdienstleistungen (EBDD, 2017b, S. 143) .

Die Arbeitswelt als Setting bietet den Arbeitnehmern zudem die Möglichkeit zur Fort- und Weiterbildung und ist ein Ort für neue Erfahrungen sowie das erlernen von neuen Normen und Verhaltensweisen.

Da Erwachsene in der Regel einen erheblichen Teil ihres Tages am Arbeitsplatz verbringen, kann es enorme Auswirkungen auf deren Gesundheit und Wohlbefinden haben sowie auf die Anfälligkeit für Suchtprobleme, ob sie ihre Arbeit als lohnend und zufriedenstellend oder als zu stressig und demotiverend empfinden.

Frone (2013) unterscheidet auch zwischen Substanzgebrauch und -beeinträchtigung am Arbeitsplatz und in der Belegschaft.

  • Substanzgebrauch und -beeinträchtigung am Arbeitsplatz beziehen sich auf den Substanzgebrauch und die -beeinträchtigungen, die bei der Arbeit oder während der Arbeitszeit auftreten. Dabei kann der Substanzgebrauch direkt am Arbeitsplatz oder kurz vor der Arbeit erfolgen, wobei die Beeinträchtigung während der Arbeitszeit auftritt und/oder während der Arbeitnehmer zwar nicht in der Arbeitsumgebung ist, aber trotzdem arbeitet (z.B. Home Office).
  • Substanzgebrauch und -beeinträchtigung in der Belegschaft beziehen sich auf den Substanzkonsum und die -beeinträchtigungen, die außerhalb der Arbeitsumgebung und nicht während der Arbeitszeit auftreten.

Arbeitsplatzfaktoren können ein Klima fördern, das den Substanzgebrauch am Arbeitsplatz begünstigt. Dazu gehören drei Hauptfaktoren:

  • Die (wahrgenommene) Verfügbarkeit von Substanzen am Arbeitsplatz, einschließlich der leichten Zugänglichkeit (z.B. Alkohol in einer Betriebskantine; Alkohol, der regelmäßig im Rahmen von Betriebsfeiern angeboten wird; Mitarbeiter, die den Zugang zu illegalen Substanzen erleichtern);
  • Deskriptive Normen, nach denen ein hoher Anteil des eigenen sozialen Netzwerks am Arbeitsplatz Substanzen gebraucht oder arbeitet, während er durch Substanzen beeinträchtigt ist (der Substanzgebrauch also sichtbar für die Mitarbeiter ist); und
  • Injunktive Normen oder die normative Billigung bzw. Missbiligung des Gebrauchs von Substanzen am Arbeitsplatz

Der letzte Faktor bezieht sich auch auf die Arbeitsumgebungen, die den Gebrauch von Substanzen zur Leistungssteigerung, zur Bewältigung hoher Arbeitsbelastungen und strenger Zeitpläne fördern oder wenn Substanzen als integraler Bestandteil des Beziehungsaufbaus mit Kollegen und (potenziellen) Kunden betrachten werden.

Neben allgemeinen Risikofaktoren können arbeitsbezogene Stressfaktoren, wie ein hohes Maß an Arbeitsanforderungen, mangelnde Arbeitsplatzkontrolle und Arbeitsplatzunsicherheit, die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ein Mitarbeiter Substanzen als Spannungs- und Stressabbautechniken eingesetzt, um die Arbeitssituation zu bewältigen. Es wird angenommen, dass eine häufigere Exposition gegenüber Arbeitsstressoren zu einem häufigeren und stärkeren Konsum von Substanzen führt, oft kurz vor, während oder unmittelbar nach einem Arbeitstag. Die meisten substanzbezogenen Probleme hängen jedoch mit dem Mitarbeiter als Privatperson zusammen, was bedeutet, dass der größte Teil des Substanzgebrauchs zwar außerhalb der Arbeit liegt, jedoch trotzdem negative Auswirkungen auf die Arbeitsleistung haben. Diese können sich in Fehlzeiten, Verspätungen, Arbeitsplatzverluste, Krankheiten und höheren medizinische Kosten äußern. Auch kann der Gebrauch von Substanzen am Arbeitsplatz zu einer Abnahme der Arbeitssicherheit, hohem arbeitsbedingtem Stress und einer geringeren Moral unter Mitarbeitern führen, die keine Substanzen am Arbeitsplatz gebrauchen.

Leider ist die Datenlage im Bereich des Substanzgebrauchs am Arbeitsplatz und seine Auswirkungen noch sehr lückenhaft. Allerdings sind illustrative Studien aus den Mitgliedstaaten nützlich. So wurde beispielsweise im Vereinigten Königreich geschätzt, dass der Alkoholgebrauch zu 11-17 Millionen verlorenen Arbeitstagen führt und jährlich 1,8 Milliarden Pfund kostet (Plant Work, 2006) .

Der Substanzgebrauch am Arbeitsplatz ist ein besonderes Anliegen in sicherheitskritischen Rollen, in denen die Mitarbeiter Verantwortung für die Gesundheit und das Wohlbefinden anderer (z.B. Piloten, Ärzte, Sicherheitstechniker) tragen und in denen Beeinträchtigungen durch Substanzen oder aus anderen Gründen schwerwiegende Folgen haben können. In Frankreich standen 15-20% der Arbeitsunfälle im französischen Eisenbahnsystem in direktem Zusammenhang mit dem schädlichen Konsum von Alkohol oder anderen Substanzen (Ricordel & Wenzek, 2008) .

Organisatorische Einsatzbereitschaft

Ein Element der Bedarfsanalyse ist, zu verstehen, inwiefern der Arbeitsplatz bereit ist organisatorische Veränderungen anzustoßen oder die Bereitschaft zeigt, gesundheitsförderliche und/oder (sucht-)präventive Maßnahmen zu ergreifen. Es bestehen eine Reihe von Theorien, die entwickelt wurden, um organisatorische Veränderungen zu verstehen. Zum Beispiel betont die „Stage Theory”, dass es wichtig ist zu wissen, wo sich eine Organisation auf dem Weg organisatorischer Veränderungen befindet, bevor sie Präventionsrichtlinien und Interventionen umsetzt.

Die „Stage Theory” (Kaluzny & Hernandez, 1988) beschreibt vier Phasen, die Organisationen durchlaufen, bevor eine Veränderung oder Innovation angenommen und institutionalisiert wird.

  1. Die erste Stufe ist das Bewusstsein, dass ein Problem besteht, und dass es unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten gibt, um das Problem zu bewältigen. Das Ziel der Aktivitäten in dieser Stufe besteht zweifelsohne darin, der Organisation bewusst zu machen, dass ein Problem anzugehen ist.
  2. Die zweite Stufe stellt die Übernahme dar, in der eine Organisation mit der Planung und Übernahme der Strategien und Interventionen beginnt, die das in Stufe 1 erkannte Problem lösen sollen. Das kann auch die Identifizierung von Ressourcen und Anpassungen von durchzuführenden Interventionen umfassen.
  3. Die dritte Stufe stellt die Durchführung dar, die alle praktischen Aspekte der Strategie- und Interventionsumsetzung umfasst.
  4. Die vierte Stufe beschreibt die Institutionalisierung, in der eine neue Strategie oder Praxis zu einem Standardbestandteil der Tätigkeiten am Arbeitsplatz wird.

Merkmale von Prävention am Arbeitsplatz

Hinsichtlich der Prävention am Arbeitsplatz gibt es vier Aspekte zu beachten (Abbildung 24).

Prävention am Arbeitsplatz
Universelle Prävention gesamte Belegschaft

Struktur und Kultur

  • Arbeitsplatzrichtlinien zum Umgang mit Substanzen.
  • Suchtpräventive Schulungen für Führungskräfte und Beschäftigte.
  • Stärkung sozialer Unterstützung im Kollegium.
Selektive Prävention Risikogruppen

Niedrigschwellige Angebote

  • Vertrauliches Screening auf Substanzgebrauch.
  • Mitarbeiter-Unterstützungs-Programme (EAPs).
  • Frühzeitige Ansprache belasteter Beschäftigter.
Indizierte Prävention manifester Bedarf

Individuelle Maßnahmen

  • Vertrauliche Beurteilung des Substanzgebrauchs.
  • Systematische Kurzinterventionen.
  • Überweisung in weiterführende Hilfen.
Flankierend Behandlung, Rückkehr zur Arbeit und Rückfallprävention schließen den umfassenden Ansatz und halten Beschäftigte nach einer Krise im Erwerbsleben.

Quelle: EUPC-Manual, Abbildung 24 – drei Präventionsebenen am Arbeitsplatz, flankiert durch Behandlung und Rückkehr zur Arbeit.

Abbildung 24: Prävention im Setting ArbeitsplatzNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Universelle Prävention:

  • Arbeitsplatzrichtlinien. Arbeitsplatzrichtlinien stellen eine universelle Präventionsstrategie dar, da sie das Thema Substanzgebrauch allgemein für alle Mitarbeitenden ansprechen.
  • Suchtpräventive Schulung. Suchtpräventive Schulungen werden für alle Mitarbeiter und Führungskräfte angeboten. Diese sollen Informationen über psychoaktive Substanzen enthalten und wie sich ihr Gebrauch negativ auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Arbeitnehmer auswirken kann.
  • Soziale Unterstützung stärken. Indem ein Zusammenhalt in den Arbeitsgruppen sowie die Unterstützung unter den Arbeitnehmern gefördert wird, können soziale Normen gegen den Substanzgebrauch am Arbeitsplatz verstärkt werden.

Selektive Prävention:

  • Vertrauliches Screening. Vertrauliche Screenings umfassen in der Regel das Screening von Arbeitnehmern, die einem Substanzgebrauchsrisiko ausgesetzt sind und die möglicherweise problematische Verhaltensweisen am Arbeitsplatz zeigen.
  • Mitarbeiter-Unterstützungs-Programme. Sogenannte „Employee Assistance Programs” (EAPs) sollen helfen, Produktivitätsprobleme von Arbeitnehmern, die durch persönliche Sorgen beeinträchtigt sind, zu erkennen und zu lösen.

Indizierte Prävention:

  • Vertrauliche Beurteilungen des Substanzgebrauchs. Ziel ist es, Arbeitnehmer zu identifizieren, die eine Überweisung zu Kurzinterventionen oder längerfristigen Behandlungen benötigen. Diese Beurteilungen werden von geschulten Psychologen oder Suchtspezialisten durchgeführt.
  • Kurzinterventionen. Kurzinterventionen sind systematische, fokussierte Prozesse, die darauf abzielen, mögliche Probleme des Substanzgebrauchs zu untersuchen und Einzelpersonen dazu zu motivieren, ihr Verhalten zu ändern.

Wenn es um Prävention am Arbeitsplatz geht, ist es wichtig auch Strategien und Interventionen zu bedenken, die eine Rückkehr an den Arbeitsplatz nach einer Therapie und eine Wiedereingliederung in die Belegschaft sicherstellen. Obwohl es sich dabei formal nicht um Prävention handelt, beinhaltet dieses Curriculum die Therapie und Reintegration in die Arbeit sowie die Rückfallprävention als wesentliche Bestandteile eines umfassenden Ansatzes zum Substanzgebrauch am Arbeitsplatz. Ziel eines solchen ist nicht die Bestrafung, sondern die Prävention oder Verminderung des Substanzgebrauchs und, falls erforderlich, die Identifizierung von Konsumenten und Bereitstellung eines klaren Behandlungsweges sowie Reintegration in die Arbeitswelt. Nach der Wiedereingliederung am Arbeitsplatz benötigen diese Arbeitskräfte fortlaufende Unterstützung, um einen Rückfall zu verhindern. Das EBDD-Portal enthält einen Abschnitt über die Prävention am Arbeitsplatz, der einen Überblick über empfohlene Ansätze bietet3. Auch hat die EBDD einen Leitfaden über Ansätze der beruflichen Wiedereingliederung publiziert, der die beruflichen Chancen von Menschen mit einer Substanzgebrauchsstörungen verbessern soll und einen Abschnitt über Präventionsmaßnahmen am Arbeitsplatz enthält4. Obwohl es als Reaktion auf die nationale Gesetzgebung entwickelt wurde, haben die USA ein sogenanntes Drug-Free Workplace-Toolkit veröffentlicht, das Leitlinien für die Entwicklung von Arbeitsplatzrichtlinien, Mitarbeiterschulungen, Managementschulungen, Unterstützungsprogramme für Mitarbeiter mit schwerwiegenderen Problemen und Drogentests enthält (siehe Abschnitt ‚Drogentests’ weiter unten für wichtige EU-Diskussionen zu diesem Thema).

Umfassende arbeitsplatzbezogene Präventionsmaßnahmen konzentrieren sich in der Regel auf drei Hauptziele: 1) Arbeitsumgebung, 2) soziale Interaktion/Peer Support (Unterstützung durch Kollegen) und 3) individueller Substanzgebrauch (siehe Abbildung 25). Das heißt die Richtlinien und Interventionen am Arbeitsplatz können sich auf die Änderung persönlicher, sozialer und verhältnisbezogener Faktoren konzentrieren, die die Wahrscheinlichkeit des Substanzgebrauchs beeinflussen. Die Komponenten eines umfassenden Präventionsansatzes sollten alle drei der nachstehend aufgeführten Ziele berücksichtigen:

Arbeitsumgebung:

  • Schriftliche Richtlinien zum Substanzgebrauch am Arbeitsplatz
  • Veränderung der Arbeitsumgebung, um die Qualität des Arbeitslebens und den Zugang zu Alkohol und anderen Substanzen zu regeln
  • Supervisions- und Managementtraining
  • Berücksichtigung der gesamten Arbeitsumgebung
  • Konsistenz mit der Organisationskultur

Soziale Interaktion / Unterstützung durch Kollegen

  • Entwicklung von Peer-Support-Programmen
  • Schaffung klarer sozialer Kontrollmechanismen der Maßnahmen in Bezug auf den Gebrauch von Substanzen bei der Arbeit sowie die Festlegung von Arbeitsplatznormen in Bezug auf den Gebrauch von Alkohol

Individueller Substanzgebrauch:

  • Bereitstellung von Mitarbeiterunterstützungsprogrammen
  • Substanzgebrauch als Gesundheits- und Sicherheitsproblem ansprechen
  • Einbeziehung des Substanzgebrauchs in das allgemeine Wohlbefinden
  • Vertrauliches Screening und Identifikation von Substanzkonsumenten, was auch die Überweisung in ein Behandlungsprogramm und die Wiedereingliederung in die Belegschaft vorsieht
  • Vertrauliche Drogentests nur als Teil einer umfassenden Mehr-Ebenen-Intervention nutzen

Hindernisse

Trotz der zwingenden Gründe für die Einführung von Präventionsstrategien und -interventionen zögern viele Organisationen, derartige Maßnahmen umzusetzen. Während die Prävention anderer Gesundheits- und Sicherheitsfragen aktiv angegangen wird, wird substanzbezogene Prävention weiterhin oft ignoriert. Der Hauptgrund für dieser Zurückhaltung und die größte Hürde für die Umsetzung ist, das mit dem Substanzthema verbundene Stigma.

Organisationen zögern ebenso das Ausmaß des Substanzgebrauchs bei ihren Beschäftigten zu untersuchen, als auch Maßnahmen zu ergreifen, um das Problem anzugehen oder zu verhindern. In vielen Kulturen gelten Alkohol- und Substanzgebrauch als moralisch verwerflich bzw. werden in erster Linie als Rechtsfrage und nicht als Gesundheits- und Sicherheitsfrage behandelt.

Zu den weiteren Hindernisse für die Umsetzung gehören:

  • Eine unausgesprochene Toleranz von Vorgesetzten und Mitarbeitern gegenüber einigen Formen des Substanzgebrauchs
  • Die Kosten, die mit der Durchführung einer Präventionsmaßnahme verbunden sind.
  • Die Tatsache, dass Substanzgebrauch oft als ein persönliches und nicht als ein arbeitsbezogenes Thema betrachtet wird. Arbeitgeber können zögerlich oder abgeneigt sein, Arbeitnehmern darüber Vorgaben zu machen, was sie in ihrem Privatleben tun sollen und was nicht.

Drogentests

Drogentests existieren seit Jahrzehnten, vielerorts werden sie immer noch als umstritten angesehen. Für viele Organisationen, und auch Länder ist der Versuch, ein Gleichgewicht zwischen der Sicherheit der Arbeitnehmer und dem Schutz der Privatsphäre und Diskriminierungsbelangen herzustellen, ein vorrangiges Anliegen. Ein weiteres wesentliches Problem ist, dass Abbauprodukte von Substanzen lange nach dem Gebrauch in einer biologischen Probe verbleiben können (tatsächlich kann im Fall von Haaren die Droge monatelang in der Probe nachgewiesen werden). Drogentests können deshalb nicht als Nachweis für eine Störung verstanden werden. Vor der Entscheidung für die Implementierung eines Drogentest-Programms, sollten Organisationen die unzähligen rechtlichen Aspekte berücksichtigen, die von Land zu Land unterschiedlich sind.

Während Forschungen einige positive Effekte von Drogentests zeigen konnten, sind diese an und für sich keine Präventionsmaßnahme und sollten nur als Teil einer umfassenden Substanzpräventionsstrategie implementiert werden.

Prävention
Arbeitsumgebung Verhältnisprävention

Richtlinien und Kultur

  • Schriftliche Richtlinien zum Substanzgebrauch.
  • Veränderung der Umgebung, Zugang zu Alkohol und anderen Substanzen regeln.
  • Supervisions- und Management-Training.
  • Konsistenz mit der Organisationskultur.
Soziale Interaktion / Peer Support

Kollegiale Unterstützung

  • Entwicklung von Peer-Support-Programmen.
  • Klare soziale Kontrollmechanismen zu Substanzgebrauch bei der Arbeit.
  • Festlegung von Arbeitsplatznormen zu Alkohol.
Individueller Substanzgebrauch Verhaltensprävention

Individuelle Ansätze

  • Mitarbeiter-Unterstützungs-Programme (EAPs).
  • Substanzgebrauch als Gesundheits- und Sicherheitsproblem ansprechen.
  • Vertrauliches Screening, Überweisung in Behandlung.
  • Drogentests nur als Teil einer Mehr-Ebenen-Intervention.

Verhältnis- und Verhaltensprävention integrieren

Quelle: EUPC-Manual, Abbildung 25 – umfassender Präventionsansatz am Arbeitsplatz auf drei Handlungsebenen.

Abbildung 25: Umfassende Prävention am ArbeitsplatzNach: EUPC-Manual 3. Aufl. (FINDER Akademie 2021), CC BY-SA 4.0

Fußnoten

  1. https://www.gruene-liste-praevention.de/nano.cms/datenbank/programm/12?a=klasse200

  2. https://www.gruene-liste-praevention.de/nano.cms/datenbank/programm/13

  3. http://www.euda.europa.eu/best-practice/briefings/workplace

  4. http://www.euda.europa.eu/publications/insights/social-reintegration_en

Literatur zu diesem Kapitel

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