Bereitschaft und Voraussetzungen klären.
Prävention im Setting Kommune
Um die breitere Öffentlichkeit zu erreichen und eine nachweisbare Wirkung auf Ebene der Gesellschaft zu erzielen, sollten Interventionen mit einem signifikanten Teil der Bevölkerung durchgeführt werden und darüber hinaus speziell auf schwer erreichbare und besonders vulnerable Personengruppen ausgerichtet sein. Ein solches Ziel erfordert die Umsetzung einer Vielzahl von Präventionsmaßnahmen.
Unabhängig davon, ob eine oder mehrere Präventionsmaßnahmen durchgeführt werden, muss ein geeignetes Umsetzungssystem oder eine entsprechende Infrastruktur geschaffen werden. Diese wird benötigt, um ausreichend Ressourcen zu mobilisieren, öffentliche Unterstützung zu gewinnen und die notwendige Umsetzungsqualität über einen langen Zeitraum aufrechtzuerhalten.
In diesem Kapitel werden grundlegende Konzepte definiert, die für den Aufbau wissenschaftsbasierter Präventionssysteme erforderlich sind. Als Beispiel für ein evaluiertes und in Deutschland breit verfügbares Gesamtkonzept wird Communities That Care vorgestellt.
Definitionen
In diesem Curriculum betrachten wir „Kommunen” als einen Kontext, in dem wirksame Präventionssysteme entwickelt und implementiert werden können. Die Kommune bildet ein besonders geeignetes Setting für evidenzbasierte Prävention, da sie als Lebensort eine hohe gesundheitliche Relevanz für die dort lebenden Menschen hat und alle Menschen, insbesondere sozial benachteiligte und gesundheitlich belastete, hier in ihren alltäglichen Lebenszusammenhängen erreicht werden können.
„Als übergreifendes Setting umfasst die Kommune auch die Lebenswelten des Lernens (Kindertagesstätten und Schulen), des Arbeitens und der Freizeitgestaltung (zivilgesellschaftliche Einrichtungen, wie z. B. Sportvereine, Jugendhäuser, Eltern-, Arbeitslosen- und Seniorentreffs). In der Kommune werden auch solche Zielgruppen erreicht, die über die Einrichtungen wie Kita, Schule, Betrieb in der Regel nicht erreicht werden, z. B. Arbeitslose, pflegende Angehörige und ältere Menschen” .
Die in diesem Kapitel beschriebenen Ansatzpunkte für Prävention können sich auf ganze Kommunen (Städte, Landkreise, Gemeinden), Teile davon (z. B. Stadtteile) oder den ländlichen Raum (Landkreise) beziehen.
Mehrkomponentige Ansätze kombinieren mehrere Interventionen mit unterschiedlichen Ansatzpunkten und Zielsetzungen, um alle Personen innerhalb einer Kommune vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen Lernstrategie positiv zu beeinflussen (Abbildung 29). Der Einbezug von Medien zur Vermittlung präventiver Botschaften oder zur Unterstützung der Umsetzung kann auf kommunaler Ebene eine wichtige Rolle spielen. Auch hier ist es wichtig, sich auf Maßnahmen zu konzentrieren, die sich als wirksam erwiesen haben. Zielgerichtet eingesetzt können Medien ein sehr wirksames Präventionsinstrument sein.
Lesart
Die Kommune ist Knotenpunkt. Evidenzbasierte Prävention greift über alle sechs Sektoren zugleich: Bildung, Verwaltung, Familie, Religion, Wirtschaft, Sicherheit.
Rahmen
Trägerschaft kollektiv. Keine Einzelentscheidung.
Kommunale Prävention wirkt dann, wenn mehrere Sektoren zeitgleich mitgestalten.
Communities That Care
Im internationalen Umfeld gibt es mehrere evaluierte kommunale Rahmenkonzepte, etwa „Project Northland”, „STAD”, „PROSPER” und „Communities That Care (CTC)”. Da in der Bundesrepublik Deutschland ausschließlich CTC verfügbar ist, konzentrieren wir uns in diesem Abschnitt darauf.
„Communities That Care” ist eine Rahmenstrategie zur Organisation einer wirksamen entwicklungsorientierten Prävention auf kommunaler Ebene. Dabei werden begrenzte Ressourcen auf die relevantesten Verhaltensprobleme, die bedeutsamsten Faktoren und die wirksamsten Handlungsansätze konzentriert.
CTC wurde in den USA von der Social Development Research Group (SDRG) entwickelt und über 30 Jahre lang beforscht. Aus den international vorliegenden Langzeitstudien über die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen stellte die SDRG eine Liste relevanter Risiko- und Schutzfaktoren zusammen, die für kommunale Rahmenstrategien entscheidend sind.
Den häufigsten Problemverhaltensweisen von Jugendlichen liegen demnach keine unterschiedlichen, sondern dieselben Risikofaktoren in unterschiedlicher Kombination zugrunde.
Die Risiko- und Schutzfaktoren in einem Verwaltungsgebiet werden anhand einer standardisierten Befragung der Schülerschaft zwischen 12 und 18 Jahren an weiterführenden Schulen erhoben, die im Abstand von einigen Jahren zur kontinuierlichen Weiterentwicklung der Präventionsstrategie (Aktionsplan) durchgeführt wird. Ausgehend von den Befragungsergebnissen werden die verschiedenen Dimensionen jugendlichen Problemverhaltens und deren Bedingungsfaktoren aufgelistet und zwischen den befragten Schulen verglichen. Anschließend wird die Ermittlung der lokalen Probleme und Ursachen anhand weiterer bereits vorhandener Datenquellen fortgesetzt, um ein genaues Lagebild zu bestimmen.
Die Akteure werden dadurch in die Lage versetzt, die relevantesten Risiko- und Schutzfaktoren zu bestimmen und gegebenenfalls geografische Schwerpunkte für die Präventionsarbeit zu setzen. Die Präventionsarbeit wird in den Folgejahren auf die priorisierten Faktoren konzentriert.
Bereits bestehende Präventionsangebote werden im Rahmen einer Stärkenanalyse mit dem ermittelten Bedarf abgeglichen und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit aus präventionswissenschaftlicher Sicht überprüft. Ein anschließend erstellter Aktionsplan legt Ziele zur Verringerung von Problemverhalten, der Reduzierung von Risikofaktoren und Erhöhung von Schutzfaktoren fest und definiert die hierzu einzuführenden Maßnahmen, die aus der „Grünen Liste Prävention” entnommen werden sollen. Diese listet wissenschaftlich fundierte Präventionsprogramme gemäß ihrer Wirksamkeit. Programme können darin speziell gemäß der von ihnen adressierten Risiko- und Schutzfaktoren recherchiert werden.
Die lokalen Aktionspläne können durch die Abstimmung auf die priorisierten Faktoren und durch die Orientierung an Qualitätsstandards auch die Verbesserung der bestehenden Angebotsstruktur zum Ziel haben.
CTC besteht aus fünf Phasen (Abbildung 30), die sequenziell durchlaufen werden und aufeinander aufbauen:
- Phase 1: Bereitschaft, Voraussetzungen und Rahmenbedingungen klären: Alle an der Prävention vor Ort beteiligten Akteure werden in den Prozess eingebunden, um eine gemeinsame Strategie mit definierten Handlungsschwerpunkten zu entwickeln.
- Phase 2: Organisationsstrukturen einrichten: Eine kommunale Lenkungsgruppe wird eingerichtet oder ein bestehendes Lenkungsgremium wird dazu benannt und zu einem Vor-Ort-Gebietsteam der lokalen Akteure eingeladen.
- Phase 3: Datengestütztes Gebietsprofil erstellen: Messung der Risiko- und Schutzfaktoren durch eine repräsentative Befragung von Jugendlichen (CTC-Schülerbefragung) und weitere lokale Sekundärdaten; Auswahl der zwei bis fünf wichtigsten Faktoren für die weitere Arbeit; Analyse des bestehenden Präventionsangebotes auf Lücken und Überschneidungen in Bezug auf die ausgewählten Faktoren.
- Phase 4: Aktionsplan erstellen mit mess- und überprüfbaren Zielstellungen für bestehende oder neu einzuführende Programme, für die priorisierten Risiko- und Schutzfaktoren und die zu verringernden Problemverhalten.
- Phase 5: Umsetzung des Aktionsplans: Einführung neuer beziehungsweise Umsteuerung bestehender Angebote mit Prüfung der Umsetzungsqualität. Fortschritte und der mögliche Bedarf an Nachsteuerung sind messbar durch die Wiederholung der Schülerbefragung alle zwei bis drei Jahre.
Lenkungsgruppe und Gebietsteam.
CTC-Survey und Priorisierung von zwei bis fünf Faktoren.
Messbare Ziele je Risikofaktor.
Befragung alle zwei bis drei Jahre.
Phase 1
CTC
datengestützte Koalitionsarbeit
Dauer
- Phasen 1 bis 4: rund 1,5 Jahre
- Phase 5: fortlaufend
Werkzeuge
- Schülerbefragung (12 bis 18)
- Sekundärdaten
- Grüne Liste Prävention
Trägerschaft
Kommunale Lenkungsgruppe; Unterstützung durch zertifizierte Trainer.
Die Phasen werden sequenziell durchlaufen; Phase 5 hält den Zyklus als Monitoring lebendig.
Der Prozess dauert ca. 1,5 Jahre bis zum Ende von Phase 4. Die Phase 5 und die Fortführung von CTC als Monitoring- und Evaluationsinstrument (z. B. zyklischer Prozess mit Wiederholung der Schülerbefragung) ist zeitlich nicht begrenzt. Kommunen erhalten bei der Einführung Unterstützung durch zertifizierte Trainerinnen und Trainer, die das nötige Wissen für die Ein- und Durchführung von CTC vermitteln.
Aufbau eines effektiven kommunalen Netzwerkes
Effektiv arbeitende kommunale Netzwerke tragen zum Erfolg von Präventionsbemühungen bei, indem sie viele Einzelpersonen und deren Fähigkeiten, Erfahrungen sowie persönliche und berufliche Kontakte einbinden. Darüber hinaus sorgen sie für Nachhaltigkeit, da sie die Abhängigkeit von Einzelpersonen verringern.
Das Konzept der Zusammenarbeit im Kollegium ist nichts Neues. Es ist jedoch einfacher gesagt als getan, ein schlagkräftiges Gremium aufzubauen und sicherzustellen, dass die Mitglieder engagiert und gut zusammenarbeiten. Mehrere Faktoren können den Erfolg kommunaler Netzwerke beeinträchtigen: etwa unklare oder fehlende Ziele, mangelnde Fokussierung, unklare Erwartungen, schwache Leitung, Treffen mit wenig oder keiner Rückmeldung zum Erfolg oder Misserfolg der gemeinsamen Arbeit, Unterrepräsentation der Zielgruppe sowie Konflikte zwischen Mitgliedern in Bezug auf widersprüchliche Vorhaben.
Neben den potenziellen Konfliktfeldern innerhalb des Gremiums sind auf kommunaler Ebene weitere Herausforderungen zu bewältigen. So muss der Eigenwilligkeit der Lokalpolitik ebenso wie der Knappheit an Ressourcen und Infrastruktur begegnet werden. Es kann vorkommen, dass Mittel nur kurzfristig oder unregelmäßig zur Verfügung stehen oder Vorhaben im letzten Moment verworfen oder geändert werden. Um ein Präventionskonzept langfristig aufrechtzuerhalten, braucht es daher eine Strategie zur Mittelakquise sowie zur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Die meisten evidenzbasierten Maßnahmen binden diese Art von Umsetzungs- und Strukturwissen nicht in ihre Materialien und Fortbildungen ein.
Bei der Bildung eines Gremiums ist es folglich wichtig, gemeinsam über die ideale Zusammensetzung nachzudenken. Wichtige Organisationen innerhalb der Kommune sollten vertreten sein, insbesondere wenn sie Zugang zu potenziellen Zielgruppen haben. Es kann auch hilfreich und sinnvoll sein, Vertreterinnen und Vertreter der Zielgruppen einzuladen und an der Bedarfsbestimmung und Maßnahmenplanung zu beteiligen. Das Gremium sollte über ein breit gefächertes berufliches und soziales Netzwerk verfügen. Da es sich um eine Arbeitsgemeinschaft handelt, sollte die Gruppengröße jedoch begrenzt bleiben, damit das Gremium handlungsfähig ist.
Effektive Gremien haben für die einzelnen Mitglieder klar definierte Rollen, die es ihnen erlauben, ihre Stärken und persönlichen Fähigkeiten bestmöglich einzubringen.
Mobilisierung von Ressourcen und Erhöhung von Kapazität
Rahmenkonzepte wie CTC oder die EDPQS helfen dabei, Stärken und Ressourcen einer Kommune zu identifizieren. Um identifizierte Ressourcen zu nutzen, müssen zunächst Beziehungen aufgebaut werden. Die Art der Beziehungsgestaltung hängt von der konkreten Zielsetzung ab. Geht es z. B. darum, die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Trägerorganisationen zu verbessern, sollen Teilnehmende für ein freiwilliges Angebot gewonnen werden oder ist das Ziel, die Bevölkerung für Präventionsthemen zu sensibilisieren?
Folgende Aspekte können bei der Mobilisierung von Ressourcen hilfreich sein:
- Identifizieren Sie Knotenpunkte der Kommune. Knotenpunkte sind kommunale Orte, an denen sich Menschen auf natürliche Weise versammeln, etwa das Gemeindezentrum oder die Räume einer gut erreichbaren Präventionseinrichtung.
- Seien Sie kreativ, wenn es darum geht, Menschen einzubeziehen. Bieten Sie Einzelnen eine Vielzahl von Möglichkeiten an, sich zu engagieren. Diese Möglichkeiten sollten den Interessen und Fähigkeiten der Einzelnen entsprechen und für sie geeignet sein.
- Unterstützen Sie diejenigen, die die treibende Kraft für die kommunale Arbeit sind. In jeder Kommune gibt es Menschen, die gut darin sind, Einzelpersonen für eine Sache zu begeistern und zusammenzubringen. Arbeiten Sie mit ihnen zusammen.
- Bieten Sie Möglichkeiten zur Übernahme kurzfristiger oder spezifischer Aufgaben an. Einige Personen sind nicht in der Lage oder willens, sich für ein langfristiges Engagement zu verpflichten. Sie können durch ihre Einsatzbereitschaft, unvereinbare Arbeitszeiten oder persönliche Verpflichtungen eingeschränkt sein. Anstatt dieses große Reservoir an Ressourcen ungenutzt zu lassen, ist es wichtig zu überlegen, welche Aufgaben sehr spezifisch sind und innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens abgeschlossen werden können.
Wenn Ressourcen begrenzt sind, ist es umso wichtiger, sie wirksam einzusetzen. Halten Sie deshalb Ausschau nach Gelegenheiten für Synergieeffekte. Überlegen Sie, wie sich der gesellschaftliche Auftrag verschiedener Institutionen mit den Zielen der lokalen Präventionskoalition verknüpfen lässt, und identifizieren Sie mögliche Vorteile einer Zusammenarbeit.
Literatur zu diesem Kapitel
- 1.GKV-Spitzenverband (2018).Leitfaden Prävention – Handlungsfelder und Kriterien nach § 20 Abs. 2 SGB VGKV-Spitzenverband, Berlin (S. 85).
Weiterlesen auf FINDER
- Communities that Care – Das kommunale Steuerungsmodell aus dem FINDER-Portfolio
GKV-Spitzenverband(2018)
Leitfaden Prävention – Handlungsfelder und Kriterien nach § 20 Abs. 2 SGB V
GKV-Spitzenverband, Berlin (S. 85)